Dialect Cultures

Datenbank bairisch-österreichischer Mundartkunst vor 1800

Gattung: Lyrik
Genre:
Autoren:
Komponisten:
Zeitraum Entstehung: 1770 +/- 10
Hauptvariante (Musik):
Textvarianten:
Kommentar:

Dieses bekannte, von Lindemayr wohl um 1780 geschaffene Handwerkerlied weist die typischen Züge der einen wichtigen Ausformung des Standeslieds auf, des Gewerbelobpreises durch einen Standesvertreter. Schon 1794 gibt Friedrich David Gräter eine recht treffende Beschreibung dieser „sogenannten Ruhm-, Ehr- und Loblieder der Handwerker“: „Jedes dieser Lieder fängt mit einer Art von Aufruf an, geht dann in das Lob, die Geschäffte und die widerfahrenen Ehren des Standes über, und schließt mit einem allgemeinen Segen für die Zunft oder den Stand“. Voraussetzungen für diese Liedgattung waren ein intaktes Gemeinschaftsgefühl und Gruppenverständnis, wie es durch die Zunftorganisation im 18. Jahrhundert noch gegeben war. Indem das Handwerkslied die Besonderheit des jeweiligen Standes, seinen Eigenwert, die Attraktivität und besondere Rolle im alltäglichen Leben herausstreicht, schafft und bestätigt es Identität und zieht Grenzen zu anderen Berufsbereichen. Nicht selten beansprucht es darüber hinaus auch das Primat gegenüber anderen Zünften, da es grundlegender für die menschlichen Bedürfnisse und Voraussetzung für andere Berufsstände sei. Volksliterarisch besonders gern gestaltet wurde etwa die Rivalität zwischen Schustern und Schneidern, wie sie ja u.a. auch in Lindemayrs 'Der Dumköpfige Hausknecht' angesprochen wird. Mit der Auflösung der ständischen und zunftmäßig organisierten Trägergruppen gerieten freilich diese auf Selbstbestätigung und Identifikation abzielenden Preislieder rasch in Vergessenheit. Weitaus langlebiger dagegen erwies sich die zweite, noch heute beliebte Variante des Standeslieds, das Spott- bzw. Scherzlied auf einzelne Berufsgruppen, deren Eigenheiten und Schwächen in verzerrender, übertreibender und pejorisierender Weise aufs Korn genommen wurden. Als Gegenbild klingt diese Liedform auch in 'Der Binder' zumindest in der letzten Strophe an, die sich drohend gegen alle Verächter der Küferei richtet. Wohl nicht zufällig, denn nicht selten scheinen die Selbstloblieder auf den Berufsstand Antwort und Verteidigung gegen vorangegangene Lästerungen zu sein. (Noch deutlicher wird diese Motivation an Lindemayrs 'Schlosserlied' .)

Als Rollenlieder wurden diese selbstversichernden Standescharakteristiken zumal in der Altwiener Volkskomödie beliebt, die die kleinbürgerliche Identitätskonstitution für ihre Zwecke nutzbar machte. Auch Lindemayrs Binderlied findet sich, neben der Überlieferung als Einzellied, in einem dramatischen Kontext, der wohl etwas später entstanden sein dürfte. Zu einem Duett für einen Tiroler und einen bairischen Bindergesellen umgestaltet, leitet es das kleine Singspiel 'Der am Rausche unschuldige Bacchus' ein, das für eine Gratulationsvorstellung zu Ehren Abt Amands etwas vor dem 6. Februar 1782 auf der Lambacher Bühne (möglicherweise zum ersten Mal) inszeniert wurde. Dieses heitere Stück um den im Fass hausenden Gott des Weins, der die Vorwürfe des Bauern Hanns, er sei Schuld an den Räuschen, mit dem Hinweis auf die Eigenverantwortung des Einzelnen von sich weist, dürfte wohl zu diesem Anlass schon in der Vertonung durch Franz Aumann aufgeführt worden sein. Nach Lindemayrs Tod wurde es noch in Freistadt (1785) , in Seitenstetten (1789 in der Vertonung durch den Regenschori P. Gregor Hauer) , Kremsmünster (1795, wieder in der Vertonung Aumanns) und vermutlich in einer Vertonung Joseph Fierlingers in Wartberg (vor 1800) auf die Bühne gebracht. Die ungewöhnlich ausführliche Vorrede 'Der Gratulant in Antecessum', die im Ccl 718 zu diesem Stück überliefert ist und wohl vom Autor selbst vorgetragen wurde, birgt einige der wenigen expliziten Äußerungen, die uns zu Lindemayrs Poetikkonzept überliefert sind. Enttäuscht von der Poesie seiner Zeit, die bloß „Mischmasch leerer Wort“, metrische Stümperei, unfreiwillig komisch oder (wie die klopstocksche Odendichtung) obskures „Kauderwelsch“ sei, bestimmt der ‚Gratulant’ die Parameter einer qualitätsvollen Gebrauchslyrik – analog zur ‚Rhetorik des Herzens’, die Grundlage seiner Homiletik ist – in der geistvollen Simplizität des aufrichtigen Gefühlsausdrucks.

Inhaltlich weicht 'Der Binder' wenig von ähnlichen in Sammlungen erhaltenen Liedern ab. Der Nachweis der eigenen Bedeutung folgt keiner Klimax, die Strophen und Argumente sind weitgehend austauschbar. Als wichtigstes Lagerungs- und Transportgefäß sei das Fass für Weinproduktion und Handel, für die Bevölkerung an sich wie auch für den Einzelnen unentbehrlich und stellt seinen Erzeuger damit über die Produzenten anderer Behältnisse aus Ton oder selbst aus künstlerisch hochwertigem Glas. Sprachlich und formal allerdings ist das Lied Lindemayrs den meisten anderen Gattungsbeispielen weit überlegen, wie sich schon an der souveränen Variation der Vagantenstrophe zeigt: Zwei aufgebrochene, in kreuzgereimte Kurzverse geteilte Vagantenzeilen werden von einem vierhebigen Paarreim gefolgt; den Abschluss bildet eine paargereimte (aufgebrochene) Chevy-Chase-Zeile. In der letzten Strophe ersetzt die Chevy-Chase-Zeile auch die Vagantenzeile – vielleicht aber wurde hier in der graphischen Umsetzung der Sprossvokal nicht berücksichtigt, der das Reimwort zu einer klingenden Kadenz macht.

Aufgrund der erheblichen strukturellen Änderungen des Lieds bei der Umformung zum Gesangspart in den verschiedenen Fassungen der Klosteroperette 'Der am Rausche unschuldige Bacchus' wurde im Variantenapparat auf die Kollation dieses vielfältigen Materials verzichtet. Berücksichtigt wurden also nur jene Überlieferungsträger, die das Lied außerhalb des dramatischen Kontexts als Einzelgesang wiedergeben. O wurde der einige Jahre früher niedergeschriebenen Fassung in L vorgezogen, da sie im Wesentlichen mit der Arienfassung, wie sie sich in J1 findet, übereinstimmt. Eine adäquate Darstellung der unterschiedlichen Arienarrangements ist für eine in Planung befindliche Edition der Dialektlustspiele Maurus Lindemayrs vorgesehen.

(Neuhuber 2008)

Literatur:
Permalink: http://hdl.handle.net/11471/510.15.328
Zuletzt geändert: am: 6.9.2016 um: 11:17:20 Uhr