« zurück
Permalink: http://gams.uni-graz.at/o:usb-067-218 | Druckversion | Quelle

Auerbachs Methode

Unter manchen Aspekten muß die Gestalt des romanistischen Literaturwissenschaftlers Erich Auerbach heute (im Sommer 1992, wie ich diese Betrachtungen für Hans Helmut Christmann, den Romanisten und Sprachwissenschaftler, der – obwohl er das zu leugnen pflegt – auch ein Literaturwissenschaftler ist, niederschreibe) unzeitgemäßer wirken als jemals zuvor. Diesen Eindruck vermittelt auf den ersten Blick besonders kompakt Auerbachs berühmtestes Buch Mimesis – Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur, das – geschrieben „zwischen Mai 1942 und April 1945“ – 1946 in Bern veröffentlicht wurde. Wenn schon der heutige Normal-Romanist, der gewöhnlich über Kenntnisse in zwei romanischen Sprachen bzw. Literaturen verfügt, mit zunehmender Beflissenheit seinen allzu geringen Grad an Spezialisierung, das heißt für ihn: Professionalität, beklagt, dann erscheint Auerbach ihm gegenüber völlig disqualifiziert; denn ein Literaturwissenschaftler, der in ein und derselben Untersuchung Texte von Virginia Woolf, Stendhal, Rabelais und Boccaccio, aber auch von Ammian oder Gregor von Tours interpretiert, gilt nach solchen Professionalitätskriterien als unseriös, ja als schlechtes Beispiel und als das Anti-Modell schlechthin.
Dazu kommt die poetologische Provokation, welche speziell im Untertitel des Auerbachschen Hauptwerks enthalten ist. Indem Auerbach die literarische Darstellung` von ,Wirklichkeit‘ zu seinem Thema macht, setzt er die Gültigkeit einer Repräsentationsästhetik voraus, die zu kontestieren und (unter dem Stichwort „illusion référentielle“) als ,Illusion‘ zu erklären bekanntlich den größten gemeinsamen Nenner aller rezenten – literarischen wie literaturwissenschaftlichen – Avantgarden bildet. Überdies offenbaren vor allem die letzten Kapitel des Mimesis-Buchs, daß der Begriff „dargestellte(r) Wirklichkeit“ für Auerbach nicht allein ein heuristisches Konstrukt bleibt. Zumindest untergründig wirkt er in seinen Vorstellungen auch als eine Norm, die sowohl den Aspekt des sensu strictiori Poetologischen wie den des Politisch-Moralischen erfaßt [1] .
Daß Auerbachs Inbegriff von Realismus, das Konzept einer „ernste(n) Darstellung der zeitgenössischen alltäglichen gesellschaftlichen Wirklichkeit auf dem Grunde der ständigen geschichtlichen Bewegung“ (S. 480) [2] , manchmal normative Züge annimmt, zeigt sich mit besonderer Deutlichkeit beim Vergleich von Zolas Germinal und dem Roman Germinie Lacerteux der Brüder Goncourt. Er läßt keinen Zweifel an der Präferenz für das Werk Zolas, das gegenüber dem der Goncourt nach Auerbachs Maßstäben als das entschieden bedeutendere und historisch prägnantere eingestuft wird. Von Zola kann Auerbach nämlich behaupten, daß er „über den bloß ästhetischen Realismus der ihm voraufgehenden Generation hinausgekommen“ ist (vgl. S. 476), während den Goncourts diesbezüglich ein lediglich relatives Verdienst zukommt: „ihr Beispiel hat dazu beigetragen, andere zu inspirieren und zu ermutigen, die nicht im bloß Ästhetischen steckenblieben“ (S. 470). Was bei dieser Überwindung des „bloß Ästhetischen“ Zolas wesentliche Errungenschaft darstellt, geht vielleicht am klarsten aus den folgenden Formulierungen hervor: „Die Kunst des Stils [...] dient der unerfreulichen, bedrückenden, trostlosen Wahrheit. Aber diese Wahrheit wirkt zugleich als Aufruf zum Handeln im Sinne einer sozialen Reform. Es handelt sich nicht mehr, wie noch bei den Goncourts, um den sinnlichen Reiz des Häßlichen; sondern, ohne jeden Zweifel, um den Kern des sozialen Problems der Zeit, um den Kampf zwischen Industriekapital und Arbeiterklasse; das Prinzip l’art pour Part hat ausgespielt“ (S. 476). Zwar mag Zola – wie es heißt – „übertrieben“ haben, doch hat er nach Auerbach „in der Richtung übertrieben, auf die es ankam“ (ebd.).
Durch solche und ähnliche Stellungnahmen wird schlagartig eine gewisse epochale Gemeinsamkeit sichtbar, die Auerbach bei allen sonstigen Differenzen einerseits mit der – robusteren – Inhaltsästhetik eines Georg Lukács (dem freilich speziell Zola wenig behagte) verbindet und ihn andererseits in eine überraschende Nähe zum humanitären Elan von Sartres „littérature engagée“ bringt, den er ja auch mit seinen politisch-moralischen Reserven gegenüber den emphatischen ‚Ästheten‘ (Goncourt, Flaubert, Baudelaire usw.) durchaus teilt [3] . Gewiß hat ein Kritiker in den frühen siebziger Jahren mit der damals üblichen Strenge des bundesrepublikanischen Neo-Marxismus die tiefe „Kluft“ gerügt, „die Auerbach von der historisch-materialistischen Literaturtheorie trennt“: „Auerbachs Erkenntnistheorie“ bliebe „bürgerlichen Vorstellungen verhaftet“, und seine partiell richtigen Einsichten in die „ökonomische und technische Entwicklung seit dem Ersten Weltkrieg“ beschränkten sich letztlich auf „bloße Symptome, die er ohne Kenntnis von Marx und von Lenins grundlegender Schrift über den Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus erklärlicherweise (!) auf keinen festen Boden stellen kann“ [4] . Von der damaligen marxistischen Orthodoxie her gesehen, mag der Befund solcher ‚Defizite‘ wohl zutreffen; doch ist man 1992 – in einer historischen Situation, in der die politische und wissenschaftliche Attraktivität des Marxismus nachgelassen hat – versucht, genau umgekehrt zu urteilen. Was heute an den Schriften Auerbachs als ungewöhnlich auffällt, ist nicht die einst von glaubenseifrigen Konvertiten getadelte Distanz zum Marxismus [5] , sondern eher die prononcierte Bekundung von Interesse und Respekt, welche mit dieser Distanz ganz unorthodox koexistiert [6] .
Wie für die ‚marxistische‘ Ästhetik eines Lukács liegt nämlich auch für Auerbachs Idealbild der ‚modernen Realistik‘ das Entscheidende darin, daß die Wirklichkeitsdarstellung sich – ‚bewusst‘ und ‚konkret‘ – „mit dem Politischen, Soziologischen und Wirtschaftlichen“ einer Epoche verbunden zeigt (vgl. S. 425f.) oder daß sie – um eine andere charakteristische Formulierung zu zitieren – die „politisch-ökonomischen Tiefenbewegungen der Epoche“ spürbar macht (vgl. S. 417). Ein solches ‚Spürbarmachen‘ der „politisch-ökonomischen Tiefenbewegungen“ vermißt Auerbach – zum Verdruß seiner germanistischen Kritiker [7] – etwa bei Goethe wie überhaupt in der deutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts [8] , und wie er nach Motiven für den deutschen Realismus-Mangel sucht, um dabei insbesondere das stärkere Interesse des deutschen Historismus „am überzeitlichen Geist der Geschichte und am Gewordensein des Bestehenden als an den gegenwärtig vorhandenen Keimen des konkret Zukünftigen“ hervorzuheben, da beschließt er das – für ihn ziemlich negative – Resümee mit der Feststellung: „so blieb es, in allem Wesentlichen, bis zu Karl Marx“ (S. 414). Und sogar die explizite Distanzierung von den ‚Geschichtsgesetzen‘ des dialektischen Materialismus, wie sie in der Einleitung zu Literatursprache und Publikum in der lateinischen Spätantike und im Mittelalter geäußert wird, erfolgt auf bemerkenswert gelassene Weise und nicht ohne gleichsam sympathetische Hochachtung eines zwar letztlich inadäquaten, aber doch – wie es heißt – ‚genialen‘ Entwurfs [9] : „Der genialste und einflußreichste Versuch, die neuere Geschichte im ganzen gesetzlich zu erfassen, ist der dialektische Materialismus; er ist aus der Lage eines bestimmten Momentes erwachsen, und die Grenzen seiner Geltung sind schon nach einem Jahrhundert sehr deutlich geworden“ [10] .
Berücksichtigt man diese und viele andere Argumente, in denen Auerbach unübersehbare Berührungspunkte mit Gedanken von Lukács oder Sartre aufweist, so wird uns bewußt, daß seinem Werk im Kontext der von ihm primär angesprochenen Wissenschaftsdisziplin nicht erst heute eine Sonderstellung zukommt. Bereits in der Zeit der Entstehung von Mimesis besaß das, was wir hier – ein wenig abkürzend – als Auerbachs Methode bezeichnen wollen, für die kontemporäre (romanistische) Literaturwissenschaft etwas Unzeitgemäßes, ja insgeheim Widerspenstiges. Zwar hat es sich heute eingebürgert, Auerbach stets in einem Atemzug mit den ‚Klassikern‘ des Fachs zu nennen, und auch er selbst verweist in der Einleitung zu Literatursprache und Publikum, um sich wissenschaftsgeschichtlich und methodentypologisch zu situieren, auf die romanistischen Kollegen Karl Voßler, Ernst Robert Curtius und Leo Spitzer, „Gelehrte wie man sie“ – zumal was die „Weite ihres Gesichtskreises“ angeht – „wohl in keinem anderen philologischen Fache und in keinem anderen Lande finden dürfte“ [11] . Diese Situierung des eigenen Werks bleibt im Argumentationszusammenhang der Einleitung jedoch provisorisch. Genaugenommen dient sie weniger dem Traditionsanschluß als vielmehr der schärferen Distinktion, um vor dem Hintergrund von Gemeinsamkeiten möglichst deutlich jene methodologischen Elemente herauszuarbeiten, die Auerbach für sich selber als charakteristisch erachtet [12] .
So beansprucht Auerbach gegenüber den Stilstudien Leo Spitzers, mit denen er sich partiell verbunden weiß, ein stärker ausgeprägtes Interesse am „Allgemeinen“, das für ihn in erster Linie das Geschichtliche ist. Dabei wird Spitzers gegenläufige Absicht in der „genauen Erfassung individueller Formen“ bestimmt: „Spitzer ist es in seinen Interpretationen immer wieder um das genaue Verständnis der einzelnen Sprachform, des einzelnen Werkes oder des einzelnen Dichters zu tun“ [13] .Nach Auerbach hängt diese Spitzersche Fokalisierung der Interpretation auf das Individuelle „mit der romantischen Überlieferung und mit ihrer impressionistisch-individualistischen Weiterbildung“ zusammen [14] . Das ist zweifellos richtig gesehen, bedarf aber der Ergänzung, welche neben der „romantischen Überlieferung“ auch die damals aktuelleren und diskursmächtigeren Impulse der Ästhetik Benedetto Croces, der sogenannten Idealistischen Neuphilologie und des ‚New Criticism‘ anführen müßte. Von ihnen, die er – wohl wegen ihrer aktuellen Diskursmächtigkeit – hier nicht explizit erwähnt, distanziert sich Auerbach, indem er – was die eigene Position betrifft – das Individuelle und Besondere dem unterordnet, was er das „Allgemeine“ nennt: „Dagegen ist es mir um etwas Allgemeines zu tun [...]. Immer wieder habe ich die Absicht, Geschichte zu schreiben; ich trete daher an den Text nicht als einzelnen, nicht voraussetzungslos heran; ich richte eine Frage an ihn, und diese Frage, nicht der Text, ist der Hauptansatz“ [15] .
Wird bei der Abgrenzung von Spitzer die Opposition zweier gegensätzlicher Fokalisierungen – des „Individuellen“ und des „Allgemeinen“ – beinahe plakativ deutlich gemacht, so vollzieht Auerbach die Abgrenzung von Curtius in der gleichen Einleitung diskreter oder jedenfalls mit weniger bestimmten Akzenten [16] . Trotzdem findet die Distanzierung einen quasi offiziellen Platz bei den ‚Acknowledgments‘ von Literatursprache und Publikum, wenn Auerbach – zunächst den akademischen Usancen entsprechend, doch dann überraschend in lakonischen Widerspruch umschwenkend – erklärt: „Manchen Büchern verdanke ich mehr Anregung, als in den Zitaten zum Ausdruck kommt; am meisten Material und auch manche Problemstellungen dem gewaltigen Mittelalterbuch von Ernst Robert Curtius, obwohl ich in der Beurteilung des Bedeutsamen fast niemals mit ihm übereinstimme“ [17] . Überraschend wirkt dieser – „fast“ kontinuierliche – Mangel an ,Übereinstimmung‘ insofern, als die – gegenüber Spitzer behauptete – Neigung zum „Allgemeinen“ statt zum „Individuellen“ Auerbach eigentlich mit Curtius’ „gewaltigem Mittelalterbuch“, in dem die Individuen zugunsten einer machtvollen Tradition ja entschieden zurücktreten [18] , verbinden sollte.
Tatsächlich befinden sich Auerbach und der Mediävist (weniger der frühe Französist) [19] Curtius in einer durchaus vergleichbaren Gegenposition zur Idealistischen Neuphilologie und zur Crocianischen ,critica‘, welche sie beide auf dem überindividuellen Moment stilistischer, rhetorischer, generischer und thematischer Überlieferungen insistieren läßt. Was sie innerhalb dieser Gemeinsamkeit trennt, ist erneut eine verschiedene Fokalisierung des Traditionsinteresses (wie zuvor – beim Kontrast zu Spitzer – des Stilforschungsinteresses). Während dies Interesse sich in Curtius’ Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter – unter anderem sicherlich aus Gründen, die kompensatorisch mit den politischen wie ideologischen Brüchen und Katastrophen der deutschen Geschichte zu tun haben – vorzugsweise auf alles richtet, was für die Homogenität und Kontinuität einer umfassend harmonisierten (und harmonisierenden) Dauertradition spricht, suchen Auerbachs Schriften gerade umgekehrt nach den Wendungen und Konflikten bei der Konkurrenz verschiedener Traditionen. So wird die Synthese antik-paganer und jüdisch-christlicher Überlieferung, die Curtius in (mit) seinem Mittelalterbuch nicht nur erforschen, sondern gleichzeitig befördern möchte, unter Auerbachs Perspektive schon im ersten Kapitel von Mimesis scharf geschieden und analytisch zerlegt. Auf ähnliche Weise entfernt sich Auerbach in Literatursprache und Publikum von Curtius’ Interessen, wenn er etwa die Fremdheit der parataktischen Chanson de geste gegenüber allen lateinischen Stilüberlieferungen betont [20] oder wenn er – höchst subtil – nachzeichnet, wie die antike Stillage tragischer bzw. epischer Erhabenheit eben durch den Effekt einer zunehmenden Rhetorisierung der spätantiken und frühchristlichen Schriftstellerei verfallen mußte [21] .
Für eine solche perspektivische Divergenz im Umgang mit Tradition (Traditionen) sind bis zu einem gewissen Grad wohl unterschiedliche, ja konträre ideologische Neigungen verantwortlich zu machen, wobei Curtius’ affirmativer abendländischer (aber kaum national getönter) Konservativismus seit langem bekannt ist und auch oftmals – mit eher disproportionalem Eifer – kritisiert wurde [22] . Dazu kommt als ein weniger beachteter Faktor auf der anderen Seite indes noch Auerbachs extraordinäre stilistische Hellhörigkeit besonders bei lateinischen Texten, für die ich bei Curtius nichts Analoges feststellen kann: Während man in Curtius’ Schriften immer wieder das Gefühl hat, daß sie die Latinität trotzig als ein unpopulär gewordenes Bildungsgut exaltieren, vermitteln manche Seiten von Literatursprache und Publikum den Eindruck, daß Auerbach mit der größten Selbstverständlichkeit in der Latinität lebt und hier Unterschiede der écriture wahrnimmt, die selbst für einen Curtius längst belanglos geworden sind [23] . Aus dieser Hellhörigkeit speziell angesichts von Nuancen lateinischer Stiltraditionen erwächst dann ein Distinktionsvermögen, das mir unter Romanisten völlig einzigartig erscheint. Bemerkenswerterweise steht es in einem evidenten (und überaus produktiven) Spannungsverhältnis zur expressis verbis unterstrichenen Privilegierung des „Allgemeinen“, welche Auerbach gegenüber Spitzer vertritt. Mit ihm deutet sich in Auerbachs methodentypologischer Position jene ans Paradoxale grenzende Balance an, die für sein Oeuvre überhaupt konstitutiv ist. Sie verwirklicht sich durch die Blickrichtung aufs „Allgemeine“, welches die „Anschauung von einem Geschichtsverlauf“ meint [24] , und bewahrt – abweichend von Curtius – doch zugleich einen extrem geschärften Sinn für das Besondere, der wie nie zuvor das Gewicht individueller und kultureller Differenzen zu dramatisieren weiß.
So mag sich Auerbachs Werk wohl in einem doppelten geschichtlichen Bezug – gegenüber den opiniones communes seiner wie unserer Epoche – als unzeitgemäß ausnehmen, was einzelne Elemente in seinem epistemologischen Aufbau betrifft. Dagegen bleibt es meines Erachtens immer noch auf faszinierende Art exemplarisch, wenn man sich weniger an Einzelheiten der von ihm implizierten Wertsetzungen als vielmehr an seine methodologische Figur im Ganzen hält, das heißt: die Figur eines Gleichgewichts generalisierender und differenzierender Perspektiven, wie es in der Geschichte unseres Fachs selten ähnlich riskant und erkenntnisträchtig durchgehalten wurde. In der Tat hat auch Auerbach selber dies Gleichgewicht zwischen Allgemeinem und Besonderem wiederholt angesprochen, am nachdrücklichsten vielleicht in dem späten Aufsatz „Philologie der Weltliteratur“, der einige wichtige Formulierungen der Einleitung zu Literatursprache und Publikum wörtlich übernimmt. Er schlägt einerseits ein Projekt „historisch-synthetischer Literaturbetrachtung“ vor, das sich nicht mehr mit „Monographien über einzelne bedeutende Gestalten“ begnügt [25] , und insistiert andererseits auf der Konkretheit des jeweiligen Ausgangspunktes und Ansatzes für ein solches Projekt: „Der Ansatz muß einen fest umschriebenen, gut überschaubaren Kreis von Phänomenen aussondern; und die Interpretation dieser Phänomene muß Strahlkraft besitzen, so daß sie einen weit größeren Bezirk als den des Ansatzes ordnet und mitinterpretiert“ [26]
Dabei hat es den Anschein, als habe Auerbach bei dem hier skizzierten Ausgleich zunehmend die Seite des Konkreten betont, während ihm die allgemeinen Konzepte zunehmend suspekt wurden. Beispielsweise warnt er im Anschluß an die eben zitierten Postulate: „Ein guter Ansatz muß genau und gegenständlich sein; abstrakte Ordnungskategorien und Merkmalsbegriffe eignen sich nicht dafür; also weder das Barocke oder das Romantische, noch so etwas wie Dramatik oder Schicksalsgedanke oder Intensität des Mythos“ [27] . Was hinter dieser Warnung steht, ist wohl vor allem eine hellsichtige Sorge um die peinliche Tendenz erfolgreicher humanwissenschaftlicher Begriffe, bei übermäßigem Erfolg die Funktion von Slogans und Klischees anzunehmen: „Überall liegen fertig geprägte, aber selten ganz zutreffende Begriffe auf der Lauer, zuweilen durch Klang und Modegeltung verführerisch, bereit einzuspringen, sobald den Schreibenden die Energie des Gegenständlichen verläßt. Dadurch wird zuweilen schon der Schreibende, sicher aber viele Leser, verführt, an Stelle der Sache ein naheliegendes Cliché zu verstehen – sind doch überhaupt allzu viele Leser zu solchen Substitutionen geneigt; man muß alles tun, um ihnen jede Möglichkeit des Entwischens aus dem Gemeinten abzuschneiden“ [28] .
Das Gleichgewicht, welches die derart erstrebte „exakte Art von Geistesgeschichte“ realisiert, zeigt sich in besonderer Evidenz an der Struktur der Mimesis. In ihr kommt das Besondere durch die teils berühmt gewordenen Interpretationen ausgewählter Textstellen zu seinem Recht. Dagegen manifestiert sich das Allgemeine in Auerbachs zentraler Frage nach den Modi von literarischer Wirklichkeitsdarstellung: einer Frage, die dann nicht zu einem Einblick in das ‚Wesen‘ des Realismus, sondern zur Entfaltung von dessen historisch-typologischer Vielfalt führt [29] . Zum Allgemeinen, wie Auerbach es versteht, gehört ebenfalls die narrative Figur, in der die historisch-typologische Vielfalt der Realismen geordnet wird [30] . Es handelt sich gleichsam um einen Plot, welcher die Geschichte der Wirklichkeitsdarstellung in der abendländischen Literatur als eine Folge stiltrennender Schreibweisen mit geringer realistischer Prägnanz und stilmischender Schreibweisen mit größerer realistischer Prägnanz erzählt. Wie des öfteren unterstrichen wird, hat die Idee, der Geschichte der europäischen Realismen einen solchen Plot zu geben, ihre wesentlichen Ursprünge zum einen in der antiken Lehre von den verschiedenen Höhenlagen des Stils, zum anderen in der romantischen Poetik einer programmatischen Stil- und Gattungsmischung. An der Bedeutung der letzteren als Inspirationsquelle für die Geschichtskonstruktion von Mimesis ändert im übrigen auch der Umstand nichts, daß Auerbach das Zentrum der modernen „Stilmischungsbewegung“ – poetologisch und epistemologisch korrigierend – von Hugos Kombination des „sublime“ und des „grotesque“ zur „Stendhal-Balzacsche(n) Form“ eines Einbruchs von tragischem „Ernst“ in die „alltägliche Wirklichkeit“ verschiebt [31] .
Wenn Auerbach das Allgemeine, das in dieser Erzählfigur beschlossen ist, auf den Begriff bringen will, dann gebraucht er bemerkenswert zurückhaltend die Formel der „Anschauung von einem Geschichtsverlauf“, um noch hinzuzufügen: „etwas wie ein Drama, das auch keine Theorie, sondern paradigmatische Anschauung vom Menschengeschick enthält“ [32] . Das klingt zunächst nicht sonderlich eklatant und überzeugend, weshalb man Auerbach die theoretische Zurückhaltung bei dieser Formulierung – und anderen der gleichen Art – auch häufig (nicht ganz zu Unrecht) angekreidet hat. Die Kritiken, die hier geäußert wurden, reichen vom Vorwurf eines „flachen Agnostizismus“ (der freilich eher den quasi theologischen Dogmatismus des Kritikers kompromittiert) bis zum – begründeteren – Tadel einer „unscharfe(n) Begriffsbildung“ [33] . In der Tat ist ja evident, daß Auerbach die Fülle konkreter Ergebnisse, welche Mimesis bietet, unter anderem dadurch erkauft, daß er die Begriffe von „Wirklichkeit“ oder „Alltäglichkeit“, mit denen er umgeht, weithin undefiniert läßt und sozusagen als den blinden Fleck seiner Studie akzeptiert [34] .
Auf der anderen Seite dürfte indes der Glaube an die Produktivität unanfechtbar geschlossener Theorien in den letzten Jahren derart geschwunden sein, daß wir nicht länger bereit sind, von den – unvermeidlichen – blinden Flecken einer Untersuchung automatisch auf deren theoretische Unzulänglichkeit zu schließen [35] . So lohnt es sich meines Erachtens, die Frage nach Konsistenz und Explizitheit von Auerbachs Terminologie im Sinne einer phänomenologischen Epoché gewissermaßen einzuklammern. Was an dem Auerbachschen Konzept der Stilhöhenlehre sowie der durch sie darstellbaren Trennungs- und Mischungsphänomene dann deutlicher sichtbar wird, ist seine unbestreitbare Funktionalität im Hinblick auf den von ihm generierten literaturwissenschaftlichen Text. Mehr als jede andere Studie zeigt Mimesis, daß sich über literatur- wie insgesamt über humanwissenschaftliche Theorien als solche kaum adäquat diskutieren läßt, ohne ihre Funktion für das jeweilige Erkenntnisziel und vor allem ihre generative Kraft für den jeweiligen Textentwurf in Betracht zu ziehen.
Unter diesem Aspekt betrachtet, erzeugt nun gerade die relative Diskretion des Ansatzes, den Auerbach in Mimesis verfolgt, die allergünstigsten Wirkungen. Was der Ansatz hier gewährleisten mußte, war in erster Linie die Ausbildung einer Perspektive, welche geeignet erschien, ohne willkürliche Verzerrungen die gesamte historische Extension der abendländischen Literatur von den Anfängen Homers und der biblischen Geschichten bis zu Auerbachs Gegenwart zu umfassen. Für einen solchen Zweck besaß die Lehre von den Stilhöhen, die große Teile der antiken Dichtung ebenso bestimmte wie später noch – als klassizistischer Widerpart – den Elan der romantischen Literaturrevolution, die besten Voraussetzungen, insbesondere wegen ihres idealen Abstands von den Einzelphänomenen, in denen sie nicht aufging, denen sie aber auch nicht als ahistorisch applizierte Klassifikation gegenübertrat.
Dazu kommt als ein weiterer unschätzbarer Vorteil des Auerbachschen Ansatzes der beträchtliche Raum, den er für die Entfaltung anderer, mehr oder weniger benachbarter Perspektiven gewährt. Wenn er einerseits eine großräumige Narrationsfigur nahelegt, durch die sich die abendländische Literaturgeschichte gliedern läßt, so wirkt diese Narrationsfigur andererseits doch so unaufdringlich, daß sie die Fülle des Konkreten nirgendwo erstickt und die Wertungen, mit denen sie die von ihr erfaßten Phänomene versieht, nur in geringem Maß ideologisch präjudiziert. Was sie vor allem auszeichnet, ist ihre enorme Anschlußfähigkeit, die sich sowohl in den Bereich des Stilistisch-Textuellen wie in den des Sozial- und Mentalitätsgeschichtlichen erstreckt. Indem Auerbach alle Möglichkeiten gleichsam kollateraler Perspektivik nutzt, welche ihm der Rekurs auf die Stilhöhenlehre erlaubt, entsteht jener Effekt eines nicht inkohärenten, sondern organisch` artikulierten Reichtums verschiedenartiger Aspekte, der noch jeden Leser von Mimesis (falls er literarhistorisch einigermaßen erfahren ist) beeindruckt hat. Hier verwandelt sich die Weitherzigkeit des Auerbachschen „Historismus“, der sich bald an Marx und bald an Friedrich Meinecke hält, in eine entschiedene historiographische Produktivkraft. Sie läßt nicht nur vergessen, was auf den ersten Blick als Schwäche ihrer epistemologischen Unschlüssigkeit erscheinen mag, sondern versteht es – näherhin betrachtet – sogar, eben aus dem epistemologischen Mangel einen methodologischen Vorzug zu machen.
Mit dem Begriff „Historismus“ haben wir das Konzept angesprochen, dem Auerbach selbst in seinem Methodenentwurf einen wesentlichen, ja wohl den zentralen Rang zugewiesen hat. Es bedeutet für den Autor von Mimesis zunächst eine Betrachtungsweise, die bemüht ist, alle ästhetischen, politischen und sozialen Phänomene, auf die sie stößt, nach Möglichkeit als geschichtlich gewordene wahrzunehmen. Durch die gemeinsame Bemühung um eine solche Betrachtungsweise erklärt sich das prononcierte Einverständnis, das Auerbach insbesondere mit Stendhal und Balzac äußert, deren Werk in der Geschichte des europäischen Realismus, wie Mimesis sie zeichnet, zugleich Wendepunkt der Entwicklung und Norm der Darstellung ausmacht. Wenn es beispielsweise über Balzacs Romane heißt: „In der Tat sind seine Menschen und Atmosphären, so gegenwärtig sie sind, stets als aus den geschichtlichen Ereignissen und Kräften entsprossene Phänomene vorgestellt“ (S. 447), dann ist unverkennbar, daß an diesen Romanen eine Weltsicht gerühmt wird, welche eben auch die des Literarhistorikers ist, der mit den ihm vorliegenden Texten so „historistisch“ verfahren möchte wie Balzac mit seinen „Menschen und Atmosphären“.
Wie vor allem die Einleitung zu Literatursprache und Publikum dokumentiert, ist sich Auerbach indessen bewußt, daß Historismus folgerichtig und unvermeidlich gleichfalls Relativismus bedeutet. Als Relativismus aber war der Historismus zu Auerbachs Zeit schon seit langem in Verruf geraten [36] , und man könnte mit Fug und Recht behaupten, daß ein wichtiges Motiv der verschiedensten ästhetischen und philosophischen Bewegungen während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in einer – teils voluntaristisch forcierten – Abwehr jenes historistischen Relativismus bestanden hat, der häufig mit dem Schimpfnamen „Positivismus“ versehen wurde: Was den Bereich der Literatur-Ästhetik betrifft, wäre hier an eine wirkungsmächtige Tradition zu denken, die vorn Benedetto Croce bis etwa zu René Wellek oder – auf einer unorthodoxen Seitenlinie – bis zum Roland Barthes von Critique et vérité reicht [37] . Im Kontext dieses zeittypischen Widerwillens gegen das Relativistische, das notwendigermaßen aus jeder historisierenden Betrachtungsweise erwächst, zeigt sich Auerbachs unverwechselbar eigentümliche Position nun darin, daß er – obwohl alles andere als ein philologischer „Positivist“ [38] – am Historismus gerade auch in dessen eher unpopulären, ja verschrieenen relativistischen Konsequenzen festhält.
Gewiß mildert Auerbach das Anstößige dieser Option, indem er den Begriff „Relativismus“ gelegentlich durch den weniger belasteten Begriff „Perspektivismus“ ersetzt. Doch gibt es andere Stellen, an denen der Wille zur Relativierung (statt zur Absolutierung, welche stets Macht verheißt) durchaus mit großem Nachdruck vertreten wird. So schreibt Auerbach in seinem methodologischen Rechenschaftsbericht über den „historischen Relativismus“ einmal, gleichzeitig pointierend und beruhigend: „Es ist ein radikaler Relativismus; man sollte ihn deshalb aber nicht fürchten“ [39] , was in der Formulierung ein wenig an Hofmannsthals Marschallin erinnert, die von der Zeit – dem Ursprung aller historischen Relativierung – sagt: „Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding. [...] Allein man muß sich auch vor ihr nicht fürchten“ [40] . Noch größer wird der Nachdruck, wenn Auerbach den „Historismus“ wegen seines relativierenden Effekts sogar zur „kopernikanische(n) Entdeckung der Geisteswissenschaften“ erhebt und dabei vor allem die hermeneutische Flexibilität und Pluralität, welche für alle gegenwärtige Kunstrezeption konstitutiv ist, als die wichtigste und erfreulichste Folge dieser „kopernikanischen Entdeckung“ feiert: „Unser Historismus in ästhetischen Fragen ist uns so selbstverständlich geworden, daß wir uns seiner kaum noch bewußt sind. Wir genießen die Kunst, die Dichtung, die Musik der verschiedensten Völker und Zeiten mit der gleichen Bereitschaft zum Verständnis“ [41] . Und weiter heißt es, mit einer klarsichtig ironischen Einschränkung: „Das perspektivische Verstehen hört zwar sofort auf, sobald die Politik im Spiele ist; aber im Ästhetischen üben wir unsere Anpassung an verschiedene Kulturformen oder Epochen während eines einzigen Museumsbesuches, in einem einzigen Konzert, zuweilen sogar im Kino, beim Durchblättern einer illustrierten Zeitschrift oder selbst beim Anblick der Reklameschriften von Reiseagenturen“ [42] .
Was in den zuletzt zitierten Sätzen zum – mit deklarierter Sympathie ergriffenen – Thema wird, ist das gleiche Phänomen kultureller Multiplizität, das Paul Bourget einst im Renan-Abschnitt seiner Essais de psychologie contemporaine unter dem Begriff „Dilettantisme“ – wohl nicht ohne untergründige Faszination – stigmatisiert hatte. Als „Dilettantisme“ war der historistische Relativismus Bourget wie eine verführerisch gefährliche soziale Krankheit erschienen. Nach den berühmtesten Definitionen der Essais bestand sie in einer „disposition de l’esprit, très intelligente à la fois et très voluptueuse, qui nous incline tour à tour vers les formes diverses de la vie et nous conduit à nous prêter à toutes ces formes sans nous donner à aucune“, und präsentierte sich in ihrer avanciertesten Spielart als „une science délicate de la métamorphose intellectuelle et sentimentale [43] . Zur Gefahr wird ein solcher Relativismus alias „Dilettantisme“ in Bourgets Augen, weil er jede Gewißheit von Glauben und Überzeugung zersetzt und damit den – prononciert konservativ verstandenen – Zusammenhalt der Gesellschaft aufzulösen droht: „Autrefois une même société, comme an disait, avait un fonds de conceptions analogues sur les chapitres essentiels de la vie. Comment en serait-il ainsi, aujourd’hui que le flot démocratique a monté, que trente voltes-faces, en politique, en littérature, en religion, de la pensée générale ont jeté dans le courant des esprits toutes sortes de formules de gouvernement, d’esthétique et de croyance?“ [44] .
Interessanterweise bekennt sich auch der junge Curtius in seiner Schrift Die literarischen Wegbereiter des neuen Frankreich ganz zu den ideologischen Perspektiven und Wertungen der Essais de psychologie contemporaine. So beklagt er in Übereinstimmung mit einem anti-positivistischen Gemeinplatz der Epoche: „[...] dem philosophischen Denken war jede Schwungkraft abhanden gekommen. [...] Wie in Deutschland und England hatte sich unter dem Einfluß der naturwissenschaftlichen Denkweise der materialistische Positivismus als angeblich allein den Zeiterkenntnissen angemessene Philosophie der öffentlichen Diskussion bemächtigt“ [45] . Und wie Curtius auf Renan und den „Dilettantisme“ zu sprechen kommt, verfällt er in eine erstaunlich enge Bourget-Paraphrase, die aus den Essais de psychologie contemporaine nicht nur den analytischen Befund, sondern auch die konservative Abwehr des „historistischen Relativismus“ übernimmt: „Die geistige Oberschicht gefiel sich in eleganter Skepsis. Ihr Meister war der alternde Renan, der sich von dem moralischen Idealismus seiner Jugend zu einem koketten Epikureertum bekehrt hatte. [...] Man gefiel sich darin, alle Erscheinungen des Lebens und der Kunst zu verstehen und zu genießen, ohne nach ihrem Wert zu fragen. Es galt, alle geistigen und ästhetischen Reize auszukosten. Überzeugungen irgendwelcher Art wären dabei nur hinderlich gewesen. Sie wurden als Vorurteil über Bord geworfen. Es ließ sich ja alles beweisen und widerlegen“ [46] .
Vor dem Hintergrund solcher Passagen, welche die sozusagen epochale Geistesstimmung einer longue durée recht genau wiedergeben, erhält Auerbachs nachdrückliches Bekenntnis zum Historismus als einem Relativismus erst sein eigentliches Relief. Freilich würden wir dies Bekenntnis trotz aller Bewunderung für die Souveränität, die ihm zu eigen ist, weniger entschieden hervorheben, wenn es sich mit Mimesis und anderen Auerbachschen Schriften nicht auch in eine – zu seiner Zeit – einzigartige und gleichfalls auffällig souveräne literaturwissenschaftliche (literarhistorische) Praxis umgesetzt hätte. In dieser Praxis einer so historistischen wie relativistischen Literaturbetrachtung liegt nämlich – wie ich finde – das innovative und nach wie vor unerschöpfte Moment von Auerbachs Methode. Wie schon mehrfach angedeutet, wirkt es im wesentlichen unterhalb des Niveaus expliziter epistemologischer Festlegungen, die mit der Lukács-(Sartre-)Nähe ihrer quasi selbstverständlich vorausgesetzten Repräsentationsästhetik wohl in der Tat etwas – im negativ einschränkenden Sinn – Zeitgebundenes besitzen. Was Auerbach meines Erachtens aktuell macht, sind nicht seine – ohnehin bemerkenswert diskret artikulierten – Normen, sondern die speziell praktischen Aspekte seiner literaturwissenschaftlichen (literarhistorischen) Arbeit: das Gleichgewicht von Besonderem und Allgemeinem sowie der – wenn man so will – universale Relativismus.
In der literaturwissenschaftlichen Praxis hat Auerbachs theoretischer Relativismus zur Folge, daß die Geschichte der Literatur ihm tatsächlich mit einer zuvor nie gekannten Konsequenz als ein System, oder besser: als eine Serie von Relationen erscheint. Oder mit anderen Worten gesagt: Von Auerbach werden literarische Texte kaum noch durch eine Zuweisung von Identitäten, sondern mehr und mehr durch die Beobachtung von Differenzen – im Hinblick auf bestimmte vorher ermittelte oder vorausgesetzte Gemeinsamkeiten – gekennzeichnet. Das gilt etwa für die Charakterisierung Stendhals und Balzacs, über deren historisierende Verfahren beispielsweise bei der Figurenpräsentation zunächst gesagt wird: „so bewußt und genau findet sich ähnliches nirgends vor dem Auftreten Stendhals und Balzacs“, worauf die distinktive Gemeinsamkeit dann sofort in eine weitere Distinktion übergeht: „und dieser (Balzac, U. S.-B.) übertrifft den ersteren (Stendhal, U. S.-B.) bei weitem an organischer Verbindung zwischen Mensch und Geschichte“ (S. 447) [47] . Einen anderen exemplarischen Fall solcher multirelationalen, differentiellen Analysen (die als Analysen wegen ihres weitgehenden Verzichts auf schulmäßige formale Systematik freilich nicht immer auffallen) ergeben Auerbachs Ausführungen „über die Wiedergeburt des Erhabenen“ in Dantes Commedia. Zur Erhabenheit der Commedia schreibt Auerbach zunächst in Abgrenzung vom Dolce Stil Nuovo, der wiederum vom Idealtyp antiker Erhabenheit abgegrenzt wird: „Der Neue Stil ist ein hoher Stil, Inhalt und Ton zeigen das unverkennbar; aber seine Bestandteile sind doch andere als die antiken; er ist ‚süßer‘ und zugleich zuweilen lehrhafter und dunkler als ein antikes Beispiel es sein könnte. Er ist aber auch, bis zu Dantes Komödie, nach Gegenstand und Form weit begrenzter. Liebe und edles Herz sind seine einzigen Gegenstände, und die Kanzone oder das Sonett seine einzigen Formen. Über das Lyrische und Didaktische dringt er kaum hinaus. Die Komödie durchbricht diese Beschränkung, sie erweitert den Gegenstand des Neuen Stils aufs Gewaltigste; der Gegenstand der Komödie, status animarum post mortem, umfaßt die ganze Schöpfung [48] . Darauf folgt in einem zweiten Schritt die Differenzierung des hohen Stils der Commedia von den ungefähr analogen griechischen Konzepten, wie sie in Pseudo-Longins Schrift Über das Erhabene vertreten werden. Zu dieser Differenzierung, die methodisch-analytisch auch weiter ausholt als die vorhergehenden Abgrenzungen, leitet ein ziemlich unscheinbar anmutender Satz über, der für Auerbachs relationalrelativistische Betrachtungsweise indes so etwas wie ein methodologisches Paradigma skizziert. Er lautet, bewußt schlicht gehalten: „Wir wollen, zum Abschluß, einige Danteverse einem antiken Muster gegenüberstellen, um etwas genauer zu erfahren, was ähnlich und was verschieden ist [49] .
Durch das kontinuierliche Vergleichen und Differenzieren dessen, „was ähnlich und was verschieden ist“, befindet sich Auerbach methodentypologisch in der äußersten Gegenposition zu einem – wesentlich rezenteren – Usus, den ich vor einiger Zeit in einem methodenkritischen Beitrag als die Technik der „aktualisierenden Hoch-Interpretation“ bezeichnet habe [50] . Damit ist ein Interpretationsverfahren gemeint, das – oft mit dem guten Vorsatz ‚rettender‘ Kritik unternommen – Texte jedweder Vergangenheit auf die ‚Höhe‘ aktuell herrschender Diskurse und, mehr noch: aktuell herrschender Poetiken zu bringen versucht, so daß sich – beispielsweise – Chrétien de Troyes in einen Proto-Borges oder der Autor des Conde Lucanor in einen Dekonstruktivisten avant la lettre verwandeln können [51] . Als Ergebnis solcher avancierenden Lektüren, die ihre Prä-Texte immer wieder mit einem Supertext moderner bzw. postmoderner Poetik okkupieren und im Extremfall auszulöschen drohen, entsteht für gewöhnlich jedoch statt der angestrebten Illustrationswirkung ein Effekt von Indifferenz. Das heißt: Die Texte verschiedener Vergangenheiten identifizieren sich, da sie (manchmal an den Haaren herbeigezogen) der gleichen poetologischen Aktualität angepaßt werden, auch untereinander in ein- und derselben Poetik. So entwickelt sich, meist von Autoren- oder Epochenspezialisten betrieben, eine Literaturwissenschaft, die keinerlei Differenzen zwischen Stilen oder zwischen Perioden mehr wahrzunehmen versteht und die lediglich noch von Saison zu Saison ihren – jeweils auf neue Art nivellierenden – Diskurs zu wechseln pflegt.
Dagegen ist Auerbachs literaturwissenschaftliche Methode völlig durch ihren unvergleichlich geschärften Sinn für Differenzen und Proportionen geprägt. Da Auerbach das Einzelne stets vor dem Hintergrund eines – wie auch immer provisorisch rekonstruierten – Ganzen betrachtet, läuft er vor allem nie Gefahr, die Proportionen zu verwischen. Jedenfalls entgeht er der Versuchung, jeden seiner Texte auf den gleichen Status poetologischer Vorbildlichkeit hin zu stilisieren, und häufig sind in Mimesis gerade jene Passagen die aufschlußreichsten, in denen er der Hoch-Interpretation besonders viel schuldig bleibt. Ich denke etwa an den Abschnitt über die zum Formelhaften drängende ideologische Verengung der Chanson de Roland (vgl. S. 107ff.) oder die subtilen Bemerkungen zu den syntaktischen und narrativen Defekten der Prosa des Gregor von Tours (vgl. S. 80ff.): Kapiteln, in denen nichts – wie bei Spezialisten üblich – in die Höhe getrieben wird, in denen der Nachweis des Defizitären eben aufgrund von Auerbachs historistisch-relativistischer Sehweise aber auch in keinem Moment (wie das oft bei Croces vernichtenden Kritiken unvermittelt disqualifizierter „non-poesia“ oder „anti-poesia“ der Fall ist) eine denunziatorische Attitüde annimmt.
Vielleicht noch wichtiger als das Bewußtsein von Proportionen mag uns als virtuelles Erbe des Auerbachschen Historismus heute der Blick für Differenzen erscheinen, zumal die Kompetenz, deren jeweilige epochale Tiefe einzuschätzen und zu definieren. Daß es der gegenwärtigen Literaturwissenschaft insbesondere an dieser Fähigkeit mangelt, resultiert mit einer gewissen Notwendigkeit aus der inzwischen weithin zur (meist schlechten) Norm gewordenen Organisation ihrer Wissensordnung nach jeweils epochenzentrierten Spezialisierungen. Solche epochenspezifischen Zuständigkeiten mögen manches für sich haben; doch fördern sie zweifellos die einseitige Tendenz, Epochen oder Jahrhunderte als in sich geschlossene Monaden mit eigenen (aber immer aktualisierbaren ) Institutionen, Mentalitäten oder Poetiken anzusehen, und machen blind für die Erkenntnis des authentisch Geschichtlichen, das heißt: die Erkenntnis von Übergängen, Wendungen, Brüchen, großen und kleinen Innovationen [52] . Hier benötigen wir Auerbachs Methode deshalb dringlicher als irgendwo anders in einer kompensatorischen Funktion; denn bereits die Lektüre weniger Seiten kann zeigen, in wie hohem Maß gerade die Einsicht in langfristige Wandlungsprozesse das zentrale Auerbachsche Erkenntnisziel ausgemacht hat.
So wird an einer Stelle von Literatursprache und Publikum umrissen, wie der Dichter des höfischen Enéas-Romans die Liebeskasuistik der Ovidschen Hetärenbücher – gegen alle antiken Gattungskonventionen – „in den epischen Stoff hineingearbeitet hat“ [53] . Da nimmt sie sich – wie Auerbach findet – „noch ein wenig sonderbar“ aus; doch hat sie durch diesen Transfer Anteil an einem historischen Phänomen, in dem Auerbach dank seiner weitgespannten Perspektive zu Recht einen Wandlungsprozeß von außerordentlicher Bedeutung erblickt: „Der Enéasdichter [...] bereitet damit vor, was bald noch klarer zutage treten soll und auch im provenzalischen Minnesang angelegt ist: die Erhebung der Liebe zu einem Gegenstand hohen Stils – ja zu dem Hauptgegenstand hohen Stils. Das ist eine der wichtigsten Wendungen der europäischen Dichtungsgeschichte“ [54] . Nach diesem Hinweis auf eine folgenreiche literarhistorische Wendung, welcher zugleich eine der typischsten Auerbachschen Sprachwendungen darstellt, gelangt die Abhandlung noch auf derselben Seite zu einem ähnlichen Passus, der die Romane Chrétiens betrifft. Dabei heißt es, man sei sich nicht sicher, „wie weit dies“, das heißt: die Ausbildung des „ersten nachklassischen Stil(s) einer Elitegesellschaft“, „Chrétien de Troyes persönlich zu verdanken ist“. Dann fährt Auerbach, wiederum in großen Zügen gleichzeitig zusammenfassend und unterscheidend, fort: „Das aber wissen wir, daß die Höhenlage der höfischen Dichtung etwas unbedingt Neues ist: sie macht das Novellieren in Versen zu einer Art von hoher Kunst, ohne doch die Höhe des Ausdrucks, die absolute Fernheit vom Alltäglichen und die planvolle Führung des Ganzen zu erstreben, die den großen antiken Mustern eigentümlich war“ [55] . Und eine Seite weiter präzisiert Auerbach, indem er erneut auf der epochalen Innovation besteht: „Nach den antiken Kategorien wäre das als ein Mischstil zu beurteilen, ein Mischstil zwischen dem mittleren und dem hohen. Doch bringt uns solche Formulierung nicht viel weiter. Das Naive, Warme, Herzliche, in seiner warmen Herzlichkeit zuweilen auch Humoristische des Vorgangs zwischen Menschen, wo aber der Vorgang dennoch durchaus ins Ernste und Tiefe gehört, ist nicht antikisch; das ist etwas Neues, dessen Ursprünge wir kaum werden nachweisen können“ [56] .
Aufs äußerste konzentriert, gelangen in den zuletzt zitierten Sätzen noch einmal die Stärken der Auerbachschen Methode zur Anschauung. Man sieht, wie die allgemeinen Begriffe der Stilhöhenlehre heuristisch zur Konturierung des Besonderen genutzt werden und wie dann aus der scharfen Erfassung des Besonderen vor dem Hintergrund des Allgemeinen – in größtmöglicher Evidenz – die Einsicht in etwas geschichtlich Neues, das Phänomen eines literarhistorischen Kontinuitätsbruchs, hervorgeht. Dabei bestätigt sich, daß die „Anschauung von einem Geschichtsverlauf“, die Auerbach hier vermittelt, den Blick in der Tat auf „etwas wie ein Drama“ lenkt. Die Geschichte gewinnt bei Auerbach eine großzügige dramatische Bewegtheit, die von keinem literaturwissenschaftlichen Spezialisten – etwa des höfischen Romans oder der römischen Epik – je wahrzunehmen ist und die sich allein aus der Auerbachschen Perspektive eines unablässigen distinktiven Vergleichens und einer unablässigen Vermittlung zwischen Besonderem und Allgemeinem erschließt.
Um diese Perspektive nicht nur – wie es hier geschieht – zu bewundern, sondern auch zurückzugewinnen, wären heute wohl mehr als individuelle Anstrengungen nötig. Wir müßten auf dem Feld des literarhistorischen Wissens – wenigstens partiell – den Zustand unserer akademischen Institutionen und Forschungsprogramme ändern, damit ein Zustand rigider Spezialisierung überwunden werden kann, dessen Tendenzen einerseits – stärker als wir uns selbst bewußt sind – die Perduranz eines faktengläubigen Positivismus und andererseits – dazu unheilvoll komplementär – die Diskursgläubigkeit eines saisonal wechselnden Allotria befördern. Freilich würde sich die kollektive Mühe lohnen; denn nur sie eröffnet – wie mir scheint – die Aussicht, demnächst wieder einmal literaturwissenschaftliche Bücher lesen zu können, die Auerbachs Mimesis ähnlich sind.
1 Vgl. dazu die prinzipiell zutreffende Kritik von Gerhard Hess, „Mimesis – Zu Erich Auerbachs Geschichte des abendländischen Realismus“, in: G. H., Gesellschaft – Literatur – Wissenschaft, München 1967, S. 182–209, bes. S. 206f. (zunächst RF 61, 1958, S. 173–211).
2 Die Seitenangaben, die im Text den Auerbach-Zitaten folgen, beziehen sich auf die Ausgabe: E. A., Mimesis – Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur, Bern 21959 (Sammlung Dalp Bd. 90).
3 Implizit ist die Feststellung einer solchen Gemeinsamkeit auch in Hess’ Befund enthalten, der konstatiert, daß bei Auerbach – jedenfalls im 19. Jahrhundert – „nur der den Namen eines großen Schriftstellers und Künstlers verdiene, der sich den sozialen und politischen Fragen der Zeit erschließt, sie darstellt und auch der Not seine Stimme leiht“ (Hess, „Mimesis“, S. 206).
4 Vgl. Ulrich Knoke, „Erich Auerbach – eine erkenntnis- und methodenkritische Betrachtung“, LiLi 5 (1975), S. 74–93, hier S. 82, 84 und 78.
5 Deren Maßregelung bei Knoke wiederholt unter dem tatsächlich primär religiös perspektivierten Terminus „Flacher Agnostizismus“ erfolgt (vgl. Knoke, „Erich Auerbach“, S. 83 oder 87).
6 Vgl. dazu – auf einer mehr biographischen Ebene – manche Passagen des Briefwechsels zwischen Auerbach und Werner Krauss („Eine unveröffentlichte Korrespondenz – Erich Auerbach/Werner Krauss“, BRPh 27, 1988, S. 161–186). Aufschlußreich sind hier etwa das von herzlicher Sympathie geprägte Porträt Ernst Blochs, dem Auerbach bei der Rückkehr nach Leipzig behilflich zu sein versucht (vgl. ebd. S. 172f.), oder gewisse Retizenzen gegenüber den Verhältnissen in den USA, welche schließlich – angesichts des Kalten Kriegs der späten vierziger Jahre – erst durch die (resignativ) anerkennende Bemerkung „Hier ist es immer noch (!) möglich, als Liberaler alten Stils aufzutreten“ (ebd. S. 183) neutralisiert werden.
7 Vgl. z. B. – als eine Stimme unter vielen – Richard Brinkmann, Wirklichkeit und Illusion, Tübingen 1947, S. 71ff. Brinkmann findet hier – wie gesagt – nicht völlig zu Unrecht, daß Auerbach dem sozusagen klassischen Realismus des 19. Jahrhunderts einen „nahezu marxistischen Sinn“ gegeben habe.
8 Wobei trotz aller Bewunderung für Auerbachs exquisite Textsensibilität eingeräumt werden muß, daß sein Überblick über die deutschen Realisten mitunter einigermaßen verständnislose Urteile enthält, vor allem über Fontane, dem er lediglich „den halben Ernst eines liebenswürdigen, teils optimistischen, teils resignierten Geplauders“ (S. 482) zugesteht und der ihm überhaupt „weit geringeren Ranges als etwa Gotthelf, Stifter oder Keller [...] scheint“ (S. 480).
9 Die Distanzierung bedeutet auch auf keinen Fall – wie Luiz Costa Lima meint (vgl. Sociedade e discurso ficcional, Rio de Janeiro 1986, S. 408: „A continuidade da história é preservada graças a uma nova encarnação. O indivíduo agora se torna o pólo tranqüilizador“) – den völligen Verzicht auf generalisierende Betrachtungsweisen zugunsten einer unbedingten Apotheose des Individuellen. In diesem Fall wird – wie mir scheint – die sorgfältiger differenzierende Darstellung von Klaus Gronau (vgl. Literarische Form und gesellschaftliche Entwicklung – Erich Auerbachs Beitrag zur Theorie und Methodologie der Literaturgeschichte, Meisenheim – Königstein / Ts. 1979, S. 35ff.) Auerbachs komplexem Geschichtsverständnis, das jeder einseitigen Zuspitzung abhold ist, besser gerecht.
10 E. Auerbach, Literatursprache und Publikum in der lateinischen Spätantike und im Mittelalter, Bern 1958, S. 21. Symptomatisch für die Gelassenheit (und Gerechtigkeit), mit der Auerbach in solchen Fragen heikelster ideologischer Problematik zu urteilen pflegt, ist dann auch der Fortgang der zitierten Stellungnahme: „Es gibt andere moderne Versuche, die Geschichte durch bestimmte außergeschichtliche, moralistische und psychologische Motive zu verstehen; sie können interessant sein, wenn sie von geistvollen und konkret unterrichteten Personen stammen. Aber sie sind doch wohl etwas willkürlich; man könnte sehr viele solche Motivgruppen finden, die alle mit einigem guten Willen anwendbar, und alle nicht zwingend sind“ (ebd.).
11 Vgl. Auerbach, Literatursprache, S. 9.
12 Auf ähnliche Weise, das heißt: im distinktiven Bezug zu Curtius und Spitzer, wird die Eigentümlichkeit der Auerbachschen Methode in einigen Momenten auch von Gronau (Literarische Form, S. 43ff. und 128ff.) und Hans-Jörg Neuschäfer („Sermo humilis. Oder: was wir mit Erich Auerbach vertrieben haben“, in: Deutsche und österreichische Romanisten als Verfolgte des Nationalsozialismus, hrsg. von Hans Helmut Christmann und Frank-Rutger Hausmann, Tübingen 1990, S. 85–94, hier S. 88f.) nachgezeichnet. Dabei erweist sich vor allem Neuschäfers Skizze als eine sehr verständnisvolle und gerechte Würdigung. Freilich hat sie – zumal an ihrem Anfang – einen ausgesprochen apologetischen Unterton, der den Leser um so merkwürdiger berührt, als er nicht genau erfährt, wer die Autoritäten sind, vor denen Auerbachs Oeuvre offenbar der Apologie bedarf.
13 Auerbach, Literatursprache, S. 20.
14 Vgl. ebd.
15 Ebd.
16 Etwas deutlicher kommt sie natürlich in der Besprechung von Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter zum Ausdruck, wo Auerbach gegenüber Curtius’ „Absicht, das Traditionelle und Kontinuierliche herauszuarbeiten“, selbst durch die Oberflächenidentität bestimmter Topoi stärker „das Eigentümliche einer Epoche“ betont sehen möchte; denn: „Es wäre gewiß nicht schwer nachzuweisen, daß viele der in spätbürgerlichen Kreisen üblichen Metaphern und Hyperbeln religiösen oder feudalen Ursprungs waren: besagt das irgendetwas gegen die Eigentümlichkeit der spätbürgerlichen Kultur?“. Vgl. dazu E. Auerbach, Gesammelte Aufsätze zur Romanischen Philologie, Bern-München 1967, S. 330–338, hier S. 332.
17 Auerbach, Literatursprache, S. 23.
18 Zu den – naheliegenden – Einwänden, die sich gegen eine solche „Metaphysik der Tradition“ erheben lassen, vgl. z. B. Hans Robert Jauß, Literaturgeschichte als Provokation, Frankfurt a.M. 1970, S. 153f., oder ds., Ästhetische Erfahrung und literarische Hermeneutik, Frankfurt a.M. 21984, S. 687f.
19 Zur ästhetisch-philosophischen „Atmosphäre des George-Kreises“, welche etwa Die literarischen Wegbereiter des neuen Frankreich – kein „romanistisches Werk im streng fachlichen Sinn“ – geprägt hat, vgl. Hans Helmut Christmann, Ernst Robert Curtius und die deutschen Romanisten, Wiesbaden-Stuttgart 1987, S. 8f.
Kennzeichnend für den philologisch noch recht unentwickelten, oder besser: bewußt gleichgültigen, Stil von Curtius’ Frühwerk erscheint auch die Reaktion Hans Hinterhäusers, der in bezug auf die Wegbereiter einmal gesteht: „Sicher hat mein Verständnis des Werkes sich im Lauf der Zeit entwickelt, ebenso sicher habe ich es nie als Literaturwissenschaft, sondern eher als ‚schöne Literatur‘ aufgenommen“ (H. H., Streifzüge durch die romanische Welt, Wien 1989, S. 183).
20 Vgl. Auerbach, Literatursprache, S. 151.
21 Vgl. ebd. S. 142ff.
22 Vgl. beispielsweise die durch ihren rhetorischen Schwung berühmt gewordene Philippika von Michael Nerlich, „Romanistik und Anti-Kommunismus“, Das Argument 14 (1972), S. 276–313, bes. S. 283–290, oder neuerdings die materialreiche, in der historisch-ideologischen Zuordnung jedoch ziemlich pauschal und kontextfremd verfahrende Studie von Hans Manfred Bock, „Die Politik des ‚Unpolitischen‘ – Zu Ernst Robert Curtius’ Ort im politisch-intellektuellen Leben der Weimarer Republik“, Lendemains 59 (1990), S. 16–62. Die hier notwendigen Nuancierungen, teils auch Korrekturen, welche vor allem die Einschätzung der Schrift Deutscher Geist in Gefahr (1932) betreffen, liefern Hans Helmut Christmann (vgl. „Ernst Robert Curtius – philologisch“, RJB 37, 1986, S. 137–147, hier S. 140) und Frank-Rutger Hausmann („Bonner und Kölner Romanisten angesichts der nationalsozialistischen Machtergreifung im Jahr 1933: Zwei vergleichende Fallstudien“, in: Literatur in der Gesellschaft – Festschrift für Theo Buck, Tübingen 1990, S. 269–285, bes. S. 269ff., sowie „Vertriebene und Gebliebene“, RZL/CHLR 15, 1991, S. 164–180, bes. S. 164ff.).
23 Vgl. dazu als eine besonders charakteristische Passage Auerbach, Literatursprache, S. 145. Eine Rolle mag hierbei übrigens auch der Umstand spielen, daß Auerbach und Curtius, was das sensu strictiori Fachliche angeht, in gewissem Sinn chiastisch gegensätzliche Karrieren hinter sich gebracht haben: Während Curtius’ Entwicklung von der Gegenwartsliteratur zu Dante und zum lateinischen Mittelalter verläuft, hat Auerbachs Werdegang umgekehrt im lateinischen Mittelalter, bei Dante und der frühen Renaissance-Novellistik seinen Ausgangspunkt.
24 Vgl. Auerbach, Literatursprache, S. 22.
25 Vgl. Auerbach, Gesammelte Aufsätze, S. 307.
26 Ebd. S. 308.
27 Ebd. S. 309.
28 Ebd. S. 309f.
29 Das heißt: zu jenem von Wayne C. Booth empfohlenen pluralistischen Projekt einef „major study of realisms (!) that we so badly need“; vgl. W. C. B., The Rhetoric of Fiction, Chicago-London 91970, S. 55.
30 Zu dieser Erzählfigur, die an Auerbachs deklariertem Historismus auch latent geschichtsphilosophische „ Züge offenbart, vgl. Ulrich Schulz-Buschhaus, „Typen des Realismus und Typen der Gattungsmischung – Eine Postille zu Erich Auerbachs Mimesis“, Sprachkunst 20 (1989), S. 51–67, bes. S. 53ff.
31 Vgl. zu dieser Korrektur, deren Wertungen im übrigen bemerkenswert genau mit Hans Robert Jauß’ späterem Aufsatz „Das Ende der Kunstperiode – Aspekte der literarischen Revolution bei Heine, Hugo und Stendhal“ (Literaturgeschichte, S. 107–143) übereinstimmen, S. 448 und passim.
32 Auerbach, Literatursprache, S. 22.
33 Beide Monita finden sich bei Knoke, „Erich Auerbach“, S. 83; vgl. dazu auch Hess, „Mimesis“, S. 187: „Der Begriffsapparat des Buches entbehrt strenger Systematik: man kann von keinem Kategoriensystem sprechen“ (was von Hess freilich nicht schlechthin als Kritk verstanden wird).
34 Vgl. Schulz-Buschhaus, „Typen des Realismus“, S. 56f.
35 Hier folge ich – trotz mancher sonstiger Bedenken – dem zentralen Argument von Paul de Man, Blindness and Insight. Essays in the Rhetoric of Contemporary Criticism, Minneapolis – St. Paul 21983.
36 Und genießt auch heute noch wenig Reputation, was sich etwa in der Auerbach-Monographie von Gronau (vgl. Literarische Form, S. 79ff.) daran zeigt, daß sie eben Auerbachs „extremen Relativismus“ mit den kritischsten Akzenten versieht.
37 Vgl. zu ihr Ulrich Schulz-Buschhaus, „Benedetto Croce und die Krise der Literaturgeschichte“, in: Der Diskurs der Literatur- und Sprachhistorie – Wissenschaftsgeschichte als Innovationsvorgabe, hrsg. v. Bernard Cerquiglini und Hans Ulrich Gumbrecht, Frankfurt a.M. 1983, S. 280–302.
38 Freilich verlangt der ausgeprägte wissenschaftsgeschichtliche Gerechtigkeitssinn, der Auerbach zu eigen ist, auch die spezifischen Verdienste des Positivismus anzuerkennen und nach Möglichkeit zu kontinuieren; vgl. etwa E. Auerbach, Introduction aux études de philologie romane, Frankfurt a.M. 1949, S. 29f., oder ds., Literatursprache, S. 14.
39 Ebd, S. 15.
40 Hugo von Hofmannsthal, Lustspiele I, Stockholm 1947, S. 335f.
41 Auerbach, Literatursprache, S. 13.
42 Ebd.
43 Vgl. Paul Bourget, Essais de psychologie contemporaine, Paris 1924, Bd. 1, S. 55f.
44 Ebd. S. 66.
45 Ernst Robert Curtius, Die literarischen Wegbereiter des neuen Frankreich, Potsdam 31923, S. 11.
46 Ebd. Demnach sind die Wegbereiter nicht allein – wie Hinterhäuser (Streifzüge, S. 184) treffend beschreibt – „als bergsonistisches Abenteuer eines jungen Menschen“ zu betrachten, sondern ebenfalls als ein ‚Abenteuer‘ des „Bourgetismus“ (der Begriff erscheint tatsächlich bei Hermann Bahr).
47 Detaillierter und tiefgründiger ausgeführt (doch daher im Zitat hier nicht erfaßbar) erscheint die Synkrisis Stendhal – Balzac darauf noch S. 449.
48 Auerbach, Literatursprache, S. 169.
49 Ebd.
50 Vgl. Ulrich Schulz-Buschhaus, „Diskurse der Autorität und Probleme der Interpretation – Notizen zur literarhistorischen Wahrnehmung von mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Texten“, ZrP 107 (1991), S. 142–159, bes. S. 152ff.
51 Vgl. zum ersten Fall David F. Hult, „Author/Narrator/Speaker: The Voice of Authority in Chrétien’s Charrete“, in: Discourses of Authority in Medieval and Renaissance Literature, hrsg. von Kevin Brownlee und Walter Stephens, Hannover-London 1989, S. 76–96; zum zweiten Fall James F. Burke, „Counterfeit and the Curse of Mediacy in the Libro de buen amor and the Conde Lucanor“, ebd. S. 203–215.
52 Vgl. zu einer ausführlicheren Kritik an diesem Phänomen Schulz-Buschhaus, „Diskurse“, S. 158f.
53 Vgl. Auerbach, Literatursprache, S. 161.
54 Ebd. S. 162.
55 Ebd.
56 Ebd. S. 163.
« zurück