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Bourget oder die Gefahren der Psychologie, des Historismus und der Literatur

Das Fin de Siècle gilt als eine Epoche der „Renaissance“ von Mythen. Jedenfalls hat Hans Hinterhäuser einleuchtend gezeigt, wie gerade die typischen Fin-de-Siècle-Autoren „in ihrer Auflehnung gegen den ‚Geist der Zeit‘ beanspruchten, dem herrschenden Logos der Naturwissenschaften ihr mythisches – oder paramythisches – Weltverständnis entgegenzusetzen“. [1] Daß sie dabei „eher eklektisch“ zu Werke gingen, versteht sich in Anbetracht des fortgeschrittenen historischen Bewußtseins von selbst, und so findet Hinterhäuser zur Kennzeichnung der „mythischen Rückgriffe“, die er in seinem Buch über das Jahrhundertende untersucht, die prägnante Formel: „Christlich-heidnischer Synkretismus [...], versetzt mit Elementen der Humanität einer Spätzeit und verstanden als Entgegnung auf eine seelenlose Zivilisation.“ [2]
Indessen ist zu fragen, ob der Wille zum Mythos allein bei den Autoren wirkte, die gegen den „herrschenden Logos der Naturwissenschaften“ aufbegehrten, oder ob er nicht vielleicht auch jenem Vorstellungskomplex zugrundelag, der hier als „seelenlose Zivilisation“ eingeführt wird. Wenn die „Wissenschaft“ literarisch zur Sprache kommt, wenn sie zum Thema von Essay und Roman auf- bzw. absteigt, bleibt sie ja nicht einfach Wissenschaft, sondern präsentiert sich in Vereinfachungen, Schlußfolgerungen, Applikationen, Visionen von Hoffnung oder Angst, welche nun ihrerseits des Mythischen keineswegs entbehren. Das Mythische mag dann nicht nur in den Bildern, oder besser: Gegenbildern, erscheinen, die zur Provokation von Wissenschaft und „Zivilisation“ aufgerufen werden; vielmehr prägt es die gesamte Sinnfigur des Widerstreits zwischen Anschauung und Wissenschaft oder Seele und Zivilisation, durch die sich die einzelnen Gegenbilder begründen. Aus solchen Sinnfiguren sind wohl die umfassenderen Mythen des Jahrhundertendes gebildet, zumal jene, welche das Bewußtsein der Moderne langfristiger bestimmt haben oder noch bestimmen, als man gerne eingestehen möchte: Mythen wie das Ideal von Leben und Tat, dem bald die „Literatur“, bald die „Geschichte“, bald die „Analyse“ widersprechen sollen; wie der Gegensatz zwischen dem „Bürger“, der lebt, und dem „Künstler“, der das Leben betrachtet; wie die Antithese von sozialer Bindung und individual-anarchistischer Gesellschaftszersetzung und vieles andere mehr.
Dabei wird gerade an den letztgenannten Figuren sichtbar, daß sie sich nicht auf Einzeltexte beschränken müssen, sondern in ihrer epochalen Faszinationskraft oft auch den – wenn man so will: „mythologischen“ – Entwurf ganzer Lebenswerke motivieren. Charakteristische Beispiele dafür wären etwa das Opus Thomas Manns, das mit immer neuen Variationen das bürgerliche Pathos des „Seins“ gegen das Geistespathos der Künstler und Artisten ausspielt, oder die Problematik von wahrem „Leben“ und „glorreicher, aber gefährlicher“ „Präexistenz“, die nie aufhörte, Hugo von Hofmannsthal zu beunruhigen. [3] Offenkundig ist die Mythologie beider Autoren ideologiegeschichtlich eng miteinander verwandt, und in der Tat wird sie gemeinhin dem Thema der moralischen Überwindung des Ästhetizismus zugeschrieben, welche sich vorzüglich in der deutschsprachigen Literatur der Jahrhundertwende ereignet haben soll. So gibt sich beispielsweise Ralph-Rainer Wuthenow in seiner weitverbreiteten Studie über den „Europäischen Ästhetizismus“ überzeugt: „Zum moralischen Problem wurde er in der Nachfolge Kierkegaards und Nietzsches, der den Verdacht in den Typus des Artisten als des Täuschers und Schauspielers geweckt hatte, erst im deutschen Bereich.“ [4]
Eben diese Überzeugung entspringt jedoch, wie ich im folgenden zeigen möchte, einer eigentümlichen perspektivischen Täuschung. Sie verrät ein Dilemma, in das sich die gegenwärtige Literaturwissenschaft häufig verstrickt, wenn sie einerseits durchaus literarhistorische Prozesse zu rekonstruieren sucht, das dafür verwendete Material andererseits aber noch einem eingeschränkten Kanon von Texten entnimmt, der mehr nach Kriterien aktuell herrschender Ästhetiken als denen realer geschichtlicher Relevanz gebildet wurde. Eine solche Inkonsistenz hat bei der Fin-de-Siècle-Forschung dazu geführt, daß gerade jener französische Romancier und Essayist, dem die deutschsprachigen Autoren der Jahrhundertwende ideologisch wie mythologisch das allermeiste verdanken, gegenüber anderen, ästhetisch angeseheneren Zeitgenossen verhältnismäßig marginal geblieben ist. [5] Ich meine Paul Bourget, dessen Werk für das Bewußtsein des Fin de Siècle in Wahrheit ein, wenn nicht das Zentrum darstellte: ein Oeuvre, das etwa den um ein Vierteljahrhundert jüngeren ‚Schülern‘ Hofmannsthal und Thomas Mann neben bestimmten Motiven überhaupt die wesentlichen Begriffe, Werte und mythischen Sinnfiguren lieferte, welche im Kontext der Nachbarliteratur dann eine neue (und die übrigen Inspirationen europäischer Décadence überwältigende) Produktivität erlangten. Sie wenigstens in ihren Grundelementen zu umreißen, ist die Absicht der hier vorgelegten Skizze, die sich als Anregung für weitere und möglicherweise genauere komparatistische Entwicklungen versteht.
Zu Bourgets folgenreichsten Schriften zählen neben den Romanen Le Disciple (1889) und Cosmopolis (1892) zweifellos die Essais de Psychologie Contemporaine (1883–1885). Einst ein Haupttext der Décadence-Problematik, scheinen sie heute weithin vergessen zu sein. In Kindlers Literatur Lexikon, wo sonst doch fast alles seinen Platz findet kommen sie nicht vor, und in Wuthenows bereits zitiertem Ästhetizismus-Buch wird Bourget in eine Reihe mit Baudelaire, Swinburne, Walter Pater, D.G. Rossetti und H.F. Amiel gestellt, so als sei gerade er ein erklärter Prophet der ästhetisierenden Décadence und als treffe auch auf seine Werke die folgende beschwingte Charakteristik zu: „Kunstleidenschaft und Lebensmüdigkeit durchdringen einander, Hedonismus und ‚morbidezza‘, Schwermut und Schwelgerei; das Bewußtsein der sogenannten Dekadenz ist durchtränkt mit dem Anspruch, gegenüber einem barbarisch gewordenen zivilisatorische Fortschritt im wahren Sinne fortschrittlich zu sein, in dem der Verfeinerung, in der Richtung auf das konsequent Künstliche, im Sinne eines anderen Bewußtseins und einer größeren Sensibilität inmitten einer stumpfer werdenden Welt.“ [6]
Indessen liegt die eigentliche Bedeutung der Essais nicht, wie hier suggeriert, in der Affirmation der Dekadenz, die im Bewußtsein des Fin de Siècle ja zugleich den Inbegriff von Moderne ausmachte; vielmehr zielen sie letzten Endes genau umgekehrt auf jene Kritik des Modernen und des Dekadenten ab, welche meistens als die besondere ‚Leistung‘ des „deutschen Bereichs“ reklamiert wird. Das heißt: die Essais de Psychologie Contemporaine haben eben deshalb eine so mächtige Wirkung in der deutschsprachigen Literatur gezeitigt, weil sie die (wohl insgeheim faszinierte) Beschreibung dessen, was die Epoche unter dem Begriff „décadence“ verstand, aus einer ideologischen Position durchführten, die schon die entschiedene ‚Überwindung‘ des Beschriebenen und somit Gebannten erkennen ließ. Nicht um die Anpreisung und Verbreitung einer Avantgarde ging es diesen Aufsätzen, sondern um Warnung und Aufruf zur Rückkehr. Recht betrachtet, bilden sie den Prototyp einer Essayistik, welche in der Moderne wie kaum eine andere reüssieren sollte: der sorgenvollen Analyse von Gefahren, die für Individuum wie Gesellschaft aus dem Geist analytischer Modernität entstehen.
Tatsächlich springt an Bourgets Essais nichts so sehr ins Auge als die Obsession vielfältigster und quasi allgegenwärtiger „dangers sociaux“. Wenn die Aufsätze nacheinander von Baudelaire, Renan, Flaubert, Taine, Stendhal, Alexandre Dumas fils, Leconte de Lisle, den Brüdern Goncourt, Turgenjew und Amiel handeln, dann ergibt sich der unstreitig fesselnde Effekt der Darstellung unter anderem aus dem Umstand, daß Bourget in jedem dieser Autoren nicht allein ein künstlerisch gelungenes Werk oder ein aufschlußreiches Zeitdokument, sondern zumeist auch den Ausdruck einer konkreten gesellschaftlichen Gefahr sieht. So fühlt sich der engagierte Kritiker – wie schon die Kapitelüberschriften andeuten – in Baudelaire bedroht durch den „Pessimisme“, in Renan durch den „Dilettantisme“, in Flaubert durch den „Nihilisme“, in Stendhal und Turgenjew durch den „Cosmopolitisme“, schließlich in Amiel, wo alle Gefahren der Epoche zusammenfließen, durch die „Influence germanique“ und die „Maladie de la volonté“. Welchen zeitgeschichtlichen Ursprung solche Ängste haben, tut mit schöner Offenheit das Vorwort der Nouveaux Essais von 1885 kund. Bourget erklärt dort, als Vertreter einer Generation zu sprechen, die zwei der vorangehenden Generation unvorstellbare Katastrophen im Gedächtnis trage: „Nous sommes entrés dans la vie par cette terrible année de la guerre et de la Commune, et cette année terrible n’a pas mutilé que la carte de notre pays, elle n’a pas incendié que les monuments de notre capitale; quelque chose nous en est demeuré, à tous, come un premier empoisonnement qui nous a laissés plus dépourvus, plus incapables de résister à la maladie intellectuelle où il nous a fallu grandir.“ (I, XXVI) [7]
An diesen „tragédies sociales“ der Kommune und des Kriegsdebakels sind nun in Bourgets Vision die von den Essais porträtierten Autoren zumindest indirekt beteiligt gewesen. Jedenfalls wird ihr Werk vor allem insofern interessant, als es Symptom, ja Motiv einer die Kräfte der Gesellschaft und der Nation schwächenden „maladie intellectuelle“ oder der „période la plus aiguë“ „d’une maladie de la vie morale“ (I, XXII) sein soll. Denn daß die Moderne alle Anzeichen eines Krankheitsphänomens aufweist, daran gibt es für Bourget keinen Zweifel. Im Vorwort von 1885 wird die Krankheit auf den Begriff eines Mangels an ‚Gewißheiten‘ gebracht – es ist die Rede davon, die Jugend zu ‚heilen‘ von „cette incertitude dont elle est la victime“ (I, XXVI) – , und im Aufsatz über Dumas fils erscheint das Syndrom der „incertitude“ spezifiziert und dreifach gegliedert: „Nous sommes malades d’un excès de pensée critique, malades de trop de littérature, malades de trop de science.“ (II, 50) Dabei bedeutet dieser Sprachgebrauch gewiß mehr als eine bloße Metapher. Beachtet man die Dichte und Bedeutungsfülle, welche die Opposition „maladie“-“santé“ in den Essais erlangt, so offenbart sich in der Diagnose und Therapie sozialer ‚Krankheiten‘ geradezu das Hauptthema der Aufsatzsammlung: ein offenkundiges Indiz für die hegemoniale Rolle, die der biologisch-medizinische Diskurs im Fin de Siècle neben und zunehmend über den traditionell humanistischen Diskursen zu spielen beginnt.
Wenn wir die ‚Krankheit‘, welche nach den Versicherungen des „Avant-Propos“ die ‚Gesundheit‘ des ‚moralischen Lebens‘ zersetzt, durch die einzelnen Essays genauer verfolgen, zeigt sie vor allem zwei Erscheinungsformen: den „esprit d’analyse“ und den „dilettantisme“. Zwar hängen beide ursächlich zusammen und führt die eine – wie es im Stendhal-Aufsatz heißt – beinahe regelmäßig zur anderen: „Poussé très loin, l’esprit d’analyse aboutit presque toujours au dilettantisme“ (I, 308). Thematisch sind sie jedoch einigermaßen deutlich zu unterscheiden, zumal die zitierte Bemerkung dem „esprit d’analyse“ die ursprünglichere und umfassendere Funktion zuschreibt, die – bezogen auf die weiter oben erwähnte Wendung – in den „malades de trop de science“ und den „malades d’un excès de pensée critique“ zum Ausdruck kommen mag. Ein solcher „esprit d’analyse“ bildet im Bereich der Literatur wie anderweit das Stigma wissenschaftsorientierter Spätzeiten. In diesem Sinn prägt er z. B. bei Turgenjew die Ästhetik einer „littérature d’observation“, die sich als spätzeitliches Phänomen von den jeweils lyrischen oder epischen Überhöhungen der Anfänge einer Literatur unterscheiden soll: „C’est seulement sur le tard de cette littérature et de cette nation que se développe le goût de la stricte analyse, que la minutie réaliste remplace l’invention opulente“ (II, 207sq.). Damit setzen aber auch schon die Zweifel am realistisch-naturalistischen Postulat der ‚Beobachtung‘ ein; denn wo Analyse, Reflexion und Kritik wirken, da müssen die ‚schöpferischen Energien‘ des Lebens nachlassen: „Et d’abord, qu’une époque ait pour principe de son esthétique l’observation, cela seul suppose que dans cette époque les énergies créatrices sont singulièrement affaiblies. Observer, n’est-ce pas sortir de la vie inconsciente et féconde pour entrer dans l’analyse, dans la réflexion et dans la critique, signe certain que la poussée instinctive diminue?“ (II, 221) Demnach wird der „esprit d’analyse“ für das Individuum zu einer Quelle des Unglücks, weil er – wie der Fall Amiels beweist – in unauflöslichen Gegensatz zum Leben und seinen tieferen Impulsen gerät: „C’est qu’il y a, en définitive, un antagonisme foncier entre cet esprit d’analyse et la vie, puisque toute vie repose sur une base d’inconscience et que précisément l’esprit d’analyse tend à détruire de plus en plus cette inconscience chez ceux qu’il domine.“ (II, 285)
Soweit Bourget den Schaden beklagt, den „ce dangereux esprit d’analyse“ (II, 276) im (Nicht)Leben und (Nicht)Handeln der Individuen hervorruft, hat er natürlich Anteil am diffusen Lebenskult des Fin de Siècle, dem der nur wenig jüngere Henri Bergson sein im Grunde der gesamten Epoche vertrautes Konzept vom „élan vital“ abgewann. Eigentümlichere und bedeutsamere Züge nimmt Bourgets Opposition von Leben und analytischem Geist an, wenn er ihre Konsequenzen – als einer der konservativ rettenden „docteurs en santé sociale“ (I, 67) – jenseits der individuellen Existenz im ‚Organismus‘ der Gesellschaft aufsucht. Solche Konsequenzen werden explizit diskutiert vor allem durch den Aufsatz über Hippolyte Taine, der auch für Bourget – wie für viele Zeitgenossen – ein gleichzeitig bewunderter und perhorreszierter Lehrmeister war. [8] Bewunderung und überzeugter Konsens gelten hier dem Verfasser der Origines de la France contemporaine, zumal der Auffassung des Staates als eines „organisme social (cf. I, 248). Mit einem trotz der Origines unbeschwichtigten Schrecken schaut Bourget dagegen auf Taines Psychologie. Sie bedeutet ihm den Inbegriff der analytischen Methode und ihrer ‚gefährlichen‘ Folgen wie Prämissen, welche insbesondere bei Taines Auflösung des Ich in eine „série de petits faits qui sont des phénomènes de conscience“ und der komplementären Auflösung der Natur in eine „série parallèle de petits faits qui sont des phénomènes de mouvement“ (I, 226) zum Vorschein kommen. Sie führen zu jenem ‚universellen Determinismus‘ (cf. I, 232), in dessen Rahmen jedes psychische Phänomen ohne Rücksicht auf die gesellschaftliche Moral als determiniert und folglich notwendig zu analysieren ist: „De ce royaume de la nécessité absolue, toute appréciation du Bien et du Mal est bannie“ (I, 234).
So erscheint der Psychologe in den Essais als der Analytiker und zugleich als der anarchoide Immoralist par excellence. Am deutlichsten wird das bei Bourgets an sich brillant konzipierter „théorie de la décadence“, die das dritte Kapitel des Baudelaire-Aufsatzes bildet. Sie definiert die Dekadenz – durch und durch biologisch – als Auflösung eines sozialen oder sprachlichen ‚Organismus‘. Demnach gilt für das Soziale: „L’organisme social [...] entre en décadence aussitôt que la vie individuelle s’est exagérée sous l’influence du bien-être acquis et de l’hérédité“ (I, 20). Ein gleiches Gesetz soll die Phänomene des Sprachlichen und Literarischen beherrschen: „Un style de décadence est celui où l’unité du livre se décompose pour laisser la place à l’indépendance de la page, où la page se décompose pour laisser la place à l’indépendance de la phrase, et la phrase pour laisser la place à l’indépendance du mot“ (ib.). Beiden Phänomenen kann der Kritiker nun von zwei radikal verschiedenen Standpunkten her begegnen. Nimmt er sie als „psychologue pur“ wahr, klammert er ihre ‚moralischen‘ und ‚politischen‘ Aspekte aus, um ‚ungefähr folgendermaßen zu räsonnieren‘: „Si les citoyens d’une décadence sont inférieurs comme ouvriers de la grandeur du pays, ne sont-ils pas très supérieurs comme artistes de l’intérieur de leur âme? S’ils sont malhabiles à l’action privée ou publique, n’est-ce point qu’ils sont trop habiles à la pensée solitaire? [...]“ (I, 21sq.) Anders urteilen dagegen „les politiciens et les moralistes qui se préoccupent de la quantité de force que peut rendre le mécanisme social“ (I, 21). Sie sehen in der ‚dekadenten‘ Verfeinerung des Individuums eine ‚gefährliche‘ Minderung des Glaubens, des Willens und des Lebens, die Bevölkerungswachstum und Wehrtüchtigkeit schädigt, unter ästhetischem Blickwinkel aber auch die literarische Kommunikationsfähigkeit beeinträchtigt. Wessen Standpunkt dabei der überlegene ist, bleibt für Bourget nicht fraglich. Mit Entschiedenheit plädiert er für eine ‚soziologische‘ Sicht, welche die ‚psychologische‘ Analyse des Individuums transzendiert; denn: „C’est la famille qui est la vraie cellule sociale et non l’individu“ (I, 23). [9] Eine solche Sicht läuft im Gegensatz zu der des „psychologue pur“ nicht Gefahr, die gesellschaftliche „action d’ensemble“ zugunsten ihres „détail“ zu vernachlässigen, und kann daher im Hinblick auf die Dekadenz zur allgemeingültigen ‚Konklusion‘ gelangen: „que l’entente savante du plaisir, le scepticisme délicat, l’énervement des sensations, l’inconstance du dilettantisme, ont été les plaies sociales de l’empire romain, et seront en tout autre cas des plaies sociales destinées à ruiner le corps tout entier“ (I, 21).
Als größte der ‚sozialen Wunden‘ wird an dieser Stelle noch jenseits des Skeptizismus und des hedonistischen Raffinements ein Begriff genannt, den beinahe jeder der Essais zu exemplifizieren und zu umschreiben sucht. Die thematische Einführung des sogenannten ‚Dilettantismus‘ bringt der Aufsatz über Renan, wo es heißt: „I1 est plus aisé d’entendre le sens du mot dilettantisme que de le définir avec précision“ (I, 55). Darauf folgt eine Definition, die statt einer ‚doktrinären Lehre‘ eine bestimmte Geisteshaltung anspricht: „une disposition de l’esprit, très intelligente à la fois et très voluptueuse, qui nous incline tour à tour vers les formes diverses de la vie et nous conduit à nous prêter à toutes ces formes sans nous donner à aucune“ (ib.). Hierbei liegt die Betonung auf der Opposition zwischen „se donner“ und „se prêter“: gemeint ist der Gegensatz von Bindung an eine einzige überlieferte Lebensform und skeptisch bindungsloser Erfahrung verschiedener Lebensformen, d. h. von „affirmation“ und „incertitude“ (cf. I, 56). Besteht nun aber die Krankheit der Zeit, zu deren ‚Heilung‘ die Essais beitragen möchten, nach dem Vorwort essentiell aus der „incertitude“, so muß der „dilettantisme“ als ihr schwerstes und wahrhaft unheilvolles Symptom gelten.
In der Tat geht in dieses Konzept alles ein, was die Zeitgenossen nach Bourgets Vision daran hindert zu glauben, zu handeln und zu kämpfen: in erster Linie jene ideologischen Tendenzen, die später vorzugsweise mit den Begriffen des „Relativismus“ oder des „Historismus“ erfaßt und kritisiert wurden. Sie erzeugen etwa beim Religionsphilosophen und -historiker Renan ähnlich wie beim Psychologen und Historiker Taine eine ‚neue Art der Dialektik‘ (cf. I, 60); denn: „La légitimité de beaucoup de points de vue contradictoires l’obsède au moment de se mettre à son point de vue propre, et cette obsession l’empêche de prendre cette position de combat qui nous paraît la seule manière d’affirmer la vérité, à nous, les disciples du dogmatisme plus simple d’autrefois“ (ib.). Derart scheitern politisch wünschenswerte, ja notwendige Stellungnahmen und Entscheidungen am historistischen Erzlaster des Verstehens, durch dessen ästhetisch-hedonistische Lockungen das ‚schöpferische‘ Leben in der Spätkultur zu zerfallen droht: „Sur le tard seulement de la vie des races et quand l’extrême civilisation a peu à peu aboli la faculté de créer, pour y substituer celle de comprendre, le dilettantisme révèle sa poésie [...]“ (I, 57) Demnach sind die Essais de Psychologie Contemporaine unter anderem auch als großangelegte Kritik des Verstehens und des Einfühlens zu lesen. Dabei bilden sie für dieses Thema aufgrund prononcierter Praxisbezogenheit mehr noch als Nietzsches Unzeitgemäße Betrachtungen wohl den Prototyp einer kulturkritischen Essayistik, die sich in der Folgezeit – bis hin zu Walter Benjamin oder Sartre – ihrer radikal konservativen Ursprünge nicht mehr gerne erinnert. Indessen dürfte kein aktionistischer Kulturrevolutionär unserer unmittelbaren Vergangenheit die ‚Versuchungen‘ des kontemplativen Genusses an der Hermeneutik je mit vergleichbarer Besessenheit (und Eloquenz) stigmatisiert haben wie der nationalistische Traditionalist Bourget. [10] Solche Besessenheit, die das Bewußtsein eines Kreuzzuges gegen Laster und Sünde verrät, entspringt nicht zuletzt dem christlichen Verdacht, daß das Verstehen, wie es der „Dilettante“ betreibt und genießt, vorzüglich einem selbstsüchtigen Lustgewinn dient. In diesem Sinn erweist sich der „dilettantisme“ als „une science délicate de la métamorphose intellectuelle et sentimentale“, zu deren Ausübung einerseits ein „scepticisme raffiné à la fois et systématique“ gehört, andererseits „un art de transformer ce scepticisme en instrument de jouissance“ (I, 56).
Wie sehr die hier entdeckte „jouissance“ mit dem Geist und der Kultur des relativierenden Historismus verbunden ist, belegen die außerordentlich suggestiven Seiten, auf denen Renan in Analogie zu Musset als ein neues „enfant du siècle“ charakterisiert werden soll. Es ist das jener Abschnitt über den „dilettantisme“ der „conversation“ und des „ameublement“, dem Hugo von Hofmannsthal Grundbegriffe und Mythologie seines Frühwerks verdankt, was sich etwa an Der Tor und der Tod detailliert – sozusagen Begriff für Begriff – nachweisen ließe. Die Passage zeigt, wie der bürgerliche Salon mit seinen „bibelots exotiques ou anciens“, mit den venezianischen Veduten eines Fromentin oder den symbolistischen Aquarellen eines Gustave Moreau, zum Museum geworden ist, „et qu’est-ce qu’un musée, sinon une école tout établie pour l’esprit critique?“ (I, 66) In ihm kann es keine „unité de sentiments“ (I, 67) mehr geben; vielmehr stellen sich die melancholischen Fragen: „Tout ici n’est-il pas multiple? Tout ne vous invite-t-il pas à faire de votre âme une mosaïque de sensations compliquées? N’est-ce pas un conseil de dilettantisme qui semble sortir des moindres recoins d’un de ces salons encombrés où même l’élégance de la femme à la mode se fait érudite et composite? [...]“ (I, 64)
Was an dieser Stelle explizit zur Sprache kommt, ist Bourgets faszinierte und gleich zeitig zutiefst geängstigte Erfahrung der Multiplizität. Sie durchzieht die Essais als ein obsessives Leitmotiv, das durch immer neue Drohungen der Psychologie, des Historismus und des Kosmopolitismus provoziert wird, hinter denen letztlich eine ‚einzigartige Anarchie‘ lauert: „Nous avons tant multiplié les points de vue, si habilement raffiné les interprétations, si patiemment cherché la genèse, partant la légitimité relative de toutes les doctrines, que nous en sommes arrivés à penser qu’une âme de vérité se dissimule dans les hypothèses les plus contradictoires sur la nature de l’homme et celle de l’univers. Et comme, d’autre part, il n’est pas d’hypothèse suprême qui concilie toutes les autres et s’impose à l’intelligence dans son intégrité, une anarchie d’un ordre unique s’est élaborée dans le monde intellectuel“ (I, 215sq.). Diese Anarchie führt in ihrem „cortège d’infirmités“ die „vacillation de la volonté“ mit sich, den „dilettantisme toujours à demi détaché et toujours indifférent (ib.) oder – wie es im Stendhal-Aufsatz heißt – die „indifférence compréhensive“ (I, 318). Denn eben aus dem vielfältigen Verstehen der vielfältigen Kulturen, Doktrinen, Werke und Gestalten entsteht das Chaos des modernen Geistes, dem mangels einer „certitude“ die Kraft zum Handeln und zum Leben schwindet. So behauptet der Flaubert-Aufsatz zur „usure de la volonté“, die neben der „usure physiologique“ und der „usure du sentiment“ einen „exercice trop intense de la pensée“ überschattet: „L’abondance des points de vue, cette richesse de l’intelligence, est la ruine de la volonté, car elle produit le dilettantisme et l’impuissance énervée des êtres trop compréhensifs“ (I, 159).
In den szientistischen Aspekten der Psychologie und den ästhetisch-historistischen Neigungen des „dilettantisme“, die man heute oft als getrennte, ja insgeheim widersprüchliche Tendenzen des Fin de Siècle betrachtet, wirken für Bourget demnach die gleichen Keime ‚krankhafter‘ Auflösung und Zersetzung. Sie schwächen die „unité de sentiments“, auf die sich die Identität einer Person, einer Gesellschaft oder eines Staates gründen sollte, gleichsam von innen und von außen; denn der äußeren Multiplizität des historistischen Verstehens und Genießens entspricht ja die innere Multiplizität, derer eine psychologische Analyse gewahr wird, welche ‚unser Ich‘ auffaßt „comme un faisceau de phénomènes sans cesse en train de se faire et de se défaire, si bien que l’unité apparente de notre existence morale se résout en une succession de personnes multiples, hétérogènes, parfois différentes les unes des autres jusqu’à se combattre violemment“ (I, 162). Solche Analyse verwehrt etwa selbst Taine den in der Tiefe des Gemüts offenbar ersehnten Glauben, nicht indem sie ihn direkt negiert sondern indem sie – subtiler – das seelische Bedürfnis in eine Reihe multipler Motive zerlegt: „Que c’est bien là un homme de notre temps, chez lequel la sensibilité héréditaire réclame [...] un monde éternel et immuable derrière ce chaos d’apparences fugitives, un Dieu paternel au coeur de la nature, tandis que l’implacable analyse lui décompose même ces douleurs, même ces révoltes, pour lui en étaler les éléments constitutifs et nécessaires!“ (I, 244)
Indessen setzt die Krankheit der Multiplizität, unter welcher die ‚dekadente‘ Moderne leidet, noch einen Überträger voraus, und diesen gefährlichsten Agenten des Zerfalls erkennt Bourget – durchaus nicht ohne Scharfblick – in der Literatur. Die beiden hauptsächlichen Erscheinungsformen des Übels, der „dilettantisme“ wie der „esprit d’analyse“, werden nämlich gleichermaßen literarisch vermittelt. Deshalb stellt Bourget im Flaubert-Essay, wo er die „abondance des points de vue“ und vorher generell „la pensée comme un pouvoir, non plus bienfaisant, mais meurtrier“ beklagt, zugleich die rhetorische Frage: „Quand nous prodiguons, à mains ouvertes, l’instruction en bas, l’analyse en haut; quand, par la multiplicité des livres et des journaux, nous inondons les esprits d’idées de tous ordres, avons-nous bien calculé l’ébranlement produit dans les âmes par cette exagération de jour en jour plus forcenée de la vie consciente?“ (I, 157)
So erscheinen Madame Bovary und L’Education sentimentale nach Bourgets Deutung wiederum als zwei ‚sehr kuriose Fälle‘ eines pathologischen Phänomens, das sich „intoxication littéraire“ nennt. Es erzeugt jene „victimes du livre“, über die Jules Vallès schon 1862 einen ironisch-sarkastischen Zeitungsartikel verfaßte [11] und deren Tradition von Emma Bovary oder Frédéric Moreau bekanntlich bis zum Don Quijote, ja bis zu Dantes Paolo und Francesca zurückreicht. Wie eine Epidemie scheint die „gefährliche Lesesucht“ insbesondere während des 18. Jahrhunderts empfunden worden zu sein, als sich die extensive Lektüre und damit die beständige Erfahrung fremder Geschicke und Empfindungswelten auf breitere bürgerliche Schichten ausdehnte. [12] Den Ursprung umfassender Verderbnis, welche die Gesellschaft für einen epochalen Moment insgesamt ergreift, diagnostiziert in der „intoxication littéraire“ jedoch wohl erst Bourget. Eine Besprechung von Barrès’ Roman Sous l’oeil des barbares, die 1888 dem Turgenjew-Aufsatz beigefügt wurde, erklärt sie zur „maladie morale assez habituelle dans notre âge d’extrême civilisation“ (II, 248). Dabei handelt es sich um nichts anderes als die Krankheit der hermeneutischen Multiplizität, d. h. des entwurzelnden Verstehens vielfältiger Gefühle, Ideen und Traditionen. Wenn ein Heranwachsender von einiger Phantasie („un adolescent imaginatif et ardent“) diesem „dangereux abus de la littérature“ zum Opfer fällt, pflegt folgendes zu geschehen: „Il devance l’expérience de la vie et il s’attribue les passions qu’il n’a pas éprouvées encore, avec une énergie d’imitation qui parfois outre le modèle. Il est libertin, sceptique et romanesque avec Rolla, lucide et cruel avec Adolphe, religieux et dilettante avec Renan, ambitieux et philosophe avec Balzac, mystique et dégradé avec Baudelaire“ (II, 249).
Offenkundig ähnelt ein solcher Befund dem Phänomen, das der Romantiker Chateaubriand einst als die „coupable mélancolie“ des „vague des passions“ beschrieben hatte. [13] Völlig verschieden ist indessen das Gewicht der Konsequenzen, die dieser Erscheinung zugeschrieben werden. Bei Bourget beziehen sie sich als akute Gefahr eben auf das gesellschaftliche Ganze, welches nicht mehr wie bei Chateaubriand die Züge einer „existence pauvre, sèche et désenchantée“ annehmen kann, sondern ideell alle Autorität und jedes Recht für sich beanspruchen darf. Gegenüber diesem Legitimitätsanspruch des „organisme social“ setzt sich der pathologisierte Leser nun entschieden ins Unrecht, indem er einem „étrange état de dédoublement“ nachgibt, der ihn Lebens-, oder genauer: funktionsuntüchtig macht. Er entwickelt, von Literatur ins Chaos der Vielfalt verführt, neben und über einer aktivierenden „sensibilité naturelle“ („qui est celle du paysan comme du grand seigneur“) eine verderblich ästhetisierende und ‚dekadente‘ „sensibilité factice, acquise et comme greffée, qui nous fait jouir et souffrir comme l’autre, mais dans des conditions tout imaginaires“ (II, 249sq.). Mit solcher „sensibilité factice“ entzieht das intelligent genießende Individuum seine Kräfte jeglichem Realitätsprinzip, und es beginnt oder wächst jene Zerwürfnis zwischen den Einzelnen und ihren traditionellen gesellschaftlichen Funktionen, welches so unheilvoll wirkt, daß Bourget in ihm die Schrecken der Anarchie, der „rage meurtrière des conspirateurs de Saint-Pétersbourg oder der furieux incendies de la Commune“ (cf. I, 13) vorgeprägt sieht: „La personne solide, active et utile, que nous pourrions, que nous devrions être, se trouve comprimée, et une personne artificielle et composite grandit en nous, qui n’a pas de milieu ni d’atmosphère [...] et qui, cependant, est contrainte d’agir et de vivre“ (II, 250).
Um das ganze Ausmaß des Unheils zu demonstrieren, das von den anarchoiden Wirkungen der Psychologie, des ‚Dilettantismus‘ und der Literatur auf die Gesellschaft ausgeht, hat Bourget unter anderem auch den bemerkenswerten Roman Le Disciple geschrieben, einen der – zumindest ideologisch – zentralen Texte des europäischen Fin de Siècle. Er kann hier, obgleich sich das lohnen würde, nicht mehr interpretiert werden; doch mögen einige Stichworte andeuten, in welch programmatischer Form dieser „roman à thèse“ auf die Argumente der Essais zurückbezogen ist. Er konstruiert gleichsam syntagmatisch, in einem einzigen Handlungsverlauf, die gleiche Unheilskette, die in den vorangegangenen Aufsätzen eher paradigmatisch entwickelt wurde: die Lehre des „philosophe moderne“ und „psychologue nihiliste“ Adrien Sixte („le Spencer français“) verdirbt und demoralisiert den ‚Schüler‘ Robert Greslou, der wiederum seine adelige Geliebte Charlotte de Jussat in den Tod treibt, bevor schließlich Charlottes Bruder, als wahrer Edelmann durch eine „sensibilité naturelle“ ausgezeichnet, den verantwortungslosen Verführer „simplement“, d. h. mit einem Revolverschuß, exekutiert.
Mit beträchtlichem analytischem Raffinement und wohlkalkulierten Spannungseffekten erzählt, [14] stellt das Ganze gewissermaßen die radikal-konservative Variante und Korrektur von Stendhals Le Rouge et le Noir dar. In ihr fordert Greslou, der moderne Julien Sorel, [15] nicht mehr, von der Autorenperspektive unterstützt, heroisch die Gesellschaft heraus, sondern wird vom Autor, dessen Perspektive die gesellschaftliche Normen übernimmt, genau umgekehrt zum pathologischen und damit letztlich kriminellen Phänomen degradiert. Dabei hat die „maladie intellectuelle“, an der Greslou zugrunde geht, verschiedene und aus den Essais de Psychologie Contemporaine inzwischen bekannte Ursachen. Die erste besteht in der wertfreien Analyse des ‚nihilistischen Psychologen‘, der die „théorie du Bien et du Mal“ als bloße Konvention betrachtet (cf. 65) [16] und die „responsabilité de maître à élève“ (cf. 90) zu verdrängen sucht. Aus dem Geiste solcher Analyse ist Greslous Studie „Contribution à l’étude de la multiplicité du Moi“ (cf. 42) ebenso erwachsen wie seine das Leben zum Experiment machende Maxime „Multiplier le plus possible les expériences psychologiques“ (62), die für Charlotte de Jussat tödliche Konsequenzen zeitigen wird. Deren Tödlichkeit aber liegt – wie der Roman mit allem Nachdruck bekräftigt – letzten Endes in nichts anderem als der Lektüre begründet. Und tatsächlich ist die „intoxication littéraire“ für den ‚Disciple‘ zugleich Ursprung der eigenen Verderbnis und Instrument zur korrumpierenden Verführung Charlottes. Einerseits wird ausführlich beschrieben, wie Greslou über diversen Lektüren die einfältige Gewißheit der Überlieferung einbüßt, weshalb seine Mutter mit Recht vermutet: „J’avais le pressentiment que c’étaient ces lectures qui avaient perdu mon fils!“ (89) Zum anderen versteht es der junge Psychologe, durch einen selbstreflexiven „esprit d’analyse“ aufgeklärt, diesen Vorgang auch sozusagen experimentell bei anderen auszulösen, und so benutzt er die Literatur bewuß als Verführungsmittel: „C’était le désir de m’assimiler des émotions inéprouvées qu m’avait ensorcelé. J’en concluais que c’était la loi générale de l’intoxication lit téraire. Je devais donc choisir pour la jeune fille des livres qui éveillassent chez elle ce même désir, en tenant compte de la différence de nos caractères“ (226). Demnach ergibt die „intoxication littéraire“ geradezu einen circulut vitiosus, den romanintern lediglich der Revolverschuß des gläubigen „soldat“ und „gentilhomme“ (cf. 117) zu durchbrechen vermag. Romanextern scheint er sich dagegen, trotz aller vergleichbaren (reaktionär oder revolutionär gesonnenen) aktivistischen Proteste der Folgezeit, kaum noch auflösen zu lassen. Jedenfalls kam die Analyse und Kontestation der Romane auch im Fin de Siècle nicht mehr ohne Romane aus, und paradoxerweise verlangte die Kritik analytischer Literatur – wie hier zu belegen war – den ebenso literarischen wie analytischen Scharfblick eines Paul Bourget, von dem der Erzliterat André Gide später kritisch behaupten sollte: „Ses moindres propos respirent la littérature.“ [17]
1 H. Hinterhäuser: Fin de Siècle. Gestalten und Mythen, München 1977, 8.
2 Ib., 9.
3 Cf. H. von Hofmannsthal: Aufzeichnungen, Frankfurt/M. 1959, 213sq.
4 R.-R. Wuthenow: Muse, Maske, Meduse. Europäischer Ästhetizismus, Frankfurt/M. 1978, 129.
5 Eine bemerkenswerte Ausnahme sind hier freilich Klaus Schröters Studien zu Thomas und Heinrich Mann, in denen öfter auf die von uns angesprochene Filiation hingewiesen wird; cf. etwa K. Schröter: Thomas Mann, Reinbek b. Hamburg 1964, 35sq .
6 R.-R. Wuthenow, l.c., 128.
7 Diese und die folgenden Seitenangaben im Text beziehen sich auf die Ausgabe: P. Bourget: Essais de Psychologie Contemporaine, 2 Vol., Paris 1924.
8 Cf. dazu C. Evans: Taine. Essai de biographie intérieure, Paris 1975, sowie die verschiedenen Beiträge der Nr. 32 (1981) der Zeitschrift Romantisme – Revue du Dix-Neuvième Siècle.
9 Bezeichnenderweise verbindet diese Anschauung in einem epochenspezifischen epistemologischen Axiom den „rechten“ Bourget mit dem „linken“ Zola (zu ihm cf. J. Borie: Zola et les Mythes, Paris 1971, oder R. Lyon: Zolas „foi nouvelle“, Frankfurt/M./Bern 1982).
10 Cf. zur Gegenprobe beispielsweise G. Bauer: Theorie der Literatur in der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft, in: H. Rüdiger (éd.): Zur Theorie der Vergleichenden Literaturwissenschaft, Berlin/New York 1971, bes. 32.
11 Cf. J. Vallès: Littérature et révolution, Paris 1969, 57–66.
12 Cf. dazu den Band: Leser und Lesen im 18. Jahrhundert, Heidelberg 1977, 62 et pass.
13 Cf. Chateaubriand: Génie du Christianisme, Paris 1966, I, 309sq.
14 Cf. zu den narrativen Aspekten des „Disciple“ am besten immer noch A. Thibaudet: Réflexions sur le Roman, Paris 1938, bes. 141, 178sq., 200sq. und 227sq.
15 Daß Greslou mit Julien Sorel oder der Marquise de Merteuil zu jenen literarischen Figuren zählt, „che tratteranno l'amore cerebralmente“, hat bereits richtig Mario Praz bemerkt (cf. La carne, la morte e il diavolo nella letteratura romantica, Firenze 1969, 90 n. 18).
16 Diese und die folgenden Seitenangaben im Text beziehen sich auf eine Ausgabe: P. Bourget: Le Disciple, Paris o.J.
17 A. Gide: Journal, Paris 1970, I, 521 (26. November 1915).
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