Aesop – Person, Werk, Überlieferung

Lukas Spielhofer


1 Wer sich mit dem Phänomen ‚Fabel‘ im europäischen Kulturraum auseinandersetzen möchte, wird früher oder später unweigerlich auf den Namen einer Figur treffen, die wie keine zweite auf die Rolle der Fabel in der Antike und auf ihre Rezeption in der modernen europäischen Literatur gewirkt hat und für viele sogar zum Inbegriff ihres Verständnisses der Fabel überhaupt geworden ist. Die Rede ist vom legendären ‚Meister Aesop‘. Und obwohl der Name im Kontext der Fabeldichtung nach wie vor allgegenwärtig ist, liegt die Figur dahinter auch heute noch weitgehend im Dunkeln.

1. Versuch einer Biographie

2 Wer meint, ein Name, der in der europäischen Literatur so weit verbreitet ist, würde uns auf die Lebensgeschichte einer wohl bekannten Figur der Antike verweisen, der irrt. Zwar war die Figur Aesop die gesamte Antike hindurch wohl bekannt, über die historische Person dahinter finden sich jedoch kaum Anhaltspunkte. Aus den heute erhaltenen antiken Biographien lässt sich in etwa folgendes Bild des Fabeldichters zeichnen:1 Er habe in der ersten Hälfte des 6. Jhd.s v.Chr. als Zeitgenosse von Solon, Kroisos, der Sieben Weisen und Sappho gewirkt, stamme ursprünglich aus Phrygien, Thrakien, Lydien, Sardes oder Samos (oder habe an diesen Orten gelebt), sei Haussklave des Atheners Timarchos, des Lyders Xanthos oder des Samiers Iadmon, Admon oder Idmon gewesen und habe gemeinsam mit einer Mitsklavin namens Rhodopis gedient, mit der er eventuell ein Verhältnis gehabt habe und die später vom Bruder der Dichterin Sappho – so erzählt es beispielsweise Herodot im zweiten Buch der Historien (2,134–135) – freigelassen worden sein soll. Aesop habe weiters Kontakte mit bereits erwähnten bedeutenden Persönlichkeiten seiner Zeit gehabt, unter ihnen etwa Solon oder Kroisos. Es wird von Auftritten in Athen, Korinth, Samos und sogar in Italien berichtet. Den Tod habe der Fabeldichter Biographien zufolge in Delphi gefunden, wo er von den Delphiern des Tempelraubs angeklagt, zum Tode verurteilt und vom Felsen Hyampeia gestürzt worden sein soll. Als Todesdatum kann nach chronographischen Angaben das Jahr 564 v.Chr. errechnet werden.2

3 Wie an diesem kurzen Abriss dessen, was uns heute über das Leben der Figur Aesops in der Antike bekannt ist, gezeigt werden kann, wurde die Lebensgeschichte des Autors in vielfachen Abänderungen und Variationen erzählt, wobei kein klarer Konsens über die Korrektheit der einen oder anderen Version bestand und besteht. Um Aufschluss über die ‚wahre‘ Biographie Aesops zu erlangen, konnte ferner auch kein historisch-biographischer Ansatz, wie etwa im Falle von Phaedrus, zur Analyse des Textmaterials angewandt werden. Dieser Umstand ergab sich aufgrund einer gewichtigen Eigenschaft des Textmaterials, auf die in Abschnitt 4 noch genauer eingegangen wird.

4 Da also bereits seit der Antike – und umso mehr in der Moderne – Unklarheit über die Biographie des berühmten Fabeldichters herrscht, entwickelte sich die Person des Aesop schnell zu einer legendenhaften Figur, die dem Ruf und der Stellung Homers für das Genre der Fabel durchaus ähnlich zu sein scheint: Bereits die erste Erwähnung Aesops in der griechischen Literatur in Herodots Historien (5. Jhd. v.Chr.) wird in der Forschung aufgrund der Personenkonstellation sowie aufgrund des Inhalts der Delphi-Episode eher im Bereich der Legende angesiedelt denn als historische Schilderung gesehen.3 Wie ferner anhand der Testimonien bereits sichtbar geworden ist, erhoben gleich mehrere Regionen Griechenlands den Anspruch darauf, Geburtsort des großen Meisters der griechischen Fabel zu sein. Weiters wurde er aufgrund seiner (angeblichen) Tätigkeit als Berater und aufgrund seines Umgangs mit wichtigen Persönlichkeiten seiner Zeit häufig in ein Nahverhältnis mit dem Kanon der Sieben Weisen gestellt; und schließlich regen erstaunliche Parallelen zwischen der vita Aesopi und der spätantiken, pseudoherodoteischen vita Homeri zum Nachdenken an.4 In späteren Versionen der Legende wird Aesop sogar nachgesagt, von den Toten auferstanden zu sein.

2. Die vita Aesopi

5 Die Entrückung des Fabeldichters in den Bereich der Legende aufgrund fehlender konkreter Informationen über sein Leben führte dazu, dass in der Spätantike der Wunsch danach aufkam, die Biographie Aesops so vollständig wie möglich zu rekonstruieren. Um diesem Streben gerecht zu werden, entstand ein Werk, das (vermeintlich) alle zur damaligen Zeit im Umlauf befindlichen Informationen über Aesop zu einer zusammenhängenden Biographie kombinierte: die bereits erwähnte vita Aesopi. Das Werk der römischen Kaiserzeit, das auch als Aesop-Roman bekannt ist, stellt den Versuch eines anonymen Autors dar, das gesamte Leben Aesops in einer zusammenhängenden Erzählung, die man ihrem Aufbau nach auch als eine große Fabel bezeichnen könnte, darzulegen. Entgegen früherer Thesen der Forschung, wonach das Werk ein Flickwerk verschiedenster Autoren sei, ist nach neueren Analysen5 klar, dass dem Werk eine durchläufige narrative Gesamtkomposition zugrunde liegt, was dafür sprechen würde, dass es sich um das zusammenhängende Werk eines Autors handelt.

6 Das Werk liefert eingangs eine ausführliche Beschreibung der Person Aesops: Er wird als hässliche, provozierende und hinterlistige Figur beschrieben, die aufgrund ihrer polarisierenden Art zahlreiche gegen sie gerichtete Intrigen zu bewältigen hat, am Ende jedoch aufgrund ihrer Schlauheit und ihres Ehrgefühls gegenüber den Göttern stets die Oberhand behält. In dieser einleitenden Passage, die in ihrer strukturellen Gestaltung starke Einflüsse der Neuen Komödie (Menander) erkennen lässt, wird die Grundlage für Aesops Karriere als Fabelerzähler geschaffen: Aufgrund seiner Gottesfrömmigkeit wird dem zuerst stummen Sklaven durch die Göttin Isis die Gabe verliehen, Geschichten zu erzählen. Im weiteren Verlauf des Romans wird Aesops Zeit bei dem Philosophen Xanthos6 beschrieben. Xanthos kauft Aesop als Sklave auf einem Markt in Samos und bringt ihn in sein Haus, wo er Teil der Hausgemeinschaft wird. Es folgen Erzählungen über Streiche, die der Sklave seinem Herrn spielt sowie über die Versöhnung von Herr und Diener. Anschließend macht Aesop sich nützlich, indem er Xanthos durch seine schlaue Natur aus zahlreichen schwierigen Situationen hilft. Als Dank für seine Hilfeleistungen wird er schließlich dort, wo er gekauft wurde, auch wieder freigelassen. In weiterer Folge leistet Aesop auch dem Volk von Samos im Umgang mit dem Lyderkönig Kroisos sowie König Lykoros von Babylon Abhilfe, meist indem er durch die Erzählung einer Fabel darlegt, wie seiner Meinung nach in einer konkreten Situation zu handeln ist. Am Ende des Romans greift der Autor auf eine Erzählung zurück, die ebenfalls in den antiken Biographien über Aesops Ableben überliefert wird: Er sei in Delphi der ἱεροσυλία (Hierosylía), also des Tempelraubs, angeklagt und zum Tode verurteilt worden.

7 Zwei Aspekte sind bei diesem Text noch beachtenswert: Erstens demonstriert Aesop seine Weisheit im Roman stets dadurch, dass er sie in λόγοι, also dem, was wir gemeinhin unter der Bezeichnung Fabel verstehen, ausdrückt. Auffällig ist hierbei, dass die Fabel jeweils in einem konkreten Kontext zum Einsatz kommt – im Gegensatz zur aesopischen Fabelsammlung, die ja kontextunabhängig existiert. Auf diese Tatsache wird im Folgenden noch genauer eingegangen. Der Aufbau der Vita entspricht durchaus der gängigen literarischen Praxis: Vielfach wurden Anekdoten über Aesops Leben zum Rahmen für die Erzählung seiner Fabeln verwendet.7 Da die vita Aesopi eine literarische Komposition mehrerer Anekdoten darstellt, schlägt sich dieser Umstand auch in ihrer Gestaltung nieder.

8 Zweitens regt die Tatsache, dass es sich bei dem vorliegenden Werk um eines der wenigen Beispiele für einen komisch-realistischen Roman handelt, zum Nachdenken an: Zwar ist das Werk mit dem Anspruch realistischer Ausgestaltung verfasst, allerdings durch die Gattung Roman klar als fiktionales Werk gekennzeichnet. Luzzatto/Wittenburg verleihen diesem Umstand zu wenig Gewicht, wenn sie behaupten, bei der vita Aesopi handle es sich um das Ergebnis „bewußte(r) Mühe gelehrter Forschung, als deren Folge einige auf alte Zeit zurückgehende Einzelheiten der aisopischen Biographie wiedergewonnen werden, wenn auch unter Hinzufügung romanhafter Elemente.“8 Zwar bediente sich der Autor des Werks gewisser, in der Antike zirkulierender Informationen über Aesops Leben, viel mehr jedoch schöpfte er aus vergleichbaren Legenden anderer berühmter Männer und schuf durch Motivübertragung somit ein eigenständiges, jedoch auch klar fiktives literarisches Werk.9 Und da die vita Aesopi auch im Kontext der Überlieferung der ‚Fabeln Aesops‘ eine Rolle spielt, hat sie für die Bewertung des Textes seiner Fabeln eine Bedeutung, die von vielen Philologinnen und Philologen nach wie vor missachtet wird.

3. Aesops literarisches Vermächtnis

3.1. Die Fabeln

9 Unter Aesops Namen ist uns heute ein großes Korpus an Fabeln überliefert. Dabei handelt es sich sowohl um Fabeln, die in größeren zusammenhängenden Sammlungen tradiert wurden als auch um einzelne Fabeln, die in verschiedenen Handschriften ihren Weg in die heutige Zeit gefunden haben.10 Da diese Fabelsammlungen den Großteil des Fabelkorpus ausmachen, werden die darin enthaltenen Fabeln gemeinhin als ‚Fabeln Aesops‘ bezeichnet.

10 Die umfangreichste, älteste und für das Fabelkorpus bedeutendste Sammlung ist unter dem Namen recensio Augustana (I) bekannt. Da sie mit der bereits erwähnten vita Aesopi überliefert wurde, wird die Gesamtsammlung aus Vita und Fabeln auch als Collectio Augustana 11 bezeichnet (cod. Monac. gr. 564). Sie umfasst 231 Fabeln (1 P. – 231 P.) und geht vermutlich auf eine Fabelsammlung aus dem 2. Jhd. n.Chr. zurück. Von dieser Sammlung abhängig sind drei weitere Bearbeitungen: recensio Vindobonensis (II), recensio Accursiana/Planudea (III/Pl) und eine zweite recensio Augustana (Ia), die an die bereits bestehenden 231 Fabeln 13 neue Stücke anfügt, sodass die Sammlung insgesamt 244 Fabeln umfasst. In Perrys Gesamtausgabe folgen anschließend 28 Fabeln aus verschiedenen Handschriften, deren Ursprung allerdings nicht mehr rekonstruiert werden kann. Obwohl die Fabeln der Collectio Augustana als ‚Fabeln Aesops‘ angesehen werden, ist ihre Herkunft und Überlieferung allerdings nach wie vor unklar, wie in Abschnitt 4 näher besprochen wird.

3.2. Der Name

11 Eine Reihe miteinander unvereinbarer biographischer Informationen, eine klar als fiktiv deklarierte Vita und eine Sammlung von Fabeln unklarer Herkunft – dies alles bietet keine ideale Basis, um die historische Person Aesops zu erschließen. Gänzlich anders verhält es sich allerdings, wenn man nach der literarischen Person Aesops fragt: In diesem Falle sieht man sich mit einer Tradition konfrontiert, die in ihrer Beständigkeit in der europäischen Literatur beinahe einmalig ist. Gleichzeitig stellt sich dadurch allerdings die Frage, worin genau Aesops Verdienst für die griechische Fabel gelegen haben muss, dass er in der kulturellen Geschichte Griechenlands (um damit auch Europas) so hoch geachtet wurde und immer noch wird.

12 Anhand des Werts, der dem Namen Aesop bereits in der Antike beigemessen wurde, könnte man davon ausgehen, dass es sich dabei um den Archegeten, den Erfinder, der Gattung ‚Fabel‘ gehandelt habe. Dass dem nicht so war, beweisen seine Nachfolger. So schreibt etwa Babrios, ein Dichter griechischer Fabeln aus dem 2. Jhd. n.Chr., im Prolog seines zweiten Buchs (2 prol. 1–6a) über die Geschichte der Fabel:

μῦθος μὲν, ὦ παῖ βασιέως Ἀλεξάνδρου,
Σύρων παλαιῶν ἐστιν εὕρεμ‘ ἀνθρώπων,
οἳ πρίν ποτ‘ ἦσαν ἐπὶ Νίνου τε καὶ Βήλου.
πρῶτος δε, φασίν, εἶπε παισὶν Ἑλλήνων
Αἴσωπος ὁ σοφός, εἶπε καὶ Λιβυστίνοις
5 λόγους Κυβίσσης.
Die Fabel, Kind des Königs Alexandros, ist eine Erfindung der Alten Syrer, die früher einmal zur Zeit des Ninos und des Belos lebten. Als Erster, so sagt man, hat sie den Kindern der Hellenen Aisopos der Weise erzählt; auch hat den Libyern Kybisses Geschichten erzählt.

13 Was hier in der Antike bereits bekannt war, kann heute durch archäologische Funde bestätigt werden: Spuren für Fabeldichtung können im Bereich des Zweistromlandes bis in das 18. Jhd. v.Chr. nachgewiesen werden (sie sind heute als sogenannte Achikar-Sammlung bekannt). Aesop kann also nicht den Anspruch auf die Erfindung des Genres stellen; dieses war bereits lange vor seiner Zeit bekannt. Sehr wohl wird Aesop hier jedoch als Erster bezeichnet, der die Fabel in den griechischen Kulturraum eingeführt hat. Doch auch dies stellt sich bei näherer Betrachtung als unwahr heraus. Die erste Fabel der griechischen Literatur findet sich in Hesiods Erga kai Hemerai (202–212) aus dem 7. Jhd. v.Chr. – rund ein Jahrhundert vor Aesops angenommener Schaffensphase. Doch auch eine andere Deutung lässt sich hier finden: πρῶτος kann sowohl zeitlich (was bewiesenermaßen falsch wäre) als auch hinsichtlich der Bedeutung beziehungsweise Verbreitung des Werks gemeint sein. Auch Phaedrus, der in seinen Fabeln durchwegs Stellung zum griechischen Vorbild nimmt, erwähnt diesen Umstand im Prolog des ersten Buchs seiner Fabeln (1 prol. 1–2):

Aesopus auctor quam materiam repperit,
hanc ego polivi versibus senariis.
Den Stoff, den der ‚auctor‘ Aesop gefunden hat, habe ich in senarischen Versen aufpoliert.

14 Phaedrus bezieht sich klar auf die Tradition, die Aesop seiner Meinung nach begründet hat. In diesem Zusammenhang ist auch der Begriff auctor interessant: Vom Verb augēre (vergrößern) abgeleitet, kann der Begriff neben der Bedeutung ‚Urheber‘ auch jemanden bezeichnen, der etwas zu adäquater Größe bzw. auch zur Vollendung der Form gebracht hat. Und diese Deutung würde wiederum mit der Deutung bei Babrios übereinstimmen, nach der Aesop derjenige war, der den Untertypus ‚griechische Fabel‘ als wichtigster Vertreter zur Vollendung gebracht, sie allerdings nicht erfunden hat.12

15 Dies deckt sich mit zahlreichen Forschungsmeinungen, wonach Aesops Wert für die Entwicklung der Gattung ‚Fabel‘ darin besteht, dass mit den Bezeichnungen ‚Fabeln Aesops‘ bzw. ‚aesopische Fabeln‘13 versehene literarische Texte erstmals der Gattung ‚Fabel‘ als eigenes, kontextunabhängiges Genre zugeordnet werden können. Alle Fabeln, die vor der angedachten Lebenszeit Aesops verfasst wurden – wie auch viele danach – , sind stets in einem konkreten Kontext in andere Textgattungen eingebettet, in welchen die Fabel als Mittel der Rhetorik zur Verdeutlichung der Position der Person, die die Fabel einsetzt, dient. Fabeln, die Aesop zugeschrieben werden, sind jedoch in der Regel kontextunabhängig und wurden vermutlich ab dem 5. Jhd. v.Chr. zu mehr oder minder konstanten Sammlungen zusammengestellt und gemeinsam tradiert. Diese Sammlungen sind heute ebenso wie die hellenistischen Sammlungen (für die konkrete Zeugnisse vorliegen) nicht mehr erhalten. Der mit diesen Sammlungen jedoch stets verbundene Name Aesops ist Beweis dafür, dass unter dieser Titulatur bereits in der griechischen Klassik ein gewisses gegebenes Gros an Fabeln existiert haben muss.

16 Da für eine Darstellung der Fabel des Hellenismus bis auf einige Fragmente in Kallimachos' Iamboi jegliche Quellen fehlen, setzt die Dokumentation der aesopischen Fabeltradition erst wieder im Laufe der Kaiserzeit ein. Die nächsten, für uns greifbaren Fabeldichter dieser Epoche, Phaedrus und Babrios, stellen sich durch Nennung des Namens Aesop bereits klar in die Tradition der aesopischen Fabel, wie anhand der bereits aufgeführten Beispiele ersichtlich wird. Die Funktion, die Aesop bei diesen beiden Autoren einnimmt, wird er auch die nächsten Jahrhunderte und -tausende beibehalten, wenn Fabeldichter bis in die Neuzeit immer wieder den Einfluss Aesops auf ihre eigene Dichtung bezeugen.

17 Autoren der Antike geben verschiedenste Begründungen für die Zuschreibung gewisser Fabeln oder Fabelsammlungen an Aesop, die van Dijk anschaulich zusammengestellt hat: Demnach bezeichnete man eine Fabel als ‚aesopisch‘ bzw. als ‚Fabel Aesops‘, da Aesop diese Erzählform häufig benutzt und erzählt – nicht erfunden – habe. Erst nach der griechischen Klassik wurde Aesop der Status eines Fabeldichters zugewiesen. Laut Francisco Adrados hat die Verbindung des Namen Aesops mit dem Genre der griechischen Fabel primär terminologische Funktion, um eine konkretere Definition des literarischen Begriffs ‚Fabel‘ zu ermöglichen.14

18 Schließlich tritt Aesop sogar selbst als literarische Figur in der griechischen Literatur auf: Wenn ein Autor eine Fabel als rhetorisches Mittel nach ursprünglicher Verwendungsart anführt, so tut er dies häufig, indem er Aesop auftreten lässt, der anschließend die Fabel formuliert. So verfährt beispielsweise Aristoteles (4. Jhd. v.Chr.) im zweiten Buch seiner Rhetorik (1393b, 22–31), wo er die Geschichte erzählt, dass Aesop in Samos einen Demagogen gerettet habe, indem er dem Volk die Fabel von Fuchs und Igel erzählte, wobei diese Fabel anschließend in indirekter, die Aussagen der Tiere jedoch in direkter Rede ausformuliert werden. Aesop wird also Teil des Kontextes, in den die Fabel gebettet ist. Ähnlich erzählt dieselbe Fabel auch Plutarch (an seni respublica gerenda sit 790c, 11): Obwohl in diesem Fall der Kontext fehlt, wird der Fuchs sehr wohl als Αἰσώπειος ἀλώπηξ bezeichnet. In der Forschung wird angenommen, dass diese Fabel bereits aus einer Art geschriebenen Lebensgeschichte Aesops aus dem 5. Jhd. v.Chr. stammt, welche als Vorbild für die bereits erwähnte vita Aesopi gedient haben könnte.15

19 Besonders ausgeprägt ist dieses Phänomen in den Werken seiner Nachfolger: Neben der Auseinandersetzung mit der aesopischen Tradition in den meisten Pro- und Epilogen lässt Phaedrus Aesop auch in mehreren seiner Fabeln auftreten. In mehreren Pro- und Epimythien wird er als Vertreter für die Fabeldichtung an sich aufgeführt,16 er tritt jedoch auch häufig als direkt handelnde Person auf, wobei er oftmals Teil der Rahmenhandlung bzw. des Kontextes ist, indem er selbst als die Person auftritt, die die Fabel erzählt.17

20 Etwas anders gestaltet sich die Situation bei Babrios: Hier wird Aesop außer in den Prologen zu Buch 1 und 2 der Mythiamboi lediglich in vermutlich unechten Epimythien erwähnt. Dies würde zur Aussage in 2 prol. passen, wo sich der Dichter Babrios klar vom bisherigen Vorbild Aesop distanziert und quasi ein neuer Aesop für kommende Generationen sein will. Dass dies allerdings seinem poetischen Anspruch geschuldet ist und er durch die Inanspruchnahme des Titels ‚zweiter Aesop‘ dessen Namen und Bedeutung nur noch weiter bestätigt, ist offensichtlich.

21 Ein abschließender Punkt ist bei der Bestimmung des Namens Aesop zentral: Unter der Bezeichnung Collectio Augustana (mehr dazu im Folgenden) sind uns heute Fabeln überliefert, die nach allgemeinem Verständnis als ‚Fabeln Aesops‘, also als die Fabelsammlung, die auf Aesop selbst zurückgehen soll, verstanden wurden (und werden). Die vorangegangenen Untersuchungen der aesopischen Fabeltradition bei anderen Autoren führen letzten Endes zu einer weiteren spannenden Erkenntnis: Denn wenn man das Textmaterial der Collectio Augustana auf Spuren Aesops hin untersucht, kommt man zu dem Ergebnis, dass im Fabelkorpus auch Fabeln enthalten sind, die sich auf Aesop selbst beziehen. So etwa in Aisop. 8 P., wo Aesop auftritt und – wie auch schon bei Aristoteles oder Phaedrus – zum Erzähler der Fabel, also zu einem Teil der Rahmenhandlung oder des Kontextes wird, oder in Aisop. 63 P., wo athenische Bürger einem Redner auftragen, einen Αἰσώπειον μῦθον εἰπεῖν, eine ‚aesopische Fabel‘ zu erzählen.

22 Unter der Annahme, die in diesem Korpus als ‚Fabeln Aesops‘ überlieferten Fabeln wurden tatsächlich vom historischen Fabeldichter Aesop verfasst, muten zwei Dinge doch recht paradox an: Erstens, dass sich jener selbst als Figur in seinen Fabeln auftreten lässt, zumal diese vor allem durch ihre Anonymität und Allgemeinheit bestechen; zweitens, dass er seine Art von Fabeldichtung als so großes Vorbild darstellt, dass der Begriff ‚aesopische Fabel‘ bereits zum geflügelten Wort für eine Fabel bestimmten Typs geworden ist.

4. Überlieferung des Werks – die Collectio Augustana

23 Um dieses Paradoxon zu verstehen, lohnt es sich, Aesops Werk, also die eigentliche Fabelsammlung, genauer zu betrachten. Und genau hier ergibt sich ein großes Problem: Während die historische Person in den Biographien auf das 6. Jhd. v.Chr. datiert wird, finden sich die ersten, heute als ‚Fabeln des Aesop‘ titulierten Texte, erst als Anhang an die bereits erwähnte spätantike vita Aesopi, die auf das 2. oder 3. Jhd. n.Chr. zu datieren ist.18 Davor wie danach finden sich zahlreiche Beispiele von Fabeln der griechischen wie lateinischen Literatur, die streng genommen zwar als ‚aesopisch‘ (Aesop ähnlich; Αesopi(c)us bzw. Αἰσώπειος/ Αἰσωπικός), aber niemals als ‚Fabeln Aesops‘ (Aesop als Autor des Werks; Aesopi bzw. τοῦ Αἰσώπου) bezeichnet werden können. Phaedrus liefert hier im Prolog zu seinem vierten Buch der Fabeln (4 prol. 10–11) sogar ein antikes Zeugnis:

[…] fabulis, quas Aesopias, non Aesopi, nomino.
[...] mit Fabeln, die ich aesopische, nicht <jene> Aesops nenne.

24 Vielfach werden die Begriffe allerdings schon in der Antike synonym verwendet, sodass eine klare Abgrenzung nicht möglich ist.

25 Dies ist auf ein Überlieferungsproblem der Fabeln zurückzuführen:19 Anders als bei der Überlieferung der Werke anderer klassischer Autoren, kam es bei der Überlieferung von Fabelsammlungen, die ja großteils auch als Gebrauchstexte im Schulunterricht verwendet wurden, zu großen Abweichungen hinsichtlich ihres Textmaterials. In byzantinischer Zeit war es beispielsweise üblich, eigene Sammlungen mit einer persönlichen Auswahl an Fabeln anzufertigen und diese als ‚Fabeln Aesops‘ zu kennzeichnen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass man selbst in der Antike keine kanonisch-absolute Version der ‚Fabeln Aesops‘ als abgeschlossenes Werk mit Sicherheit nachweisen kann. In der Fabelforschung besteht daher heute das definitorische Problem, zu bestimmen, welche Kriterien eine Fabel erfüllen muss, um als eine ‚Fabel Aesops‘ oder als eine ‚aesopische Fabel‘ zu gelten.

26 Hier kommt die Collectio Augustana ins Spiel: Die bereits erwähnte Sammlung von ursprünglich 231 bzw. 244 Fabeln wird in der Forschung gemeinhin als Beispiel für eine Sammlung von ‚Fabeln Aesops‘ angesehen. In Kombination mit der vita Aesopi, mit welcher sie gemeinsam überliefert wurde, ist sie heute meist unter dem Namen ‚Augustana-Sammlung‘ oder Collectio Augustana bekannt – benannt nach der Stadt Augsburg, dem ursprünglichen Aufbewahrungsort des Codex, in dem sie tradiert wurde (cod. Monac. gr. 564).

27 Jedoch ist der Status dieser Texte als Sammlung der ‚Fabeln Aesops‘ heute durchaus umstritten. Denn nach neueren Erkenntnissen der Forschung zum Aesop-Roman hat man begonnen, dieses lange Zeit als wissenschaftliche Tatsache akzeptierte Problem erneut infrage zu stellen. Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang ergibt, ist folgende: Stellen die vita Aesopi und die Fabeln der Collectio Augustana ein gemeinsam konzipiertes Werk dar oder nicht? Die Antwort auf diese Frage ist umstritten. Als Argument gegen einen Zusammenhang der Abfassung wird beispielsweise angeführt, dass Fabeln, die bereits in der vita Aesopi vorkommen, auch in der nachfolgenden Fabelsammlung enthalten sind, was einer Doppelung gleichkommen würde.20 Allerdings wurde bereits erwähnt, dass die Fabeln, die in der vita Aesopi vorkommen, stets in einem konkreten Kontext verwendet werden, wie die Fabel laut Überlieferung zuerst auch verwendet wurde. Man könnte daher argumentieren, dass der Autor der Sammlung auch anhand der Vita demonstrieren wollte, wie Fabeln im rhetorischen Sinne richtig anzuwenden sind; dieser Beispieleffekt würde genau dann am besten wirken, wenn er dafür Fabeln verwendet, die direkt im Anschluss im Repertorium vorkommen. Er könnte dadurch quasi den Eindruck erwecken, als ob Aesop das Repertorium, das das Publikum vor sich hat, ebenfalls kennt und diesem die Verwendung einer Fabel demonstriert.

28 Sollten die Fabeln der Collectio Augustana aufgrund der vorhandenen Belege also tatsächlich nicht von Aesop stammen (‚Fabeln Aesops‘), verweisen auf sein Werk allein Fabeln, die in der ihm nachfolgenden Tradition entstanden sind (‚aesopische Fabeln‘). Somit wären weder historische Informationen vorhanden noch ein Werk, das klar Aesop zugeordnet werden kann. Daher stellt sich letzten Endes die Frage, ob es die historische Person Aesop überhaupt gegeben hat. Denn da die Figur Aesop lediglich durch ihre literarische Tradition greifbar wird, liegt gleichsam der Schluss nahe, dass sie ein Produkt ebendieser sein könnte. Dass Aesop als Personifikation der klassischen Fabeldichtung für spätere Dichtergenerationen als Metapher gedient hat, um sich klar in eine literarische Nachfolge einzuordnen, ist hinlänglich bewiesen. Unklar ist aus diesem Grund aber auch, ob der Chiffre Aesop tatsächlich eine Bedeutung zukam, die über eine rein literarische Funktion hinausging.

29 Dieser Problematik sollte man sich bei jeglicher Arbeit mit Fabeln, die als ‚Fabeln des Aesop‘ oder ‚aesopische Fabeln‘ tituliert werden, bewusst sein. Man beschäftigt sich mit Texten, die zwar in einer klaren Tradition entstanden sind, deren Verfasser aber nicht zwangsläufig der Begründer dieser Tradition gewesen sein muss. Und auch wenn dies bedeutet, dass der Autor der Collectio Augustana bis auf weiteres unbekannt bleibt, so verringert dieser Umstand doch in keiner Weise den literarischen Gehalt des Werks, das unter dem Namen Aesops überliefert wurde.

Literatur

Primärliteratur:
Aesopica. A series of texts relating to Aesop or ascribed to him or closely connected with the literary tradition that bears his name. Collected and critically edited, in part translated from oriental languages, with a commentary and historical essay by B.E. Perry, Urbana, Chicago 1952
Babrii Mythiambi Aesopei, ediderunt Maria Jagoda Luzzatto et Antonius La Penna, Leipzig 1986
Phaedri Augusti liberti liber fabularum, recensuit A. Guaglianone, Torino 1969
Sekundärliteratur:
Adrados 1999 Adrados, F.R.: History of the Graeco-Latin fable. I. Introduction and from the origins to the Hellenistic age. Transl. by L.A. Ray, Leiden/Boston/Köln 1999 (Mnemosyne Suppl. 201)
Adrados 2000 Adrados, F.R.: History of the Graeco-Latin fable. II. The fable during the Roman Empire and in the Middle Ages. Transl. by L.A. Ray, Leiden/Boston/Köln 2000 (Mnemosyne Suppl. 207)
van Dijk 1997 van Dijk, G.-J.: Ainoi, logoi, mythoi. fables in archaic, classical, and hellenistic Greek literature. with a study of the theory and terminology of the genre, Leiden/New York/Köln 1997 (Mnemosyne Suppl. 166)
Garcia/Lopez 1991 Garcia, F.M./Lopez, A.R.: Index Aesopi fabularum. Conscripserunt F.M. Garcia et A.R. Lopez, Hildesheim/Zürich/New York 1991
Grubmüller 1977 Grubmüller, K.: Meister Esopus. Untersuchungen zu Geschichte und Funktion der Fabel im Mittelalter, München 1977 (Münchner Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters 56)
Hausrath 1909 Hausrath, A: Art. Fabel, in: RE, Bd. 6, Halbbd. 2, Stuttgart 1909, 1704–1736
Holzberg 1992 Holzberg, N.: Der Äsop-Roman. Motivgeschichte und Erzählstruktur, Tübingen 1992 (Classica Monacensia 6)
Holzberg 2012 Holzberg, N.: Die antike Fabel. Eine Einführung, Darmstadt 2012
Karadagli 1981 Karadagli, T.: Fabel und Ainos. Studien zur griechischen Fabel, Königstein 1981 (Beiträge zur Klassischen Philologie 135)
Koep 1969 Koep, L.: Art. Fabel, in: RAC, Bd. 7, Stuttgart 1969, 129–154
Luzzatto/Wittenburg 1996a Luzzatto, M.J./Wittenburg, A.: Art. Aisop-Roman, in: DNP, Bd. 1, Stuttgart 1996, 359–360
Luzzatto/Wittenburg 1996b Luzzatto, M.J./Wittenburg, A.: Art. Aisopos, in: DNP, Bd. 1, Stuttgart 1996, 360–365
Nøjgaard 1964 Nøjgaard, M.: La fable antique. I. La fable grecque avant Phèdre, København 1964
Perry 1936 Perry, B.E.: Studies in the Text History of the Life and Fables of Aesop, Haverford, Pennsylvania 1936 (Philol. Monogr. publ. by the American Philol. Assoc. VII)
Perry 1952 Perry, B.E.: Aesopica. A series of texts relating to Aesop or ascribed to him or closely connected with the literary tradition that bears his name. Collected and critically edited, in part translated from oriental languages, with a commentary and historical essay by B.E. Perry, Urbana/Chicago 1952
Perry 1965 Perry, B.E.: Babrius and Phaedrus. Edited and translated by B.E. Perry, Cambridge, Mass./London 1965
West 1984 West, M.L.: The Ascription of Fables to Aesop in Archaic and Classical Greece, in: La fable. Huit exposés suivis de discussions, entretiens préparés par F.R. Adrados et présidés par O. Reverdin, Genève 1984, 105–136 (Entretiens sur l’Antiquité Classique XXX)
Zafiropoulos 2001 Zafiropoulos, C.: Ethics in Aesop’s Fables: The Augustana Collection, Leiden/Boston/Köln 2001 (Mnemosyne Suppl. 216)

Fußnoten

1. Eine Sammlung aller biographischen Belege findet sich bei Perry 1952, 209–241. Weitere Zusammenfassungen bieten Hausrath 1909, Koep 1969 sowie Luzzatto/Wittenburg 1996b. [zurück]

2. Eine Zusammenfassung der rekonstruierten Biographie bietet Luzzatto 1996, für eine Sammlung der Testimonien siehe Perry 1952 (Anm. 1). [zurück]

3. Vgl. West 1984, 117. [zurück]

4. Vgl. West 1984, 123–124. [zurück]

5. Wichtige Untersuchungen zu diesem Thema hat der Philologe Niklas Holzberg (Holzberg 1992; Holzberg 2012) durchgeführt, auf den auch die hier vorgestellte These zurückzuführen ist. [zurück]

6. Wie oben beschrieben, taucht dieser Name auch in vereinzelten antiken Biographien auf (vgl. Perry 1952, 218). [zurück]

7. Vgl. van Dijk 1997, 98. [zurück]

8. Luzzatto/Wittenburg 1996a, 359–360. [zurück]

9. Vgl. Holzberg 1992, XIII. [zurück]

10. Eine Gesamtausgabe aller unter dem Namen Aesops überlieferten griechischen Fabeln bietet Perry 1952. [zurück]

11. Ausführliche Darstellungen der Collectio Augustana finden sich bei Adrados 1999, 60–90 sowie Adrados 2000, 275–355. Weitere Ausführungen zum Bestand der Sammlungen bei Perry 1965, xvi–xix und Holzberg 2012, 80–84. [zurück]

12. Zafiropoulos verweist hierzu auf die Tendenz der griechischen Literatur, jeder literarischen Gattung einen ‚Erfinder’ zuzuordnen, wobei der bekannteste Vertreter den Status dieses Urhebers erhält. Aesop galt vermutlich eher als „patriarch of fable“, wobei durch seinen Namen der bis dahin eher lose definierten Gattung eine Art Rahmen und Regelsystem verliehen wurde (vgl. Zafiropoulos 2001, 11–12). [zurück]

13. Auf den Unterschied wird im Folgenden noch eingegangen. Es sei hier bereits erwähnt, dass die unterschiedliche Verwendung der Begriffe ‚aesopisch‘ sowie ‚Fabeln Aesops‘ in diesem Beitrag als Attribute für Fabeln von einer gemeinhin synonymen Verwendung in der Antike abweicht, vgl. dazu van Dijk 1997, 98–100. [zurück]

14. Vgl. Adrados 1999, 14. [zurück]

15. Vgl. Karadagli 1981, 30; West 1984, 109. [zurück]

16. Beispielsweise Phaedr. 1,3; 4,7; 4,22. [zurück]

17. Beispielsweise Phaedr. 1,2; 1,6; 2,3; 3,3; 3,5; 3,14; 3,19; 4,5; 4,18; app. 9; app. 12; app. 13; app. 17; app. 20. [zurück]

18. Vgl. Holzberg 2012, 3–4. [zurück]

19. Zur Überlieferungsgeschichte der Fabeln, die Aesop zugeschrieben werden, bietet Perry 1936 eine ausführliche Übersicht. [zurück]

20. So beispielsweise Luzzatto/Wittenburg 1996a, 359. [zurück]