Reader zur Wissenschaftsgeschichte

Zentrum für Wissenschaftsgeschichte

Reader zur Allgemeinen Wissenschaftsgeschichte
Teil 2: Wissenschaftliche Institutionen – von Walter Höflechner – Zentrum für Wissenschaftsgeschichte der Karl-Franzens-Universität Graz – März 2008
Inhaltsverzeichnis
1 Zur Entwicklung wissenschaftlicher Institutionen
1.1 Einleitung
1.2 Bibliotheken
1.2.1 Bibliotheken im Altertum
1.2.2 Byzanz
1.2.3 Frühe Bibliotheken bzw. wissenschaftliche Institutionen im muslimischen Raum
1.2.4 Abendländische Bibliotheken im Mittelalter
1.2.4.1 Die Enzyklopädien
1.2.4.2 Ausweitung der Buchproduktion und damit des Bibliothekswesens in der Renaissance
1.2.4.3 Bibliotheksentwicklung in der Neuzeit
1.2.5 Bibliothekssystematiken
1.3 Schulen
1.3.1 Philosophenschulen im Altertum
» Philosophenschulen
» Medizinerschulen
» Platons Akademie
» Das Lykeion des Aristoteles
» Zenons Stoa
» Epikurs Garten
» Das Museion – Alexandria
1.3.2 Byzanz
1.3.3 Schulen im islamischen Raum
1.3.4 Schulen im europäischen Früh- und Hochmittelalter – Klosterschulen und Domschulen
1.4 Die Universitäten
1.4.1 Die Frühzeit
1.4.1.1 Die licentia ubique docendi
1.4.1.2 Privilegierungen
» Wahrnehmung der Universitäten durch das Papsttum bzw. die Kirche
» Wahrnehmung der Universitäten durch weltliche politische Mächte
» Die Landesuniversität
1.4.1.3 Ausbildungsziele – Universalistischer Anspruch
1.4.1.4 Innere Struktur: Gliederung, Ämter und Kollegien, Colleges, Professoren, Studenten, andere Universitätsangehörige
» Fakultäten
» Ämter und Kollegialorgane
» Verwaltungsbeamte
1.4.1.5 Colleges
1.4.1.6 Äußere Zeichen
» Anfänge
» Universitätstypen
1.4.2 Akademische Grade – Magister- und Doktortitel, Baccalaureat, Licentiat
1.4.3 Universitätsangehörige
1.4.3.1 Professoren – Professuren
» Stellung, Tätigkeit der Professoren
1.4.3.2 Studierende
» Clericus
» Studentinnen
» Soziale Schichtung der Studierenden
1.4.3.3 Andere Universitätsangehörige
1.4.3.4 Finanzielles – Pfründen und Stiftungen, Besoldung
1.4.3.5 Universitätsbibliotheken
1.4.3.6 Universitätsgebäude
1.4.4 Humanismus – Reformation – Universität 16.-17./18. Jh
1.4.4.1 Eindringen des Humanismus in die Universitäten
1.4.4.1.1 Die Auswirkungen des Humanismus auf die Lehrinhalte und auf die Universitäten insgesamt
1.4.4.1.2 Universitätensreformen und Neugründungen im 16.-18. Jh – Allgemeines
1.4.4.1.3 Die Gymnasia academica und andere Formen
1.4.4.2 Die Universitäten in den reformierten Ländern
» England
» Schottland
» Reich
» Schweiz
» Niederlande
» Skandinavien
1.4.4.3 Die Universitäten in den katholischen Ländern
» Frankreich
» Spanien
» Reich
» Polen
» Italien
1.4.4.4 Die Universitäten und die Wissenschaftsentwicklung
1.4.4.5 Innere Struktur und Organisation der Universitäten 16.-18. Jh
1.4.4.6 Die Professoren im 16. bis 18. Jh
1.4.5 Der Umbruch in der Universitätslandschaft um 1800 – die Differenzierung der Fächer
1.4.5.1 Allgemeines
1.4.5.1.1 Externe Implikationen Problembereich Universität – Wissenschaft – Staat Von staatswegen verformte oder neu aufgenommene Fächer
» Die Mathematik und die naturwissenschaftlichen Fächer
» Die Staatswissenschaften, die kameralistischen Fächer
» Die Ästhetik
» Die Lehrer der neueren Sprachen
» Die Ausformung territorialer Besonderheiten
» Interne Implikationen – Der Problembereich der freien Disziplinenentwicklung Wissenschaftssystematik und wissenschaftliche Neuerung
» Die Physik
» Die älteren und neueren Philologien, die Sprachwissenschaft und die historischen Fächer
» Die Philosophie
1.4.5.2 Bemerkungen zu den Konsequenzen der Freiheit in inhaltlicher Hinsicht
1.4.6 Die neue Universität
1.4.7 Die „Humboldt-Universität“ und die Konsequenzen
1.4.8 Die Universitäten im 19. Jahrhundert
1.4.8.1 Das französische System
1.4.8.2 Die Fortführung der „klassischen“ Universitäten im 19. Jahrhundert
1.4.9 Die Entwicklung der Polytechnica und anderer anwendungsorientierter Einrichtungen
» MIT– The Massachussetts Institute of Technology
» Caltech – The California Institute of Technology
1.4.10 Gesellschaftspolitische Auswirkungen der Universitäten
1.5 Akademien
1.5.1 Der Begriff Akademie
1.5.2 Der Akademiegedanke in der italienischen Renaissance
1.5.3 Die Ausweitung des Akademiegedankens
1.5.3.1 Die Sprachakademien
1.5.3.2 Die Anfänge naturwissenschaftlich orientierter Akademien
» Die Accademia del Cimento
» Die Kaiserlich Leopoldinisch-Carolinische Deutsche Akademie der Naturforscher
1.5.3.3 Der Universalitätsanspruch des Akademiegedankens, die Respublica litterarum und die Philosophia nova
» Die Royal Society
1.5.3.4 Die Instrumentalisierung des Akademiegedankens unter nationalen, dann absolutistischen Aspekten in Frankreich
» Die Académie Francaise 1635
» Academie des sciences in Paris
» Institut de France 1795
1.5.3.5 Ähnliche Entwicklungsansätze außerhalb Frankreichs
» Die Brandenburgische Sozietät der Wissenschaften in Berlin
» Die Akademie der Wissenschaft in St. Petersburg
» Die Svenska Vetenskapsakademien in Stockholm
» Die Danske Videnskabernes Selskab in Kopenhagen
» Die Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften von 1751
» Die Kurbayerische Akademie der Wissenschaften in München 1759
» Weitere Akademiegründungen
» Die Kaiserliche bzw. Österreichische Akademie der Wissenschaften
1.5.3.6 Die Akademien und die Entwicklung der Wissenschaft
1.6 Sammlungen und Museen
» Das Asmolean Museum in Oxford
» Das British Museum in London
» Das Victoria and Albert Museum in London
» Die Smithsonian Institution in Washington D.C.
1.7 Außeruniversitäre Forschungsinstitutionen
» Die Kaiser-Wilhelm-Institute bzw. Max-Planck-Institute
» Die Max-Planck-Gesellschaft
» Das Radium-Institut in Wien
» Zur Entwicklung in Frankreich
» Zusammenarbeit
1.8 Institutionen auf Grundlage internationaler Aspekte der res publica litteraria und der Ordnung als Instrumente der Institutionalisierung von Wissenschaft
» Systemisierung, Enzyklopädie und Diskussion
1.9 Zur Entstehung des wissenschaftlichen Zeitschriftenwesens
1.10 Projektorientierte Forschungsfinanzierung
» Die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft bzw. Deutsche Forschungs-Gesellschaft
» Der österreichische Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung
1.11 Unabhängige, selbständige wissenschaftliche Gesellschaften auf Vereinsbasis
» Die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ)
» The British Association for the Advancement of Science
» Die Deutsche Physikalische Gesellschaft
» Die Deutsche Morgenländische Gesellschaft
1.12 Zum Kongresswesen
1.13 Das Internet
1.14 Exkurs 1: Zu den universitären Verhältnissen in Österreich ab 1848
1.15 Exkurs 2: Zur Geschichte der habsburgischen bzw. österreichischen Sammlungen
» Die Anfänge der habsburgischen Sammlungen
» Das Mineralienkabinett im Naturhistorischen Museum Wien
1 Zur Entwicklung wissenschaftlicher Institutionen
1.1 Einleitung
Dieser Abschnitt befasst sich mit der Entwicklung, Ausformung und Problematik wissenschaftlicher Institutionen (in einem weiten Sinne des Begriffs Wissenschaft) von den ersten Anfängen bis zur Gegenwart. Es geht damit um die Darstellung von Prozessen, die in untrennbarer Wechselwirkung integrierende Elemente der Entwicklung von Wissenschaft sind und in wissenschaftliche Institutionen münden oder um Institutionen, die aus externen Bereichen in den Erkentnisprozess eingeführt werden und an diesem in der einen oder anderen Form teilhaben.
Wissenschaftliche Institutionen sind als äußerliche Formen wissenschaftlicher Arbeit oft von kurzer Dauer; andernfalls unterliegen sie – wie etwa die Universitäten – stetem Wandel, der wesentliche Elemente auch des Entwicklungsprozesses von Wissenschaft abbildet. Indem die Institutionen sowohl Ergebnis als auch mitweirkende Faktoren in diesem Prozess sein können, ist die Betrachtung ihrer Entwicklung im Rahmen der Wissenschaftsgeshcichte unabdingbar notwendig.
Es wird im Folgenden eingegangen auf die Entwicklung von Bibliotheken, auf die Philosophenschulen und Akademien der klassischen Altertums, das pagane Schulwesen, die byzantinischen und die muslimischen Institutionen, die Entwicklung des christlich-kirchlich organisierten Schulwesens im lateinischen Bereich bis hin zu den Universitäten, die Universitäten, die neueren wissenschaftlichen Akademien und schließlich die bedeutendsten Formen neuzeitlicher wissenschaftlicher Institutionalisierungen im Zusammenhang mit Wissenschaft.
1.2 Bibliotheken
Bibliotheken1 als Akkumulierungen von Informationsträgern, ursprünglich von Schriftträgern, d.h. Tontafeln, Papyrusrollen, Pergament- oder Papiercodices, sind Akkumulierungen von Wissen und Orte des Studiums, der Wissenserweiterung. Als solche haben sie unter dem Aspekt ihrer Verwendbarkeit früh das Bestreben nach Ordnung und damit nach Systematik aufkommen lassen, ja notwendig gemacht.
Da sich im Verlaufe der Jahrtausende die äußere Form der schriftlichen Überlieferung und schließlich der Informationsspeicherung sehr verändert haben, veränderte sich auch die Struktur dessen, was wir als Bibliothek bezeichnen – handelte es sich bei den mesopotamischen Bibliotheken noch um polsterförmige Tontafeln, so bestanden die ägyptischen, griechischen, hellenistischen und frühen römischen Bibliotheken aus Papyrusrollen, bis diese Form durch den Codex abgelöst wurde und erst das bedeutend teurere Pergament neben den Papyrus trat und wesentlich später das Papier Papyrus wie Pergament verdrängte2. Diese Veränderungen haben natürlich auch wesentliche Konsequenzen für den Erkenntnisprozess, weil etwa die Umstellung auf den Codex das vergleichende Arbeiten wesentlich erleichtert hat (ein nützliches Instrument war das Bücherrad3) und weil auch das Kopieren von Codices wesentlich einfacher ist als das von Rollen – man kann Codices unschwer in Lagen zerlegen und diese gleichzeitig abschreiben lassen. Gravierende Veränderungen traten ein durch die Entwicklung des Buchdrucks, anfangs und wenig verbreitet durch Blockbücher, dann aber eine Revolution auslösend durch Gutenberg mit beweglichen Lettern. Erst im ausgehenden 20. Jahrhundert bahnte sich durch die rapide Ausweitung der elektronischen Medien im Zusammenwirken mit der Kostenfrage eine Entwicklung von ähnlicher Tragweite an, deren Folgen sich noch nicht absehen lassen.
1.2.1 Bibliotheken im Altertum
Frühe Nachrichten über große Bibliotheken stammen aus dem 3. Jahrtausend – wir wissen von der Bibliotheken Assurbanipals mit einer Unzahl von Keilschrifttäfelchen, deren Texte relativ kleine Einheiten darstellten und eher unübersichtlich waren4. Die in Mesopotamien entwickelte Katalogisierungstechnik hat noch in das Museion Eingang gefunden. In Ägypten wurden „Bücher“ im Tempelbezirk aufbewahrt, z.T. vermischt mit Archivalien. Konkreter werden unsere Informationen hinsichtlich der Bibliotheken im alten Griechenland ab dem 6. Jh (Bibliotheken der Tyrannen), im 5. Jh kommt es zur Entstehung von Privatbibliotheken – Euripides ist von Aristophanes wegen seiner Büchersammlerei verspottet worden. Platon dürfte in der Akademie eine beachtliche Bibliothek aufgebaut haben, manches um einen enormen Preis, so vermutlich die Lehren des Pythagoras in der Aufzeichnung von dessen Schüler Philolaos. Aristoteles hat als erster Grieche – so bezeugen es Strabon und andere Autoren – planmäßig und mit dem Ziel der Vollständigkeit Bücher gesammelt und besaß, das ist sicher bezeugt, eine hervorragende Bibliothek5.
Die bedeutendsten Großbibliotheken des Altertums waren zweifellos jene im hellenistischen Alexandreia und in Pergamon.
Die Bibliotheken in Alexandreia – die des Museions zusammen mit der des Serapeions (die einer breiteren Öffentlichkeit gewidmet sein dürfte) – bildeten gemeinsam den größten bekannten Bibliothekenkomplex des Altertums. Wohl noch Ptolemaios I. Soter (323–280) gründete spätestens um 288 das Museion = Haus der Musen6 als ein Haus der wissenschaftlichen Forschung und Lehre, eine Akademie gewissermaßen, für das ein eigener großer Gebäudekomplex errichtet wurde. Das neben dem königlichen Palast situierte Museion besaß einen Peripatos, eine edexra (Katheder resp. Hörsaal) und einen großen Speisesaal für die Mitglieder, die laut Strabon vom König zu einem Musenkult verpflichtet, stipendiert und von der Steuer befreit waren; der König selbst bemühte sich um sorgfältige Auswahl der an diese Anstalt zu Berufenden. Das Museion war die direkte Fortsetzung des Lykeion des Aristoteles, auf den man sich anfangs auch stützt, man betreibt jedoch weniger beschreibende Naturwissenschaften als Mathematik und die astronomischen, optischen und mechanischen Bereiche der Physik, die Lehre vom Luftdruck und die Hydrostatik. Die Ptolemaier luden führende Gelehrte ein, nach Alexandreia an das Museion zu gehen, gewährten ihnen großzügige Gehälter und überließen sie ihren wissenschaftlichen Neigungen. Der Bibliotheksaufbau in Alexandreia begann vermutlich bereits mit dem ersten Ptolemäer, die Hauptleistung aber erbrachte Ptolemaios II. Philadelphos (280–247), der unter dem Einfluß der Peripatetischen Schule den Plan fasste, die gesamte griechische Literatur komplett zu sammeln. Zu diesem Zweck ließ er durch Beauftragte im gesamten Mittelmeerraum systematisch Texte aufkaufen – zuerst in Athen und in Rhodos als den Hauptplätzen des Buchhandels jener Zeit. Ptolemaios III. Euergetes (247–221) zwang alle Ankömmlinge im Hafen von Alexandreia, ihre mitgeführten Bücher ihm gegen rasch angefertigte Abschriften zu überlassen, wozu ein Heer von Abschreibern nötig war; in Athen borgte er das Staatsexemplar der großen Tragiker aus und ließ das Pfand von 15 Talenten verfallen7. Hinsichtlich der Erwerbungen rief man konkrete Projekte ins Leben; der Versuch, sämtliche Schriften des Aristoteles zu erwerben, scheiterte allerdings an der Konkurrenz eines Privatsammlers, der schneller war. Es sind unter den Ptolemaiern Übersetzungen aus dem Ägyptischen, Phönizischen, Hebräischen, Aramäischen in das Griechische angefertigt worden und sogar ägyptische und mesopotamische Autoren haben historiographische Werke zu ihren Nationalgeschichten in griechischer Sprache verfasst.
Die Bibliotheken in Alexandreia waren – die des Museions zusammen mit der des Serapeions (die einer breiteren Öffentlichkeit gewidmet sein dürfte) – bildeten gemeinsam größte des Altertums und sie wuchs, bis sie im Jahre 48/47 im Zusammenhang mit Caesars Ägyptenfeldzug teilweise verbrannte. Wohl noch Ptolemaios I. Soter (323–280) gründete spätestens um 288 das Museion = Haus der Musen8 als ein Haus der wissenschaftlichen Forschung und Lehre, eine Akademie gewissermaßen, für das eine eigener großer Gebäudekomplex errichtet und eine große, bald riesige Bibliothek aufgebaut wurde. Das neben dem königlichen Palast situierte Museion besaß einen Peripatos, eine edexra (Katheder) und einen großen Speisesaal für die Mitglieder, die laut Strabon vom König zu einem Musenkult verpflichtet, stipendiert und von der Steuer befreit waren; der König selbst bemühte sich um sorgfältige Auswahl der an diese Anstalt zu Berufenden. Das Museion war die direkte Fortsetzung des Lykeion des Aristoteles, auf den man sich anfangs auch stützt, man betreibt jedoch weniger biologische Naturwissenschaften als Mathematik und die astronomischen, optischen und mechanischen Bereiche der Physik, die Lehre vom Luftdruck und die Hydrostatik. Die Ptolemaier luden führende Gelehrte ein, nach Alexandreia an das Museion zu gehen, gewährten ihnen großzügige Gehälter und überließen sie ihren wissenschaftlichen Neigungen. Der Bibliotheksaufbau in Alexandreia begann vermutlich bereits mit dem ersten Ptolemäer, die Hauptleistung aber erbrachte Ptolemaios II. Philadelphos (280–247), der unter dem Einfluss der Peripatetischen Schule den Plan fasste, die gesamte griechische Literatur komplett zu sammeln. Zu diesem Zweck ließ er durch Beauftragte im gesamten Mittelmeerraum systematisch aufkaufen – zuerst in Athen und in Rhodos als den Hauptplätzen des Buchhandels jener Zeit. Ptolemaios III. Euergetes (247–221) zwang alle Ankömmlinge im Hafen von Alexandreia, ihre mitgeführten Bücher ihm gegen rasch angefertigte Abschriften zu überlassen, wozu ein Heer von Abschreibern nötig war; in Athen borgte er das Staatsexemplar der großen Tragiker aus und ließ das Pfand von 15 Talenten verfallen9. Hinsichtlich der Erwerbungen rief man konkrete Projekte ins Leben; der Versuch, sämtliche Schriften des Aristoteles zu erwerben, scheiterte allerdings an der Konkurrenz eines Privatsammlers, der schneller war. Es sind unter den Ptolemaiern Übersetzungen aus dem Ägyptischen, Phönizischen, Hebräischen, Aramäischen in das Griechische angefertigt worden und sogar ägyptische und mesopotamische Autoren haben historiographische Werke zu ihren Nationalgeschichten in griechischer Sprache verfasst.
Das allgemeine Ziel der Bibliothek war nicht nur die Sammlung griechischen Autoren, sondern von Texten aus aller Welt. Werke inländischer und ausländischer Autoren wurden ins Griechische übersetzt; als erstes begann man mit den Hieroglyphenschriften im eigenen Land. Das diente nicht nur dem Wissenstransfer, sondern sollte auch der Stärkung der königlichen Macht dienen. Erkannte man eine abweichende Version eines schon vorhandenen Werkes, so wurde diese ebenfalls erworben, um den Text kritisch zu bearbeiten.
Sehr schnell Aufnahme fanden Übersetzungen der heiligen jüdischen Texte (das Alte Testament). Ptolemaios II. schickte eine Delegation nach Jerusalem und erbat sich Schriftgelehrte zur korrekten Übersetzung. Sie sollte von der Mitte des 3. bis Anfang des 2.Jh.v.Chr. dauern. Einige der auf uns gekommenen Bibeltexte basieren auf dieser Arbeit, so die Septuaginta. Plinius d. Ä. berichtete über den breiten Raum, den auch orientalische Kulte, einnahmen. Hermippos, ein Schüler des Kallimachos, soll ein Buch über den Zoroastrismus mit mehr als zwei Millionen Zeilen verfasst haben, was nur auf breiter Literaturgrundlage denkbar ist. Ptolemaios II. ließ sich vom indischen König Ashoka buddhistische Werke senden.
Eine derart organisierte Einrichtung benötigte zahlreiches qualifiziertes Personal: Bibliothekare ordneten die Bücher ein, katalogisierten sie; Schreiber kopierte die Texte, wobei auch zur Erneuerung kopiert wurde (Papyrus ist ein wenig haltbares Material); Hilfskräfte besorgten die sonstigen nötigen Arbeiten. – Die Leiter der Bibliothek wurden vom König ernannt und waren manchmal auch als Prinzenerzieher tätig.
Die Bibliothek des Museions war wohl nicht öffentlich zugänglich. Die Institution als Ganzes hatte den Charakter einer Akademie oder eines Forschungsinstituts, dessen zentrales Instrument die Bibliothek war. Alexandria war im Hellensimus das geistige Zentrum schlechthin und stellt den Höhepunkt der antiken wissenschaftlichen Arbeit dar. Viele Entdeckungen wurden in den Peristylen und Exedren des Gebäudes gemacht. Von Herophilos von Chalkedon sollen hier die ersten medizinischen Obduktionen durchgeführt worden sein. Der Mechaniker Ktesibios entwickelte raffinierte Wasseruhren und andere Mechanismen, Aristarch von Samos erkannte das heliozentrische Weltbild und Hipparch katalogisierte die Sterne. Bekannte Grössen wie Archimedes von Syrakus und Euklid nutzen die anregende Atmosphäre für ihre Werke. Neben den Naturwissenschaften kamen auch Malerei, Philosophie, Literatur und philologische Arbeit nicht zur kurz: Zenodotos von Ephesos war vermutlich der erste, der das Werk Homers in 24 Gesänge gliederte steht somit und am Beginn der kritischen Auseinandersetzung mit dem Werk; die Zusammenführung zahlreicher verschiedener Texte eines Werkes – etwa der Ilias – wirkte auslösend und fördernd für die Entwicklung der Textkritik und der philologischen Arbeit überhaupt; Aristophanes von Byzanz begründete die wissenschaftliche Lexikographie und führte das heute noch gültige Akzentsystem im Altgriechischen ein. Aristarch von Samothrake entwickelte seine ebenfalls immer noch gültige Grammatik. Insoferne kommt dem Museion auch der Charakter einen Akademie der Wissenschaften zu.
Über den Umfang der Bibliothek des Museions gibt es unterschiedliche Auffassungen, da zwischen Rollen, die nur ein Werk enthalten und Sammelhandschriften zu unterscheiden ist. Historisch-kritisch belangvoll sind Aussagen über 400.000 (weniger wohl jene über 700.000) Rollen.
Die Reihe der Leiter der Bibliothek des Museions (die nicht identisch waren mit den Leitern des Museions an sich, welche Priester waren) ist durch Papyri bis zum Jahr 145 vChr genau überliefert10. 145 vChr hat Ptolemaios VII. die Mitglieder des Museions aus der Stadt vertrieben und einen Offizier als Bibliothekar eingesetzt. Als Caesar 48/47 feindliche Schiffe im Hafen von Alexandreia in Brand setzen ließ, griff das Feuer auf eine Reihe von Gebäuden über und zerstörte auch Bestände der Bibliothek des Museions – Caesar selbst hat dieses eindeutig belegbare Ereignis in seinen Schriften verschwiegen. Für die Folgezeit wird eigentlich nur mehr die Bibliothek des Serapeions erwähnt – spätere Autoren wie Ammianus Marcellinus übertrugen die Brand-Geschichte auf das Serapeion, weil sie von der Existenz des Museions gar keine Kenntnis mehr hatten.
Die alexandrinische Katechetenschule baut auf der Bibliothek des Serapeions auf. 391 nChr gab es unter dem Patriarchen Theophilos einen Tempelsturm, bei dem auch das Serapeion gestürmt und wohl auch die Bibliothek schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde11. Die Reste der vermutlich durch die Christen wieder vermehrten (zeitweise aber auch als heidnisch bekämpften) Bibliothek dürften bei der Eroberung Alexandreias durch die Perser 619 und vor allem durch die Muslime 642 untergegangen sein12) – ein ungeheurer und in seiner Tragweite letztlich unabschätzbarer Verlust! Festzuhalten ist, dass Alexandria immer eine griechische Stadt, letztlich außerhalb Ägyptens, gewesen ist.
Der alexandrinische Bibliothekenkomplex war eine der wichtigsten kulturerhaltenden Institutionen der Weltgeschichte – erhebliche Teile unseres Wissens über die Antike sind durch die Konservierung von Texten im Museion innerhalb der Antike – indem sie dann von anderen bearbeitet wurden – und durch die nach dem Vorbild des Museions in Analogie aufgebauten kleineren Sammlungen zustandegekommen.
Die zweite große Bibliothek des klassischen Altertums war die der Attaliden im kleinasiatischen Pergamon13, die aber an Bedeutung wohl nicht an die Bibliotheken im Museion und Serapeion herankam. Ihr Gebäude ist im Unterschied zum Meuseion durch Ausgrabungen relativ gut bekannt; es handelte sich um einen 40 m langen Bau mit drei Magazinsälen und einem großen Lesesaal. Dem Bau nach schätzt man das Fassungsvermögen auf 160-195.000 Rollen (Plutarch gibt 200.000 an).
Materialmassen wie jene in Alexandreia – neuere Einschätzungen belaufen sich auf 400.000 „Bücher“14 – waren natürlich nur durch systematische Ordnung brauch- und benutzbar. Zuerst wurden alle Eingänge hinsichtlich ihrer Herkunft markiert, es wurde der Ursprungsort, d.h. die Stadt der Erwerbung der Schrift, vermerkt; im Hafen requirierte Bücher erhielten die Bezeichnung „vom Schiff“; dann folgten – insofern bekannt – der Name des früheren Eigentümers, der Name des Verfassers und eines allfälligen Kommentators, Verlegers oder Korrektors sowie eine Angabe zum Umfang des Werkes in Zeilen. Vermutlich gab es dazu einen alphabetischen Index. Unter Ptolemaios Philadelphos bereits wurde eine systematische Feineinteilung erstellt. Kallimachos aus Kyrene 300–240, ein Dichter, erhielt den Auftrag, einen Katalog zu erstellen: die Pinakes. Dieser Katalog bot ein Sachverzeichnis in 120 Bänden, die sich – soweit aus dem Überlieferten erschlossen werden kann – auf 6 poetische und 5 prosaische Abteilungen (Epos, Elegie, Jambos, Melos, Tragödie, Komödie – Geschichte, Rhetorik, Philosophie, einschließlich Mathematik, Naturwissenschaften u.ä., Medizin und Gesetze) aufteilten. Zu jedem Autor gab es eine kurze Biographie mit Lebensdaten und ein Werkverzeichnis, jedes Werk wurde durch Titel, Incipit, Zahl der Rollen und Gesamtzahl der Zeilen gekennzeichnet – es sind dies die Anfänge der genauen Buchbeschreibung im bibliothekarischen Sinne, wie sie wahrscheinlich aus Mesopotamien übernommen worden sind – dasselbe System findet sich im Prinzip bereits in der Bibliothek des Assurbanipal. Diese Organisationsform ist zum Vorbild für die späteren Bibliotheken geworden.
Neben den erwähnten Großbibliotheken bestanden kleinere an Fürstenhöfen, durch Stifter finanziert an Gymnasien und an den diversen Philosophen-Schulen, auch bei Tempeln; von Privatbibliotheken finden sich bei den Griechen kaum Spuren. Später, unter römischer Herrschaft finden sich auch Bibliotheken als selbständige Anlagen – z.B. die Celsus-Bibliothek in Ephesos15. Bei den Römern wurde eine erste öffentliche Bibliothek durch Asinius Pollio eingerichtet. Im weiteren entstehen große Privatbibliotheken mit vornehmlich griechischen Schriften. Caesar fasste den Plan einer großen öffentlichen Bibliothek in Rom, realisiert wurde das allerdings erst durch Augustus mit der sogenannten Octaviana und dann der Bibliotheca Palatina16, eine Reihe von kaiserlichen Bibliotheken in Rom ist abgebrannt. Später gehörte es zum guten Ton, eine Bibliothek im eignen Haus zu haben. Die Einrichtung eines römischen Bibliothekszimmers lassen uns Vitruv und Plinius d. Ä., aber auch die Ausgrabungen in Herculaneum erkennen17. Im 4. Jh soll es in Rom 29 öffentliche Bibliotheken gegeben haben, die gut frequentiert worden sein sollen. Gab es schon im Athen des 5. Jhs Buchhandlungen, so entstanden in Rom dann Verlagshäuser, in denen hunderte Librarii (= Handschriften kopierende Sklaven) beschäftigt waren, sodass von einem Werk auch 1000 Exemplare zum Verkauf standen, was überhaupt erst den Aufbau der zahlreichen großen Privatbibliotheken ermöglichte, die in der Kaiserzeit existierten18.
Der Aufbau früher christlicher Bibliotheken wird vor allem durch die Bibliothek des Origines in Caesarea (nahe dem heutigen Tel Aviv) markiert, wo Origines als Verbannter von 231 bis zu seinem Tod 253 lebte. Die Bibliothek ist bis gegen 380 nachweisbar, über ihr weiteres Schicksal wissen wir nichts. Ab dem 4. Jh kommt es dann zur Entwicklung von Kirchenbibliotheken, bald auch von Klosterbibliotheken.
1.2.2 Byzanz
In Byzanz19 gab es eine Reihe von bedeutenden Bibliotheken, und es sind auch Katalogfragmente überliefert – dennoch wissen wir relativ wenig. Die kaiserliche Bibliothek in Konstantinopel wurde 1203 von den flämischen Kreuzfahrern in Brand gesteckt, 1204 gab es weitere Verluste im Zuge der Eroberung – die Soldaten zogen mit auf den Lanzen aufgespießten Codices durch die Straßen; 1453 existierte die Bibliothek noch. In steigendem Maße gewannen auch im byzantinischen Reich kirchliche Bibliotheken an Bedeutung – die Patriarchatsbibliothek ab 610, dann zahlreiche Klosterbibliotheken. Nicht als selbstverständlich sind eigene Bibliotheken an den „Hochschulen“ anzunehmen. In den byzantinischen Provinzen sind natürlich auch die Bibliotheken auf dem Berg Athos bedeutend, doch sie enthalten praktisch nur kirchliche Handschriften, kaum ältere klassische, weltliche Manuskripte. Zweifellos sind 1453 enorme Bücherschätze verlorengegangen. Enea Silvio de Piccolominibus schreibt dazu an den damaligen Papst Nikolaus V am 12. Juli 1453: " Quid de libris dicam, qui illic erant innumerabiles, nondum Latinis cognit? Heu quod nunc magnorum nomina virorum peribunt. Secunda mors ista Homeros est, secundus Platoni obitus. Ubi nunc philosophorum aut poetarum ingenia requiremus? Extinctus est fons Musarum." Der Kardinal Isidor, Erzbischof von Kiew, hat als Augenzeuge davon gesprochen, daß 120.000 Bücher verlorengegangen seien. Die Zahl mag übertrieben sein, tatsächlich ist aber vieles vernichtet worden, die Edelmetallbeschläge der wertvolleren Handschrifteneinbände wurden abgerissen und verkauft. Vermutlich war die spätere Bibliothek im Serail eine Art Sammelbecken der alten Bibliotheken des eroberten Konstantinopel. Zwischen 1574 und 1593 sah der damalige Leibarzt des Sultans, der Jude Dominico Yerushalemi, im Topkapi-Serail in Konstantinopel noch eine Reihe sehr wertvoller alter Handschriften: Altes Testament, Neues Testament, Historiographie etc. – In der Neuzeit sind, z.T. schon im 15. Jh, zahlreiche Manuskripte von westlichen Gelehrten, oft auch von Diplomaten im Auftrag ihrer Konstituenten, aufgekauft worden, die letztlich aus den alten byzantinischen Bibliotheken stammten (so beispielsweise die berühmte, heute in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien befindliche Dioscurides Handschrift).
Bedeutende Bibliotheken existierten auch im syrischen Raum (Antiochien, Beirut, Edessa), wo syrische Gelehrte als Mittler zwischen der griechisch-antiken Kultur und den Persern auftraten und zahlreiche Werke übersetzten. Als 641 die Araber das persische Reich eroberten, gerieten die Syrer natürlich unter arabische Oberhoheit und nahmen dort in bezog auf die geistigen Aktivitäten eine wichtige Position als Mittler und Übersetzer gegenüber Byzanz bzw. zum alten Griechenland hin ein.
1.2.3 Frühe Bibliotheken bzw. wissenschaftliche Institutionen im muslimischen Raum
Im muslimischen Raum haben sich bedeutende wissenschaftliche Zentren herausgebildet20 – es sind hier nicht allein die Bibliotheken in Betracht zu ziehen, sondern auch die großen Observatorien und hinsichtlich der Medizin wohl auch die großen Spitäler, denen mitunter Klinikcharakter zukam. Die Mehrzahl dieser Einrichtungen befand sich anfangs (in der Abbasidenzeit) in Bagdad, dann aber in den großen Zentren des Ostens: in Rayy, Isfahan, Shiraz, Sarmakand, aber auch in Kairo und im syrischen Raum, insbesondere in Damaskus.
Im Islam galt stets der Grundsatz, daß die Bildung nicht ein Monopol bestimmter Schichten und Kreise sein dürfe. So haben auch die hohen arabischen Würdenträger ihre Privatbibliotheken den Gelehrten offengehalten und die Errichtung öffentlicher Bibliotheken betrieben, die nicht selten aus Stiftungen von Privatbibliotheken hervorgegangen sind. Neben diesen öffentlichen Bibliotheken entstanden in weiterer Folge die Bibliotheken in den den Moscheen angeschlossenen Schulen, den Medresen21, die allerdings thematisch nie jene Reichhaltigkeit entwickelten wie große Bibliothek des „Hauses der Weisheit22 (oder „Schatzkammer der Weisheit“, bayt al-hikma) im abbasidischen Bagdad23; diese Institution wurde, noch als Privatbibliothek des Herrschers, bereits in der Regierungszeit Harun al-Raschids angebahnt und in der Folge von al-Mamun, dem Nachfolger al-Raschids; intensiv gefördert und für wissenschaftlich Interessierte zugänglich gemacht. Der Begriff hikma in der Bezeichnung dieser Einrichtung ist nicht nur mit „Weisheit“ oder „Philosophie“ zu übersetzen, sondern bezieht sich auf alle Erkenntnisbereiche, wie man sie rezipiert hat, also auch die „rationalen“, „empirischen“ Wissenschaften. Die Bibliothek dieser Institution soll sehr viele Handschriften besessen haben; die spätere Überlieferung bezüglich des Erwerbs von Manuskripten aus Byzanz im Wege von vertragsabschlüssen und anderen Staatsaktionen dürfte wohl zutreffen, letztlich aber inferiorer Bedeutung sein gegenüber dem Umstand, dass im hellenistischen Raum des Vorderen Orients einschließlich Ägyptens zahlreiche Institutionen, vielfach christliche Klöster, noch immer existierten, die über wesentliche Teil des alten Wissengutes verfügten und oft auch ihrerseits, in das Syrische vor allem, übersetzten, sodass Übersetzungs- und Arbeitsunterlagen wohl schneller und leichter von dort denn aus Byzanz zu beschaffen waren.
Die Bedeutung des Bayt al-hikma für das arabisch-muslimische Übersetzungswerk ist nicht wirklich klar erkennbar; es waren wohl etliche der Übersetzer dort beschäftigt, die Mehrzahl der Übersetzer aber bezieht sich auf konkrete Anregungen oder Aufträge durch den Kalif oder hochrangige Mitglieder des Hofes. Die in einer neueren Arbeit entworfene Organisation der Institution, derzufolge ein Sekretär einen richtigen Übersetzungsbetrieb organisiert haben sollte, kann nicht verifiziert werden. Die Aufgabe der Einrichtung war offenbar nicht mehr, als Manuskripte und Übersetzungen zur Verfügung zu stellen. Vermutlich hat das Bayt al-hikma eine bedeutendere Rolle bei der Entwicklung der Mutazila, der rational orientierten Auffassung des Islam, gespielt, die allerdings im 10. Jh der mittlerweile wieder erstarkten Orthodoxie unterlegen ist24. Wahrscheinlich hat das Bayt al-hikma die sunnitisch-orthodoxe Reaktion des Nachfolgers von al-Mamun, al-Mutawakkil (847–861), der die Richtung der Mutazila verdammte, wenn überhaupt, nur mit Mühe überstanden.
Das wissenschaftliche Leben ist allerdings nicht schlagartig erlahmt: 967 wurden im Hause eines aufmüpfigen Abassidenprinzen 17.000 Bücher beschlagnahmt. Um 1000 gab es in Bagdad 100 Buchhändler, und am Ende der Blütezeit, als die Stadt 1258 von den Mongolen erobert wurde, existierten in Bagdad 36 Bibliotheken, von denen viele öffentlich zugänglich waren und in denen der Benützer einen Schreibplatz und –material vorfand. Bedeutende Bestände waren aber bereits 1058/59 bei der Eroberung Bagdads durch den Seldschukensultan Tughrul Beg zugrundegegangen; andere bedeutende Bibliotheken überdauerten aber auch. Sukzessive sind aber offenbar die großen Privatbibliotheken an die Medresen (Koranschulen) oder auch an Spitäler übergegangen.
Die Palastbibliothek der Fatimiden in Kairo weist im 10/11. Jh 200.000 Handschriften auf, die geordnet in Kästen mit innen angeschlagenen Verzeichnis untergebracht waren. 1005 richtete al-Hakim in Kairo ein Haus der Wissenschaft – dar al-hikma, mitunter auch als dar al-ilm bezeichnet – ein, mit einer großen Bibliothek und freier Schreibgelegenheit samt erforderlichem Material für jedermann (etliche Jahresabrechnungen mit allen Details sind heute noch vorhanden). 1068 ist die Fatimidenbibliothek im Zuge der Eroberung Kairos durch die Seldschuken weitgehend vernichtet worden25. Diese Bibliothek soll wie andere in gewisser Hinsicht auch als ein Propagandazentrum gewirkt haben.
Als die Araber 711 über die Straße von Gibraltar setzen und bei Xerez de la Frontera die Westgoten besiegten, wurde Cordoba innerhalb kurzer Zeit eine Rivalin von Damaskus und Bagdad; es entsteht eine hervorragende Schule; die Palastbibliothek des Umajjaden-Kalifen al-Hakam al-Mustansir (961-976) von Cordoba26 soll im 10. Jh angeblich über 400.000 Handschriften verfügt, der Katalog 44 Bücher gefüllt haben27.
Die Bibliothek der Banu [Brüder] Ammar im syrischen Tarabulus (Tripolis im Libanon) soll 3 Millionen Einheiten besessen haben, was wohl nicht denkbar ist, sie muß aber doch außerordentlich groß gewesen sein. In Tripolis bestand eine „Handschriftenfabrik“ mit 180 Schreibern, die 1109 von den Kreuzfahrern geplündert wurde. Avicenna schildert eine große Bibliothek in Buchara, die allerdings durch einen Brand vernichtet wurde. Einzelne Bibliotheken im Osten zeigten bereits die Grundstruktur moderner, neuzeitlicher Bibliotheken – Leseraum, Depot etc. Differenzierung bzw. Spezialisierung im Personal.
Zu den großen muslimischen wissenschaftlichen Institutionen sind auch die großen Observatorien in Maragah, Rayy und Sarmakand zu zählen, die Zentren mathematischer wie astronomischer und physikalischer Arbeit gewesen sind, an der sich Fachleute aus verschiedenen Völkerschaften beteiligten28.
Insgesamt muß festgehalten werden, dass in den frühen Jahrhunderten des Islam ein relativ freier Wissenschaftsbetrieb große Bedeutung erlangt hat; ähnlich wie in der Frühphase der Universitäten fanden sich Interessierte zusammen, die unter der Aufsicht eines Erfahrenen ihre Studien betrieben: lasen, kommentierten, diskutierten. So ist es auch zu verstehen, wenn in vielen Biograpien muslimischer Wissenschaftler erwähnt wird, der Betreffende habe mit (d.h. bei) einem bestimmten Gelehrten studiert. Dies änderte sich allerdings nach der Eroberung Bagdads durch die Seldschuken, als eine rigorosere Einhaltung einheitlicher, religiös dominierter Auffassungen durchgesetzt wurde, und damit die Vielfalt des geistigen Lebens eingeschränkt wurde. Es setzte nun die Entwicklung der Medresen ein, deren Aufgabe es war, auf der Basis des Korans Beamte für die Verwaltung, den religiösen wie den juridischen Bereich auszubilden, die den weltanschaulichen Ansprüchen der seldschukischen Herrscher entsprachen – die erste Medrese wurde 1092 gegründet. Unter diesen Aspekten wurde der im schulischen Bereich angebotene Stoff reduziert auf das, was für die konkreten Zwecke unbedingt notwendig und theologisch akzeptiert war, und das wieder wurde auf die Vermittlung und Handhabung einfacher Verfahren konzentriert.
Die Entwicklung und Installierung der Medresen veränderte auch die Situation der bis dahin zahlreichen unabhängigen Bibliotheken – sie verschwinden bzw. werden an die Medresen angeschlossen und verlieren damit ihren säkularen Charakter. Die Entwicklung wurde auch durch die Rechtsform der Stiftung29 mitbestimmt. Gleichzeitig nahm die Zahl der Stiftung von Spitälern zu. Das bestimmende Prinzip war: die Medresen wirkten für die Seele im Sinne der Rechtgläubigkeit und die Spitäler für den Körper. Die Zunahme der Spitäler fördete den klinischen Unterricht im Bereich der Medizin, und führende Kliniker in Syrien haben ihre Privathäuser als Lehrzentren der Medizin gestiftet, worauf auch der Begriff „Medizin-Medrese“ geprägt worden ist. Auf diese Weise ist die Entwicklung der Medizin weiter vorangegangen als manch anderer Wissenschaftsbereiche.
Freier vollzog sich die Entwicklung im persischen und transoxanischen Bereich bzw. unter den Mongolen in Sarmakand bis zum Tode Ulug Begs 1449. Die Entwicklung auf der iberischen Halbinsel setzte hinsichtlich der Spitäler erst um 1366, also Jahrhunderte später, ein.
1.2.4 Abendländische Bibliotheken im Mittelalter
Im christlichen Mittelalter entstehen Bibliotheken in den Klöstern und natürlich an den ab dem 11. Jh entstehenden Universitäten sowie später auch an Fürstenhöfen. Vor allem in der Frühzeit überwiegt das theologische Schrifttum bei weitem. Obgleich Origines und Augustinus die Meinung vertraten, daß das Wissen ein Schatz der Heiden sei, den sie unrechtmäßig besäßen und der ihnen abzunehmen sei, so vertraten andere in der Folge eine entgegengesetzte Ansicht.
Im Frühmittelalter ist es zuerst vor allem Cassiodor, der in seinem Kloster Vivarium30 an der kalabrische Küste das Ideal des den Studien gewidmeten Mönchs entwickelte, der sich mit Hingabe dem Abschreiben, der Mehrung der überlieferten Handschriften widmet – das Studium tritt neben das Gebet. Cassiodorus libripotens organisiert das Abschreiben, die Textkritik, die Korrektur und Kommentierung der Texte. Die Bibliothek in Vivarium ist in griechische und lateinische Autoren gegliedert, die nach Gruppen in den einzelnen Armarien (Bücherschränken) untergebracht sind. Die Bibliothek von Vivarium ist allerdings offenbar bald nach Cassiodors Tod untergegangen. Mehr Kontinuität ergab sich in Monte Cassino, dem 529 von Benedikt von Nursia gegründeten Stammkloster der Benediktiner, weiters in Bobbio, dem 614 von Columban von Luxeuil gegründeten und 1803 aufgehobenen Kloster in Oberitalien, wohin auch wertvolle irische Handschriften gelangten, darunter das berühmte Antiphonar von Bangor (nahe Belfast). Ein Zentrum der Handschriftensammlung blieb trotz allen Niedergangs auch Rom, wo ab dem 4. Jh langsam eine päpstliche Bibliothek entsteht, deren Leiter im 8. Jh auch als „Staatssekretär“ des Papstes fungierte; diese frühe Bibliothek ging jedoch aus unbekannten Gründen verloren. Auch die folgende Bibliothek musste aus politischen Gründen häufig transferiert werden – nach Perugia, nach Asissi und dann nach Avignon, wo mit dem Tod von Papst Bonifaz VIII. 1303 neuerlich der größte Teil der Bibliothek verlorenging; erst 1447 kam es zu einem organisierten Neubeginn, es wurden damals 350 Werke in verschiedenen Sprachen registriert, die den Grundstock der jetzigen Bibliotheca Vaticana bildeten. Sehr bald wurde ein Bestand von 1500 Werken erreicht – damals eine der größten Bibliotheken in Europa. Es folgte ein rascher Ausbau und dementsprechend ein eigener, 1587 begonnener Bau. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurden die Archivalien ausgegliedert, und es wurde die Bibliothek nach dem heute noch verwendeten System aufgestellt. Zahlreiche Schenkungen erweiterten die Bibliothek – u.a. 1623 die Bibliothek von Heidelberg, die Bibliotheca Palatina (s.w.u.). Zu Ende des 19. Jahrhunderts setzte eine Modernisierung und Öffnung ein.
Im Westen muss Isidor von Sevilla über eine große Bibliothek verfügt haben, er ist der letzte, der das antike Wissen wohl noch weitgehend zur Verfügung hat, seine Bedeutung für das Mittelalter ist kaum zu überschätzen. Eine sehr eigenwillige und besondere Stellung nimmt Irland ein, wo ebenso wie in England und im schottischen Bereich bedeutende Skriptorien entstehen: auf der Insel Iona, in Bangor, in Lindisfarne Castle (auf der gleichnamigen Insel, auch als Holy Island bezeichnet), Canterbury, Wearmouth-Jarrow (Beda Venerabilis) und in York (Alkuin). In Frankreich sind Corbie, Luxeuil, im deutschen Raum später Echternach und Reichenau, auch Fulda und St. Gallen bedeutende Zentren des Schriftkultur31. Alle diese Zentren können aber keineswegs mit den zeitgleichen Zentren im muslimischen Raum verglichen werden. In der karolingischen Periode ist die Hofbibliothek Karls des Großen das Zentrum – über diese Bibliothek wissen wir nur wenig, zumal unklar ist, ob ein überliefertes Verzeichnis wirklich ihr zuzuordnen ist. Karl der Große hat sich aber auch um die Errichtung von Bibliotheken in den Provinzen seines Reiches gekümmert und hatte vermutlich die Absicht, einen Gesamtkatalog der in seinem Einflußbereich befindlichen Handschriften erstellen zu lassen. Leider verfügte er, dass die Bücher nach seinem Tod an Meistbietende zu verkaufen seien und der Erlös mildtätig verwendet werden sollte32. Der inhaltliche Rahmen der in den erwähnten Bibliotheken gesammelten Literatur ist naturgemäß sehr bescheiden und ebenfalls in keiner Weise mit den muslimischen Bibliotheken jener Zeit vergleichbar.
Im Kloster St. Gallen – gegründet von Gallus 613 – entstand mit irischer Hilfe eine große Bibliothek und ein bedeutendes Zentrum der Gelehrsamkeit, das seinen Höhepunkt im 9. und 10. Jh erlebte und in dem eine enorme Abschreibtätigkeit geleistet wurde. Die Ausgestaltung der Bibliothek wurde von Abt Gozbert (816-836) eingeleitet und übertraf bald alle christlichen Bibliotheken ihrer Zeit, enthielt jedoch an profanen Schriften nur solche zu Recht, Geschichte und Schulliteratur, aber praktisch keine Klassiker.
Stärker ist der Anteil profaner Literatur auf der Reichenau (724 gegründet), wo man über geschichtliche Werke, Arbeiten zu Computistik und Medizin sowie über Klassiker als Schulliteratur verfügte. Weitere wichtige Klosterbibliotheken waren Lorsch, Echternach, Hersfeld, Korvey – herausragend aber Fulda und Cluny33. Die neuen Orden wie Zisterzienser, Kartäuser, Augustiner Chorherren haben die Tradition der Literaturarbeit übernommen. Im 11. und 12. Jh entwickelt sich ein reger Leihverkehr zwischen den Klöstern, auch im bayrischen und österreichischen Raum – es kommt zu einem starken Anwachsen der Handschriftenbestände, aber ohne wesentliche inhaltliche Erweiterung; diese wird erst durch das Übersetzungswerk bewirkt.
Im 12. und 13. Jh werden die Klosterbibliotheken in ihrer Bedeutung langsam von den Bibliotheken im Bereich der Universitäten abgelöst – es handelt sich dabei freilich um Bibliotheken einzelner Bereiche, zumeist der Kollegien, nicht einer Universität insgesamt. Maßgebliche Veränderungen werden durch die Verwendung des Papiers bewirkt, die eine Steigerung und Verbilligung der Produktion erlaubt – professionelle, zunftmäßig organisierte Schreiber treten gegenüber den klösterlichen Skriptorien in den Vordergrund34: Maßgeblich für die weitere Entwicklung ist, daß Anselm von Canterbury und nachfolgend andere – im Unterschied zur etwa gleichzeitigen gegenläufigen Entwicklung im Islam – der Vernunft einen gewissermaßen ebenbürtigen Platz neben dem Glauben zuweisen bzw. sie in eine konkrete Beziehung zum Glauben setzen. Die profanen Disziplinen werden so neben der Theologie anerkannt und nehmen ihre mehr und mehr eigenständige Entwicklung. Im 12. Jh kommt es zu einer großartigen Blüte der Pariser Schulen – die älteren Schule der Chorherren von St. Victor und andere werden durch die Schule nahe Notre-Dame auf der Seine-Insel überflügelt und noch vor 1200 zusammengeschlossen und durch ein Immunitätsprivileg Philipp Augusts begünstigt: es entsteht das Studium Parisiense, das eine öffentliche Schule ist, ein studium generale35. Gegenüber den bereits bestehenden Universitäten zu Salerno und Bologna verfügt Paris im Prinzip bereits um 1200 um die Struktur der vier Fakultäten (wenn auch ohne weltliches Recht). Das älteste Pariser Kollegium wird um 1180 gegründet; um 1250 erfolgte die namensgebende Stiftung seitens Robert de Sorbonas, die zum Zentrum der theologischen Studien wird und wo – wesentlich durch die Schenkungen der Mitglieder des Kollegs, von denen 170 wenigstens ihre Bücher dem Kollegium vermachten – sehr schnell eine große Bibliothek aufgebaut wird, die später mit der päpstlichen Bibliothek in Avignon konkurriert und die bedeutendste Universitätsbibliothek des Mittelalters überhaupt wird36. In den übrigen romanischen Ländern blieb die Entwicklung der Universitätsbibliotheken zurück, da dort die stationarii viel größere Bedeutung erlangten als in Paris – in Bologna z.B. hatte jeder Stationarius 117 Werke vorrätig zu haben, die bei ihm zu entlehnen oder zu kaufen waren. In England und auch in Deutschland schloß man sich dem Pariser Usus an, und die Stationarii erlangten keine besondere Bedeutung37.
Ihrer äußeren Form nach waren die frühen mittelalterlichen Bibliotheken Armarien, also „Schrankbibliotheken“ – die Bücher lagen in Schränken (dazu die Abbildung #m#), was die Bindung schonte; deshalb waren auch die Einbände vielfach mit Beschlägen armiert, die sie schützten, und nicht selten befand sich eine Kurztitel auf der dem Benützer zugewandten Seite des Buchblocks. Diese Schränke standen vielfach an den Wändern der Kreuzgänge, also noch nicht in eigenen Räumlichkeiten.
Erst später bildet sich der Usus heraus, Bibliotheksräume mit Schränken und vor allem mit Pulten auszustatten, die entweder einzeln oder gegenübergestellt, doppelseitig, im rechten Winkel zu den Fenstern aufgestellt wurden. Die Sorbonne-Bibliothek besaß 1289 28 Pulte, an denen 1017 Bände angekettet waren. Die Räume waren in der Regel lang und relativ schmal sowie von beiden Längsseiten her beleuchtet („Long Room“ im Trinitity College in Dublin).
Erst in der Neuzeit bilden sich dann mehr oder weniger abgegrenzte nischenartige Benützereinheiten heraus.
1.2.4.1 Die Enzyklopädien
Die Entstehung größerer Bibliotheken geht nicht nur Hand in Hand mit einer Intensivierung des Wissenschaftsbetriebes, sondern fördert auch die Entstehung großer Enzyklopädien. So wird das 13. Jh wieder ein Jahrhundert der allgemeinen Zusammenfassungen des Wissens, der Enzyklopädien38 – dies macht deutlich, wie sehr man sich in einem als wesentlich erachteten Stadium angelangt fühlte. Führend war Vinzenz von Beauvais († 1264), ein Dominikaner, der auf Verlanlassung Ludwigs des Heiligen das riesige „Speculum maius“ oder „Speculum universale“ (auch „Speculum quadruplex“) schuf, das alle Gegenstände zu allen Zeiten behandeln sollte und in vier Teile gegliedert war: naturale, doctrinale, morale, historiale. Vinzenz von Beauvais verfügte über beste Bibliotheken und über eine Schar von Mitarbeitern (das Werk kann in dieser Hinsicht mit den riesigen chinesischen Enzyklopädien verglichen werden), die aus rund 450 lateinischen, griechischen, hebräischen und arabischen Autoren exzerpierten, die auch zitiert werden; Vinzenz von Beauvais selbst kannte nur die lateinischen; der Text wurde in den Jahren 1244-1254 erstellt, später überarbeitet und mit zahlreichen Zitaten aus Albertus Magnus und Thomas von Aquin angereichert. Das Werk ist mehr bezüglich seines Umfanges als ob seiner Qualität bedeutend; es handelt sich um eine eher anspruchlose Kompilation, die auch nichts Neues enthält und (begreiflicherweise) auch nicht immer am neuesten Stand war; die Zielgruppe war, was man heute als das "Bildungsbürgertum" bezeichnen würde.
Das Speculum naturale hat die Form eines riesigen Kommentars zur Genesis – 32 Bücher mit 3718 Kapiteln – Meteorologie, Geographie, Geologie, Astronomie, Chemie, Botanik, Zoologie, Anatomie, Physiologie, Psychologie (mit langer Erörterung der Natur der Träume) und Astrologie, die aber nicht mit der Astronomie vermengt wird.
Das Speculum doctrinale hat 17 Bücher mit 2374 Kapiteln und faßt die theoretische und praktische Kenntnis im Bereich Literatur, Moral, Mechanik, Physik, Mathematik und Theologie zusammen und enthält auch ein Wörterbuch. Grammatik, Logik, Landwirtschaft, Recht und Regierung, Handel, Medizin, Chronologie, Astronomie und Astrologie, Musik, Maße und Gewichte, Entdeckungen.
Das Speculum historiale ist eine Universalgeschichte vom kirchlichen Standpunkt aus bis 1244, später bis 1254. 31 Bücher mit 3793 Kapiteln. 1244 schrieb er eine kürzere Fassung Memoriale omnium temporum, 80 Kapitel.
Das Speculum morale stammt nicht mehr von ihm selbst, sondern wurde von einem unbekannten Autor erst 1310-1325 zusammengestellt, also nach Vinzenz von Beauvaiss Tod; es ist eigentlich eine Zusammenfassung des Thomas von Aquin, wird aber immer im Rahmen des Gesamtwerkes gedruckt und angeführt. Es besteht aus 3 Büchern mit 381 Abschnitten: Leidenschaften und Tugenden, Inkarnation und Leiden Christi, Tod, Purgatorium, Jüngstes Gericht, Auferstehung, Hölle, Paradies, Sünden und Strafen.
Das gesamte Werk, das für eine wirklich weite Verbreitung viel zu umfangreich und damit zu kostspielig war, wurde 1473 in sieben Foliobänden gedruckt (es stellt die größte bekannte Inkunabel dar) und blieb für Jahrhunderte die Enzyklopädie im abendländischen Bereich.
Im kirchlichen Bereich fundamental war Guilelmus Durandus (1230-1296) aus der Languedoc, Bischof von Mende und die meiste Zeit an der Kurie tätig, als Verfasser dreier wichtiger enzyklopädischer Werke:
Speculum iudiciale = Speculum iuris, 1271, überarbeitet 1287, eine Synthese von Römischem und Kanonischem Recht, die erste ihrer Art, ungeheure Verbreitung, oft kommentiert, ist in 4 Bücher gegliedert: 1 Richter und ihre Gewalt, Anwälte, Zeugen, Prozeßgegner etc., 2 Zivilverfahren und kanonisches Prozeßrecht, 3 Strafprozeßrecht, 4 Sammlung von Formularen etc.
Repertorium iuris canonici (auch „Breviarium aureum“), ein Verschnitt des kanonischen Rechts mit vielen Glossen
Rationale divinorum officiorum, begonnen vor 1286, ist eine der fundamentalsten Quellen zur katholischen Liturgie, es ersetzte alle bis dahin verfassten Schriften zu diesem Thema, die sorgfältig zitiert werden, zerfällt in 8 Bücher: 1 Symbolismus der kirchlichen Architektur und Kunst, 2 der Klerus, 3 kirchliche Kleidung, 4 Messe, 5 andere religiöse Verrichtungen, 6 Sonntag und Feiertage, 7 Heiligentage (mit Argumenten gegen die unbefleckte Empfängnis), 8 Computus (d.h. kirchliche Zeitrechnung).
Das Rationale ist als erstes Buch nach der Bibel gedruckt worden (1459), unzählige Ausgaben folgten.
1.2.4.2 Ausweitung der Buchproduktion und damit des Bibliothekswesens in der Renaissance
Im 14. und 15. Jh haben die neueren klösterlichen Gemeinschaften – die Brüder vom Gemeinsamen Leben des Geert Grote vor allem (fratres non verbo, sed scripto praedicantes) – durch besonders hochstehende Schreibleistungen die Reproduktion des klassischen bzw. nichtuniversitären Schriftgutes neuerlich gesteigert39. Noch im 15. Jhs begannen sich Klöster sehr früh für das Drucken zu interessieren. Bereits 1466 ist in St. Ulrich und Afra in Augsburg eine Klosterdruckerei eingerichtet worden – berühmt und wichtig war später die Druckerei der Benediktiner in Tegernsee.
Neben den Klöstern und den Universitäten treten im Spätmittelalter die Fürsten und dann schließlich reiche Bürgerliche als bibliophile Sammler und Bibliotheksgründer auf. Im 14. Jh entwickelten sich die französischen Könige einen Hang zur Bibliophilie, und das Übersetzen in die Nationalsprachen kommt in Mode, womit eine neuerliche Erweiterung des Buchwesens eingeleitet wird. Es entstehen zahlreiche hochwertige und mitunter kleinformatig gehaltene Handschriften – z.B. für den Duc Jean de Berry, die burgundischen Herzöge, Prunkhandschriften, meist Stundenbücher, d.h. Gebetbücher u.ä., die nach den insularen Buchmalereien gewissermaßen den unüberbotenen Höhepunkt der Buchmalerei bzw. –herstellung darstellen40. Für die Wissenschaftsentwicklung ist dies von marginaler Bedeutung. Wichtiger ist, daß im 15. Jh mit dem Sammeln auf breiterer Ebene und unter humanistischen Gesichtspunkten eine neuerliche Ausweitung einsetzt, die durch den Buchdruck nochmals entscheidend gesteigert wird: der Humanismus bewirkte eine Intensivierung der Akkumulierung von Büchern resp. Handschriften, ja es setzte eine professionalisierte Jagd auf besonders wichtige und interessante Handschriften vor allem klassischer Autoren durch die italienischen Humanisten ein41, und es entstanden zahlreiche Bibliotheken. Sehr bald folgten Fürsten wie die Medici, die in Florenz mit der Biblioteca Medicea Laurenziana (die von Cosimo de Medici (1389-1464) begründet wurde und nach Lorenzo de Medici (1449-1492) benannt ist; eine reiche Bibliothek mit bald rund 150.000 Büchern, darunter zahlreiche Inkunabeln, und rund 11.000 Manuskripte aufbauten. Aber auch Matthias Corvinus sammelte Bücher; seine Bibliothek von an die 50.000 Bände in Ofen – eine der größten und wertvollsten Bibliotheken der Renaissance – ist allerdings 1541 durch die Türken vernichtet worden; nur geringe Teile sind im Topkapi Serail in Istanbul aufbewahrt, und einige wenige Werke sind im 19. Jh als Geschenke zurückgestellt worden. Reiche Patrizier begannen ebenfalls, wertvolle Bibliotheken zu akkumulieren – im bürgerlichen Bereich wird ein erster Höhepunkt durch die Angehörigen des Hauses Fugger42 erreicht, die ab 1500 mit enormem finanziellen Einsatz durch die führenden Mitarbeiter ihrer Handelsfilialen Handschriften und Literatur in der ganzen Welt aufkaufen lassen43.
Eine enorme Ausweitung der Buchproduktion und Verbreitung von Texten bewirkte natürlich die Einführung eines praktisch handhabbaren Druckverfahrens, wie es mit dem Namen Johannes Gutenberg44 verbunden ist. Es gab zwar im europäischen Raum schon zuvor sogenannte Blockbücher und im chinesischen Bereich schon lange auch Bücher mit beweglichen Lettern, doch bewirkte erst Gutenberg den großen Durchbruch – bis Ende des Jahres 1500 sind rund 29.000 Werke im Druck erschienen, von denen etwa 500.000 Exemplare heute noch erhalten sind45. In der Folge nahm die Buchproduktion exponentiell zu, und dem entsprechend wuchsen auch die Bibliotheken an Größe und Zahl. Viele fielen dann allerdings dem Dreißigjährigen Krieg zum Opfer – gewaltige Bestände mit wertvollsten Handschriften wurden vernichtet oder wechselten – im Glücksfall – den Besitzer. Der Codex argenteus, die Wulfila-Bibel, befindet sich heute in Upsala und nicht mehr in Prag; und die großartigste Bibliothek ihrer Zeit, die Bibliotheca Palatina in Heidelberg, wurde 1622/23 vom Herzog von Bayern als Kriegsbeute zum Dank für die Hilfe des Papstes im 30jährigen Krieg dem Vatikan geschenkt, wobei man der Erleichterung des Transportes halber fast alle Einbände entfernte…
1.2.4.3 Bibliotheksentwicklung in der Neuzeit
Im 17. und 18. Jh entstehen durch Akkumulierungen im Kauf-, Schenkungs- und Erbschaftswege große Herrscherbibliotheken, die später in Nationalbibliotheken übergeleitet werden46 (z.B. alte kaiserliche Hofbibliothek, nunmehr Österreichische Nationalbibliothek; eine der berühmtesten frühen Bibliotheken dieser Art, die auch heute noch nahezu unverändert besteht, ist die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, die eine der ältesten unversehrt erhaltenen Bibliotheken der Welt ist; sie wurde 1572 von Herzog Julius zu Braunschweig-Lüneburg gegründet und durch Herzog August den Jüngeren (1579-1666) als eine systematisch zusammengetragene Büchersammlung von 135.000 kostbaren Handschriften und Drucken die angeblich größte Bibliothek ihrer Zeit. Mit ihren heute über 160.000 Drucken des 17. Jahrhunderts stellt sie eine der reichsten Sammlungen der gedruckten Überlieferung dieser Epoche dar; die Bibliothek besaß 2005 rund 1 Million Bände, davon etwa 415.000 aus der Zeit vor 185047. Ihr berühmtester Bibliothekar (neben Gotthold Ephraim Lessing) war Leibniz, der für den Neubau (die Bibliotheksrotunde) 1706-1710 sorgte, der der erste prophane Bibliotheksbau in Europa war.
Universitätsbibliotheken im heutigen Sinne gab es Mittelalter nicht. Es gab Bibliotheken einzelner Colleges und wohl auch von Fakultäten, aber nicht mehr. Erst am Beginn der Neuzeit entstehen an besonders gut ausgestatteten Universität Bibliotheken. In den reformierten Ländern bildeten vielfach eingezogene Bibliotheken aufgelöster Klöster den Grundstock des Bücherbestandes, ähnlich später in Österreich im Zusammenhang mit der Aufhebung des Jesuitenordens bzw. den josephinischen Klosteraufhebungen. So blieben bis in das 18. Jh die Universitätsbibliotheken meist klein und unbedeutend – private Mäzene bestifteten lieber Colleges oder religiöse Orden. Eine Ausnahme war die 1602 von Thomas Bodley (1545-1613) in Oxford begründete öffentliche Bibliothek, die mit Hunderten Handschriften und einem anfänglichen Bücherbestand von 2000 Bänden, der aber bald erweitert wurde, Benutzer auch vom Kontinent anzog; ab 1650 ist die Bodleian Library48 aber in finanzielle Schwierigkeiten geraten, als die Gelder aus den gestifteten Einkünften nicht mehr flossen und zudem auch noch die wichtige Gewährung eines Freiexemplars aufgehoben wurde. Die meisten Universitätsbibliotheken erhielten sich aus Schenkungen und Bußgeldern, auch griff man zu Zwangsmaßnahmen, z.B. dass jeder Absolvent ein Buch von bestimmtem Mindeswert zu stiften habe etc. Die Idee des Pflichtexemplars hat zuerst Francois I. 1537 für die königliche Bibliothek in Paris eingeführt; dieses Modell ist auch in England übernommen worden, der Press Licensing Act von 1662 stützte die königliche Bibliothek in London und auch die Bibliotheken von Oxford und Cambridge, 1708 wurde durch den Copyright Act die Zahl der Pflichtexemplare auf neun erhöht, womit auch die schottischen Universitätsbibliotheken bedient werden konnten. Auch in Preußen funktionierte dieses System recht wirksam, ansonsten blieb es meist auf dem Papier. Die Abhängigkeit von Schenkungen und vom Copyright führte zu einer eher zufallsgesteuerten Akkumulierung von Büchern, nicht zu systematischer Erwerbung, wie sie die mittlerweile erfolgende Entwicklung der Wissenschaft dringend erheischte und wie sie durch Petrus Lambeck (1628-1680) in Wien, den Begründer der Bibliothekswissenschaft, und dann durch Leibniz so sehr gefordert worden ist. Ein weiterer Faktor war häufig die Einbringung von anderer Bibliotheken – in der Aufklärung jener aufgelassener Klöster – in die Universitätsbibliotheken (die UB Graz verdankt diesem Umstand ihren außerordentlichen Altbestand, der u.a. die Handschriften einer ganzen Reihe von innerösterreichischen Klöstern akkumuliert).
Die erste moderne Universitätsbibliothek wurde die der Universität Göttingen, sie ist mit der Universität zugleich eingerichtet und systematisch geplant und bestückt worden; sie war über lange Zeit hin das – von Goethe ausdrücklich gelobte – Ideal einer Universitätsbibliothek, auch in baulich-organisatorischer Hinsicht49. – Die Qualität der Bibliotheken in den Kollegien etc. hing natürlich stark von der der Bibliothekare und deren Einsatz ab – hervorzuheben ist neben Bodley der Kurator Janus Dousa (1545-1604), der die Bibliothek an der Universität Leiden50 aufbaute und zu einer der führenden im 17. Jh machte. Viele Bibliotheken haben aber erst im 19. oder gar erst im 20. Jh eigene, hauptberufliche Bibliothekare erhalten und wurden vorher nebenher von Professoren betreut.
Die Bücher selbst wurden ursprünglich (wie die Rollen) liegend aufbewahrt und waren bis in die 2. Hälfte des 16. Jh vielfach libri catenati, die auf Pulten lagen; erst als man auf diese Weise mit dem Platz nicht mehr zu Rande kam, begann man die Bücher senkrecht aufzustellen, wie dies heute gebräuchlich ist, nach und nach man auch das Anketten zu verzichten und die Bücher in mehreren Reihen über den Pulten aufzustellen; daraus entwickelten sich die dann bald raumhohen Bücherstellagen, denen man dann im 17. Jh eine Galerie anbaute; durch das Herausbrechen hoher Fenster wurden genügend Licht eingelassen – so bewerkstelligt durch Christopher Wren (1632-1723) im Trinity College in Cambridge, nachgebaut im Long Room des Trinity College in Dublin. So entstehen im 17. und 18. Jh Bibliotheken in einem modernen Sinne.
In neuerer Zeit sind natürlich auch Spezialbibliotheken entstanden – wie etwa die Wolfenbütteler Bibliothek oder die Beinecke Rare Book Library in Yale. Andererseits sind an den meisten größeren Bibliotheken auch spezifische Sammlungen – Karten, Gemälde, Münzen, Globen, Kunstgegenstände, astronomische Instrumente, zoologische und botanische Besonderheiten etc. – angeschlossen worden.
Auch die gelehrten Gesellschaften; die Akademien, haben mitunter Bibliotheken aufgebaut. Wie die Universitätsbibliotheken verdankten auch sie häufig große Bestände der Stiftung durch Gelehrte, die auch die Ausweitung stimulierten.
Im 19. und 20. Jh entstehen dann die modernen Großbibliotheken, von denen hier nur einige wenige erwähnt seien: die Library of Congress in Washington D.C., die British Library in London, die Bibliotheken in Moskau und St. Petersburg u.a. – Bibliotheken, die derzeit bei einer Dimension von über 20 Millionen Bänden halten.
Die Library of Congress ist im Jahr 1800, als die Hauptstadt der USA von Philadelphia nach Washington verlegt wurde, ursprünglich zur Unterstützung des Congresses eingerichtet worden und ist die älteste föderale Kulturinstitution der USA. Es handelte sich erst um eine kleine, tatsächlich auf die Bedürfnisse des Congresses ausgerichtete Bibliothek, bis Jefferson seine Privatbibliothek hinzustiftete, was die Ausweitung von einer Amtsbibliothek zu einer Universalbibliothek zur Folge hatte. Ainsworth Rand Spofford, der 1864–1897 die Bibliothek leitete, regte 1870 das US-amerikanische Copyright-Gesetz an, das jedermann, der den Schutz des Copyright in Anspruch nehmen wollte, verpflichtete, der Bibliothek zwei Exemplare seines Druckwerkes zu übermitteln, was innerhalb kürzester Zeit ein Bibliotheksgebäude notwendig machte, das 1897 als das größte Bibliotheksgebäude der Welt eröffnet wurde. Die Bibliothek soll über 80 % der Weltbuchproduktion beinhalten und gilt als größte der Welt51 – derzeitiger (2007) Stand rund 29 Millionen Bände und eine Fülle weiteren Materials, in 460 Sprachen; die Regallänge soll bei knapp 1000 km liegen.
Die British Library ist aus der gleichzeitig mit der Gründung des British Museum 1753 eingerichteten Bibliothek des Museums hervorgegangen und erst 1973 als eigenständige Institution aus dem British Museum herausgelöst worden. Sie ist die Nationalbibliothek des United Kingdom und profitiert(e) vom Pflichtexemplar in England und Schottland sowie von zahlreichen, z.T. sehr großen nationalen Bibliotheken, die in ihr aufgingen. Sie zählt ebenfalls zu den größten Bibliotheken der Welt und beherbergt eine ungeheure Fülle verschiedensten Materials von Handschriften bis zu Briefmarken und natürlich auch elektronischen Datenträgern. Der berühmte British Library Lesesaal wurde 1857 in Betrieb genommen.
Die Russische Staatsbibliothek – vormals Lenin-Bibliothek – ist die größte russische Bibliothek und nach der Library of Congress wohl die zweitgrößte der Welt – 42 Mio Titel in 247 Sprachen. Die Saltikow-Schtschdrin-Bibliothek in St. Petersburg wurde 1795 von Zarin Katharina der Großen als eine russische Nationalbibliothek gegründet. Mit mehr als 30 Mio Einheiten in 85 Sprachen ist sie die zweitgrößte Bibliothek Russlands. Etwa halb so groß ist die 1714 von Peter dem Großen gegründete Bibliothek der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg
Die Österreichische Nationalbibliothek ist aus der alten habsburgischen Hofbibliothek entstanden, in die zahlreiche, auch größere Bibliotheken eingebracht worden sind (darunter umfangreiche Fuggersche Bestände sowie die Bibliothek des Prinz Eugen, die sich heute im Prunksaal der ÖNB befindet). Auf Grund der guten Kontakte der Habsburger nach dem Vorderen Orient und einer regen Erwerbstätigkeit durch die Diplomaten früherer Jahrhunderte in diesen Ländern verfügt die ÖNB über einen außerordentlich umfangreichen und wertvollen Handschriftenbestand.
Derzeit befinden sich die Bibliotheken in einem Übergangsstadium, indem den elektronischen Informationsträgern eine weit höhere Bedeutung als bisher zuwächst, gleichzeitig sich aber auch wesentliche Fragen der Kontinuitätssicherung erheben52.
1.2.5 Bibliothekssystematiken
Die Bibliotheken, die ja immer auch Orte des Studiums waren, haben, wie bereits erwähnt, zur Ordnung, zur Klassifizierung angeregt; dies setzte bereits in Mesopotamien ein, wo man (wohl nicht zuletzt wegen der Unübersichtlichkeit der Informationsträger) früh Ordnungsprinzipien einführte. Im Altertum und im Mittelalter kam hinzu, dass sehr bald verschiedene Sinneinheiten zu größeren übergeordneten Einheiten zusamengefasst wurden. Auch aus diesen Gründen kommt den Bibliotheken in Zusammenhang mit der Entwicklung einer systematischen Erkenntnisarbeit früh große Bedeutung zu, da die Klassifizierung bzw. Bibliothekssystematik einen hohen Grad der Reflexion des gesamten Wissenschatzes und seiner Struktur erfordert und dokumentiert. Die anhand der Überlieferungen über die alten Bibliotheken erschlossenen Gliederungs- und Strukturierungsprinzipien des Wissens in früher Zeit sind natürlich teilweise Rekonstruktionsversuche, also mit Vorsicht zu bewerten, zumal sie sich zumeist zwangsläufig der neuzeitlichen Terminologie bedienen müssen. Sie vermitteln aber dennoch eine gewisse Vorstellung von den frühen Versuchen, Wissen zu organisieren bzw. zu strukturieren53.
Von Ordnungsvorstellungen (um nicht von einem „Wissenschaftsbegriff“ zu sprechen) der ältesten Zeit, im Alten Orient können wir uns insofern eine vage Vorstellung machen, als der Bibliothekskatalog für die berühmte Bibliothek des Assurbanipal (668–626), 1849–1854 von Sir Austen Henry Layard und Hormuzd Rassam in Ninive ausgegraben wurde und uns somit vorliegt; er läßt eine gewisse Rekonstruierung der Grundstruktur des etwa 20.000 Tontafeln umfassenden Bestandes zu. Nach Meinung der Fachleute war die Bibliothek gegliedert in:
Geschichte
Recht, Gesetz, Brauchtum
Naturkunde – Tiere, Pflanzen, Mineralien
Geographie
Mathematik
Astronomie
Magie
Dogmen – Religion
Legenden und Sagen
Soweit es sich feststellen ließ, war der Bestand Grammatik (Sprache) relativ stark, die Bestände der beschreibenden Naturwissenschaften ebenfalls ziemlich umfangreich, und die Astronomie nahm dabei die erste Position überhaupt ein. man nimmt weiters an, dass die astrologischen Werke von denen der Astronomie separiert im Bereich Magie untergebracht waren.
Bezüglich klassifikatorischer Angaben im alten Ägypten ist auf ein im Tempel von Edfu als Wandinschrift überliefertes „Verzeichnis der Kästen“, die Bücher auf großen Pergamentrollen enthalten, zu verweisen, das neben magischen, rituellen, dynastischen etc. Aspekten partiell disziplinenbezogene Felder ausweist wie etwa die Astronomie und die Geographie. Der Ägyptologe Heinrich Karl Brugsch hat daraus eine Klassifikation zu erarbeiten gesucht, die prinzipiell zwischen heiliger und profaner Literatur unterscheidet, wobei in der profanen Literatur drei Gruppen aufscheinen:
Wissenschaftlich Verwertbares: Astronomie, Kalender, Mathematik, Geographie, beschreibende Naturwissenschaften, Medizinisches und Architekturgeschichtliches
Schöne Literatur
praktisches Schrifttum: Urkunden, Kontrakte etc. – also eher Juridisches.
Für China lässt sich für die Zeit um Christi Geburt aus überlieferter Literatur eine Gliederung des Schrifttums in folgende Gruppen erkennen:
Sammelwerke
Die sechs Künste –
Philosophie
Schöne Literatur
Militaria
Wahrsagerei
Medizin
Später – im 5. Jh – ging man zu vier Gruppen über:
Klassische Literatur
Philosophie, Militaria, Mathematik, Theologie
Geschichte, Staatsschriften, Juridisches
Schöne Literatur
Diese Vierer-Gliederung hat sich in chinesischen Bibliotheken bis heute erhalten.
Bei den Griechen ging die Wissenschaftssystematik von der Philosophie aus, als dem Überbegriff, unter dem alle Wissenschaften in unserem Sinne begriffen werden. Solche Gliederungen kennen wir von Platon54:
Dialektik = Reine Begriffe = begriffliche Erkenntnis
Physik = Sinnlich-empirische Wahrnehmungen = sinnliche Wahrnehmung
Ethik = Äußerungen d.menschl. Willens und Handelns = Wille und Begehren;
und von Zenon in der Stoa, auf den wohl die von Epikur überlieferte ganz ähnliche Gliederung in die „stoische Triade“ stammt: Physik, Logik, Ethik.
Aristoteles hat keine Systematik hinterlassen; aus seinen Werken glauben manche jene Systematik erschließen zu können, in der traditionell die Werke des Aristoteles angeführt werden.
Diese drei Systemisierungsmodelle – Platon, Stoiker und Aristoteles – haben bis weit in die Neuzeit hinein großen Einfluß ausgeübt. Sie orientieren sich an den Erkenntnismethoden.
An der Bibliothek von Alexandreia erstellte, wie bereits erwähnt, der Bibliothekar Kallimachos (310-240) mit den Pinakes eine über alles sich erstreckende Systematik. Leider kennen wir diese Gruppierungen nur bruchstückhaft55.
In römischen Bibliotheken gliederte man offenbar in:
Sammelwerke
Spezielle Sammlungen wie etwa die Sibyllinischen Bücher
Poesie
Gesetze
Biographien
Rhetorik
Grammatik
Arbeiten zu Einzelfragen
öffentliche Dokumente – Juridisches
Ganz anders ist die Systematik bei Plinius d. Ä. in seiner Enzyklopädie Naturalis historiae libri XXXVII:
Erde und ihre Teile – Astronomie, Geophysik etc.
Lage der Länder, ihre Einwohner, Meere, Städte – Geographie
Entwicklung des Menschen, seine Beschaffenheit und Eigenheit
Tiere
Pflanzen
Arzneien aus Tieren und Pflanzen
Metalle und ihre Gewinnung
Malerei
Mineralien
Diverses
Diese Systematik orientiert sich an den Objekten, wobei die Anordnung in etwa der des Aristoteles entspricht und als absteigend und anthropozentrisch bewertet werden kann. Am Ende der Darstellung über den Menschen sagt Plinius d. Ä.: „Und nun gehen wir zu den anderen Tieren über“. Weiters erfolgt eine Zusammenfassung nach der Bedeutung und dem Nutzen für den Menschen unter stark praktischer Orientierung (Weinbau folgt auf die Weintrauben als Pflanzen, weiters Rausch und Mittel gegen Rausch; Hunde, Erziehung von Hunden, Hunde im Krieg, Tollwut, Mittel gegen die Tollwut, etc.).
Das bedeutendstes Prinzip im Bereich der didaktischen Zielsetzungen ist aber das der septem artes liberales (im Gegensatz zu den artes illiberales, den mechanischen und handwerklichen Künsten):
Die septem artes liberales werden bei Martianus Capella in seinem Werk "Satura“ = „De nuptiis Philologiae et Mercuriis" (nicht wirklich datierbar, 3./4. Jh) von Apollo der Braut Philologia als Dienerinnen des Merkur vorgestellt, wobei jede dieser Dienerin ihren Zuständigkeitsbereich darstellt, womit sich eine Art Encyclopädie ergibt, die im Mittelalter lange als Lehrbuch gedient hat. Vor Martianus Capella gab es neun artes, da auch Architektur und Medizin mitgezählt wurden. Bei Capella schlägt Apoll vor, auch die Dienerinnen Medizin und die Architektur anzuhören, doch wird das von den anderen Göttern verworfen, weil diese Bereiche „ihre Sorgen auf vergängliche Gegenstände und die Erfindungsgabe auf das Irdische richten"56.
Die Gliederung des Martianus Capella ist von Flavius Magnus Aurelius Cassiodor (490-583) übernommen worden in seiner Enzyklopädie „De institutione divinarum et humanarum litterarum“, wo wir auch die Gruppierung in Trivium und Quadrivium und den Oberbegriff Mathematik antreffen. Cassiodor leitet übrigens den Begriff liberalis nicht von liber = frei, sondern von liber = Buch ab.
Im Mittelalter haben sich die Inhalte dieser Disziplinen relativ weit von dem entfernt, was man in der Antike und heute darunter versteht:
Grammatik war in der Unterrichtspraxis Latein, Lektüre einiger weniger Autoren und Verfassen dürftiger Reime.
Rhetorik war Abfassen von Briefen, Urkunden, Geschäftsstücken, eventuell auch etwas Kanonisches Recht.
Dialektik ist bald formale Logik, um " alle Spitzfindigkeiten der Ketzer zu sehen und imstande zu sein, ihre gefährlichen Sophismen zu widerlegen " (Hrabanus Maurus).
Eine bedeutende Zusammenfassung des Wissens mit enormer Verbreitung durch Jahrhunderte sind die Etymologiae des: Isidor von Sevilla, ihre Gliederung ist relativ differenziert57, zumeist aber ohne logische Begründung. Als Grobgliederung kann man sehen:
Trivium 1-2
Quadrivium 3
Philosophie 4-16
Medizin 4
Jurisprudenz 5
Theologie 6-8
Physik 9-16
Mechanische und Schöne Künste 17-20
In diesem Werk treten somit bereits die septem artes liberales als tragende Struktur hervor. Den septem artes kommt fundamentale Bedeutung zu, indem sie als unangefochtener Kanon die Kontinuität einer weltlich orientierten Ausbildung sicherten, deren Struktur heute noch maßgeblich ist.
Im Prinzip ist bei den Klassifikationen zu unterscheiden zwischen solchen:
1) mit wissenschaftlicher, erkenntnistheoretischer Zielsetzung
2) mit pädagogisch-didaktischen Zielsetzungen
3) mit anwendungsorientierten Zielsetzungen.
Die relativ „moderne“ Enzyklopädie De proprietatibus rerum (in 19 Büchern) des Minoriten Bartholomaeus Anglicus (fl. 1230), in der die Naturwissenschaften vorherrschen und die ins Französische, Englische und Spanische, also in die damals wichtigsten Vernacularsprachen übersetzt wurde und in der sehr viel aus arabischen Autoren übernommen ist, weist erste Anzeichen einer empirischen Betrachtungsweise auf und enthält eine für ihre Zeit sehr gute Anatomie; interessant ist auch die neuartige Gliederung, die bald von anderen Autoren übernommen wird:
1 Gott und körperlose Geister
2 Mensch – Seele und geistige Fähigkeiten
Physische Natur des Menschen
im gesunden Zustand
im kranken Zustand
3 Welt – Himmelskörper und -zeichen
Zeit
Materie und Form
Luft, ihre Eigenschaften und Wesen, Vögel
Wasser, seine Eigenschaften und Wesen
Land, mit seinen Eigenschaften und Wesen, Festland, Länder, Mineralien, Pflanzen, Tiere
4 Technik und Künste.
Die interessantesten, weil fortschrittlichsten Systematiken schufen jedoch Brunetto Latini und Roger Bacon.
Brunetto Latini (1230-1294) gliederte sein "Buch vom Schatz", dessen Inhalt er unter den Oberbegriff „Philosophie“ stellt,:
1 Theoretische Philosophie – Theologie (Gott, Engel, Seele), Göttliches und menschliches Gesetz und Geschichte; Physik, Mathematik (Arithmetik, Musik, Geometrie, Astronomie und Meteorologie
2 Praktische Philosophie = zweite Wissenschaft der Philosophie (Ethik, Ökonomik, Politik, Alle für das Leben des Menschen notwendigen Künste und Handwerke „in der Arbeit“ und „in Worten“ [Grammatik, Dialektik, Rhetorik]
3 Logik = Dritte Wissenschaft der Philosophie – Dialektik, Ephidik (Nachweis der Wahrheit bzw. des Zutreffens von Aussagen), Sophistik
Zur ausführlicheren Fassung s. folgendes Gliederung
Nicht minder interessant ist die eingehende Systematik Roger Bacons, die folgende Hauptbereiche vorsieht
1 Grammatik und Logik
2 Mathematik – rein und angewandt
3 Physik
4 Metaphysik und Moralphilosophie inkl. Rechtssprechung
5 Theologie
Im Spätmittelalter und natürlich dann in der Neuzeit entwickeln sich zunehmend differenziertere Bibliotheks- und Wissenschaftssystematiken, die sich jedoch stets an die Struktur der septem artes anlehnen.
Natürlich haben auch im muslimischen Bereich Systematisierungen herausgebildet, wobei die sich mit der eigenen (als direkt von Allah stammend angenommenen) Sprache und mit der Religiongslehre einschließlich der zugehörigen Rechtsvorstellungen und der Historie sich befassenden Bereiche als genuin muslimisch eingestuft wurden, während die aus der griechischen Geisteswelt rührenden Bereiche der Logik wie der Physik (d.h. der naturwissenschaftlichen Aspekte) eher als (in ihrem Verhältnis zu den religiös bestimmten Bereichen) kritisch zu betrachtende Erkenntnisbereiche eingestuft worden sind.
Eine gute Übersicht über die Systematisierungsbemühungen bis in das 13. Jh gibt Kedrow58, wobei die dort widergegebene Systematik Avicennas nicht unwidersprochen geblieben bzw. im muslimischen Raum letztlich nicht akzeptiert worden ist, wie natürlich überhaupt hinsichtlich der theoretischen Positionen und der Umsetzung zu unterscheiden ist, die dem steten Wechselspiel der Meinungen und Aspekte folgt.
1.3 Schulen
1.3.1 Philosophenschulen im Altertum
Ausschlag- und beispielgebend waren die Philosophenschulen im klassischen Athen; auf sie folgten die großen Bibliotheken in Alexandreia und in Pergamon, die ja zugleich Forschungs- und (unausgesprochenermaßen) auch Ausbildungsstätten, gewissermaßen Akademien waren – sie „gehörten“ entweder führenden geistigen Persönlichkeiten, die auch lehrten, oder wurden als Zentren einer gewollten Akkumulierung von Wissenschaftlern von Herrschern finanziert.
Philosophenschulen
In Griechenland entstanden im 5. Jh Philosophenschulen, indem wandernde Sophisten in Städten, oft in Häusern besonders angesehener Bürger, aber auch auf öffentlichen Plätzen lehrten, des öfteren dann auch länger an einem Ort blieben und dabei Schüler um sich scharten, die die Lehrmeinung weiterverbreiteten. Der Schulbegriff ist im Bereich der Philosophie bereits sehr früh in der Antike angewendet worden: Diogenes Laertios schreibt in seiner Philosophiegeschichte „Leben und Meinungen berühmter Philosophen“ um 275 vChr bereits, die Philosophie habe ihren Ausgang von zwei Schulen genommen, nämlich von der ionischen des Thales von Milet und von der italischen des Pythagoras. Unter Schule verstand er dabei eine Gemeinschaft, die sich an feste Lehrsätze hält oder zumindest eine bestimmte Auffassung von der Welt der Erscheinungen hat59.
Manche Schulen haben sogar Sektencharakter60 angenommen, wie jene des Pythagoras, und erwiesen sich als langlebig, andere wieder waren nur lokale kurzlebige Erscheinungen. Oft zeichneten die Schüler die Lehren auf, der Lehrer geht den Text mit ihnen durch und diskutiert ihn mitunter mit ehemaligen Schülern, sodaß eine stete Veränderung und Verbesserung der Lehre bewirkt wird. Die besten unter den Schülern traten oft in den Familienverband des Lehrenden ein. Dieser Prozeß mündete dann nicht selten in eine lokale Stailisierung im Haus eines angesehenen Bürgers oder gar des Philosophen selbst.
Der mitunter recht exaltiert gestaltete sophistische Unterricht umfasste Astronomie, Geometrie, Linguistik, Grammatik, Theologie und Literatur und sorgte zweifellos für ein recht hohes Bildungsniveau, das in öffentlichen Diskussionen vor großem Publikum demonstriert wurde und nicht selten für erhebliche Aufregung sorgte, wenn es um die Abgrenzung gegenüber der Götterlehre ging, was ja noch Sokrates zum Verhängnis wurde – und auch Aristoteles hat sich einem solchen Schicksal prophylaktisch durch Flucht entzogen.
Medizinerschulen
Parallel zu den Philosophenschulen entstanden Medizinerschulen, die zumeist „Familienbetriebe“ waren, indem die Lehre vom Vater auf den Sohn überging. Auch hier wurde die Lehre niedergeschrieben und in steter Fortführung ausgeweitet und verbessert. So entstand beispielsweise auf der ionischen Insel Kos, wo neben anderen Medizinern vor allem Hippokrates von Kos lehrte, das Corpus Hippokraticum , in dem sich zu einzelnen Fragen durchaus unterschiedliche Standpunkte finden.
Die berühmtesten und wirkungsmächtigsten Philosophenschulen neben der der Pythagoräer waren jene in Athen:
Platons Akademie
Nach seiner Rückkehr von der ersten Sizilienreise gründete Platon die nach ihm benannte Akademie61, die anfangs ein lockerer Verband „im Garten am Kolonos“ war. Diogenes Laertios schreibt dazu, Platon sei der Baumeister gewesen und habe die Aufgaben gestellt, seine Anhänger aber (im Unterschied zu Pythagoras) nicht auf ein Dogma verpflichtet. Lange hat man die Auffassung vertreten, dass die Akademie Platons bis zu ihrer Aufhebung durch Justinian I. im Jahre 529 durchgehend bestanden habe. Dies ist heute nach neueren Forschungen nicht mehr haltbar, die ursprüngliche Akademie dürfte im 1. Jh vChr erloschen sein. Man unterscheidet in Bezug auf die Nachfolge zwischen der älteren, der mittleren und einer neueren Akademie62. Die Akademie Platons ist aber das Vorbild der Akademien des Humanismus geworden und reicht so in ihrer prinzipiellen Konzeption herauf in unsere Zeit.
Das Lykeion des Aristoteles
Die zweite große Schule in Athen begründete Platons Schüler Aristoteles um 334 mit dem Lykeion63), dessen offizielle Verfassung wie bei der Akademie die eines religiösen Vereins zum Zwecke des Musenkults war. Das Schwergewicht dieser Philosophenschule lag im Gegensatz zur Akademie in der naturwissenschaftlichen Forschung und Lehre. Das Lykeion war das Wissenschaftszentrum seiner Zeit, muß über beträchtliche Hilfsmittel verfügt haben und war zweifellos hervorragend organisiert, denn Aristoteles kann unmöglich alle Untersuchungen allein durchgeführt haben. Trotz der unausbleiblichen Entfremdung hat Aristoteles vermutlich materielle Förderung durch Alexander den Großen erhalten (auch wenn es dafür keine konkreten Belege gibt), der sich der Bedeutung seines Lehrers bewusst gewesen sein soll; so verfügte Aristoteles über eine bedeutende, für die damalige Zeit ungewöhnliche Bibliothek64. Ihm folgte eine Reihe von Scholarchen, und wir wissen aus den Testamenten dieser Männer recht gut Bescheid über den Zustand der Institution.
Diese beiden führenden Philosophenschulen von Athen haben einen berühmten Niederschlag gefunden in Raffaels GemäldeDie Schule von Athen“.
Zenons Stoa
Zenon aus Kition (auf Zypern) gründet um 300 in der Stoa poikile65 an der Nordwestseite der Agora in Athen eine dritte Philosophenschule, die der „alten Stoa“.
Epikurs Garten
Die vierte wichtige Schule war die des Epikur66., der an der Akademie gehört hatte; sie entstand um 307/305 in einem Haus in einem Garten etwas außerhalb der Stadt. Zu seiner Schule, die eine enge Gemeinschaft bildete, zählten auch Frauen.
Eine räumliche Vorstellung von der Lage dieser Schulen gibt diese Skizze.
Das Museion – Alexandria
Einen zwar an die Philosophenschulen angelehnten, letztlich aber neuen Typus stellte das Museion in Alexandreia dar, das ja nicht nur Bibliothek war, sondern als Schule einen Peripatos besaß, eine Exedra (Hörsaal) und einen großen Speisesaal für alle Mitglieder. Neben dem Museion als „Schule“ bestanden in Alexandreia auch andere Schulen, insbesondere im Bereich der Medizin, an denen Ausbildung gegen Bezahlung erfolgte, aber auch im Bereich der Technik, dessen Schule zu Anfang des 6. Jhs nach Konstantinopel verlegt worden ist und führend am Wiederaufbau der (durch Brand zerstörten) Hagia Sophia beteiligt war.
Bei all ihrer Wirksamkeit sind diese Schulen nicht als Vorstufe der Universität oder der modernen Akademien zu sehen. Es handelt sich um Schulen in dem Sinne, dass „eine von einem Meister oder einer Gruppe von Meistern ausgegangene Richtung in Wissenschaft oder Kunst“ gemeint ist, keineswegs eine Institution, die irgendwelche Abschlüsse verlieh o.ä. Bemerkenswert ist aber zweifellos, dass an diese Schulen länger dauernde, konsequent verfolgte Diskussionsprozesse letztlich wissenschaftlicher Natur stattfanden; und dies verfehlte seine Wirkung nicht.
Die Tradition der Philosophenschulen reichte natürlich zeitlich wie räumlich über das klassische Athen hinaus bis weit in die römische Kaiserzeit. Nachdem man anfangs die griechischen Philosophen in Rom zurückgewiesen, ja sogar die Philosophen-Gesandten Athens im Jahre 155 vChr ausgewiesen hatte, veränderte sich die Einschätzung sehr bald, und führende Politiker nahmen sich griechische Philosophen aus den großen Schulen zu Ratgebern. Philosophenschulen entstanden im römischen Bereich aber nur in den ehemals griechischen unteritalischen Städten. Athen blieb nach wie vor das Zentrum, und Marc Aurel richtete dort 176 eine Reihe von Lehrstühlen für alle Wissenschaftsbereiche und alle philosophische Lehrrichtungen ein, die großzügig besoldet auf Lebenszeit vergeben wurden. Viele junge Leute, die es sich leisten konnten, besuchten mehrere Schulen hintereinander, um sich so einen Überblick zu verschaffen, und sie wiesen damit einen allfälligen Anspruch von Schulen, jeweil die „richtige“ Lehre zu vertreten, zurück. Im Neuplatonismus des 3. Jhs wurde diese Tradition durch Plotin fortgesetzt. Immer noch war Athen das Zentrum der Philosophenschulen, auch wenn auch anderswo im östlichen Mittelmeerraum ähnliche Schulen gegeben hat.
Erst das Christentum in seiner sektiererischesten Zeit setzte den Schulen in Athen bzw. im oströmischen Reich ein Ende, als Justinian I. 529 ein Verbot erließ, Philosophie (als eine pagane, als eine weltlich Disziplin) zu unterrichten. Ein Teil der Lehrenden ist offenbar an den Hof des König Chosroes I. in Jundischapur (östlich von Bagdad im Iran) gegangen, kehrten aber später zurück, weil es ihnen dort zu fremdartig war. In Alexandria hatte sich die Lage schon im 4. Jh wesentlich verschlechtert, was u.a. 415 zum Tod der Hypatia geführt hatte. Doch übernahmen christliche Lehrer die Schulen, deren Häupter sich nun aber nicht mehr Philosophen, sondern Grammatiker (grammatikos) nannten. Im 6. und 7. Jh erlöschen – überhaupt im abendländischen und im byzantinischen Bereich – die paganen Schulen, und das Schulwesen gerät für mehr als ein Jahrtausend unter der Oberaufsicht der Kirche, die über die einzigen organisatorischen Grundlagen dafür verfügt.
1.3.2 Byzanz
Im oströmischen Reich entstanden eigenständig Schulen, die eine Fortführung der antiken Ausbildungstradition darstellten und keine Binnengliederung aufwiesen. Sie waren privater Natur und standen unter der Leitung eines Gelehrten; theologischen Unterricht gab es nicht. Sie folgten dem Kanon der septem artes. Diese Schulen blieben allerdings in in ihrer höheren Ausformung auf die Stadt Byzanz beschränkt.
Einen Versuch der Installierung einer staatlichen Bildungseinrichtung gab es nur, als Kaiser Theodosios 425 eine staatliche Aufsicht über die Magistri und die Zusammenfassung des Unterrichts in einer Institution am Rande der Stadt anordnete. Diese staatliche Bildungskontrolle sah 31 Lehrstühle (darunter neben den lateinischen und griechischen Grammatikern auch zwei Juristen und ein Philosoph) vor, die allerdings nie alle besetzt wurden; unter Justinian bestand die Schule noch, um 600 wurde sie unter Kaiser Phokas stark eingeschränkt, möglicherweise auch aufgehoben. 610 belebte Kaiser Heraklaios das Projekt der Bildungsaufsicht durch die Einsetzung eines oikumenikos didaskalos als Organisator und Koordinator der höheren Schulen wieder. Über die folgende Zeit fehlen genaue Informationen; im Bilderstreit wird Kaiser Leo III. vorgeworfen, er habe die „Hochschule“ und ihre Bibliothek 726 wegen der Haltung der Lehrer anzünden lassen, was immerhin ein Beleg für ihre Existenz zu dieser Zeit ist. Wahrscheinlich ging die Schule irgendwann im 8. Jh ein.
842/3 folgte ihr die sogenannte „Bardas-Universität“ des Staatskanzlers Leon Bardas, der einer einflussreichen Familie entstammte und zeitweise die Regierungsgeschäfte führte. Der Anlass der Gründung dieser Schule war die Entdeckung des Mathematikers Leon (Leon d. Mathematiker) durch den Politiker. Ein Schüler Leons war in arabische Gefangenschaft geraten und hatte den Kalifen mit seinen mathematischen Fähigkeiten beeindruckt, worauf dieser den byzantinischen Kaiser um die Entsendung Leon d. Mathematikers nach Bagdad bat. Stattdessen gründete Leon Bardas eine private Hochschule mit mathematisch-naturwissenschaftlichem Schwerpunkt für 40-50 Schüler und bestellte Leon d. Mathematiker zum Leiter. Die in der Forschung behauptete Lehrtätigkeit des ebenfalls zu dieser Zeit lebenden Patriarchen Photios an der Bardas-Schule ist nicht zu belegen, tatsächlich betrieb Photios wohl seinerseits eine Privatschule und wirkte als Privatlehrer der kaiserlichen Kinder. Die Geschichte der Bardas-Schule endete mit dem Tod des Leon Bardas.
Im 10. Jahrhundert überlieferte ein Hofgeschichtsschreiber die Gründung einer „Universität“ am Magnaura-Palast durch den Kaiser Konstantin III. († 958). Angeblich wurden an ihr Philosophie, Rhetorik und Geometrie gelehrt. Nicht nur diese seltsame Mischung, sondern auch das Fehlen jeder weiteren Angabe über Lehrpersonal und Gründungsdatum lassen die Existenz dieser Schule zweifelhaft erscheinen. Die nächste gesicherte Gründung geht auf das Jahr 1043 und den kulturbeflissenen (wenn auch nicht sehr gebildeten) Konstantin IX. zurück. Er schuf eine Rechts- und eine Philosophieschule, die er durch den Juristen Johannes Xiphilinos bzw. den Universalgelehrten Michael Konstantinos Psellos leiten ließ. Mit dem Tod oder der Entmachtung der Leiter endeten auch die Institutionen.
Im 12. Jahrhundert etablierten sich viele kleinere Schulbetriebe in baulicher Verbindung zu Kirchen und Klöstern in Konstantinopel. Allerdings waren diese Schulen keine Kloster- oder Domschulen, auch die sogenannte Patriarchalakademie wurde zwar vom Patriarchen unterstützt, ging aber eher auf kaiserliche Initiative zurück.
1.3.3 Schulen im islamischen Raum
Im arabischen, muslimischen Raum entwickelte sich Ausbildung, indem sich Studienwillige um anerkannte Meister versammelten und offenbar in einer Art „Familienverband“ – ähnlich den späteren Magisterfamilien im Okzident – ihren Studien nachgingen. Eine bedeutende Rolle spielten dabei zweifellos die zahlreichen privaten und öffentlichen Bibliotheken in den Städten. Eine Veränderung trat ein, als im Zusammenhang mit der Eroberung Bagdads durch die Seldschuken das System der Medresen eingeführt wurde, die häufig mit Bibliotheken bestiftet und an Moscheen eingerichtet wurden. Die Medresen – Medrese, Madrasa bedeutet Schule, Lehrstätte – boten jedoch nur die traditionell koranorientierte Ausbildung der Schriftauslegung, d.h. Theologie, der Jurisprudenz im Sinne des islamischen Rechtes abgeleitet aus Koran und Sunna67 (fiqh)68. Indem dieser Typus von Schule relativ rasch für den gesamten muslimischen Raum typisch und bestimmend wurde und damit die Ausbildung durchwegs theologisch bestimmt wurde, konnte sich eine Entwicklung wie im lateinischen Abendland, wo der aus der römischen Zeit durchgehend tradierte weltliche Kanon der septem artes dominierte und die Grundausbildung und mit der Artesfakultät auch die Basis der universitären Lehre beherrschte, nicht vollziehen. Die Muslime haben den artes-Kanon, der erst in der spätrömischen Zeit voll entwickelt und direkt tradiert worden ist, nicht rezipiert.
Für die wissenschaftliche Entwicklung erwiesen sich allerdings das bereits erwähnte und weiterhin bestehende Modell der Lehrer-und-Schüler-Gemeinschaft, die von Herrschern finanzierten Zentren – vor allem im Bereich der Astronomie und der sie flankierenden Bereiche wie Mathematik und Optik, wie sie in Maragha und in Sarmakand bestanden69 – und im medizinischen Bereich die Existenz bedeutender Spitäler, die den Charakter von Lehr-Kliniken hatten, von großer Bedeutung.
Erziehung (arab. tarbîya) bzw. die Bildung der Muslime wird sowohl vom Koran als auch von der Prophetentradition (Hadîth) ausdrücklich gefordert. Inhalte islam. Erziehung sind u. a. der Koran, der in frühem Lebensalter auswendig gelernt wird, die überlieferten Aussprüche und Taten des Propheten (Sunna), Recht, Theologie sowie die arab. Sprache, in der alle Grundtexte des Islams abgefaßt sind.“70
In der Blütezeit des 9. Jhs und danach scheint es bereits ein allgemeines Schulwesen gegeben zu haben. Erziehung und Ausbildung waren allerdings im Islam stets eng mit religiöser Erziehung gekoppelt. Dem entsprechend waren und sind heute noch Schulen vielfach als elementare Koranschulen oder auch als Lehranstalt für Studierende der islamischen Wissenschaften (Theologie, Recht und Philologie) an eine Moschee angeschlossen (sie führen die Bezeichnung Medrese) bzw. in enger Verbindung mit geistlichen Institutionen. Die Wohnzellen der Lehrer und Studierenden sind um einen rechteckigen offenen Hof zweigeschossig angelegt. Die ältesten Medresen entstanden in Amol, Nishapur und Bagdad.
Wie im Kapitel Universitäten auszuführen sein wird, wurde verschiedentlich die Auffassung geäußert, dass die Universitäten zuerst im muslimischen Bereich entstanden sein. Dies wird heute nicht mehr vertreten, wohl aber kann eine solche Priorität für Colleges behauptet werden, indem eben im Umfeld der Moscheen derartige Zentren entstanden. Vor allem in Kairo, wo während der Herrschaft der Fatimiden 971 an der al-Azhar-Moschee eine Bildungsinstitution gegründet wurde, für die heute ab 988 der Status einer Universität beansprucht wird und von der sich die seit dem Untergang der ersten derartigen Institutionen in Bagdad (Medrese Mustansirs in Bagdad 1234) im Mongolensturm im islamischen Raum Führungsanspruch erhebende al-Azhar-Universität ableitet; diese Institution war, wie im Islam üblich eine Anstalt für theologische, arabisch-philologische und rechtswissenschaftliche Studien zum besseren Verständnis des Korans. Gründer war ein jüdischer, zum Islam konvertierter Großwesir; die Anstalt, die unter der Leitung eines Scheichs steht, wurde ab 1961 reformiert und es wurden technische, pädagogische und medizinische Fakultäten eingerichtet und dann auch Frauen zugelassen; die Universität ist allerdings nur Muslimen zugänglich (2004 gab es 375.000 Studierende). Eine weitere bedeutende frühe Institution war die ab 862 an der Freitagsmoscheee Karaouyine in Fes (Marokko), die heute noch das wichtigste Bauwerk der Stadt ist, eingerichtete Medrese, die heute noch als Universität mit zwei Fakultäten besteht; hier hat Ibn Khaldun gelehrt.
Es darf nicht übersehen werden, dass der Horizont des islamischen Raums um 1300 einen gewaltigen geographischen Raum umfasste. Im Unterschied zu den abendländischen Universitäten sind die analogen Institutionen im muslimischen Raum unter geistlicher Führung und Zielsetzung geblieben.
Das traditionelle islamische Erziehungswesen lag bis zum 19. Jh nahezu ausschließlich in den Händen islamischer Gelehrter. Koranschulen bildeten die Grundlage religiös-islamischer Allgemeinbildung der Kinder, während höhere Bildung an Medresen oder Moschee-Universitäten wie der Azhar in Kairo, der Zaitûna in Tunis oder der Qarawîyîn in Fes vermittelt wurde. Unter dem Eindruck europäischer Fremdherrschaft und Überlegenheit kritisierten die Vertreter der Salafîya-Bewegung die Erstarrung der islamischen Lehre und sahen in einer Reform des Bildungswesens den Schlüssel zum Wiedererstarken muslimischer Gesellschaften. Sie unterhielten unabhängige Reformschulen, die islam. Bildungsideale mit modernen Unterrichtsmethoden und -inhalten zu verbinden wußten. Nach Wiedererlangung staatlicher Unabhängigkeit rückten traditionelle Erziehungskonzepte in den Hintergrund. Aufgrund enormer Anstrengungen im Bildungswesen, welche die staatliche Entwicklung fördern sollten, verfügen heute alle muslimischen Staaten über ein Bildungswesen, das sich stark an westlichen Vorbildern orientiert. Islamischer Religionsunterricht ist in allen muslimischen Staaten an staatlichen Schulen ein Pflichtfach. Traditionelle Institutionen bestehen zwar weiter, sind aber nicht mehr die Basis des allgemeinen Schulsystems. Nicht nur Absolventen reformierter islamischer Universitäten finden schwer eine angemessene Beschäftigung, auch Studienabgängern moderner Universitäten bietet der nationale Arbeitsmarkt nur geringe berufliche Perspektiven. Islamisten (Fundamentalisten) kritisieren die direkte Kontrolle des Staates hinsichtlich der vermittelten Lehrinhalte und bemühen sich, ein ihren Idealen entsprechendes Bildungswesen zu etablieren. Unter dem Eindruck dieser Kritik wird in den meisten muslimischen Staaten gegenwärtig islamischen Erziehungsidealen wieder ein breiterer Raum im Erziehungswesen eingeräumt“.71
1.3.4 Schulen im europäischen Früh- und Hochmittelalter – Klosterschulen und Domschulen
Neben den paganen Schulen entstanden im christlichen Bereich ab etwa 500 – alter Tradition zufolge auf Cassiodor und auf Benedikt von Nursia zurückgeführt – an den sich entwickelnden Klöstern Schulen, die ursprünglich nur der Unterrichtung der Klosterinsassen (den pueri oblati) dienten. Als Ausbildungsgrundlage dienten die septem artes, auf die dann das Bibelstudium folgte. Eine Ausweitung erfolgte im fränkischen Reich unter Karl dem Großen bzw. durch Benedikt von Aniane. Damals begann man zwischen scholae exteriores, die auch für solche zugänglich waren, die Laien bleiben wollten, und den scholae interiores für künftige Mönche zu unterscheiden. Die ältesten deutschen Klosterschulen, die ihren Höhepunkt in ottonischer und salischer Zeit erreichten, waren Reichenau, St. Gallen, Fulda, Kremsmünster, Melk, St. Florian, Corvey, Hirsau, Prüm und Hersfeld. Die Öffnung nach außen wurde allerdings in Zusammenhang mit den Klosterreformen im 11. Jh wieder zurückgenommen, sodaß die Wirksamkeit der Klosterschulen abnahm. Daran änderte nichts, dass die neuen Orden – Dominikaner, Franziskaner u.a. –die von den Benediktinern entwickelte Tradition fortgeführt und ausgebaut haben, sodaß bedeutende „Hausstudien“ entstanden, die hinsichtlich der Lehrinhalte auch höhere Ausbildungsebenen aufbauten, denn sie waren wieder nur Ordensmitgliedern zugänglich.
In der karolingischen Zeit entstanden auf Weisung Karls dG im Jahre 789 neben den Klosterschulen Ausbildungsanstalten an Bischofssitzen: die Dom- oder Kathedralschulen, deren Organisation auf der Synode von Aachen 802 verpflichtend vorgeschrieben wurde; sie waren generell auch für Laien zugänglich und wurden bald zu bedeutenden Zentren, die die Klosterschulen ablösten. Die Entwicklung der Universitäten steht mitunter in Zusammenhang mit der Existenz von derartigen Kathedralschulen.
Aus dem Umstand, dass die Kathedralschulen dem Bischof unterstanden und kirchliche Institutionen waren, resultierte, dass ursprünglich potestas docendi, aus der dann im weiteren die licentia oder venia docendi an den Universitäten hervorgeht, vom Bischof verliehen wurde und nicht wenige Äußerlichkeiten der Universität dem kirchlichen Bereich entlehnt sind.
Von kaum zu überschätzender Bedeutung ist der Umstand, dass sowohl an den Kloster- als auch an den Kathedralschulen der Kanon der septem artes den Grundstock der Ausbildung darstellte, auf dem das gesamte abendländische Bildungswesen aufbaut.
Ab dem 8. Jh entstehen neben den Klosterschulen auch Domschulen – sie können in gewisser Hinsicht als Vorläufer der Universitäten betrachtet werden.
1.4 Die Universitäten
Der Lehrer muß alles, was er sagt, vor den Zuhörern entstehen lassen; er muß nicht erzählen, was er weiß, sondern sein eigenes Erkennen, die Tat selbst, reproduzieren, damit sie nicht etwa nur Kenntnisse sammeln, sondern die Tätigkeit der Vernunft im Hervorbringen der Erkenntnis unmittelbar anschauen und anschauend nachbilden.
Schleiermacher, Gelegentliche Gedanken über Universitäten im deutschen Sinn. Nebst einem Anhang über eine neu zu errichtendee, Berlin 1808, 63 (nach Rüegg 3/ Rüegg 33)
Im Unterschied zu den Akademien und zu den Lyzeen haben die Universitäten keinen namensgebenden Vorläufer im Altertum. Sie sind als die ersten Forschungs- und Lehreinrichtungen zu betrachten, die akademische Grade verliehen, die sich allgemein durchsetzten und bis heute fortgeführt werden – die Titel Bakkalaureus, Magister und Doktor sind aus der Frühzeit der Universitäten überliefert.
Die Ausführungen über die Universitäten bauen wesentlich auf der von der Europäischen Rektorenkonferenz getragenen und im Erscheinen begriffenen vierbändigen Geschichte der Universität in Europa auf, deren Zustandekommen ein enormes Verdienst ihres Herausgebers Walter Rüegg ist72.
1.4.1 Die Frühzeit
Anfänge
Über die Anfänge der Universitäten weiß man eigentlich im Grunde genommen nahezu nichts. Ein „Gründungsdatum“ von Bologna ist ebenso unbekannt wie für Paris oder Oxford – das Jahr 1088 als Gründungsdatums Bolognas wurde erst 1886/87 von einem dazu berufenen Komitee willkürlich festgestellt, um ein Jubiläum feiern zu können – es gibt kein Ereignis des Jahres 1088 in der Geschichte Bolognas.
Eine andere Frage ist, was man als konstituierendes Element einer Universität bezeichnet – auch diesbezüglich können ganz unterschiedliche Vorstellungen entwickelt werden.
Es gibt nicht wenige Spezialisten, die dazu neigen, die „Erfindung“ der Universitäten überhaupt den „Arabern“ zuzuschreiben73, was allerdings nicht haltbar ist, wohl aber für die Colleges gelten mag, ohne dass deshalb eine bewusste, direkte Übernahme stattgefunden habe.
Man kann hinsichtlich des Entstehens der Universitäten um die Mitte des 12. Jhs (das ist unbestritten) drei Theorien ausmachen:
eine Traditionstheorie, die die Ansicht vertritt, die Universitäten hätten sich aus den im arabisch-orientalischen Raum, in Byzanz und im christlichen Abendland zuvor herangebildeten Institutionen entwickelt,
eine „Intellekt-Theorie“, die die Intensivierung wissenschaftlichen Interesses für den auslösenden Faktor hält, und
eine „Sozialtheorie“, die in der neuen Form des Zusammelebens und gemeinsamen Arbeitens das auslösende Element sieht.
Vermutlich haben alle diese Elemente zusammengespielt und man geht heute keiner dieser Theorien im speziellen nach – Walter Rüegg formuliert diesbezüglich: „Dies sind allerdings nur Annahmen, еine schlüssige Begründung, warum in London gar keine, in Rom 1303, Köln 1388 und Mainz 1476 später als in Bologna, Oxford, Montpellier, Salamanca Universitäten entstanden, kann – wenn überhaupt – erst die Aufarbeitung weiterer Quellen erbringen"74.
Universitäten entstanden offensichtlich in sehr komplexen und hochspezifischen Situationen – Angebot und Nachfrage von Wissen, Gegebensein spezieller sozialer Gefüge und Zwänge. Von Anbeginn an formen die Universität, „ohne es eigentlich zu wollen“, den neuen akademischen Stand und verändern das gesamte Gefüge der Gesellschaft, machen es reicher und komplizierter"75. Ausschlaggebend für die Gründung als solche ist oft der ungesicherte Status der zu Lehre und Lernen vereinten Magister und Scholaren innerhalb größerer sozialer und rechtlicher Gefüge, nicht unbedingt das wissenschaftliche Streben – die äußeren Umstände erfordern die Definierung äußerer Formen, d.h. die Definierung einer bestimmten universitas zum Zwecke der Realisierung des eigentlich interessierenden Zwecks; dabei haben sicherlich auch Anlehnungen an die existierenden genossenschaftlichen und zunftmäßigen Organisationen eine Rolle gespielt. Der Begriff „universitas“ ist ursprünglich leer, wird aber relativ rasch mit der Bedeutung gelegt, die man auch mit „studium generale“ und auch mit „academia“ umschrieb, was einen überterriteritorialen, überregionalen Charakter beansprucht.
Die ersten Universitäten können als solche „ex consuetudine“, also kraft Gewohnheitsrecht existierend, die weiteren als „ex privilegiis“ existierend bezeichnet werden, also als bewusst gegründete und privilegierte Institutionen. (Gründungsliste der Universitäten)
Diffus war der Übergang zwischen Schulen und Universitäten. Es gibt Schulen, die in ihrer Kompetenz die Artesfakultäten übertreffen und höchst angesehen sind, deren Besuch sich also für die jungen Leute eher lohnen mochte als der einer Universität (Humanistenschule in Schlettstadt im Elsaß, Erfurt in Thüringen, Kathedral- und Stiftsschulen in Exeter und Winchester, Reims und Soissons, Deventer in den Niederlanden (Brüder vom gemeinsamen Leben), ähnlich in Spanien und in Italien. Echte Alternativen waren für manche Bereiche außerdem die Generalstudien der Orden.
Ein konstituierender Vorteil der Universitäten lag in der Erteilung akademischer Grade und der licentia docendi, der Lehrbefugnis.
Im 13. Jh kam es nach der Konsolidierung der ersten Universitäten zu einer rapiden Zunahme von willentlichen Universitätsgründungen: Padua 1222, Neapel 1224, Rechtsschulen in Orleans und Angers, Cambridge 1209, Salamanca, Valladolid, Siena, Oxford, Merton College76. Bezüglich der beiden englischen Universitäten ist zu bemerken, dass sie sehr rasch in Colleges zerfielen, die de facto mehr Bedeutung erlangen als das Ganze, obgleich die akademischen Grade nicht vom College, sondern stets von der Gesamtuniversität vergeben werden77.
Universitätstypen
Die frühen Universitäten sind wesentlich Personenverbände, die in einer bestimmten Stadt dem Studium oblagen. Der Personenverband wird als solcher näher definiert: universitas scholarium, universitas magistrorum et scholarium oder nur universitas magistrorum. Im Wesentlichen sind zwei Haupttypen zu unterscheiden:
1 Die Magister-Universitäten, wie sie typisch in Paris und Oxford:sich entwickelten und an denen nur Magister Vollmitglieder waren, die die autonomen Rechte des Personenverbandes genossen; es handelt sich im Idealfall um Universitäten mit vier Fakultäten78 und es bestehen Studenten-Nationen, die sich über alle Fakultäten hin erstrecken. – Die meisten kontinentaleuorpäischen Universitäten im Norden folgten dem Pariser Modell – so auch Wien. An nicht wenigen deutschen Universitäten wurde ein studentischer Rektor gewählt, der eher zeremoniellen Charakters war, häufig ein junger hoher Adeliger oder ein Prinz; während die eigentlichen Amtsgeschäfte durch einen Vizerektor geführt wurden, der oft auf Lebenszeit amtierte. Daraus resultierte später auch, daß der regierende Landesherr eo ipso Rektor seiner Landesuniversität war und diese de facto von einem Vizerektor geführt wurde (z.B. Heidelberg).
2 Die Studenten-Universitäten, wie sie sich in Italien (Bologna, Padua etc.) ausformten, an denen nur die Studierenden die Universität bildeten, die die Professoren besoldeten und anstellten (freilich bildeten sich hier bald Dokorenkollegien der Professoren). Als Überbegriff wird häufig der des studium generale verwendet, das aus eine Fülle von universitates (für die einzelnen Fachgebiete) besteht (universitas legistarum, universitas artistarum et medicorum); dabei meint universitas die studentische Gemeinschaft, die ihrerseits zugleich in eine universitas citramontanorum (=Italiener) und eine universitas ultramontanorum (= Nichtitaliener) gegliedert erscheint79.
Einen Mischtypus gab es in Südfrankreich, wo die Studierenden sich gewisse Ämter sicherten (Rektor, Rat etc.). Auch gab es die Möglichkeit, daß sich eine Fakultät im heutigen Sinne als eigene Universität begriff und gewissermaßen separierte (so 1372-1415 die Rechtsfakultät in Prag).
Manche Universitäten zerfielen studierendenbezogen in Nationen (bis zu 20, meist geographisch und nicht ethnisch bestimmt), andere wieder fachbezogen in Fakultäten (wobei es z.B. in Toulouse eine Grammatik-Fakultät neben der der Artes gab!). Andere Universitäten waren überhaupt auf nur ein Fach ausgerichtet und bedurften deshalb keiner Fakultätsgliederung: Bologna (nur Juristen), Padua, Montpellier (nur Medizin).
1.4.1.1 Die licentia ubique docendi
Die von den Päpsten privilegierten studia generalia erteilen die licentia ubique docendi, die Befugnis, an jedem Studium generale lehren zu dürfen (nicht nur an jenem, an dem man sie erworben hatte). Ihre Bedeutung ist zuerst von Papst Alexander III erfaßt worden, der in Frankreich die florierenden Kathedralschulen erlebt, aber auch gesehen hatte, daß die licentia docendi dort nur gegen die Entrichtung einer Gebühr verliehen wurde. Als Papst erließ er in einem Dekretale, daß die licentia an alle Geeigneten kostenlos und ohne Auflage zu erteilen sei, da das Wissen nicht Gegenstand von Schacher sein könne. 1173 und 1179 auf dem III. Laterankonzil neuerlich hat er dies festgelegt: es bedürfe lediglich der Zustimmung der maior et sanior pars des Kollegiums; damit bewahrte er die licentia davor, bewahrt sie damit davor, zur Pfründe zu verkommen. Weiters verfügte er, dass die Lehrenden durch Benefizien für ihre Mühe entschädigt werden sollten, womit ein wesentliches Finanzierungsmodell geschaffen wurde, das zugleich der Kirche enormen Einfluss sicherte. Durch diese Maßnahmen und durch seine Unterstützung des Zugangs fähiger (und nicht nur reicher) Studenten zu den Studien, indem er auf Leistung setzte, hat Papst Alexander III. wesentlich die Grundlage der Studien in Paris und damit allgemein im Mittelalter gelegt. Die Kostenlosigkeit der Lehre bleibt bis in die Neuzeit hinein wesentliches Element des kirchlichen Unterrichts (z.B. an den Jesuitenuniversitäten).
Die licentia ubique docendi, auch als venia docendi bezeichnet, erweist sich als ganz wesentliches Element, indem sie der Universität eine universale, die gesamte universitas scholarum umfassende Aufgabe und Verpflichtung zuweist. Diese Bedeutung hat auch nicht zu mindern vermocht, dass die Regelung immer wieder durchbrochen wurde, um die Bedeutung der eigenen Institution zu heben und abzusichern bzw. wenn später Stifter sie nicht gewährten, um Lehrende an die eigene Universität zu binden.
Mit der licentia sind die ursprünglich gleichwertigen Titel magister, licentiatus, doctor, professor verknüpft, die – schon vor der Existenz der Universitäten – nichts anderes ausdrückten, als daß ihr Träger die vollkommene Meisterschaft in einem bestimmten Wissensgebiet erlangt habe80. Erst später – im 15. Jh – kommt es zur Differenzierung dahingehend, daß das Magisterium auf die Artesfakultät beschränkt und das Doktorat den höheren Fakultäten vorbehalten blieb, womit man zuerst das Magisterium erlangen mußte, ehe man das Doktorat erwerben konnte. Der Begriff licentiatus hingegen ist abgesunken unter das Magisterium, konnte aber ebenso wie das Bakkalaureat81 an allen Fakultäten erworben werden.
1.4.1.2 Privilegierungen
Von Beginn an erfuhren die Universitäten Privilegierungen, die gewissermaßen ihre Rechtmäßigkeit, ihre Anerkennung sicherten.
Diese Privilegierungen erfolgten einerseits durch den Papst, und zwar letztlich auf der Grundlage der bischöflichen Oberaufsicht über die Lehre im zuvor praktisch gänzlich der Kirche eingegliederten Bildungswesen. Der Bischof hat die potestas magisterii inne, der Papst als Bischof von Rom und Oberhaupt der Kirche nimmt diese Potestas in universaler Hinsicht wahr; sie bleibt bezüglich der (katholisch)-theologischen Fakultäten bei ihm bis zur Gegenwart; hinsichtlich der weltlichen Fakultäten zieht die weltliche Macht – Kaiser, dann Landesfürst – die konstituierende Privilegierung an sich.
Andererseits erfolgen sehr früh Privilegierungen durch den Kaiser. Grundlegend war das Privileg „Authentica Habita“ Friedrichs I., konkret für Bologna 1155/115882, aber nicht nur für diese Universität. Sehr bald folgten 1180 und 1186 Kolleggründungen für Studierende zur Behebung der Wohnungsnot durch Ludwig VII. von Frankreich (1131/37-1180) und seinen Nachfolger Philipp II. August (1180-1223). In diesem Zusammenhang ist wesentlich, daß der Student definitionsgemäß als ein (schutzloser) Fremder begriffen wurde – in Bologna gehörten einheimische Studierende nicht zur Universität, da sie ja ihre Rechte und Freiheiten als Mitglieder der Kommune beanspruchen konnten!
Bis in die Neuzeit strebten die Universitäten die Bestätigung ihrer Errichtung durch den jeweiligen Landesherrn (bzw. wurden schließlich von diesem überhaupt errichtet) und – in den katholischen Ländern – durch den Papst an, wenngleich die päpstliche Bestätigung mehr und mehr an Bedeutung verlor.
Wahrnehmung der Universitäten durch das Papsttum bzw. die Kirche
Wesentliche Rolle des Papstes; die Päpste waren interessiert an:
1- Sicherung einer rational einsichtigen Doktrin im Wirrwarr der unterschiedlichen Lehren verschiedener Richtungen und vor allem im Kapf gegen die Häresie,
2- Stärkung der päpstlichen-Zentralgewalt gegenüber weltlichen Machtansprüchen und regionalen feudalen Interessen
3- Rekrutierung der für 1 und 2 erforderlichen Kader.
Die Kirche hatte schon im 12. Jh die Bedeutung rationaler Verfahren, wissenschaftlicher Bildung für die Lösung dogmatischer und rechtlicher Probleme im Interesse einer kohärenten Kirchenpolitik erkannt. Wissenschaftlich Ausgebildete waren Päpste geworden, so zwei Schüler Abaelards83, und Alexander III. (1159-1181) wird nicht erst heute als der erste Juristenpapst angesehen, der eine neue Epoche der Geschichte des Papsttums eingeleitet hat; ihm kommt, wie bereits erwähnt, hinsichtlich der Universitäten enorme Bedeutung zu.
Innozenz III. (1198-1216) setzte die Politik Papst Alexanders III fort, weitet und festigt Privilegien u.a. um die licentia. Honorius III. führt dies fort, als er sogar die vom Bischog von Paris über die Universität verhängte Exkommunikation aufhebt und die Angehörigen der Universität als seine „tamquam filios speciales" unter persönlichen Schutz nimmt; außerdem gestattet er – was außerordentlich wichtig ist –, daß im Zusammenhang mit Studien die Einkünfte von Pfründen auch außerhalb des eigentlichen Bestimmungsortes verwendet werden dürfen, d.h. er hebt die stabilitas loci auf, gestattet die Absenz vom Pfründenort. Im 13. Jh setzt sich überhaupt der Prozeß der Professionalisierung in der Kirche immer intensiver fort.
Ganz besonders hat Papst Gregor IX. (1227-1241) die licentia ubique docendi, das regere ubique, gefördert, ganz speziell am Fall der von ihm protegierten Universität Toulouse; energischer Widerstand der Universität Paris zwingt ihn allerdings später, anzuerkennen, daß die diesbezüglichen Rechte von Paris unberührt bleiben sollten.
Als Friedrich II. seine Gründung Neapel forciert und dort der geistlichen Macht jegliche Beteiligung versagt, beginnt das Papsttum – Gregor IX., Innozenz IV. (1243-1254) – sich um die Gründung neuer Universitäten außerhalb des kaiserlichen Einflussbereiches zu bemühen. In einer Reihe von Privilegierungen erhalten einzelne Universitäten durch den Papst die Verleihung der libertas ubique docendi privilegiert84 und 1303 wird durch Bonifaz VIII (1295-1303) in Anagni der Beschluß zur Gründung eines Studium generale in Rom gefasst, und trotz der Intensivierung der weltlichen Bemühungen um die Universität und trotz des Niederganges der Position der Kurie hält das päpstliche Interesse an den Universitäten im 14. Jh weiterhin an: es werden Titel als Studia generalia verliehen und die Errichtung bzw. der Ausbau Theologischer Fakultäten betrieben (Padua, Toulouse, Florenz, Bologna), drei Fürsten wird für ihre Universitäten zwar ein Studium generale und die Licentia ubique docendi anerkannt, nicht aber eine Theologische Fakultät85. Urban V. bemühte sich als strikter Anhänger des Thomismus den Ockhamismus in Paris zu schwächen und die kirchliche Position bei der Erteilung der akademischen Grade zu stärken. Das Schisma von 1378 führt zur Spaltung des Lehrkörpers der Universität Paris, zum Exodus eines Teiles der Lehrenden z.T. nach Wien und zur Entwicklung des Konzilsgedankens in Paris. Insgesamt hat das Papsttum im 12. und 13. Jh energisch die universitären Formen anerkannt und mit dem Ziel der Reformierung gefördert und im 14. Jh eine zunehmend aktive Politik verfolgt.
An französischen Studien wie Reims, Orange, Montpellier, Orleans bestimmte der Bischof zur Wahrnehmung seiner bischöflichen Gerichtsbarkeit ein Mitglied des Kapitels zur Wahrnehmung diverser universitärer Verpflichtungen in seiner Vertretung – häufig wurde der Kanzler dazu bestimmt, weshalb die französischen und englischen Universitäten auch als „Kanzler-Universitäten“ bezeichnet werden und woher auch der heutige Begriff „Universitätskanzler“ rührt. Der Kanzler vergab im Namen des Bischofs die licentia docendi. An den englischen Universitäten kam es hingegen um 1300 dazu, daß die Professoren ihrerseits den Kanzler als Vertreter des Bischofs wählten – er mußte lediglich Doktor der Theologie sein und der Theologischen Fakultät angehören. Damit wurde der Kanzler an den englischen Universitäten ein intern eingesetzter Amtsträger, der auch seine Befugnisse nicht an einen Rektor weitergab und damit schließlich abtrat (wie im französischen Bereich), sondern allenfalls an einen Vicechancellor, der gegen 1500 hin der eigentliche Leiter einer englischen Universität wird. Das Gericht des Kanzlers bzw. des Vicechancellors erstreckte sich im 14. Jh schon auf alle Prozesse, an denen irgendein Kleriker beteiligt war, dadurch beherrschte das als universitär angesehene Gericht praktisch die Stadt Oxford.
Wahrnehmung der Universitäten durch weltliche politische Mächte
Im 13. Jh bereits suchte auch der Kaiser, das Phänomen Universität seinerseits zu nützen: Friedrich II gründet 1224 eine Universität in Neapel und sucht Bologna aufzulösen, um Neapel zur führenden Rechtsuniversität zu machen. Neapel erhielt alle Privilegien, aber alles auf rein weltlicher Ebene, und wurde damit zur ersten echten Staatsuniversität – der allgemeinen Entwicklung um Jahrhunderte voraus. Die Universität Neapel ging allerdings nach wenigen Jahren ein, Bologna arbeitete weiter; eine unbeabsichtigte Folge der Bemühungen Friedrichs II. war aber, daß die Kirche ihrerseits ihre Bemühungen um die Universitäten intensivierte (s.o.).
Die englischen Könige haben im 13. Jh die Universitäten Oxford und Cambridge tatkräftig durch Privilegien unterstützt: hinsichtlich der akademische Gerichtsbarkeit, aber auch der Aufsicht über den Lebensmittelhandel in Oxford, die dem Kanzler der Universität übertragen wird. Diese beiden Universitäten haben es ihrerseits bis in das 19. Jh verstanden, weitere konkurrierende Universitätsgründungen in England zu verhindern.
Die Universitäten werden auch als ökonomische Faktoren im Gefüge von Städten erkannt und gefördert. Vor allem Handelsstädte erkannten ähnlich wie das französische Königtum sehr früh den Bedarf an Juristen, die Probleme zu lösen vermögen, die mit Hilfe des Gewohnheitsrechtes nicht mehr behandelt werden können – z.B. Bologna. In Basel kommt es 1432 zur Gründung einer Konzilsuniversität.Vor allem in Italien besoldeten vielfach die Städte die Professoren und nahmen damit Einfluss auf die Studenten-Universitäten. Ähnlich verhielt es sich in Kastilien und in Leon.
Im 14. Jh kommt es zu einer Intensivierung der weltlich-staatlichen Universitätspolitik. Philipp der Schöne greift in die inneren Rechte der Universität Paris ein, wobei er Vorstellungen realisiert, die seine Hofjuristen und die Rechtsschule in Orleans entwickelt haben. Ähnliches geschieht in Aragon und auch in italienischen Städten, die sich im Wege der Kommunalverwaltung um die Berufung berühmter Professoren zu kümmern beginnen.
Wirkliche Eigenständigkeit im weltlichen Bereich begannt Karl IV zu entwickeln, der 1347 die Universität Prag gründet und ab seiner Kaiserkrönung 1355 auch anderen Städten Studia generalia bewilligt: Pavia, Florenz, Lucca und Orange, wobei seine diesbezüglichen Diplome jenen der Päpste nachgebildet sind.
Als es in England 1355 zu einem schweren Massaker der Bürger von Oxford an Studenten kommt; unterstellt der König (ähnlich wie viel früher schon Honorius III.)die Universität seinem Schutz, bestätigt und ergänzt ihre alten Rechte durch eine neue Regia Carta vom 27. Juni 1355 und verurteilt die Stadt zu schweren Bußen gegenüber der Universität.
In England und dann auch in Frankreich steigt die Einsatzrate von Akademikern in der zentralen königlichen Verwaltung rasch an. In Deutschland hingegen bestand in der adeligen Führungsschicht kein sonderliches Interesse; hier war das Auslesekriterium Adel offensichtlich noch wichtiger als die sachliche Autorität von Bewerbern für diverse Ämter.
Die de facto Entwicklung der Universitäten hing natürlich stets von der Unterstützung durch die lokalen weltlichen Machthaber ab. Blieb diese aus, so vermochten die schönsten Privilegien nichts, wenn sich niemand um sie kümmerte.
Die Landesuniversität
Im 14., mehr noch im 15. Jh beginnt sich der Typus der Landesuniversität zu entwickeln. Die einzelnen Landesherren (nicht nur, aber vor allem im Reich) streben darnach, für die von ihnen beherrschten Gebiete eigene, von Papst (und im Reich natürlich auch vom Kaiser) privilegierte, im wesentlichen aber ihnen direkt unterstellte Universitäten zur Verfügung zu haben. Klassisches Beispiel ist die Wiederbelebung der Universität Neapel durch die Könige von Aragon: die starke Position der Zentralgewalt und der Stadt läßt den bischöflichen Kanzler, den Lehrkörper wie die Studenten praktisch zur Bedeutungslosigkeit absinken, es handelt sich um eine staatliche Ausbildungsanstalt geradezu im Sinne der Aufklärung. Ein weiteres typisches Beispiel ist die Universität Wien (1365). Beschleunigt wurde die Entwicklung hin zur Landesuniversität auch durch das Schisma von 1378, durch das universalistische Vorstellungen insgesamt in den Hintergrund zu treten beginnen.
Auf Grund der spezifischen Situation in Italien vermögen die dortigen städtischen Universitäten ihre relativ eigenständige Position und ihre Qualität zu erhalten: auf Grund der Kleinräumigkeit gibt es viele „ausländische“ Studierende, denen man bestmögliche Bedingungen bieten will, was wiederum eine starke Konkurrenzierung um die besten Professoren zur Folge hat, denen hohe Gehälter bezahlt werden und die dafür auch sorgfältig beaufsichtigt werden, aber dennoch häufig zwischen den Universität wechseln; so entwickelt sich ein bereits sehr kompetives und effizientes System.
1.4.1.3 Ausbildungsziele – Universalistischer Anspruch
Die Ausbildung wurde anfangs wesentlich von Mitgliedern kirchlicher Orden, insbesondere der Reformorden Dominikaner und Franziskaner getragen, und das im Sinne des aristotelischen Thomismus, der ja offizielle Lehrauffssung der katholischen Kirche wurde und mit dem Aufkommen des Nominalismus als via antiqua gegenüber der William von Ockham folgenden via moderna bezeichnet wurde.
Die Studierenden, anfangs fast durchweg Kleriker in einem weiteren Sinne, erhofften sich primär die Anwartschaft auf eine geistliche Pfründe und dann eine Position im sich auf den verschiedenen Ebenen herausbildenden Verwaltungswesen. Im 15. Jh nimmt dann die Zahl der – schon im 14. Jh vorhandenen – Laienstudenten zu; sie erhoffen sich höhere Ämter durch bessere Qualifikation.
Die Universität bilden aber dennoch – von ihrer Intention her – ausschließlich in Hinblick auf künftige Universitätslehrer aus. Das Bakkalaureat gestattet lediglich, in einem bestimmten Gebiet die Kunst des Lehrens unter Aufsicht eines Magisters zu üben. Die (ursprünglich gleichwertigen) Grade eines Magisters und eine Doktors gewähren die licentia ubique docendi, mit der die Verpflichtung verbunden ist, zuerst zumindest einmal zwei Jahre an der Universität zu lehren, an der man die licentia erworben hat86. Der Inhaber des Grades tritt in die Gruppe der Magistri oder Doctores87 ein und genießt die ihnen seitens der Gesellschaft zugebilligten Privilegien, hat aber keine Beraufsausbildung – das Doktorat der Theologie ist für das Priesteramt keine Voraussetzung, das der Rechte nicht für das Richteramt; ein Richter hat zwar das Studium der Rechte nachzuweisen, lange aber nicht in einem universitären Sinne durch einen akademischen Grad, sondern durch den Nachweis des Besitzes der wichtigsten Rechtsbücher. Erst im Übergang vom 14. zum 15. Jh beginnt das Studium mit dem akademischen Grad für die Erlangung bestimmter Positionen unabdingbar zu werden, das Doktordiplom beginnt einem Adelstitel gleichzukommen.
Für die Universitäten war es aber von grundlegender Bedeutung, daß sie die wissenschaftliche Bildung um ihrer selbst willen vertraten (die aristotelische bios theoretikos des berühmt-berüchtigten Elfenbeinturms), wie dies Walter Rüegg formuliert hat: "Daß die ihre latente Funktion, die Bereitstellung professioneller Kader und Fertigkeiten für das praktische Leben, bios praktikos, auf eine derartige Nachfrage stieß, spricht nicht gegen, sondern für die gesellschaftsliche Relevanz des reinen Erkenntnisstrebens, des amor sciendi. Als bloße Korporationen zum Schutze materieller Interessen und Freiheiten, hätte die Universität das Schicksal anderer mittelalterlicher Institutionen geteilt und wäre längst untergegangen. Erst die gemeinsame Verantwortung für die Organisation und Kontrolle des systematischen Erkenntnisstrebens, des Studiums, gaben den Freiheiten und Privilegien der Scholaren und Magister einen Sinn, der ihre unmittelbaren Interessen überstieg und so der Autonomie der Universität auf ihrem ureigenesten Gebiet, der wissenschaftlichen Lehre und Forschung, Dauer verlieh"88
Eine für die Entwicklung der Universitäten wichtige Zäsur war der Ausbruch des Großen Schismas 1378, der das definitive Ende der Einheit des Glaubens in Europa bedeutet und das Zurücktreten der universalistischen Vorstellungen gegenüber dem Aufkommen nationaler Identitäten bewirkte. Damit beginnt auch der universalistische Anspruch der Universitäten an Boden zu verlieren, und ihre Zahl beginnt rasch anzuwachsen89.
1.4.1.4 Innere Struktur: Gliederung, Ämter und Kollegien, Colleges, Professoren, Studenten, andere Universitätsangehörige
Fakultäten
Der Begriff facultas, aus dem unsere Bezeichnung Fakultäten abgeleitet ist, bezeichnet im Lateinischen eigentlich die Befähigung, die Anlage, das Vermögen zu etwas (worauf der heutige Gebrauch für eine Personengruppe gleicher Befähigung im Englischen, im Sinne von „Gruppe der Befähigten“, zurückgeht) und im übertragenen Sinne dann eben jenes Fachgebiet, auf das sich jenes Vermögen bezieht.
Die Universitäten bauen im Grunde genommen in klassischer Weise auf den septem artes auf, deren Vertretung auch die Basis-Fakultät (bis in das 18./19. Jh propädeutischen Charakters) bildet; Theologie und Jurisprudenz konnten als Teile der Philosophie (Metaphysik und Praktische Philosophie) verstanden werden. Von allen artes mechanicae oder illiterales gelang es nur der Medizin, auf Fakultätsebene in den universitären Kanon einzudringen; dies geschah via facti, einmal weil bereits spezifische Medizinschulen existierten und auch Versuche unternommen wurden, die Medizin als ars liberalis oder sogar über den artes liberales diesen stehend zu dokumentieren – Dominicus Gundissalinus erklärte um 1150, dass es in allen Wissenschaftsbereichen theoretische und praktische Aspekte gebe, die Medizin befasse sich mit dem Menschen als dem Gipfel der Natur und deshalb stehe sie über allen artes liberales soweit sie sich mit der Natur beschäftigten; dies setzte sich nicht durch, zumal Thomas von Aquin in Anlehung an Martianus Capella in seinem Kommentar zu des Boethius „De Trinitate“ formulierte, die mechanischen Wissenschaften hätten nicht Erkenntnis, sondern praktischen Nutzen zum Ziel; die Medizin befasse sich mit dem unfreien irdischen Leib des Menschen und sei deshalb nur eine ars servilis. – Für die Beibehaltung der Medizin im universitären Verband und das Ausblenden der anderen artes mechanicae wie etwa der Architektur und der Agrikultur, gibt es keine plausiblen Gründe, sie ist via facti geschehen bzw. akzeptiert worden.
Die Universitäten setzten aus Fakultäten zusammen, die anfangs sicherlich einen stärkeren Zusammenhalt hatten als das Ganze. Aus der grundlegenden Funktion der septem artes resultierte, daß sie von allen studiert werden mußten und deshalb eine propädeutische Funktion hatten, die zu einer „unteren“ Fakultät machten, das heißt einer den im Studiengang nachfolgenden und deshalb „höheren“ Fakultäten Theologie, Jurisprudenz (lange ein Studium utriusque iuris, also des weltlichen wie des kanonischen = kirchlichen Rechtes) und Medizin nachgereihten Fakultät machten, woraus das „klassische Vierfakultätenmodell“ entsteht, wobei die Artes-Fakultät über die „Philosophischen Studien“ des 17.-18. Jhs zur Philosophischen Fakultät wird, die erst spät ihren propädeutischen Charakter verliert – in Österreich erst mit den Reform von 1848ff.
Ämter und Kollegialorgane
Rektor
Er wird im Modell Bologna aus den Studenten, im Modell Paris aus den Magistern gewählt (ursprünglich wurde die von ihm auszuübende Funktion vom Bischof wahrgenommen). Seine Aufgaben sind die Leitung der Verwaltung, die Durchführung der in Kollegien gefassten Beschlüsse, die Führung des Siegels, d.h. die Vertretung der Universität nach außen, und die Aufrechterhaltung von Ordnung und Disziplin, wozu er den Vorsitz im Universitätsgericht führt, dem die Studierenden, die Professoren und deren Familien (samt Personal90), die Verwaltungsbeamten der Universität, die von ihr beschäftigten Schreiber, Illuminatoren, Buchhändler, Papier- und Pergamenthersteller unterstellt sind.
In Bologna gab es in der Frühzeit zeitweise zahlreiche Rektoren, die einander gegenseitig vertreten konnten. Der Rektor von Bologna hatte später den Vortritt gegenüber Erzbischöfen und Kardinälen und Papstlegaten, nicht aber gegenüber dem Bischof von Bologna! Rektor war normalerweise ein Kleriker, damit die Universität die Gerichtsbarkeit auch gegenüber Klerikern ausüben zu konnte.
In Paris wurde ursprünglich je ein Rektor aus den Magistern der vier Nationen der Artistenfakultät gewählt. 1249 beschloss man, einen Rektor der gesamten Artistenfakultät zu wählen, der auf Grund von deren Größe praktisch Rektor der Gesamtuniversität sein mußte. Bis 1300 dehnte sich seine Amtsgewalt tatsächlich auf alle Fakultäten aus, und er erlangt, indem der Kanzler als Stellvertreter des Bischofs nach und nach seine Amtsbefugnisse dem Rektor überträgt, schließlich auch dessen Funktion.
Es ist aber nicht außer Acht zu lassen, daß es unzählige Schattierungen und Variationen der beiden Grundmodelle an den einzelnen Universitäten bzw. im Laufe der Jahrhunderte gegeben hat.
Der Konvent, die Universitätsversammlung
Diesem Gremium gehörten je nach Statuten Studenten oder Magister an. Mit der Zeit werden die Geschäfte schließlich einem kleineren Gremium leitender Beamter überlassen.
In Bologna nahmen alle Studenten an der Universitätsversammlung teil, sie alle hatten ein Mitsprachrecht, die Entscheidungen fielen Ballotieren91. Die Statuten durften allerdings klugerweise nur einmal in 20 Jahren abgeändert werden. In Paris erfolgten Abstimmungen nach Fakultäten im Wege der Dekane, wobei ursprünglich nur einstimmige Beschlüsse Gültigkeit erlangten, ab 1350 bürgern sich auch Mehrheitsbeschlüsse ein. In Oxford gab es drei Konvente92.
Verwaltungsbeamte
Mit der Zeit bildete sich an allen Universitäten ein Gruppe von Verwaltungsbeamten heraus, die unter der Oberhoheit des Rektors bzw. der Dekane, die die Fakultäten leiteten, die Geschäfte führten. Erwähnt seinen hier der notarius und der bedellus.
1.4.1.5 Colleges
Kollegien – um Mißverständnisse zu vermeiden, sei im Folgenden der englische Begriff colleges verwendet – waren ursprünglich bescheidene fromme Stiftungen zur Unterbringung einer kleinen Zahl (einem collegium) von Studenten, oft arme Kleriker. Vorbilder dafür waren die Klöster der Bettelorden, die ab 1220 zur Unterbringung ihrer eigenen Studenten in Universitätsnähe gegründet wurden. Die Colleges waren auch gleich organisiert. Die Insassen (Kollegiaten) unterwerfen sich den im Kollegium geltenden Regeln93. Derartige Gründungen setzen zwar schon im 12. Jh ein, die Colleges im heutigen Sinne entstehen aber erst ab 125094.
Colleges sind mit Landbesitz, Renteneinkünften etc. ausgestattet; dazu kamen oft spezielle Privilegien für die Herstellung oder zollfreie Zufuhr von Lebensmitteln und Getränken hinzu. Die Kollegiaten erhalten freie Kost und Logis, oft auch noch ein wöchentliches Handgeld und mitunter sogar einen Zuschuß zur Kleidung bzw. zur akademischen Tracht. Die Verweildauer war stets limitiert, es gab aber zahlreiche Ausnahmen. Nach klösterlichem Vorbild regeln die Statuten den Tagesablauf.
Die französischen Colleges waren mehrheitlich bescheidener als die englischen; das größte war aber lange das College de Navarra in Paris (für 70 Studenten), erst 1379 zieht das New College in Oxford gleich. Im 14. Jh gab es dann auch Colleg-Gründungen an den südlichen Universitäten, darunter auch Gründungen von Magister-Colleges (collegium maius). Die Zahl der Kollegs im Süden bleibt vergleichsweise geringer, weil es an den dort häufigeren Rechts- und Medizinuniversitäten weniger Artisten, sondern eben weit mehr reichere Studenten der Rechte und der Medizin gab, die sich private Quartiere zu leisten vermochten und sich auch nicht den Regeln der Colleges unterwerfen wollten95.
Im 14. und 15. Jh beginnen die Colleges von der Beherbergung armer Studenten dazu überzugehen, als privilegierte Institutionen ihren Mitgliedern um den Preis einer gewissen Disziplin und Leistung besonders günstige Arbeitsbedingungen und Studienmöglichkeiten zu schaffen, um so die Elite anzuziehen. Es werden Gelder benützt, um Bibliotheken auszubauen und eigene Professoren am Colleg anzuheuern, so dass gewissermaßen eigene Lehranstalten entstehen, die nicht nur den Kollegiaten offenstehen, sondern allgemein, und deshalb die Fakultäten und ihr Lehrangebot im Universitätsgefüge zu verdrängen beginnen, die sich mehr und mehr auf die Verleihung der akademischen Grade zurückziehen. In England war der Student primär Mitglied eines College und erst durch dieses Angehöriger einer der beiden Universitäten (bis in das 19. Jh existierten in England nur Cambridge und Oxford).
Mitunter spezialisieren sich derartige Colleges auf spezielle Bereiche der Lehre und erreichen darin höchstes Niveau (z.B. das Merton College in Oxford im Bereich der Mathematik).
Das Kollegwesen strahlt auch auf andere Bereiche aus, es löst z.B. in England die Entwicklung der Public Schools (Winchester 1382, Eton 1440) aus, ähnliche Erscheinungen sind auch in Südfrankreich und in Spanien nachweisbar.
1.4.1.6 Äußere Zeichen
Von Anbeginn an führten die Universitäten eigene Siegel und Insignien wie Szepter, Amtsstäbe, Ring, Kette, Talare und Barette.
Die Talare entwickelten sich aus den Gewändern der Weltgeistlichen (ein großer Prozentsatz der Studenten bestand anfangs aus Weltgeistlichen), die im Verlauf der 14. Jhs einen besonderen, dann traditionsweise fortgeführten Schnitt erhielten. Standardgewand ist die Supertunica, das lange Kleid des Klerikers. Im 15. Jh kam dann weltlicher Modeeinfluss mit Schärpen, Schulterstücken, Baretten etc. hinzu und ab dem 16. Jh spezielle Farben für die Fakultäten96. besondere Auszeichnungen sind Pelze: Hermelin- oder Fehpelze. Die Rektoren treten im 15. Jh häufig schon in scharlachrot (heute noch in Prag) und häufiger noch in gold auf.
Parallel dazu entfalten sich heraldische Ausformungen an Gebäuden und materiellen Gegenständen, die Statuten- und Matrikelbücher werden prunkvoll gestaltet, auf sie werden wie auf die Bibel Eide abgelegt.
1.4.2 Akademische Grade – Magister- und Doktortitel, Baccalaureat, Licentiat
Der Titel eines Magisters – lat. Vorsteher, Lehrer – ist bereits im 12. Jh nachweisbar, und zwar meist für solche Personen, die eine Schule leiteten, sei es aus eigener Initiative oder mit Lizenz der Aufsichtsbehörde, z.B. des Vertreters des lokalen Bischofs. Magister nannnten sich auch jene, die länger studiert und von ihrem Lehrer eine mehr oder weniger förmliche Bestätigung ihres Wissensstandes erlangt hatten. Solche magistri traten bereits im 12. Jh in den Domkapiteln, an der Kurie, in fürstlichen Kanzleien auf.
Mit dem Aufkommen der Universitäten wird der Titel Magister seitens der Universitäten einer strengen Reglementierung und Monopolisierung unterworfen: der Kandidat, der ihn zu erwerben trachtet, meldet sich, sobald ihn sein Magister für examensreif hält, bei den Universitätsbehörden, beim Rektor und vor allem beim Kanzler, der die Erfüllung der formalen Kriterien überprüft (Vorliegen des Bakkalaureats, Absolvierung bestimmter Übungen, Vorlesungen etc.); es folgt das private oder rigorose Examen als eine Disputation über eine am Vortag ausgemachte Frage. Im Falle der positiven Absolvierung wird der Kandidat vom Kanzler zum Lizentiaten befördert, was lediglich die Bescheinigung des intellektuellen Niveaus bedeutet. Für die Erlangung des Lehramtes ist eine dritte Prüfung erforderlich: das examen publicum (auch „inceptio" genannt), ein eher zeremonieller Akt, der oft in einer Kirche stattfindet, bei dem ein Scheitern ausgeschlossen war und der in die Überreichung der Insignien mündete: Barett, Handschuhe, Buch. Anschließend tritt der Magister sein Amt an, indem eine Disputation mit Studenten über ein Thema seiner Wahl durchführt. Das examen publicum ist der eigentlich universitäre Akt, der Kanzler ist zwar anwesend, aber er agiert nicht mehr, er übt sein Recht der Graduierung nicht aus, es erfolgt nun die Aufnahme des neuen Magisters in den Kreis der Lehrenden.
Nur sehr wenige Studenten gelangten bis zum Lizentiat bzw. Magisterium. Nach Zahlen aus dem 15. Jh steht zu vermuten, daß 30-40 % das Bakkalaureat erlangten und weniger als 10 % das Magisterium. Die Gründe liegen in der langen Studiendauer und den sehr hohen Kosten für das Magisterium, die viele nicht tragen konnten; anderseits konnten sich viele Reiche das Magisterium auch erschwindeln, und es gab Universitäten, die akademische Grade auch schon nach wenigen Tagen der Anwesenheit am Universitätsort verliehen..
Die ursprünglich gültige Verpflichtung des neuen Magisters, nämlich zunächst einmal zwei Jahre an der Heimatuniversität zu lehren, bewirkte zwar eine ständige Erneuerung des Lehrkörpers, wurde aber als sehr lästig empfunden; sie wurde in der 1. H. des 15. Jhs wohl allgemein aufgegeben, sicherlich jedenfalls in Paris. Einersets wollten die neuen Magistri hinaus in die Welt oder eine Stellung annehmen und andererseits waren die ortsansässigen, eingeführten und dominierenden, oft auch stipendierten (besoldeten) Magister (magistri regentes) keine Nebenbuhler.
Das Doktorat war jener akademische Grad, der zwar ursprünglich identisch war mit dem Magisterium, der aber im 15. Jh vermehrt und dann zeitweise ausschließlich an den höheren Fakultäten verliehen wurde, sodaß das an der Artesfakultät veliehene Magisterium eine Vorbedingung für das Doktorat wurde. Erst in der späten Aufklärung kann auch an den Artesfakultäten (in eher seltenen Fällen) ein Doktorat (und nicht nur ein Magistertitel) erlangt werden.
Während der Doktortitel aufgestiegen ist, ist der anfangs als Zulassungstitel der Magister dienende Titel eines licentiatus abgesunken. Er bezeichnet bald, wie auch der Titel eines baccalaureusDer Titel baccalaureus ist etymologisch problematisch: er wird von manchen von „bas chevalier“ („kleiner Ritter“), von anderen von „baca/bacca laureatus“ (Lorbeerkranz) abgeleitet., eine niedrige Ausbildungsstufe.
Es gibt in all diesen Fragen viele lokale Besonderheiten.
1.4.3 Universitätsangehörige
1.4.3.1 Professoren – Professuren
Professor, also regulär vortragender, „regierender“ Magister, wurde man durch Kooptierung durch die etablierten Magistri innerhalb einer Fakultät wie in Paris, innerhalb des Generalkonvents aller Magistri der Universität wie in Oxford, oder im Dokorenkolleg (z.B. wie in Avignon). Früh entwickelte sich aber auch eine andere Form, nämlich die des Vertrages zwischen dem Magister und der Universität oder dem Träger der Universität, z.B. einer italienischen Stadt. Es wurde ein detailliertes, alles regelnder, meist auf ein Jahr befristeter Vertrag geschlossen. Von Italien ausgehend ist das Vertragssystem vor allem nach Südfrankreich und Spanien übernommen worden. Die Auswahl der Professoren ist damit mehr und mehr an die Städte übergegangen, die dafür mitunter sogar eigene Beamte einsetzten (reformatores sive tractores studii). In Coimbra berief der König die Professoren, in Salamanca blieb es das ganze Mittelalter hindurch der studentische Rektor.
Jedenfalls bildet sich im Spätmittelalter langsam ein Stand von hauptberuflichen Universitätslehrern heraus, der durchaus nicht homogen war, in dem vielmehr verschiedene Guppen erkennbar sind:
die Gruppe der Kleriker, vor allem an den Theologischen Fakultäten zumeist Ordensmitglieder, die als solche leben und in nur geringem Kontakt zur Universität stehen, indem sie ihre Vorlesungen halten, sonst aber kaum am Leben der Universität teilnehmen.
die Gruppe jener, die ordinarie die wichtigsten Lehrinhalte des Curriculums vortragen, d.h. besonders eingehend, ordentlich, und zu den besten Stunden am frühen Vormittag, den magistralen oder doktoralen Stunden; sie stellen die Vorform der ordentlichen Professoren dar,
die Gruppe jener, die die weniger wichtigen Materien extraordinari, d.h. weniger genau, kursorisch behandeln, und zwar am Nachmittag, jedenfalls nicht zu den doktoralen Stunden; mitunter waren diese Stoffe auch nicht einmal Prüfungsgegenstand; diese Lehrenden stellen die Vorform der Extraordinarien dar.
Dieses System führte rasch zu einer Verfestigung der Gruppe der Ordinarien, die sich außerdem allein für das Studium zuständig und verantwortlich bezeichneten, die entsprechenden Akte an sich zogen und dem entsprechend auch eine höhere Bezahlung beanspruchten. So entsteht auch an einer studentisch dominierten Universität wie Bologna ein starkes Gegengewicht. Die Doktorenkollegien der einzelnen Fakultäten setzten eine zahlenmäßig exakt definierte Gruppe ein (16 Professoren im Zivilrecht, 12 im Kanonischen Recht etc.), der sie alle Befugnisse hinsichtlich der Überwachung der Erteilung der akademischen Grade, der daraus resultierenden Einnahmen etc. übertragen. Diese Entwicklung vollzieht sich an den Magister-Universitäten wie Paris gleichermaßen.
Allerdings wird die Herrschaft der Ordinarien nie vollständig, stets haben die Extraordinarii und andere ihre Beteiligung an den universitären Gremien aufrecht zuerhalten vermocht.
Auch ist die Entwicklung an den Fakultäten unterschiedlich: an den Rechts- und Medizinfakultäten des Südens vor allem gibt es früh weltliche, verheiratete Professoren, die mit ihren Familien eine ganz andere Lebensabsicherung benötigen als die Geistlichen in den Theologischen Fakultäten oder im Kanonischen Recht. An den Artesfakultäten wiederum ist der Anteil der festen Professoren am Lehrkörper sehr gering; hier erscheint im 15. Jh eine neuer Typ: der des Magisters, der eine feste Stellung in den Artes einnahm und zwar als Professor eines Kollegs, dies war zwar weniger geachtet als an den höheren Fakultäten, bedeutete aber doch eine Sicherung; dieser Status findet sich häufig in Paris, Oxford und Cambridge, also an Universitäten mit vielen Kollegs. Fachprofessuren sind bis weit in die Renaissance sehr selten (Johann von Gmunden wird ab 1417 in Wien zugestanden, daß er nur Mathematik lesen müsse), lange haben die Magistri im Gesamtbereich ihrer Fakultät zu lehren; noch im 18. Jh wird an den Jesuitenuniversitäten in den Artesfakultäten die Lehre semester- oder zumindest jahresweise zugewiesen, sodaß ein Professor einmal Mathematik, dann Grammatik etc. zu lehren hatte.
Stellung, Tätigkeit der Professoren
Die Professoren hatte ihre Vorlesungen an den dies legibiles der Woche (das sind die Werktage ohne den allenfalls geübten Wochenferialtag) zu halten. Nach Abzug aller Feiertage, Prüfungstage, Disputationstage etc. waren dies meist nicht mehr als 130-150 dies legibiles, also ca. 25 Wochen, was ziemlich genau den heute noch zumeist üblichen Semesterwochen entspricht. Allerdings hielt der Professor täglich eineinhalb bis zwei Stunden Vorlesung, d.h. er las in etwa 10-12stündig. Die Vorlesung wurde jährlich wiederholt. Dies hatte zeitweise eine starke Erstarrung zur Folge. Professoren teilten sich mitunter den Stoff einer Materie auf und belebten die Sache von sich aus. Wichtig war auch, daß häufig junge Bakkalare versuchten, zusätzliche, eingehendere, persönlichere Unterweisungen in der Materie zu geben, auf diese Weise dringen oft modernere Unterrichtsformen und geistige Strömungen ein, z.B. der Humanismus.
Außerdem wurden Disputationen abgehalten – an eingen Institutionen einmal pro Woche, an deren nur einmal im Semester oder gar im Jahr.
Zunehmend wurden Professoren auch zu anderen Diensten herangezogen: zur Teilnahme an Gesandtschaften, für die Erstellung von Gutachten, für Begehungen etc., sodaß sie mitunter ihre eigentliche Lehrtätigkeit kaum mehr ausübten und sich vertreten ließen, worüber heftige Beschwerden geführt wurden. Hinzu kommt, daß die Universitäten auch in den großen Auseinandersetzungen der Politik Stellung bezogen: Schisma., Konziliarismus etc.
Schwere Auseinandersetzungen gab es mitunter um die Lehrmeinungen: die antqui, d.h. die Thomisten und Scotisten, stellten sich gegen die moderni, d.h. gegen die Nominalisten; beide vertraten ja grundsätzlich unterschiedliche Ausbildungmodelle, nämlich die via antiqua als die herkömmliche Lehre in der Tradition der aristotelisch-thomistischen Auffassung und die via moderna, die eben den revolutionären Auffassungen der Occamistae, den errores Occanicae folgte. An einzelnen Universitäten wurden sogar eigene Studienrichtungen für die via antiqua neben anderen für die via moderna eingerichtet (so in Heidelberg, Freiburg, Ingolstadt, Tübingen).
Das Ansehen der Professoren war generell sehr hoch. Im 14. und 15. Jh entwickeln sich auf dieser grundlage sogar Professorendynastien – 1317 schon läßt der berühmte Jurist Giovanni d’Andreae in den Statuten der Universität Bologna ein unbeschränktes Vorrecht seiner Nachkommen auf eine besoldete Professur festschreiben. Tortz des Ansehens entschwinden die Professoren aber sofort, wenn ihnen lukrative kirchliche oder staatliche Posten angeboten werden.
1.4.3.2 Studierende
Universitäten waren prinzipiell jedem offen, der getauft war und den allgemeinen moralischen Vorstellungen folgte; für den akademischen Grad war die Ehelichkeit der Geburt nötig oder wenigenst der Glaube daran, ehelich geboren zu sein; es spielte dies aber in der Praxis für die Studenten kaum eine wesentliche Rolle, da die meisten ohnedies nicht so weit kamen.
Wesentlich war eine starke Bindung des Studenten an einen, „seinen“ Magister; es entwickeln sich Magisterfamilien, d.h. Gruppen von Studierenden, die enem bestimmten Magister zugeordnet sind. In Paris galt: niemand ist Pariser Scholar, der nicht einen bestimmten Lehrer habe. Die Bindung an einen Magister war das eigentliche Kriterium der Aufnahme: der Student mußte einen Magister finden, der ihn aufnahm in seine familia.
Ursprünglich war für die Aufnahme an der Universität bzw. in eine Magisterfamlilie keinerlei Vorbildung erforderlich, es ist nicht einmal sicher, dass alle, die an die Universitäten kamen, auch schon Lesen und Schreiben konnten, sicherlich konnten längst nicht alle Latein, die ein Studium begannen.
Formaler Aufnahmeakt war die Immatrikulation mit Eid, Gebühr und Eintragung in die Matrikel. Ursprünglich handelte es sich die Magister-Matrikel – der Magister notiert die Namen der ihm anhängenden Studenten, für die er verantwortlich war. Diese Listen werden später nach Fakultäten zusammengetragen; so entwickelt sich um 1350 der Typus der Fakultätsmatrikel. Daneben wurden auch Nationenmatrikeln geführt. An den zentraleuropäischen Universitäten entstehen um 1350 die Rektoratsmatrikeln, älteste war vermutlich die 1367 begonnene (verlorene) Prager Matrikel (Theologen/Mediziner/Artisten-Universität Prag), die älteste erhaltene ist die 1372 begonnene Matrikel der Juristen-Universität Prag.
Grundlage für die Aufnahme ist der Eid mit zumeist vier Punkten:
- Gehorsam dem Rektor oder dem Kanzler gegenüber,
- Anerkennung der Statuten
- Förderung des Wohls der Universität nach Kräften, gleichgültig, in welcher Stellung
- Anerkennung der Gerichtsherrschaft des Rektors bzw. Kanzlers zur Wahrung des Friedens innerhalb und außerhalb der Universität (Verzicht auf Selbsthilfe).
Im 14. und 15. Jh beinhaltet der Eide mitunter an erster Stelle Gehorsam dem König gegenüber, dann erst dem Rektor. Später treten konfessionelle Eide hinzu – etwa auf die unbefleckte Empfängnis; an einigen Universitäten, die auch Nichtkatholiken zuließen, gab es spezielle Eide oder den Eidverzicht für Juden und andere Nichtkatholiken; auch gab es Eidesbeschränkungen für Ordensmitglieder, bei denen der Eid u.U. mit dem Profeßeid kollidieren konnte; in derartigen Fällen gab es seitens der Universität oder seitens des Ordens enstprechende Dispens; ähnliches galt für Adelige in unterschiedlichen universitäre Usuancen: einen eigenen Adelseid gab in Köln, spezielle, differenzierte Formen in Tübingen und Basel. An den italienischen Juristenfakultäten hatten alle den Eid zu leisten bis auf legitime Königssöhne und -brüder.
Die Eidesleistung setzt Eidmündigkeit voraus, nach dem kanonischen Recht trat diese mit der Vollendung des 14. Lebensjahrs ein. Dennoch gab es viele Minderjährige an den Universitäten: sie bzw. ihre Väter etc. hatten zu versprechen, daß sie den Eid bei Erlangung der Volljährigkeit ableisten würden. 14/15 Jahre ist das klassische Eintrittsalter für die Artes. Die in die höheren Fakultäten Eintretenden sind dann etwa 4-5 Jahre älter, also etwa im heutigen Eintrittsalter. Die Taxen waren sozial differenziert – Adelige leisten Übersoll und zusätzlich Spende etc.
Nach Schwinges können fünf Typen von Studenten unterschieden werden:
1 scholaris simplex – Etwa die Hälfte aller Studenten an den klassischen Vierfakultäten-Universitäten, oder sogar mehr als 50 %, sind 14-16jährige Artesstudenten, die im Schnitt 1,8 Jahre an der Universität bleiben und keine einzige Prüfung ablegen. Diese Studenten haben zuvor eine Lateinschule absolviert und betreiben Grammatikstudien, kaum mehr. Sozial ziemlich ausgewogen.
2 Bakkalar = Artesstudenten – Ganz ähnlich wie 1, aber im Schnitt deutlich ärmer, will seine Studien abschließen, verbindet damit Aufstiegshoffnungen, will in 2-2,5 Jahren das Bakkalaureat schaffen und ist dann etwa 16-19 jahre alt. Machen etwa 20-40 % der Gesamtstudentenzahl aus. Für etwa zwei Drittel von ihnen bleibt das Bakkalaureat der einzige Titel, den sie erwerben.
3 Magisterstudent = Artesstudenten – die nach 2-3 Jahren das Magisterium erlangen und dann etwa 19-21 Jahre alt sind. Der Anteil der Armen hat sich gegenüber Typ 2 wieder stark verringert. Diese Studenten studieren an einer höheren Fakultät weiter und unterrichten gleichzeitig an der Artesfakultät. Sie machen etwa 10-20 % der Gesamtstudentenzahl aus und finanzieren ihr Studium als Zentren eine schola, einer familia magistri, aus ihrer eigenen Lehrtätigkeit, indem sich Studenten der Typs 1 und 2 um sie scharen; der Magister kann Dekan oder Rektor werden.
4 Standesstudent, "Der Student, der bereits jemand ist", entweder adelig oder sehr reicher Bürgerstand, hohe Kirchenpfründe, bezieht die Universität im Kreise seiner famliares, also seines eigenen Hofstaates (Diener, Privatlehrer, bis zum Pferdeknecht), breites Spektrum im Alter, hat keine universitäre, sondern nur private Vorstudien, praktisch nur an der Juristenfakultät (klassischerweise Bologna) zu finden, es hängt von seinem Status ab, ob er überhaupt noch einen akademischen Grad anstrebt oder diesen als hoher Adeliger nicht bereits als nichts standesgemäß verwirft. Sozialen Aufstieg sucht er nicht, kann er an der Universität nicht mehr erlangen. Besonders häufig in Südeuropa, in Deutschland vor allem in Erfurt, Basel, Freiburg oder Ingolstadt (das als Sprungbrett für die Italienreise dient). Die Universitäten gewähren diesen prestigeträchtigen Studenten nahezu alle Privilegien und Freiheiten. Prüfungen werden so gut wie nicht absolviert.
5 Fachstudent der höheren Fakultäten, der sein Studium mit dem Lizenziat der Fakultät oder gar mit dem Doktorat abschließt. Er steht altersmäßig in den Zwanzigern, wenn nicht schon in den Dreißigern. Macht nur 2-3 % der Gesamtstudentenschaft aus. Sozial hochrangig: ritterbürtig oder städtische Oberschicht oder reiche obere Mittelschicht. Er hat seine Karriere bereits gemacht, ist in städtischen oder anderen Diensten und erlangt nur mehr zusätzliches Ansehen.
Clericus
Alle diese Studenten waren in der Anfangszeit Kleriker; der Klerikeranteil nimmt dann laufend ab, gegen 1500 hin sind die Klerikerstudenten europaweit vermutlich bereits die Minderheit.
Der hier zur Anwendung kommende Klerikerbegriff ist aber höchst problematisch. Als clericus wurde an der Universität praktisch jeder bezeichnet, die Hinwendung des Begriffes zum Wortsinn Beamter (clerk) setzt früh ein, heißt: einer, der des Schreibens kundig ist. Clericus ist also nicht mit Geistlicher gleichzuzsetzen. An den deutschen Universitäten unterschied man Pfaffen, Studenten und Laien; Studenten wurden mitunter auch als halfpapen („halbe Pfaffen“) bezeichnet. Es gab ja clerici uxorati, verheiratete „Kleriker“.
Studentinnen
Weibliche Studierende gab es praktisch nicht. Allerdings wurden, im Süden, vereinzelt auch Frauen wissenschaftlich ausgebildet98. Bekannt sind:
Magdalena Buonsignori, wurde Juristin
Novella d'Andreae, Tochter des berühmten Bologneser Juristen Johannes Andreae99, wurde selbst eine bekannte Juristin
Beatriz Galindo "La Latina" (174-1534) wurde in Salamanca zu einer hervorragenden Latinistin ausgebildet und dann an den Königshof berufen, um Königin Isabella die Katholische Lateinuntericht zu geben. Sie lehrte an der Universität Salamanca auch Medizin und gründete Krankenhäuser und Schulen.
Soziale Schichtung der Studierenden
Ihrer sozialen Herkunft nach waren die Studenten mehrheitlich städtischer Abkunft, nur in England scheint es eine ländliche Mehrheit gegeben zu haben. Im Wesentlichen spiegelt die Zusammensetzung der Studentenschaft einer Universität die soziale Ordnung der Welt wider, in die sie eingebettet ist. Und man hat dies auch bewußt so gesehen und darnach gehandelt, die von außen in die Universität getragene Ordnung respektiert und peinlichst eingehalten. So ergab sich beiden Prozessionen etc. ein ordo ratione gradus aut status, eine Rangordnung nach akademischem Grad und sozialem Rang (Wien). D.h. die sozialen Unterschiede bleiben bestehen: Prälaten und Söhne des Geburts- und Geldadels sitzen in der ersten Reihe, für die Plätze auf den einzelnen Rangreihen der Bänke wird bezahlt. Auch ein Städtisch-Bürgerlicher kann sich einen Preis auf der Adelsbank erkaufen. Ein armer Scholar konnte aber kaum jemals über die vierte Bank hinaus vorrücken. Im Wesentlichen unterschied man an praktisch allen europäischen Universitäten hinsichtlich der Studenten: nobiles, divites (breite Mittelschicht an den Universitäten), pauperes.
Pauperes: der Begriff meint nicht Mittellose, sonder jene, die nicht in der Lage waren, die Kosten des Studiums zu tragen. Der Begriff ist schüsslnd. Die Lage der pauperes hat sich an den Universitäten zwischen 1200 und 1500 eher verschlechtert. Die Taxatoren, die die Erhebungen hinsichtlich eines Armutszeugnisses und des Erlasses der Gebühren zu führen hatten, gingen immer perfekter und rigoroser vor; in Erfurt galt die Devise: Nulli parce – niemanden zu schonen. Die Rektoren, Taxatoren etc, die z.T. von den Einnahmen aus den collectae und den Gebühren lebten, bewerteten durchaus eigennützig. Andererseits waren die Armenstiftungen großteils belegt mit Leuten, deren Eltern sehr wohl bezahlen hätten können. Erst um 1500 ändert sich dies und es werden tatsächlich die Armen der ihnen geltenden Stiftungen teilhaftig. – Nicht wenige Arme haben ihr Studium in Diensten einer famlia eines reicheren Patrons finanziert.
Der Laienadel strömt erst ab 1450 vermehrt an die Universitäten, um den mittlerweile aufgebauten Vorsprung des wirtschaftlich selbstbewußten und nun auch zunehmend universitätsgebildeten Bürgertums abzubauen.
Die Universitäten sind von einem dichten Netzwerk von familialen Beziehungen umgeben. Der klassische Weg in die Universität ist der der Protegierung durch jemanden innerhalb der Universität, durch Professoren, Beamte, Standesstudenten – sie alle ziehen weitere Studenten nach, d.h. es werden jene bevorzugt aufgenommen und einbezogen, die bereits über Beziehungen in die Universität verfügen. D.h. die Masse des Nachschubs rekrutiert sich aus Bereichen, die gewissermaßen bereits Universität sind bzw. der Universität nahestehen.
Eine privilegierte und protegierte Schicht innerhalb der Studentenschaft bildeten die Kollegiaten, die etwa bis maximal 15 % der Gesamtzahl erreichen konnten. Der Rest wohnte entweder einzeln oder zu mehreren privat zur Miete oder in einem von der Universität angemieteten und kontrollierten Studentenhaus, das von einem Magister geleitet wurde und meist als bursa, Burse, bezeichnet wurde; an einzelnen Universitäten herrschte Bursenzwang bis in das 16. Jh. Am unteren Ende stand – z.B. in Wien – die Zwei-Groschen-Burse. Die Universitäten suchten die Mietpreise zu kontrollieren und in Grenzen zu halten. 1413 gab es in Wien 29 Bursen. In Oxford gab es 1313 bereits 123 Halls, 70 waren es noch um 1425, 50 gegen 1500 hin. Die Dimension der Bursen war höchst unterschiedlich – die Besetzung konnte zwischen 3 und 70 schwanken; in Oxford waren es durchschnittlich 18 Studenten, in Krakau gab es hingegen ein Kollegium mit 100 Plätzen.
Die Studenten in den Studentenhäusern waren zum Gebrauch des Latein als Umgangssprache verpflichtet, Verstöße wurden durch den lupus überwacht und mit empfindlichen Strafen geahndet100.
1.4.3.3 Andere Universitätsangehörige
Zu den familiares der Universitäten zählten aber auch alle jene, die in irgendeiner Verbindung zu Universität standen; in den Anfängen waren es vor allem die Buchhändler, Schreiber etc., sie geben die von den Professoren korrigierten und authorisierten Fassungen der Vorlesungstexte ungebunden in Bogen (peciae) aus zum Studieren oder Abschreiben etc. genau überwacht101. An den zentraleuropäischen Universität und auch in Paris baten die Studenten die Professoren häufig, ihnen die Vorlesungstexte zu diktieren, damit sie das Geld für die peciarii sparten (= pronunciatio).
Aber auch die Köchinnen, Diener und sonstige Angestellte, später auch die Ehefrauen und Kinder der Professoren wurden zur Universität gezählt.
1.4.3.4 Finanzielles – Pfründen und Stiftungen, Besoldung
Interne Einnahmen aus den Immatrikulationsgebühren und Prüfungstaxen, Abgaben der Nationen und die Kollekte oder Burse, auch Bußgelder durch verurteilte Universitätsmitglieder (umfangreiche Bußgeldkataloge: Aufheben eines Steiner, in der Absicht, ihn auf einen Magister zu werfen, 10 Groschen, Fehlschuß acht Gulden, Treffer noch weit mehr etc.).
Externe Einnahmen aus Stiftungsgütern und die Gehälter, soweit diese vom Landesfürsten oder der Stadt gezahlt wurden.
Ausgaben meist nur für Feiern, Verwaltungskosten, Prozesse, Mieten allenfalls.
Die Collectae wurden ein- oder zweimal jährlich von allen Studenten eingehoben, um die Beamten, Pedelle, mitunter auch Lehrende bezahlen zu können. Im Spätmittelalter ist sie für die Studenten nur mehr wenig belastend.
Sehr belastend waren hingegen die Geschenke, Feste etc. anläßlich der Graduierung, wobei die Magister freizuhalten waren – der Aufwand uferte dermaßen aus, daß er gesetzlich eingeschränkt wird.
Besoldung: Ursprünglich bezogen die Lehrenden an den privaten Schulen des 12. Jhs nach zuvor ausgehandelten Abmachungen Einkünfte von den Studenten. Dem stellte die Kirche die Auffassung entgegen, daß das Wissen ein Geschenk Gottes sei, das kostenlos weitergereicht werden müsse, wie sie es in den Kathedralschulen tat, wo die Lehrer durch Pfründen gesichert wurden.
An den Universität erhielten nun die Lehrerenden, soweit sie Geistliche waren, auf Grund der päpstlichen Verfügungen Pfründen (wobei sie von der Residenzpflicht befreit waren). Nicht galt dies für die Weltlichen, häufig Mediziner und Juristen und mitunter auch für junge geistliche Artistenmagister. Sie waren auf die collectae angewiesen; da diese aber niedrig waren und die Studenten schlecht zahlten, mußten sich die Lehrenden an die Prüfungsgebühren halten, die deshalb vom 14. Jh an ständig stiegen. Eine dritte Variante war der Vertrag mit Gehalt, wie sie sich im 13. Jh in Italien entwickelt und auch in Spanien geübt wird. In Frankreich aber nicht vor 1480; in Oxford einige kurzlebige Philosophie-Lehrstühle des Herzogs von Gloucester 1437.
Die Höhe der Einkünfte war höchst unterschiedlich zwischen den einzelnen Universitäten, innerhalb dieser hinsichtlich der Fakultäten etc. Phantastische Gehälter einzelner Juristen stehen Gehältern von Grammatik- und Logikprofessoren gegenüber, die denen ungelernter Arbeiter entsprechen.
Im Reich sorgten von Anfang an die Gründer und Mäzene für Gehälter. Dies belastet die Kassen dermaßen, daß man sehr bald soweit irgend möglich auf "ewige Stiftungen" zurückgriff, d.h. Pfründen für die Besoldung heranzog bzw. der Universität zur Nutzung zur Verfügung stellte (Löwen erhält 1443 29 Pfründen!). In Deutschland übernehmen im 15. Jh die Fürsten mehr und mehr die gesamten Finanzen "ihrer" Universitäten, was natürlich auch Kontrolle bedeutete. da die Universitäten aber nicht mehr in der Lage waren, den Betrieb in der notwendigen Weise aufrecht zu erhalten, konnten sie sich dem nicht widersetzen.
Erhalten ist die Gesamtgebarung der Universität Krakau für die Zeit um 1420; die Universität verfügte über sehr erhebliche Mittel: sie konnte 80 Magister besolden, eine sehr gute Bibliothek zu halten, eine prächtiges Gebäude zu errichten und darüber hinaus noch der Krone Darlehen geben.
1.4.3.5 Universitätsbibliotheken
Im 12. und 13. Jh werden die Klosterbibliotheken in ihrer Bedeutung langsam von den Universitätsbibliotheken abgelöst. Maßgebliche Veränderungen werden durch die Verwendung des Papiers bewirkt, die eine Steigerung und Verbilligung der Produktion erlaubt – professionelle, zunftmäßig organisierte Schreiber treten gegenüber den klösterlichen Skriptorien in den Vordergrund: die stationarii (Buchhändler) übernehmen die Organisation der professionellen Vervielfältigung der Vorlesungsmitschriften und werden von den Universitäten als familiares, suppositi etc. eidlich verpflichtet und einer aus den Reihen der Lehrenden gebildeten Kommission unterstellt, die gewissermaßen für die Korrektheit der Inhalte bürgte. Die Manuskripte wurden lagenweise zum Abschreiben zur Verfügung gestellt (per petias, petiatim). Dabei standen die Universitäten in Konkurrenzkampf untereinander: die Bologneser Rechtstexte wurden in ganz Europa vertrieben, Medizin kam meist aus Salerno, Scholastisches aus Paris. Alles um 1200 in Gang gekommen.
Erst nach und nach entstanden auch die Büchersammlungen an den Universitäten, aus denen die Universitätsbibliotheken hervorgeangen sind. Das älteste Pariser Kollegium wird um 1180 gegründet. Um 1250 erfolgte die namensgebende Stiftung seitens Robert de Sorbonas, die zum Zentrum der theologischen Studien wird und wo – wesentlich durch die Schenkungen der Mitglieder des Kollegs, von denen 170 wenigstens ihre Bücher dem Kollegium vermachen – sehr schnell eine große Bibliothek aufgebaut wird, die später mit der päpstlichen Bibliothek in Avignon konkurriert – die bedeutendste Universitätbibliothek des Mittelalters überhaupt (sie ist ob der guten Überlieferungslage von Leopold Delisle genau untersucht). 1290 gibt es 1017 Hdss, 1338 bereits 1722 Hdss. – Teile des Katalogs aus dieser frühen Zeit noch erhalten.
Die Bibliothek der Sorbonne wurde früh in eine libraria magna und eine libraria parva unterteilt. Die Magna enthielt alle für das Studium nötigen Handschriften als libri catenati102 war also eine Präsenzbibliothek; die Parva war die Entlehnbibliothek mit vielen Dubletten und mit den weniger verlangten Werken. 1338: 330 catenati, 1090 in der Parva. Eine zu liberale Entlehnpraxis verursachte große Verluste, obgleich Nichtmitglieder des Kollegiums ein Pfand im Wert der entlehnten Handschrift zu erlegen hatten, was wohl nicht wenig war. Man erkannte nahezu augenblicklich die Bedeutung des Buchdrucks und berief Drucker aus Deutschland an die Sorbonne, für die man 1481 ein eigenes Gebäude errichtete. – Ähnliche Verhältnisse herrschten an den anderen Kollegien der Universität Paris.
In den romanischen Ländern blieb die Entwicklung der Universitätsbibliotheken zurück, da dort die Stationarii viel größere Bedeutung erlangten als in Paris – in Bologna z.B. hatte jeder Stationarius 117 Werke vorrätig zu haben, die bei ihm zu entlehnen oder zu kaufen waren. In England und auch in Deutschland schloß man sich dem Pariser Usus an, die Stationarii103 erlangten keine besondere Bedeutung.
1.4.3.6 Universitätsgebäude
Anfänglich mieteten sich die Magister in privaten Häusern ein. Im 14. Jh werden ganze Gebäude gemietet, im 15. Jh auch gekauft.
Mit der Stiftung von Kollegien erscheinen eigene, mitunter eigens für den speziellen Zweck errichtete Gebäude. In Norditalien entsteht – nach dem Typus des Collegio di Spagna in Bologna (1365-67) der Typus der Sapienza: ein Gebäude mit rechteckigem Innenhof, ein Kolleg mit Lehrbetrieb, also primär Wohngebäude. Im 16. Jh verändert es seinen Charakter hin zum offiziellen Universitätsgebäute mit Hörsälen, Bibliothek, Verwaltungsräumen, Archiven etc.: Palazzo della sapienza genannt.
Zu den ersten, die eigene Gebäude errichteten, zählten die Engländer, zumeist auf Kosten einzelner Mäzene. Der Typus der School quadrangles ist auch anderweitig, vor allem in den USA übernommen worden. In der Neuzeit ist gerade der Universitätsbau von hoher Symbolkraft gekennzeichnet.
Gut erhalten ist heute noch einiges in den im 15. Jh errichteten Gebäuden der Universität Salamanca104. In Deutschland wird vor allem im 15. Jh gebaut, gegen 1500 besitzen alle Universitäten eigene Gebäude, zumeist monumentale Bauten – die Zeit des Drohens mit dem Auszug von Studenten wie Magistern ist vorüber, die Bauten spiegeln die Stellung der Universitäten in der Öffentlichkeit. Die Gebäude enthalten in der Regel eine Universitätskapelle oder -kirche und zumindest eine Bibliothek und ein Archiv (mit Kasse und Matrikeln etc.).
1.4.4 Humanismus – Reformation – Universität 16.-17./18. Jh
1.4.4.1 Eindringen des Humanismus in die Universitäten
Der Humanismus entsteht in Italien außerhalb der Universitäten, seine Träger sind hohe städtische, päpstliche, königliche Beamte, Notare, Pädagogen, Könige, Kirchenfürsten, Ordensleute, Bankiers und Großkaufleute, Verleger. freilich waren sie zumeist auch Universitätsabsolventen. Es entwickelt sich eine neue Qualität des geschriebenen und des gesprochenen Wortes. Colluccio Salutati wurde nachgesagt, daß seine humanistische Feder den Gegnern der Signorie von Florenz mehr geschadet habe als tausend Reiter.
Erst zwischen 1400 und 1450 vermag sich das humanistische Programm mit den studia humanitatis, die eine Ausweitung der septem artes mit sich bringen, an den italienischen Universitäten fest zu verankern. Poetik, Geschichte und Moralphilosophie treten nun zu den älteren Disziplinen der septem artes und den drei Philosophien105 hinzu. Im 16. Jh dringt der Humanismus auch außerhalb Italiens langsam in die Universitäten vor, nachdem es bereits in der 2.H. des 15. Jhs verschiedentlich starken Widerstand gegen die überkommenen Formen des als scholastisch, als erstarrt empfundenen Wissenschaftsbetriebes gegeben hatte (z.B. an der Universität Wien). Es besteht natürlich ein Unterschied zwischen der humanistischenn Auffassung und Ausbildung einzelner führender Persönlichkeiten und der Umgestaltung des Curriculums in einem humanistischen Sinne. Man hat früh den deutschen Universitätsgründungen von der Gründung der Universität Prag (1348) an eine humanistische Beeinflussung zugeschrieben, doch dürfte das zu hoch gegriffen sein.
Die Installierung von Professuren des Griechischen wie anderer alter Sprachen ist ein guter Indikator für die Entwicklung: 1511 inauguriert Erasmus von Rotterdam in Cambridge das Studium des Griechischen an einem von der Königinmutter gestifteten theologischen Lehrstuhl, 1517 stiftete sein Freund Hieronymus van Busleyden in Löwen das Collegium trilingue106, das zu einem europäischen Schwerpunkt humanistischer Universitätsstudien werden sollte; 1530 gründete Francois I. von Frankreich auf Anregung des Guilleaume Budé nach dem Vorbild des Collegium trilingue das Collège des Lecteuers Royaux für Latein, Griechisch und Hebräisch, die Vorläuferinstitution des Collège de France; 1540 erhält Cambridge königliche Professuren für Griechisch und Hebräisch, 1546 auch Oxford.
An der 1499 von Kardinal Ximenes de Cisneros gestifteten und 1508 eröffneten Universität von Alcalá wird von Beginn an in humanistischem Sinne gearbeitet: eines der Ergebnisse ist die 1517 gedruckte und wegen der Langsamkeit der Zensur erst) 1523 ausgelieferte Polyglottenbibel mit der Vulgata samt ihren hebräischen, syrischen und griechischen Quellen107 (1516 erscheint das Neue Testament des Erasmus!).
Die humanistische Auffassung war von größter Bedeutung für die weitere Entwicklung der bis dahin unverändert gebliebenen Artes-Fakultäten. Melanchthon hat seine Auffassung in den Programmen der Universität Marburg (1529) und Wittenberg (1536) zum Ausdruck gebracht, wo er nicht weniger als 10 Professuren für die Artistenfakultät vorgesehen hat, während die oberen Fakultäten sich mit 1-3 Lehrkanzeln zufriedengeben mußten. Zu den traditionellen Artes-Lehrstühlen Grammatik, Dialektik, Mathematik, Physik und Astronomie traten Professuren für Hebräisch, Griechisch, Geschichte und Poesie sowie zwei Lehrkanzeln der Eloquenz.
Nicht zu den studia humanitatis gezählt wurden ursprünglich die Logik, Naturphilosophie und Metaphysik, Mathematik, Astronomie (alles Teile der septem artes), Medizin, Jurisprudenz und Theologie.
1.4.4.1.1 Die Auswirkungen des Humanismus auf die Lehrinhalte und auf die Universitäten insgesamt
Die Universitäten haben an des skizzierten Entwicklung praktisch nur in reformierten Ländern profitiert – die Sorbonne wurde immer wieder als verzopfte, der alten Scholastik, in ihrer mittlerweile perhorreszierten Form verbundene Universität abgelehnt, die wirklichen Kapazitäten gingen nach England und nach 1574 vor allem nach Leiden, das zu einer der ersten Universitäten Europas wird.
Es kommt zu einem enormen Aufschwung der Philologie und der erkentnistheoretisch höchst wichtigen und interessanten Diskussion der Sinnhaftigkeit und Nützlichkeit historischer Forschung. Beides ist gewissermaßen konstituierend für die späteren Geisteswissenschaften. Die Historia-Diskussion hat zweifellos Auswirkungen darüber hinaus gezeitigt. Insgesamt bewirkt der Humanismus an den Universitäten im Zusammenhang mit der Säkularisierung und der Entwicklung von Kritik, neuen Rechtsvorstellungen u.ä. eine enorme Ausweitung der Studien wie ihrer Anwendungen.
1.4.4.1.2 Universitätensreformen und Neugründungen im 16.-18. Jh – Allgemeines
1502108 wird von Kurfürst Friedrich von Sachsen die Universität Wittenberg gegründet. Die Anfänge waren freilich sehr bescheiden: es wurden der Wittenberger Schloßkirche mit Erlaubnis des Papstes eine etliche Zahl Pfarren inkorporiert und dadurch in ein Stift umgewandelt. Die damit gewonnenen Pfründen wurden mit Professoren besetzt: Probst, Dechant, Scholaster und Syndikus bildeten die juristische Fakultät, Kantor und Kustos die theologische Fakultät. Die fünf Kanonikate wurden der Artistenfakultät zugeordnet. Hintergrund war das Bestreben Friedrich des Weisen, die Alleinherrschaft der Scholastik zu brechen. Ein neues wissenschaftliches Gebäude sollte sich entwickeln. 1512 holte der Kurfürst Martin Luther nach Wittenberg, der die Professur für Bibelexegese erhielt, 1518 kam Philipp Melanchthon als Professor des Griechischen nach Wittenberg – Melanchthon und Luther waren bald freundschaftlich verbunden und setzten den Prozess der Reformation in Gang. 1536 wurde durch Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen der Universitätsbetrieb erweitert und neu geordnet: die Artistenfakultät wurde mit zehn Professuren, zwei davon für Mathematik, ausgestattet. Die Universität bezeichnete sich als Academia Vitebergensis und bekannte sich damit zum Humanismus und dazu, daß die Lehrenden und die Studierenden gemeinsam den studia humanitatis nachgehen wollten und nach der via antiqua. Der Begriff Academia signalisierte zudem die Einführung der philologisch-historischen Methode in Forschung und Lehre.
Sukzessive verlor nun im Reich die Kirche ihre aus dem Mittelalter stammende Herrschaft über die Universität, und es erfolgte eine Reihe von Neugründungen:
1527 gründet der Landgraf von Hessen in Marburg eine Universität ohne päpstliches und ohne kaiserliches Privileg (dieses folgt erst 1541).
1575 gründet die holländischen Aufständischen die Universität Leiden; sie fabrizierten zwar eine angebliche kaiserliche Bestätigung, doch wurde diese ebenso wenig wie die Universität je anerkannt; dennoch hat sich die Universität Leiden zu einer der führenden Universitäten Europas entwickelt.
1783 wird die katholische Universität Bonn, auf erzbischöflichem Terrain und durch den Erzbischof von Köln begründet, man verzichtet bewußt auf ein päpstliches Privileg.
1781 die Universität Stuttgart gegründet wurde, nannte sie sich lediglich „Hohe Schule“, um nicht mit Tübingen in Konflikt zu kommen, und lehrte reine und angewandte Wissenschaften ausschließlich für die Bedürfnisse des Staates und des Gemeinwohl; sie wies keine Fakultätengliederung auf, sondern eine Abteilungsgliederung (Recht, Militärwissenschaft, Kameralwissenschaft, Forstwesen, Medizin, Ökonomie).
Der Begriff Universität wird nur mehr im Westen allgemein angewendet. Im Osten tritt mehr und mehr der Begriff Akademie hervor, bzw. es tritt eine Art Begriffsverwirrung ein: 1578 gründet Stephan Bathory in Wilna eine katholische „Akademie“, 1594 gründet der polnische Kanzler Jan Zamoyski in Zamocs ebenfalls eine katholische „Akademie“, ähnliche weitere Gründungen folgen in Rußland; es handelt sich um Anstalten, an denen Artes, Sprachen und Theologie unterrichtet werden; sie hatten zwar keinen Universitätsrang, nahmen aber – in Ermangelung von Universitäten in diesem Raum – praktische die Funktion von Universitäten wahr.
Perfekt wird das terminologische Durcheinander durch die Gründungen im 18. Jh, insbesondere als Zar Peter der Große (1672-1725) im Jahr 1724 die Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg gründet, welche Anstalt bestand aus
einer Akademie der Wissenschaften nach westlichem Muster,
einer Universität, an der die Mitglieder der Akademie auf hohem Niveau lehrten,
einem Lyzeum, an dem die Schüler der Akademiemitglieder wissenschaftlichen Elementarunterricht erteilen.
Als sich die Universität 1747 verselbständigte, wurde sie aber weiterhin als Akademie bezeichnet.
Die erste russische Universität mit der Bezeichnung Universität wurde erst 1755 von Peters Tochter Elisabeth (1709-1761) auf Vorschlag von Michael V. Lomonossow begründet. Sie durfte aber anfangs keine akademischen Grade verleihen und bestand ihrerseits aus
einem Lyzeum für den Adel,
einem Lyzeum für die übrigen Stände
und Fakultäten für Philosophie, Recht und Medizin (eine theologische Fakultät gab es nicht, da die theologische Ausbildung in Rußland immer in der Hand der orthodoxen Kirche geblieben ist; ihr Einfluß auf die Universitäten ist deshalb auch nur sehr gering gewesen).
Im Reich haben die Kaiser allen reformierten Akademien die Anerkennung als Universität versagt und ihnen das Recht auf die Erteilung akademischer Grade verweigert109. Tatsächlich kommt es im 17. Jh zu einer Zersplitterung des Hochschulwesens, indem universitätsähnliche Institutionen entstehen, die von aller Privilegierung unabhängig sind und gleichwohl mitunter sehrwohl universitäres Niveau erreichen.
1.4.4.1.3 Die Gymnasia academica und andere Formen
Verschiedentlich haben alte Universitäten die Begründung neuer verhindert, oder sie doch in strenger Abhängigkeit gehalten – so waren diverse Universitäten in polnischen Städten nichts anderes als Außenstellen von Krakau. Andererseits sind Nichtuniverstäten in ihren Absolventen problemlos als de-facto-Universitäten anerkannt worden, wenn sie entsprechende Qualität aufwiesen; dies gilt für akademische Ausbildung an der berühmten Straßburger Akademie des Johann Sturm, für die 1584 gegründete Hohe Schule in Herborn, dann in Steinfurt und überhaupt für die Gymnasia academica, wie man diese Universitäten ohne Anerkennung bezeichnete, aber auch für die Schulen in Amsterdam und Deventer, diverse Jesuitenhochschulen in Mailand, Messina, Palermo etc. und auch reformierte Akademien. Diese Institutionen entstanden aus dem Bedürfnis, dem Adel eine standesgemäße Erziehung zu garantieren, reformierte Geistliche sowie Beamte für die regionale Verwaltung auszubilden. Grundlage dieser Schulen war meist eine Ramus verpflichtete Schulphilosophie, die als Überwindung des Aristotelismus forciert wurde. Diese Bewegung erreichte in der Zeit nach dem 30Jährigen Krieg einen Höhepunkt.
Während in Schottland neue Universitäten entstanden110, scheiterten in England alle Neugründungen am Monopol von Oxbridge111 und an der anglikanischen Kirche – noch die Gründung der University of London unterlag ernsten Auflagen112.
Diese Entwicklung der Diversifizierung beschränkte den Geltungsbereich und den Besuch der klassischen Universitäten auf ihre engere Umgebung; die alten universalistischen Vorstellungen gingen unter. Vielfach wurden in den einzelnen Territorien der Besuch auswärtiger Universitäten überhaupt untersagt, wie dies schon Friedrich II. zugunsten Neapels getan hatte und wie dies später oftmals geschehen ist, so etwa 1559 in den spanischen Ländern generell, aus denen nur wenige noch unter bestimmten Bedingungen nach Rom, Coimbra, Neapel oder Bologna gehen durften.
Eine weitere Schwierigkeit, die zur Zersplitterung des Hochschulwesens beitrug, bestand darin, daß die uns heute so selbstverständliche klare Stufengliederung der Ausbildung noch nicht wirklich vorhanden war. Die alten Universitäten hatten das vermittelt, was wir als Gymnasialbildung bezeichnen und was die Universität vermittelt, mitunter aber gab es wohl auch noch Elementarunterricht. Die Zahl der Artesstudenten überwog im Spätmittelalter weitaus die der anderen Fakultäten zusammen. Als nun durch den Einfluß des Humanismus ein sekundäres Schulwesen sich zu entwickeln beginnt, bewirkt dies innerhalb relativ kurzer Zeit einen drastischen Rückgang der Hörerzahlen der Universitäten, da nämlich ein erheblicher Teil der potentiellen Artesstudenten dorthin geht, also von der Universität fernbleibt. Die Vermittlung allgemeiner Bildung wanderte von den Universitäten ab, diese aber beschränkten sich auch von sich aus mehr und mehr auf die Produktion dessen, was seitens des Staates gefordert wurde: Beamte, Pfarrer, Ärzte, Juristen, also praktische Berufsausbildung für eine Elite. 1440 schon haben die Cortes von Toledo im Einvernehmen mit den katholischen Königen festgestellt, daß die Krone die Qualität der akademischen Zertifikate eigens überprüfen dürfe, wenn jemand eine Position im Dienst der Krone anstrebe. Später sind diesbezüglich Staatsprüfungen eingeführt wordn (noch die Lehramtsprüfung in Österreich war bis zum AHStG eine Staatsprüfung, die von einer bundesstaatlichen Prüfungskommission abgenommen wurde, die sich aus (nicht allen) Mitgledern des Professorenkollegiums zusammensetzte.
Im 16. Jh und 17. Jh entstehen einige wenige und im 18. Jh, ab 1750 zahlreiche Spezialschulen, die den Universitäten partiell den Rang ablaufen. In ganz besonderem Maße ist das in Frankreich der Fall, dessen Universitätssystem damals bereits völlig verknöchert und erstarrt gewesen ist und ja auch bald darauf in der Revolution 1793 mit einem Federstrich vom Tisch gewischt wurde.
1.4.4.2 Die Universitäten in den reformierten Ländern
England
Hier mußten die beiden nach wie vor einzigen Universitäten – Oxford und Cambridge –, die sich seit dem 15. Jh als eigenrechtliche Korporationen verstanden, die Konsequenzen des Act of Supremacy von 1534 akzeptieren, die daraus erflossen, daß die Kirche, die immer noch den Haupteinfluß auf die Universitäten ausgeübt hatte, dem Staat unterstellt wurde. Das bedeutete, daß das kanonische Recht gestrichen wurde und daß dadurch, daß sukzessive das Common Law die englische Rechtswelt zu bestimmen begann und die erforderlichen Juristen diesbezüglich in den Londoner Inns of Court ausgebildet wurden113, die Juridischen Fakultäten stark schrumpften und zur Bedeutungslosigkeit verkamen – es wurde zwar noch römisches Recht gelehrt, aber es blieb ohne praktische Bedeutung. Gleichzeitig verstärkte sich der Wille des Staates, zusammen mit der ihm unterstellten Kirche die Oberaufsicht über die Universitäten auszuüben; diese wurden wie alle anderen privilegierten Korporationen offiziell der Krone unterstellt und erhielten 1604 auch Sitze im Parlament. Angehöriger der Anglikanischen Kirche zu sein, wurde in Oxford schon 1581 statutarisch zur Pflicht gemacht und analog in Cambridge praktiziert. Die englische Renaissance entwickelte sich erst nach der Reform so recht, so stieg der Universitätsbesuch, der geradezu zur Mode wurde, um 1550 stark an, das Studium verlagerte sich wesentlich in die Colleges, wo regent masters, Tutoren, die Hauptrolle spielten, während die Professoren in den Hintergrund traten (und erst im 18. Jh wieder an Bedeutung gewannen). Die einzelnen Colleges verfolgten zwar ihrem Stifterwillen entsprechend unterschiedliche Ziele, doch beeinflußte dies den Hauptzweck, nämlich die Erziehung rechtgläubiger und gebildeter Untertanen, nicht; die Kleidung der Studenten wie der Professoren hatte geistlich zu sein und den Professoren war das Heiraten (im Unterschied zu den Geistlichen am Lande) untersagt, weil die Universitäten nicht in der Lage gewesen wären, Gehälter zu bezahlen, die auch Familien hätten ernähren können. So sind die beiden englischen Universitäten im 17. Jh ziemlich herabgekommen – Professuren wurden praktisch erblich wie Pfarrerstellen; im Act of Uniformity wurde 1662 Nichtanglikanern der Besuch der Universitäten untersagt. Karrieremöglichkeiten außerhalb der geistlichen Sphäre boten die Universitäten praktisch nicht mehr, am eigentlichen geistlichen Leben nahmen sie aber auch nicht mehr teil.
Der Niedergang der englischen Universitäten hatte natürlich zur Folge, daß diverse private nonkonformistische Lehranstalten, Akademien unabhängig von Staat und Kirche gegründet wurden, doch vermochten diese keinen Einfluß zu erlangen. Nonkonformisten gingen nach Schottland, und die Katholiken gingen auf den Kontinent. Insgesamt aber nahm die Bedeutung der Grand tour, der peregrinatio der gentry und der oberen Bürgertums nach dem Kontinent zu.
Schottland
Hier vollzog sich die Entwicklung deutlich anders als in England. Hier hatte man sich seitdem der Hundertjährige Krieg das traditionelle Studium schottischer Kleriker in Frankreich oder Italien erschwert bzw unmöglich gemacht hatte, um den Aufbau eigener Ausbildungsstätten bemüht; so kam es im 15. Jh zur Gründung von Colleges und universitätsähnlichen Institutionen – 1411 St. Andrews wird gegründet, 1415 Glasgow, 1493 Aberdeen (erneuert 1593?), Edinburgh aber erst 1582/83. Der schottische Reformator John Knox (1513-1572) entwickelte in seinem First Book of Discipline die Vorstellung, dass jeder Begabte freien Zugang zur Bildung haben sollte, da nur ein gebildeter = aufgeklärter wahrer Christ wisse, was und warum er glaube und dem Gemeinwesen wirklich nützen und dienen könne. Bei der Gründung der Universität Edinburgh wurden die Statuten zusätzlich durch das schottische Parlament sanktioniert; die Oberaufsicht wurde allerdings dem städtischen Rat überlassen. Insgesamt hat sich der kirchliche Einfluß auf die Universitäten in Schottland in Grenzen gehalten. Das Schwergewicht lag auf der moral education und damit im Bereich der artes, abstrakte, an Theorie orientierte Gelehrsamkeit war nicht das Ziel der schottischen Universitäten. Die Universitäten waren nicht in dem Maße wie die englischen in Colleges strukturiert, aber es gab eine klare aufbauende Gliederung der Studien nach Altersjahrgängen, ein exaktes Prüfungswesen. Es gab regents, allzuständig aber war der master (magister) Katholiken blieben auch in Schottland vom Studium ausgeschlossen, nichtschottische Studenten unterlagen aber ansonsten keinen religiösen oder politischen Überprüfungen, es genügte die Westminster Confession114 zu unterschreiben. Insgesamt vermochten sich die schottischen Universitäten zwar mehr Offenheit und Gelöstheit zu wahren als Oxbridge, doch konnte ein Niedergang im 17. Jh nicht ausbleiben, als die Universitäten in die Auseinandersetzung zwischen Episkopalisten und Presbyterianer verwickelt wurden. Doch schon im 18. Jh erfolgte ein Wiederaufleben: muttersprachliche Vorlesungen wurden eingeführt, das regents-System aufgehoben, neue Lehrbereiche wie Öffentliches Recht, ius patrium, ius civile, Medizin bewirkten eine Öffnung der Anstalten, Nonkonformisten aus England , Aufklärer, Moralisten etc. strömen nach Schottland, die Universität Edinburgh rückt so im 18. Jh nahe an Leiden heran, wird ein modernes Zentrum fortschrittlichen, aufgeklärten Studienbetriebes, an dem viele Ausländer partizipieren. Eine gewisse Auswirkung hatte wohl auch, daß die Universitäten in weltoffenen Handelsstädten gelegen waren und nicht wie Oxbridge auf dem Dorfe. Insoferne bestand ein erheblicher Unterschied zwischen den englischen und den schottischen Universitäten.
Reich
Hier kam es bereits im 15. Jh dazu, daß die einzelnen Territorialfürsten im Wege spezifischer Konkordate ihre eigene Kirchenpolitik betrieben und auch die Auffassung entwickelten, daß sie über eigene territoriale Universitäten verfügen müßten – diese Entwicklung begann bei den Kurfürsten und weitete sich dann enorm aus. Die Fürsten gründeten Universitäten, ließen sie vom Papst und/oder Kaiser privilegieren und finanzierten sie auch. Dementsprechend ist die Zahl der Universitäten angestiegen – das Reich ist jenes europäische Land, indem im 16. Jh am meisten Universitäten gegründet werden: 1506 bestehen 15, 1700 sind es 40 und eine nicht geringe Zahl von Gründungsprojektion ist gescheitert115; von den 40 sind 22 protestantisch, 18 katholisch. Nicht wenige dieser Universitäten sind ausgesprochen klein (100-300 Studenten) und haben nie überregionale Bedeutung entfaltet116: Rinteln117 in Friesland, Altdorf bei Nürnberg etc. Im 18. Jh treten fünf weitere Universitäten hinzu. Vergleichsweise verfügt um 1700 England über 2 Universitäten, Schottland über 4, Frankreich über 24, Spanien über 28 und Italien etwa 18.
Die traditionelle Auffassung von Friedrich Paulsen und anderen war, daß die Reformation die Schulen und Universitäten habe veröden und niedergehen lassen und sie durch die Konfessionalisierung zu territorialstaatlichen Unternehmen, Landesausbildungsstätten habe degenerieren, die Weite der mittelalterlichen Universität habe verlieren lassen, da man im Bestreben um die Abgrenzung und Sicherung der eigenen kleinen Welt weiterführender wissenschaftliche Ansprüche kaum zur Geltung gelangen habe lassen. Notker Hammerstein tritt dieser Auffassung entgegen und meint mit Peter Baumgart u.a., daß die deutschen Universität trotz des gewaltigen Einbruchs in der Frühzeit der Reformation118 (ein Zeichen der Unruhe, der Angst) ab 1535/40 bereits wieder einen raschen Aufschwung genommen hätten, ja gegenüber früher noch an Bedeutung gewonnen hätten119, was die Gründungswelle der Territorialuniversitäten erst ausgelöst habe. Wohl gab es einen Einbruch in den 1520er Jahren mit raschem Rückgang der Inskriptionszahlen, dann aber wieder ein rasches Ansteigen und in der Folge in den Jahrzehnten 1580-1620 geradezu eine Blütezeit. Der Dreißigjährige Krieg bringt nur partiell und vielfach nur verhältnismäßig kurzfristig neuerlichen Niedergang – Grobianismus, Pennalismus120 etc. –, dann erfolgt eher rasch eine Wiederherstellung des Systems. Mit der Gründung der 1694 und dann der (1734/37) wird überhaupt eine neue Epoche eingeleitet.
Bezüglich der Lage im Reich ist aber festzuhalten, daß die Universitäten durchgehend – anders als etwa in Frankreich oder Italien – als Ort der geistigen Tätigkeit und Produktivität in führender Position sind und bleiben – dabei ist natürlich darauf zu verweisen, daß es bis zur Akademiegründung in Göttingen und der Aktivierung von Berlin121 keinen anderen dafür geeigenete Institution gegeben hätte und daß gleichzeitig wegen der Zersplitterung in Territorien die Entstehung großer glanzvoller Höfe, die den Universitäten diese Rolle hätte streitig machen können, unterblieben ist – die Formulierung „Extra academias [= universitates] non esse vitam“ ist nicht nur negativ zu sehen.. Umgekehrt hat eben die Territorialisierung den Universitäten ihrerseits eine besondere Rolle verschafft, indem sie alle territoriale oder städtische Gründungsuniversitäten sind und als solche ja auch als geistige Zentren des Territoriums geschaffen und gepflegt worden sind. Die Verfassungsentwicklung und die Organisation des Reiches kommt insoferne den Universitäten entgegen. Die Universitäten des Reiches erleben nicht den langandauernden Niedergang, den die Universitäten in anderen Ländern erfahren, wo sie – wie in Frankreich in klassischer Weise – durch andere Institutionen, nämlich die Akademien überspielt werden.
Ein wesentliches Moment für diese Entwicklung ist die Ausformung des Humanismus in Deutschland, der hier auf eine weit weniger streng scholastische, sondern im Wege der Duldung der via moderna neben der via antiqua weit liberalere Auffassung trifft und in besonderer Weise – weit mehr als in Italien oder Frankreich – auf das Staatswohl und das Gemeinwohl, ja sogar auf das Wohl des Individuums abzielt. Typisch ist die Formulierung des württembergischen Grafen und ersten Herzogs Eberhard im Barte 1477 anläßlich der Gründung der Universität Tübingen:
"Wir haben uns deshalb überlegt, auf welchem Weg wir es denn am ehesten versuchen sollen, daß unserem Schöpfer Dankbarkeit, dem Staat und dem Heil und dem Nutzen unserer Untertanen ein allgemeines Wohlergehen verschafft werde: endlich stieg in uns kein beserer, für die Erlangung eines glückseligen lebens geeigneterer und dem unsterblichen Gott angenehmerer gedanke auf, als Studien und schöne Künste und Disziplinen, durch die wir Gott zu erkennen, den Boden zu bestellen und der Sonne zu gehorchen gelehrt werden, mit fleißiger Sorgfalt und Bemühung zu verfolgen". Die Menschen würden "durch die Bildung aus den Wissenschaften" am ehesten zu einem Gott wohlgefälligen Leben veranlaßt, mehr als durch Kunst oder Kirchenbauten. Weit mehr als die immer noch in der scholastischen Tradition stehenden Universitäten Frankreichs waren die deutschen Universitäten Staat, Individuum und Kirche verbunden und angehalten, im engeren Rahmen eines Reichsterritoriums zu wirken. Dem entspricht auch die vom Straßburger Reformer Johannes Sturm aufgestellte Formel: „Optime et pulcherrima rempublicarum armamentaria sint scholae philosophorum“. Gegen diese von den Landesfürsten getragene Entwicklung stellten sich vielfach die Stände, oder sie versuchten zumindest, sich eine Mitwirkung zu sichern.
Aber auch auf der Ebene des Reiches ist die Bedeutung der Universitäten in der 1. Hälfte des 16. Jhs gewürdigt worden: auf dem Augsburger Reichstag hat Karl V. verfügt: "Scholae seminaria sunt, non praelatorum tantum et ministrorum ecclesiae, verum etiam magistratum et eorum qui consiliis suis Respublicas gubernant [...] propterea de earundem instauratione magna cura habenda est" – die Schulen hätten nicht nur der Kirche, sondern auch den die Regierung und Verwaltung Ausübenden zu dienen und es sei ihnen deshalb Sorgfalt angedeihen zu lassen.
Luther wetterte fürchterlich gegen die Universitäten, vor allem gegen die Theologischen Fakultäten und gegen die Artisten, auch die Juristen: man habe „viel Doctores, Praedicatores, Magistros, Pfaffen und Mönche, das ist große, grobe, faule Esel mit roten und braunen Baretten geschmückt [=Artisten und Theologen], wie die Sau mit einer güldenen Kette und Perlen erhalten und uns auf uns selbst geladen, die uns nicht Gutes lehreten und dafür all unser Gut fraßen [...] Schandjuristen, Büttel, Henker, Juristen Fürsprecher und was des Gesindels mehr ist“. Nicht weniger zog er über den Heiden Aristoteles her. Und doch hat Luther zusammen mit Melanchthon auch eine neue, die protestantische Universität geschaffen – 1526/7 erfolgte die Gründung der Philipps-Universität Marburg, bald darauf die Reformierung der 1502 gegründeten Universität Wittenberg, 1574 die Gründung von Helmstedt unter Einfluß eines Melanchthon-Schülers122. 1524 empfahl Luther in einem Sendschreiben den Ratsherren der deutschen Städte, daß es eines Gemeinwesen „bestes und ihr allerprächtigstes Gedeihen, ihr Wohl und Kraft [sei] , daß sie viele gute, gebildete, vernünftige, ehrbare, wohlerzogene Bürger hat, die dann sehr wohl Schätze und alle Güter sammeln können, sie erhalten und recht gebrauchen“ und daß "die Wissenschaften und Sprachen, die für uns kein Verlust, vielmehr ein größerer Schmuck und Nutzen, Ehre und Gewinn sind, um die heiligen Schriften zu verstehen und auch um die weltliche Herrschaft auszuüben" zu pflegen seien – „Das sollen wir uns gesagt sein lassen, daß wir das Evangelium nicht sicher bewahren werden ohne die Sprachen. Die Sprachen sind die Scheiden, in denen das Messer des Geistes steckt“123. Aber auch das Recht müsse gepflegt und gelehrt werden, ohne das keine gottgefällige Ordnung in der Welt aufrecht zu erhalten sei. Und ebenso die Medizin, die das leibliche Wohl befördere.
Für Luther selbst steht dabei die Absicherung des Glaubens im Vordergrund. Anders ist es beim Humanisten Melanchthon, dem Luther letztlich bei der Umsetzung, der Reformierung der Universitäten, freie Hand gelassen hat. In der berühmten Nürnberger Schulordnung von 1526 schreibt Melanchthon, daß es Aufgabe der Schulen sei, die Lehre des Glaubens zu sichern, was aber nicht möglich sei ohne die rechte Lehre der Artes (litterae) und der Sprachen. Den Studienanfängern wird sogar verboten, höhere Vorlesungen zu hören, ehe sie nicht die fehlerfreie Beherrschung der lateinischen Sprache (und die Anfangsgründe der Mathematik) nachgewiesen hätten; Cicero, Erasmus, Terenz und Vergil waren die vorgeschriebenen Autoren. Erst auf der nächsten Stufe sollten die naturwissenschaftlichgen Materien des Quadrivium angegangen und die beiden heiligen Sprachen Griechisch und Hebräisch erlernt werden. Und: es wurden auch Disputationen vorgeschrieben, nachem sich herausgestellt hatte, daß die Unterlassung dieser als scholastisch verachteten Übungen sich sehr negativ ausgewirkt hatte. In der Theologie wurde nun natürlich den Texten des Alten und des Neuen Testaments der erste Rang eingeräumt, die bis dahin dominierende Lektüre der Kommentare wurde mehr oder weniger abgeschafft. In der Jurisprudenz wurde nun das kanonische Recht als Ausgeburt päpstlicher Tücke gegenüber dem Jus civile vernachlässigt, lediglich im Prozeßrecht und im Familienrecht konnte man nicht ganz darauf verzichten, sodaß es in der Lehre doch noch berücksichtigt werden mußte.
Wittenberg wurde gewissermaßen die protestantische Ideal-Universität: 4 Theologen, 4-5 Juristen, 2 Mediziner, 10-11 Professoren in der Artistenfakultät. Noch gab es keine strikte Fachzugehörigkeit, alle sollten nach wie vor innerhalb ihrer Fakultät wenigstens alles können, doch sollten die einzelnen Professoren sich möglichst einem Fach als Hauptgebiet widmen. In den Artes wurden Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Griechisch und Hebräisch wurden häufig von Theologen gelehrt; dazu kamen Geschichte, Geographie, Mathematik, Astronomie, Physik, Poetik, Philosophia practica. Für diese Fächer sollte es in der Folge besoldete Professuren geben. Dies ist realisiert worden und hat natürlich die Gegebenheiten an den Artes-Fakultäten stark verändert, ja der Artistenfakultät größere Bedeutung zugemessen und ihren für Deutschland typischen Aufstieg zur Dominanz – zuerst in Göttingen, dann voll ausgebildet in Berlin – eingeleitet; darin entwickelt sich ein wesentlicher Unterschied zu den französischen und angelsächsischen Universitäten. Die Lehre wurde durch die Konzentrierung auf eine Professur konzentrierter und professioneller, damit natürlich auch die Ausformung der Fächer an sich.
Dies war aber auch die einzige wesentliche bewußt gesetzte institutionell-organisatorische Veränderung. Im übrigen behielten die Universitäten der reformierten Länder die überkommenen Strukturen bei, sie behielten auch ihre Privilegien als eigenständige Institutionen mit eigenen Statuten, Lehrplänen, Berufungsvorschlägen und dem überkommenen Zeremoniell.
Sehr wohl gab es aber Veränderungen im Gesamtsystem der Wissenschaft in Hinblick auf die Gewichtung einzelner Disziplinen. Und auch dadurch, daß die Universität viel von ihrem alten klerikalen Gepräge verlor. Die Professoren , die nun auch als Kleriker nicht mehr dem Zölibat unterlagen, bildeten nicht mehr wie früher einen abgeschlossenen eigenen Stand. Ähnlich verhielt es sich auf der studentischen Ebene: die alten Kollegien wurden aufgelöst, übrig blieben lediglich Studentenwohnheime. der bis dahin im Reich ohnedies nicht so stark wie im Westen geübte "Bursenzwang" (den man als Verschulung tadelte) entfiel, die Studenten lebten "im Freien", in der Stadt, unter den Bürgern, was bis dahin in dem Maße nicht der Fall gewesen war; das Ideal der studentischen Freiheit in einem neueren Sinne nimmt hier seinen Ausgang. Akademiker wurde nun ein Berufsstand wie andere auch – aber dennoch verstand man sich im Reich (im Unterschied zu Italien etc.) als eine eigene ständeunabhängige und ständefreie Gemeinschaft und hielt auch damit an einem humanistischen Ideal fest – wenn etwa die Humanisten sogar dem Kaiser und dem Papst gegenüber das „tu“ des klassischen Lateins gebrauchten und nicht das damals selbstverständlich „vos“ (Ihr = Sie).
Überhaupt entwickelt sich langsam und natürlich nach Luther und Melanchthon, die an derlei nicht gedacht hatten124, ein anderer Begriff von akademischer Freiheit für Lehrende und Lernende als zuvor. Er wendet sich hin zur Freiheit in der Lehre, wie sie für die evangelischen Universitäten typisch und konstituierend geworden ist: 1737 wird die Freiheit der Lehre zu einem grundlegenden Eckpfeiler der neuen Universität Göttingen, dann für die Universität Berlin. Dies macht einen bedeutenden Unterschied zu den katholischen Universitäten, vor allem zu jenen unter jesuitischer Führung aus, wo das sehr rigide Jahrgangs-System nach der Ratio studiorum einen Freiraum für die Studierenden nicht zuließ.
Inhaltlich unterschied sich das Studienprogramm unterscheidet sich im übrigen kaum von den katholischerseits vertretenen Ansichten. Tatsächlich haben ja beide Seiten dies auch durch Anerkennung und Übernahme einzelner Bereiche dokumentiert: die Jesuiten haben das von dem Calvinisten Johannes Sturm (1507-1589) propagierte Programm der Universität Straßburg als ein dermaßen brauchbares und nachahmenswertes befunden, daß es sogar die Ratio studiorum beeinflußt hat, und vice versa hat Sturm 1565 in einem Brief an den brandenburgischen Markgrafen Albrecht selbst anerkannt, daß die Jesuiten ein Unterrichts- und Erziehungsmodell entwickelten, das eigentlich eine Verbesserung und Weiterführung seiner eigenen Ansichten darstelle: „ut a nostris fontibus derivata esse videatur“125.
Die Konfessionalisierung hat letztlich auf beiden Seiten – Katholizismus und Reformierten aller Spielarten – einen recht einheitlichen neuen Universitätstyp zur Folge gehabt. Allen gemeinsames Ziel ist die sapiens et eloquens pietas.
Beide Seiten legten allerdings Wert auf die geschlossene konfessionelle Ausrichtung ihrer Universitäten. Auf der Seite der Reformierten ergaben sich allerdings sehr bald unterschiedliche Auslegungen, und erbitterte Streitigkeiten waren die Folge, nicht nur zwischen Lutheranern, Calvinisten und Zwinglianern, sondern auch innerhalb der lutherischen Sphäre. Hier gelang es zwar 1574-1577, eine Reihe von protestantischen Universitäten auf die sogenannte Konkordienformel126 festzulegen, doch schlossen sich andere wiederum dieser Formel nicht an – was natürlich neuerliche Zerwürfnisse und Schwierigkeiten auslöste. De facto betrafen sie aber nur einen relativen kleinen Teil der Universitätsangehörigen, sodaß sich das Institut der peregrinatio academica erhalten konnte und die protestantischen Universitäten nicht wirklich aus der sich entwickelnden Respublica literarum ausgeschlossen wurden; nicht wenige Protestanten haben im Zuge ihrer Reise auch die katholischen Universitäten Frankreichs und Italiens besucht. Dafür haben auch die Landesfürsten gesorgt, die bei der Auswahl der Bewerber für die höheren Beamtenstellen auf einen weiteren Bildungshorizont Wert legten – „wird hier keiner ästimiert, der nicht gereist ist und seine exercitien gelernt hat“). Die neben der Glaubensforderung gleichwertige Forderung nach der Arbeit und dem Nutzen für das Gemeinwohl, wie es z.B. in der von David Chyträus mitverfassten Verfassung der Universität Rostock 1576 ausdrücklich festgeschrieben worden ist, haben einer allfälligen negativen Auswirkung der Konfessionalisierung gegengesteuert. Melanchthon hat die Forderung nach dem Gemeinnutz bereits aufgegriffen, 1622 schreibt ein Georg Engelhard Löhneys in seiner "Hof-, Staats- und Regierungskunst" folgendes: „Denn es ist dem gemeinen Nutzen viel schädlicher, wenn ein Fürst unverständige, böse Räte und Offiziere um sich hat, ob schon er verständig und fromm, als wenn der Fürst für seine Person unverständig, die Räte und Offiziere aber vorsichtig und aufrichtig seind“.
Die Schwierigkeiten und Differenzen zwischen den einzelnen lutherischen Landeskirchen und Universitäten haben eine viel uneinheitlichere, differenziertere Entwicklung im universitären Bereich dieser Länder geführt und auch eine vielfach polemische Konkurrenzierung und Befehdung bewirkt, die ihrerseits wissenschaftlich höchst befruchtend war. Die betraf vor allem die Artistenfakultäten und die Theologen, weniger naturgemäß die Mediziner und die Juristen. der damit verbundene Vorteil offenbarte sich erst mit dem Einsetzen der Aufklärung, der die Offenheit, Diskussionsfähigkeit und freiere Auffassung der protestantischen Wissenschaftler sehr entgegenkam, sodaß die Aufklärung hier natürlich viel rascher sich durchsetzte als an den zumeist jesuitisch geführten katholischen Universitäten.
Die konfessionelle Kontrolle in den territorialstaatlichen Universitäten der reformierten Länder ist in der Praxis bei weitem nicht so streng ausgefallen, wie sie theoretisch zu erwarten gewesen wäre. De facto haben die 15-20 Professoren der vielfach einen territorialen Universität in diesem Territorium eine höchst bedeutsame und angesehen und damit auch meinungsbildende Stellung eingenommen: die Theologen saßen in der Kirchenleitung, die Juristen in den Gerichtshöfen und arbeiteten auch als Diplomaten und nahmen damit Anteil an der kontrollierenden Macht. Vielfach haben sich Professorenkollegien auch als Faktoren zur Verhütung staatlicher Willkür und obrigkeitlichen Mißbrauchs bewährt. Ein Negativum lag natürlich darin, daß die Professoren überfordert wurden und zeitweise ihre Lehrtätigkeit darunter litt, sie überhaupt abwesend waren. Auf der Seite der Studenten gab es keine Gründe, aus dem Land wegzugehen – nirgendwo in Deutschland gab es einen großen glanzvollen Hof wie etwa in Paris oder London, an dem man große Erfahrungen machen konnte, und im Landesdienst (wenn man in diesen zurückkehren wollte), wurden ohnedies die Absolventen der eigenen Universität bevorzugt, außerdem war die Ausbildung in der Polizey und bei den Juristen etc. ohnedies auch auf die lokalen Gegebenheiten abgestimmt127. Außerdem blieben die Universitäten durch diese Anbindung an die Praxis lebendig und wirklichkeitsnahe. Insgesamt ist die soziale Rolle der Universität durch die Territorialisierung und die Konfessionalisierung wesentlich angehoben worden – es wird eine Art „Funktionalisierungsschub“ wirksam. Unter dem Einfluß des Humanismus bleibt aber das Ideal der Respublica litteraria erhalten!
Nach dem Dreißigjährigen Krieg, vereinzelt schon während des Krieges, beginnen die Universitäten – unter dem Druck auch des Entstehens von Ritterakademien128 wie der bereits erwähnten Gymnasia academica – ihren Fächerkanon zu modernisieren, die Lehrinhalte zu durchforsten und zu verjüngen, und man versucht auch, für den Adel attraktiver zu werden. Dies gelang vor allem jenen calvinistisch reformierten Universitäten, die besonders gute Beziehungen zu den niederländischen Universitäten hatten wie Frankfurt/Oder, aber auch Jena und Helmstedt. Unter den katholischen Universitäten des Reiches nahm Salzburg eine führende Position in der Modernisierung ein.
In dieser Zeit verändern sich die Universitäten im Reich auch äußerlich: die immer noch der Tracht des mittelalterlichen Klerikers angeglichene akademische Tracht verschwindet und weicht der Aufmachung des Kavaliers und man beginnt nach der Phase des Grobianismus auch wieder auf gute Sitten großen Wert zu legen. Um 1700 heißt es in einem Reformpapier zur Universität Halle: „Auf gute Aufführung der Lehrer ist vorzüglich zu sehen. Ich verachte das göttlichste Genie, wenn es auf öffentliche grobe Laster fällt“. Auch Münchhausen hat in Göttingen sehr viel Wert darauf gelegt, daß die Universitätsangehörigen insgesamt eine gesittete Gesellschaft abgeben129.
Eine ganz außerordentlich bedeutende Wendung nimmt das Universitätswesen im Reich durch die Gründung der Universität Halle 1694 und das Wirken des Christian Thomasius an ihr und dann durch die Gründung der Universität Göttingen 1734/37; sie bringen die Gewährung völliger Lehrfreiheit – so heißt es für Halle „Denken mag jeder in Religionssachen, über Gegenstände der Staatsklugheit und Moral, wie er will, aber alle seine Gedanken darf er nicht öffentlich vortragen, besonders, wenn er sich darin verrufenen Sekten nähern sollte. Denk-, Red- und Pressfreiheit nährt und erhebt die Seele; der kriechende despotisch behandelte Gelehrte wird in Ewigkeit nichts Großes liefern. Unsern Professoren ist ohne Rücksicht erlaubt, selbst das teutsche Staatsrecht bloß nach ihrer Überzeugung vorzutragen, ohne darauf zu sehen, ob ihre Lehrsätze mit dem Interesse derjenigen Klasse von Reichsständen, zu welcher unser Regent gehöret oder mit denen noch spezielleren Interessen unseres Hofs übereinstimmen oder nicht".
In der 2. Hälfte des 18. Jhs haben sich die protestantischen Universitäten dermaßen entwickelt, daß Johann David Michaelis 1768 feststellt, daß man lediglich England gegenüber vielleicht das Nachsehen haben werde, allen anderen aber voran sei, obgleich es in Deutschland keiner Akademie gebe, deren Mitglieder allein für die Wissenschaft leben könnte, außer in Berlin.
Schweiz
In der Schweiz entwickelte sich die Universität Basel im wesentlich wie die Universitäten im Reich – die Konzilsuniversität war 1449 mit dem Konzil erloschen, doch war 1460 eine neue Universität gegründet worden. 1532 wurde die Universität dem quasi autonomen Stadtrat unterstellt, der ihr im 16. Jh auch unter konfessionellen Gesichtspunkten ihre Freiheit beließ; im 17. Jh allerdings kippte man in eine kleinlich, streng orthodoxe Zucht des Stadtrates, die alle Freiheiten beschnitt und die Universität sehr rasch ihre alte überregionale Bedeutung verlieren ließ.
Die reformierten calvinischen und zwinglianischen Universitäten (natürlich ohne jede Privilegierung) besaßen keine Fakultäten, sondern bestanden nur aus einer Akkumulierung von Lehrstühlen, waren aber straff organisiert (stärker als die lutherischen, ja sogar als die jesuitischen) und in vieler Hinsicht Vorbild für die Universitäten anderer reformierter Gebiete. Es gab zwar sehr detaillierte kirchliche Richtlinien, daneben aber anfangs doch auch einen gewissen Freiraum für humanistische Studien. Im 17. Jh hat die Bedeutung dieser Universitäten rasch abgenommen.
Niederlande
Ganz anders entwickelten sich die Universität in den reformierten Niederlanden. Hier hatten Leiden (1575), Groningen (1612) und Utrecht (1632) von Beginn an überregionale Bedeutung erlangen können und allgemein anerkannte Grade verliehen, ohne daß sie je ein Privileg erhalten hätten. Obgleich strenge Kirchenzucht herrschte, beließ man den Universitäten einen gewissen Spielraum, zumal ja aus Frankreich und auch aus anderen Ländern nicht wenige Gelehrte aus konfessionellen Gründen nach den Niederlanden emigriert waren und man sich dort der Bedeutung dieser Leute und der Wirksamkeit dieser Internationalität auch für das Überleben der kleinen Republik bewußt war. So haben die Stadtväter und regierenden Politiker trotz aller kirchlichen Aspekte diese Universitäten weitsichtig unterstützt und gefördert – was aber nicht immer verhindert konnte, daß Männer wie Hugo Grotius aus religiösen Gründen zu lebenslanger Haft verurteilt wurden. Die Tolerierung wurde noch verstärkt, als die Niederlande 1648 in ihrer Selbständigkeit anerkannt wurden. Den kirchlichen Stellen waren die Anstalten allerdings zu wenig orthodox und in gewisser Hinsicht ein Dorn im Auge, doch vermochten sie sich nicht gegen die weltlichen Interessen der Regierenden der Generalstaaten130 durchzusetzen, was den niederländischen Universitäten eine enorme Stellung und Bedeutung sicherte131.
Skandinavien
Die 1477 gegründete Universität Uppsala132 folgte nach der Reformation zunächst dem Wittenberger Modell, geriet dann im ausgehenden 16. Jh unter ramistischen Einfluss, bis sie von Gustav Adolf in strengem Luthertum reformiert. Einen eigenständigen Charakter gewinnt Greifswald133 – gegründet 1456 – als Universität des Ostseeraums vor allem durch seine Juristenschule.
1.4.4.3 Die Universitäten in den katholischen Ländern
Frankreich
An den französischen Universitäten ist vor allem die Theologie erstarrt, die unerhört starke scholastische Theologie in Paris, die ja gewissermaßen mitbestimmte, was Kirche und kirchliche Lehrmeinung sei, hat sich dem humanistischen Einfluß weitestgehend entzogen, und mehr und mehr entwickelten sich die Pariser Theologen zu Hütern der Orthodoxie, die an den Grundmustern der alten scholastischen Theologie festhielten. Dies hat maßgeblich zum Niedergang der franzlösischen Universitäten während der Religionskriege beigetragen. Vereinzelte Reformierungsansätze – 1679, 1700, 1707 – seitens der Krone blieben erfolgslos. Die laufende Verstärkung der Zentralisierung hat die Ausdünnung der Sorbonne gefördert, da diese am Ende eines cursus honorum stand bzw. sich mehr oder weniger aus sich selbst bzw. aus die Universität umgebenden Zirkeln rekrutierte.
1530 ist beispielsweise das Collège des lecteurs royaux – die Vorläuferinstitution des College de France – nicht der Universität Paris eingegliedert worden, weil diese es ablehnte. Die 1425 gegründete Universität Löwen (Leuven, Louvain) hat hingegen 1517 die Inkorporierung der Collegium trilingue akzeptiert134.
Spanien
Eine ähnlich Erstarrung wie in Frankreich ist an den spanischen Universitäten eingetreten. Sie ging Hand in Hand mit dem Bemühen um eine besondere Absicherung des eben erst abgeschlossenen Missionierungswerkes nach dem Fall von Granada (1492) durch einen rigoroseren Katholizismus, als es etwa das erasmische Christentum war. Nach und nach gerieten die Universitäten in die Hand von Orden – der Dominikaner und der Jesuiten. Die Fakultäten verkümmerten und wurden zusammengefaßt in Ordensstudien. Einzelne Universitäten monopolisierten die Vergabe bestimmter Posten, Lehrstühle wurden als Pfründenbesitz betrachtet, ebenso die Kollegienstellen, die z.T. als Pfründen von Professoren eingenommen wurden. Reformversuche seitens der Krone scheiterten, zumal die königlichen Räte ja selbst aus diesem System hervorgegangen waren. Das Studium im Ausland wurde 1559 überhaupt verboten – nur wenige durften noch unter bestimmten Bedingungen nach Rom, Coimbra, Neapel oder Bologna gehen. Das System erstarrte in Traditionalismus.
Reich
In Bezug auf das Reich ist bereits festgestellt worden, daß der Unterschied zwischen den reformierten Gebieten und den katholischen Gebieten nicht so gewaltig war.
Im katholischen Bereich bediente man sich häufig des Jesuitenordens, dessen Lehrmonopol ja auch im Reich galt, und so entstanden vielfach Universitäten mit einer Artesfakultät mit drei Jahrgängen und einer Theologischen Fakultät (wie beispielsweise die Universität Graz); kaum eine dieser Universitäten ist voll ausgebaut worden, da die Jesuiten keinen Lehrauftrag für Jurisprudenz oder Medizin hatten; und wenn diese Universitäten vervollständig wurden, dann nahmen die juridischen und medizinischen Fakultäten eine ganz andere Stellung ein (wie das Beispiel Wien erweist), da sie im spezifischen territorialen Interesse lagen. Die Universitäten wurden im katholischen wie im reformierten Bereich zunehmend Instrumente einer landesfürstlichen Meliorationspolitik, und sie sind diesen utilitaristischen Zielsetzungen vielfach auch erfolgreich nachgekommen, vor allem als im 18. Jh eine rege Reformtätigkeit einsetzte, die von Halle über Göttingen ihren Ausgang nahm und sehr rasch zu einer Erneuerung der Universitäten unter staatlicher Dominanz führte (die freilich dann in den Jahren nach 1789 sehr rasch weitgehend zunichte gemacht worden ist).
Polen
Hier existierte praktisch nur Krakau mit verschiedenen Dependencen.
Italien
An den Universitäten Italiens blieb die traditionell starke Jurisprudenz auch im 16. Jh dominierend, zunehmend kamen deshalb auch Ausländer, die allerdings auch an die Medizin gingen – mitunter machten die Ausländer die Hälfte der Immatrikulierten aus. Zu Erhaltung dieses ökonomisch interessanten Ausländeranteils drangen die Universitätserhalter auf exakter organisierte, kürzere Studien. Die traditionell vernachlässigte Theologie spielte weiterhin kaum eine Rolle, ja manche Universitäten besaßen nicht einmal eine theologische Fakultät. Im Zuge der Gegenreformation haben sich diese offenen Verhältnisse allerdings etwas verhärtet. 1564 versuchte Papst Pius IV mit seiner Bulle In Sacrosancte die „leichtsinnigen“ Promotionen ausländischer Protestanten an italienischen Universitäten abzustellen, doch hat man sowohl an den Universitäten wie bei den Universitätserhaltern (wie etwa in Venedig) mit allerlei Tricks versucht, diese Einschränkungsversuche zu umgehen, indem man z.B. eigene Prüfungsbehörden außerhalb der Universitäten einrichtete u.ä. An der Universität Padua umging man sogar den geforderten Eid auf die Rechtgläubigkeit, so konnten dort sogar Juden aufgenommen werden. Auf grund dieser Verhältnisse hielt sich der Zustrom nichtkatholischer Studenten bis in das 17. Jh hinein. Gleichzeitig ging aber ab dem 16. Jh die Freizügigkeit der italienischen Studenten zurück, weil die Landesherren die Absolventen der eigenen Universitäten bei der Einstellung vorzuziehen begannen. Dies leitete eine gewisse Verprovinzialisierung ein, die im 18. Jh zu einem Nachlassen des Besuches durch Ausländer führte. Da insgesamt der Markt im 17. Jh enger geworden war (es waren ja auch die Jesuiten hinzugekommen), begannen die Professoren sogar Privatvorlesungen zu geben, sodaß inoffizielle Privatuniversitäten neben den offiziellen Universitäten entstanden (womit sich die Professoren selbst Konkurrenz machten), was verschiedentlich zu einer Verkümmerung zu reinen Berufsvorbereitungsschulen führte. Andererseits entstanden gleichzeitig hochspezialisierte Fachhochschulen, wie etwa eine solche für die Naturwissenschaften in Verona 1669. In den habsburgischen Gebieten setzte unter Maria Theresia 1753 die Reform ein.
Insgesamt ist festzustellen, daß die Reformen stets von den Landesfürsten angeregt wurden, die Lebensfähigkeit durch den Landesfürsten garantiert werden mußte; aber auch, daß dennoch die Universitäten immer wieder bemerkenswerten Freiraum behielten.
1.4.4.4 Die Universitäten und die Wissenschaftsentwicklung
Von der Typologie her dominierte im 16.-18. Jh das Pariser Modell, das allerdings drei spezifische Varianten ausbildete:
1 Professoren-Universität mit einem nach Fakultäten gegliederten und in Professuren organisierten System, speziell zur Ausbildung von Spezialisten,
2 College- oder Tutorien-Universität nach dem Modell Oxford mit primär dezentralem Lehrbetrieb und einer Vielzahl von Gemeinschaften, in denen Lehrer und Studenten zusammelebten und neben der Fakultätsstruktur der Schwerpunkt eher auf der Allgemeinbildung lag,
3 Kolleg-Universität, ein Zwischenmodell, das die Vorteile zentraler Organisation mit dem Kollegsystem in überschaubarer Größe verband und eine bessere Kontrolle des Studiums und des studentischen Lebens ermöglichte. Es war dies ein hauptsächlich in den Randgebieten realisierter Typ (Schottland, Spanien, Deutschland, Osteuropa), der den Wunschtypus jedes Fürsten darstellte, der die Universität unter seine Kontrolle zu bringen suchte.
Großen Einfluß entwickelte auch das 1538 von Johannes Sturm für Straßburg entwickelte Modell, bei dem auf eine humanistische Schule mit Alterklassen ein halbuniversitäres System mit Lehrstühlen aufbaute, die den Stoff im Turnus der Lehrveranstaltung anboten. Dieses Modell ist sowohl von der reformierten, als auch dann von den Jesuiten übernommen worden.
Melanchthon hat das Lehrstuhlsystem vertreten, das an allen lutherischen Universitäten beibehalten worden ist.
Eine spezielle Gruppe bildeten die Jesuitenuniversitäten, die 1556/61 von Paul IV das Recht zur Verleihung der unteren akademischen Grade erhalten hatten. Diese Universitäten bestanden in der Regel nur aus einer Artistenfakultät mit einem dreijährigen Turnus und einer Theologischen Fakultät; nur wneige entwickelten sich zur Volluniversität – und wenn dann meist erst in der 1. H. des 18. Jhs. Graz ist ein typisches Beispiel für diesen Typ.
Dem Bereich Hochschulen sind für den Zeitraum 16.-18. Jh korrekterweise noch zahlreiche Institutionen zuzurechnen, die nicht als Universitäten akzeptiert waren, aber als solche wirkten: die bereits erwähnten humanistischen Schulen, gymnasia illustria oder academica, und eine Fülle von Ordensseminarien unterschiedlichster Organisationsform.
Es tritt im 16.-18. Jh eine unglaubliche Vielfalt von Universitätsgründern auf. Dennoch nimmt die Freiheit der Gründungsinitiativen laufend ab, indem die Landesfürsten die Dinge an sich ziehen und ihrer Kontrolle unterwerfen.
Hinsichtlich der Konfessionalisierung ist zu bemerken, daß es einzelnen Laienuniversitäten erstaunlich gut gelungen ist, sich der geistlichen Kontrolle durch die Kirche zu entziehen, ganz besonders trifft dies für die niederländischen Universitäten zu, obgleich sie sich zur reformierten Kirche bekannten und auch deren Pfarrer ausbildeten. Die Auseinandersetzungen zwischen einzelnen, konfessionell unterschiedlich orientierten Hochschulen in einer Stadt sind spätestens im 18. Jh abgeflaut, als der Staat alles an sich zog.
Vor allem in den katholischen Ländern, wo nur die via antiqua beschritten wurde, blieb es bis weit in das 15./16. Jh hinein bei den alten Fächern, die z.T. noch immer aus Autoren des 13. Jhs vorgetragen wurden – dies war aber auch an den klassischen, den Ockhamismus ablehnenden Universitäten nicht anders: in Oxford und Cambridge wurden die drei Philosophien135 (Metaphysik, Moral, Naturphilosophie) im 15. Jh im wesentlichen gelehrt nach: Aristoteles, Thomas von Aquin, Albertus Magnus, Duns Scotus, Thomas Bradwardine, Averroes, Giles von Rom und Walter Burleigh, was in England eine realistische (im Sinne des Universalienstreites) und sterile Fortsetzung des scholastischen Philosophie bewirkte. Vor allem in Oxford regierte der Scotismus. Ockham wurde nicht gelesen.
Am stärksten veränderte sich in der Zeit 16.-18. Jh die Artesfakultät, indem nämlich das propädeutische Element mehr und mehr an neue, immer höherwertigere Schulformen – gymnasia illustria, colleges de plein exercice, oft auch nur verselbständigte Colleges und auch an die dreisprachigen Kollegien in Alcalá de Henares, Löwen und Paris, die ja sehr bald nicht mehr nur Sprachen, sondern auch Mathematik und andere Fächer lehrten – überging, sodaß sich der Übergang von der Artesfakultät zur Philosophischen Fakultät anzubahnen begann. Parallel dazu boten ab dem 17. Jh die neu aufkommenden Ritterakademien einen stark technisch und angewandt ausgerichteten, sehr komplexen Unterricht in geradezu militärisch straffem Stil an; meist handelte es sich um Schulen samt Internat, also geschlossene Systeme mit perfekter Kontrolle über die Schüler, was den Eltern wilkommen war und auch den landesfürstlichen Intentionen nicht zuwiderlief.
Wie altertümlich diese Struktur aber anfangs sogar an einer reformierten Universität aussah, lässt sich am Beispiel der Universität Basel zeigen. Ähnlich verhielt es sich an den anderen Universitäten.
Zu Beginn des 17. Jhs erhielten die englischen Artesfakultäten einige neue Professuren bzw. es wurden alte Lehrstühle neuen Fachbereichen gewidmet, wobei die Geschichte eine besondere Rolle spielte, die ja keinen eigenständigen Platz im Kanon der an der Universität gepflegten Fächer einnahm136; in Oxford wurden innerhalb kurzer Zeit bedeutende Professuren eingerichtet:
1618 durch Sir William Sedley der Sedleian Chair of Natural Philosophy
1619 durch Sir Henry Savile der Savilian Chair of Geometry (dessen erster Inhaber Henry Briggs wurde, dessen Logarithmen allgemeine Verbreitung fanden) und der Savilian Chair of Astronomy
1621 eine Professur der Moral Philosophy durch Dr. White
1622 eine Professur für Geschichte durch William Camden als Stifter137
In Cambridge wurde lediglich 1627 eine Professur für Geschichte (mit Fulke Greville als Stifter) installiert. Die Anregung dazu war von der 1586 gegründeten Society of Antiquaries in London, also von privater nichtakademischer Seite (Rechtsanwälte, Herolde und hohe Beamte) ausgegangen, die das Defizit erkannt hatten und ihm zu begegnen suchten.
In den Ausmaß, in dem die Universität die alte Universalität verloren und unter dem Druck der Landesfürsten die Zersplitterung der Universitätslandschaft bewirkt wurde, eine Territorialisierung, ja Regionalisierung eintrat, vollzog sich auch eine langsame, aber permanente Einengung der Studienprogramme.
Weiters verlagert sich die Dominanz innerhalb der Universitäten von den im Mittelalter weitaus überwiegenden Artistenfakultäten zu den Rechts- und Medizinfakultäten. Allerdings wurden in einzelnen Ländern Zulassungsprüfungen – Konkurse – zu einzelnen Positionen in der Verwaltung eingeführt, die dem Bewerber das teure Studium der Rechte ersparten und zudem exakter auf die Bedürfnisse zugeschnitten waren und somit sehr rasch einsetzbare Beamte lieferten.
Wirklich erfolgreich waren die Universitäten lediglich in der Verteidigung des Promotionsrechtes.
An der eigentlichen Wissenschaftsentwicklung nahmen die Universitäten so gut wie keinen Anteil – die lief außerhalb der Universität; diesbezüglich ist auch der Akademien zu gedenken.
Lediglich die Universität Leiden kann um 1600 eine Sonderstellung für sich beanspruchen – sie vefügte über eine erhebliche Anzahl hervorragender Wissenschaftler, die den Ton angaben und mit ihren Arbeiten eine Spitzenstellung einnahmen; doch handelte es sich dabei mehrheitlich um geisteswissenschaftliche, philologische und wissenschaftstheoretische Arbeiten, von experimenteller Arbeit ist noch keine Spur, die setzt erst um 1660 ein – Basel ist ein frühes und schönes Beispiel dafür.
1.4.4.5 Innere Struktur und Organisation der Universitäten 16.-18. Jh
In der inneren Struktur bringt diese Zeit 16.-18. Jh auch den Niedergang der Nationen, die praktisch ihre Bedeutung verlieren (in Wien schon zu Beginn des 16. Jh) und z.T. auch de iure untergehen (1619 hat Ludwig XIII die Nationen in Frankreich aufgehoben), die Studenten lassen sich erst gar nicht mehr in die Nationen eintragen bzw. es werden mitunter völlig willkürlich Matrikeln geführt, soweit noch eine Zwangsmitgliedschaft besteht (wie etwa in Leipzig bis 1620). Am längsten bestanden die Nationen wirksam in Padua, weil sie dort bei dem hohen Ausländeranteil ihre ursprüngliche Funktion der Aufrechterhaltung des Kontaktes zum Heimatland noch einigermaßen erfüllten.
Die im Mittelalter maßgeblichen päpstlichen und kaiserlichen Privilegien allgemeinerer Natur haben im 16. Jh an Bedeutung verloren. Dafür kamen neue Privilegien hinzu, die sich als sehr bedeutsam erweisen: das Druckmonolpol, das Anrecht auf Pflichtexemplare einer Druckerei, eine bestimmte Kleidung zu kultivieren oder sich Statuten zu geben (die dann allerdings in der Regel von der übergeordenetn Instanz zu genehmigen waren – z.B. Marburg, Gießen 1629, behält dieselben Statuten bis 1879!). Mitunter betrafen derartige gesetzliche Regelungen nur eine Universität, mitunter aber auch alle in einem Herrschaftsbereich, sodaß diese Gesetze allgemeineren Charakter annahmen. Ab 1600 kommt es vermehrt vor, daß Landesfürsten Universitäten, deren Betrieb ihnen gegenüber beanstandet wird, visitieren und durch Verordnungen zu korrigieren suchen – 1607 hatte ein solches Verfahren durch den Habsburger Erzherzog Albrecht der Universität Löwen gegenüber ein grundlegendes Studiengesetz zur Folge. Ähnlich haben die französischen Provinzparlamente ab etwa 1500 ihre Universitäten immer wieder reformiert (bis zu deren Aufhebung 1793).
Hinsichtlich der Universitätsorgane ist hervorzuheben, daß die Generalversammlungen im 16. Jh an Bedeutung zu verlieren zu beginnen. Sie führen nun meist unter humanistischem Einfluß die Bezeichnung senatus, zählen aber in Frankreich, im Reich und in Schweden nach und nach nur mehr die ordentlichen Professoren zu ihren Mitgliedern. In Oxford und Cambridge blieb man im wesentlichen noch bei der alten Zusammensetzung, wobei sich jedoch eine Zweiteilung in eine Kammer der lesenden und eine Kammer der nichtlesenden Magistri ergab; im 18. Jh ist die Macht dieser Great Congregation oder Great Convocation in Oxford und des Senats in Cambridge stark zugunsten des Vizekanzlers eingeschränkt worden. In Bologna und Padua gab es nach wie vor noch die Generalversammlung, die ausschließlich aus Studierenden bestanden, doch gab es mittlerweile daneben auch die Fakultätsversammlungen der Professoren.
Da sich die Wirksamkeit der riesigen Kollegialorgane sehr in Grenzen hielt, entstand in der Regel ein kleiner Senat, dessen Zusammensetzung natürlich sehr unterschiedlich sein konnte – Rektor, Vizekanzler, deputierte Senatoren, Dekane, Leiter von Colleges. In Cambridge und dann auch in Oxford entwickelte sich überhaupt ein eigenes, tatsächlich die Geschäfte führendes Gremium, der Hebdomadal Council (der wöchentliche Rat), der in Oxford heute noch besteht. In Bologna und anderen italienischen städtischen Universitäten und vor allem dan auch in den Niederlanden sind auch außeruniversitäre Personen in den Senat aufgenommen worden, Vertreter der Stadt, von den holländischen Provinzstaaten ernannte Kuratoren etc. – Ähnlich verlief die Entwicklung auf der Fakultätsebene.
Wenige Veränderungen gab es hinsichtlich des Rektors, seine Aufgaben blieben dieselben. Im Reich wurde es allerdings – mit Ausnahme der Universität Köln – üblich, die Rektorswürde einer königlichen Hoheit oder einem hochadeligen Studenten zu verleihen; man erhoffte sich davon eine besondere Protegierung der Universität. Das eigentliche Rektorsamt wurde dann von einem gewählten Prorektor ausgeübt. Die Amtsperioden für das Rektorat waren ursprünglich kurz: ein Semester, maximal ein Jahr, die Professoren durchliefen vielfach das Amt turnusmäßig. Das längst nicht mehr ernstgenommene studentische Rektorat in Bologna fand ein Ende, als sich 1604 kein Kandidat mehr fand.
Eine Besonderheit des Rektorsamtes war die Wahrnehmung des akademischen Gerichtes, für das mitunter zusätzlich auch ein eigener Disziplinarbeamter angestellt wurde. Die verhängten Strafen waren: Tadel, Geldstrafe, körperliche Züchtigung oder Gefängnis. Laufende Querelen zwischen den Universitäten und den Bürgerschaften der Städte waren die Regel; die Bürger bezichtigten den Rektor der unlauteren Bevorzugung der Universitätsmitglieder, mitunter wurden deshalb auch Nicht-Universitätsmitglieder beigezogen. Dies führte auch dazu, daß im späten 17. und mehr noch im 18. Jh das akademische Gericht an Bedeutung verlor, ja in nicht wenigen Ländern sogar aufgehoben wurde, so in Österreich durch Josef II. Ein anderer wesentliche Agende des Rektors war die Wahrnehmung der Finanzen der Universität; auch dafür gab es meist einen eigenen Beamten, eine Art Schatzmeister, der die gesamte finanzielle und ökonomische Verwaltung unter Oberaufsicht des Rektors zu besorgen hatte; in Uppsala mußte dieser Beamte einen akademischen Grad besitzen und wurde vom König eingesetzt.
Die Einkünfte der Universitäten bzw. der Kollegs setzten sich in der Regel aus zwei Gruppen zusammen: Eigentum und Nutznießungen. Eigentum waren meist die ursprünglich gestifteten Immobilien und Mobilien; Mäzene tätigten meist Stiftungen in Form von Nutznießungen. Dazu traten die Einkünfte der Universität oder des Kollegiums aus der Immatrikulation und den Prüfungsgebühren sowie Bußgeldern der Studenten und kleineren Stiftungen, die meist zu ganz bestimmten Zwecken getätigt wurden (z.B. für den Ankauf von Büchern für eine bestimmte Lehrkanzel etc.). Die Hochschulträger unterstützten die Universitäten zunehmend mit direkten und festen Geldbeträgen und auch mit der Umwidmung von festen Pfründen zugunsten der Universität, meist speziell zur Besoldung einer bestimmten Professur – die Universität Krakau verfügte gegen 1800 hin über insgesamt 300 Pfründen. Aber nur wenige Universitäten sind dermaßen reich begabt worden wie Krakau oder wie die schwedischen Universitäten, wo König Gustav Adolf II. große Summen und ganze Landschaften der Universität Uppsala stiftete, um sie auf europäisches Niveau zu heben – ganze Landschaften, dazu 264 freie Bauernhöfe, Anteile an weiteren Höfen, an Mühlen, Einkünfte aus Pfarreien etc.etc. Die Universität Uppsala konnte sogar Rücklagen bilden und erlebte infolgedessen eine etwa 200jährige Blütezeit.
Den größten Teil der Ausgaben verschlangen in der Neuzeit (anders als im Mittelalter) die Gehälter der Professoren und die der Beamten. In England schufen im 16. Jh die regius professorships soziale Sicherheit, in Salamanca unterschied man zwischen catedraticos de regencia und catedraticos de propriedad, deren Gelder aus weniger sicheren Quellen stammten. Eine dritte Ausgabenart waren die Stipendien für Studenten. Generell ist zu sagen, daß die Kollegien finanziell viel besser gestellt waren als die Universitäten, da sie meist von Stiftern zur Gänze ökonomisch abgesichert wurden. Mißstände in der Verechnung haben im 17. und 18. Jh dazu geführt, daß staatliche Kontrollen vorgenommen wurden, die Gelegenheit zur Einflußnahme seitens des Staates boten.
Wie bei den Zünften auch gab es an den Universitäten Kassen für kranke Mitglieder, Witwen und Waisen, die immer stärker institutionalisiert wurden; bei der Gründung der Universität Halle 1693 wurde eine derartige Kasse uno actu errichtet und aus speziellen Mitteln gespeist.
Neben den bis dahin üblicherweise vorhandenen Beamten stellten die moderneren Universität im 17. Jh eine Reihe von Lehrern an, die es bis dahin an den Universitäten nicht gegeben hatte: Zeremonienmeister, besoldete Redner, Reit-, Tanz- und Fechtlehrer etc. im 18. Jh treten dann die ersten Lehrer lebender Fremdsprachen hinzu und auch der jeweiligen Nationalsprache (z.B. in Wien, Frage des Beamtendeutsch, d.h. Deutsch als normalisierte Verwaltungssprache). Auf der Ebene der Handwerker traten die Buchdrucker, die Buchbinder und Gärntner hinzu.
Die Funktion einer Aufsichtsbehörde haben vielfach noch die Kanzler (ursprünglich als beauftragte Stellvertreter des Bischofs) wahrgenommen, in einzelnen Fällen haben sie dies mit großem Einsatz getan, meist aber nur im Sinne eines leeren Ehrenamtes. Die tatsächliche Aufsicht verlagerte sich mehr und mehr auf Regierungsbeamte und im 18. Jh wohl auch auf Kommissionen wie die von Maria Theresia eingesetzte Studienhofkommission. In Spanien haben Karl V. und Philipp II. zu wiederholten Malen Universitäten visitiert, ähnlich fanden derartige Inspektionen in England ab 1535 statt. Die Inspektionen, Visitationen veränderten nach und nach das Verhältnis zwischen Staat und Universitäten, trugen zur Vermehrung der staatlichen Einflußnahme bei. In Italien und Deutschland konnten derartige Visitation auch durch gewählte Vertreter von Bürgerschaften, Städten, sogenannte "Kuratoren", durchgeführt werden.
Als eine spezielle Sonderform war immer noch die Institution der Pfalzgrafen und der Doctores bullati vorhanden. Der Pfalzgraf hatte aus karolingischer Zeit das Recht, bestimmte Rechte im Namen des Herrschers auszuüben, z.B. Notare zu ernennen, Adelstitel zu verleihen oder eben Doktoren zu promovieren138. Im Spätmittelalter gab es zusätzlich zu den kaiserlichen auch noch päpstliche Pfalzgrafen, die Lateranenses; diese Pfalzgrafen haben natürlich mitunter ziemlichen Abusus getrieben, weshalb sie auf der päpstlichen Ebene unter Papst Pius V. (1566-1572) das Promotionsrecht verloren. Die doctores legitime promoti haben die von den Pfalzgrafen, den Päpsten oder den Kaisern selbst promovierten doctores bullati nie als ebenbürtig anerkannt.
Ausdruck der Universität waren stets die Insignien, die sich unterschiedlich zusammensetzen konnten: in Wien zählte das Matrikelbuch dazu, in Basel der "Bülgen" = Geldsack, in Krakau der Ring, der im Reich und in Italien in besonderer Weise eine insignia doctoralis war (in Österreich heute noch der sub-auspiciis-Ring). Allgemein zählte das Siegel dazu – Siegel der Universität und die Siegel der Fakultäten, oft mit Gottesmutter als Patronin der Gesamtuniversität und einzelnen Schutzpatronen auf den Fakultätssiegeln. Das Szepter symbolisiert die rechtliche Unabhängigkeit. Vielfach wurde auch eine reiche Heraldik entwickelt. Im 16. Jh begannen in Prag die Rektoren, Amtsketten zu tragen – das Tragen von Ketten war ursprünglich ein Recht allein des hohen Adels. An anderen Universitäten wie Wien wurden die Ketten wohl erst im 18. Jh eingeführt, als die Talare abgeschafft wurden. Die Talare entwickelten sich in der Neuzeit immer auffälliger in den verschiedensten Formen. 1784 hat Josef II die "Mantelkleider",d.h. die Talare verboten, in denen er ein Überbleibsel des finsteren Mittelalters erblickte, in dem sich die Päpste das Recht zur Gründung von Universitäten angemaßt hätten; nicht verboten wurde die alte Tracht der Prager Universitätspedelle, weil sie als Bedientenlivree eingestuft wurde. In Österreich wurden die Talare als Symbole der Hochschulautonomie 1927 wieder eingeführt139. Die einzelnen Universitäten entwickelten spezifische Zeremonielle und Rituale, in denen meist aus dem Mittelalter überlieferte Gewohnheiten eine zentrale Stellung einnahmen – Prozessionen, Festessen, Eröffnung des akademischen Jahres etc. Von der Renaissance an bürgert es sich ein, daß Bildnisse der Rektoren und berühmter Professoren angefertigt werden. Insgesamt vollzieht sich vom 15.-18. Jh der Übergang von einem kirchlich bestimmten Gepräge zu einer adeligen, aristokratischen Repräsentation.
Die College-Universitäten des Mittelalters verfügten kaum über eigene Gebäude, meist war der Rektor mit der Verwaltung in irgendeinem College untergebracht. Typisch dafür ist auch, daß einzelne Colleges ganzen Universitäten ihren Namen gaben: Sorbonne, Sapienza, Karolinum. Es gab wohl einen eigenen Baustil der Kollegien (rechteckiger Hof, Kapelle, Speisesaal etc., nicht aber der Universitäten. Im 16. und 17. gibt es auch den Typus der <wissg-i-jesuitenkollegium:Jesuitenkollegien>. Es gibt zwar keine Universitätsarchitektur, die sich durchgesetzt hätte, wohl aber gab es eine Reihe von Entwürfen idealer Kollegien- bzw. Universitätsgebäude.140 Die universitären Einrichtungen wurden aber in der Regel gerne innerhalb einer Straße, eines Stadtviertels zusammengefasst; dies hat die Ausweitung, die Erneuerung und die Errichtung von Neubauten enorm erschwert, siehe etwa in Paris, Wien und Oxford. Die Universitätsgebäude des 18. Jhs spiegeln nicht mehr die Universitas der Lehrenden und Lernenden wider, sondern werden mehr und mehr Ausdruck der staatlichen Macht wie der utilitaristischen Nutzung von Wissenschaft.
Im 16. Jh entstehen die ersten spezifischen räumlichen und institutionellen Universitätseinrichtungen: Botanische Gärten (zuerst 1544 in Padua und Pisa, 1563 Bologna, Leipzig 1580, Leiden 1581, dann Basel, Heidelberg etc.; in Paris nie, man benützte den Jardin du Roi). Eine andere neuartige Einrichtung war das anatomische Theater (1566 Montpellier, Padua 1594/95, Leiden 1597, Delft 1614, Amsterdam 1617, Paris 1617; in Halle wurde ein anatomisches Theater 1727 vom Professor der Anatomie privatim errichtet und an den Nachfolger verkauft, der es dann ebenso hielt).
Im Grunde genommen müssen sich die Universitäten bis in das 18. Jh mit völlig unzulänglicher gebäudemäßiger Ausstattung und mit Anmietungen behelfen. Nicht einmal die 1693 als Reformuniversität begründete Universität Halle erhielt eigene Gebäude, sie hauste in Privathäusern, Vorlesungen mußten räumlich mit Hochzeitsgesellschaften und Theaterveranstaltungen konkurrieren und erst 1731 erhielt die Universität von der Stadt die Räume einer Bäckerei für die Verwaltung zur Verfügung gestellt.
Universitätsbibliotheken im eigentlich Sinn gab es Mittelalter nicht. Es gab Bibliotheken einzelner Colleges und wohl auch von Fakultäten, aber nicht mehr. Erst am Beginn der Neuzeit entstehen an besonders gut ausgestatteten Universität Bibliotheken. Darüber ist im Kapitel „Bibliotheken“ gehandelt worden.
Die Archive der Fakultäten und Universitäten wurden früh in entsprechend gesicherten Truhen aufbewahrt, die häufig in der Bibliothek standen und bei Kriegsgefahr etc. in Sicherheit gebracht wurden. In Frankreich sind die Universitätsarchive im Zuge der Auflösung der Universitäten 1793 zerstreut und z.T. völlig zersplittert worden, heute liegen Teile in den Departmentsarchiven etc. Ähnlich in Italien, wo die Universitätsarchive teilweise in städtischen Archiven oder in Staatsarchiven liegen. Für Oxford wurde in einem neu ausgearbeiteten Statut 1636 das Amts eines Keeper of the Archives neu geschaffen.
Eine wichtige Position nahmen die Buchdrucker ein, die wie seit den Anfängen der Universitäten alle jene, die mit Büchern zu tun hatten, als suppositi, als cives academici galten. Ihnen zur Seite standen die Buchhändler und die Buchbinder. Wer eine officina typographica academica besaß, war verpflichtet, zu besonderen, festen Preisen für die Universität zu arbeiten. 1470-1473 betrieben Guilleaume Fichet und Heynlin vom Stein an der Sorbonne eine eigene Druckerei, John Siberch führte 1521-1523 eine Druckerei an der Universität Cambridge – diese beiden Druckereien führten die Humanistenschrift in die Druckerei ein! Doch ebenso wie in Padua, Pavia, Siena und Pisa vermochten sich diese Druckereien nicht lange zu halten. Ähnlich war es im Reich in Leipzig, Rostock und Wittenberg. Die Druckereien hingen zu stark vom Einsatz wissenschaftlicher Verleger ab. Besser lief es lediglich in Bologna und in Löwen, wobei hier die Druckerei nicht allein eine Universitätsdruckerei war; ähnlich war es in Leiden, wo sich die nachmals berühmte Druckerei des Christoph Plantin (1520-1589) eng an die Universität anschloß; in der Folge ist der Verlag in Zusammenhang mit dieser Druckerei durch Isaak Elzevier (1596-1651) übernommen worden, womit eine legendäre Zusammenarbeit begann (der Vertrag zwischen Elzevier und der Universität Leiden aus dem Jahr 1620 ist erhalten und bietet einen sehr guten Einblick in die Verhältnisse); der Verlag Elzevier besteht heute noch und ist im Zeitschriftenwesen ein weltweiter Marktführer. Die wissenschaftlichen Verlage entwickelten sich vielmehr in großen Handelsstädten wie Venedig, Amsterdam, Paris und Basel. Eine ganz spezielle Entwicklung ergab sich in England, weil dort Druckereien überhaupt nur für London, Oxford (1584) und Cambridge (1583) zugelassen wurden – für jede Universität nur eine. 1632 wurde in Oxford eine eigene University Press gegründet, die durch die Convocation kontrolliert und vom Vizekanzler und zwei Prokuratoren geleitet wurde. In Cambridge gründete die Universität 1698 ein Press Syndicate für ihre University Press. Beide Universitätsdruckereien und -Verlage überlebten nur dank des Monopols für den Druck aller jener Bücher, die seit 1534 dem King's Printer vorbehalten waren.
So wurde im Verlaufe der Neuzeit das Buchwesen ein immer wichtigerer Teil der Universitäts-Organisation.
1.4.4.6 Die Professoren im 16. bis 18. Jh
Hinsichtlich der Struktur des Lehrkörpers tritt in der Neuzeit (16.-18. Jh) eine deutliche Differenzierung und Spezialisierung ein. Während man im Mittelalter die Grenze zwischen Lernenden und Lehrenden nicht genau zu ziehen vermochte – wenn der Bakkalar lernte und lehrte zugleich –, so trat mit der Lockerung der Lehrverpflichtung für die eben graduierten Magistri im 16. Jh eine Verringerung der Zahl der Lehrenden ein bzw. es wurden Lehrende eigens zur Lehre bestimmt: 1550 werden in Oxford neun Magister zur Lehre abgeordnet und mit bestimmten Lehrveranstaltungen beauftragt. Damit wurde aber auch erst der Weg zur Gewinnung hochqualifizierter Lehrer frei, die gewissermaßen eine Monopolstellung innerhalb eines bestimmten Bereiches voraussetzten. Gleichzeitig werden aber auch Lehrstühle für fest besoldete lectores oder professores gestiftet: den ersten stiftete die Königinmutter Margaret, die 1497-1502 einen Lehrstuhl für Theologie sowohl in Oxford als auch in Cambridge einrichtete; weitere Legate von hohen Würdenträgern und des Königs führten innerhalb von nur 25 Jahren zu insgesamt 18 derartigen Lehrstühlen für alle Bereiche an beiden englischen Universitäten. Weitere Lehrstühle folgten. Gleichzeitig bemühen sich weiters die Colleges ihrerseits um eigene Lehrkräfte; die Statuten des Magdalen College von 1479 bestimmten ausdrücklich, daß das Colleg für Lehrkräfte und Vorlesungen zu sorgen habe.
Neben den Vorlesungen gab es noch den individuell gestalteten Unterricht der Tutoren, über deren Arbeit im 16. Jh man nicht sehr viel weiß; für das 17. Jh wissen wir, daß an den Colleges ein sehr dichter Stundenplan geboten wurde, weitaus kompakter, tiefergehend und zusammenhängender als an der Universität. Auch am Kontinent gewann an nicht wenigen Universitäten der Anteil der Colleges immer größere Bedeutung.
Im 17. Jh existierte an den meisten Universität ein kleiner Kern mächtiger festbesoldeter Professoren, die von einem Kranz von Lehrenden in weit weniger festen Verhältnissen umgeben waren, die ihnen z.T. assistierten, z.T. als Tutoren arbeiteten. In Löwen unterschied man z.B. zwischen den professores regentes und den professores legentes – die legentes hatten nur zu lehren, die regentes saßen auch in den Gremien, bestimmten den Studienplan, prüften die Studenten und strichen die Gebühren ein; so erweckten die regentes den Neid aller anderen und die legentes strebten nur danach, selbst regentes zu werden. Ähnliche Verhältnisse gab es auch an anderen Universität. Außerdem unterschied man noch zwischen ordinarii (catedra mayores, docteurs regents) und extraordinarii (catedras minores, docteurs agrégés) – die ersten lehrten am Morgen die wichtigen Materien, die letzteren eher am Nachmittag die sekundären Materien. Eine dritte Gruppe waren die "Privatdozenten" (docteurs honoraires), also gewissermaßen die alten freien Magistri, sie lehrten ohne jede Besoldung. Eine gewissermaßen außenstehende, sehr kleine Gruppe waren die Ehrendoktoren, die aber kaum als Lehrer in Erscheinung treten.
Hinsichtlich der Lehrtätigkeit waren die Professor an manchen Universitäten inhaltlich völlig, an anderen hatten sie sehr konkret Aufgaben innerhalb des Curriculums zu erfüllen und am Beginn der Woche die Themen bekanntzugeben und am Ende der Woche die Studenten über das Vorgetragene zu prüfen (so am Christ Church College in Oxford). Als problematisch erwies sich, daß die Professoren vielfach durch andere Aufgaben von der Lehrtätigkeit abgezogen wurden, vor allem an Universitäten in Residenzstädten, wo sie permanent Gutachten anfertigen, an allen möglichen Sitzungen teilnehmen oder auch nur wie in St. Petersburg Feuerwerke ausrichten und Gratulationsadressen etc. dichten mußten; mitunter wurden derlei Verpflichtungen sogar in der Statuten unter den Amtspflichten der Professoren genannt; einige Universitätserhalter haben das Problem allerdings gesehen, so wie der Pfalzgraf Otto Heinrich (1502-1559), der ausdrücklich verfügte, daß die Heidelberger Professoren in keiner Weise durch seine Kanzlei oder seinen Gerichtshof belastet werden dürften. Ein anderes, immer gravierender werdenden Problem war das der häufigen Abwesenheit der Professoren von der Universität.
Die Berufung zum Universitätslehrer bzw. Professor setzte vor allem in früheren Zeiten das Doktorat nicht voraus; oft wurde allerdings festgesetzt, das der zu Ernennende das Doktorat innerhalb bestimmter Frist zu erwerben habe. An der Universität Löwen gab es zwischen 1501 und 1797 339 Professoren, von diesen haben nur 104 (30,7 %) vor und 103 (30,4 %) nach ihrer Berufung ein Doktorat erworben; 132 (40 %) sind also ohne Doktorat geblieben; der Zugang zum collegium strictum als zentralem Verwaltungsgremium blieben diesen verwehrt. Für die Durchführung des Berufungsverfahren gab es ehr unterschiedliche Vorgangsweisen, auch an ein- und derselben Universitäten je nach Art der Professur (professor regius wird von der Krone berufen, andere durch ein kleines dafür eingesetztes Gremium, andere wieder durch die Fakultätsmitglieder), in Frankreich lag die Entscheidung immer bei der Fakultät und geschah auf Grundlage der Durchführung eines concours, eines öffentlichen Verfahrens – in Toulous mußte 1742 die Bewerber um eine juridische Lehrkanzel eine zwölfstündige Vorlesung über Fragen des Zivil- und des Kirchenrechts halten und sich dann zwei öffentlichen, jeweils achtstündigen Diskussionen über rechtliche Streitfragen stellen; lediglich für die Erstbesetzung eines Lehrstuhles gab es die Form der postulacion, daß die Fakultät dem König einen Vorschlag machte und dieser bestätigt wurde. Es gab sehr gefragte Lehrstühle, in Montpellier bewarben sich 1617 zwölf Mediziner um einen Lehrstuhl. Bei zeitlich befristeten Lehrstellen gab es keinen concours. Neuere Untersuchungen haben allerdings ergeben, daß trotz des Konkurses von 59 Professoren des französischen Rechts zwischen 1681-1793 nur 15 % ihre Berufung ihrem Ruf als Juristen verdankten, 42 % einem dienstlichen Nahverhältnis zum König, 34 % Beziehungen zu berühmten Persönlichkeiten, 36 % waren vor ihrer Berufung bekannte Anwälte gewesen. Ein dem Konkurs ähnliches Verfahren gab es in Spanien: die oposiciones an denen die Studenten im entscheidenden Gremium mitbeteiligt waren, dieses Verfahren ist völlig degeneriert – es gab Universitäten, die ihren Mitglieder jährlich 100 reals zum Ankauf studentischer Stimmen vom Gehalt abzogen; auch andere Kurien führten Mitglieder in die Abstimmung, die nie vorher an der Universität gewesen waren (Ordensbrüder) und sogar längst Verstorbene – eine Professur sei nicht unter einer Million Todsünden zu erhalten, hieß es in Salamanca im 17 Jh. Philipp IV hat eshalb 1623 die Auswahl der Professoren dem Kronrat übertragen, dies ist 1641 definitiv geworden. Ähnliche Probleme mit dem Stimmenkauf gab es an den englischen Universitäten. Insgesamt ist festzuhalten, daß die Auswahl und Ernennung mehr und mehr an die Universitätsträger gezogen wurde und im 18. Jh praktisch ausschließlich bei ihnen lag, auch wenn die staatlichen Stellen vielfach auf die beratende Meinung von Fachleuten angewiesen waren, was natürlich auch nicht immer ganz ohne Unregelmäßigkeiten abgegangen sein dürfte. Die Universitäten verloren ihre Selbstständigkeit in demselben Maße, in dem sie Ausbildungsstätte nicht nur von Staatsdienern, sondern auch des Adels wurden.
Gleichzeitig vollzog sich in der Zeit 16.-18. Jh eine permanente Laisierung des Lehrkörpers an den kontinentaleuropäischen Universitäten. Damit verlor die Kirche die Kontrolle über die Universität, und dies hatte wieder wesentlichen Einfluß auf die gesellschaftliche und wirtschaftliche Stellung der Professoren; in Paris waren die Professoren der Medizinischen Fakultät ab 1452 und der Artistischen ab dem 16. Jh Laien, 1553 erlaubte Papst Julius III. der Universität Heidelberg, für kanonisches Recht einen Laien zu berufen, falls sie keinen Kleriker bekommen könne. Die Kirche hat sich allerdings keineswegs aus den Universitäten zurückgezogen, ihre Stellung wurde durch die Orden gehalten, vor allem die Bettelorden und die Jesuiten, insbesondere dominierten die Dominikaner die theologischen Fakultäten; noch um die Mitte des 17. Jhs gab es in Frankreich Geistliche auch auf weltlichen Lehrstühlen. Andererseits waren viele Professoren an den protestantisch-theologischen Fakultäten der reformierten Länder Mitglieder der Kirchenbehörde. Die staatliche Aufsicht hat freilich auf beiden Seiten die Rechtgläubigkeit der Lehrenden überprüft, auch die Studienpläne, und vielfach bedurften Veröffentlichungen der Professoren einer behördlichen Genehmigung, der approbatio. Die staatliche Aufsicht und Lenkung wurde im 18. Jh an den Universitäten selbst nicht durchwegs und nicht ausschließlich als Negativum empfunden, weil man die Unfähigkeit der Universitäten zur selbständigen Regenierung und Lenkung und Hintanhaltung von Mißständen sehr wohl erkannte – in Göttingen werden die Professoren zwar von der Regierung ausgewählt und ernannt, erhalten dann aber völlige Lehrfreiheit.
Die Konfessionalisierung setzte natürlich mit der Reformation im 16. Jh ein. In Oxford und Cambridge hatten alle Universitätsmitglieder auf die 39 Glaubensartikel der anglikanischen Kirche und den Act of Supremacy, in dem der König als Haupt der Kirche anerkannt wurde, zu schwören; damit wurden die bekennenden Katholiken und ab 1662 auch bekennende Nonkonformisten von den englischen Universitäten ausgeschlossen. Am Kontinent verlangten die reformierten Universitäten von ihren Lehrern den Treueid auf den Landesherrn und die geltende Konfession; in Kopenhagen wurden ab 1604 keine Lehrer mehr angestellt, die ein Jesuitenkolleg absolviert hatten. Die katholische Kirche verlangte hingegen seit dem Konzil von Trient 1564 die professio fidei, das Glaubensbekenntnis, von allen Mitgliedern katholischer Universitäten. Auch an den holländischen Universitäten wurden nur Professoren reformierten Bekenntnisses angestellt. Eine Ausnahme war in den Anfängen die Universität Leiden; als jedoch einer der Professoren nach dem katholischen Würzburg ging, wurden die verbliebenen Professoren genauer überprüft; 1732 wurde die Berufung eines Lutheraners nach Leiden aus religiösen Gründen abgelehnt. Konfessionelle Gründen spielten vor allem bei der Entlassung von Professoren eine wichtige Rolle. Erst in der deutschen Aufklärung änderte sich die Lage: in Göttingen verbot der Kurator Gerlach Adolf von Münchhausen (1688-1770) – um die verheerenden Streitigkeiten zwischen den verschiedenen protestantischen Bekenntnissen auszuschalten – in den Universitätsstatuten, daß Professoren wegen „ketzerischer Meinungen“ angezeigt würden, und bemühte sich um die Berufung konfessionell eher neutraler Professoren, lediglich die Theologen mußten gute Lutheraner sein.
Viele Universitäten litten im 17. und 18. Jh unter Inzucht, man nahm praktisch nur mehr Ortsanssäsige als Professoren auf (1664 schreibt ein päpstlicher Legat, daß der Rückgang der Universität Bologna dem Mangel fremder Bewerber und der Inkompetenz der Bologneser zuzuschreiben sei). Einige Universitäten entwickelten sich geradezu zu Familienuniversitäten: Kopenhagen, Gießen, Marburg, in Genf gab es innerhalb von 170 Jahren sieben Professoren Turrettini, 1666 waren (mit einer einzigen Ausnahme) alle Professoren der Universität Basel miteinander verwandt, zu Ende des 18. Jhs gingen innerhalb von 10 Jahren fünf von sechs medizinischen Lehrstühlen vom Vater auf den Sohn über! Anders hat man in Preußen um 1700 bereits darauf zu achten begonnen, daß Verwandtenwirtschaft vermieden wurde.
Politische und konfessionelle Zersplitterung, Inzucht und Nepotismus haben der internationalen Zusammensetzung der Lehrkörper der Universitäten, wie sie im Mittelalter selbstverständlich war, im 17. und 18. Jh endgültig ein Ende bereitet. Am Ende dieser Entwicklung stand der „Nationalgelehrte".
Es gab nur ganz wenige Ausnahmen erfolgreichen Gegensteuerns: Marburg, Gießen und im 18. Jh vor allem Göttingen unter Münchhausen, der in geradezu schon Althoffschen Stil jenen Professoren, die er haben wollte, hohe Gehälter, Übersiedlungskosten und Wohnungen anbot. das erstaunlichste Beispiel eines Transfers von hervorragenden Wissenschaftlern und des Aufbaus eines Gymnasiums und einer Universität innerhalb von nur 20 Jahren stellt St. Petersburg dar. Die Frage der Berufung von Professoren war fast immer eine Frage des Geldes, daneben trat als immer bedeutender der Umstand, daß das Element Forschung mehr und mehr an Gewicht gewann und die Universitätsprofessoren durch das weitaus überwiegende Gewicht der Lehre daran immer weniger partizipieren konnten, weshalb die fähigsten unter ihnen an die im 17. und 18. Jh entstehenden Akademien strebten, wo sie nicht mehr oder nur kaum zur Lehre verpflichtet waren.
Zur Frage der Höhe des Gehaltes der Universitätslehrer ist zu bemerken, daß hier höchst unterschiedliche Verhältnisse herrschten, von Universität zu Universität, innerhalb der Universitäten je nach Charakter des Lehrstuhls (professor regius, Pfründe, eigene Einnahmen, collecta und Prüfungsgebühren etc.) und auch je nach Fach – an französischen Universitäten gab es um 1750 Professoren, die bis zu 8000 livres bezogen (400 waren das Existenzminumum für eine Familie); in Italien gab es im 15. Jh schon Professoren mit vielfach nur 50 fiorini (das weniger, als ein Handwerker verdiente), während gleichzeitig andere bis zu 2000 fiorini bezogen; später wurden die Differenzen noch gewaltiger; in England standen Professoren mit 6-12 Pfund solchen mit 160 Pfund gegenüber; etwas ausgewogener waren die Verhältnisse an vielen deutschen Universitäten, teilweise sehr gut an den reicheren spanischen Universitäten Salamanca, Valladolid und Alcalá (dort bezogen die Professoren häufig das Fünffache eines Handwerksmeisters), günstig auch an den schwedischen Universitäten.
Die Frage war aber auch, welche Nebeneinkünfte mit der Professur verbunden waren; diese waren mitunter dermaßen, daß sie beim Gehalt bereits in Rechnung gestellt wurden; freilich haben solche Nebenbeschäftigungen die Professoren vom eigentlichen Geschäft abgezogen, sodaß sie durch Abwesenheit glänzten: 1586 äußerten Studenten in Ingolstadt, sie würden gerne den einen oder anderen Professor wenigstens einmal sehen (wenn er schon nicht Vorlesung halte); in Salamanca hieß es 1648, daß nur an wenigen Lehrstühlen das ganze Jahr über gelesen würde, viele Professoren läsen nur ein Monat, andere nur zwei Tage; viele Professoren ließen sich durch Leute vertreten, die dann auch nicht hingegangen sind... Nicht wenigen Professoren ist es aber tatsächlich nicht gut gegangen. Es ist aber eindeutig festzustellen, daß jene Universitäten eine bedeutende Entwicklung genommen haben, an denen geregelte und akzeptable finanzielle Verhältnisse geherrscht haben, die Lehrenden von finanziellen Problemen verschont blieben.
Hinsichtlich der Laufbahn der Professoren ist zu bemerken, daß noch bis in das 17. Jh hinein einzelne Professoren im Bereich der Theologie, Medizin, Jurisprudenz und Artes gelesen haben; dennoch ist generell natürlich die Spezialiserung allgemein, sie ist umso stärker, je größer und besser ausgestattet eine Universität ist, geringer an kleinen Universitäten, wo eine ganze Fakultät aus vielleicht nur 2-3 Professoren besteht. Mehrheitlich wurden die Professoren auf Lebenszeit ernannt, obgleich es dagegen verschiedentlich starke Vorbehalte gab: Die spanischen Cortes fordern 1528, es mögen die Lehrstühle in Salamanca und Valladolid nicht auf Dauer besetzt werden, weil die Ernannten nach der Ernennung jegliche weitere Tätigkeit einstellen und sich nicht wie Professoren in Italien, die nur auf Zeit ernannt seien, sich um die Studenten bemühten und nach Verlängerung und höherem Einkommen strebten.
Es gab auch relativ starke binnenuniversitäre Laufbahnen: Aufstieg von den Artes in die höheren Fakultäten (erst im 18. Jh wird eine Artesprofessur überhaupt erst als vollwertige Professur anerkannt), von Exraordinarius zum Ordinarius, zum Professor regius, in ein besser besoldetes Fach etc. In Spanien gab es auch das System des ascenso, das 1716 gesetzlich verankert wurde: die Dozenten rückten beim Ausscheiden der Spitze in einem Fach einfach um eine Position weiter nach oben, so wure das Prinzip der Anciennität maßgeblich – „Um Professor in Salamanca zu werden, muß man nicht studieren, sondern länger leben als die anderen; die Jahre, nicht Verdienste führen zum Lehrstuhl“. – Während ein Teil der Professoren die Professur als Beruf verstand und bis zu 50 Jahren auf einer Lehrkanzel ausharrte, war die Professur für andere lediglich ein Sprungbrett in höhere öffentliche Ämter und sie schwarwenzelten entsprechend bei Hof herum, dies galt ganz besonders für die an den Kollegien Lehrenden – die Universität Salamanca schrieb an König Philipp V. "die collegiales betrachten ihren Lehrstuhl als einen Ehrentitel und als ein Sprungbrett für ein öffentliches Amt. Dies hat zur Folge, daß heute von sechs Rechtsprofessoren nur ein einziger lehrt. Die anderen, alle collegiales mayores, halten keine Vorlesungen, die einen weil sie dazu nicht imstande sind, andere mit allerlei Ausflüchten". Die Verhältnisse waren zweifellos an den Rechtsfakultäten am ärgsten. Viel besser stand es an den Artes- und an den Theologiefakultäten. Ganz ähnlich verhielt es sich übrigens in England mit den Tutoren, für die sich überhaupt keine Aufstiegschancen mehr eröffneten und die deshalb mehr oder weniger versumperten. Die Professoren haben generell den Nachwuchs zu verhindern gesucht, in Orleans sollen über 100 Jahre lang keine Doktoren graduiert worden sein, die nicht mit Gerichtsbeschluß ihre Promotion durchsetzten; ähnlich war es einige Zeit hindurch in Löwen.
Relativ unterschiedlich war die Stellung der Professoren innerhalb der Gesellschaft; der soziale Status hing maßgeblich von der Besoldung ab; war einmal eine höhere Stufe erreicht, so wurde sie in der Regel auch bei wirtschaftlicher Verschlechterung gehalten. Anfangs kamen die Professoren eher aus mittleren Schichten, oft aus intellektuellen Familien, in Rußland anfangs aus ausgesprochen armen Familien –für den Adel war eine Professur noch nicht standesgemäß. Generell versuchten die Professoren, in die soziale Stellung des Adels einzudringen. Der Ring und die Kette, typische Adelssymbole, als Insignie des Doktors symbolisierten seine Stellung im Geistesadel. Ingolstädter Doktoren erhielten zusätzlich zu Ring, Handschuhen, Buch und Hut noch ein cingulum, einen Gürtel, der den Stand der Ritterschaft, dignitatem et ordinem equestrem, symbolisierte. Es gab bis in das 18. Jh hitzige Dioskussionen, ob ein juristisches Doktorat den Träger adle und ob dieser Adel dem Geburtsadel gleichzustellen sei. Die Erhebung von Professoren in den Adelsstand geht bis in die Antike zurück – in Konstantinopel wurden Professoren mit Absolvierung des 20. Dienstjahres geadelt, indem sie die dignitas vicaria erhielten, die im 15. Jh dem Status eines Grafen oder gar Herzogs gleichgesetz wurde (von Juristen!). In den in der Wormser Reichsreform 1499 festgelegten Rechtsvorstellungen sind die Doktoren/Professoren wie Adelige etc. von der Folter und von der Zeugenladung zu Gericht ausgenommen: der Richter mußte sich zur Vernehmung zu ihnen in die Wohnung verfügen. – Vielfach wurde die Stellung eines Professors als sehr bequem erachtet: „Ich würde mich als Krösus fühlen, wenn ich Professor der Geschichte wäre. Wenn die Vorlesungen ausgearbeitet sind, gibt es nichts Leichteres und nichts Angenehmeres als eine Professur“, schrieb 1767 jemand, der es gerne gewesen wäre, an einen Professor der Universität Utrecht; der meinte darauf hin, daß die ersten Jahre einer Professur mit der Zwangsarbeit in einem Zuchthaus zu vergleichen seien.
Im Verlaufe der Jahrhunderte haben die Professoren eine immer kompaktere und geschlossenere Gruppe gebildet, die sich völlig von der der Studenten gelöst hat, sodaß das ehemals demokratische Miteinander an den mittelalterlichen Universitäten einer Spaltung in zwei und dann später drei Gruppen gewichen ist.
1.4.5 Der Umbruch in der Universitätslandschaft um 1800 – die Differenzierung der Fächer
1.4.5.1 Allgemeines
Es ist verschiedentlich betont worden, daß die Curricularforschung noch in den Kinderschuhen steckt141. Die enorme Vielfalt der Kombinationsmöglichkeiten in der Lehre, die z.B. bei den Jesuiten auf die Spitze getriebene Mobilität der Professoren, die im 17. Jh immer noch jederzeit jedes Fach zu vertreten imstande sein sollten, und nicht zuletzt die unterschiedliche Benennung der Inhalte einzelner Wissenschaftsbereiche erschweren die Feststellung der konkreten Lehrinhalte und der dazu bestellten Professoren mit ihren jeweiligen – in den Ernennungen zumeist gar nicht konkret benannten – Nominalbereichen, soferne solche überhaupt gegeben waren142. Es gälte auch, mit einiger Sorgfalt das Verhältnis zwischen Benennung und Inhalt eines Faches festzustellen, wenn man heute – und das wohl zu Recht – den Universitäten wieder mehr Anteil und Mitwirkung an dem zugestehen will, was man als scientific revolution bezeichnet143. Es scheint evident zu sein, daß die traditionellen Fachbezeichnungen über inhaltliche Wandlungen und Ausweitungen hin sich gehalten haben, solange nicht äußere Einflüsse Veränderungen erzwangen. In diesem Zusammenhang ist auch die Differenzierung zwischen Fachprofessuren einerseits und Vorlesungs- bzw. Prüfungsgegenständen im Sinne des Curriculums andererseits notwendig144.
Und dies alles gilt für die Vielfalt der territorialen Universitäten unter unterschiedlichen konfessionellen Bedingungen, die in der weiten Spanne zwischen striktem Dogma und großzügigem aufgeklärten Liberalismus sehr beachtliche inhaltliche, nicht aber unbedingt auch terminologisch manifest werdende Differenzierungen gestatteten; so ist die Forschungslage in strikt zentralistisch organisierten Bereichen wie etwa Österreich günstiger. Die klassischen Universitätsgeschichten geben über die uns hier interessierenden Belange so gut wie nicht oder allenfalls kursorisch Auskunft.
1.4.5.1.1 Externe Implikationen Problembereich Universität – Wissenschaft – Staat Von staatswegen verformte oder neu aufgenommene Fächer
Waren die Universitäten im Mittelalter nicht auf berufsspezifische Ausbildung hin orientiert, so zwangen sie die Territorialisierung und dann die Verstaatlichung eben dazu. Ausbildung für den Staatsdienst, im aufgeklärten Sinne für das Gemeinwohl, ist etwas anderes als die Einführung in die Erkenntnisarbeit an sich. Daraus ergab sich für die Universitäten im Übergang zur Neuzeit bereits ein seither offenes Problem, inwieweit nämlich die Universitäten in die Arbeit am Utile einzubinden seien. Daraus resultierten schließlich im 18. Jh zwei diametral-extreme Positionen:
- der rigorose Standpunkt der Reduzierung der Universität auf das Utile zur Förderung des Gemeinwohls, zur Perfektionierung des Staates, wie sie im Josephinismus in Österreich durchgeführt wurde und bei welcher der aufgeklärter Herrscher mit seinen Ratgebern in Anspruch nimmt zu wissen, worin das Gemeinwohl bestehe und was ihm förderlich sei,
und
- die bei der Begründung der Universität Halle schon, dann in Göttingen und schließlich in Berlin zum Ausdruck kommende Vorstellung der reformierten Aufklärung, daß dem Gemeinwohl am wirksamsten gedient werde im Wege der Liberalisierung, in der freien Entfaltung der Meinungen, womit eben zum Ausdruck gebracht wurde, daß auch der Herrscher und seine Ratgeber nicht definitiv wüßten, welches der wahre Weg sei145.
Es darf aber nicht übersehen werden, daß in beiden Sphären die Universitäten hinsichtlich der Etablierung von Fächern und Professuren dem Staat unterworfen waren; die Freiheit in Göttingen betraf nur den Inhalt der Gefäße146.
Bis in das 18. Jh hinein finden wir an den Philosophischen Studien Fächer, die sich direkt aus den alten septem artes der Anfänge der Universitäten heraufentwickelt haben; neben ihnen stehen die durch den Humanismus forcierten Disziplinen der studia humanitatis147.
Vom 16. Jh an sahen sich – vor allem die reformierten Universitäten – immer wieder seitens der Gesellschaft, der Universitätserhalter zumeist, aber auch seitens der "Nutznießer", dem Druck ausgesetzt, weitere Disziplinen aufzunehmen; geschah dies nicht – wie im Falle der Jesuitenuniversitäten -, so erwuchsen Defizite und es entstanden kompensierende Institutionen.
Die Veränderungen vollzogen sich primär in der inhaltlichen Wandlung bereits etablierter Fächer und in der Neuübernahme von Disziplinen.
Die Mathematik und die naturwissenschaftlichen Fächer
Die Mathematik ist ein klassisches Artes-Fach. Ihre Anreicherung mit konkret bedarfsbezogenen praktischen Elementen (solche standen ja am Anbeginn Pate) unter kameralistischen Aspekten setzt relativ früh ein und fällt bei dem heute zumeist noch "rein" gedachten Fach mehr ins Auge als bei anderen Fächern. Wir finden im 18. Jh häufig neben der "reinen" Mathematik an sich die "Mathesis forensis", womit in etwa jener Bereich gemeint ist, der zu Ausgang des 19. Jhs verschiedentlich als "soziale Mathematik" bezeichnet werden wird: die Anwendung der Mathematik in der Statistik und in der Nationalökonomie, später auch im Versicherungswesen. Häufiger noch begegnen wir der Bezeichnung "angewandte Mathematik", die in breiter Weise auf die kaufmännischen und die technischen Bereiche abzielt, wobei letztere mitunter auch sehr konkret angesprochen werden, wie z.B. in der Kombination "Mathematik und Maschinenlehre". "Mathematik" ist in dieser Hinsicht eher ein Modus, eine Vorgangsweise, denn ein Fach148. Es läßt sich feststellen, daß um die Mitte des 19. Jhs diese anwendungsorientierten Aspekte abgestoßen werden, die theoretischen Teile aber bleiben: die Analytische Mechanik steht bis in das letzte Drittel des 19. Jhs zwischen Mathematik und Physik.
Hinsichtlich der naturwissenschaftlichen Fächer ist zu sagen, daß die Physik eine Sonderstellung einnimmt und daß die anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen sich wesentlich als Hilfswissenschaften der Medizin und deshalb innerhalb der medizinischen Fakultäten und damit auch nicht unter genuin naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten entwickelt haben. Als sich aber im 18. Jh im Gefolge der Entwicklung der Physik auch die Chemie als strenger gefaßte wissenschaftliche Disziplin auszuformen begann, wurde sie an den Universitäten relativ rasch in die Philosophischen Studien aufgenommen; und dies zweifellos auch deshalb, weil sie als wesentlicher wissenschaftlicher Teil der Technologie verstanden und gefordert wurde – wir finden deshalb in der Fachbezeichnung fast immer die Verknüpfung dieser beiden Bereiche. "Technologie" meinte damals "Gewerbskunde", also die Lehre von der künstlichen Verarbeitung natürlicher Stoffe für die Bedürfnisse der menschlichen Gesellschaft; und diese Technologie, die zugleich ein wesentlicher Teil der Kameralwissenschaften war, zerfiel in eine höhere und eine niedere Technologie, welch letztere ihrerseits in eine mechanische und eine chemische Technologie unterteilt wurde149.
Die Staatswissenschaften, die kameralistischen Fächer
Um die Mitte des 18. Jhs findet ein Komplex von Gegenständen Eingang in die Philosophischen Fakultäten, den Max Lenz bezeichnete als "Summe von Einzelerkenntnissen, welche, ohne rechte innere Verbindung untereinander zu besitzen, für die Verwaltung wichtig erschienen und deren Erlernung daher von der Regierung wiederholt dringend eingeschärft wurde"150. In Österreich ist die Kameralistik ab 1750 bezeichnenderweise ursprünglich in Zusammenhang mit der Ethik an der Philosophischen Fakultät angesiedelt worden – Inhalt dieser in Wien 1763 an den Aufklärer Sonnenfels verliehenen Lehrkanzel für die Politischen Wissenschaften waren die "Staatslehre oder Politica von der Glückseligkeit und guter Einrichtung der menschlichen Gesellschaften in verschiedenen Regierungsformen" und die "Staatsökonomie"151. Wenig später – 1775 – erfolgte die separierte Einführung der Ökonomie an der Universität Ingolstadt152, um 1800 waren die staatswissenschaftlichen Fächer wohl ziemlich allgemein vorhanden – in Deutschland an den Philosophischen Fakultäten, in Österreich aber bereits 1784 an die Juridischen Fakultäten transferiert153.
Christian Jakob Kraus154, der die Staats- oder Kameralwissenschaften in Königsberg noch unter dem Titel „praktische Philosophie“ vortrug und eines der richtungsweisenden Handbücher vorlegte, gliederte sie in einen material-technischen und einen formal-theoretischen Teil155. Der materiale Teil bestand aus: Gewerbekunde, Landwirtschaftskunde, Technologie und Handlungswissenschaften; der formale Teil umfaßte die Staatswissenschaften in einem engeren Sinne als "die Analyse der Natur und der Ursachen des nationalen und Staatsvermögens und -einkommens samt" den sich ergebenden anderweitigen Zusammenhängen156. Als Hilfswissenschaften der Kameralistik galten ihm weite, in bezug auf das Landwirtschafts-, Forst- und Bergwesen orientierte Bereiche der Naturwissenschaften und der Mathematik157.
Diese kameralwissenschaftlichen Nachfolgefächer haben sich an deutschen, aber auch an englischen und US-amerikanischen Universitäten, seltener anderweitig bis in das 20. Jh im alten Philosophischen Fakultätsverband gehalten158. An anderen Universitäten, früh in Österreich, sind die abstrakten Disziplinen dieses Bereiches an den juridischen Fakultäten fortgesetzt, die naturwissenschaftlich orientierten aber an die mittlerweile entstandenen Technischen Hochschulen und speziellen "Fachhochschulen"159 übertragen worden, wo sie weit kompetenter, da praxisorientiert, gepflegt wurden und werden.
Die Ästhetik
Die Ästhetik ist ein Fach, das nicht so vordergründig wie die Staatswissenschaften zu jenen Fächern zählt, die im letzten Drittel des 18. Jh unter Einfluß des Staates in den Kanon der Philosophischen Studien eintraten. Die Ästhetik war damals eben von Baumgarten160 als Theorie der „schönen Wissenschaften“ neu begründet worden; sie erscheint in allerlei Kombinationen161, mehrheitlich aber doch in Zusammenhang mit der Literatur. Das wesentliche Movens für die so rasche Installierung der Ästhetik an den Universitäten – und vor allem an den katholischen – scheint weit weniger in ihrer wissenschaftssystematischen Bedeutung als Theorie des nicht rational, sondern nur sinnlich Wahrgenommenen zu liegen, als vielmehr in der ihr zugedachten Position als Schlußstein der philosophischen Sittenlehre: "Wenn also die philosophische Sittenlehre vollständig sein soll, so muß man wissen, wie man den sinnlichen Teil der Seele verbessern soll, dieses aber lehrt uns die Ästhetik" – so Kants Vorbild Georg Friedrich Meier162. Mit Hilfe der Ästhetik sollten die "unteren Seelenkräfte" direkt und über die Gestaltung der Äußerlichkeit auch indirekt zum Nutzen des Gemeinwohls, zum Schönen und Guten, zum Besseren hin gewendet werden. Während die Ästhetik an den protestantischen Universitäten der Philosophie einverleibt wurde, steht sie an den katholischen Universitäten im weiteren meist in Verbindung mit den "schönen Wissenschaften", und zwar zumeist mit den klassischen Studien163, nicht selten bis in die Mitte des 19. Jhs in einer Professur mit den klassischen Sprachen verbunden, da die klassischen Texte und Statuen (als vollendeter Ausdruck des Schönen) als das ideale Material für die Erörterung ästhetischer Probleme angesehen wurden164.
Die Lehrer der neueren Sprachen
Den kameralistischen bzw. administrativ-organisatorischen Interessen des Staates zufolge kam es ab der Mitte des 18. Jhs auch zur Ernennung von Lehrern der "neueren", also der lebenden Sprachen: Italienisch, Französisch, Englisch, aber auch Spanisch und an den westeuropäischen Universitäten noch andere, im Zusammenhang mit dem Kolonialhandel erforderliche Sprachen. Begreiflicherweise haben diese Lehrer bald auch Literaturgeschichte betrieben, Dante, Shakespeare, Milton u.a. interpretiert. Obgleich es seit dem 17. Jh eine deutsche Rhetorik gab und die Pflege der jeweiligen Nationalsprache an sich unter rein praktischen Gesichtspunkten (neben den viel höheren Intentionen der Akademien), wie der Schaffung einer einheitlichen, gleichsam normierten Staats- und Verwaltungssprache, im Interesse des Staates gelegen sein musste, gingen derlei Ansätze im 18. Jh ins Leere165. Die Etablierung der Nationalphilologien vollzieht sich erst im 19. Jh; die der deutschen Philologie 1805 in Göttingen und 1810 dann in Berlin, freilich nicht mehr unter den hier zu diskutierenden Aspekten, sondern in Analogie zu der mittlerweile voll entfalteten Klassischen Philologie.
Die Ausformung territorialer Besonderheiten
Neben den erwähnten eher allgemeinen Erscheinungen fand auch die Berücksichtigung spezifischer gesellschaftlicher wie staatlicher Bedürfnisse Eingang in die Philosophischen Studien. Hierher sind vor allem die intensiven Bemühungen um die Instrumentalisierung der sich als akademisches Fach etablierenden Geschichtswissenschaft zu zählen: die Geschichte des jeweiligen Territoriums wird von staatswegen in den Fächerkanon eingebracht166 und ebenso sein spezifisches Staatsrecht.
Der Druck der staatlichen Interessen hat neben sehr positiven und selbst die eigentliche Erkenntnisarbeit der Universitäten in einem engeren Sinne fördernden Konsequenzen aber auch deutlich negative und schließlich gegen den Staat selbst sich wendende Erscheinungen gezeitigt, indem sich in den Naturwissenschaften bereits im 17. Jh die Kluft zwischen den, eben zunehmend dem Druck des Utile ausgesetzten und deshalb eng begrenzten Lehrinhalten einerseits und den aus dem Fortschreiten der Erkenntnis heraus sich rapide ausweitenden Forschungsinhalten andererseits zu öffnen begann. Dies und die ebenfalls aus dieser Haltung begründete Verweigerung der für die apparative Ausstattung notwendigen Finanzierung der Naturwissenschaften haben maßgeblich dazu beigetragen, daß die naturwissenschaftliche Forschung aus den Universitäten gewichen ist oder besser gesagt: sich dort erst gar nicht wirklich etabliert hat.
Interne Implikationen – Der Problembereich der freien Disziplinenentwicklung Wissenschaftssystematik und wissenschaftliche Neuerung
Von größter Bedeutung für die Disziplinenentwicklung sollte sich das Voranschreiten der zunehmend systematischen Auffassung und Strukturierung der Erkenntnisbereiche erweisen. Die Diskussion der Theorie der Naturerkenntnis einerseits und nachfolgend der aus der Betrachtung der Geschichte erzielbaren Erkenntnisleistung andererseits sind als Beiträge einer allgemeinen wissenschaftstheoretischen Diskussion zu betrachten. Francis Bacon hat die klassifikatorischen Überlegungen, wie sie schon seit dem Hellenismus angestellt worden waren, um 1600 neu gefaßt167 und mit seiner Prolongierung des Systems der drei Philosophien168 enormen Einfluß ausgeübt; er hat dabei das Schema der septem artes aufgegeben. Gleichzeitig bemühten sich andere Autoren wie etwa Bartholomäus Keckermann (1573-1609) in Danzig um die Erstellung logisch in sich geschlossener Wissenschaftssystematiken im Detail; der Begriff "Methodologie, Methodenlehre" stammt nicht umsonst aus dem reformierten Bereich dieser Zeit169. In der ersten Hälfte des 18. Jhs erschien nun das riesige, von Johann Heinrich Zedler verlegte Universal-Lexicon mit seiner der LeibnizWolffschen Philosophie entlehnten Wissenschaftssystematik170 und wenig später – 1751-1772 – die Encyclopedie Diderots und d'Alemberts, in der das System Francis Bacons im wesentlichen fortgeführt wurde.
Unverkennbar ist das enorme Bedürfnis nach einer gesamtheitlichen, strukturellen Erfassung des Erkenntnisprozesses, aber auch nach einer rational-ökonomischen Umsetzung der aus den Systemen resultierenden Aufgaben für den aufgeklärten Staat171. Universitärer Ort der Realisierung des allergrößten Teils dieser Bemühungen waren die nunmehr auch so benannten Philosophischen Studien. Diese umfaßten, unter systematischen Aspekten, nun die Gesamtheit der Universität, während die ehemals höheren Fakultäten zur Wahrnehmung spezifischer Bereiche innerhalb des philosophischen Gesamtsystems abzusinken beginnen172.
Unter diesen Aspekten scheint es verständlich, daß an Universitäten wie Göttingen vielfach keine Nominalfächer von Professuren benannt wurden. Auch im Falle des Gegebenseins von Fachbenennungen kann kaum ermessen werden, was tatsächlich vorgetragen worden ist, da die zweifellos eingetretene Differenzierung noch keinen äußerlichen Ausdruck erfahren hat. Die äußerliche, nominelle Differenzierung wurde an den Universitäten erst wieder notwendig, als die Zahl der Professuren unter forschungsbezogenen Aspekten erhöht werden sollte und dazu die wissenschaftsimmanenten Differenzierungskriterien äußerlich zum Tragen gebracht werden mußten.
Die Physik
Als ein Bereich, der auf Grund seiner Errungenschaften, seiner zentralen und dominanten Stellung enorme systemisierende und Vorbildwirkung ausgeübt hat, ist die Physik zu nennen.
Die Philosophia naturalis, für die sich in der Mitte des 18. Jhs der Begriff Physik in einem neueren Sinne einbürgert, wurde im ausgehenden 17. Jh bereits auch an den Universitäten als eine "philosophia experimentalis" aufgefaßt173 und diesbezüglich, dem Stand der Entwicklung nach, justiert – und gerade die Jesuiten entwickelten eine Vorliebe für theatralische Vorlesungsexperimente und richteten recht umfängliche Instrumenten- und Modellensammlungen ein174.
Hinsichtlich der Theorie war man weit vorsichtiger: die Rezipierung der Newtonschen Physik vollzieht sich, an den reformierten Universitäten nicht viel früher als an den katholischen, erst ab 1740. Newtons in seinen „Principia“ erhobenen und an Ockham orientierten prinzipiellen Forderungen175 und seine gegenüber der deduktiv-spekulativen Physik des Descartes lucide Naturerklärung markieren eine außerordentliche Belebung im Bereich der kontinentalen Naturwissenschaften. Hinsichtlich der Lehre ist festzustellen, daß sie um systematische Zusammenfassung, auch im Detail um Strukturierung bemüht ist – in den Lehrbüchern der Physica generalis et specialis werden die Naturerscheinungen nach ihrer allgemeinen Natur und in ihren speziellen Erscheinungsformen dargestellt. Dabei war man einerseits um die größtmögliche Einheitlichkeit der Erklärung, der Theorie bemüht176, andererseits vergaß man aber nicht auf die praktische Anwendbarkeit, die nun ihrerseits einen höheren intellektuellen Anspruch erlangte.
Im ausgehenden 18. Jh umfaßt die Physik die Mechanik, die Akustik, die Hydraulik, die Optik und die Anfänge der Elektrostatik, weiters die physikalische Geographie, die Meteorologie und in Verbindung mit ihr die wichtigsten Erscheinungen der Erdoberfläche (also der sublunaren Welt des Aristoteles), darüber hinaus die Astronomie und – unabdingbar – die Grundlehren der Chemie, da diese ja zumeist noch als Vorbereitungswissenschaft in der Medizinischen Fakultät beheimatet war.
Auf den erwähnten Grundlagen beginnt die Physik im 19. JH als die zentrale Naturwissenschaft zu formieren. Sie unterliegt aber ihrem Wesen entsprechend keiner besonderen institutionellen Differenzierung; die bereits im 18. Jh formierten Bereiche verselbständigen sich erst ab 1850 – die Meteorologie und später die Kosmische Physik, aus der die moderne Geophysik hervorgeht. Als gewissermaßen nächste Stufe bildet sich ab 1860 heraus, was anfangs als „mathematische“, dann bald in einem neueren Sinne als "theoretische" Physik bezeichnet wurde177; dieser Bereich stand anfangs als nicht gleichwertig im Schatten des deshalb bald als "Allgemeine und experimentelle Physik" bezeichneten Mutterfaches.
Die älteren und neueren Philologien, die Sprachwissenschaft und die historischen Fächer
Die Fülle der freien Entwicklung demonstriert die reiche Entfaltung der geisteswissenschaftlichen Disziplinen in einem engeren Sinne. Im Gegensatz zur Physik entfaltet sich der philologisch-historische Bereich seiner Natur gemäß differenzierend in Zeiten und Räumen178.
Sprachwissenschaft per se wurde seit dem klassischen Altertum, seit Platon und Aristoteles betrieben und auch in weiterer Folge in Fortsetzung dieser Tradition sowie in engem Zusammenhang mit den Artes bzw. mit der Logik in eher abstrakter Form im Wege der Grammatik und der Sprachlogik gepflegt179. Die in Alexandria entwickelte philologische Richtung ist erst im Humanismus wieder aufgegriffen worden, aus dem heraus sich unter dem Einfluss orientalischer Sprachen eine vergleichende Betrachtung entwickelt, die im Zuge der Erfassung des Sprachenspektrums erst des eurasischen Raumes und später auch exotischer Sprachen zur Entwicklung der (historisch-)vergleichenden Sprachwissenschaft führt, die sich Hand in Hand mit der klassischen Philologie und der klassischen Altertumswissenschaft entwickelt – es seien nur die Namen Friedrich August Wolf und August Boeckh erwähnt –, die mit der Verwissenschaftlichung der älteren Orientalistik verknüpft erscheint. Die Entfaltung der Klassischen Philologie, die Entstehung der Vergleichenden Sprachwissenschaft wie der neueren Philologien nach dem Vorbild der Klassischen Philologie (und unter dem Vorangehen der Deutschen Philologie) stellten in ihrer Gesamtheit einen nahezu unvergleichlich reichen wissenschaftlichen Prozeß dar, der ein ganzes Jahrhundert mitgeprägt hat und auf den hier nur summarisch verwiesen werden kann; seine tiefgehende Wirkung wird durch die um 1900 gegebene Dominanz der philologischen Lehrkanzeln180 nicht nur an deutschen Universitäten, sondern auch in England und in den Niederlanden, bezeugt.
Die Philosophie
Den Wandel eines Faches im Laufe der Zeit und der Entwicklung von Wissenschaft demonstriert keines besser als das Mutterfach aller Disziplinen der Artesfakultäten und der Philosophischen Fakultäten. Philosophie als akademisches Fach erweist sich auch im 18. und im 19. Jh als ein Baum, von dem immer wieder neue fruchttragende Äste abzweigen: aus dem Nominalismus heraus die spätscholastische Naturphilosophie, dann empirisch-rationale Naturbetrachtung als philosophia naturalis des 17. und 18. Jhs, die sich zur Physik erst und dann zu den übrigen Naturwissenschaften konkretisiert, während gleichzeitig aus dem alten Stamm schon wieder eine neue philosophia naturalis erwächst, nämlich die Naturphilosophie des ausgehenden 19. Jhs, die aus dem Ungenügen der klassischen Philosophie unter naturwissenschaftlichen Aspekten resultiert181. Aus der praktischen Philosophie der Aufklärung hingegen sind die Kameralwissenschaften, die Politik(wissenschaft), die Staatswissenschaften in einem neueren Sinne hervorgegangen. Im Verlaufe des zweiten Drittels des 19. Jhs wird sich in einem neuerlichen Differenzierungsprozeß die Verselbständigung neuer ausdifferenzierter Teilbereiche anbahnen – der Psychologie samt Experimentalpsychologie und Psychophysik sowie der Pädagogik – und die bereits erwähnte neue analytische Naturphilosophie entstehen.
Im Zuge dieser wiederholten Ablösungsprozesse hat sich der Kanon dessen gefestigt, was unter Philosophie in einem engeren Sinne verstanden wurde und verstanden wird: Logik, Theoretische Philosophie und Praktische Philosophie samt ihrer jeweils historischen Betrachtung. Die zentrale und strukturelle Bedeutung des Begriffes Philosophie in seinem eigentlichen Sinne und in seinem systematischen Anspruch hat bewirkt, daß das Fach namensgebend geworden war und es geblieben ist.
1.4.5.2 Bemerkungen zu den Konsequenzen der Freiheit in inhaltlicher Hinsicht
Kehren wir zurück zum Idealfall, zum zweiten, aus dem aufgeklärten Absolutismus resultierenden, Extremstandpunkt – der inhaltlichen Freiheit der Lehre, wie sie in Halle und Göttingen zuerst gewährt worden ist.
Welches waren die Konsequenzen?
1 Wenn es dem Erkenntnisstreben des Einzelnen überlassen ist, womit er sich beschäftigt und worauf er in der Lehre das Schwergewicht legt, dann ist es unausbleiblich, daß die Erkenntnisarbeit in ihrer Intensität und damit zwangsläufig auch ihrem Umfang nach zunimmt, daß also das an sich qualitative Moment auch in ein quantitatives Kriterium umschlägt. Konsequenz der Gewährung der inhaltlichen Freiheit ist es deshalb, daß ein Staatswesen nach Maßgabe seiner ökonomischen Möglichkeiten das Substrat für die Realisierung der Freiheit bereitstellt. Darauf beruht der faszinierende Differenzierungsprozeß der wissenschaftlichen Disziplinen, die enorme Steigerung der Zahl der Professuren im Verlaufe des 19. Jhs vor allem; ein Prozeß, der vielleicht noch imponierender ist an jenen Universitäten, die wie die österreichischen erst um die Jahrhundertmitte in das Spiel eintreten.
2 Nicht alles, was den Intentionen des aufgeklärten Staates zufolge an konkret materiell anwendungsorientierten Disziplinen außerhalb der Medizin an den Philosophischen Fakultäten Platz finden hätte mögen, konnte und wollte von den Universitäten angenommen werden.
Bereits Martianus Capella182 hatte die Aufnahme der Architektur und der Medizin unter die Artes diskutiert, deren es dann neun gewesen wären; er verweigerte sie mit dem Hinweis, daß diese Bereiche nicht auf die reine Erkenntnis, sondern auf die Nützlichkeit abzielten; Thomas von Aquin und auch Kant haben diese Auffassung prolongiert183. Daß die Medizin dennoch an den Universitäten Fuß gefaßt hat, lag daran, daß damals das gesamte System eben noch in statu nascendi war. Als sich aber die "technischen Wissenschaften" – um diesen problematischen Begriff noch dazu anachronistisch anzuwenden – aus dem Ingenieurswesen der Renaissance und unter dem Einfluß der faktischen Entwicklung sowie den Anfängen der Mathematisierung auszuformen begannen, war das System seit Jahrhunderten etabliert. Die technischen Wissenschaften aufzunehmen hätte noch weit umfangreichere finanzielle Anstrengungen und Umstrukturierungen erfordert als die Fortführung der experimentellen Naturwissenschaften, die ja eben wegen dieses Defizits nicht an den Universitäten aufkamen.
Da die Universitäten der Nachfrage nicht zeitgerecht nachkamen und auch nicht nachkommen konnten, begannen sich ab 1700 teils private, teils ständische Ingenieursschulen zu entwickeln, die gegen Ende des 18. Jhs in die neuen, immer noch teils ständischen, Polytechnica übergingen, welche in ihren Vorformen mitunter als ein mixtum compositum aus privater Anstalt und einzelnen Fächern an Philosophischen Fakultäten bestanden, wie dies in Prag etwa der Fall war184. Mit dem Zunehmen der Leistungsfähigkeit dieser Polytechnica, den Vorformen der Technischen Hochschulen, verschwanden die technisch-technologisch-anwendungsorientierten Disziplinen von den Philosophischen Fakultäten185, die sich insbesondere in Ländern mit einem gut entwickelten Fachhochschulwesen ab der Mitte des 19. Jhs strikte in die "reine", "theoretische" Wissenschaft zurückzogen und alles Anwendungsorientierte perhorreszierten186. Die heftigen Diskrepanzen zwischen Universitäten und Technischen Hochschulen bis in die jüngste Vergangenheit zeugen von dieser Entwicklung.
Über Jahrhunderte waren die Universitäten mit den Fragen der Anwendung konfrontiert. Auf Grund der Dominanz der Interessen der Universitätserhalter verlief diese Auseinandersetzung in der Neuzeit in einer unseren heutigen Vorgaben zuwiderlaufenden Weise: nämlich als sukzessive Loslösung vom Dienst am Utile187. Die Freiheit von Forschung und Lehre und der Gedanke der Autonomie bewirkten, daß sich die Universitäten jener Staaten, die die Wissenschaftsdifferenzierung zu finanzieren vermochten, von der Anwendungsorientierung lösten und einem neuen, bis in unsere Zeit fortwirkenden – und neuerlich in Frage gestellten – Ideal von "reiner", "theoretischer" Wissenschaft zu huldigen begannen.
1.4.6 Die neue Universität
Bis in die Mitte des 18. Jhs finden man im Wesentlichen um die Humaniora erweiterte Artesfakultäten vor. Unter dem Einfluß der wissenschaftlichen Revolution – vor allem der Rezeption Newtons – erfahren zuerst um die Jahrhundertmitte Mathematik, Physik, Astronomie eine bedeutsame Erneuerung, und unter dem Einfluß der wirtschaftlichen Entwicklung und des weltweit orientierten Handelns treten die neueren Sprachen in den Kreis der Disziplinen. Als externer Faktor ist in den fortschrittlichsten Ländern die in Bezug auf die Inhalte gewährte Freiheit, die libertas philosophandi, und als treibender interner Faktor der Gedanke der umfassenden Systematik der Erkenntnisarbeit von großer Bedeutung. Die effektive Entwicklung wird freilich durch die unterschiedlich hemmenden Wirkungen konfessioneller Faktoren mitbestimmt.
Die Jahrzehnte von etwa 1760 bis 1800/1810 erscheinen geprägt von der rasch zunehmenden Intensität der kameralistischen Interessen des Staates, man könnte diese Phase geradezu als eine kameralistische bezeichnen; sie ist bestimmt von einem quantitativ wie qualitativ gesteigerten Produktionswillen und einer mit diesem eng verknüpften systematisch-gesamtheitlichen Auffassung des Staates, als eines rationalen Gesetzen unterliegenden Mechanismus. Es kommt den konkreten Anwendungen – Mechanik, Technologie, Geognosie – primäre Bedeutung zu, und die Staatswissenschaften im kameralistischen Sinne entfalten sich – mit Ausnahme Österreichs – innerhalb der Philosophischen Studien188. Die treibende Kraft ist die Vorstellung "Fortschritt durch Anwendung des Wissens". Hemmend wirkten die äußeren Umstände – der beinahe ein Vierteljahrhundert währende Kriegszustand behindert die Realisierung der leitenden Vorstellungen, ja bringt sie um 1800 praktisch zum Erliegen.
Die um 1800/1810 nahezu allgemein zutagetretenden Erneuerungsbestrebungen wurden vielfach durch das neuerliche Wirksamwerden der in den 1770er und 1780er Jahren bereits einflußreichen freimaurerischen erkenntnisorientierten Bemühungen katalysiert und weltanschaulich mehr und mehr getragen von der idealistischen Philosophie und dem aufkommenden Neuhumanismus, die beide eine neue Vorstellung vom Staat und von der sinngebenden Bedeutung und Wirksamkeit der geistigen Werte entwickelten, wie sie in der Entwicklung der klassischen Altertumswissenschaft und allgemeiner des Historismus unter dem Aspekt des Pluralismus der Individualitäten und damit auch der Meinungen sich manifestieren und mit einer neuen Auffassung vom Staate, einer "höheren Kameralistik" gewissermaßen, verknüpft sind189. Andererseits bewirkte ab 1830 die Überwindung des Vitalismus eine neue, geschlossenere Auffassung vom Wesen der Naturwissenschaften, die ihrerseits eine Transformierung nun auch der beschreibenden Disziplinen dieses Bereiches wie auch der Medizin zur Folge hatte. So entsteht bald ein sehr breiter Fächerkanon, der freilich vorerst kaum irgendwo in seiner Idealform realisiert werden konnte190. Hand in Hand mit dieser Entwicklung geht die zunehmende Auslagerung der anwendungsbezogenen Bereiche in die seit dem 18. Jh sich entwickelnden und ab 1800 sich als staatliche Institutionen konstituierenden Polytechnica und noch später in die bereits erwähnten "Fachhochschulen". Indem dadurch an den Universitäten eine Reduzierung auf den Kernbereich der Wissenschaft bewirkt wird, ergibt sich geradezu folgerichtig die Verwirklichung der "reinen" Wissenschaft wie noch nie zuvor.
Zentraler Ort aller dieser Bemühungen und Neuerungen wird nun im Sinne der systematische Auffassung des Erkenntnisstrebens tatsächlich die neue Philosophische Fakultät, „die eigentlich schon jetzt alle übrigen Fakultäten in sich enthalte, nur mit Weglassung alles dessen, was eigentlich nicht Wissenschaft sei“ und deren Bezeichnung als „untere Fakultät“ bereits Kant in seinem „Streit der Fakultäten“191 mit allem Nachdruck zurückgewiesen und ins Gegenteil verkehrt hat. So wie Kant seine Hoffnungen in eine neue Universität gesetzt hat, so haben auch die führenden Köpfe in Berlin, die das Wort "Universität" vorerst gar nicht benützen wollten (so wie Leibniz dem Begriff "Akademie" ausgewichen war) letztlich doch auf den, mittlerweile mehr eine „universitas litterarum“ denn eine „universitas magistrorum et scholarium“, ansprechenden Begriff der Universität zurückgegriffen. Diese neue Universität ist der Ort der Wissenschaft in ihrer Gesamtheit; und die Philosophische Fakultät, in der das System der Philosophie aus den Zeiten der artes liberales herauf beheimatet ist, die im Sinne der Wissenschaftssystematik die Gesamtheit des Erkennbaren im Auge hat und damit auch das Ganze der Universität umschließt, ist damit ihr natürliches Zentrum, während die ehemals höheren Fakultäten nun umgekehrt nur der Wahrnehmung spezifischer Bereiche innerhalb des philosophischen Gesamtsystems dienten. Tatsächlich haben seither die wesentlichen Neuerungen in dieser Philosophischen Fakultät sich vollzogen oder wenigstens langehin von hier ihren Ausgang genommen.
Von 1830 an, in den katholischen Ländern vielfach erst durch das Jahr 1848, kehrt auf Grund dieser Entwicklung die Wissenschaft auch in den Naturwissenschaften wieder an die Universitäten zurück, oder besser: sie beginnt sich an den Universitäten zu entfalten wie nie zuvor, und die Universitäten erlangen die Hegemonie über die Akademien, indem sich deren Mitglieder bald nahezu ausschließlich aus Universitätsprofessoren rekrutieren.
1.4.7 Die „Humboldt-Universität“ und die Konsequenzen
Preußen hat aus seiner totalen Niederlage gegen Frankreich im Jahre 1809 heraus zu einer tiefgehenden Reform und Erneuerung angesetzt: 1810, also nahezu noch während der Katastrophe, ist in Berlin eine Universität begründet worden, deren Konzeption, Struktur und Organisation im wesentlichen von Wilhelm von Humboldt bestimmt worden ist. Die Humboldtsche Universität in Berlin ist – erst nach geraumer Zeit – das große Universitätsideal des deutschsprachigen Raumes bis weit in das 20. Jh hinein geworden192 – wenige Konzeptionen haben so stimulierend gewirkt und sind lange nach ihrem Entstehen zu einem weltweit anerkannten Ideal hochstilisiert worden. An diesem Modell orientierte sich die österreichische Reform nach der Revolution von 1848.
Die preußischen Reformen hatten ihre Frühphasen vor dem Krieg – und die Ideen, die gemeinhin mit Wilhelm von Humboldt identifiziert werden, sind von Schleiermacher; Schelling und Fichte vorweggenommen worden. Schelling hat im Grunde genommen den neuen Wissenschaftsbegriff als erster formuliert und Fichte hat ein Programm für „eine zu Berlin zu errichtende Höhere Lehranstalt“ schon 1807 vorgelegt, wobei die ersten konkreten Planungen für die neue Universität bereits 1802 erstellt worden waren.
Humboldt hat seine Ernennung zum Chef des Ressorts für Kultus und Unterricht im November 1808 erfahren – er war damals Gesandter in Rom. Gefreut hat er sich darüber nicht, er versuchte abzulehnen: „was läßt sich jetzt im preußischen tun; wo man so wenig Mittel hat? Gelehrte zu dirigieren ist nicht viel besser, als eine Kömödiantentruppe unter sich zu haben“ – schließlich hat er der Aufgabe sich gestellt, soweit er als „Genießer“ und Egoist dazu in der Lage war.
Die neue Lehranstalt in Berlin war nicht von vornherein als „Universität“ geplant; dies deshalb, weil der Begriff Universität als veraltet negativ belastet war. Humboldt hat aber auf der Bezeichnung „Universität“ bestanden, denn „Schulen und Gymnasien sind vom wichtigstem Nutzen für das Land, in dem sie sich befinden. Allein nur Universitäten können demselben Einfluß auch über seine Grenzen hinaus zusichern und auf die Bildung der ganzen, dieselbe Sprache redenden Nation einwirken“. Eine bloß praktische Anstalt – wie etwa die österreichischen Lyzeen und Universitäten – hielt er, weil Theorie und Praxis geschieden wären, für gefährlich. In seiner undatierten Denkschrift „Über die innere und äußere Organisation der wissenschaftlichen höheren Anstalten in Berlin“ (aus dem Sommer 1809) hat Humboldt jene Maximen festgelegt, die bis heute mit seinem Namen verbunden sind.
Humboldt hat nicht mehr wie vor ihm die Aufklärung, wie Kant und viele andere, den Staat als Instrument der Meisterung der Unzulänglichkeiten der menschlichen Natur über alles gestellt, sondern den Menschen. Geprägt vom oder besser als eine der Führungsfiguren des Neuhumanismus in Deutschland hat er die Entwicklung des menschlichen Individuums im Zentrum gesehen. Euphorisch vertrat er dir Ansicht, daß das Menschengeschlecht nun eine Entwicklungsstufe erlangt habe, auf der es sich nur durch die Ausbildung der Individuen höher emporschwingen könne. Dementsprechend wendet er sich gegen die Nationalerziehung im Sinne einer Erziehung durch und für den Staat: das Kind sei nicht zum Bürger, sondern zum Menschen im eigentlichen Sinne zu erziehen, denn der Staatbegünstigte eine bestimmte Form, präge und verhindere dadurch die wahre Entfaltung der Persönlichkeit. – Nation ist Humboldt ein vom Staat losgelöster Begriff, eine gleichsam menschliche Gemeinschaft. Das Verhältnis zwischen beiden sah er so, daß der Staat die Nation dahin zu bringen habe, daß sie selbst Hüterin ihrer geistigen Schätze werden könne.
Über die Schulen aber erheben sich“, so beginnt die Denkschrift, „als die Gipfel, auf denen alles zusammenkommt, was unmittelbar für die moralische Kultur der Nation geschieht, die höheren wissenschaftlichen Anstalten, welche dazu bestimmt sind, die Wi