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Diskurse der Autorität und Probleme der Interpretation

Notizen zur literarhistorischen Wahrnehmung von mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Texten

Anläßlich von Kevin Brownlee und Walter Stephens (ed.), Discourses of Authority in Medieval and Renaissance Literature, Hanover and London (University Press of New England) 1989, X + 297 S.
Wenn man sich an ihre Programme und Projekte hält, dann vermittelt die (insbesondere romanistische) Literaturwissenschaft leicht den Eindruck, niemals produktiver gewirkt zu haben als in den späten achtziger Jahren. Einen typischen Beleg für diesen Eindruck liefern Vorwort und Einleitung zu dem bemerkenswerten Sammelband über „Diskurse der Autorität“, der – von Kevin Brownlee und Walter Stephens herausgegeben – die Vorträge des 1985 veranstalteten fünften „Dartmouth Colloquium on Medieval and Early Modern Romance Literatures“ enthält. Sein „Preface“ ist jedenfalls geeignet, auch den blasiertesten Leser romanistischer Studien zu heftigem Applaus und geradezu aufgeregter Neugier zu bewegen.
Da sind zunächst die fesselnden Fragestellungen. Als übergreifende Problematik, die wie bei den vorausgegangenen Kolloquien den Diskussionsrahmen bilden soll, wird das makrohistorische Thema des Übergangs vom Mittelalter zur frühen Neuzeit angekündigt: „the continuity and gradual evolution of the European Romance literatures from the Middle Ages to the early modern period“ [IX]. Die „key literary question“, welche das weite Feld dieser Problematik erschließen soll, ist nach den Fragen literarischer ‚Repräsentation‘ und literarischer ‚Gattungskonstitution‘, die den früheren Dartmouth-Publikationen als Titel (Mimesis bzw. Romance)dienten [1] , diesmal „the question of authority“. Sie erscheint, wie die Herausgeber zu Recht versichern, gewissermaßen doppelt empfohlen; denn einerseits stand sie offenkundig im Zentrum des „medieval and Renaissance literary enterprise, which examined its parameters in a strikingly self-conscious manner“, und andererseits betrifft sie ebenso offenkundig spezifisch moderne, ja aktuelle Forschungsinteressen: „At the same time, the specific textual processes of self-authentication, which medieval and Renaissance writers manipulated to establish their credibility, have provided fertile ground for investigation by contemporary scholars, given our own intense preoccupations with the origin, nature, and function of authority“ [vgl. IXf.].
Nicht weniger plausibel als die thematische präsentiert sich die methodologische ‚Propositio‘ des Bandes. Auf sie haben die Herausgaber [sic!], die ihrer Aufgabe überhaupt sehr akkurat nachgekommen sind [2] , besondere Sorgfalt verwendet. Vor allem halten sie in der „Introduction“ [1–19] fest, daß man über die gängigen Themen und Thesen der „Structuralist and Poststructuralist disciplines“ [1] auf dem laufenden ist. Man weiß Bescheid über Roland Barthes’ Theorem einer „mort de l’auteur“; man zweifelt – wie es sich gehört – an den Begriffen von ‚Text‘ und zumal von ‚Quellen‘, die durch das Konzept der ‚Intertextualität‘ ersetzt werden, und natürlich hat der gesamte hier angesprochene Themenbereich, obwohl das nicht eigens erwähnt wird, mit der – möglicherweise vielfach vermittelten – Lektüre einiger Schriften Michail Bachtins zu tun. Bei allem Bescheidwissen, das die Einleitung demonstriert, möchten die Herausgeber sich indes nicht auf die Feier und Selbstbestätigung der Theorien beschränken, sondern diese einer konsequenten literarhistorischen Prüfung unterziehen: „The present volume attempts to historicize, or more accurately to re-historicize, these matters – to reconsider the question of authority in terms of and by means of literary history“ [2]. Als bevorzugtes Mittel für eine solche Rehistorisierung theoretischer Probleme gilt die Technik des „close reading“ oder – wie es einmal heißt – „close textual analysis as the most effective means of exploring questions of theory“ [vgl. 3]. Freilich sollen die Textanalysen nicht nach Art des alten ‚new criticism‘ werk- bzw textimmanent, sondern mit offenen Augen für den jeweiligen Kontext durchgeführt werden; ja es gehört zum expliziten Programm dieses Buchs (wie der Dartmouth-Kolloquien insgesamt), die engen Grenzen herkömmlicher Spezialisierungen und Disziplinierungen zu überwinden: „to transcend the conventional compartmentalizations of literature along historical and national lines so as to facilitate a dialogue among scholars who would otherwise rarely come into contact with one another“ [IX].
Das alles sind ohne Zweifel exzellente Prinzipien, und wahrscheinlich erklärt sich gerade aus der Vorzüglichkeit ihrer breit entfalteten Programmatik, daß angesichts ihrer praktischen Einlösung dann eine gewisse Enttäuschung unvermeidlich wird. Sie entsteht nicht eigentlich durch das Buch als Ganzes, das mit seiner Einleitung und seinen zwölf Essays von durchweg beachtlichem Argumentationsniveau auf jeden Fall die Lektüre lohnt. Was enttäuscht (und wohl auch enttäuschen muß), ist vielmehr die interne Relation zwischen Anspruch und Wirklichkeit, das heißt: zwischen der Theorie einer li- terarhistorischen Textanalyse, wie sie der Exordialapparat in Aussicht stellt, und einer interpretativen Praxis, welche sich darauf weithin vergeblich bemüht, die glänzenden Versprechen von Vorwort und Einleitung adäquat zu erfüllen. Indessen läßt sich auch dem Negativum solcher Diskrepanz noch ein durchaus relevantes Interesse abgewinnen. Wo die Aufsätze hinter den Ankündigungen des Programms zurückbleiben, tun sie das nämlich auf eine Weise, die etwas über den vorliegenden Fall hinaus Charakteristisches hat. Durch sie werden Defekte sichtbar, welche – neben unbestreitbaren Stärken und ‚Errungenschaften‘ – für die gegenwärtige Situation unseres Fachs schlechthin typisch erscheinen. Dabei handelt es sich um Schwächen, die im wesentlichen weniger aus individuellen Unzulänglichkeiten hervorgehen als vielmehr mit einem – wenn man so will – strukturellen Phänomen zusammenhängen. Gemeint ist die in vielen Ländern üblich gewordene Organisation des literarhistorischen Wissens in jeweils synchronisch-epochal bestimmten Spezialisierungen, oder mit anderen Worten: eben jene „compartmentalization of literature along historical [...] lines“, welche die hier angezeigten Beiträge nach Auskunft ihrer Herausgeber zu überwinden trachten. An ihr mögen sich die meisten Kontribuenten des Bandes wohl mit den besten Vorsätzen abgearbeitet haben; doch sind sie dabei – in den Text- und Diskurswelten ihrer jeweiligen ‚compartments‘ befangen – offensichtlich nur selten zu Ergebnissen gelangt, die der Güte ihrer Intentionen gerecht werden könnten.
Ein erstes Symptom für den untergründigen Widerstand dessen was Adornos Minima Moralia einst die „Departementalisierung des Geistes“ nannten [3] , gegen den Versuch einer neuen diachronisch-mentalitätsgeschichtlichen Ordnung des literarhistorischen Wissens äußert sich in der überraschend geringen Zahl der Beiträge, welche auf das vom Titel gegebene Thema wirklich pertinent einzugehen bereit sind. Dabei steht ja außer Frage, daß gerade der Themenbereich von „Discourses of Authority“ an sich die verschiedenartigsten und interessantesten Entwicklungen gestatten würde. Wo liegt beispielsweise – um das Problem „continuity and gradual evolution [...] from the Middle Ages to the early modern period“ aufzugreifen – der Unterschied in dem Verhältnis, das einerseits mittelalterliche und andererseits frühneuzeitliche Schriftsteller idealtypisch zu Autoritätsinstanzen einzunehmen pflegen? Wie ist es mit diesem Unterschied nach der Maßgabe verschiedener Gattungen bestellt? Gibt es Strategien der Selbstautorisierung, die für bestimmte Genera – etwa Erzählungen in Vers oder Prosa – spezifisch sind? Welche generisch oder historisch spezifischen Autoritäten können herangezogen werden, um die Wahrheit eines Berichts zu garantieren? Sind im Mittelalter oder in der frühen Neuzeit Texte auszumachen, die sich jenseits aller „Discourses of Authority“ situieren oder diese von Grund auf zu kontestieren suchen?
Solche und ähnliche Fragen, an die wir (und wohl auch die Herausgeber) in erster Linie denken, wenn von der „question of authority“ die Rede ist, werden ausdrücklich jedoch allenfalls in vier Beiträgen thematisiert. Von ihnen behandelt einer überdies einen Gegenstandsbereich, der strenggenommen außerhalb des hier in Betracht kommenden historischen Felds liegt. Der Philosoph Donald Phillip Verene (Vico’s New Critical Art and the Authority of the Noble Lie, 47–59)ist, durch die Monographie Vico’s Science of Imagination (Ithaca 1981) als Vico-Spezialist ausgewiesen und resümiert deshalb noch einmal die geistesgeschichtliche Bedeutung der Scienza nuova. Besonders wird die Idee von der staats- und kulturbildenden Funktion der Mythen hervorgehoben: eine Idee, die in der ‚neuen Wissenschaft‘ bekanntlich zu einer Aufwertung der Philologie (an die Seite der Philosophie) geführt und damit auch die Dichtung unter dem Gesichtspunkt einer „sapienza poetica“ zur philosophischen Autorität erhoben hat. Neuartig wirkt bei Verenes Betrachtungen lediglich die Frage, welche (gleichsam selbstreflexive) Art von „sapienza poetica“ in Vicos eigenem Text am Werk sein mag, um die Scienza nuova zujener „filosofia dell’autorità“ zu machen, die gerade als Philosophie ihrer Verbindung zu den ‚Musen‘, das heißt: ihrer poetisch-mythischen Komponente immer eingedenk bleibt [vgl. 58f.].Von spezifischen Phänomenen der Renaissance-Poetik handelt dagegen François Rigolot (Homer’s Virgilian Authority: Ronsard’s Counterfeit Epic Theory, 63–75).Er faßt mit detaillierter Genauigkeit die auf den ersten Blick oft widersprüchlichen Äußerungen zusammen, welche Ronsard – als vermeintlicher „demy-Dieu“ des Epos – über seine „place au milieu [...] entre Homere et Virgile“ gemacht hat [4] , und erklärt dann die Divergenzen durch eine einleuchtende Hypothese. Nach ihr sind bei den Berufungen auf die Autorität Homers und auf jene Vergils zwei Argumentationsebenen („two different levels of functionality“) auseinander zu halten. Wenn Homer als Vorbild zitiert wird, geht es um den Ursprung und die mythische Würde der epischen Dichtung überhaupt, deren Prestige sich am besten in Homers „naïve facilité“ manifestieren mag. Dagegen betreffen die autorisierenden Zitate des römischen Epikers speziell das Niveau des Stils, auf dem Vergils „cura et diligentia“ seit Quintilian als eindeutig überlegen galten. Natürlich steht hinter diesen Divergenzen der kaum verschleierte Autoritätsanspruch des „demy-Dieu“, in Wahrheit ein poetischer ‚Sur-Dieu‘ zu sein: „Ronsard’s ambivalent motive was undoubtedly to be both a Homer and a Virgil at the same time; that is, to be able to combine [...] a Homeric Claim for origins and a Virgilian perfection of style“ [73].
Mit den – im Vergleich zu Ronsard – heikleren Legitimationsproblemen, auf die im Spätmittelalter eine Autorin stoßen muß, befaßt sich Kevin Brownlee (Structures of Authority in Christine de Pizan’s „Ditié de Jehanne d’Arc“,131–150). Wenn die Autorin es wagt, „Je Christine“ zu sagen, und dabei schon an das berühmter gewordene (maskuline) „Je, François Villon, escollier“ denken läßt [5] , dann tut sie das nach Brownlee, weil sie als Prophetin an der Autorität ihrer Heldin gewissermaßen partizipiert: „The authority of her poetic voice is strengthened by virtue of her shared identity with her heroic subject“ [144]. Außerdem kann sich Christine durch die Verbindung ihres ‚furor poeticus‘ mit einem ‚furor propheticus‘ zur neuen, christlichen Sibylle stilisieren [vgl. 146]. In der Tat hatte die Gestalt der Cumaeischen Sibylle ja bereits in Christines Livre du chemin de long estude eine allegorische Führungsrolle übernommen, welche ausdrücklich mit der Rolle assoziiert wurde, die bei Dantes Jenseitsreise einst dem Dichter-Propheten Vergil zugekommen war [vgl. 140]. Von selbst versteht sich, daß unter dem Aspekt solcher Legitimierungs- und Autorisierungsfragen eben Dante noch immer den irritierendsten und letztlich rätselhaftesten Fall darstellt. Hier wird die Frage, auf welche Weise Dante die Autorität der Commedia gewann, in einem der interessantesten Beiträge des Bandes von Albert Russell Ascoli erörtert (The Vowels of Authority [Dante’s „Convivio“ IV vi. 3–4],23–46). Er erinnert unter anderem an die autorisierende Wirkung, die im Convivio (wie in der Vita nuova)für die dadurch unmittelbar kanonisierten Texte von den Selbstkommentaren ausgeht [vgl. 34f.], und an den Anspruch des Convivio,eine Autorität zu repräsentieren, welche sich zugleich zwischen und über den Autoritäten des Philosophen des Kaisers situiert [vgl. 39ff.]. Damit ist gesagt, daß Dante schon früh im Sinne einer theologisch-prophetischen Poetik zu verstehen gibt: „his poetry is unmediated by any authority but that of the Author of authors“ [43]. In zugespitzter Form stellt sich demnach erneut die weitere, traditionsreiche Frage nach der intentionalen Lesbarkeit von Dantes „poema sacro“ als ‚theologischer‘ Allegorie, das heißt: als Allegorie mit ‚historischer‘ und nicht bloß ‚fiktiver‘ Grundbedeutung [6] , wobei Ascoli Charles S. Singletons bekanntes Paradox „the fiction [...] is that it is not a fiction“ [7] in dem nicht weniger paradoxalen Befund reformuliert: „the ‚allegory of poets‘ of the Commedia is that it is an ‚allegory of theologians‘“ [44]. Was durch diese Formulierung unterstrichen werden soll, ist – wenn man so will – das Hauptproblem, das (mit natürlich wechselnder Begrifflichkeit) die gesamte Rezeptionsgeschichte der Divina Commedia durchzieht: die Wahrnehmung, zumindest aber die Vermutung einer „protracted tension in the Poem between the imagining of a possible ‚authorization‘ by divine inspiration and the lingering suspicion of origination in an ‚autonomous‘ human imagination“ [44].
Eine andere Gruppe bilden die Beiträge des Bandes, welche an sich zwar von beträchtlichem Interesse sind, doch mit seinem Generalthema nur in lockerem Zusammenhang stehen. Der Leser hat hier wie häufig beim gegenwärtigen Kongressbetrieb den Eindruck, daß manche Kontribuenten die Thematik der Tagung lediglich einleitend von ferne grüßen, um dann unbeirrt ihre eigenen Wege zu gehen, die ihnen aus der Forschungstradition ihres jeweiligen Spezialgebiets oder aus dem Kontext aktueller philosophisch-ideologischer Debatten besser vertraut sein mögen. Wahrscheinlich ist nicht zuletzt durch die Vielzahl solcher Beiträge die bemerkenswerte Ausführlichkeit der „Introduction“ zu erklären. In ihr wird der Leser mit teils mehrseitigen Resümees auf die einzelnen Essays eingestimmt und in die Illusion versetzt, im Labyrinth der Aufsätze eine Art Ariadnefaden finden zu können. Bezeichnenderweise sind die Zusammenfassungen dabei um so länger ausgefallen, je indifferenter ein Aufsatz sich zum Thema der „Discourses of Authority“ verhält und je mehr an rhetorisch-argumentativer Mühe vonnöten ist, um ihn in irgendeiner Weise an den Buchtitel anzuschließen.
So gilt eine der längsten Zusammenfassungen des Vorworts nicht zufällig dem Essay von Nancy S. Struever (Machiavelli, Montaigne, and the Problem of External Address in Renaissance Ethics,236–253). Er gehört zu jenen Studien, die auf den ersten Blick zu fesseln verstehen, weil sie mit schönem Elan eine dem herrschenden Konsens widersprechende Position beziehen, auf den zweiten Blick indes enttäuschen, wenn sich herausstellt, daß nach der resolut vorgetragenen Behauptung eine vergleichbar resolut entwickelte Beweisführung leider ausbleibt. Im Fall von Machiavelli besagt Frau Struevers These, die Bedeutung des Principe läge nicht im Bereich von Politikwissenschaft oder Geschichtsschreibung, sondern – „meta-discursive and meta-critical“ [243] – in der pragmatischen Reflexion über den Umgang mit Exempel-Erzählungen und die Techniken argumentativer Verknüpfung; bei Montaigne ist sie der Ansicht, die Essais liefen keineswegs auf das Resultat skeptischer oder skeptizistischer Haltungen hinaus, sondern gerade umgekehrt – und gleichsam cartesianisch – auf die Identifikation grundlegender Gewißheiten im Sinne von W. V. Quines „web of belief“ [vgl. 244]. Wirklich belegt wird keine dieser Thesen, so daß am Ende eine Argumentationsatmosphäre frustrierender Beliebigkeit entsteht, in der sich folgenlos behaupten läßt, die Struktur des Principe („formally open, but ideologically closed“) ähnele jener der ‚novela picaresca‘ [vgl. 239] [8] oder die gesamte humanistische Traktatliteratur sei moralistisch eine quantité négligeable,da ihr en bloc jeglicher „interest in ethical issues“ abgehe [vgl. 236].
Bei zwei weiteren Aufsätzen treten die Autoritätsdiskurse zugunsten der augenblicklich populäreren feministisch-maskulinistischen Thematik von „issues of gender“ in den Hintergrund. William J. Kennedy (Petrarchan Textuality: Commentaries and Gender Revision,151–168) beginnt seinen anregenden Artikel wohl mit einer treffenden Skizze der Unterschiede, welche zwischen Mittelalter und Renaissance in bezug auf die jeweils typische Praxis des Kommentierens bestehen: erst die Renaissance entwickelt hermeneutische Kontroversen über einander ausschließende Lesarten, während das Mittelalter Kontroversen vermeidet und unterschiedliche Lesarten noch additiv-komplementär zu reihen pflegt [vgl. 151ff.]. Dann geht der Aufsatz jedoch zu einer vergleichenden Interpretation von drei Sonetten über, die aufgrund ihrer thematischen Verschiedenartigkeit für einen Vergleich eigentlich kaum besonders geeignet erscheinen: „Io canterei d’Amor sí novamente“ von Petrarca, „Lut compagnon de ma calamité“ von Louise Labé und „Music to hear, why hear’st thou music sadly?“ von Shakespeare. Kennedy möchte anhand dieses Vergleichs demonstrieren, daß der Umgang mit petrarkistischen Themen in der Renaissance-Lyrik nicht allein durch Petrarcas Texte, sondern darüber hinaus durch die Stellungnahmen ihrer einflußreichsten Kommentatoren geprägt ist [9] . Dabei sollen für Shakespeares Lektüre von „Io canterei d’Amor sí novamente“ speziell Gesualdo und Daniello eine wichtige Rolle spielen, für Louise Labé Vellutello und Fausto da Longiano. Wesentlich sei in diesen Kommentaren vor allem das Verständnis des Petrarca-Sonetts unter dem Aspekt einer aggressiv-aemulativen Rhetorik (vgl. z. B. 158: „For Vellutello [...] rhetoric becomes a mode of aggression, a phallic instrument to control others“), welche den Habitus des männlichen Konkurrenzkampfes („male competition“) sowie überhaupt die Lebensverhältnisse der ‚bürgerlichen Wettbewerbsgesellschaft‘ („bourgeois competitive society“) widerspiegele. Daran mag durchaus etwas Wahres sein; doch fragt sich der Leser, inwiefern die Normen der Renaissance-Kommentare in spezifischerer Weise „male-gendered“ sein sollen als jene der Dichtung im Trecento [vgl. auch das Resümee, 13]. Und außerdem wirkt es natürlich stets ein wenig deprimierend, große lyrische Texte auf ideologische Kategorien zurückgeführt zu sehen, welche wie der ‚männliche Konkurrenzkampf‘ oder die ‚bürgerliche Wettbewerbsgesellschaft‘ seit langem zum Dictionnaire des idées reçues unserer (quasi automatisierten) Diskurse über Geschichte und Gesellschaft zählen.
Dagegen ist die sehr umsichtige Tasso-Interpretation von Walter Stephens (Saint Paul Among the Amazons: Gender and Authority in „Gerusalemme liberata“,169–200) weniger um ideologische Aktualität bemüht und wohl deshalb insgesamt überzeugender. Auch Stephens stellt sich die beliebte Frage nach den expliziten oder impliziten Wertungen, die ein bestimmter Text zum Bild der Frau und zu den Konflikten des Geschlechterkampfes ausspricht beziehungsweise suggeriert. Dabei insistiert er aber mit Recht auf der methodologischen Maxime, daß solche Wertungen als spezifische immer nur, durch intertextuelle Analysen zu ermitteln sind, das heißt: in den Relationen eines Textes zu den Kon-Texten, die ihn umgeben, und insbesondere zu den Sub-Texten, die in ihn eingegangen sind [vgl. 173 und 191]. Demnach distanziert sich Stephens sowohl von Interpretationen, die in der Gerusalemme liberata – ideologiekritisch – die Geschlossenheit einer dominanten Ideologie voraussetzen, als auch von Interpretationen, die in ihr – dekonstruktivistisch – die Inkonsistenz untereinander divergenter Ideologien nachzuweisen suchen [vgl. 172] [10] . Stattdessen folgt er den Spuren, welche in Tassos Epos ein Virgilischer und ein Paulinischer ‚Subtext‘ hinterlassen haben: Aus ihnen ergibt sich zumal im letzten, zwanzigsten Gesang eine thematische Synthese, die sich nach Stephens auf zweierlei konzentriert: „a nostalgic idealization of marriage and deep anxieties about the human body“ [176]. Das klingt angesichts gegenreformatorischer Mentalitätsstrukturen geistesgeschichtlich höchst einleuchtend und läßt sich vor allem an der Gildippe-Odoardo-Episode, einer gleichsam Paulinischen Transzendierung von Vergils Nisus-Euryalus-Episode, auch im Detail plausibel belegen. Allein der Begriff eines „uncomfortable ‚feminism‘“ [189], den Stephens in diesem Zusammenhang einmal gebraucht, scheint mir für Tassos posttridentinische – und gewiß alles andere als ‚feministische‘ – ‚Idealisierung der Ehe‘ nicht übermäßig glücklich gewählt zu sein.
Ebenso überzeugend, wenngleich vom Generalthema des Bandes womöglich noch weiter entfernt, argumentiert Nancy J. Vickers bei ihrem Dante-Petrarca-Vergleich (Widowed Words: Dante, Petrarch, and the Metaphors of Mourning,97–108). Dessen Ausgangspunkt bildet jener berühmte Passus der Vita nuova,in dem der Sprecher (bei Vickers schlicht „Dante“) nach dem Tod Beatrices vor der Kanzone „Li occhi dolenti per pietà del core“ einen Wechsel der bis dahin üblichen Reihenfolge von Gedicht und Kommentar ankündigt „acciò che questa canzone paia rimanere più vedova dopo lo suo fine“ (V. N. 31, 2). Auf diesen Passus sowie die ‚tornada‘ der Danteschen Kanzone verweist Petrarca, wenn er in R.V. F. 268, V. 80ff. („Che debb’io far? che mi consigli, Amore?“) seine Kanzone – gleichfalls in der ‚tornada‘ folgendermaßen anredet: „Canzon mia [...], Non fa per te di star fra gente allegra, Vedova, sconsolata, in veste negra“. Offenkundig liegt hier eine ‚imitation différentielle‘ vor, deren Differenzaspekt um so aufschlußreicher erscheinen muß, als von der ‚tornada‘ Petrarcas ja drei verschiedene Fassungen existieren, durch welche mit besonderer Deutlichkeit die Tendenz seiner Modifikationen an dem Danteschen ‚Subtext‘ zu erschließen ist. Obwohl ich nicht mit allen Details einverstanden bin [11] , sind die wesentlichen Ergebnisse, zu denen Frau Vickers bei ihrer vergleichenden Analyse gelangt, am Ende zweifellos gut begründet und über den Einzelfall hinaus bedeutsam. Das gilt zunächst für den pragmatischen Aspekt der Deutung der Imperative „Fuggi [...] Non t’appressare“: „Petrarch’s commands to his song stand in specific contrast to Dante’s“ [107] und dann mehr noch für den semantischen Aspekt der Unterscheidung zwischen zwei verschiedenen literarisch-sozialen Welten, einer mittelalterlichen Welt religiöser Gemeinschaft und einer nachmittelalterlichen Welt, in der ich zugleich individuelle Autonomie und narzißtische Vereinzelung abzuzeichnen beginnen [vgl. 107 f.] [12] .
In einer dritten Gruppe sind schließlich die Aufsätze vorzustellen, die durch eine auffällige und – wie ich finde – symptomatische Gemeinsamkeit ihrer Interpretationsstrategie verbunden werden. Ich möchte diese Strategie als die Technik der (zumal poetologisch) aktualisierenden Hoch-Interpretation charakterisieren. Gemeint ist ein Verfahren überaus wohlwollender, ja ‚rettender‘ Kritik, welche ihre Gegenstände dadurch zu illustrieren glaubt, daß sie ihnen – ohne historische Rücksichtnahme – Qualitäten mitteilt, die sich widerstandslos in aktuell verbreitete, beliebte oder respektierte Diskurse einfügen lassen. In der Applikation dieser Technik scheint oft eine tiefe Furcht vor dem Fremden, das als Anderes Identität gefährden könnte, zu wirken. Gesucht wird dagegen – im emphatischen Sinne des Wortes – Aneignung, verstanden als Tilgung dessen, was insbesondere in mittelalterlichen Texten – fremdartig und daher bedrohlich – den Begriffen der Moderne entgegensteht. Oder mit anderen Worten ins – dubios – Positive gewendet: Es geht der aktualisierenden Hoch-Interpretation vordringlich um die Herstellung übergeschichtlicher Normalität, wohl um aus ihr die beruhigende Illusion zu gewinnen, daß die gegenwärtig herrschende Poetik (oder, allgemeiner gesagt, Ideologie) immer schon gültig war und daß noch das historisch entfernteste Material an ihrer Etablierung und Legitimation Anteil gehabt hat.
Derart bemüht sich Giuseppe Mazzotta („Theologia Ludens“: Angels and Devils in the „Divine Comedy“,216–235), Dantes Commedia mit den Zügen einer gewiß höchst willkommenen „Theologia Ludens“ zu versehen, welche – menschenfreundlich, synkretistisch und gewissermaßen postmodern – die sympathische Ansicht befördert, „that work is no longer understood as the telos of life; play, rather, is both the foundation and the aim of life“ [221]. So frohe Botschaften möchte man in der Tat gerne verkündet hören, in der eigenen Umgebung wie eben auch von der Autorität Dantes; doch erweist sich leider, daß der Dantesche Text dem verständlichen Wunsch nur äußerst matt entspricht. Jedenfalls läßt er unter dem Aspekt einer Theologie des Spiels viel zu wünschen übrig, was Mazzottas Interpretationsbegehren zu einigen ausgesprochen angestrengten Verrenkungen zwingt. Beispielsweise ist kaum einzusehen, weshalb in Inferno XXXI, 60 der (ziemlich unakzentuierte) Gebrauch des Wortes „proporzion“ genügen soll, um der Gestalt Nembrots die ästhetische Qualität von Schönheit zuzuschreiben: die Wendung „a sua proporzion“ wird an dieser Stelle meines Erachtens lediglich benutzt, um zu versichern, daß die Glieder des Riesen ebenso inhuman ungeschlacht sind wie seine grobe „faccia [...] lunga e grossa“ [vgl. 224]. Auch in Para diso XXIX, 87 scheint mir „apparenza“ keineswegs einen speziell ästhetischen Begriff zu bilden; eher meint „l’amor de l’apparenza“ hier wohl ein moralisches Konzept: das Geltungsbedürfnis profaner Philosophen, die Behauptungen aufstellen „propter apparere singulares“ (Serravalle) [vgl. 228f.]. Für besonders widersinnig halte ich in Purgatorio XVI, 88 (Mazzottas zentralem Passus) die Deutung von „semplicetta“ als Beleg für „a likeness between the soul and God“ [vgl. 221]; denn „semplicetta“ heißt die Seele in diesem Vers ja nicht, weil sie – wie Gott – unwandelbar und selbstidentisch wäre, sondern weil sie – im Gegensatz zum Allwissenden – nichts weiß: „l’anima semplicetta che sa nulla“.
Ähnlich liegen die Dinge in dem (freilich anspruchsloseren) Essay of James F. Burke (Counterfeit and the Curse of Mediacy in the „Libro de buen amor“ and the „Conde Lucanor“,203–215). Burke scheint vernarrt in den Begriff ‚Medium‘, der für ihn offenbar Alpha und Omega ist. Deshalb sieht er in Juan Manuels Conde Lucanor „a kind of meditation upon the problem of the medium, a meditation designed to guide the reader inductively to an awareness of the problem with media, and to an understanding of how to deal with these problems“ [205]. Demnach wird Don Juan Manuel gleichsam zum Zwillingsbruder des Arcipreste de Hita, über den wir erfahren: „The Libro de buen amor is a work that also deals constantly with the media and with the problem of the counterfeit meaning attached to the medium“ [210]. Außerdem behandelt der Arcipreste in der zweiten Version seines Buchs nach Burke noch die ‚Hermeneutik des Begehrens‘ [vgl. 205]: Das spanische Mittelalter ist wahrlich nicht von gestern. Vielmehr sind seine Probleme just die unseren, wie Burke insbesondere aus Conde Lucanor weiß, mit dem er sich schon vorher in mehreren Aufsätzen beschäftigt hat [vgl. 286]. Im Conde Lucanor wird nämlich nicht nur gelehrt „how to understand and utilize the media“. Interessant ist auch das Lehrmaterial der Exempla, „a kind of intertext“, das sich gelegentlich – in Erinnerung an Bachtin – eines „carnivalesque reversal of status“ bedient [vgl. 210] und vor allem ‚binäre und noch kompliziertere Formen der Dekonstruktion‘ („binary and even more complicated forms of deconstruction“) entwickelt [vgl. 207] [13] .
Ingeniöser und auf höherem argumentativen Niveau wird das Verfahren aktualisierender Hoch-Interpretation in den Aufsätzen von Marina Scordilis Brownlee (The Counterfeit Muse: Ovid, Boccaccio, Juan de Flores, 109–127) und David F. Hult (Author/Narrator/Speaker: The Voice of Authority in Chrétien’s „Charrete“, 76–96) durchgeführt. Frau Brownlee zeichnet einen (allerdings völlig evidenten) Fall intertextueller Verkettung nach. Um es mit den Worten der Einleitung zu sagen: „Boccaccio’s Elegia di Madonna Fiammetta (1344), presents an avid reader of Ovid’s Heroides,while Juan de Flores’s Grimalte y Gradissa (148os) introduces two readers of Boccaccio’s reader of Ovid“ [11]. Dabei macht Frau Brownlee zu der Trias ihrer Texte einige Beobachtungen, die auf breite Zustimmung stoßen dürften: so etwa die Kontrastierung der lyrischen Zirkularität [vgl. 120,] oder auch „lyric openendedness“, welche die Elegia auszeichnet, mit, der „novelistic closure“, die Juan de Flores seiner Continuatio der Elegia mitgeteilt hat [vgl. 123] [14] . Verwunderlich wirkt dagegen ein Satz wie der folgende: „She [Fiametta, U.S.-B.] is unwilling to have her liaison become public out of the (very unheroic) impulse of fear“[119]. Er verrät, daß der Interpretin mit dem Regelsystem des ‚amour courtois‘, zu dem unter anderem eben die unbedingte Geheimhaltungspflicht gehört, eine wesentliche historische Prämisse von Boccaccios Text entgangen ist. Stattdessen weist Frau Brownlee ihren Texten um so generöser eine metasprachliche und sprachkritische Thematik zu, bei der sie lediglich der Form halber (und ganz im Allgemeinen bleibend) noch an die „philosophers, theologians, and poets in the late Middle Ages“ erinnert. In Wahrheit redet sie von Ovids und Boccaccios „similar perception of the deceptive status of language per se“ [116], als sei die Sprachskepsis eines Hofmannsthal oder Pirandello gemeint, oder von Boccaccios ‚Dramatisierung‘ einer „epistemological fissure between enunciation and reference“ [112], als denke sie an Roland Barthes oder Michel Foucault, und sogar der romanesk erzählfreudige Juan de Flores wird zum Schluß auf ein in diesen Kontext passendes „fundamental theme, namely, linguistic usage“ festgelegt [vgl. 125].
Mit Frau Brownlees Essay ist Hults Chrétien-Lektüre zunächst schon deshalb verwandt, weil es auch in ihr um eine Continuatio geht: die Fortführung und Vollendung von Chrétiens (angeblich Fragment gebliebenem) Chevalier de la Charrete durch Godefroi de Leigni. Von der ‚angeblichen‘ Unvollendetheit der Chrétienschen Chárrete spreche ich hier – im Sinne Hults – durchaus bewußt, da der ebenso fesselnd wie gewaltsam argumentierende Aufsatz die einigermaßen abenteuerliche These aufstellt, der Kontinuator Godefroi seinichts anderes und nicht mehr als eine raffiniert in Szene gesetzte Fiktion Chrétiens. Natürlich würde die Fiktionalität des ‚mediokren Godefroi‘ (Jean Frappier) „a supremely subtle and very crafty narrative ploy“ bedeuten. Nach Hult soll sie Chrétien vor allem erlauben, seiner bekanntlich heiklen Geschichte eine unentschiedene (und unentscheidbare) „copresence of two types of closure“ zu verschaffen [vgl. 96] und dergestalt sozusagen auf zwei verschiedenen ideologischen Klavieren zu spielen.
In der umstrittenen Frage von Chrétiens Engagement oder Distanz gegenüber ‚matiere‘ und ‚sen‘ des Chevalier de la Charrete [15] begegnen wir damit einer Idee, die nicht nur eines Borges würdig ist, sondern – falls man sie als real akzeptiert – auch auf seiten Chrétiens das demiurgische Kalkül eines hochmittelalterlichen Proto-Borges voraussetzt. Durch diese Idee lernen wir in Chrétien einen Autor kennen, der keinerlei Kontingenz duldet und bei der Verwirklichung seiner pointiert modernen Poetik eines „duplicitous narrative voicing“ schlechterdings alles unter Kontrolle hat [16] ; ja: „What early critics of the work interpreted as sloppy technique – disjointed and incoherent episodes – is more likely the direct result of a studied play with categories of sight and absence, speech and silence, appearance and reality, event and interpretation“ [92].
Im Sinne eines solchen „studied play with categories of sight and sence“ ignoriert auch Hult – wie zuvor schon Frau Brownlee – die kulturgeschichtliche Komponente höfischer Verhaltensregeln und höfischer Liebestopik, um den Versen 6820–6832 die sicherlich falsche Information zu entnehmen, Guenièvre sei bei Lancelots letztem Duell mit Méléagant nicht auf dem Turnierplatz anwesend [vgl. 93] [17] . Obwohl der Text lediglich zu verstehen gibt, daß Guenièvres „cors“ sich – der Schicklichkeit gemäß – reservierter verhält als Guenièvres „cuers“ und Lancelot daher nicht – küssend und liebkosend – entgegenstürzt, wird das Postulat von Guenièvres totaler Abwesenheit für Hult erforderlich, damit er die Szene als Allegorie eines geradezu avantgardistischen „semiotic ‚twist‘“ lesen kann. Mit ihm meint Hult die potentielle Präsenz eines Signifikats, dem sein zugehöriger Signifikant (wie heute üblich) ‚frei flottierend‘ abhanden gekommen ist: „The otherwise banal heart-and-body motif figures not only the disjunction between word and thing, but more importantly the potential presence of a meaning, a signified, in a space where the corresponding signifier is invisible“ [94].
Ohne zu übertreiben, darf man wohl sagen, daß in den zuletzt besprochenen Beiträgen mit der Literatur des Mittelalters eine erstaunliche Metamorphose vonstatten geht. Indem sie dem wohlwollenden Eifer aktualisierender Hoch-Interpretationen anheimfällt verwandelt (und verklärt) sich das Mittelalter zu einem Vorschein all dessen, was gegenwärtig den Inbegriff von Modernität beziehungsweise Postmodernität ausmacht. Nach deren Ideal ist beispielsweise das Bild eines Dante geformt, der synkretistisch mit den (theologischen wie philosophischen) Traditionen spielt und schließlich die Ästhetik über die Philosophie erhebt [vgl. 226]. (Post)Modern erscheinen aber nicht nur die Texte des großen Dante, sondern auch jene des – vielleicht weniger großen – Arcipreste de Hita, der die Reflexion über die Medien und die Hermeneutik des Begehrens zu seinem Programm gemacht hat, oder jene des – gewiß eher kleinen Juan de Flores, dem in Grimalte y Gradissa das ‚fundamentale Thema‘ einer „language theory“ [vgl. 125] zur Obsession geworden sein soll.
Von Juan de Flores über Boccaccio bis Chrétien: wer auch immer in den Genuß solcher Interpretationen gelangt, findet sich unweigerlich auf dem Gipfelpunkt einer aktuellen Poetik wieder. So kann kein Zweifel bestehen, daß die Technik des prononciert aneignenden und dadurch erhöhenden Lesens gut gemeint ist und für die betroffenen Autoren in der Regel nur das Beste will. Fraglich bleibt dagegen, ob die gut gemeinte Lektüre für sie das Beste, das heißt: eine Steigerung ihrer Anziehungskraft und Relevanz, auch tatsächlich zu bewirken vermag. Denn wenn die mittelalterlichen Texte als Doppelgänger der (post)modernen auftreten, werden sie zwar einerseits erhoben und avanciert, andererseits aber zugleich nivelliert und ihrer historischen Differenzqualität entkleidet. Indem Chrétien zum Double von Borges wird und sich mit einem Megatext der (Post)Moderne identifiziert, mag er am Ende wohl auf der Höhe der Zeit stehen; doch läuft er eben auf dieser Höhe gleichzeitig Gefahr, als Double in einem tiefere Sinn indifferent zu werden.
So ist der Effekt von Indifferenz gewissermaßen der Schatten, welcher dem Glanz der aktualisierenden Hoch-Interpretation zwangsäufig nachfolgt [18] . Dabei macht sich dieser Schatten, die ‚misère‘ der ‚splendeur‘ alles identifizierender Lektüren, in unserem Essayband besonders deutlich bemerkbar, da die Angleichung an den Idealtyp (post)moderner Poetik hier dazu führt, daß die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Texte sich auch untereinander auf eklatante Weise anzugleichen beginnen. Derart erblickt Hult hinter dem Sachverhalt von Guenièvres – vermeintlicher! – Abwesenheit beim Duell zwischen Lancelot und Méléagant quasi eine Andeutung von Foucaults Les mots et les choses: „To discuss the queen in her absence, as an absence, is one way of putting into practice the potentially twisted relaionship between words and things“ [94]. Folglich ist Chrétiens Thema wie überhaupt der tiefste Sinn seines Dichtens das „paradox of representation“, die ‚illusion référentielle‘, die aus der Diskrepanz von Ausdruck und Bedeutung erwächst: „meaning is in perpetual disjunction with expression and [...] this disjunction is itself the very essence of Chrétien’s poetics“ [94]. Auf genau den gleichen Sinn hat es – wenn wir ihn mit Frau Brownlee betrachten – indessen auch Boccaccio abgesehen. Ging es im Chevalier de la charrete um die „disjunction“ zwischen Ausdruck und Bedeutung, so behandelt die Elegia di Madonna Fiammetta – wie gesagt – „the epistemological fissure between enunciation and reference“ als den wesentlichsten der „mechanisms of deception inherent in language“ [112]. Das heißt: Da ihr Bild jeweils nach dem gleichen aktuellen Vorbild modelliert ist, müssen auch Chrétien und Boccaccio notwendigermaßen zu Doppelgängern werden.
Wie erklären sich Interpretationsstrategien, die solcherart unermüdlich, doch monoton alles zu einem machen? Mit der Angst vor dem, was fremd und anders ist, habe ich bereits ein mögliches Motiv genannt. Aus solcher Angst, der das ‚Veraltete‘ ja nicht weniger als das ganz Neue zum Skandalon wird, entspringt offenbar ein Bedürfnis nach diskursiven Normalisierungen, welche gegenüber Texten, in denen sich fremdartige Poetiken und Mentalitäten manifestieren, oft Züge einer (selbstverständlich unbewußt) zensierenden Expurgation annehmen. Neben diesem – wenn man so will – anthropologischen ist freilich noch ein zweiter, wissenssoziologischer Aspekt in Betracht zu ziehen. Er besteht in den besonderen Spezialisierungsformen, die durch die weithin (und nicht allein in Nordamerika) zur Norm gewordene Organisation des literarhistorischen Wissens begründet sind.
Damit beziehen wir uns auf die schon einleitend erwähnte „compartmentalization of literature along [...] historical lines“, als deren Konsequenz die zumeist fraglos anerkannte Spezialisierung nach bestimmten, mehr oder weniger eng definierten Zeiträumen zu gelten hat. Dies Organisationsprinzip sieht spezielle Kompetenzen beispielsweise für Dante vor, für den ‚roman courtois‘ des 12. Jahrhunderts, die spanische Literatur des 14. Jahrhunderts, das späte Mittelalter in Frankreich, die frühe Renaissance in Italien undsofort. Als Verwalter eines geschichtlich (und meistens auch einzelsprachlich) strikt abgegrenzten Wissens ist der zuständige Spezialist nun in der Regel auf zwei Kommunikationsebenen engagiert. In erster Linie kommuniziert er direkt (und gewöhnlich symmetrisch) mit den anderen Spezialisten seiner historischen Parzelle, in zweiter Linie indirekt (und gewöhnlich asymmetrisch) mit sogenannten Theoretikern, welche für die Gestaltung und Umgestaltung des jeweils zeitgemäßen literaturwissenschaftlichen Diskurses zuständig erscheinen. Dagegen, kommuniziert er fast nie (oder allenfalls außerhalb der Regelanforderungen) mit Spezialisten von benachbarten historischen Parzellen.
Da man sich im Grenzbereich verschiedener Parzellen der literaturgeschichtlichen Wissensordnung nur selten zu verständigen pflegt, kommt es unter diesen Bedingungen auch kaum einmal zur historisch differenzierenden Erkenntnis: bezeichnenderweise bleibt deshalb bei den „Discourses of Authority“ die zweite Hälfte des Buchtitels, die zur Distinktion zwischen „Medieval and Renaissance Literature“ Anlaß geben könnte, völlig im Hintergrund und wird abgesehen von Kennedys Unterscheidung mittelalterlicher und humanistischer Kommentierungspraxis – nicht eigens thematisiert, geschweige denn problematisiert. Statt dessen entsteht aus den spezifischen Kommunikationsverhältnissen gegenwärtiger Literaturwissenschaft die hier beschriebene und kritisierte Tendenz, beliebige Texte jedweder Vergangenheit durch Identifikation mit (post)modernen Diskursen gleichsam nach oben und nach vorne zu interpretieren. Sie ergibt sich, weil nach der Prämisse dieser Wissensordnung die spezialisierte Betrachtung eines partikulären literarhistorischen Terrains stets unvermittelt (und häufig im Kurzschluß) auf die – Allgemeingültigkeit prätendierende – Diskurswelt aktueller Theorien und Poetiken stoßen muß. Ebenfalls mag eine Rolle spielen, daß die Verwalter der voneinander isolierten Spezialitäten der Versuchung unterliegen, für ihre jeweilige Domäne immer auch etwas Reklame zu betreiben, und demzufolge untereinander in eine Art Modernitätskonkurrenz eintreten. So versucht dann Hult, seine Domäne zu illustrieren, indem er Chrétien neben Borges und Barthes rückt. Und wenn Frau Brownlee ihre Domäne ähnlich vorteilhaft präsentieren möchte, ist es unvermeidlich, daß wir am selben Ort, wo gerade noch Chrétien stand, wenig später Boccaccio antreffen.
Für eine ‚Défense et illustration de Chrétien (ou de Boccace)‘ ist damit vielleicht einiges gewonnen. Mit Sicherheit verloren hat jedoch das Interesse an geschichtlicher Erkenntnis, dem es nie um illustrierende Identität (im Singular), sondern allein um Differenzen (im Plural) gehen kann. Schließen wir diese Besprechung, bevor sie zum methodologischen Manifest ausartet, daher mit einem doppelten Appell; negativ: zur Askese gegenüber Höhen und Tiefen aktualisierend-entgrenzender Hermeneutik; positiv: zum Engagement für die bewußte Flachheit differentieller literarhistorischer Analysen [19] .
1 Vgl. Mimesis – From Mirror to Method. Augustine to Descartes,ed. John D. Lyons und Stephen G. Nichols, Hanover N. H. 1982, und Romance – Generic Transformation from Chrétien de Troyes to Cervantes, ed. Kevin Brownlee und Marina Scordilis Brownlee, Hanover N. H. 1985.
2 Eine erfreuliche Folge dieser Akkuratesse ist unter anderem auch die relaiv geringe Zahl der Errata. Bemängelt werden müssen hier nur ein gelegentich barbarisches Latein, etwa die Wiedergabe von Paulus’ Epistola ad Ephesios 5, 25 als „Viri diligite uxores vestrae“[188]; das fehlerhafte Spanisch („ageno“, vevir“) einer längeren Zitation aus Antonio Prietos Morfología de la novela [vgl. 271]; die sonderbar auratische Schreibung der Stadt Reims als „Rheims“ [131 und 147]. In dem Satz „For Ascoli, the project of the Convivio isto create an Author capable of writing the Convivio“ [6]ist bei der zweiten Titelnennung tatt „Convivio“sicherlich Commedia („Divine Comedy“)gemeint.
3 Vgl. T. W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben,Frankfurt a. M. 1964, 15.
4 Vgl. zu dieser Formulierung die Elégie à Louis Des Masures in: Ronsard, Œuvres Complètes,ed. P. Laumonnier, Bd. 10, Paris 1939, 369.
5 Welch letzteres durch die literarische „Repragmatisierung“ der Textsorte des juridischen Testaments natürlich weit leichter autorisierbar ist; vgl. dazu D. Ingenschay, Pragmatische Form und lyrische Besetzung – Zur Konstitution von Ballade und Testament bei Deschamps und besonders Villon,in: Literatur in der Gesellschaft des Spätmittelalters,ed. H. U. Gumbrecht (Begleitreihe zum GRLMA, Bd. 1), Heidelberg 1980, 169–190, sowie ds., Alltagswelt und Selbsterfahrung. Ballade und Testament bei Deschamps und Villon,München 1986.
6 Eine Übersicht über die von dieser Frage involvierten Probleme gibt M. Lentzen, Zur Konzeption der Allegorie in Dantes Convivio und im Brief an Cangrande della Scala,in: Dante Alighieri 1985,In memoriam Hermann Gmelin, ed. R. Baum und W. Hirdt, Tübingen 1985, 169–190, bes. 181ff.
7 Vgl. Dant’es „Commedia“. Elements of Structure,Baltimore 21977 (1. Auflg. 1954), 62; außerdem die schärfer akzentuierte Stellungnahme von Singletons Aufsatz Dante’s Allegory,Speculum 25 (1950), 78–86.
8 Als wesentlicher Punkt bedeutsamer Ähnlichkeit gilt hier: „Both the fictional rogue and the confected, artificial prince are disallowed maturational, unitary development – each is constantly forced back on the task of reinventing his role“ [239]. Wie aber sollte Machiavellis Fürst, der genaugenommen nichts anderes ist als eine (jederzeit auf andere Herrschaftsformen und Organisationen übertragbare) Funktion politisch rationalen Handelns, überhaupt eine ‚Entwicklung‘ erleben, so als wäre er der Protagonist eines Romans?
9 Zu einem besonders prägnanten Beispiel solcher Prägung, dem Einfluß von Castelvetros Petrarca-Kommentar auf Tassos Rime, vgl. G. Baldassarri, Per un diagramma degli interessi culturali del Tasso – Le postille inedite al commento petrarchesco del Castelvetro,Studi Tassiani 25 (1975), 5–74. Was Castelvetro und zumal Vellutello für die Anordnung und das „histoire-Substrat“der Parte prima der Tassoschen Rime bedeuten, wird eindringlich dargestellt von G. Regn, Torquato Tassos zyklische Liebeslyrik und die petrarkistische Tradition,Tübingen 1987, vor allem 76f. und 131–147.
10 Für den ersten Interpretationstyp steht hier exemplarisch M. Günsberg, „Donna liberata“? The Portrayal of Women in the Italian Renaissance Epic,The Italianist 7 (1987), 7–35 („a Lacanian reading [...] also infused with a rather facile social criticism“ [278]), für den zweiten das Buch von Sergio Zatti, L’uniforme cristiano e il multiforme pagano – Saggio sulla „Gerusalemme liberata“,Milano 1983.
11 Z. B. würde ich in Vers 80 der Petrarca-Kanzone „pianto“ nicht als Correctio von „Canzon mia“ verstehen („my song, no, my lament“ [98]), sondern – trotz der schon von Carducci getadelten syntaktischen Härte – als elliptisch formulierten Gegensatz zu „riso o canto“ in Vers 79; vgl. dazu Chiòrbolis überzeugenden Kommentar (F. Petrarca, Le „Rime Sparse“,commentate da E. Chiòrboli, Milano 1924, 618f.). Wenn es über die „would-be canzone Sí lungiamente m’ha tenuto Amore im 27. Abschnitt der Vita nuova heißt: „[...] interruption ironically transforms, through abrupt truncation, the would-be-canzone back into a perfectly crafted sonnet“ [99], dann ist zu bedenken, daß mit den Normen eines „perfectly crafted sonnet“ weder der Settenario „ed escon for chiamando“ noch die Paarreime im ‚Terzett‘-Teil dieses ‚Sonetts‘ vereinbar erscheinen.
12 Vgl. dazu auch die ausführliche Analyse des Danteschen ‚Subtext‘ in Petrarcas R.V.F., welche Sara Sturm-Maddox vorgelegt hat: Petrarch’s Metamorphoses. Text and Subtext in the Rime Sparse,Columbia, Missouri 1985, 39–94. Frau Sturm-Maddox kommt bei ihrem kontrastiven Vergleich zu einem ähnlichen Resultat, das sie metonymisch durch den Gegensatz von Dantes „Amor mi spira“ und Petrarcas „Amor mi sprona“ resümiert (vgl. ebda. 91), erfaßt jedoch weniger scharf das Oppositionsverhältnis, das sich am Schluß der beiden thematisch verwandten Kanzonen ergibt (vgl. ebda. 53).
13 Der Conde Lucanor wird hier also keineswegs bloß ‚dekonstruktivistisch‘ gelesen, sondern ausdrücklich selbst zur methodischen Antizipation des Dekonstruktivismus erklärt. Jedenfalls scheut Burke sich nicht, offenbar in Reaktion auf kritische Einwände anderer Kolloquiumsteilnehmer kurzentschlossen zu versichern: „To apply the term ‚deconstructionist‘ to the process by which he teaches is not anachronistic, because it is a process allied to the Same tradition that inspired the twentieth-century deconstructionists. Whether it is the Muslim savants hoping to arrive at the batin or interior, [...] or Jewish students of the Kabbala,or the Christian exegete, the method used is remarkably similar“ [210].
14 Mit Recht protestiert Frau Brownlee auch gegen eine Kritik, von der die mythologischen zugunsten der psychologischen Aspekte in der Elegia ‚systematisch‘ verdrängt würden: „the semantic level – the gallery of Greek and Trojan myths that the Heroides supplies to Fiammetta – tends to be systematically minimized“ [111]. Allerdings möchte ich bezweifeln, ob ein solch expliziter Protest in der heutigen Forschungssituation – dreißig Jahre nach Walter Pabsts in dieser Hinsicht wegweisender Studie Venus als Heilige und Furie in Boccaccios Fiammetta-Dichtung (Krefeld 1958) – immer noch notwendig ist.
15 Vgl. dazu etwa die spannende und auf hohem philologischen Niveau geführte Auseinandersetzung zwischen Jean Rychner und Jean Frappier über den Prolog dieses Romans. Bei ihr geht es vor allem um die Interpretation des im Prolog angesprochenen Auftrags als real (Frappier) oder fiktiv (Rychner). Vgl. unter den verschiedenen Stellungnahmen Rychners insbesondere Le prologue du „Chevalier de la Charrette“,Vox Romanica 26 (1967), 1–23, sowie die AntwortFrappiers Le prologue du „Chevalier de la Charrette“ et son interprétation,Romania 93 (1972), 337–377.
16 Nicht zuletzt auch die von Frappier beklagte stilistische ‚Mediokrität‘ Godefrois, die mit ihren identischen Reimen und ihren mechanischen Synonymdopplungen nach Hults Hypothese dann eine bloß gespielte wäre. Zu Godefrois ‚Stil‘ in Abgrenzung gegenüber jenem Chrétiens vgl. die allerdings etwas summarische Charakteristik von David J. Shirt, Godefroi de Lagny et la composition de la „Charrete“, Romania 96 (1975),27–52, hier 37f. Anm. 2.
17 Tatsächlich räumt Hult auch freimütig ein, mit seinem eigensinnigen Verständnis dieser Szene allein zu stehen, das heißt: sich hier von den Interpreten schlechthin zu unterscheiden; denn: „This peculiar scene has either been passed over or misread by the (!) crities“ [269].
18 Auf die Neigung zur Indifferenz und Vorhersehbarkeit, die solchen Interpretationen anhaftet, weist im übrigen auch Walter Stephens einmal hin, wenn er – strenggenommen gegen die Tendenz diverser Beiträge des von ihm selbst herausgegebenen Buches – zu einem Aufsatz von Marilyn Migiel (Tasso’s Erminia: Telling an Alternate Story,Italica 64 [1987], 62–75) bemerkt: „Migiel [...] seeks the points where desire threatens loss of control over the narrative, yet her overall conclusions are rather conventionally deconstructive: the slippages of Gerusalemme liberata turn out to be about what and where one would expect and produce about the came cautionary allegory about the Limits of language that one would expect from any text“ [170].
19 Dieser Appell trifft sich mit einem wohlbegründeten „Bedürfnis nach flachen Diskursen“,das der Herausgeber Hans Ulrich Gumbrecht – darin dem Herausgeber Walter Stephens ähnlich – ebenfalls am Ende eines bemerkenserten Sammelbandes artikuliert hat, in dem nicht wenige Beiträge in schwindelnde Höhen und abgründige Tiefen streben. Vgl. Materialität der Kommunikation, ed. H. U. Gumbrecht und K. L. Pfeiffer, Frankfurt a. M. 1988, 914–923.
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