Dialect Cultures

Datenbank bairisch-österreichischer Mundartkunst vor 1800

Gattung: Lyrik
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Zeitraum Entstehung: 1755 +/- 5
Hauptvariante (Text):
Musikvarianten:
Textvarianten:
Kommentar:

Obwohl diese bereits 1822 erstmals publizierte Bauernklage zu den früheren Dialektliedern Lindemayrs zählt, zeigt sie sich – entgegen so mancher Forschungsmeinung – dennoch bereits losgelöst vom humoristisch-karikierenden Bauernbild, wie es sich seit dem Mittelalter u.a. in Fastnachtspielen und Interludien ausgebildet hatte. Dort eignete der Klage über ungerechtfertigte Abgaben, Dienstleistungsverpflichtungen und Unterdrückung stets auch etwas Komisches, das vom eigentlichen Adressaten des Schauspiels aus den höheren Ständen belacht werden konnte. Hier aber bleibt das Lamento weitgehend ungebrochen, hier sind die beschriebenen Umstände Ausdruck realer Verhältnisse, Abbild eines von feudaler Ausbeutung bestimmten Lebens. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts war der obderennsische Bauer tatsächlich in einem Netz unheilvoller Verbindlichkeiten verstrickt. Die landesfürstlichen Behörden forderten Landsteuer, Kopfsteuer und Rüstgeld ein, Abgaben, die oft willkürlich erhöht oder mehrfach eingehoben wurden. Der Grundherrschaft aber musste nicht nur der Zehent abgeliefert werden; belastend waren zudem die vielfältigen Robot-, Getreide- und Kucheldienste, die Freigelder und Veränderungsgebühren (bei Heirats- und Übergabeverträgen, bei Kauf und Schenkung), das Sterbhaupt (d.i. eine Viehabgabe bei Todesfall), der Tavernen-, Mühlen-, Back-, Press- und der Anfeilzwang (d.i. die Pflicht, Produkte dem Grundherrn anzubieten), die Taxen für Amtshandlungen, aber etwa auch das Verbot von Einfriedungen gegen Wildschäden. All das ließ nur in seltenen Fällen eine ertragreiche Wirtschaft zu. In Kriegszeiten trugen die Rekrutierung des Arbeitspersonals, die Requirierung von Zugtieren, Verpflegung und Futter sowie die Soldateneinquartierungen noch zusätzlich zur desaströsen Lage des Bauernstands bei.

Im vorliegenden Lied wird – visuell geschickt festgemacht an einem modischen Geschmackswandel im ‚Landl’ – zunächst in einer laudatio temporis acti an bessere Zeiten erinnert (die realiter freilich weit zurücklagen). Ein ‚goldenes’ bäuerliches Zeitalter wird beschrieben, in dem der Bauer frei von grundherrschaftlichen Abgaben auch im eigentlichen Sinn des Worts die Früchte seiner Arbeit genießen konnte. Auf dem Speiseplan standen noch reichlich Fleischgerichte, dazu Schnaps und Most aus eigener Produktion. Nun aber hat man sich mit Getreidespeisen in unzureichender Menge zu begnügen. Mag hier noch die Fress- und Saufkomik der lustigen Bauernfigur aus dem dramatischen Bereich anklingen, werden in den folgenden Strophen die Ursachen für die Verarmung ernüchternd konkret: Die Unzahl an Zahlungsterminen steht für den Abgabendruck von staatlicher und grundherrschaftlicher Seite und die nötigen Ausgaben für das Gesinde, die den Bauer immer tiefer in die Verschuldung trieben. Dazu kommen Zusatzbelastungen wie die Zwangseinquartierung einer rücksichtslosen Soldateska bei Truppendurchmärschen; zwar sollten die Ausgaben des Unterkunftsgebers von landesfürstlicher Seite refundiert werden, doch blieben die Zahlungen nur zu oft aus. Eine weitere Plage bildeten die vazierenden Studenten, die bei den Bauern Unterkunft fanden, doch mit Gelegenheitsdiebstählen erheblichen Schaden anrichteten. Wenn all die Plackerei zu keinem Auslangen finden lässt, liegt es nahe, andere Möglichkeiten des Gelderwerbs in Betracht zu ziehen, selbst wenn diese zu den unehrenhaften, aber einträglichen Berufen gezählt werden sollten wie die Schausteller und Sauschneider. Es ist dies nicht mehr die lächerliche Durchbrechung des Ordo-Gedankens wie im barocken Bauernspott, wo die Bauern bzw. die bäuerlichen Arbeitskräfte ihren Stand zugunsten höher stehender, unerreichbarer Berufe aufgeben wollen (vgl. etwa 'So gar vätoifelt schlecht' ). Es ist das sehr reale Schreckgespenst der Krida, des Verlusts des Hofs, der solche Alternativen in Betracht ziehen lässt.

Die Einschätzung des Sierninger Schulmeisters und Organisten Joseph Fierlinger , der im Zuge der von Joseph Sonnleithner initiierten Volksliedsammlung 1819 Abschriften mehrerer Lieder Lindemayrs einsendet, diese seien „bey 60 oder 70 Jahre alt“ , ist auch für diese Bauernklage durchaus zutreffend. Das Lied, das deutliche Spuren von Volksläufigkeit und Umsingeprozessen trägt, also tatsächlich zum Volkslied geworden ist (auch Fierlinger ist der Autor offenbar nicht mehr bekannt), könnte in den ersten Jahren des Siebenjährigen Kriegs entstanden sein, vielleicht sogar früher, und steht in einem engen Zusammenhang mit 'I kann mäs unmiglä nöt denkä' . Interessanterweise ist es (sieht man vom nicht edierbaren Fragment "Denn gschissen und gstorben muß sein" ab (siehe 'Was braucht’s denn das Fratscheln' )) das einzige Lied, dem im zweiten Zensurvorgang für die erste Gesamtausgabe nicht die Imprimatur erteilt wurde. Die lapidare Begründung lautete: „Wurde neuerdings durch Dekret vom 26. Februar 1821 No 68 – in act. verbothen.” Anscheinend war der Obrigkeit das sozialkritische Potential des Lieds noch immer zu brisant.

3 Melodien

Literatur:
Permalink: http://hdl.handle.net/11471/510.15.324
Zuletzt geändert: am: 6.9.2016 um: 11:10:34 Uhr