Dialect Cultures

Datenbank bairisch-österreichischer Mundartkunst vor 1800

Gattung: Lyrik
Genre:
Autoren:
Komponisten:
Zeitraum Entstehung: 1770/1771
Hauptvariante (Musik):
Musikvarianten:
Textvarianten:
Kommentar:

Das bekannte Kalenderlied Lindemayrs thematisiert die Erschütterung eines konservativen, im Traditionellen verwurzelten Lebens angesichts klimatischer und sozialer Veränderungen. Dass die Welt nicht mehr im Einklang steht mit dem Althergebrachten, wird dem naiven Ich des Gedichts schon ersichtlich an den Kalendern, die eine herausragende Orientierungsfunktion im bäuerlichen Alltag hatten. Die Taschenkalender und quartgroßen Schreibkalender gaben einen gedrängten Überblick über das im bäuerlichen Alltag relevante praktische Wissen der Zeit, vermittelten aber auch hartnäckig sich haltende Vorstellungen des Volksglaubens (weshalb es in der Aufklärung wiederholt zu Reformversuchen von staatlicher Seite kam). Zumal für das nicht durchgehend alphabetisierte Landvolk stellten die mit zahlreichen Zeichen zu den Mondphasen, zur Wettervorhersage, zu kirchlichen Festtagen und Terminen für Aderlass, Schröpfen, Baden etc. eine unentbehrliche Hilfe dar. So mussten denn auch das Abweichen von überlieferten Grundregeln und eine auffällige prognostische Unzuverlässigkeit, die über zu erwartende Schwankungen hinausging, Irritationen hervorrufen. Ein Grund dafür waren die aufklärerischen Regulierungsversuche, die u.a. volksetymologische Deutungen und auf Namenskorrespondenzen beruhende Prognostik aus den Kalendern eliminierten. Schuld an der bäuerlichen Verunsicherung waren aber auch klimatische Anomalien: Kürzere Warmphasen, kühlere Herbstzeiten und ein feuchteres Wetter im Allgemeinen brachten die Arbeitsabläufe durcheinander. Ernte und vorwinterliche Verarbeitungsprozesse begannen sich zu überschneiden und waren nur mehr unter Stress zu erledigen.

Indem das Ich nun das Missverhältnis von kalendarischen Einträgen und tatsächlicher Lage thematisiert, gibt es einen ausgezeichneten Einblick in das Arbeitsjahr der bäuerlichen Bevölkerung, das strukturiert war über althergebrachte Stich- und Lostage als Richtwerte der verschiedenen Arbeitsgänge. Wenn sich aber Konstanten nicht mehr bewähren oder sich über längere Zeit hin als unbrauchbar erweisen, verstärkt dies das Gefühl der Verunsicherung. Eine Konsequenz daraus war, sich den natürlichen Abläufen zu entziehen und die eigenen Bedürfnisse und Notwendigkeiten nicht mehr von ihnen bestimmen zu lassen, wie an den neuen Gesundheitsusancen ersichtlich wird. Und wie sich das Leben mit der Natur veränderte, so veränderte sich auch das gesellschaftliche Leben. Nicht nur das atmosphärische Klima war kälter, abweisender geworden, auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen, so klagt das bäuerliche Ich, ist eine deutliche Abkühlung zu spüren. Waren früher soziale Dienste an der Gemeinschaft als selbstverständliche Pflicht aufgefasst worden, der man bestmöglich nachzukommen hatte, so haben sie nun ihren Stellenwert eingebüßt. Dafür herrsche nun die egoistische Konzentration auf das Selbst, versinnbildlicht in den angeführten Modetorheiten. In der vorletzten Strophe schließlich wird ein – aus konservativer Sicht – mundus perversus vorgeführt, in dem die Männer- und Frauenrollen entgegen den althergebrachten Ordnungen vertauscht sind.

Die Anspielungen der letzten Strophe verweisen recht deutlich auf eine Entstehungszeit um 1770, drei Jahrzehnte vor dem Jahrhundertwechsel. Aber auch klimatologische Studien bestätigen diese Einordnung: Zwar hatte die so genannte ‚kleine Eiszeit’ um die Jahrhundertmitte ihr Ende gefunden und eine im Jahresdurchschnitt gesehen etwas wärmere Phase begonnen, doch waren die Jahre zwischen 1751 und 1770 zumeist niederschlagsreich mit auffallend kalten Herbsten. 1770 war der kühlen zweiten Jahreshälfte zusätzlich noch ein außergewöhnlich kalter Frühling vorausgegangen, mit Schneefall bis weit in den Mai. (Die daraus resultierenden Missernten waren einer der Gründe für die mitteleuropäische Hungersnot zwischen 1770 und 1772). Erst 1771 begann eine anhaltende Wärmeperiode, die gut vier Jahrzehnte andauerte. Man liegt also wohl nicht falsch, wenn man für die Entstehungszeit des Gedichts das ausgehende Jahr 1770, für den Aufführungstermin die Faschingszeit 1771 ansetzt.

1777 war es in Salzburg bekannt genug, um von Gaelle in seine Sammlung aufgenommen zu werden, nun bereits mit erheblichen Varianten und Ergänzungen. In den folgenden Jahrzehnten sollte es, soweit aus heutiger Quellenlage ersichtlich ist, das am meisten überarbeitete, vielleicht auch populärste Lied Lindemayrs werden. In den Volksliedfassungen, die bis weit ins 19., zum Teil sogar 20. Jahrhundert hinein nicht nur in Oberösterreich, Salzburg und Steiermark, sondern auch in Tirol und Bayern nachweisbar sind, wird die Datierung der letzten Strophen passend adaptiert.

4 verschiedene Melodien nachgewiesen, zumindest zwei davon zu Lindemayrs Lebzeiten im Umlauf

Literatur:
Permalink: http://hdl.handle.net/11471/510.15.309
Zuletzt geändert: am: 29.8.2016 um: 16:05:33 Uhr