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libri ordinarii of the Salzburg metropolitan province (Beta-Version)

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Hartkirchen

Das Amtsbuch der Pfarrei Hartkirchen.

Ein beachtenswertes und seltenes Zeugnis für die liturgische Praxis einer Landpfarrei stellt ein Pfarramtsbuch* dar, das um 1490 in lateinischer Sprache verfasst wurde und heute im Bayerischen Hauptstaatsarchiv München erhalten ist (Kloster St. Nikola Passau, Amtsbücher und Akten 62). Dieses „Land-Ordinale“ wurde sehr wahrscheinlich von Pfarrer Konrad Trandler (urk. 1468–1493, † vor dem 18.05.1496) angefertigt, der etwa von 1486–1496 Kirchherr in der dem Augustinerchorherrenkloster St. Nikola vor Passau inkorporierten Pfarrei St. Petrus Hartkirchen war.


Hartkirchen am Inn, heute Ortsteil der Stadtgemeinde Pocking im niederbayerischen Bäderdreieck, war im Mittelalter ein bedeutender Markt und Pfarrort, zu dem die Filialkirchen St. Ulrich Pocking und Mariae Himmelfahrt Mittich gehörten. Aus dem Pfarramtsbuch geht klar hervor, dass eine größere Zahl an Priestern (Pfarrherr, Kapläne und Kooperatoren) für das Singen des Gregorianischen Chorals zuständig war und ein umfangreiches Pensum an Messen, Vespern, Laudes und Vigilien zu bestreiten hatte. Ein Kantor, Schullehrer oder eine Schola sind für Hartkirchen für diese Zeit allerdings nicht nachweisbar, ebenso wenig eine Orgel.

Neben liturgischen Informationen (mit konkreten Verweisen auf das Passauer Diözesanordinale und auf Missalien, die in den Kirchen auflagen) ist in diesem Amtsbuch auch die Bezahlung der Priester und Kirchendiener geregelt, für die die Zechpröpste zuständig waren. Wie zu dieser Zeit allgemein üblich existierte auch in Hartkirchen eine Marienbruderschaft mit einem eigenen Zechpropst, der die Stiftungsgelder zu verwalten hatte. Auf Veranlassung der Bruderschaft wurde an jedem Samstagabend in der Marienkapelle der Kirche die marianische Schlussantiphon Salve regina gesungen. Für die regionale Geschichtsforschung von einiger Bedeutung sind die zahlreich vorhanden Erwähnungen von liturgischen Diensten (Funktionen), Personen und Orten. Bemerkenswert sind hier die bei den zahlreichen Prozessionen genannten Stationsorte. Neben regelmäßigen Umgängen im Hartkirchner Friedhof und Stationes am Karner führte der Weg auch zu benachbarten wie auch weiter entfernten Kirchen und Kapellen. So führte die Prozession der Pfarrgemeinde am Montag der Bittwoche vor Christi Himmelfahrt nach Passau und am Dienstag zur St. Nikolauskirche in Rottersham (Gemeinde Ruhstorf). Eine zentrale Rolle als „Wallfahrtort“ nahm Hartkirchen bei den Bittprozessionen am darauffolgenden Mittwoch ein. Hier trafen Pilger aus Pocking, Mittich, Vornbach, Eholfing, Ering, Malching, Rottalmünster, Kühnham, Würding und Safferstetten in Hartkirchen zusammen, um gemeinsam das Opus dei zu feiern.

Ungewöhnlich für eine Landpfarrei ist zudem die große Zahl an Seelgerätstiftungen, woraus sich jährlich, zusätzlich zum regulären Pensum, eine Belastung für die Priester durch 31 Totenvigilien (Nachtoffizien), 10 Marienoffizien, 28 Requiem und 60 „gewöhnliche“ Messen ergab.

Kodikologische Beschreibung: Pergament, 12x27 cm, lederbezogener Holzeinband mit Prägung.

Datierung: Das auf dem vorderen Buchdeckel genannte Jahr 1431 kann nicht der Zeitpunkt der Kompilation sein. So starb der im Hauptteil erwähnte Beutelsbacher Pfarrer Georg Gansar erst im Jahr 1467. Der hier ebenfalls genannte Steffan Schmecknpfrill von Gstetten ist urkundlich für das Jahr 1479 nachweisbar. Der Priester Wolfgangus Zingknhawser war von 1450 bis 1491 Benefiziat an der Spitalkirche von St. Nikola in Passau und vermutlich erst anschließend (als Kommorant?) in Hartkirchen tätig. Die nachgetragenen „Nota constitutiones“ (fol. 10rv) müssen zudem in der Amtszeit des Griesbacher Pflegers Christoph Cammer (urk. 1487–1495) entstanden sein.

Die Buchgattung „Pfarramtsbuch“ ist für die hier relevante Zeit nicht klar definiert. Das Hartkirchner Amtsbuch ist als lokale Ergänzung des Passauer Diözesan-Liber ordinarius zu verstehen. Es enthält nur ausnahmsweise Hinweise auf Gebete, Lesungen und Gesänge. Wenn notwendig, wird auf das Ordinale verwiesen. Vielmehr ist es eine Anweisung an die Priestergemeinschaft, wer an welchem Tag in welcher Kirche Dienst zu leisten hatte, was in dem konkreten Fall zu beachten ist und welche Entlohnung die Priester und Kirchendiener erhalten sollen. Für die Musikwissenschaft von Bedeutung ist die klare Trennung zwischen der „Missa lecta“ (gelesene Messe) und einer großen Zahl an tatsächlich gesungenen Diensten (Messe, Offizium und Prozession). Beachtenswert sind die Informationen zu den Jahrtagen und sonstigen Seelgerätstiftungen. Diese lassen sich nur noch zum Teil in erhaltenen Urkunden nachweisen. Zusammenfassend betrachtet kann dieses Pfarramtsbuch als bedeutende kulturgeschichtliche Quelle bewertet werden.

Weitere Informationen zu Personen, liturgischen Diensten und Orten, die im Pfarramtsbuch erwähnt werden.

von Robert Klugseder

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