Dialect Cultures

Datenbank bairisch-österreichischer Mundartkunst vor 1800

Gattung: Lyrik
Genre:
Autoren:
Komponisten:
Zeitraum Entstehung: 1750 +/- 5
Hauptvariante (Text):
Musikvarianten:
Textvarianten:
Kommentar:

Dieses als eigenständiges Werk in den Handschriften I und L überlieferte Scherzlied kann als komisches Gegenstück zu den populären Primizliedern (vgl. "Grüeß di gott mei liebä Gfadä" ) gesehen werden, die oft den Weg zum klerikalen Leben rekapitulieren. In der Verbindung mit dem hochdeutschen "O Einsamkeit, mein Leben" findet es sich darüber hinaus auch im Lambacher Lindemayr-Codex sowie in den Arrangements Ernest Frauenbergers. Dass Maurus Lindemayr Autor des Dialektparts ist, ist in I mit dem Kürzel P.M.L. klargestellt und auch in L bzw. N2 lässt sich das Lied durch seine Situierung im Werkkontext eindeutig zuordnen. Die Liederkombination in Peter Gottlieb Lindemayrs Handschrift, auf die der Lindemayr-Codex J beruht, ist dagegen in einen Abschnitt eingestellt, der Werke beider Brüder überliefert.

Formale, sprachliche und inhaltliche Kriterien verweisen auf eine wohl recht frühe Entstehungszeit des Lieds vielleicht noch in den 1740er Jahren, spätestens aber wohl während Lindemayrs Priorat. Traditionellerweise damit verbunden war das Amt des Novizenmeisters, der die Eignung der Novizen zu prüfen und sie auf ihre anspruchsvollen Aufgaben im Klosterleben vorzubereiten hatte. Gut möglich, dass diese gesungene Antithese zur erwarteten Ernsthaftigkeit in der normumkehrenden Zeit des Karnevals, in die üblicherweise die Feierlichkeiten anlässlich des Namenstags Abt Amand Schickmayrs fielen, dem Konvent Anlass zum Lachen geben sollte. Denn nicht verschmähte Liebe, sondern bewusster Verzicht sollte der Entscheidung zum Zölibat zugrunde liegen, nicht die gescheiterte Suche nach einer Frau, sondern die aufrichtige Suche nach Gott den Eintritt ins Kloster bedingen. Umso komischer ist es denn auch, wie sich die ursprüngliche, drastisch vorgetragene Absichtserklärung des ‚lächerlichen Kandidaten’ zunehmend als leere Drohung erweist, als Entscheidung, die jederzeit für ein bisschen Entgegenkommen des weiblichen Geschlechts widerrufen werden würde.
Zusätzliche Komik gewann das Lied in der Verbindung mit der schwülstig-pathetischen hochdeutschen Weltabsage "O Einsamkeit, mein Leben", der es in (späteren) Gesangsfassungen offenbar als Allegrostück strophenweise nachgereiht wurde. Wann es zu dieser Zusammenstellung von Scherzlied und Liebesklage (die, folgt man Hammerschmidt und Frauenberger, wohl aus der Feder Peter Gottlieb Lindemayrs stammt) kam – ob noch zu Lebzeiten Maurus Lindemayrs oder später – ist bei der derzeitigen Quellenlage nicht zu sagen. Hammerschmidt und Frauenberger ordneten diese Liedkombination in ihren Sammlungen folgerichtig beiden Korpora zu. In der erweiterten Fassung des Lindemayr-Codex klingt die Liederverbindung in einem Zwiegespräch zwischen dem Ich des Lieds und den Mädchen aus, die gar nicht daran denken, den zukünftigen „Thorwärtel“ aufzuhalten.

Literatur:
Permalink: http://hdl.handle.net/11471/510.15.321
Zuletzt geändert: am: 6.9.2016 um: 10:53:36 Uhr