Dialect Cultures

Datenbank bairisch-österreichischer Mundartkunst vor 1800

Gattung: Lyrik
Genre:
Autoren:
Komponisten:
Zeitraum Entstehung: 1750 +/- 5
Hauptvariante (Text):
Musikvarianten:
Textvarianten:
Kommentar:

Einen tiefen Einblick in den Volksaberglauben, wie er noch in der Zeit der Aufklärung vorherrschte, erlaubt dieses Lied, das nicht nur aufgrund formaler und sprachlicher Merkmale sowie der Überlieferungssituation zu den ältesten Lindemayrs gezählt werden kann und (zumindest) in den 1750ern verfasst wurde. Der bereits in der ersten Strophe ins Spiel gebrachte ‚Zaubrä Jägl’ könnte ein Hinweis darauf sein, dass Lindemayr Traditionsgut aus seiner Studienzeit in Salzburg verarbeitet hat. Denn ein Menschenalter zuvor hatte hier mit dem so genannten ‚Zauberer-Jackl-Prozess’ einer der größten und blutigsten europäischen Hexenprozesse stattgefunden, in dessen Verlauf zumindest 138 Delinquenten aus der untersten Gesellschaftsschicht, darunter viele Kinder, hingerichtet worden waren. Eigentliches Ziel der Verfolgung war der um 1755 geborene Abdeckersohn Jakob Tischler bzw. Koller, der nach dem Tod seines Vaters Kilian Tischler 1661 zusammen mit seiner Mutter Barbara Koller zwischen Bayern und Kärnten vagabundierend mit Betteln, Eigentumsvergehen und Betrügereien seinen Lebensunterhalt bestritt. 1675 wurde die Mutter wegen Opferstockdiebstählen festgenommen und gestand unter der Folter, mit ihrem Sohn Wetterzauber zum Schaden hartherziger Bauern ausgeführt zu haben. Dass das Bettelvolk in einer Zeit, in der aufgrund der wirtschaftlichen Notlage das Prinzip des Almosens zunehmend seine ausgleichende Funktion verlor, mit Einschüchterungen zu ihren Einkünften zu kommen versuchte, überrascht nicht, doch erleichterte es die Dämonisierung des fahrenden Volks und damit auch ein brutales Vorgehen. So wurde Barbara Koller wenige Monate später hingerichtet, des ‚Zauberer Jackls’ selbst aber, dem sich zahlreiche Außenseiter der Gesellschaft angeschlossen hatten, konnte man trotz intensiver Nachforschungen nicht habhaft werden. Die nach dem erzwungenen Geständnis eines Bettlerjungen zwei Jahre später einsetzenden Verfolgungen, Verhaftungen, Verhöre und Hinrichtungen geben ein entsetzliches Beispiel der in einer Krisenzeit allgegenwärtigen Hexenhysterie, die von den Oberen vermutlich gezielt gesteuert war. Unter den peinlichen Befragungen der Inquisition berichteten die gefassten Bandenmitglieder von ihren und ihres Anführers angeblichen Zaubereien, sexuellen Abartigkeiten und abstoßenden Schandtaten, um daraufhin vor den Augen des schaulustigen Volks hingerichtet zu werden. Auf grausame Weise wurde damit freilich auch das überhandnehmende Bettlerproblem gelöst. Die zentrale Gestalt der Verfolgungen aber, der ‚Zauberer Jackl’ Jakob Tischler, ging weit über das Salzburgische hinaus in die Volksmythologie ein als ein mit dem Teufel im Bund stehender Zauberer und Hexenmeister.
Um die Mitte des 18. Jahrhunderts war die Verfolgung des ‚crimen veneficii’, des Verbrechens der Zauberei, innerhalb der österreichischen Monarchie bereits weitgehend eingestellt, wenn auch rechtlich noch möglich. Im Erzbistum Salzburg wurde 1750 mit der 16-jährigen, geistig zurückgebliebenen Maria Pauer ein letztes Mal eine Person nach eineinhalb Jahren Haft unter dem Vorwurf der Hexerei hingerichtet (zwei Monate nach der Abreise Maurus Lindemayrs). Damals schon hatten sich zahlreiche Stimmen – auch aus kirchlichen Kreisen – gegen dieses auf Aberglauben beruhende Urteil erhoben. Aus der Vorstellungswelt zumal der bäuerlichen Bevölkerung allerdings war die Angst vor der schwarzen Magie nicht so rasch zu verdrängen, wie auch an diesem satirischen Lied um und gegen den Hexenwahn offensichtlich wird. Dem Lachen eines aufgeklärten Publikums preisgegeben wird hier ein Bauernbursche, der seine eigene Mutter als Hexe identifiziert: Mithilfe einer ‚Hexenschmiere’ fliegt sie in den Hexenberg zum Sabbath, unternimmt in der Raunacht Teufelsbeschwörungen im Bannkreis und kann mit Satans Hilfe Butter und Schmalz herzaubern – ‚Beweise’, wie sie sich in den Akten der Zauberer-Jackl-Prozessserie zuhauf finden. Selbst der zu den Hauptanklagepunkten gehörende sexuelle Kontakt mit dem Teufel klingt in der zweiten Strophe an – tritt dieser doch gern in Gestalt eines Bocks auf. Die letzten Verse schließlich lassen den vorangegangenen Bericht beinahe wie eine gerichtliche Aussage erscheinen, mit einem Ausblick auf den Ausgang des bevorstehenden Prozesses.
Dass es Lindemayr hier keinesfalls darum zu tun ist, die Hexenhysterie weiter anzuschüren, sondern naive Ängste der Landbevölkerung zu dekuvrieren, belegt eine weitere humorvolle Bearbeitung des Themas Teufelsbund und Zauberei in seinem gleichfalls sehr früh entstandenen Singspiel 'Saufsucht' . Dort berichtet der Sohn Jagäl von den Beschwörungen und Zaubersprüchen seines Vaters, den nun der Teufel geholt habe. Unmittelbar darauf folgt das Happy End mit dem (vordergründig) bekehrten Hans.

Literatur:
Permalink: http://hdl.handle.net/11471/510.15.63
Zuletzt geändert: am: 6.9.2016 um: 11:21:10 Uhr