Dialect Cultures

Datenbank bairisch-österreichischer Mundartkunst vor 1800

Gattung: Drama
Genre:
Autoren:
Zeitraum Entstehung: 1761
Textvarianten:
Kommentar:

Als Hanswurst-Spiel gekleidete Streitschrift, die in ihrer ironisierenden Überspritzung als schroff-polemischer Fingerzeig zu lesen ist und die burlesk-possenreiche Spieltradition wie die Vernarrtheit des Publikums in die lustige Figur lächerlich machen soll.
Damit ist das Stück in den Kontext des sogenannten Hanswurststreits zu stellen: Schindler bezeichnet das Werk als „eines der frühesten Programmstücke des Donauraums, in dem sich der Kampf des neuen, bürgerlichen Theatergeschmacks gegen die Haupt- und Staatsaktionen und Burlesken der traditionellen Wanderbühne artikulierte“ (Schindler 2008, S. 109).

Autor des Stückes war wohl nicht, wie oft in der Forschung vermutet, der Joseph Leopold Petrasch (so etwa Belitska-Scholtz/Somorjai 1988), sondern der Pressburger Autor und Sonnenfels-Anhänger Karl Gottlieb von Windisch (1725-1793), Mitbegründer der dortigen Gesellschaft der Freunde der Wissenschaften (vgl. etwa Schindler 2008, S. 109).

Schauplatz Lustspiels ist das Schloss des Herrn von Hammelwitz, der Aktantenkreis besteht aus dessen Familie und Personen aus deren Umkreis.
Die Handlung setzt mit einem Gespräch ein, in dem Herr von Klugendorf, ein Freund des Hauses, und Eraste, der Verlobte der Tochter des Hausherrn, ihre Sorge um das Haus Hammelwitz aussprechen: Da die Familie dem possenreichen Schauspiel regelrecht verfallen sei und nun selbst ein Stück dieser Art zu geben gedenkt, könne die ganze Familie in Verruf geraten.

Exemplarisch vorgeführt werden zentrale Kritikpunkte im Literaturstreit in der Folge etwa daran, dass die Familie in Sophokles' Antigone eine Hanswurst-Figur einführt, die verschiedene Possen vollführen soll. Die dadurch entstehende - als paradox und widersprüchlich empfundene - Vermischung von Possenhaftem und Tragischem wird in einer späteren Szene pointiert vorgeführt:
So ist für das nach eigenem Geschmack umgestaltete Stück geplant, dass Hanswurst Antigone findet, nachdem sie sich erhängt hat, und das Seil abschneidet; daraufhin soll König Kreon auftreten und das Geschehene bejammern; Hanswurst versucht ihn zu trösten und durch Possen aufzumuntern, der König aber ersticht sich selbst, woraufhin Hanswurst ihn prügelt um zu prüfen, ob er wirklich tot sei; durch die Schläge aufgescheucht soll der König folglich aber von der Bühne laufen und dabei von Hanswurst verfolgt werden.
Auf Einwände erwidert Herr v. Hammelwitz fast brüskiert: "Die Zuschauer würden vielleicht ohne den Hanswurst gar weinen müssen. Das wäre, zum Henker! eine schöne Unterhaltung, wenn man nichts dabey zu lachen hätte; zu was wäre der Plunder?" (zit. n. Belitska-Scholtz/Somorjai 1988, S. 96) .

Im weiteren Handlungsverlauf verspricht allerdings Herr von Klugendorf eine rettende Finte: In gemeinsamer Sache mit seinem Stiefsohn Leander verwickelt er die Gesellschaft des Hauses Hammelwitz selbst insgeheim in ein von ihm inszeniertes Spiel, durch das die Läuterung der Familie erfolgen soll, indem ihr das unmögliche Verhalten eines 'realen' Hanswurst vor Augen geführt wird.
Leander soll zu diesem Zweck einen Hanswurst als Kammerdiener mit ins Haus bringen und der Familie verdeutlichen, wie unpassend und widerwärtig eine solch derbe und rüde Gestalt sei. Dieser spricht in seiner Rolle stark dialektal, wobei die verwendete Mundart – ganz im Sinne der spielinternen Funktion – mehr Kunstprodukt denn spezifische Varietät ist, dient doch der betonte Dialektgebrauch zur Überzeichnung seiner Grobheit, Derbheit und Verdorbenheit sowohl innerfiktional gegenüber den dramatis personae als auch gegenüber den Rezipienten.

Diese Operation trägt auch Früchte: Die Hausherren zeigen sich vom Auftreten des Hanswurst im 'echten Leben' tatsächlich entstetzt. Um auch die befürchtete Theateraufführung durch die Familie zu unterbinden, werden die Verwerfungen noch weiter auf die Spitze getrieben, wie etwa Herr von Einfaltshausen leidvoll erfahren muss: Dieser soll im geplanten Stück den Hanswurst geben, zeigt sich aber pikiert, als ihn der der Gesellschaft vorgsetzte Hanswurst in brüderlichem Ton (sozusagen von Hanswurst zu Hanswurst) anspricht, und muss sich, als er sich dies verbittet, typengemäß prügeln lassen.
Mit dem närrischen Treiben der eigenen Komödie nunmehr in der Realität konfrontiert gibt man sich schließlich bekehrt. So kommt etwa Hr. v. Hammelwitz zur Einsicht: "Ein vernünftiger muß auf der Bühne dasjenige nicht billigen, was er außer derselben verwerfen müßte" (ebda., S. 109). Im Stück zeigt sich folglich Leander entsprechend triumphierend, da es ihm gelungen sei, "dieses Haus von dem Spotte zu retten, den es sich mit seinen abgeschmackten und unnatürlichen theatralischen Vorstellungen, bey dem gesitteten Adel sowohl, als der vernünftigen Welt, zugezogen hätte" (ebda., S. 111).
Nachdem schließlich alle Konflikte aufgelöst werden, verspricht Leander, Alternativen für eine lehrreiche, tugendfördernde, das Ansehen beflügelnde und wohlanständige "vernünftige Schaubühne" (ebda.) bereitzustellen. So wird damit am Schluss, gewissermaßen versöhnlich, noch einmal betont, dass keine schauspielfeindliche Haltung im Hintergrund steht, sondern lediglich das Schlechte und Verwerfliche durch eine den Ansprüchen der anderen Seite gerecht werdende Alternative ersetzt werden soll.

Die zentralen Aussagen treffen sich auch mit von Gottsched (bereits zuvor) formulierten Grundsätzen und Forderungen. Gottsched selbst beklagte in zum Stück verfassten Rezension (in 'Das Neueste aus der anmuthigen Gelehrsamkeit') die anhaltende Dominanz der Hanswurst-Figur auf den Wiener Bühnen, setzte seine Hoffnung aber in diejenigen, die den "verdorbenen Geschmack" (ebd., S. 200) des Publikums auszutreiben versuchen, denn es sei "lächerlich und schädlich, solche närrische Komödien, worinn der Hanswurst erscheint, und mit seinen Unflätereyen und hirnlosen Possen den Pöbel und seinesgleichen zum Lachen zwingt, in einer wohleingerichteten Republik zu dulden" (ebd., S.212).

Literatur:
Permalink: http://hdl.handle.net/11471/510.15.766
Zuletzt geändert: am: 4.3.2016 um: 12:56:25 Uhr