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Datenbank bairisch-österreichischer Mundartkunst vor 1800

Gattung: Lyrik
Genre:
Autoren:
Zeitraum Entstehung: 1763
Hauptvariante (Text):
Kommentar:

Dieses umfangreiche Duett zu Ehren des Gleinker Prälaten Wolfgang Holzmayr ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Es ist die letzte aus einer Reihe von Dichtungen, in denen sich Lindemayr aktuell mit den Umständen und Auswirkungen des Siebenjährigen Kriegs auseinandersetzt, den Preußen und Österreich mit ihren Alliierten u.a. um Schlesien führten. Hatte er 1760 in seiner 'Treuherzigen Unterredung' noch „[m]it Patriotischen Eyfer“ an Durchhaltevermögen und Vaterlandsliebe appelliert und in einem Lobgedicht auf den österreichischen General Gideon Ernst von Laudon (1717-1790) in Siegeshoffnung geschwelgt, sieht er 1761 die allgemeine Lage bereits deutlich ernüchtert, wie sich am Hochzeitslied 'Losts auf alli Herrn' zeigt.

Im vorliegenden Lied nun, das – wie aus den Beschreibungen der Kampfhandlungen gut zu rekonstruieren ist – in den ersten Wochen des Jahres 1763, also kurz vor Ende des Siebenjährigen Kriegs, verfasst wurde, ist der patriotische Appell an die Staatsbürgerpflicht der Sorge und Parteinahme für die ländliche Bevölkerung gewichen, die unter den wirtschaftlichen Nöten und dem Abgabendruck stöhnt. Zur Darstellung des Elends der Bauern arbeitet Lindemayr hier sein schon zuvor entstandenes achtstrophiges Lied 'I kann mäs unmiglä nöt denkä' zu einem Duett aus, indem er die Strophen 7 sowie 9-15 mit leichten Dialogverteilungsadaptionen als Teilvorlage übernimmt. Die Bauernklage ist nun in eine Wiedersehensszene zwischen einem Vater und seinem aus dem Krieg heimkehrenden Sohn eingebunden, der sich nach dem Schicksal der Seinen während seiner Abwesenheit erkundigt.
Die abschließenden vier Strophen konzentrieren sich auf den ehemaligen Missionar von Bachmanning, Wolfgang Holzmayr, der wenige Monate zuvor, am 1. September 1762 zum Abt des Benediktinerstifts Gleink gewählt worden war. Lindemayr dürfte Holzmayr bereits während seiner Salzburger Studienzeit kennen gelernt haben, war dieser doch in denselben Jahren Professor für Grammatik, Poesie und Rhetorik am Salzburger Akademischen Gymnasium. Darüber hinaus verband sie ihr gemeinsames Interesse an der Theaterdichtung, ihre an der französischen Kanzelrhetorik geschulte Predigtkunst und Übersetzertätigkeit sowie – wie auch dem Gedicht zu entnehmen ist – ihre gemeinsame Vergangenheit als ‚Missionarii’ im Lambacher Missionsgebiet im Zuge der Bekämpfung des Kryptoprotestantismus 1752/53. Der am 4. November 1720 in Steyr geborene, auf den Namen Michael getaufte Holzmayr legte 1745 sein Gelübde ab, wirkte 1753-59 als Professor für Philosophie an der Benediktineruniversität, war vor seiner Abtweihe Novizenmeister seines Stifts und 1775-1777 Mitglied des Universitätspräsidiums. Als passionierter Bienenzüchter war ihm auch die Verbesserung landwirtschaftlicher Produktionsmethoden ein Anliegen, wie sich aus mehreren Gutachten ersehen lässt. Es spricht für seine Reputation, dass er nach der Aufhebung seines Klosters 1784 das Amt eines Dechanten und Stadtpfarrers von Enns übertragen bekam, das er bis zu seinem Tod 1791 bekleidet.

Das Duett dürfte wohl bei Holzmayrs Antrittsbesuch in Lambach aufgeführt worden sein, der 1763 noch vor dem Frieden von Hubertusburg (15. Februar) anzusetzen ist. Zwar sind keine Aufzeichnungen dazu erhalten, doch ist es gut vorstellbar, dass dieser Besuch um den 6. Februar stattfand, an dem der Namenstag des Abts üblicherweise mit Feierlichkeiten und Inszenierungen begangen wurde. Gesungen wurde die Partie des Vaters vom Bassisten und späteren Waisenhausleiter in der Paura, Joseph Langthaller, der als Komponist und Hauptdarsteller vieler Werke Lindemayrs zweifellos wesentlichen Anteil am Erfolg der Stücke und Lieder hatte und möglicherweise auch hier für die (nicht erhaltene) Vertonung verantwortlich war; die zweite Basspartie sang der langjährige Kammerdiener des Abts und spätere ‚Wohlfactor’ Anton Langthaller (1737-1775). Vielleicht ist im Thema ja auch eine dezente Anspielung auf Holzmayrs eigenes dramatisches Schaffen zu sehen, hatte er doch eine Trilogie zum ‚Verlorenen Sohn’ verfasst. Offenbar hat die Eloge dem Gleinker Abt gefallen, denn er scheint das Autograph mit in sein Stift genommen zu haben. Nach dessen Auflösung gelangten große Teile der Bibliothek und des Archivs – und mit ihm wohl das Manuskript – nach Linz.

Literatur:
Permalink: http://hdl.handle.net/11471/510.15.300
Zuletzt geändert: am: 2.9.2016 um: 12:27:10 Uhr