Dialect Cultures

Datenbank bairisch-österreichischer Mundartkunst vor 1800

Gattung: Lyrik
Genre:
Autoren:
Zeitraum Entstehung: 1755 +/- 10
Hauptvariante (Text):
Musikvarianten:
Textvarianten:
Kommentar:

Bezeichnenderweise nur in einer einzigen Handschrift aus dem näheren Umfeld Lindemayrs überliefert, ist dieser Zwiegesang von Bader und Bauer ein gelungenes Beispiel grobianistischer Spaßlieder barocker Tradition, wie sie sich noch im 18. Jahrhundert, zumal in der Ausnahmezeit des Faschings, äußerster Beliebtheit erfreuten (und z.T. im Volkslied noch länger weiterlebten). Die Lust an der Zurschaustellung des Kreatürlichen, an der Inszenierung des durch den Zivilisationsprozess Verdrängten, am Tabubruch einer öffentlichen Befreiung des unterworfenen Körpers garantierte lange Zeit auch in höheren Bildungsschichten den Lacherfolg. Doch gerieten im vernunftgeleiteten Zeitalter der Aufklärung diese Repräsentationen des dominant Physischen und allzu Privaten zunehmend in Verruf. Auch der so genannte ‚Hanswurststreit’ wurde zu dieser Zeit um die Berechtigung dionysisch-karnevalistischer Elemente auf der Bühne gefochten und endete schließlich mit der fatalen Loslösung der Komödie von ihren Wurzeln im Orgiastischen. So ist es wohl kein Zufall, sondern Zeichen eines vollzogenen Geschmackswandels, dass dieses Lied aus Koloman Fellners Manuskript von der Zensur 1818 zunächst gänzlich gestrichen wurde und auch nach der erteilten Imprimatur 1821 letztendlich doch nicht in die erste Edition der Werke Lindemayrs aufgenommen wurde – wohl aufgrund von Selbstzensur der Linzer Herausgeber. Und dies, obwohl es sicherlich zu den komischsten und kulturhistorisch aufschlussreichsten Arbeiten des Dichtermönchs zählt.
    Entstanden dürfte das Duett bereits recht früh, wohl spätestens in den 1750er Jahren sein. Darauf deuten nicht nur manche metrische Unreinheiten und die Verwendung nichtdialektaler Wörter in der Reimbindung (vgl. etwa 12,2: heraus) hin, sondern auch die thematische Nähe zur Ärztesatire in Lindemayrs 1757 entstandenem Storax . Höhepunkte dieser nach Molières Monsieur de Pourceaugnac gearbeiteten hochdeutschen Komödie mit dialektalen Sequenzen sind die beiden Doktoruntersuchungen an einem Bauern und an der Titelfigur, die die Lächerlichkeit einer Heilkunst aufdeckt, die an veralteten Autoritäten unhinterfragt festhält und ihre Unfähigkeit hinter einem unverständlichen Fachkauderwelsch verbirgt. Im vorliegenden Lied nun ist der Vertreter der Heilkunst kein studierter Medicus (der kaum im ländlichen Bereich zu finden und überdies für das gemeine Volk unerschwinglich war), sondern ein Dorfbader, der uns die überkommenen, zum Teil heute noch gängigen medizinischen Diagnose- und Behandlungsmethoden der Zeit vorführt. Nach der Uroskopie auf Basis der Galen’schen Humoralpathologie, der Patientenbefragung und der Pulsdiagnose werden Vomitiva und Klistiere zur Entgiftung des Körpers ebenso in Erwägung gezogen wie ein Aderlass zur Kreislaufkorrektur und eine Blutegelkur zur Gefäßbehandlung bei Hämorrhoidalleiden. Heilmethoden also, die auch in der Alternativmedizin wieder zunehmend Akzeptanz finden. Auch die verschiedenen namentlich empfohlenen Mittel sind vielfach heute noch in Gebrauch oder zumindest Bestandteil naturmedizinischer Präparate. Es ist also weniger der medizinische Kenntnisstand der Zeit, dem hier die Kritik gilt. Wie schon im Storax entsteht Komik durch eine Mischung aus Übertreibung, Unverständnis und Anmaßung. Zum Lachen brachte das Publikum schon die rigorose Benennung der Ausscheidungsprozesse und Krankheitsbilder, aber auch die exzessive Behandlungsweise oder die bedrohliche Häufung der anempfohlenen hochwirksamen Remedien. Einen besonderen Reiz aber musste das Lied für das durchwegs lateinkundige Zielpublikum (bei einer Faschingsaufführung des Lambacher Konvents) durch die Diskrepanz von tatsächlicher medizinischer Terminologie und deren Verstümmelung in der Rede des akademisch nicht gebildeten Baders haben. Ein Küchenlatein, das gleichwohl mächtigen Eindruck auf den Bauern macht und ihm Vertrauen einflößt – ein Phänomen, das sich bis heute beobachten lässt.

Möglicherweise aufgrund der frühen Entstehungszeit nicht in den Liederbüchern Peter Gottlieb Lindemayrs und Joseph Langthallers bzw. deren Abschriften zu finden, scheint das Duett dennoch schon bald in den Volksgesang eingegangen zu sein. Auch die Rezeption des Lieds bis ins Tirolerische, wo es sehr lange lebendig blieb, lässt eine Entstehungszeit noch während der Studienjahre Lindemayrs (mit den daraus resultierenden Verbreitungsmöglichkeiten) nicht unwahrscheinlich erscheinen (vgl. dazu auch die späte Aufführung der "Saufsucht" 1765 im Stift Wilten). 1843 wurde eine bereits recht zersungene Fassung in einem Thierseer Liederbuch aufgezeichnet und noch 1912 wurde es dem Volksliedsammler Leopold Pirkl vom Wagnermeister Eduard Scheidinger in Ebbs vorgesungen. Ob sich die vergleichsweise simple Melodie dieser Fassung auf die Originalvertonung zurückführen lässt, ist bei der derzeitigen Quellenlage nicht zu sagen.

Eine andere Melodie weist ein ganz ähnlich gehaltenes, bislang noch unbekanntes Duett auf, das sich u.a. im Steiermärkischen Landesarchiv erhalten hat ( "Willkomb mein liebä Badä" ). Dieses vom Knittelfelder Organisten Karl Forster überlieferte brachialkomische Lied mutet wie eine Fortsetzung zu Lindemayrs Duett an, kommt doch in Der Bauer und sein Bader (Arzt) der Bauer Lippl ein weiteres Mal zum Bader, weil die Abführmittel der letzten Behandlung hartnäckige Dysenterie hervorgerufen haben. Neben diesen auffälligen inhaltlichen Bezügen ist es vor allem die charakteristische metrische Form der Wechselstrophen mit einer dynamisierenden vierhebigen Verszeile zwischen Dreihebern, die an ein Abhängigkeitsverhältnis denken lassen. Einiges spricht aus sprachlicher und inhaltlicher Sicht dagegen, dass der Autor dieses deutlich simpleren Duetts gleichfalls Maurus Lindemayr ist; doch könnten hier die Auswirkungen von jahrzehntelangen Umsingeprozessen den Eindruck verfälschen. Denkbar ist immerhin, dass sich über dieses Duett die Melodie des Vorbilds (einigermaßen) erhalten hat.

Literatur:
Permalink: http://hdl.handle.net/11471/510.15.326
Zuletzt geändert: am: 6.9.2016 um: 11:27:07 Uhr