Karl Wiesinger

Digitale Edition der Tagebücher (1961–1973)

Die Tagebücher

In dem 2012 von einer Nichte dem Adalbert-Stifter-Institut übergebenen Nachlass Karl Wiesingers findet sich ein ca. 750 Blatt umfassendes Typoskript der Tagebücher aus den Jahren 1961 bis 1973. Das Typoskript stellt nur einen Teil der umfangreichen Tagebücher dar, die Wiesinger über vier Jahrzehnte hinweg verfasst hat. Der weitaus größere Teil muss als verschollen bzw. vernichtet gelten.

Wiesinger hat die Arbeit an den Tagebüchern offenbar stets als Teil seines literarischen Werkes betrachtet, denn er führt diese in verschiedenen Werkverzeichnissen an. Über die Jahres-Chronologie hinaus bündelt er die Tagebücher zu Perioden bzw. Phasen mit sprechenden Übertiteln. Die letztgültige Auflistung lautet wie folgt:

  1. Kochende Lava. 1938–1950. 80 S.
  2. Reflexionen. 1950–1960. 230 S.
  3. Brennpunkte. 1961–1964. 108 S.
  4. Linzer Protokolle. 1965–1967. 265 S.
  5. Endstation. 1968–1976. 250 S.
  6. Überblicke. 1977–1978. 280 S.
  7. Ausklang. 1979–1983. 213 S.
  8. Nachlese. 1984–1986. 196 S.
  9. Mit letzten Kräften. 1987–1990. Ca. 120 S.

Christiane Schnalzer-Beiglböck, die in den frühen 1990er-Jahren eine umfangreiche Monografie zu Wiesingers Leben und Werk als Diplomarbeit am Institut für Theaterwissenschaft der Uni Wien verfasste und im Zuge dessen noch Zugang zu den gesamten Tagebuch-Materialien hatte, verweist darauf, dass Wiesingers Arbeit an den Tagebüchern erst um 1950 einsetzt, und zwar mit einer Art Rückblende auf die Jahre seit 1938.1 Ab 1951 schreibt Wiesinger kontinuierlich und fortlaufend am Tagebuch.

Im Gegensatz zu seinen sonstigen Gepflogenheiten verfasst Wiesinger seine Tagebücher (mit wenigen Ausnahmen) in radikaler Kleinschreibung. Möglicherweise wollte er damit den Werkstattcharakter betonen, dem der Duktus der Tagebücher weitgehend folgt. Abgesehen von Reiseberichten beschränkt sich Wiesinger auf kurze Schilderungen von Ereignissen und Begebenheiten sowie bewusst knapp gehaltene Kommentare und Einschätzungen. Auch bei umfangreicheren Wiedergaben von Vorträgen bzw. Lektüren überwiegt das Stichworthafte.

Die zeitliche Datierung erfolgt nicht konsequent. Manchmal steht sie in unmittelbarem Zusammenhang mit den erwähnten oder reflektierten Ereignissen, in anderen Fällen scheint Wiesinger eher einer Logik der „Schreibtage“ zu folgen, an denen er die über einige Tage oder auch Wochen gesammelten Notizen ins Reine schreibt. Zuweilen kommt es auch zu Verwechslungen bzw. Sprüngen in der Chronologie. Die lockere Handhabung ist ein Indiz dafür, dass Wiesinger die Arbeit am Tagebuch eher als Schreibfluss denn als Journal im strengen Wortsinn praktizierte.

Christiane Schnalzer-Beiglböck erwähnt in ihrer Arbeit eine von den Tagebüchern unabhängige Mappe mit „Wochen- und Jahresberichten von 1951–1990, die vor allem über die literarische Produktion Auskunft geben“,2 die sich allerdings nicht im Nachlass finden. Der Duktus der von ihr zitierten Stellen lässt eine deutliche Verwandtschaft zu den Tagebüchern erkennen (radikale Kleinschreibung, aphoristischer Stil). In welchem Verhältnis die beiden voneinander unabhängigen Ablagen für Wiesinger selbst standen, lässt sich im Nachhinein nicht mehr feststellen. Reflexionen zur literarischen Produktion finden sich jedenfalls auch in den Tagebüchern.

Schließlich betrieb Karl Wiesinger noch eine dritte Form der Chronik, und zwar in Form von Zeitungscollagen, die er unter den Titeln „Varia“ bzw. „Kunst und Wissen“3 ablegte und deren Jahreskonvolute von 1947 bis 1965 im Nachlass erhalten sind. Sie stellen eine Ergänzung vor allem in Bezug auf Wiesingers Interesse für politische Themen dar, die neben Sportberichten und Fotografien von weiblichen Schönheiten den Schwerpunkt dieser Sammlungen bilden.

Die erhaltenen Tagebücher stellen – trotz ihrer subjektiven Färbung – in mehrerlei Hinsicht eine wertvolle zeit- und literaturgeschichtliche Quelle dar. Sie zeigen den Autor in einer Phase des Übergangs vom Theater- zum Romanschriftsteller und dokumentieren seine intensive Auseinandersetzung mit den innen- wie außenpolitischen Entwicklungen vor dem Hintergrund wachsender Spannungen zwischen Ost und West. Vor allem die Reisen in Länder des Ostblocks (ČSSR, DDR, Sowjetunion, Jugoslawien) geben einen Einblick in die Durchdringung des Alltags mit den jeweiligen Systemlogiken, politischer Indoktrination, Propaganda und medialer Manipulation. Wiesingers Wahrnehmungen und Positionen geben zudem Aufschluss über die internen Entwicklungen der KPÖ im Verlauf der 1960er Jahre und zeichnen den Bruch zwischen den Reformern und den linientreuen Moskau-Adepten nach, der sich in der Folge der Niederschlagung des sogenannten Prager Frühlings vollzieht.

Lokalgeschichtlich erweist sich das Tagebuch als reichhaltige Quelle in Bezug auf die Linzer Kultur- und Zeitungsszene der 1960er-Jahre. Wiesingers Kontakte zu Literaten, bildenden Künstlern, Künstlergruppen, Theatern und Galerien vermitteln einen lebendigen Eindruck des Linzer Kunstschaffens bzw. der sich darin manifestierenden gesellschaftlichen und kulturellen Aufbruchsstimmung, aber auch der Widerstände und Vorbehalte, mit denen Kunstschaffende und politisch Andersdenkende zu dieser Zeit konfrontiert waren.

Nicht zuletzt bietet das Tagebuch wertvolle Hinweise bezüglich Wiesingers eigener Arbeit bzw. der Einflüsse, die ihn prägten. Anhand der Aufzeichnungen lassen sich die Schwierigkeiten verfolgen, denen er in Bezug auf Verlagssuche und Unterstützung in Österreich ausgesetzt war. Neue Erkenntnisse vermittelt das Tagebuch nicht zuletzt in Bezug auf die Arbeit bzw. die Rezeption von Wiesingers vermutlich wichtigsten Prosaarbeiten, dem zeitgeschichtlichen Roman Achtunddreißig. Jänner Februar März sowie seinem Literaturbetriebsstreich Bauernroman. Weilling Land und Leute, den er unter dem Pseudonym Max Maetz veröffentlichte.

Anmerkungen

1 Vgl. Christiane Schnalzer-Beiglböck: Karl Wiesinger (1923-1991). Eine Monographie unter besonderer Berücksichtigung der Theaterarbeit. Diplomarbeit, Uni Wien 1995, S. 36.

2 A. a. O., S. 46.

3 So lautete der Titel der Kolumne für die Kunst- und Kulturberichterstattung in der Linzer Tageszeitung „Die Neue Zeit“, für die Wiesinger in den frühen Nachkriegsjahren Beiträge lieferte.