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VERFOLGUNG UND WIDERSTAND
IM NATIONALSOZIALISMUS
DOKUMENTIEREN UND VERMITTELN

Digitale Erinnerungslandschaft



Geisteswissenschaftliches Asset Management System



Ulrichsweg 18 (Kirche Sankt Ulrichsbrunn), 8010 Graz
Beschreibung: Die SchülerInnen setzen sich vertieft mit der Biografie eines im Nationalsozialismus Verfolgten auseinander und erarbeiten sich dadurch eine weitere Perspektive auf den Kontext Verfolgung und Widerstand.
Ort: Graz (8010)
Zeitbedarf: 30–45 Minuten, eignet sich für Supplierstunde
Alter: 13–18 Jahre
Vermittlungsort: Klassenraum


Verbundene Orte:




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Auf Initiative von Pax Christi, der Friedensbewegung der Katholischen Kirche, wurde 1990 in der Kirche St. Ulrich in Graz-Andritz eine Gedenktafel für die hier bis zu ihrer Verhaftung wirkenden Laienbrüder der Christkönigsgesellschaft Michael Lerpscher und Josef Ruf angebracht. 2017 wurde für Josef Ruf zudem noch ein Stolperstein vor der Kirche verlegt. Josef Ruf wurde 1905 geboren und wuchs im kleinen südwürttembergischen Dorf Hochberg bei Saulgau als Sohn eines Reichsbahnstationsvorstehers auf. Nach der Schule erlernte er das Schneiderhandwerk, ehe er 1925 in den Franziskanerorden in Gorheim bei Sigmaringen eintrat. Noch vor der Ablegung des Ewigen Gelübdes verließ er jedoch 1933 den Orden und schloss sich in der Folge der Christkönigsgesellschaft in Meitingen bei Augsburg an, wo bereits drei seiner Geschwister Mitglieder waren. Diese Laiengemeinschaft war von Max Josef Metzger 1919 in Graz unter dem Namen „Missionsgesellschaft vom Weißen Kreuz“ gegründet worden und geht auf das von Metzger während des Ersten Weltkriegs in Graz gegründete „Weltfriedenswerk vom Weißen Kreuz“ zurück. Deren Programm war sozial-caritative Arbeit und Seelsorge, christlicher Pazifismus und Einigung der christlichen Konfessionen (Una Sancta). Als Bruder Maurus arbeitete Josef Ruf zuerst in der Trinkerheilstätte der Christkönigsgesellschaft in Meitingen, ehe er 1938 in die Niederlassung nach Graz-Ulrichsbrunn ging. Hier war er in der Landwirtschaft tätig und betreute die Wallfahrtskirche St. Ulrich. In Ulrichsbrunn begegnete er auch Michael Lerpscher . Dieser verweigerte im Frühjahr 1940 den Kriegsdienst in der Wehrmacht und wurde deshalb am 5. September 1940 in Brandenburg hingerichtet. Als 1940 Josef Ruf zur Militärausbildung nach Pinkafeld eingezogen wurde, folgte er der Einberufung und erhielt dort sogar die Kordel als bester Schütze der Kompanie. Als es allerdings zur Angelobung ging, verweigerte er den Fahneneid. In einem Brief an seine Schwester schrieb er: „Ich kann den Waffendienst mit der Lehre Christi einfach nicht vereinbaren und fühle mich verpflichtet, unter allen Umständen auch danach zu handeln.“ Daraufhin wurde er im Mai 1940 festgenommen. Aus der Untersuchungshaft in Graz schrieb er seinem Vater, dem er die Gründe für seine Weigerung darlegte: „Du weißt wohl schon, daß ich mich im Landesgericht Graz als Untersuchungshäftling befinde. Es geht mir hier soweit ganz gut und habe alles, was ich zum Leben notwendig habe. Wie lange ich noch hier bin und was die Zukunft bringen wird, weiß ich nicht. Hier heißt es eben abwarten. Warum ich hier bin, kannst Du Dir ja denken, so daß ich Dir näheres nicht zu schreiben brauche. Ich weiß, lieber Vater, daß Du meine Handlungsweise mißbilligst und daß ich Dir dadurch Herzeleid bereite, und Du darfst versichert sein, auch mir tut es leid, Dir diesen Schmerz zu bereiten. Doch aus diesem Grund gegen meine Überzeugung zu handeln, das darf ich nicht. Wenn es sich um den Willen Gottes handelt, muß auch das Liebste zurücktreten, wenn es auch noch so weh tut. Doch nun genug von diesem Kapitel, wir haben ja schon früher davon geredet.“ Nachdem er Mitte August 1940 von Graz nach Berlin-Moabit überstellt worden war, versuchte sein älterer Bruder Karl ihn zur Aufgabe seiner Weigerung zu bewegen – vergeblich. Am 14. September 1940 wurde Josef Ruf vom Reichskriegsgericht wegen „Zersetzung der Wehrkraft zum Tode, zum dauernden Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte und zum Verlust der Wehrwürdigkeit verurteilt“ und am 10. Oktober 1940 in Brandenburg-Görden hingerichtet.



Literatur

  • Christian Turrey, Ein katholisches Schicksal im Dritten Reich. Für Kriegsdienstverweigerung mit dem Tode bestraft. Vor 50 Jahren starb der Hochberger Josef Ruf unter dem Fallbeil, in: imprimatur 1990, S. 367–371.
  • Heimo Halbrainer: „In der Gewißheit, daß Ihr den Kampf weiterführen werdet”. Briefe steirischer WiderstandskämpferInnen aus Todeszelle und KZ, Graz 2000.
  • Heimo Halbrainer: „Wenn einmal die Saat aufgegangen, …“ Letzte Briefe steirischer Widerstandskämpferinnen und -kämpfer aus Todeszelle und Konzentrationslager, Graz 2019.