Dialect Cultures

Datenbank bairisch-österreichischer Mundartkunst vor 1800

Gattung: Lyrik
Genre:
Zeitraum Entstehung: ca. um 1775
Hauptvariante (Text):
Textvarianten:
Kommentar:

Stofftypisches Rollenlied eines "Wildpretschützen" (in den verschiedenen Varianten: "Wahrfranzl", "Maeyr fränzl", "Tyroler-Fränzel" bzw. "Bayrischer Matthiesel"), in Zweizeilern in der Tradition der G’stanzln (Vierheber mit Auftakt und unregelmäßigen Senkungen, mit daktylischer Betonung, d.h. im Dreivierteltakt): Der Wilderer kehrt nach erfolgreicher Jagd bei der "Reßl" ein und verbringt die Nacht mit ihr. Am nächsten Tag warten zwölf Jäger vor dem Haus, die er zunächst zu bestechen versucht; danach kommt es zur Schießerei, die Jäger ergreifen die Flucht, werden aber vom Wilderer verfolgt und gestellt. Am Ende müssen die Jäger den Wilderer um Gnade bitten und ihm zugestehen, in Zukunft jagen zu dürfen, wie er will.
(Zur Stoffgeschichte vgl. Frenzel 1998, Stoffe der Weltliteratur, S. 336.)

In zwei Varianten ( Hauptvariante , Flugschrift 'Fünf schöne... Lieder' ) sowie in der Variante aus dem Stubenberger Liederbuch ist in 27 Strophen die ganze Geschichte erzählt, in zwei weiteren verfügbaren Flugschriften dagegen werden nur Teile wiedergegeben: in der Flugschrift 'Vier schöne... Lieder' bricht das Lied mit dem - hier erfolgreichen - Bestechungsversuch ab (20 Strophen); in der Flurgschrift 'Drey schöne... Lieder' wird eben dieser Part mit der Bestechung ausgespart (19 Strophen).
(Ein Dokument mit dem Vergleich der verschiedenen Varianten ist bei der Hauptvariante hochgeladen.)

Eine (bis auf das Incipit) nur leicht abweichende, aber eher hochdeutsche Fassung wurde von Arnim/Brentano in „Des Knaben Wunderhorn“ abgedruckt; siehe den Werkeintrag "Ey du mein liebe Thresel" .

Überall steht der tapfere, fröhliche und unerschrockene Wildschütz in Kontrast zu den feigen und kleinmütigen Jägern; beide Seiten werden allerdings nicht besonders individuell ausgestaltet – es bleibt bei kurzen, stereotypen Charakterisierungen und Handlungen, in denen die typischen Wilderer-Motive aufgerufen werden. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, dass in einer der Versionen die historisch reale Figur des ‚bayrischen Hiesl‘ (d.h. Matthias Klostermayr) aufgerufen wird, während in den anderen Versionen der Wilderer als ‚Franzel‘ bezeichnet wird. Ob es sich dabei um eine fiktive Figur handelt oder ob seine Bekanntheit nur nicht bis heute Bestand hatte, lässt sich nicht sagen. Jedenfalls aber weisen die verschiedenen Namen darauf hin, dass die Wilderer-Figuren jenseits aller konkreten Bezüge und historischen Hintergründe zu einem höchst beliebten Topos in unterhaltenden Liedern wurden, die auch weite Verbreitung fanden – in dieser Hinsicht jedenfalls könnte man jedenfalls jene Flugschriften deuten, deren viele Fehler vermutlich auf einen dialektunkundigen Drucker zurückzuführen sind.

Permalink: http://hdl.handle.net/11471/510.15.312
Zuletzt geändert: am: 2.10.2015 um: 16:05:43 Uhr