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Datenbank bairisch-österreichischer Mundartkunst vor 1800

Gattung: Lyrik
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Zeitraum Entstehung: 1764/65
Hauptvariante (Text):
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Textvarianten:
Kommentar:

1765 war mit der bayrischen Prinzessin Maria Josepha, die auf der Reise nach Wien zu ihrer Hochzeit mit dem römischen König und späteren Kaiser Joseph II. am 19. Jänner im Kloster Lambach nächtigte, hoher Besuch angesagt. Hier, beim ersten Aufenthalt auf österreichischem Boden, fand auch die so genannte ‚Auswechslung’ statt, die Verabschiedung des vertrauten bayrischen Personals und die Übernahme des österreichischen. Zur Feier dieses symbolischen Akts wurde eine allegorische Festkantate auf dem Stiftstheater gegeben. Verantwortlich für die Vorbereitungen waren, wie aus einem Konzept Abt Amands hervorgeht, neben dem Stiftskämmerer auch „H. P. Maurus und Joseph“ Langthaller, Stiftsbassist, Interpret und Vertoner vieler Werke Lindemayrs. Für die Umsetzung des von Michael Haydn vertonten Stücks Il Lido del Druno Fiume hatte man sich vom Salzburger Erzbischof Sigismund Schrattenbach die „vornehmste‹n› virtuosen“ erbeten.

Lindemayrs poetischer Beitrag für diesen feierlichen Empfang war sein (vermutlich von Langthaller vorgetragener) Brautgesang, ein mit seinen schweifgereimten, daktylisch aufgebauten Strophen auch metrisch sehr schwungvoll gestaltetes Freudenlied, das wie eine lyrische Vorarbeit zum aus ähnlichem Anlass entstandenen Singspiel 'Kurzweiliger Hochzeit-Vertrag' (1770) wirkt. Denn bereits hier finden die bevorstehenden königlichen Hochzeitsfeierlichkeiten ihr Gegenstück in der bäuerlichen Sphäre, ein Kunstgriff, der an die Parallelhandlungen in den Intermezzi der Haupt- und Staatsaktionen erinnert. Nach einem ‚dramatischen Auftakt’ durch eine Situationsschilderung des bäuerlichen Rollen-Ich und der expositorischen Kontextualisierung des Geschehens werden die traditionellen Fixpunkte rund um eine bäuerliche Hochzeit kontrapunktisch zum gegenwärtigen Ereignis vorgestellt: Zunächst muss eine Heiratserlaubnis bei der Grundherrschaft und das Plazet der Kirche eingeholt werden, nach den Verhandlungen mit dem Wirt werden die Gäste persönlich eingeladen, die am Hochzeitsmahl mit Musik teilnehmen, am folgenden Tag findet ein Preisschießen als Belustigung statt und schließlich lässt man noch eine Dankesmesse lesen. Geschickt eingeflochten in diese Beschreibung sind Hinweise auf das königliche Brautpaar: Der Braut wird zugejubelt, dem Bräutigam eine Schießscheibe gewidmet und in der Predigt soll von der hohen Hochzeit berichtet werden.

Die gutgemeinten Wünsche und Prognosen der vorletzten Strophe sollten allerdings nicht in Erfüllung gehen, war doch die Ehe von vornherein zum Scheitern verurteilt. Nach dem Tod seiner geliebten ersten Frau Isabella von Parma (1741-1763) an den Blattern wollte der österreichische Thronfolger nicht mehr heiraten. Doch für Maria Theresias Netzwerk an Allianzen war eine weitere Vermählung ihres ältesten Sohns unabdingbar. Zwei Kandidatinnen standen zur Diskussion: Kunigunde von Sachsen und Maria Josepha von Bayern, von der Joseph nach einem Besuch seinem ehemaligen Schwiegervater wenig schmeichelhaft schrieb: „[...] der Umstand, daß sie die Blattern noch nicht gehabt, eine kleine und dicke Gestalt ohne jugendlichen Reiz, Bläschen und rote Flecken im Gesicht, häßliche Zähne, alles das konnte mich nicht versuchen, zu einem Ehestande zurückzukehren, in dem ich gerade das Gegenteil gefunden hatte.“ Letztlich entschied sich die Kaiserin für die bayrische Option, da Maria Josephas Bruder, Maximilian III., noch keinen Erben hatte und sich eine Ausweitung des Reichs erhoffen ließ. (Tatsächlich sollte Österreich nach dem Aussterben der bayerischen Linie der Wittelsbacher Ansprüche auf Niederbayern und die Oberpfalz erheben.) Nur widerwillig fügte sich der frisch ernannte König in diese Hochzeit aus Staatsraison und vermied nach der Hochzeit so weit als möglich jeglichen persönlichen Kontakt. Als Josepha schließlich 1767 wie ihre Vorgängerin an den Pocken kinderlos verstarb, nahm ihr Ehemann nicht einmal am Begräbnis teil.

Literatur:
Permalink: http://hdl.handle.net/11471/510.15.323
Zuletzt geändert: am: 6.9.2016 um: 11:02:14 Uhr