Dialect Cultures

Datenbank bairisch-österreichischer Mundartkunst vor 1800

Gattung: Lyrik
Genre:
Autoren:
Komponisten:
Zeitraum Entstehung: 1765 +/- 5
Hauptvariante (Text):
Musikvarianten:
Textvarianten:
Kommentar:

Über Johann Achaz Wimmer, Zielscheibe des Spotts zweier Lieder Lindemayrs, ist uns nur wenig aus anderen Quellen bekannt. 1722 als Sohn des Seewalchener Hofschreibers Ferdinand Wimmer geboren, war er über drei Jahrzehnte Mesner der Kirche zur Hl. Dreifaltigkeit in Stadl-Paura. Am 27. Jänner 1761 heiratet er die um acht Jahre ältere Hofgärtnerstochter Cäcilia Schwarz (1714-1777); die Ehe bleibt – wie zu erwarten – kinderlos. Für einige Zeit gehörte er dem Theaterensemble der Stiftsbühne an und verkörpert zwischen 1772 und 1774 die Rolle des Bernardon in Lindemayrs Komödie Der bey einem Arztentheater unentbehrliche Hannswurst , deren Komik sich nicht zuletzt aus der physischen Präsenz dieser von Felix Kurz erfundenen Figur ergibt. Einen Monat nach seiner Frau stirbt Achaz Wimmer am 6. Jänner 1778 und hinterlässt der Dreifaltigkeitskirche ein Legat von hundert Gulden, wie Prior Erenbert Sperl in seinem Diarium anerkennend vermerkt. Zugleich würdigt er ihn als gewissenhaften Menschen, der „seinem Dienste auf das fleißigste, und Sorgfältigste vorgestanden“ habe. Alle weiteren Details seiner Biographie sind allein aus den Behauptungen und Andeutungen der beiden Pasquille zu rekonstruieren. So soll er in seinen Jugendjahren zunächst als Koch begonnen haben, dann gegen seinen Willen ins Kloster gesteckt worden sein, ehe er nach Wanderjahren nach Neukirchen kam, wo er u.a. das (als unehrenhaft erachtete) Totengräbergeschäft übernahm. Schließlich wurde ihm die (schlecht bezahlte) Stellung als Mesner der Dreifaltigkeitskirche übertragen. Sein Geschäftssinn ließ ihn offenbar stets weitere Einnahmequellen suchen, wobei er weder vor der verachteten Abdeckerei, Hehlerei oder dem Betteln zurückscheute.

Im vorliegenden, wohl noch in den 1760ern entstandenen Gedicht (als terminus post quem dient die Heirat) sind es – im Gegensatz zum anderen, vermutlich etwas früher entstandenen Ansing-Lied – weniger seine Habgier und Skrupellosigkeit als Wimmers angebliche Prahlerei, Hochstapelei, Naivität und Triebhaftigkeit, die Lindemayr aufs Korn nimmt. Es sind dies lässlichere Sünden als bei den in "Auf Ebendenselben" erhobenen Anwürfen, doch sind sie für die charakterliche Profilierung nicht weniger wirksam. Geschickt komisiert der Autor die Renommiersucht, indem er die Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit herausarbeitet. Das völlig unedle Äußere Wimmers ebenso wie das auf sein erlerntes Handwerk verweisende Tranchiermesser machen die Lächerlichkeit des Verhaltens augenfällig. Das Thema der betrügerischen Standeserhöhung wird Lindemayr in seinem Lustspiel "Der heruntergesetzte Herr von Hochaus" noch einmal aufgreifen und auch dort soll ein Requisit (ein Petschaft mit Wappen) die aristokratische Herkunft der Titelfigur belegen. Witziger ist die anekdotische Variante mit der orthographischen Selbstentlarvung, die freilich eher gut erfunden als faktisch wirkt. Auf einen bei der Zuhörerschaft durchaus als bekannt vorausgesetzten Fauxpas spielt dagegen die fünfte Strophe an, in der deutlich wird, wie sehr das Lied für die Gelegenheit verfasst worden war. Es kann also nicht verwundern, dass es kaum überliefert wurde. Abschließend bedient sich Lindemayr noch einmal des Komikreservoirs der Ärztesatire molièrescher Prägung, wie er sie bereits im "Storax" Jahre zuvor ausführlicher im dramatischen Bereich umgesetzt hat.

Permalink: http://hdl.handle.net/11471/510.15.317
Zuletzt geändert: am: 5.9.2016 um: 20:39:30 Uhr