Dialect Cultures

Datenbank bairisch-österreichischer Mundartkunst vor 1800

Gattung: Lyrik
Genre:
Zeitraum Entstehung: um 1740
Textvarianten:
Kommentar:

Übermäßige Wildhege und die damit einhergehenden Flurschäden konnten durchaus zu größeren sozialen Unruhen führen – wie etwa Jagdunruhen der Jahre 1739/1740 zeigen, die von der Steiermark ausgingen und dann auf die oberösterreichischen Gebiete nördlich der Pyhrngrenze übersprangen. Auf diese Ereignisse bezieht sich ein handschriftlich überliefertes, 33-strophiges Lied mit dem Titel "Ein schenes Liedt oder Paurn Discurs Von dem Wiltprädt Schiesßen". Die topographischen Bezüge weisen – wie Wolfram Tuschner (1997, S. 255) ausführt – auf das Gebiet um Molln in Oberösterreich. Das im zeitgenössischen Kontext höchst brisante Lied ist möglicherweise, so Tuschner, von einem Geistlichen verfasst worden, der sich mit den aufbegehrenden Bauern und ihren Anliegen voll identifizieren konnte. Für eine entsprechende Stellung des Verfassers sprechen auch ein „dialektologisch professionelle[r] schriftliche[r] Umgang mit der eigenen Mundart“ wie „der durchwegs metrisch einwandfreie Aufbau seines Produkts“ (ebda., S. 257). Zudem schließt er durch offenbar im Schreibfluss gesetzte Sofortkorrekturen auf ein eigenhändiges Manuskript des Autors (vgl. ebda.).

Der Text verknüpft humoristische Elemente mit jenen der Klage und der Anklage der Obrigkeit und unterfüttert das typische Ungestüm des Wilderers mit harscher Kritik an aktuellen Zuständen. Besonders deutlich wird die Klage über die landwirtschaftlichen Schäden, für die das Wild verantwortlich ist. Angesichts dessen scheint die eigenhändige Dezimierung des verhassten Wildes nur legitim. Diese durchaus politische Dimension des Wilderns wird im Text immer wieder deutlich, wenn auch andere Aspekte angesprochen werden, etwa das zu erwartende Fleisch („ist ä no ä nuzä khen / den daß Hirsch fleisch ist ä gern“, Str. 4,3f.) oder auch die Lust am Triumph über die Jäger („wan mäs [d.h. die erlegten Hirsche] ain mahl hamb in Hauß, / Lachän mä dö Jäggä auß“, Str. 23,3f.). Schließlich wird auch relativ deutlich Kritik an der Untätigkeit und Gleichgültigkeit der Obrigkeit geübt, die bewaffnete Landwirte nach ergebnislosen Beschwerden bei der Forstverwaltung nach Gmunden marschieren ließ, wo sie unter anderem einen inhaftierten Wildschützen befreiten.Die Unruhen im Salzkammergut führten allerdings nicht zu einer Verbesserung der Lage und so endet auch das Lied insgesamt in einem fatalistischen Ton: Die Wilderei werde vielleicht noch Haus und Hof – oder gar das Leben – kosten, nur wer sich darum nicht kümmere, könne es weiterhin wagen.

Literatur:
Permalink: http://hdl.handle.net/11471/510.15.467
Zuletzt geändert: am: 6.9.2016 um: 15:13:25 Uhr