Dialect Cultures

Datenbank bairisch-österreichischer Mundartkunst vor 1800

Gattung: Lyrik
Genre:
Zeitraum Entstehung: 1796
Hauptvariante (Text):
Musikvarianten:
Kommentar:

Ab 1796 erschienen in Wien mehrere Flugschriften, in denen ein "ungarischer Heubauer" in einer österreichisch-ungarischen Sprachmischung singt. Die Lieder haben entweder politischen Inhalt (Frieden, Herrscherlob) oder sind anlassbezogen (Fasching, Neujahr).
Im vorliegenden Text singt der Heubauer über einen Sieg von Erzherzog Karl (1771-1847, Sohn des späteren Kaisers Leopold II) über die Franzosen bei Würzburg im Jahr 1796 im Rahmen des Ersten Koalitionskrieges. Dabei wird vor allem die Tapferkeit des Prinzen besungen und das Lied endet mit dem zuversichtlichen Ausblick, dass das Reich von "die Franzos Raubgepack" geleert werden solle [Hauptvariante].

Sprachlich wird der Heubauer deutlich als Ungar markiert, indem einerseits ungarische Ausdrücke übernommen werden, aber auch phonetische und morphosyntaktische Abweichungen markiert werden, die sich als Interferenzen aus dem Ungarischen interpretieren lassen (siehe dazu genauere Beispiele beim Kommentar zur Hauptvariante).
Entscheidend ist aber, dass nicht nur ungarischer Akzent markiert wird, sondern auch österreichischer Dialekt; oder besser: Es ist eben nicht 'Deutsch mit ungarischem Akzent' sondern 'Österreichischer Dialekt mit ungarischem Akzent'. Der Heubauer wird damit zwar als 'Fremder' markiert mit einer entsprechend auffälligen Aussprache, die auch für komische Akzente genutzt werden kann; gleichzeitig wird er aber auch als 'patriotischer Österreicher' positioniert und damit gewissermaßen sowohl als 'fremd' als auch als 'heimisch'/'eigener'.

Zu Autor bzw. Interpret dieser Figur finden sich zwar einige Informationen, eine sichere Aussage ist allerdings nicht möglich: Im Katalog der ÖNB ist Lajos Komlosyj/ Ludwig Komlóssy als Interpret angegeben – Gmasz (2010, S. 214) gibt allerdings zu bedenken, dass dieser aus einer literarischen Stadtbeschreibung Wiens bekannte Interpret – ein Anfang des 19. Jahrhunderts sehr populärer 'Volkssänger' (vgl. Berman 1880, S. 1084; Wurzbach 1864, S. 404) – im Jahr 1796 erst 12 Jahre alt war und daher nicht als Urheber in Frage kommt, sondern wohl nur später eine bereits bekannte Figur aufgegriffen hat.
Einen Hinweis bietet lt. Gmasz eventuell die zu dem hier behandelten Lied ebenfalls überlieferte handschriftliche Fassung, bei der sich die Autorangabe "Stephanus Antonius Meneguzer" findet – dieser Name lässt sich sonst aber nirgends belegen (vgl. ebd., S. 214f.) (siehe dazu genauer bei der Musik-Variante).
Überhaupt scheint sich die Figur des Heubauern allein deshalb nicht auf eine konkrete Person zurückführen zu lassen, als sie - wohl aufgrund des Erfolges, den sie hatte - auch von anderen Sängern schnell aufgegriffen wurde, wie etwa das Lied "Recht nothwendigi Zuwaag’ [...]" deutlich macht. Die Figur scheint schließlich auch im Theater das ganze 19. Jahrhundert über aufgegriffen worden zu sein (vgl. die Hinweise bei Perschy 1999, S. 332).
(Andererseits scheinen die Beschreibungen im o.g. Biographischen Lexikon wieder darauf hinzudeuten, dass - zumindest im 19. Jahrhundert - die Figur sehr wohl auch mit einem populären Sänger verbunden war.)

Die Figur wurde später (ab 1808) wieder in Flugschriften aufgegriffen, aber unter etwas anderen Vorzeichen – nämlich zum Zweck der Werbung für bestimmte Veranstaltungen, Theaterstücke etc; auch die sprachliche Gestaltung wird sehr viel schwächer, die Wiedergabe des Akzents bzw. Dialekts beschränkt sich auf einige wenige feste Wendungen/Formen. Der Heubauer wird hier quasi zur institutionalisierten Werbefigur (die ihrerseits vielleicht mit dem oben genannten Sänger Komlóssy verbunden war, vielleicht aber auch nur toposhaft verwendet wurde.) [Quellen dazu: Wienbibliothek A36158, A79348, A124391, E80462 (1808-1810)]
Bei Bolte (1890, S. 264f.) sind schließlich zwei weitere Lieder im Duktus dieser Heubauernlieder (aus einer Flugschrift von ca. 1820) abgedruckt, in denen einzelne Strophen aus den verschiedenen bekannten Heubauernliedern zusammengestellt werden, die aber nicht mehr mit konkreten Anlässen zusammenhängen (und bei denen die ungar. Ausdrücke nur mehr phonetisch wiedergegeben sind), die dafür um den tänzerischen Refrain "Hia Dania, Wetka, Wetka, Wetka, Hutscha, Hutschatscha!" erweitert sind.

Perschy (1999) weist darüber hinaus noch darauf hin, dass die Heubauern-Figur nicht unbedingt als Ungar, sondern auch als (Burgenland-)Kroate zu verstehen ist und mit den entsprechenden 'Kroatenliedern' zusammengefasst werden kann -- so zumindest lautete die These von K.M.Klier in einer unveröffentlichten Arbeit zum Thema (vgl. Perschy 1999, S. 331).

Literatur:
Permalink: http://hdl.handle.net/11471/510.15.1195
Zuletzt geändert: am: 5.10.2015 um: 14:59:14 Uhr