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libri ordinarii of the Salzburg metropolitan province (Beta-Version)

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Passau

Der Liber ordinarius der mittelalterlichen Diözese Passau.

Der mittelalterliche Sprengel des einstmaligen Donaubistums Passau erfasste den südostwärtigen Teil des Herzogtums Bayern sowie den größten Teil des habsburgischen Erzherzogtums Österreich (mit der Ausnahme des zum Erzbistum Salzburg gehörigen südwestlichen Raumes rund um Wiener Neustadt). Mit der Gründung des Hofbistums Wien 1469/80 begann die sukzessive Verdrängung des Bistums Passau aus seinem österreichischen Sprengel, die mit der Einrichtung der Diözesen Linz und St. Pölten durch Kaiser Joseph II. im Jahr 1783/85 endete. Das Bistum Passau war über viele Jahrhunderte hinweg maßgeblich an der kulturgeschichtlichen Entwicklung Österreichs ober- und unterhalb der Enns beteiligt.


Incipit ordo sive breviarium de ecclesiasticis observationibus quid legendum sit vel cantandum per circulum anni secundum Pataviensem ecclesiam. In dieser Präambel der „kirchlichen Gewohnheiten“ wird die Kirche von Passau als Ursprung der im Ordo enthaltenen Tradition bezeichnet. Der Liber ordinarius Passau (LOP) enthält tatsächlich die Liturgie, wie sie die Passauer Domkanonikern zur Zeit der Kompilation feierten. Anhand der Verbreitungsgeschichte des LOP kann man jedoch eindeutig erkennen, dass der Terminus ecclesia Pataviensis nicht nur die Kathedrale, sondern alle Kirchen der Diözese miteinbeziehen soll.

Für die Edition des LOP konnten acht Abschriften ausfindig gemacht werden. Die älteste Kopie ist zwischen 1227 und 1240 entstanden, die jüngste in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Da sich die Abschriften jedoch nur marginal unterscheiden, wurden für die kritische Edition der Texte nur drei bzw. fünf Quellen herangezogen. Der zu erwartende Mehraufwand für die Kodierung der weitestgehend identen weiteren Quellen stünde in keinem sinnvollen Verhältnis zum Erkenntnismehrgewinn. Folgende Handschriften wurden vollständig codiert: SP1: A-SPL 83/3 (Spital am Pyhrn, um 1233), SVE: A-Wn Cod. 1874 (Stadtpfarrkirche St. Veit Krems?, um 1364) und KNB: A-KN 1194 (Pfarrkirche St. Martin Klosterneuburg, 2. Viertel 14. Jahrhundert). Aus folgenden Handschriften wurden lediglich wichtige Informationen zu Prozessionswegen oder zu herausragenden Handlungen ergänzt: WIE: A-Wn Cod. 4712 (Dom St. Stephan Wien, Ende 14. Jahrhundert) und SAL: A-Wn Cod. Ser.n. 39563 (Pfarre des Klosters St. Salvator, 1. Viertel 15. Jh.). Weitere, nicht codierte Quellen: D-Mbs Clm 2725 (Pfarre des Zisterzienserklosters Aldersbach, 2. Viertel 14. Jahrhundert), A-KN CCl 965 (Pfarre des Klosters Klosterneuburg, um 1380), A-SPA Cod. 51/3 (Kollegiatstift Spital am Pyhrn, 1423), A-ME Cod. 1934 und Cod. 1114 (Pfarren des Klosters Melk, 1422 bzw. 1. Hälfte 15. Jahrhundert).

Ein konkreter Anlass für die Zusammenstellung des Regelbuches ist nicht erkennbar, wenngleich unter Bischof Gebhard (1222-32) Bestrebungen zur Reform des Diözesanklerus erkennbar werden. Im Auftrag von Papst Gregors IX. ließ Gebhard ab 1229 strenge Visitationen der Klöster und Pfarreien seiner Diözese durchführen. Dieses rigorose Vorgehen war nicht zuletzt Ursache für seine Absetzung im Jahr 1232. Sein Nachfolger Bischof Rüdiger von Bergheim (reg. 1233-1250) entstammte einem Salzburger Ministerialiengeschlecht. Seit 1198 war er Domherr in Salzburg, von 1208 bis 1222 Pfarrer von Salzburghofen, Spitalmeister und Probst des Augustinerchorherrenklosters Zell am See, ab 1215 Domherr in Passau und von 1216 bis 1233 Bischof des neu gegründeten Salzburger Eigenbistums Chiemsee. Der Liber ordinarius Salisburgensis (LOS) wurde spätestens 1198 zusammengestellt, just in dem Jahr, als Rüdiger als Salzburger Domherr berufen worden ist. In einem Gedicht hat sich der Schreiber des LOS verewigt: ... Scribam presbiterum placato Deo Rudigerum ... Es spricht vieles dafür, die beiden Rüdiger als ein und dieselbe Person zu sehen.

von Robert Klugseder

zur Übertragung des Liber ordinarius