Dialect Cultures

Datenbank bairisch-österreichischer Mundartkunst vor 1800

Gattung: Lyrik
Genre:
Autoren:
Komponisten:
Zeitraum Entstehung: 1750 +/- 5
Musikvarianten:
Textvarianten:
Kommentar:

Das Hirtenlied zählt als bis heute unabkömmliche Variante des Liedguts für den Weihnachtsfestkreis zu den beliebtesten Formen des Volkslieds im Alpenraum überhaupt. Ein wesentlicher Grund dafür ist wohl das hohe Identifikationsangebot, das sich aus der Ausgestaltung der neutestamentarischen Überlieferung von den Hirten auf dem Feld ergibt, denen der Engel die Kunde von der Ankunft des Herrn überbrachte (vgl. Lukas 2, 8-20). Im Mittelpunkt steht hier der einfache Mensch, der angesichts des Unfassbaren erkennt und glaubt und daraus die rechten Konsequenzen zieht. Die vielfältige Verbildlichung der bäuerlichen Lebenswelt, die unangestrengte Annäherung an ein zentrales Mysterium der christlichen Glaubenslehre, die im Wunderbaren auch Platz lässt für komische, ja sogar grobianistische Effekte, die zumeist mundartliche Gestaltung und die besondere Nähe zur szenischen Umsetzung, all das macht das Hirtenlied zum fixen Bestandteil des weihnachtlichen Brauchtums jener Gegenden, in denen auch der Krippenbau gepflegt wird. Seit dem ausgehenden Mittelalter sind diese Beispiele einer gelebten Volksfrömmigkeit in vielfältigen Ausformungen überliefert. Sie waren unverzichtbarer Bestandteil des Repertoires der im Advent umherziehenden Ansinger, die sich auf diese Weise ein Einkommen zu ersingen hofften, sie waren in der Weihnachtsmette oder der Christtagsmesse zu hören oder wurden in privaten Andachten und Stubenspielen vorgetragen. Viele der wichtigsten motivischen Bestandteile dieser weihnachtlichen Hirtenlieder finden sich auch in Lindemayrs Beitrag: die Verwunderung der Hirten über ein auffälliges Zeichen, das zunächst falsch gedeutet wird (der Lichterschein als Feuersbrunst), die Botschaft des Engels (als Traumerscheinung), die Schlaftrunkenheit und Gereiztheit einzelner Hirten, die geweckt werden, die Vorbereitungen zum Aufbruch mit dem Anlegen besserer Kleidung und der Auswahl der Geschenke, die Ausgabe von Verhaltensregeln oder auch die Überreichung der Gaben.

Dass sich Lindemayrs Hirtenlied zu Weihnachten thematisch ganz den tradierten Formen verpflichtet zeigt, deutet auf einen recht frühen Entstehungszeitpunkt hin, der vielleicht noch in den späten 1740er Jahren anzusetzen ist. Dafür sprechen des Weiteren die auffällige Schlichtheit der Pastorale, manche Unsicherheiten in der metrischen Gestaltung (sofern dies nicht überlieferungsbedingt ist) und die Anklänge an ähnliche Lieder aus dem Salzburger Raum. Wohl zu Recht schätzt der Sierninger Schullehrer Joseph Fierlinger das Alter des Lieds 1819 auf „Uiber 70 Jahre“ . Doch auch wenn das Hirtenlied zu den frühen lyrischen Arbeiten Lindemayrs gezählt werden muss, überzeugen hier schon seine Meisterschaft in der Charakterisierung der Figuren, deren unterschiedliche Temperamente plastisch vor Augen treten, sowie sein Gespür für Handlungsdynamisierung und effektvolle Dialoge. Dieses bereits erreichte Geschick muss wohl im Zusammenhang mit seinen ersten dramatischen Versuchen gesehen werden, die gleichfalls aus dieser Zeit datieren. Souverän sind die drei Handlungsmomente des Hirtenlieds, die Verkündigung durch den Engel, der Aufbruch der Hirten nach Bethlehem und die Anbetung des Kinds miteinander zu einem konzentrierten Geschehen verwoben, wobei der letzte Teil an der Krippe auch rhythmisch vom restlichen Lied abgehoben ist: Der auftaktige Dreiheber mit (zumeist) Doppelsenkung und männlicher Kadenz der vorangehenden achtzeiligen paargereimten Strophen weicht in der abschließenden zehnzeiligen 13. Strophe der strengen Alternation von auftaktlosen, zunächst kreuz-, dann paargereimten Vierhebern und Dreihebern. Zudem ist auch der Rhythmus des Stimmwechsels unterbrochen: Denn bis dahin wurden alle ungeraden Strophen von der dominanten Rolle des Stöffl gesungen, während in den geraden sich alle Beteiligten abwechselten, mit Akzent auf dem zweiten Bass. Nun aber kommen sowohl Stöffl als auch Hiasl zu Wort, die abschließenden Verse werden choraliter vorgetragen.

Es ist dies das einzige Hirtenlied, das von Maurus Lindemayr auf uns gekommen ist. Das ihm zuweilen auch heute noch zugeschriebene, gleichfalls reizvolle Han nächten bei insan Dorfrichtä stammt aus der Feder seines jüngeren Bruders, des Stadelschreibers Peter Gottlieb Lindemayr und dürfte um zumindest ein Jahrzehnt später entstanden sein. Die auch für Lindemayr’sche Lieder ungewöhnlich reiche Überlieferungssituation belegt die große Beliebtheit dieses Hirtenlieds, das mit leichten Textabweichungen noch 1948 von der Grieskirchnerin Maria Hölzmayr aus mündlicher Überlieferung gesungen und durch Hans Commenda aufgezeichnet wurde. Mehr oder weniger zersungene Fassungen des Lieds in mehreren Singweisen wurden nicht nur in Oberösterreich, sondern auch in der Steiermark, vor allem im oberen Murtal, aufgezeichnet und finden sich u.a. bereits in den gedruckten Sammlungen Schlossars, Paillers, Grögers, Bergers oder Mautners.

Berücksichtigt im Apparat wurden sämtliche handschriftlichen Zeugen vor 1822. Neben den Varianten aus dem nächsten Umfeld des Autors ist vor allem die Fassung Kajetan Wesenauers aufschlussreich, der das Lied 1787 in seine Sammlung geistlicher Lieder aufnimmt. Es zeigt bereits deutliche Adaptionsspuren und belegt damit, wie sich volkstümliches Liedgut von seinem Entstehungskontext verselbstständigen konnte, um anonymisiert im neuen Umfeld aufzugehen. Weniger zersungen sind die Fassungen der beiden großen Liedersammlungen, die offenbar auf schriftliche Vorlagen zurückgehen. Allerdings verzichtet die Kleinsölker Fassung auf eine Rolleneinteilung und muss aus diesem Grund die zumeist kontradiktorischen Repliken des Hirten Michl vollständig ersetzen, was zu etlichen Sinnbrüchen führt. Überraschend ähnlich sind die Versionen S6 aus Aussee und T6 aus Sierning, die möglicherweise die ursprüngliche Stropheneinteilung wiedergeben.

Literatur:
Permalink: http://hdl.handle.net/11471/510.15.304
Zuletzt geändert: am: 5.9.2016 um: 20:17:47 Uhr