DERLA |

VERFOLGUNG UND WIDERSTAND
IM NATIONALSOZIALISMUS
DOKUMENTIEREN UND VERMITTELN

Digitale Erinnerungslandschaft



Geisteswissenschaftliches Asset Management System



Conrad-von-Hötzendorf-Straße 43, 8010 Graz
Beschreibung: Die SchülerInnen setzen sich vertieft mit einer der zentralen Terrororte des NS-Regimes auseinander und erarbeiten sich dadurch eine weitere Perspektive auf den Kontext Verfolgung und Massenmord.
Ort: Graz (8010)
Zeitbedarf: 30–45 Minuten, eignet sich für Supplierstunde
Alter: 13–18 Jahre
Vermittlungsort: Klassenraum


Verbundene Orte:




Mehr Erfahren

Die steirischen Opferverbände haben 1962 im ehemaligen Hinrichtungsraum der Justizanstalt des Landesgerichts Graz einen Gedenkraum eingerichtet, in dem jährlich Gedenkveranstaltungen der steirischen Opferverbände mit den slowenischen Opferverbänden stattfinden. Auf ursprünglich vier Tafeln wurde der damals namentlich bekannten Männern und Frauen gedacht, die hier hingerichtet wurden. Im Jahr 2014 wurde eine neue, um zahlreiche Personen erweiterte Gedenktafel angebracht. An der Außenseite des Landesgerichts erinnert seit 1989 zudem eine Tafel an die ehemalige Hinrichtungsstätte und ihre Opfer. Durch die sprunghafte Zunahme von Todesurteilen vor dem Volksgerichtshof von 102 im Jahr 1941 auf 1.192 im darauffolgenden Jahr, beschloss das Reichsjustizministerium im gesamten Land neue Hinrichtungsstätten zu errichtet. In diesem Zusammenhang sollte auch im ehemaligen Österreich zusätzlich zu der Hinrichtungsstätte in Wien eine Guillotine in Linz oder Graz aufgestellt werden. Während sich das Gericht in Linz als Standort für eine Guillotine rasch als ungeeignet erwies, hieß es aus Graz Ende des Jahres 1942, dass in der Untersuchungshaftanstalt Graz „die Errichtung einer Richtstätte möglich“ sei. Die Dringlichkeit, in Graz rasch eine Hinrichtungsstätte zu errichten, ergab sich für das Reichsjustizministerium Anfang des Jahres 1943 u.a. auch daraus, „dass sich in Wien in den dortigen Gefängnissen und Vollzugsanstalten etwa 200 zum Tode Verurteilte befinden.“ Darunter waren auch 38 Widerstandskämpfer, die vom Volksgerichtshof in Graz zum Tode verurteilt worden waren. Wien könnte – so hieß es in einem Bericht an den Minister – „dadurch entlastet werden, dass in Graz und in Prag neue Richtstätten errichtet werden. Sobald diese fertig sind, werden die Verurteilten aus dem Bezirk Graz in Graz, die Verurteilten aus dem Bezirk Brünn in Prag hingerichtet werden.“ Es sollte schließlich bis Ende Juli 1943 dauern, bis die Hinrichtungsstätte in Graz fertiggestellt wurde. In den folgenden knapp mehr als 18 Monaten wurden hier 155 Personen exekutiert, darunter 44 Männer und fünf Frauen, die wegen diverser krimineller Delikte von den Sondergerichten Graz, Leoben und Klagenfurt bzw. der Strafkammer beim Landgericht in Marburg zum Tode verurteilt wurden. Zudem wurden hier noch 23 Soldaten, die von verschiedenen Gerichten der Wehrmacht verurteilt worden waren, sowie 14 Frauen und 69 Männer, die wegen politischer Delikte (Hochverrat, Landesverrat, Wehrkraftzersetzung) zum Tode verurteilt worden waren, hingerichtet. Die Hinrichtungen im Keller der Untersuchungshaftanstalt hörten erst auf, als am 27. März 1945 der damals diensthabende Wachkommandant das Fallbeil verschwinden und von einem Justizwachebeamten und einem Häftling im südlichen Teil des Gartens des Gefangenenhauses vergraben ließ. Damit endeten allerdings in Graz die Hinrichtungen nicht. Die bereits zum Tode verurteilten Häftlinge, die in der Justizanstalt auf ihre Exekution warteten, wurden am 7. April 1945 von der Gestapo abgeholt und in die SS-Kaserne Graz-Wetzelsdorf gebracht, wo sie erschossen wurden. Die letzten Stunden Über die letzten Stunden der zum Tode verurteilten Häftlinge berichtete 1945 Pfarrer Dr. Anton Weber, der den Verurteilten – so sie es wünschten – als Seelsorger bei der Hinrichtung beistand. „Vor jeder Hinrichtung wurde ich vom Landesgericht telephonisch verständigt, und zwar von einem Gerichtsbeamten etwa 1 bis 5 Stunden vor der Hinrichtung. Ich hatte mich dann in das Gerichtsgebäude begeben und wurde in die Zelle der Verurteilten geführt. Zur Verleihung der hl. Sakramente wurde mir eine eigene Zelle zur Verfügung gestellt, in welcher ich mit den Verurteilten allein sein konnte. Hier hatte ich noch Gelegenheit, ihre Namen aufzuschreiben oder Mitteilungen entgegen zu nehmen. Diese Mitteilungen musste ich geheim halten und habe ich diese aufgehoben, um sie bei einem geeigneten Zeitpunkt einzeln weiterleiten zu können. […] Nach der Aussprache mit mir wurden die Delinquenten [= die Verurteilten] meistens wieder in ihre Zelle zurückgeführt, mussten dort bis zur Hinrichtung warten und auch ich wartete in der Zelle. Die Angeklagten erhielten auch vom Gericht die Bewilligung, noch Briefe zu schreiben, doch weiß ich nicht, ob diese Briefe je abgesandt wurden. Die Delinquenten wurden dann zur Hinrichtung von den Beamten des Hauses vorbereitet, sie wurden mit neuen Sträflingskleidern versehen, die Hände wurden ihnen mit Kettenspangen auf dem Rücken gefesselt und so wurden sie dann durch den Gang hin zum Raum geführt, in welchem die Hinrichtung stattfand. […] Ich konnte aus den Gesprächen der Häftlinge erfahren, warum sie verurteilt worden sind, und konnte die verschiedensten Delikte feststellen. Zum Großteil, fast immer, handelte es sich dabei um politische Vergehen, in ganz seltenen Fällen um kriminelle. Einmal ist mir in Erinnerung, wurde ein Mann hingerichtet, welcher nur deswegen zum Tode verurteilt war, weil er einer Frau 5 RM zur Unterstützung gegeben hat und es sich herausstellte, dass diese Frau Kommunistin gewesen ist. Viele der Angeklagten haben mir erzählt, dass sie auf der Gestapo furchtbar misshandelt worden sind. Man hat sie mit Stiefeln getreten und ihnen die Zähne eingeschlagen. Die erste Hinrichtung, bei der ich zugegen war, war eine Frau namens Serfecz. Sie war sehr mutig. Sie war wegen kommunistischer Tätigkeit angeklagt und erklärte sich unschuldig. Sie erklärte dort, für ihre Überzeugung in den Tod zu gehen. Sie sang in ihrer Zelle noch Lieder, bis man sie zur Hinrichtung holte. Ein anderer Fall ist mir in Erinnerung. Es ist der Vizebürgermeister aus Judenburg, welcher sich sehr anständig verhielt und den Eindruck eines sehr lieben Menschen machte. Dieser war Sozialdemokrat. Ein anderer Fall ist mir in Erinnerung, wo ein schon weit über 60 Jahre altes Ehepaar aus Marburg zum Tode verurteilt wurde, weil man ihnen vorwarf, Partisanen unterstützt zu haben. […] Ich kann noch sagen, dass die meisten der zum Tode Verurteilten sehr mutig waren und auf Bestrafung ihrer Mörder große Hoffnung gesetzt haben.“



Literatur

  • Wolfgang Form / Oliver Uthe (Hg.): NS-Justiz in Österreich. Lage- und Reiseberichte 1938–1945. Wien 2004.
  • Heimo Halbrainer: „Sei nicht böse, dass ich im Kerker sterben muss.“ Die Opfer der NS-Justiz in Graz 1938 bis 1945. Ein Gedenkbuch. Graz 2014.
  • Heimo Halbrainer: Der Tod im Keller der Conrad-von-Hötzendorf-Straße Nr. 43, in: Nicole Pruckermayer (Hg.): Demokratie und Frieden auf der Straße: Comrade Conrade. Ein Kunst-, Forschungs- und Friedensprojekt in Graz 2016–2019. Graz 2019, S. 42–44.
  • Hans Janeschitz (Hg.): Felieferhof. Ein Bericht über die amtlichen Untersuchungen der Massenmorde in der Schießstätte Felieferhof. Graz 1946.