Dialect Cultures

Datenbank bairisch-österreichischer Mundartkunst vor 1800

Gattung: Lyrik
Genre:
Autoren:
Komponisten:
Zeitraum Entstehung: 1750 +/- 5
Hauptvariante (Text):
Musikvarianten:
Textvarianten:
Kommentar:

Keine Bauernklage im eigentlichen Sinn ist das vielleicht bekannteste Lied Lindemayrs, das vielfach überlieferte und lange im Volksgesang lebendig gebliebene Klagelied Der kranke Bauer . Denn nicht das bäuerliche Leben an sich steht im Mittelpunkt, sondern ein leidender Landmann, der seinen Krankheitsprogress in grausiger Detailliertheit selbst vorstellt. Mitgefühl zu erregen ist freilich nicht die Intention des Lieds, zu sehr ist das Rollen-Ich noch verankert in der rusticus-Komik des barocken Unterhaltungs- und Verlachtheaters, das mit den naiven bäuerlichen Protagonisten seinen Spott trieb. Auch dieses Lied begegnet uns zuerst in einem Bühnenspiel. Das Lustspiel Der von allen Seiten für einen Narren gehaltene Herr von Storax , das Lindemayr wohl für den Namenstag des Prälaten am 6. Februar 1758 entwarf, ist eine klosterbühnengerechte Bearbeitung von Molières erfolgreicher Ballettkomödie Monsieur de Pourceaugnac (1669), in der ein simpler Landadeliger von seiner missgünstigen Umwelt beinahe in den Wahnsinn getrieben wird. Um aber das sicherlich schon früher, vielleicht noch in der Salzburger Studienzeit entstandene Lamento als Arie in die turbulent-witzige Handlung zu integrieren, bedurfte es erheblicher struktureller Veränderungen, durch die die bäuerliche Episodenfigur ins Handlungszentrum rückt. Eingebunden in die scharfe Ärztesatire, erhöht der kranke Bauer in Lindemayrs Fassung noch das Lachpotential durch die drastische Schilderung des bisherigen Leidenswegs, der in der Behandlung durch den selbstverliebten, aber völlig unfähigen Medikus prolongiert wird.

Die tabubrechende Thematisierung der mangelhaften Physis, distanzbildend festgemacht am Beispiel des unzivilisierten Bauern, war ein zumal im barocken Wandertheater populäres Komisierungsmittel, das seine Wirkung auch nicht in höheren Gesellschaftsschichten verfehlte. Darüber hinaus ist die groteske Krankengeschichte auch soziologisch aufschlussreich, zeichnet das Lied doch bei aller lächerlichen Verzerrung recht eindringlich die Möglichkeiten nach, die sich der ärmlichen ländlichen Bevölkerung im Krankheitsfall boten. Da sich längere Zeit keine Besserung des Leidens mit seiner ganzkörperlichen Symptomatik zeigt, versucht die Frau des Bauern zunächst eine Kur mit den heilpflanzlichen Mitteln eines kurpfuschenden Wurzelsammlers, die jedoch ebenso wenig zur Besserung beiträgt wie die Ratschläge eines auf Tierkrankheiten spezialisierten Sauschneiders (der tief im Kroatischen arbeiten muss, da er in näherer Umgebung offenbar kein ‚Revier’ für seine Operationen hat). Deshalb vertraut sich der leidende Bauer einem metaphysischen Heiler an, der mit seinen Zaubersprüchen und Amuletten jedoch gleichfalls keine Hilfe bringt. Schließlich verschlimmern auch die lebensgefährlich häufig angewendeten, da einträglichen ausleitenden Verfahren des Baders (Vomitiva und Aderlässe) lediglich den Zustand des Patienten, der als letzten Ausweg – so zumindest der Handlungsverlauf im Storax – nun doch noch die teuren Behandlungen eines studierten städtischen Mediziners in Anspruch nimmt.

Der interessante zweiteilige Aufbau korrespondiert in einer Mehrzahl der Strophen mit einer inhaltlichen Gliederung: In der ersten kreuzgereimten Gruppe von auftaktigen Dreihebern mit Doppelsenkungsfüllung wird eine Situation oder eine Begebenheit vorgestellt, im zweiten Teil mit seinem Wechsel von Zwei- und Dreihebern im Schweifreim drängen sich die schonungslos geschilderten Krankheitssymptome. Trotz oder vielleicht gerade aufgrund dieser Drastik blieb das vielfach überlieferte Lied bis weit ins 20. Jahrhundert im Volksgesang Oberösterreichs und der Steiermark in sehr unterschiedlichen Fassungen mit Umformungen, Kürzungen und Ergänzungen erhalten. Noch um 1939 wurde es von der bekannten Braunauer ‚Familie Simböck’ mit Harmonikabegleitung auf Schellack gesungen (in einer vor 1822 nicht überlieferten Melodie).

Literatur:
Permalink: http://hdl.handle.net/11471/510.15.305
Zuletzt geändert: am: 5.9.2016 um: 20:22:40 Uhr