Reader zur Wissenschaftsgeschichte

Zentrum für Wissenschaftsgeschichte

Reader zur Allgemeinen Wissenschaftsgeschichte
Teil 3: Geisteswissenschaften I – von Walter Höflechner – Zentrum für Wissenschaftsgeschichte der Karl-Franzens-Universität Graz – März 2008
Inhaltsverzeichnis
1 Das Problem der Geisteswissenschaften am Beispiel der Geschichtswissenschaft
1.1 Das „Problem“ Geisteswissenschaften
1.2 Der Begriff „Geisteswissenschaft(en)“ im Wandel der Zeit
1.3 Das Problem „Geschichte“
1.3.1 Was ist unter „Geschichte“ zu verstehen?
1.3.2 Geschichtsphilosophie
1.3.3 Vorstellungen bezüglich des Ablaufes von Geschichte in der Zeit
» Vorstellungen von einem zyklischen Verlauf der Geschichte
» Vorstellungen von einem linearen Verlauf der Geschichte
» Vereinigung von zyklischer und linearer Auffassung
» Statische Auffassungen
» Natürliche Faktoren als Einflüsse auf den Gang der Geschichte
1.3.4 Geschichtsschreibung – Vorstellungen und Zielsetzungen hinsichtlich der Historiographie
1.3.5 Zur Geschichtswissenschaft
1.3.5.1 Grundlegende Probleme der Geschichtswissenschaft
1.3.5.1.1 Die Sinnfrage
1.3.5.1.2 Die Frage nach dem Nutzen der Geschichte
1.3.5.1.3 Problem des Objekts der Geschichte
» Relativismus
1.3.5.2 Organisatorische Gliederung und unterschiedliche Zielsetzungen der Geschichtswissenschaft
» Alte Geschichte – Geschichte des Altertums
» Mittelalter – Geschichte des Mittelalters
» Neuzeit – Geschichte der Neuzeit, Neuere Geschichte
» Zeitgeschichte
» Vor- oder Urgeschichte und Frühgeschichte
» „Spezialgeschichten“ – sachbezogenen Fragestellungen
1.3.5.3 Zu Theorie und der Methodenlehre der Geschichtswissenschaft
1.3.5.3.1 Theorie
1.3.5.3.2 Methodenlehre
1.3.5.3.3 Heuristik = Lehre von den Wegen zur Gewinnung wissenschaftlicher Erkenntnis
1.3.5.3.4 Kritik
1.3.5.3.5 Interpretation (s. auch oben Hermeneutik)
1.3.5.4 Die Theoriediskussion um den Charakter der aus der Befassung mit der Historia gewonnenen Erkenntnis zwischen 1500 und 1800
1.3.5.4.1 Der aus dem klassischen Altertum übernommene Kanon an theoretischen und methodologischen Aussagen
» Frühchristliche Beiträge zur Geschichtsauffassung
1.3.5.4.2 Die Diskussionsbeiträge bis etwa 1630
» Jean Bodin
» Die Fortführung der Diskussion im 16. und 17. Jh
1.3.5.4.3 Der Beitrag des Empirismus – Francis Bacon
1.3.5.4.4 Skeptizismus, Kritizismus, Hyperkritizismus
1.3.5.5 Historia als Wissenschaft – Grundlegung im 18. Jh
1.3.6 Die Praxis – Zur Entwicklung von Geschichtsforschung und Geschichtswissenschaft in der Frühen Neuzeit
1.3.6.1 Humanismus und Renaissance in Italien und Westeuropa
1.3.6.1.1 „Italien“
» Zur humanistischen Biographie
» Zur humanistischen Annalistik
» Zur Entwicklung der topographisch-antiquarischen Richtung
» Zur politisch-tendenziösen Historiographie
1.3.6.1.2 Zur Entwicklung in den westeuropäischen Ländern
» Frankreich
» England
» „Spanien“
» Niederlande
1.3.6.1.3 Die Entwicklung im Hl. Römisches Reich
» Das Auslaufen der spätmittelalterlichen Tradition – vom Humanismus zum Frühbarock
» Zur landständisch-adeligen Historiographie (vornehmlich am Beispiel der habsburgischen Länder)
» Städtische Historiographie (am Beispiel der österreichisch-habsburgischen Länder)
» Die Reichspublizistik
» Kirchliche Geschichtsschreibung
1.3.6.1.4 Die Begründung der modernen gelehrten Geschichtsschreibung bzw. der Geschichtsforschung in technisch-kritischer Hinsicht im 17. Jh
» Die französischen Vorläufer im 16. Jh und die Idee einer perfekten Geschichtsschreibung bzw. -forschung
» Die Entwicklung der klassischen Hilfswissenschaften
» Die Ausweitung der organisiert-systematischen Forschungsarbeit durch die Tätigkeit der Jesuiten und der Benediktiner im 17. Jh
» Die neuere Annalistik
» Neue Weltgeschichte
» Editoren und Lexikographen
1.3.6.1.5 Die Ausweitung der Kritik und die Ausformung der akribischen Geschichtsforschung
» Die Bedeutung der Säkularisierung
» Bemerkungen zum Problem der Chronologie und der Periodisierung
» Zur Entwicklung der Vorstellung vom Fortschritt
» Die Neuerungen Pierre Bayles
» Hyperkritizismus, Pyrrhonismus
1.3.6.1.6 Zur weiteren Fortführung der Geschichtsforschung des 17. Jhs im 18. Jh
» Nationale Aspekte
» Die kirchengeschichtlichen Unternehmungen
1.3.6.1.7 Die Geschichtsschreibung der Aufklärung
» Allgemeines
» Die großen Franzosen – Montesquieu, Voltaire, Rousseau
» ZurRezipierung im deutschen Bereich – Göttingen
» Zur Aufklärungshistoriographie im britischen Bereich
1.3.7 Zur Diskussion um die Geschichtswissenschaften und zu deren Praxis im 19. und 20. Jahrhundert
1.3.7.1 Die positivistische Position
1.3.7.1.1 Historiographie des Liberalismus
1.3.7.1.2 Die Entwicklung der idealistisch-hermeneutischen Geschichtswissenschaft des 19. und 20. Jhs
» Der Übergang vom 18  zum 19. Jahrhundert – Klassik und Romantik, Historismus
» Geschichtsauffassung und Geschichtsschreibung der Romantik
» Die Grundlegung der idealistisch-hermeneutischen Geschichtswissenschaft in Deutschland
» Wilhelm von Humboldt
» Leopold von Ranke und seine Ideenlehre
» Johann Gustav Droysen
» Theodor Mommsen
1.3.7.1.3 Die großen nationalstaatlichen historisch-wissenschaftlichen Gemeinschaftsunternehmungen des 19. und 20. Jhs im Gefolge der Entwicklung der Geschichtswissenschaft in Deutschland
1.3.7.1.4 Der Widerstand gegen die idealistische Geschichtsauffassung und ihre Geschichtsschreibung in Deutschland – die Krise des Historismus
» Der Materialismus
» Friedrich Nietzsche
» Die nationalökonomischen Schulen
» Der „Methodenstreit“ um Karl Lamprecht
» Kulturgeschichte
» Otto Hintze
1.3.7.1.5 Geschichtsmorphologische Vorstellungen
» Kurt Breysig
» Oswald Spengler
» Arnold Toynbee
1.3.7.1.6 Krise und „Überwindung“ des Historismus
» Max Weber
» Ernst Troeltsch – Friedrich Meinecke
1.3.7.1.7 Die Entwicklung der positivistisch-analytischen Tradition in Frankreich
» Die Reaktion gegen die idealistisch-hermeneutische Geschichtsauffassung in Frankreich
1.3.7.1.8 Die Gruppe, der Geist der Annales
» Marc Bloch
» Lucien Febvre
» Fernand Braudel
» Spezialisierungen innerhalb und im Umfeld der Annales nach 1945
» Die quantitative Konjunkturgeschichte
» Regionalgeschichte
» Kliometrie
» Geschichte der kollektiven Mentalitäten
» Strukturalismus
» Nouvelle Histoire
1.3.7.1.9 Rezeption und Kritik der Annales – Zusammenfassung
» Turgot – Condorcet – Saint-Simon
» Auguste Comte 1798–1857
1.3.7.2 Zusammenfassung hinsichtlich der Entwicklung nach 1945
1.3.8 Die Auseinandersetzung um die Geisteswissenschaften im 20. Jh
1.3.8.1 Abgrenzungsversuche/Nichtabgrenzungsversuche der Geisteswissenschaften gegenüber den Naturwissenschaften
» Methodologische Abgrenzungsversuche
» Inhaltliche Abgrenzungsversuche
» Unterscheidung nach Erkenntnisinteressen
» Die Theorie von der Einheitswissenschaft
» Physikalismus
» Strukturelle Einheitswissenschaft
» Marxistische Einheitswissenschaft
1.3.8.2 Weitere Positionen zum Problem der Geisteswissenschaften im 20. Jh
» Hans-Georg Gadamer
1.3.8.3 Zur Kritik des Verstehens
» Wolfgang Stegmüller
» Sir Karl Popper
1.3.9 Zielsetzung und Rechtfertigungen der Geisteswissenschaften
1 Das Problem der Geisteswissenschaften am Beispiel der Geschichtswissenschaft
1.1 Das „Problem“ Geisteswissenschaften
Es gibt Wissenschaften, denen ewige Jugendlichkeit beschieden ist
und das sind alle historischen Disziplinen, alle die,
denen der ewig fortschreitende Fluss der Kultur stets neue Problemstellungen zuführt.
Bei Unvermeidlichkeit immer neuer idealtypischer Konstruktionen
im Wesen der Aufgabe.
Max Weber
Im Sinne der nachfolgend zu behandelnden Problematik der Erkenntnisgewissheit (s. Kapitel „Wissen“ und „Wissenschaft“) stellen die Nicht-Naturwissenschaften in der Neuzeit insoferne ein Problem dar, als seitens der Theoretiker für die empirisch betriebenen Naturwissenschaften der Anspruch erhoben und gemeinhin auch durchgesetzt wurde, dass die empirisch betriebenen Naturwissenschaften „gewisse“, d.h. gesicherte Erkenntnis gewönnen, die am ehesten dem platonisch-aristotelischen Ideal von wahrer Erkenntnis entspräche (diese Vorstellung wurde gestützt durch die seit dem 15. Jh in Gang gekommene Mathematisierung der Naturwissenschaften), während die nicht in höherem Maße empirisch gestützten Wissenschaftsbereiche diesem Anspruch nicht gerecht zu werden vermochten, weshalb ihnen auch der Charakter einer Wissenschaft in strengeren Sinne nicht zugestanden worden ist. Dies ist geschehen, obgleich bereits in der spätscholastischen Naturphilosophie die absolute necessitas, das gesetztmäßige Folgen einer Erscheinung aus einer anderen als nicht gesichert erkannt worden ist, wenn Buridan zur Auffassung gelangte, dass die Gewissheit wissenschaftlicher Erkenntnis eine graduelle Abstufung aufweisen könne.
Als in der Renaissance durch die studia humanitatis die Befassung mit der Historie, die nicht zu den septem artes gezählt hatte, einsetzte, bestimmte die auf Kernaussagen bei Platon und bei Aristoteles zurückgreifende und weitere, flankierende Erörterungen dieses Themas nicht berücksichtigende und deshalb überzogen rigide Interpretation der Auffassung von scientia bei Aristoteles, die hinter das von Aristoteles als erreichbar Eingestufte zurückging, eine wissenschaftstheoretische Diskussion aus, inwieferne, die Befassung mit der Historie überhaupt verlässliche und damit nutzbringende Erkenntnis liefern könne, da sie sich nicht empirisch betreiben lasse, und außerdem hinsichtlich ihres Objektbereiches nicht klar definiert sei. Uno actu damit wurde die mittlerweile obsolete Auffassung von einer perfekten Gewissheit naturwissenschaftlicher Erkenntnis – more geometrico – ausgebaut. Dieser Prozess ist signifikant und konstituierend für den Bereich, den man später unter dem Begriff „Geisteswissenschaften“ zusammengefasst hat.
Als Konsequenz dieser Entwicklung ergab es sich, dass die Begriffe „philosophia“ und „scientia“ nicht auf die Historia angewandt wurden, sondern lediglich auf die Befassung mit den sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungen der Natur, die ja nach Ockham als der alleinige, rational rechtfertigbare Einsatzbereich von Philosophie in einem neuen Sinne, d.h. wissenschaftlicher Arbeit, waren. Eine Konsequenz dessen ist, dass der englische Begriff „science“ ohne Zusatz immer noch die „hard sciences“, d.h. die empirisch betriebenen Naturwissenschaften bezeichnet, während die Geisteswissenschaften im Englischen zumeist als „humanities“ bezeichnet werden, was in etwa den studia humanitatis des 15. und 16. Jhs entspricht und zum Ausdruck bringt, dass es hierbei nicht um Wissenschaften im eigentlich Sinne des Wortes handle.
Die Begriffe „Naturwissenschaften“ und „Geisteswissenschaften“ entstanden erst im ausgehenden 17. Jh für die Naturwissenschaften und im ausgehenden 18. Jh bzw. im 19. Jh für die Geisteswissenschaften. Ihr Entstehen bezeugt die Intensivierung der Auffassung von Systemen, von der methodischen und erkenntnistheoretischen Zusammengehörigkeit von Disziplinen, die zuvor als Teilbereiche der Philosophie eingestuft gewesen waren1.
Die Begriffe, die Bezeichnungen der Disziplinen unterliegen als Konventionen einerseits als zeitgebundene Interpretationsversuche selbstverständlich Veränderungen in der Zeit, beruhen andererseits aber auch auf fundamentalen, in der klassischen griechischen Philosophie grundgelegten strukturellen Vorgaben, die ihnen jene Konstanz verleihen, die sie nun über Jahrtausende hinweg als Orientierungshilfen bewiesen haben und auf die immer wieder zurückgegriffen wird.
Es ist zwar bereits im 18. Jh erkannt worden und war damals bereits „den vernünftigeren mathematici“ (so heißt es bei Zedler) klar, dass man ihrer Natur entsprechend nicht für alle Erkenntnisbereiche das gleiche Erkenntnisideal einfordern könne, doch ist symptomatisch dafür, wie problematisch die Situation auch heute noch ist, die Feststellung der englischsprachigen Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston2 aus dem Jahr 2001: „Das deutsche Wort Wissenschaft stellt für jemanden, dessen Muttersprache Englisch ist (oder in diesem Fall auch Französisch oder Italienisch), immer wieder eine Herausforderung dar. Denn Wissenschaft umfasst im Deutschen sämtliche Arten des systematischen Wissens, über alle möglichen Gegenstände, und kommt damit dem lateinischen scientia am nächsten – wogegen die leichter erkennbaren Abkömmlinge von scientia in anderen europäischen Sprachen – science (frz.), scienza, science (engl.) – ihr Bedeutungsfeld verengt haben. Sie beziehen sich hauptsächlich, teilweise oder sogar ausschließlich auf die Naturwissenschaften oder, wie in einem aktuellen französischen Wörterbuch nachzulesen ist, auf ‚Corps de connaissance constituées, articulées par déduction logique et susceptibles d’être vérifiées par l’expérience. Les mathemaématiques, la physique sont des sciences’. In der angloamerikanischen Philosophie beschäftigt sich ein ganzer Zweig der Wissenschaftstheorie mit der Festlegung und Verteidigung der Grenzen zwischen den Naturwissenschaften und anderen Wissensgebieten (nicht nur Astrologie, sondern beispielsweise auch Soziologie); das Stichwort dafür lautet: ‚Demarcation Criterion’ – ‚Abgrenzungskriterium’. Man braucht in Oxford, Berkeley oder Paris nur das Wort Geschichtswissenschaft in den Mund zu nehmen, um den Damen und Herren Professoren ein skeptisches Lächeln zu entlocken, eine Mischung aus Erheiterung – über die Leichtigkeit, mit den im Deutschen alle möglichen Zusammensetzungen gebildet werden – und Verwirrung über die Fabelwesen, die sie daraus hervorwachsen sehen: eine Chimäre mit Löwenhaupt und Schlangenschwanz und dazwischen etwas, was wie eine Ziege aussieht.“
Diese Darstellung lässt erkennen, dass offenbar eine Jahrhunderte andauernde Diskussion ebenso wieder in Vergessenheit geraten ist wie die große Auseinandersetzung um die Geisteswissenschaften zu Ausgang des 19. Jhs.
Den weiter oben erwähnten Gegebenheiten zufolge setzt die Diskussion um die Geisteswissenschaften als solche viel später ein als die Diskussion um eine Geschichtswissenschaft, da ja die Diskussion um die Geschichtswissenschaft gewissermaßen ein die Geisteswissenschaften konstituierendes Element ist.
Der Begriff Geisteswissenschaften steht in der Diskussion in der Regel für die nicht-naturwissenschaftlichen Bereiche, deren Benennung je nach Auffassung sehr unterschiedlich ist. Gängige Begriffe, die je nach System und Gewichtung teils übergeordnet, teils untergeordnet verwendet werden, sind „Sozialwissenschaften“, „Kulturwissenschaften“, „Gesellschaftswissenschaften“ u.ä.3 Im Gefolge des noch darzustellenden Diskussionsprozesses um die Geschichtsbetrachtung war die Geschichtswissenschaft etwa für Dilthey und bis in das 20. Jh allgemein das Zentrum, der klassische Fall der Geisteswissenschaften. Heute mag vielleicht unter dem Einfluss Poppers als „unvollkommene“ Wissenschaft diese Position etwas abgewertet erscheinen, weil die formalisierbaren Teile etwa der Sprachwissenschaft oder der Sozialwissenschaften dem Ideal einer Erfahrungswissenschaft besser entsprechen, doch ändert dies nicht an der ganz außerordentlichen Bedeutung der Historisierungsschübe, die seit der Renaissance die Vorstellung von Erkenntnis und von Wissenschaft, von der Stellung des Menschen in der Welt maßgeblichst beeinflusst haben.
Die Diskussion um die nicht-naturwissenschaftliche Erkenntnis und um das Problem der „weichen Wissenschaften“ hält – wie das Beispiel aus Ausführungen von Lorraine Daston zeigt – bis heute an. Sie hat viele wertvolle Bereicherungen erbracht und sie wird auch künftig wird andauern, weil das Problem der Erkenntnisgewissheit als eine Herausforderung an den menschlichen Geist bestehen bleibt und wohl auch in Zukunft keine zufrieden stellende Lösung erfahren wird können.
Die im Rahmen des erkenntnistheoretischen Klärungsprozesses geforderte und mitunter geübte klare Scheidung zwischen den beiden Bereichen ist nicht mehr haltbar; beide Großbereiche der Erfahrungswissenschaft haben selbstverständlich Anteil am jeweils anderen Bereich, die Erkenntnisgewissheit der Naturwissenschaften ist mittlerweile ebenso in Frage gestellt, und es geht eher um Gewichtungsfragen.
1.2 Der Begriff „Geisteswissenschaft(en)“ im Wandel der Zeit
Der Begriff Geisteswissenschaften taucht im Jahre 1787 erstmals auf4. 1824 wird von den Natur- und den Geisteswissenschaften gesprochen, und 1847 unterschied ein sonst unbekannter E.A.E. Calinich zwischen der naturwissenschaftlichen und der geisteswissenschaftlichen Methode. Dann 1849 – vermutlich unter dem Einfluss Hegels – in einer deutschen Übersetzung der „Logik“ von John Stuart Mill für „moral sciences5. 1843 verwendete Droysen bereits den Begriff, der allgemeiner benützt erst wird, als 1883 von Wilhelm Dilthey dessen "Einleitung in die Geisteswissenschaften" erscheint.
Dilthey war sich der Problematik und wegen des Wortteiles „Geist“ wenig eindeutigen Bezeichnung bewusst und hat ebenso wie dann auch Heinrich Rickert nach anderen Begriffen gesucht (Gesellschaftswissenschaften, moralische bzw. geschichtliche Wissenschaften, Kulturwissenschaften), ist aber immer wieder zu den Geisteswissenschaften zurückgekehrt, da dieses Wort bereits eingeführt sei – dass das Wort so rasch aufgenommen worden war, lag daran, dass die ganze Problematik durch Hegel vorbereitet worden war, der selbst von einer Wissenschaft des Geistes sprach.
Dilthey formulierte: „die Natur Erklären wir, das Seelenleben verstehen wir“.
Erklären wird dabei als ein Vorgang verstanden, der sich gewissermaßen „von außen her“ und mit dem Anspruch oder Ziel des Zugrundeliegens von Gesetzmäßigkeit vollzieht.
Verstehen wird als Möglichkeit gesehen, gleichsam „von innen heraus“ die Handlung eines Individuums zu erfassen, indem wir versuchen, ihrer dafür konstitutiven geistigen Tätigkeit zu folgen (Acham). Dilthey definierte Verstehen als einen „Vorgang, in dem wir aus Zeichen, die von außen gegeben sind, Inneres erkennen“.
Die pluralistischen Deutungsmöglichkeiten eines Tatbestandes im geisteswissenschaftlichen Betrachtungsbereich lassen keine apriorischen Kriterien zu, denen gemäß wir an einem bestimmten Punkte sagen könnten, es läge nunmehr die eine, alleinige und umfassende Erklärung einer historischen Handlung oder eines historischen Geschehens vor.
Ab 1900, vor allem jedoch nach 1945 setzte eine Parallelentwicklung ein, einerseits einer klassisch-hermeneutischen Auffassung (im Sinne von „Geisteswissenschaften“) und zum anderen einer analytisch-positivistischen Ausprägung; diese Entwicklung, die von z.T. langwierigen und scharfen Auseinandersetzungen begleitet war (und ist), findet in allen Teilbereichen der Geisteswissenschaften statt.
Im Grunde genommen umfassen die Geisteswissenschaften im allgemeinen Sinne die Nicht-Naturwissenschaften innerhalb der Erfahrungswissenschaften. Theodor Bodammer hat deshalb 1987 in seiner „Philosophie der Geisteswissenschaften“ eine grundlegende Zweiteilung dahingehend getroffen, dass er neben dem weiten Erich Rothacker’schen Umfang eine kleinere Gruppe definiert, nämlich jene Disziplinen, die sich mit Bereichen beschäftigen, die im Sinne der Geisteswissenschaften betrachtet werden können, aber nicht ausschließlich müssen – die zweite Gruppe umfasst also Gebiete, die sowohl als Geisteswissenschaften als auch als empirische Wissenschaften in einem engeren Sinne verstanden werden können.
Zur Begriffsverwirrung hat wesentlich beigetragen, dass der Begriff „Geisteswissenschaften“ durch seine zeitweilige politische Belastung als problematisch erachtet wurde – die Geisteswissenschaften böten, so meinte man, dem deutschen Denken Schutz vor der technisch-mechanistisch-positivistischen Denkweise der westlichen Welt, wodurch die Geisteswissenschaften in den Geruch gerieten, Ausdruck völkischen Denkens der Deutschen zu sein; dazu hat auch beigetragen, dass das Wort praktisch nicht übersetzbar ist und in vielen Sprachen deshalb neben mehr oder weniger glücklichen Übersetzungen6 der deutsche Ausdruck verwendet wird.
So wurde der Begriff nach 1945, zuerst in der marxistischen Wissenschaft, dann auch anderweitig verschiedentlich durch „Sozial- oder Gesellschaftswissenschaften“ ersetzt. In den 1980er Jahren ist der im ausgehenden 19. Jh in Überwindung der „Enge“ des Begriffes „Geisteswissenschaften“ geprägte Begriff „Kulturwissenschaft(en)“ wieder entdeckt, ja geradezu zum Programm erhoben, auch die Umschreibung mit „Wissenschaft vom Menschen“ verwendet und schließlich der Terminus „Humanwissenschaften“ angewendet worden7, welch letzterer zurückgreift auf die studia humanitatis in einem weiteren Sinne, wobei unter dem Aspekt der Bedingtheiten vor allem auch Felder angesprochen werden, die über die Geisteswissenschaften in einem früheren Sinne hinausgehen, indem sie Psychologie, Physiologie und überhaupt biologische Aspekte einbeziehen.
Kernaussage des Begriffs „Geisteswissenschaften“ ist, dass sich diese Wissenschaftsbereiche mit der geistigen Tätigkeit des Menschen und ihren Bedingtheiten wie Konsequenzen befassen und deshalb wesentlich anderen Bedingtheiten unterliegen als jene Wissenschaftsbereiche, die sich mit außerhalb des Menschen, quasi objektiv gegebenen Erscheinungen befassen, die ebenfalls nicht unabhängig vom reflektierenden menschlichen Bewusstsein sind.
1.3 Das Problem „Geschichte“
1.3.1 Was ist unter „Geschichte“ zu verstehen?
Einige bekannte Zitate zum Thema Geschichte:
Paul Valéry: "Les plus dangereux produit que la chimie de l'intellect ait pu élaborer"
Johann Wolfgang von Goethe:
"Geschichte schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen: Wir alle leben vom Vergangenen und gehen am Vergangenen zugrunde. Es gibt kein Vergangenes, das man zurücksehnen dürfte, es gibt nur ein ewig Neues, das sich aus den erweiterten Elementen des Vergangenen gestaltet, und die echte Sehnsucht muss stets produktiv sein, ein neues Besseres erschaffen."
"Man erblickt nur etwas, was man schon weiß und versteht."
"Über Geschichte kann niemand urteilen als wer an sich selbst Geschichte erlebt hat. Im Innersten interessiert mich eigentlich nur das Individuelle in seiner schärfsten Bestimmung."
"Das Wahre kann bloß durch seine Geschichte erhoben und erhalten, das Falsche bloß durch seine Geschichte erniedrigt und zerstreut werden."
"Jeder Zustand, ja jeder Augenblick ist von unendlichem Wert, denn er ist der Repräsentant einer ganzen Ewigkeit."
"Wer nicht von dreitausend Jahren / Sich weiß Rechenschaft zu geben, / Bleibt im Dunkel unerfahren / Mag von Tag zu Tag leben!"
Jakob Burckhardt: „Geschichte macht nicht klug für ein andermal, sondern weise für immer.“
Thema der Geschichte sei der duldende, strebende und handelnde Mensch, „wie er ist und immer war und immer sein wird“.
Jan Huizinga begreift Historie im weiteren Sinne als die Weise, in welcher der Mensch die Welt in und durch Vergangenheit begreift und formuliert: „Geschichte ist die geistige Form, in der sich eine Kultur über ihre Vergangenheit Rechenschaft ablegt“.
Alfred Heuß spricht von der Geschichte als kollektiver Erinnerung, als Tradition, die den Menschen lange schon vor jeder Reflexion auf Geschichte umfangen hat und aus der heraus er lebt.
Hans Georg Gadamer spricht von der Immanenz der Geschichte im Leben; davon ausgehend schreibt Faber eindrucksvoll: [Es gibt] keine Handlung ohne den stillschweigenden Rekurs auf vergangenes, aber erinnertes Geschehen, keine Entscheidung, die nicht durch frühere Entscheidungen und durch das durch diese Geschaffene determiniert ist.“ 8
Philippe Aries: Die Geschichte entstehe aus Beziehungen zwischen zwei unterschiedlichen Strukturen in der Zeit und im Raum, die der Historiker wahrnimmt.
Roger Chartier: „Geschichte ist die Beschreibung des Individuellen mit Hilfe von Universalien“.
Der Engländer Alfred Stern meint 1962 in seiner „Geschichtsphilosophie“:
Die geschichtlichen Situationen und die intellektuellen und moralischen Fähigkeiten der Menschen ändern sich. Was sich im Laufe der Geschichte nicht ändert, ist die Tatsache, dass der Mensch ein seines Daseins bewusstes Wesen ist, dass er in der Welt lebt, dass er handeln muss, um sich im Dasein zu erhalten, dass er liebt und hasst, sich fortpflanzt, krank wird, leidet, dem Leiden zu entrinnen sucht, dass er weiß, er müsse sterben, dass er den Tod fürchtet und ihn schließlich erleidet. Ich erblicke in dieser menschlichen Daseinsbedingung die einzige Konstante in der Geschichte.
Jean Gebser: Geschichte ist nicht nur Folge und Ziel, sondern sie ist Existenz und Essenz und als solche von steter substanzieller Gegenwärtigkeit“.
Die Befassung mit „Geschichte“ – die Geschichtswissenschaft – ist keine zeitlose Beschäftigung mit der Vergangenheit, sondern selbst ein historisches Phänomen; ein historisches Phänomen nicht nur in dem Sinne, dass die Geschichtswissenschaft selbst ihre Geschichte hat, sondern zusätzlich dadurch, dass sie selbst in ihrer Auseinandersetzung mit einer bestimmten Ebene der Vergangenheit durch die seit dieser "nachgewachsenen" Vergangenheit mitbestimmt ist. Jede historische Erkenntnis ist ihrer Entstehungszeit verpflichtet und wandelt sich im Laufe der Zeit – die Prozesshaftigkeit historischer Erkenntnis ist eines ihrer wesentlichsten Elemente.
Das deutsche Wort „Geschichte“, das sich von „geschehen“ ableitet, ist das Gegenstück zum griechischen „historiai“ bzw. lateinischen „historia“, die ursprünglich „Erkundung“ bedeuteten und damit einen anderen Wortinhalt im Blick haben als der deutsche Ausdruck. Historiai (und auch historia) wirft die Frage nach dem Ganzen, nach der umgebenden Natur und ihren Erscheinungen auf. Eine erste Einengung auf den uns vertrauten Inhalt erfolgte durch Herodot. Thukydides meidet das Wort, dessen Inhalt in der Folge sich auf das Ergebnis der Erkundung – Historiographie – verlagert. Gleichwohl behielt es die alte weitere Bedeutung noch lange bei – etwa bei Aristoteles.
Im Lateinischen bedeutet das Wort ursprünglich eine tiefere, die inneren Zusammenhänge erfassende Darstellung jeglichen Bereiches (daher auch der Titel naturalis historia bei Plinius d. Ä., der in der Renaissance Probleme aufwerfen sollte), es hat aber auch den Sinn von Geschichte.
Etwas schwierig ist die Lage hinsichtlich der Bibel, in der man sowohl im Alte Testament als auch im Neuen Testament einen adäquaten Begriff vermisst, obgleich gerade durch das Judentum die eschatologische Geschichtsbetrachtung begründet worden ist. Die Theologie übernimmt den Historia-Begriff aus der antiken Wissenschaft.
Das deutsche Wort kommt im 8./9. Jh auf und bezeichnete ursprünglich das zufällig sich Ereignende, erst später auch Ereigniszusammenhänge, im Humanismus sind die Begriffe „Geschichte“ und „Historia“ inhaltsgleich.
Schon aus dieser kurzen Zusammenfassung geht hervor, dass das Wort „Geschichte“ mehrdeutig und unser Sprachgebrauch demzufolge unpräzise ist.
Unter „Geschichte“ kann nun verstanden werden:
a) im objektiven Wortsinne: das Geschehen, die Ereignisse (facta) an sich. Eine unabdingbare Prämisse für die Auseinandersetzung mit dem Geschehen ist die Annahme der Kausalität. Ob es eine, ob es überhaupt Geschichte gibt, ist nicht feststellbar. Es gibt Geschehen, Ereignisse, die wir als kausal ausgelöst interpretieren und denen wir kausale Folgen, Konsequenzen zumessen (!) und die somit Ereignisketten bilden, denen wir Sinnhaftigkeit zuerkennen.
b) im subjektiven Wortsinne: das Wahrnehmen, die Betrachtung, die Wertung, die Interpretation der Ereignisse durch den Menschen, der damit "historisches Bewusstsein" beweist und sich mit dem Geschehen (der Geschichte) auseinandersetzt – „Geschichtsforschung“.
c) als usueller Inhalt: das Produkt der Beschäftigung mit Geschichte – „Geschichtsschreibung“.
Sprechen wir von „der“ Geschichte schlechthin, so ist damit, wie bereits angedeutet, eine Einschränkung verbunden, die durch die Historie (Geschichtswissenschaft) vorgenommen wird, indem sie sich nur auf den Menschen, auf die Erforschung der sozial relevanten Erfahrungen und Ziele sowie der dadurch gelenkten Handlungen von Individuen und Gruppen in der Vergangenheit beschränkt; im Sinne einer sozialwissenschaftlichen Definition (Acham) beschreibt und erklärt sie dabei die Determinanten ihrer natürlichen und sozialen Umwelt, welche jeweils durch die Handlungen der vorhergehenden Generationen mitgeformt sind9.
Geschichte im Sinne des Forschungs-, des Erkenntnisprozesses der Geschichtsforschung = Darstellung und Interpretation des Geschehenen ist der Versuch, unter den eben erwähnten Aspekten eine Rekonstruktion dessen zu erstellen bzw. die den Handlungen in der Vergangenheit zugrundeliegenden Intentionen und deren Auswirkungen innerhalb des gesamten Systems zu ermitteln, das wir vorläufig einmal als „Wirklichkeit“ bezeichnen wollen.
Geschichte im Sinne der Darstellung von Ereignissen, d.h. als Bezeichnung für das Produkt der Geschichtsschreibung ist ebenfalls problembeladen: Welche Möglichkeiten, welche Aufgaben hat die Geschichtsforschung? Geschichte ist keine normative Wissenschaft, so kann ihr Produkt wohl auch nicht wertsetzend sein; es soll also wertfrei sein. Nun gibt es aber, wie bereits angedeutet, in der Geschichte keine wirklich objektive Erkenntnismöglichkeit, da jeder Historiker ihn prägende und von ihm nicht abstreifbare und zwangsläufig Werte transportierende Spezifica in den Erkenntnisprozess, der ja nur Wahrscheinlichkeiten feststellen kann, miteinbringt.
Es ist jedenfalls darauf zu achten, die unterschiedlichen Wortinhalte in eindeutiger Weise zu transportieren.
Sehr vereinfachend kann formuliert werden: Geschichte ist der zeitliche Ablauf des die sogenannte Wirklichkeit ausmachenden Geschehens in der Welt sowie die Erkundung, Interpretation und Darstellung dieses Geschehens.
1.3.2 Geschichtsphilosophie
Sie hat eine zweifache Aufgabe:
a) als Philosophie des historischen Geschehens wäre sie als Theorie der historischen Entwicklung zu sehen = Frage nach Ursache (besser: nach den bestimmenden Faktoren; wir fragen nur nach sekundären Ursachen) und Ziel (= Sinn) des historischen Prozesses, die engstens verknüpft ist mit der Frage nach historischen Gesetzmäßigkeiten (= Gesetz). Radikal formulierte Hegel, die Philosophie der Geschichte sei nichts Anderes als die denkende Betrachtung derselben.
b) als Philosophie der historischen Forschung ist sie Theorie der Geschichtswissenschaft = Lehre von den Prinzipien des historischen Erkennens. Hierher zählt auch die analytische Geschichtsphilosophie, der es um eine Methodologie der Rechtfertigung (nicht der Entdeckung!) historischer Aussagen geht; sie ist also eine Geschichtslogik und beschäftigt sich vor allem mit nachstehenden Fragen: Verhältnis der Geschichtswissenschaft zu anderen Formen empirischer Erkenntnis, Wahrheit und Objektivität, Beschreibung und Erklärung in der Geschichtswissenschaft sowie mit der Aufstellung von Normen für das historische Erkennen. Die analytische Geschichtsphilosophie ist von der Theorie des historischen Prozesses nicht zu separieren.
1.3.3 Vorstellungen bezüglich des Ablaufes von Geschichte in der Zeit
Im Verlaufe der Jahrtausende sind in unterschiedlichen Kulturen sehr unterschiedliche Auffassungen bezüglich des Ganges der Geschichte entwickelt worden. Wir unterscheiden im Prinzip:
Vorstellungen von einem zyklischen Verlauf der Geschichte
Herodot vertritt die Auffassung, die „menschliche Geschichte ist ein Kreislauf, der sich dreht und nicht zulässt, dass stets die gleichen Erfolg haben“ (dies zeigt er am Beispiel der Perser); die Welt wird weitgehend durch die Gottheit gelenkt, die zumeist missgünstig ist, der Mensch ist dem Schicksal ausgeliefert.
Platon entwickelte die Katastrophentheorie: Geschichte ist eine Abfolge von ewig wiederkehrenden Sintfluten, die die Kulturen vernichten und zum Neubeginn der Kulturentwicklung zwingen. Diese Vorstellung ist in der Aufklärung gewissermaßen zu einer positiven Deutung von Katastrophen benützt worden.
Polybios formuliert: „Dies ist der Kreislauf der Verfassungen [Monarchie entartet zur Tyrannis, die durch die Aristokratie gestürzt wird, die ihrerseits in die Oligarchie abgleitet, die durch das Volk – Demokratie – beseitigt wird, das seinerseits das Maß verliert, weshalb es zur Ochlokratie (= „Pöbelherrschaft“) kommt, die ihrerseits durch eine Alleinherrschaft – Monarchie – abgelöst wird], dies die Ordnung der Natur, nach der die Staatsformen sich verwandeln und ineinander übergehen bis der Kreis sich geschlossen hat und alles wieder zum Anfangspunkt zurückgekehrt ist“. Die Vorstellung vom Kreislauf steht der Idee eines Verdichtung und in gewisser Hinsicht eines entwicklungsmäßigen Voranschreitens der Geschichte bei Polybios nicht zwangsläufig entgegen: „In früheren Zeiten nun waren alle Weltbegebenheiten gleichsam vereinzelt, da alles, was geschah, sowohl nach Planung und Erfolg als auch nach den Schauplätzen geschieden war. Von diesen Zeiten [2. punischer Krieg] aber an geschieht es, dass die Geschichte gleichsam körperähnlich wird, dass die italischen und afrikanischen Ereignisse sich verflechten mit denen in Asien und mit den griechischen und dass alles sich auf ein Ziel [telos] hin richtet.
Am stärksten wurden die zyklischen Vorstellungen bei den Anhängern des Pythagoras, den Pythagoräern, ausgeformt, die in ihren späteren Ausläufern bis zur Vorstellung von der ewigen Wiederkehr der unbedingten Selbigkeit der kreisläufig wiederkehrenden Ereignisse gelangten. Daneben entwickelten sich unzählige Abstufungen der zyklischen Auffassung. Unter diesen rigiden Aspekten war Hoffnungslosigkeit ein wichtiges Element der Geschichtsvorstellungen.
Die frühen christlichen Autoren (insbesondere der griechische Kirchenvater und Märtyrer Irenaeus) haben die zyklischen Vorstellungen scharf bekämpft, weil sie ja die Schöpfung ausschlossen und auch dem Gedanken der Erlösung keinen Raum ließen, die ja nicht wiederholbar, sondern einmalig gedacht war. So wurden die nicht-eschatologischen Vorstellungen als Häresien bekämpft.
Zyklische Vorstellungen werden auch in der Neuzeit noch gepflegt: z.B. bei Bodin, der allerdings auf Grundlage des Christentums eine aufsteigende Interpretation der Weltreiche vornimmt, aber nicht zu einem unbegrenzten Fortschreiten der Entwicklung gelangt – eher wellig-spiraliges Aufwärtsstreben in Abfolge von Blüte-Aufstieg-Verfall. Ähnlich Giovannibattista Vico, der vom Aufstieg und Verfall der Völker spricht, in Analogie zum Leben des Individuums aber als ewige Wiederkehr des Gleichen. Diese Modelle betreffen aber nicht den Ablauf als ganzes, sondern nur die Entwicklung einzelner Teile.
Vorstellungen von einem linearen Verlauf der Geschichte
Interpretationen des zeitlichen Geschehensablaufes, den wir als Geschichte bezeichnen. Wir haben hier im Wesentlichen zu unterscheiden zwischen kulturpessimistischen und kulturoptimistischen Vorstellungen.
1) Die Auffassung, dass sich die Entwicklung in Weltaltern vollziehe gibt es in negativer und in positiver Fassung.    Negativ: Hesiod handelt um 700 vChr von vier Weltaltern (ursprünglich waren es wohl: golden, silbern, erzern und eisern und zwischen den letzteren ein "heroisches Weltalter"); am schönsten und berühmtesten ist die Darstellung dieser Vierzahl bei Ovid in den Metamorphosen. Am Anfang steht, verklärt (wie auch bei uns vielfach Vergangenes) das goldene Zeitalter (der Philosophenherrschaft bei Platon), mit einem natürlichen Idealzustand und dem Eintreten einer permanenten Verschlechterung – so bei Herodot, Poseidonios, Ovid, aber auch bei Seneca (90. Brief): Alle Menschen seien ursprünglich im gemeinsamen Besitz dessen gewesen, was die Natur an Tieren und Früchten aus eigener Fruchtbarkeit, ohne Ackerbau, hergab. Es bestand keine Habsucht, die arm und reich scheidet, man sorgte für den anderen wie für sich selbst. Hinsichtlich der staatlichen Ordnung war es wie in der Natur, wie die Herde dem kräftigsten Stier, so folgten die Menschen dem Vorzüglichsten unter ihnen – dem Weisesten (Patriarchalherrschaft Platons). Gesetze wurden erst nötig, als das Laster begann, sie wurden anfangs von den Weisen gegeben (2. Stufe bei Platon). So schildert Seneca die Entwicklung bis hin in seine Zeit, in der zwar die Vernunft Vieles geschaffen habe, nicht aber die Weisheit (= höhere Vernunft).    Positiv: umgekehrt schildert Lukrez in "De natura rerum" das Fortschreiten des wilden, primitiven, harten Menschens zum Kulturträger seiner Zeit.    Beide Positionen hat in der Neuzeit Rousseau bezogen, der sich vom Kulturpessimisten zum Kulturoptimisten wandelte.
Der Vorstellung von den Weltaltern kommt später nahe die Vorstellung von der Abfolge von vier Weltreichen; sie hängt vermutlich mit dem Untergang des Assyrischen Reiches und der Ablösung der Meder durch die Perser (innerhalb kurzer Zeit, 612–539) zusammen; ursprünglich handelt es sich um drei, dann durch die Hinzunahme des Reiches Alexanders des Großen um vier Weltreiche. Diese Vorstellung, die in christlicher Deutung eschatologischen Charakter gewinnt, indem nach dem Untergang des letzten der vier Reiche (zuletzt auf Grundlage der translatio imperii das Heilige Römische Reich) der Jüngste Tag anbrechen sollte10; sie wirkt nach bis in das 16. Jh und findet sich noch bei Sleidan.
2) Organisch-genetische Auffassungen: Aristoteles bereits entwickelte aus seinen naturwissenschaftlichen Studien heraus eine gewisse Vorstellung von Entwicklung vom Niederen zum Höheren in der Natur und analog dazu in der geistigen Entwicklung des Menschen und damit auch der Geschichte (darauf hat insbesondere Kurt Breysig hingewiesen). Bei Florus findet sich die aus dem Griechischen stammende Analogie der Lebensalter des Menschen angewendet auf die römische Geschichte: Kind = Kampf um die Mutter Rom, Jüngling = Besiegung Italiens, Mann = Befriedung des Orbis Romanus, Greis = Niedergang des Reiches. Diese Vorstellung ist in der Folge von Augustinus und vielen anderen Autoren bis auf Hegel übernommen worden.
3) „Geographische“ Auffassung: Geschichte verläuft von Osten nach Westen – „ex oriente lux“. Erstmals bei Marcus Terentius Varro (116–27).
4) Jüdisch-christlich-theologische Orientierung – Eschatologie: Die im alten Mesopotamien auftretende Vorstellung von der Schöpfungsgeschichte und die dann hinzutretende Vorstellung vom Messias bzw. einem Ende aller Zeiten, wie sie in der jüdischen Auffassung besonders stark vereinigt und ausgeprägt wurden, ließen die Idee eines linearen und endlichen Ablaufs der Geschichte entstehen, einer Hinentwicklung auf ein Letztes – Eschatologie. Diese Lehre hat eine unglaubliche Fülle von Interpretationen erfahren, indem vor allem die Bibel nach möglichen Hinweisen auf die Struktur und damit auch auf die zeitliche Dauer des Ablaufes der Geschichte und damit der Feststellung der jeweils eigenen zeitlichen Position in Bezug auf den Jüngsten Tag durchforstet worden ist. Nachfolgend eine kleine Übersicht über diese Vorstellungen, die meist an Zahlen festgemacht wurden:
a) Zweizahl: Widerstreit zwischen der civitas Dei und der civitas terrena (= diaboli) – fundamentale christliche Auffassung bei Augustinus und Otto von Freising insbesondere; Zeitalter des Alten Testaments und dann des Neuen Testaments, es gibt kein drittes Zeitalter, wenn das NT zu Ende geht, ist das Ende aller Zeiten gekommen.
b) Dreizahl: drei große Weltalter (das der Natur [vor Moses], das des Gesetzes [Moses] und das der Gnade [Christus]); Zeit Gottvaters, des Sohnes, des Heiligen Geistes = Zeit des Fleisches (Vater), des Fleisches und des Geistes (Sohn) und schließlich des Geistes (Rupert von Deuttz, dann vor allem bei Joachim von Fiore (1130–1202) der auf Grundlage von biblischen Siebenzeiten und Generationenlehre für ca. 1260 das dritte Zeitalter (= Drittes Reich) prophezeite, weswegen er von Thomas von Aquin scharf angegriffen wurde)11.
c) Vierzahl: Lehre von den vier Weltreichen nach dem Traum des Propheten Daniel.
d) Sechszahl nach den aktiven Schöpfungstagen in Analogie zu Lebensphasen des Menschen (infantia, pueritia, adolescentia, iuventus, aetas senior, senectus), der siebenter Tag ist der abendlose Sabbat.
e) Siebenzahl von Weltaltern in Analogie zur Schöpfungsgeschichte.
Es haben bezüglich der linearen Vorstellungen lange Zeit eher festgefügte und unkritisch tradierte Gedankenschemata existiert, die heute als überholt anzusehen sind – dass die Geschichte bei den Griechen rein statisch und nur und erst bei den Juden dynamisch interpretiert worden sei – und von nicht minder bedeutenden Wissenschaftlern auch umgekehrt. Richtig und wichtig ist, dass der Vision vom Erscheinen eines Messias, die allerdings nicht auf das Judentum beschränkt ist, eine enorme Kraft innewohnte. Die Bibel und die Apokalyptiker kennen keinen Fortschritt in der Zeit, nur ein Voranschreiten der Zeit auf das Ende aller Zeiten hin. Die Erlösung, das Ende aller Zeiten, ist kein Ergebnis einer innerweltlichen Entwicklung, sondern ein „Einbruch der Transzendenz in die Geschichte“ (Gershom Scholem).
5) Eine wesentliche Bereicherung der linearen Geschichtsauffassung und Geschichtsphilosophie verdanken wir der stoischen Philosophie: Der stoische Schriftsteller Diodorus Siculus vertritt die Ansicht, dass die Historiker
einerseits Einsicht in das Versagen und die Errungenschaften der anderen ohne Erfahrung der Übel ermöglichen,
andererseits aber durch ihre Arbeit alle Menschen, die durch ihre gegenseitige Verwandtschaft zwar verbunden, nach Orten und Zeiten aber getrennt seien, unter ein- und dieselbe Ordnung zusammenführen – damit sind die Historiker Helfer der göttlichen Vorsehung: Den ganzen Aeon lang (= ununterbrochen und ewig) lässt die Vorsehung die Sterne kreisen; mit ihnen bewegen sich die menschlichen Naturen, die in einer analogen Beziehung zu der Ordnung der Gestirne stehen – Diodorus Siculus vertritt hier aber nicht die Auffassung von der ewigen Wiederkehr des Gleichen, wohl aber betreibt er Kulturvergleich (Zarathustra, Zalmoxis und Moses als Gesetzgeber).
- Die Grundtendenz der stoischen Philosophie ist: die Welt ist gut, um des Menschen wegen geschaffen, mit Vernunft durchsetzt und durch die göttliche Vorsehung gesteuert. Dem Gegenargument = Hinweis auf das Üble und Böse traten die Stoiker mit dem entgegen, was man seit Leibniz als Theodizee bezeichnet: die Rechtfertigung Gottes durch den Menschen, die Erklärung des Bösen (Gegensätze müssen sein: ohne Kälte keine Hitze etc.). Das Böse erfülle einen für den Menschen nicht erkennbaren guten Zweck im Rahmen der insgesamt guten Weltordnung. Ohne Gegner erschlaffe die Tugendkraft. Das Böse ist notwendig als Möglichkeit im Sinne der Realisierung der Willensfreiheit. Ihre höchste Form finden diese Vorstellung in jener von der Rechtfertigung Gottes durch den Fortschritt in der Zeit, der es dem Menschen auch ermöglichen werde, die ihm noch verborgenen guten Seiten des Negativen zu erkennen, das sich so zum Positiven wandeln werde: „Vieles ist aufbewahrt für Generationen, die leben werden, wenn die Erinnerung an uns erloschen ist“ – Cicero in De natura deorum und Seneca in den Naturales quaestiones. Diese Überlegungen führen hin zur Vorstellung, dass es Fortschritt gebe und dass die wissenschaftliche Forschung die in den Dingen verborgene Vernunft offenlegen könne; die Stoa reflektiert das wissenschaftlich-technische Selbstbewusstsein der Antike: „Beim Menschen liegt die ganze Herrschaft über die irdischen Güter. Wir nutzen Felder, Berge, unser sind die Flüsse, die Seen [...] wir geben durch Bewässerung dem Boden Fruchtbarkeit, Flüsse dämmen wir ein, leiten sie um [...]“. Bis hin zur Vorstellung von der „zweiten Natur“ der Dinge: „mit unseren Händen schließlich versuchen wir, in der Natur der Dinge gleichsam eine zweite Natur herzustellen“ (alteram naturam efficere). Die Stoa kommt aus ohne Dualismus (Gutes – Böses, Gott – Teufel) und auch ohne Messias; ihre Geschichtsauffassung ist nach der Zukunft hin offen. Allerdings entwickelt sie eine römische Geschichtstheologie bzw. Geschichtsphilosophie – Livius: das römisches Volk verwirklicht mit seiner Sendung zur Weltherrschaft den göttlichen Weltplan. Vergil prägt die Verheißung in früher römischer Vorzeit: „Den Römern setze ich weder Zielmarken im Raum noch Zeiten: Herrschaft ohn' Ende gab ich ihnen“.
Diese Gedanken einer stetigen Weiterentwicklung wurde in der Neuzeit wieder aufgegriffen, z.B. bei Kant: nach dem Plan der Natur verläuft die Geschichte fortschreitend zum Bessern. Ähnlich bei Condorcet und Hegel.
In der Neuzeit wird „die Geschichte“ als konkreter Entwicklungsprozess unter spezifischen Aspekten betrachtet:
Geschichte als Prozess der zunehmenden Aufklärung, Hinentwicklung zur Vernunft bei Vico, Kant, Condorcet, Hegel, Marx, Engels, Droysen, Horkheimer, Adorno.
Geschichte als Prozess hin zur Freiheit des Menschen: Joachim von Fiore, Kant, Condorcet, Engels, Droysen, Horkheimer, Adorno, Althusser.
Vereinigung von zyklischer und linearer Auffassung
Sehr früh schon sind in sehr schöner Weise die zyklische und die lineare Vorstellung zu einem Bild gefügt worden von dem englischen Dichter Edward Young (1681–1765), der in seinem Gedicht "Nachtgedanken" schreibt: „Nature revolves but man advances; both eternal, that a circle, this a line“.
Statische Auffassungen
Auch solche Auffassungen, die vor allem dem östlichen Bereich (Indien) zugeschrieben worden sind, sind im Westen vertreten worden. Signifikant der distanzierte Pessimismus eines Niccolo Macchiavelli: „Wenn ich den Lauf der Dinge bedenke, so finde ich, dass die Welt stets dieselbe geblieben ist. Es gab auf ihr immer ebenso viel Gutes wie Schlechtes, nur wechselten das Schlechte und das Gute von Land zu Land. So ist uns bekannt, dass die Macht der alten Reiche infolge des Wechsels der Sitten einem ständigen Wechsel unterlag. Die Welt blieb jedoch immer dieselbe, nur mit dem Unterschied, dass sich ihre gesammelten Energien zunächst in Assyrien entluden, dann in Medien und Persien, bis sie schließlich auf Italien und Rom übergingen [...]“.
Natürliche Faktoren als Einflüsse auf den Gang der Geschichte
Neben den eben aufgezählten Auffassungen vom „Gang der Geschichte“ entwickelten sich doch auch früh ansatzweise die Vorstellungen, dass natürliche Faktoren als außermenschliche und nichtgöttliche Faktoren den Gang der Geschichte mitbestimmen. Hier ist vor allem die Klimatheorie zu erwähnen, die seit der Antike immer wieder in die Geschichtsinterpretation einbezogen wurde – Platon, Aristoteles, Hippokrates von Kos, Galen, Poseidonios, Juan HuarteBodin, Montesquieu u.a. haben darauf zurückgegriffen, bevor die Bedeutung der geophysikalischen, biologischer und anderer natürlicher Faktoren in der Neuzeit in selbstverständlicher Weise in die Betrachtung einbezogen wurden.
Das Grundschema der Klimatheorie, die nicht nur in Bezug auf die geographische Breite, sondern auch „vertikal“ auf die Höhenlagen über dem Meeresspiegel angewendet wurde, ist:
Nach diesen Vorstellungen begann man Erscheinungen in der Historie aus Gesetzmäßigkeiten zu erklären: Die bei Tacitus gerühmte Enthaltsamkeit der Nordländer sei keine Tugend, da natürlich bedingt, die Germanen könnten sozusagen gar nicht anders handeln. Analog dazu wurden auch politische, kulturelle etc. Entwicklungen interpretiert.
Im ausgehenden 19. und vor allem dann im 20. Jh verlieren wir die Möglichkeit einer derartig umfassenden Interpretation der Weltgeschichte. Ausläufer sind die letztlich auf der Analogie zur Entwicklung des menschlichen Individuums beruhenden Geschichtsmorphologien nach Kurt Breysig und Oswald Spengler. Sie werden abgelöst durch Arnold Toynbees evolutionistisch bestimmte Vorstellung von der Entwicklung der Völker resp. Kulturen unter dem Aspekt „Challenge und Response“.
1.3.4 Geschichtsschreibung – Vorstellungen und Zielsetzungen hinsichtlich der Historiographie
Frühzeitig sind Vorstellungen hinsichtlich der Aufgaben und der Leistungsfähigkeit der Historiographie entwickelt worden und auch Anleitungen, wie man vorzugehen habe, um eine den Zielsetzungen entsprechende historiographische Leistung zu erzielen.
Ein bereits in den Anfängen aufgegriffenes Thema war die Wahrhaftigkeit:
Hesiod: „Vieles Erdichtete wissen zu sagen wir, Wirklichem ähnlich; / Aber wir wissen auch, wenn wir es wollen, die Wahrheit zu künden.Herodot von Halikarnassos bekennt sich zur Verpflichtung, die Wahrheit zu ermitteln und mitzuteilen, bekennt sich zur Unparteilichkeit und zur Erschließbarkeit von Fakten. Römische Autoren führen dies fort, so vor allem, und immer wieder zitiert, Cicero (106–43): „primam esse historiae legem, ne quid falsi dicere audeat, ne quid veri non audeat“ – zahlreiche Aussagen zur Historia: lux veritatis, vitae memoria, nuncia veritatis, magistra vitae, vornehmlich auf der philosophischen Ebene; ähnlich äußern sich Livius, Sallust und Tacitus.
Hinsichtlich der theoretischen Grundlegung haben Platon und Aristoteles wesentliche und in der Renaissance als zentral wieder aufgenommene Äußerungen vorgelegt, indem sie Historiographie von Dichtung differenzierten. Platon stellte fest: alle Rede ist wahr oder falsch (= fiktiv), wahre Rede ist Historia, fiktive Rede ist Poesie. Aristoteles formulierte in seiner Poetik Kap. 9: Nicht in der gebundenen bzw. ungebundenen Rede liege der Unterschied zwischen Poesie und Historie (denn man könnte Herodot in Verse setzen und es bliebe noch immer eine Geschichtsdarstellung), sondern darin, dass der Dichter es mit dem Allgemeinen und dem Möglichen, der Historiker aber mit dem Besonderen, Individuellen und Tatsächlichen zu tun habe: „Denn die Dichtung redet eher vom Allgemeinen, die Geschichtsschreibung vom Besonderen. Das Allgemeine besteht darin, darzustellen, was für Dinge Menschen von bestimmter Qualität reden oder tun nach Angemessenheit oder Notwendigkeit; darum bemüht sich die Dichtung und gibt dann die Eigennamen bei. Das Besondere ist, zu berichten, was Alkibiades tat oder erlebte. [...] Die Zusammensetzung [Komposition] soll [in der Dichtung] nicht wie bei der Geschichte sein, wo notwendigerweise nicht die Einheit einer Handlung, sondern die Einheit einer Zeit dargestellt wird: was nämlich zu einer bestimmten Zeit sich ereignete mit einem oder mehreren, die sich zueinander verhielten, wie es sich gerade traf. Denn so fand in derselben Zeit die Seeschlacht von Salamis statt und in Sizilien der Kampf gegen die Karthager, ohne dass sie irgendwie auf dasselbe Ziel hinstrebten.
Thukydides erklärt, nach Objektivität zu streben (auch wenn sie ihm heute nicht mehr in dem Maße wie früher zugebilligt wird) und das Geschehen, soweit möglich, aus den inneren Bedingungen zu erläutern; er gilt deshalb als der Vater der pragmatischen Geschichtsschreibung. Es finden sich bei ihm aber nur wenige Aussagen zur Geschichte.
Zwei Autoren haben sich vor allen anderen maßgeblich anleitend zur Historiographie geäußert: Polybios von Megalopolis in Arkadien war ein ausgesprochen innovativer Historiker; er bezog Geographie, Topographie, Klima, Sitten und andere nichtpersönliche Ursachen in seine Darstellung mit ein und nahm das Zusammenwachsen der Geschichten der Einzelteile der im Hellenismus und durch Rom entstehenden Oikumene zu einer Geschichte wahr, die auf ein Ziel hin gerichtet sei: „Die Verfasser wie die Leser von Geschichtswerken dürfen nicht so viel Wert auf die Auseinandersetzung der Ereignisse selbst legen wie auf dasjenige, was vorher, was gleichzeitig und was nachher geschah. Denn wenn man aus der Geschichte die Fragen hinwegnimmt, aus welchen Ursachen und auf welche Weise und um wessentwillen eine Handlung vollbracht wurde und ob sie einen wohlberechneten Erfolg hatte, so wird das Übrigbleibende eine Unterhaltung, aber keine Wissenschaft und gewährt für den Augenblick Vergnügen, aber keinerlei Nutzen für die Zukunft [...] Wer nicht Einblick in Ursache erlangt, schreibt den Gang der Geschichte den Einwirkungen der Götter und der Tyche zu.Polybios gibt genaue Anleitungen zur Forschungsarbeit; pragmatische Geschichtsschreibung bestehe aus: Quellenarbeit, geographischer Autopsie, Analyse der politischen Entwicklung (die berühmte „Norm des Polybios“) und er spricht auch davon, dass die historische Erkenntnis immer wieder nur auf Wahrscheinlichkeit gegründet sei.
Eine frühe systematische Auseinandersetzung mit der Geschichtsschreibung als Metier hat Lukian mit seiner kleinen Schrift "Wie man Geschichte schreiben soll" geliefert. Er fordert Unparteilichkeit, politischen Instinkt, praktische Erfahrung im politischen, militärischen etc. Leben und die Fähigkeit, das Wesentliche im Gang der Geschichte zu erkennen; er handelt auch von der Gestaltung der historischen Darstellung, die er inhaltlich und formal gegenüber der Poesie abgrenzt; gute Historie erfordere Klarheit des Vortrags und der Sprache, Ebenmaß der Erzählung, Kürze der Darstellung. – Lukian wurde 1515 von Willibald Pirckheimer ins Lateinische übersetzt; sein Einfluss auf die Literatur des 16. Jhs, insbesondere auf Bodin ist unklar.
1.3.5 Zur Geschichtswissenschaft
Geschichte wurde und wird unter sehr verschiedenen Voraussetzungen und unter unterschiedlichen Zielsetzungen erforscht und geschrieben.
Der Anspruch der Geschichtsforschung, wissenschaftliche Erkenntnis zu liefern, löste einen langwierigen, bis heute andauernden Prozess aus, der als beispielhaft für die Geisteswissenschaften überhaupt angesehen werden muss und deshalb besondere Aufmerksamkeit erfordert, will man dem Problem Geisteswissenschaften auf den Grund gehen. Ehe dieser Prozess näher dargestellt werden kann, sind einige begriffliche Abklärungen notwendig.
1.3.5.1 Grundlegende Probleme der Geschichtswissenschaft
Mit der Frage nach Geschichte im objektiven Sinne ist eine Reihe von fundamentalen Problemen, von prinzipiellen Einwürfen gegen die Möglichkeit von Geschichte überhaupt verbunden.12
1.3.5.1.1 Die Sinnfrage
Der christlichen Auffassung gemäß wurde der Verlauf der Geschichte als Vollziehung des von Gott bestimmten Heilsgeschehens interpretiert. Damit erübrigte sich jegliche Sinnfrage. Im Gefolge der Säkularisierung, da die christlichen Vorstellungen unter wissenschaftlicher Betrachtung ihren Stellenwert verloren, Gott als Faktor gewissermaßen ausgeschieden war, erhob sich die Sinnfrage, was denn Geschichte eigentlich sei, ob Geschichte ein jenseits des Horizonts und des willkürlichen Handelns einzelner Individuen sich sinnhaft, als Realisierung eines dem Menschen nicht offenbaren Planes vollziehender Prozess sei.
Auf diese, prinzipiell unbeantwortbare, Frage gab es verschiedene Reaktionen. Eine der bemerkenswertesten Antworten hat wohl der Philosoph Theodor Lessing gegeben, der in seinem 1921 erschienen Buch "Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen" die Ansicht vertrat, dass die Geschichte an sich sinnlos sei und erst der betrachtende Mensch der Geschichte Sinn gebe.
1.3.5.1.2 Die Frage nach dem Nutzen der Geschichte
Eine weitere Frage, die seit altersher ventiliert, aber erst im ausgehenden 19. Jh entschiedener diskutiert wurde, war die, wozu die Befassung mit der Vergangenheit, wozu die Geschichtswissenschaft in concreto nütze sei bzw. welche Aufgaben sie zu erfüllen habe.
In der Antike und im Mittelalter hat man der Beschäftigung mit der Geschichte größten Wert beigemessen – es gibt die schwülstigsten Beteuerungen in dieser Hinsicht bis zur Genesung Kranker durch die Lektüre von historiographischen Werken über die deftigen Worte Melanchthons, dass jeder eine grobe Sau sei, der nicht aus Historien Nutzen zöge, bis hin zu den Worten von Karl Marx und Friedrich Engels, dass es nur eine Wissenschaft gebe, nämlich die Geschichte vom Menschen.
Einer der wenigen, die die Auseinandersetzung mit der Geschichte auch (aber nicht nur) negativ bewerteten – sieht man von naturwissenschaftlich geprägten Skeptikern wie René Descartes ab – und der vor ihr nachgerade warnte, war Friedrich Nietzsche, der 1874 in seinen „Unzeitgemäßen Betrachtungen“ erklärte, dass ein Übermaß an Geschichte die dem Menschen nötige Illusion zerstöre, weiters dass das Richten der Geschichte stets ein Vernichten sei und dass nur die stärksten Persönlichkeiten die Geschichte ertragen könnten, die Schwachen würden von ihr vollends ausgelöscht und die Last der Tradition bringe das ingenium und die Tatkraft der Menschen zum Erliegen13.
Seither wird immer wieder die Frage nach dem Nutzen der Historie – lernt der Mensch aus der Geschichte? – sehr skeptisch aufgeworfen und in extremis, indem sogar die Möglichkeit der Geschichte als Wissenschaft in Frage gestellt wird, der Anspruch ihrer Nützlichkeit verworfen. Dies auch unter dem Aspekt, dass die Geschichtswissenschaft nur "Wenn-dann-Sätze" liefert – dies ist in der Unsicherheit der Ausgangslage begründet – und damit keine normative, keine wertsetzende (wie die Logik, die Ethik und die Ästhetik) oder vom Gesetzesdenken bestimmte Disziplin (Naturwissenschaften) ist. Dies hervorgehoben zu haben, ist – neben der objektivierenden Distanzierung von der eigenen Geschichte durch den Vergleich mit anderen Kulturen (und Geschichten) – eine irreversible Leistung des Historismus.
Die Praxis der menschlichen Existenz aber erweist, dass der Mensch der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht entbehren und ihr auch gar nicht entkommen kann. Über Gadamers Rekurrieren auf Vergangenes hinaus ist es die kritische Reflexion der Vergangenheit, aus der wir die Kriterien für unsere Entscheidungen und die Maximen unseres Handelns gewinnen. Wenn auch der Einzelne aus der Geschichte nicht im buchstäblichen Sinne lernt, so ist es doch die kritische, oft mühsame und schmerzliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die letztlich maßgeblich die Entwicklung der Gesellschaft steuert.
1.3.5.1.3 Problem des Objekts der Geschichte
Es ist Gegenstand der Diskussion, ob bzw. inwieferne die Geschichtsbetrachtung überhaupt über ein Objekt verfüge.
Die Geschichtsbetrachtung hat nicht – wie die Naturwissenschaften – ein vom Erkennenden losgelöstes, gewissermaßen „äußeres“ Objekt. Im Wege der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit (soferne diese nicht die Vergangenheit von Naturverhältnissen betrifft) betrachtet der Mensch den Menschen – nach Dilthey ist die geschichtlich-gesellschaftliche Wirklichkeit Gegenstand der Geisteswissenschaften.
Die Frage nach dem Objekt impliziert enorme erkenntnistheoretische Probleme, nämlich den Zweifel am Gegenstandscharakter der Geschichte: Hans-Georg Gadamer schrieb in seinem wichtigen Werk "Wahrheit und Methode": "Offenbar kann man nicht im selben Sinne von einem identischen Gegenstand der Erforschung in den Geisteswissenschaften sprechen, wie das in den Naturwissenschaften am Platze ist, wo die Forschung immer tiefer in die Natur eindringt. Bei den Geisteswissenschaften ist vielmehr das Forschungsinteresse, das sich der Überlieferung zuwendet, durch die jeweilige Gegenwart und ihre Interessen in besonderer Weise motiviert. Erst durch die Motivation der Fragestellung konstituieren sich überhaupt Thema und Gegenstand der Forschung. Die geschichtliche Forschung ist mithin getragen von der geschichtlichen Bewegung, in der das Leben selbst steht, und lässt sich nicht teleologisch von dem Gegenstand her begreifen, dem ihre Forschung gilt. Ein solcher Gegenstand existiert offenbar überhaupt nicht. Das gerade unterscheidet die Geisteswissenschaften von den Naturwissenschaften. Während der Gegenstand der Naturwissenschaften sich idealiter wohl bestimmen lässt als das, was in der vollendeten Naturerkenntnis erkannt wäre, ist es sinnlos, von einer vollendeten Geschichtskenntnis zu sprechen, und eben deshalb ist auch die Rede von einem Gegenstand an sich, dem diese Forschung gilt, im letzten Sinne nicht einlösbar".
Auch Alfred Heuß hat sich mit dieser Frage eingehend befasst und argumentiert, dass die gegenwärtige „Wirklichkeit“ sich in bestimmten Bereichen und unter bestimmten Aspekten von den Sozialwissenschaften analysieren, empirisch registrieren lasse, ja in engen Grenzen könnten sogar Experimente angestellt werden. Anders verhalte es sich mit den vergangenen „Wirklichkeiten“ – ihre Überreste können gesammelt und gesichtet werden, sie sind aber nicht der eigentliche Gegenstand des Historikers bzw. Geisteswissenschaftlers, sondern nur das Material, aus dem er seinen Gegenstand erschließen muss. Deshalb – so folgert Heuß – komme der Gegenstand der Geschichtswissenschaft und des Geisteswissenschaften überhaupt nur in der Einbildungskraft zustande; ohne Phantasie und Intuition gäbe es keine Geschichte, auch eine hochwissenschaftlich und mit allem Theorie- und Methodenbewusstsein betriebene Geschichtswissenschaft könne nicht bestreiten, "dass in ihrer Nähe die Dichter stehen". Dennoch habe es die Geschichtswissenschaften nicht mit Fiktivem, mit Hirngespinsten zu tun, sondern beanspruche, "Wahres, d.h. was wirklich geschehen ist, zu vermitteln". Geschichte sei insoferne eine Art Zwitter: einerseits "phantasiegenährte Vorstellung", andererseits an den historischen Quellen genährte "wahre Vorstellung".
Daraus resultiert, dass den Gegenständen der Geschichtswissenschaft eine besondere Stellung zukommt: Sie sind nicht bereits von vornherein im Sinne beobachtbarer Gegenstände einfach da, die einfach auf ihre bestimmten Elemente hin zu analysieren und als empirisch überprüfbare strukturelle Funktionszusammenhänge zu rekonstruieren sind, sondern sie (die Gegenstände des Historikers) müssen erst auf der Basis der Interpretation historischer Quellen "geschaffen" werden.
Auf Grund der verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten kann es dabei zu sehr unterschiedlichen Vorstellungen über die Gegenstände – über die Vergangenheit – kommen, die sich (solange sie sich an den historischen Quellen bewähren) alle nebeneinander als mögliche Geschichtsdeutungen bestehen können. Da es keinen unmittelbaren Zugang zum Gegenstand Geschichte gibt, kann auch keine dieser Möglichkeiten von vornherein beanspruchen, die einzig richtige Variante zu sein. Geschichte an sich, die empirisch zu überprüfen wäre, steht nicht zur Verfügung – "die Fakten der Geschichte gibt es für einen Historiker erst, wenn er sie geschaffen hat", hat Carl Becker (s.w.u.) bewusst provozierend formuliert.
Analog verhält es sich in den übrigen Geisteswissenschaften.
Die rigoroseren kritischen Auffassungen hinsichtlich der Objektfrage werden als Präsentismus zusammengefasst. Theodor Lessing hat bereits in seinem 1921 erschienen Buch "Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen" die Geschichte als einen Mythos bezeichnet, Sir Karl Popper und Levi-Strauss haben 1971 und 1975 die Ansicht vertreten, die Geschichte habe überhaupt kein überzeitliches Objekt und gelte nur für die jeweilige Zeit und Kultur, Partei, Klasse, Glauben, Nation etc. in der und für die sie geschrieben worden sei – Vorwürfe, denen schwer zu begegnen ist. Andere Autoren vertreten dieselbe Meinung und damit aber auch die Ansicht, dass Geschichte in einem allgemeinen wissenschaftlichen Sinne unmöglich sei – denn Geschichte wird gleichsam unter ganz bestimmten Aspekten für einen ganz bestimmten Zielbereich zu einer bestimmten Zeit über ausgewählte Bereiche geschrieben. Es ist dies die präsentistische Auffassung, die vor allem durch den amerikanischen Historiker Carl L. Becker (aber auch durch den Engländer Patrick Gardiner14) vertreten wurde. Becker schreibt dazu, es sei „offensichtlich, dass lebendige Geschichte, die ideale Reihe der Begebenheiten, die wir bestätigen und im Gedächtnis bewahren [...], nicht für alle Menschen einer gegebenen Zeit oder für eine Generation genau dieselbe sein kann; der Grund dafür besteht in der engen Verknüpfung der Historie mit dem, was wir tun oder zu tun vorhaben [...]. Sie [die Geschichte] ist vielmehr eine Schöpfung der Phantasie, ein persönlicher Besitz, den jeder von uns auf Grund seiner individuellen Erfahrungen formt, an seine praktischen oder emotionellen Bedürfnisse anpasst und ganz nach seinem eigenen ästhetischen Geschmack ausschmückt". Diese Anschauung erklärt die Unmöglichkeit intersubjektiver geschichtswissenschaftlicher Aussagen und lässt außer Acht, dass es der Geschichtswissenschaft durchaus möglich ist, quasi-objektive Erkenntnis zu erwerben, wenn auch nicht eine erschöpfende und für alle Zeiten abgeschlossene (was ja auch für die Naturwissenschaften zutrifft). Becker steht damit auf dem Standpunkt des subjektiven Idealismus, der Ereignis und Interpretation des Ereignisses als eines sieht.
Relativismus
Die präsentistische Auffassung leitet über zum Relativismus und damit zur Frage, in welchem Maße der Inhalt historischer Darstellungen vom Zustand des Individuums, der Gesellschaft abhängt, in welcher der Historiker lebt.
Nun ist jeglicher Wissenschaft das Phänomen eigen, dass ihre Erkenntnis insoferne relativ ist, als sie durch die Gewinnung neuer Erkenntnis verändert, erweitert, korrigiert werden kann. Im Falle der Geschichtswissenschaft ist das aber in besonderem Maße gegeben,
einmal, weil es in der Geschichte keine einfache Wiederholung von Ereignissen gibt,
und weil es – wie bereits betont – kein „externes“ und klar definiertes Objekt gibt: "Der Historiker, der die Vergangenheit untersucht, befindet sich gleichzeitig selbst im Prozess der Geschichte. Er beurteilt die Ereignisse der Vergangenheit im Lichte der Folgen, die diese Ereignisse zu der Zeit, da der Historiker lebt, erbracht haben. Aber die gegenwärtige Situation ist freilich auch nicht endgültig, und man kann schon im voraus sagen, dass die folgenden Generationen in der Vergangenheit ebenfalls etwas sehen werden, was wir noch nicht sehen" (Igor S. Kon15).
weil keine unmittelbare Beobachtung des Objektes möglich ist – diese ist auch in anderen Wissenschaften nicht immer möglich (z.B. mathematische Physik etc.);
weil die Daten nur unvollständig überliefert sind, was ebenfalls kein Spezifikum der Geschichte ist und eine "annähernd getreue Widerspiegelung der wesentlichsten Seiten und Züge des untersuchten Prozesses" (Kon) nicht unbedingt in Frage stellen muss.
weil die Wertauffassung des Historikers in die Behandlung der Materie einfließt – dies ist das eigentliche Problem der Objektivität.
1.3.5.2 Organisatorische Gliederung und unterschiedliche Zielsetzungen der Geschichtswissenschaft
Der Intensivierung der Erkenntnisarbeit entsprechend wurden Geschichtsforschung wie Geschichtsschreibung im 19. und 20. Jh einem immer diffizilere Formen annehmenden Differenzierungsprozess unterworfen.
Das Gesamte von Geschichte wurde früh als Weltgeschichte, später dann als Universalgeschichte bezeichnet; unter Universalgeschichte versteht man in der Regel das Gesamte der Menschheitsgeschichte unter allen Aspekten; eine solche Darstellung ist erst seit dem 19. Jh denkbar. Der Begriff Weltgeschichte ist früh in Hinblick auf das Gesamte der jeweils bekannten Welt (z.B. der Oikumene) bezogen worden. Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Begriffen ist nicht wirklich tragfähig – um 1900 und weithin im 20. Jh werden sie meist als Synonyma aufgefasst, von anderen wieder kunstvoll separiert. Was ihnen gemeinsam ist, ist der Umstand, dass sie ein Gesamtes der Untersuchung unterziehen wollen. De facto ist eine derartige Gesamtgeschichte nur unter spezifischen Einschränkungen im Wege riesiger Werke von großen Autorengemeinschaften realisierbar. Inhaltlich ist die Weltgeschichte, wie sie im Abendland betrieben wurde und betrieben wird, nach wie vor stark auf Europa und die von Europa ausgehenden Kulturbereiche konzentriert, sodass andere Kulturen immer noch stark unterrepräsentiert sind.
Hauptinhalt der alten Weltgeschichte waren die großen „Staatsgeschäfte“, die Geschichte der regierenden Dynastien und ihrer Reiche, der politischen Einheiten und ihrer „Staatshändel“ – politische und kriegerische Auseinandersetzungen vor allem. Erst nach und nach traten andere Aspekte, wie etwa die Wirtschafts- und die Sozialgeschichte, hinzu. In diesem Zusammenhang entwickelte sich im 20. Jh die Bezeichnung „Allgemeine Geschichte“ (meist in Verbindung mit einem Epochenbezug – z.B. „Allgemeine neuere Geschichte“ oder „Allgemeine Geschichte der Neuzeit“ –, die deutlich machen sollte, dass das Gesamte und nicht eine „Sondergeschichte“ (wie etwa die Sozialgeschichte) angesprochen sei. Die Bezeichnung „Allgemein“ ist allerdings dann auch der Benennung von „Sondergeschichten“ beigefügt worden, wenn zum Ausdruck gebracht werden sollte, dass es sich nicht um eine territorial oder regional eingegrenzte z.B. Wirtschaftsgeschichte, sondern gewissermaßen eine allgemeine, d.h. eine „Welt-Wirtschaftsgeschichte“ handle.
Ab dem 17. Jh vollzog sich die Aufspaltung der Gesamtgeschichte nach den drei großen Epochen. Das Corpus, dessen Aufspaltung erfolgte, war de facto das der „Politischen Geschichte“, wie sie aus der Historia civilis (im Gegensatz zur historia ecclesiastica, die ursprünglich in der einen historia ihren Ort hatte16, dann aber als Kirchengeschichte abgespalten und zumeist der Theologie zugeordnet wurde) als eine Dynasten- und Staatengeschichte hervorgegangen und im 19. Jh unter dem Einfluss Rankes in der idealistisch-hermeneutischen Geschichtsauffassung des deutschen Sprachraums in nachgerade gefährlicher Weise auf die Geschichte der Staatsaktionen und schließlich auf eine Verherrlichung der nationalen Machtstaatsgeschichte verengt worden ist, was eben die Ausformung zahlreicher neuer Teildisziplinen förderte, die ursprünglich gleichsam inbegriffen waren (z.B. 1. H. des 19. Jhs noch in Österreich).
Nicht außer Acht gelassen darf werden, dass der Differenzierungsprozess übergeordneten Prozessen unterlag. Es seien hier nur zwei erwähnt:
Die Säkularisierung der Geschichte: im Mittelalter galt der Ablauf der Geschichte natürlich als durch das Walten Gottes bestimmter Heilsprozess zwischen der Erschaffung der Welt und dem Jüngsten Gericht. Die durch die Reformation ausgelöste Kritik an den Geschichtsdarstellungen und die allgemeine, durch den Humanismus, die Entdeckungen und den beginnenden Rationalismus ausgelöste geistige Veränderung führten zu einer Verweltlichung der Geschichte.
Die Ablösung von der Zentrierung auf die Geschichte Europas: Sie ist zwar initialisiert worden durch die Entdeckungen und gefördert worden durch die auf diese folgende ethnographische und geographische Literatur, durch die außereuropäische Völker zum Ideal erhebende Kritik der Aufklärung und dann durch vergleichende, sich von der Ereignisgeschichte abwendende Ansätze im 20. Jh. Es ist aber die außereuropäische Geschichte in weiten Bereichen nach wie vor nur in Ansätzen realisiert und es werden die Geschichten der außereuropäischen Kulturen in Europa nur in Ansätzen bzw. in Spezialinstituten gepflegt und längst nicht hinreichend in die Gesamtbetrachtung integriert – auch wenn wir nicht mehr wie Hegel die chinesische Geschichte in Ermangelung einer brauchbaren chronologischen Erfassung der Naturgeschichte zurechnen. Mit diesem Problem hängt eine Reihe von Fragen zusammen: die Frage der Anwendung des für die europäische Geschichte entwickelten Periodisierungsschemas auf außereuropäische Kulturen, die Frage der Verbindung der von Europa isoliert gewesenen Geschichten, ihre Einbindung in die Geschichte, in die Weltgeschichte (Geschichte des präkolumbianischen Amerika, Geschichte Afrikas etc.) – die Frage der komparativen Geschichtsbetrachtung. Es wirft diese Problematik aber auch die Frage „Geschichte vs. Geschichten“ auf, die die Kulturmorphologie befruchtet hat.
Von der Antike bis in die Frühe Neuzeit gab es Gliederungsvorstellungen, die sich an der Dominanz von politischen Systemen orientierten; die Vorstellung von den vier Weltreichen ist hier her zu zählen, sie war jedoch im 16. Jh nur mehr ein vollkommen überholtes, obsoletes Relikt. Nachdem die Humanisten in ihrem Bemühen um den Anschluss an die Antike und in ihrer Distanzierung von der zwischen ihnen und dem klassischen Altertum liegenden Zeit, den Begriff des „Mittel-Alters“ geschaffen hatten und man sich damit in einem neuen, dritten Zeitalter fühlte, fand die Einführung der Dreigliederung Altertum-Mittelalter-Neuzeit durch Christoph Cellarius Anklang. Cellarius stellte erst in drei Einzelwerken die drei Großepochen dar; diese Darstellungen wurden dann 1709 als dreibändige „Historia universalis breviter ac perspicue exposita, in antiquam, et medii aevi ac novam divisa, cum notis perpetuis“ posthum nochmals herausgegeben, was zur Festigung dieses seither verwendeten und mittlerweile um die Zeitgeschichte erweiterten Einteilungsprinzips beigetragen hat.
Alte Geschichte – Geschichte des Altertums
Sie bestand ursprünglich aus der Griechischen und der Römischen Geschichte, also dem „klassischen Altertum“ als prägender Phase für das Abendland, zu der später erst hinzutraten die Ägyptische Geschichte und die Geschichte des Alten Orients. Erst im Zuge der Überwindung des Europäozentrismus rückten auch die Geschichten der anderen alten Hochkulturen in diesen Bereich ein. In Österreich ist aber zweifellos bis heute eine starke Zentrierung auf den Alten Orient und das klassische Altertum gegeben.
Die Alte Geschichte, vor allem die des klassischen Altertums ist jener Bereich, der als erster eine „wissenschaftliche“ Bearbeitung erfuhr, also seit nunmehr fast 500 Jahren in Bearbeitung steht, während seit längerer Zeit praktisch kaum mehr neue Quellen der klassischen Kategorien bekannt werden. Dies hat bewirkt, dass die einschlägigen Quellen mit besonderer Sorgfalt mehrfach bearbeitet worden sind, diese in ihrem überlieferten Bestand im Verhältnis etwa zur Neueren Geschichte offenbar weitgehend bekannt sind und man deshalb in der Alten Geschichte frühzeitig neuartige Problemstellungen zu bearbeitet begonnen hat. Auch ist hinsichtlich der Alten Geschichte zweifellos der überwiegende Teil des erhaltenen Materials bekannt – sehr im Unterschied zur Geschichte der Neuzeit, für die ungeheure Quellenmassen überliefert sind, die bislang nur partiell herangezogen werden konnten.
Die Geschichte des Klassischen Altertums war das Exerzierfeld für die Ausbildung der philologisch-kritischen Methode, deren Ausbildung der mehr inhaltsbezogenen historisch-kritischen Untersuchung, die wesentlich an Quellen des Mittelalters entwickelt wurde, vorangegangen ist. Unter dem Einfluss der Intensivierung der Historisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jhs sind nicht nur in Österreich die Grenzen zwischen klassischer Philologie, Altertumskunde und Alter Geschichte zeitweise aufgehoben worden. Eine wesentliche methodische Bereicherung erfuhr die Alte Geschichte durch die Entwicklung der Archäologie, die ja nicht nur die „Geschichte der Kunst im Altertum“ ist.
Mittelalter – Geschichte des Mittelalters
Dieser Begriff ist im Humanismus entstanden und sollte die Zeit zwischen der als Vorbild empfundenen Antike und eben den Humanisten, der Renaissance bezeichnen, was mitunter sehr negativ belegt war ("finsteres Mittelalter" – „aetas obscura“).
Was die Festlegung dieser Epoche anlangt, so gibt es dazu verschiedene Ansätze. Keinesfalls aber wird heute noch eine so scharfe Abgrenzung vertreten wie dies früher der Fall war17 – es gibt unter bestimmten Gesichtspunkten Übergangsperioden, es gibt räumliche Unterschiede. Grob ging man von den Grenzwerten 500 und 1500 aus, wobei vor allem die Abgrenzung nach oben hin problematisch wurde, weil man das Einsetzen der Renaissance immer weiter vorverlegte und schließlich den Renaissancebegriff auch im Mittelalter selbst anzuwenden begann („ottonische Renaissance“, „karolingische Renaissance“). Man geht deshalb besser von einer Übergangszeit vom Beginn des 14. Jhs bis zum Ende des 15. Jhs aus; ähnliches gilt für den Übergang von der Antike zum Mittelalter.
Die Geschichte des Mittelalters ist ab dem 17. Jh in eingehenderer Bearbeitung und dem entsprechend früh hinsichtlich der schriftlichen Quellen des Früh- und Hochmittelalters recht gut erfasst und in mehreren Wellen bearbeitet worden, die für die Ausbildung der historisch-kritischen Methode, der historisch-mediävistischen Hilfswissenschaften und der spezifischen historischen Methode von wesentlicher Bedeutung waren. Im 17. Jh führten ordensgeschichtliche Untersuchungen der Benediktiner und Jesuiten zur Ausformung der Grundformen der mediävistischen Hilfswissenschaften und im weiteren auch zu einer ersten Bestandsaufnahme der historiographischen, dann aber auch materieller Quellen, auf die im 18. Jh eine erste systematische Erfassung urkundlichen Materials folgte, bis unter dem Einfluss der Rückbesinnung auf die eigene Vergangenheit im Gefolge der napoleonischen Kriege ab 1815 jener in der kritischen Methode mehr und mehr verfeinerte Forschungsprozess einsetzte, der heute noch im Gange ist und der unter dem Einfluss des Historismus geprägt war durch mehrere, zunehmend kritische Edierungsdurchgänge der historiographischen wie der urkundlichen Quellen. Erst im 20. Jh hat man sich vermehrt wieder der bildlichen und der materiellen Quellen erinnert und schließlich neue Dimensionen erschlossen – wirtschaftsgeschichtliche, sozialgeschichtliche, mentalitätengeschichtliche Betrachtungsweise, Quantifizierung etc.
Neuzeit – Geschichte der Neuzeit, Neuere Geschichte
Was früher als Neuzeit und dann als „Neuzeit und Geschichte unserer Tage" bezeichnet worden ist, zerfällt heute nach modernem Geschichtsverständnis in drei Teilbereiche: in die Frühe Neuzeit = Early Modern History, Neuzeit = Modern History, auch als Moderne bezeichnet (welcher Begriff aber unter kulturgeschichtlichen Aspekten wieder eher die Zeit des ausgehenden 19.  und des beginnenden 20. Jhs bezeichnet) und Neueste Geschichte = Zeitgeschichte.
Im weitesten Sinne kann die Frühe Neuzeit zwischen 1300 und 1800 angesetzt werden, wobei sie sich in der Sattelzeit (ca. 1750 bis 1850)18 mit der Moderne resp. der Neuesten Geschichte überlappen kann, welch letztere mit dem „langen 19. Jahrhundert“, das man mit der Französischen Revolution beginnen und mit dem Ersten Weltkrieg enden lassen kann; demgegenüber kann für die Zeitgeschichte die Ansicht vertreten werden, sie setze mit 1789 oder mit 1917 ein und währe bis zur Gegenwart, was bereits eine erhebliche Überdehnung bedeutet, weshalb man mittlerweile bereits vom „kurzen 20. Jahrhundert“ (1914-1989) spricht.
Es wird aus Obigem deutlich, dass die Terminologie in Bezug auf die Periodisierung der jüngeren Geschichte noch in Diskussion steht, keineswegs verfestigt ist und naturgemäß von den jeweils dominierenden Fragestellungen mitbestimmt wird.
Hinsichtlich der Quellenlage ist zu bemerken, dass durch die enorme Ausweitung der Schriftlichkeit im Übergang aus dem Mittelalter allein die textlichen Überlieferungen eine Dimension erlangt haben, die eine Auswertung in dem Maße, wie sie für quellenarme Epochen geleistet werden konnte und kann, unmöglich macht.
Zeitgeschichte
Wie bereits bemerkt ist der Begriff „Zeitgeschichte“ in seiner zeitlichen Festlegung höchst variabel. In neuerer Zeit wird darunter meist die Zeit nach 1918 verstanden. Als wesentlich wird jedenfalls erachtet, dass es sich um die jüngste Vergangenheit handelt, deren Wirkung längst noch nicht abgeschlossen ist.
Im Altertum wie auch im Mittelalter hielt man verschiedentlich die Zeitgeschichtsschreibung für die einzig zulässige Form der Historiographie, da sie allein die attestatio rei visae ermögliche, also auf Augenzeugenschaft, heute würde man sagen „Zeitzeugenschaft“, zurückzugreifen, die man im Sinne der Wertschätzung der optischen Sinneswahrnehmung für unumgänglich notwendig hielt. Heute ist natürlich klar, dass auch die Zeitzeugenschaft nur ein subjektives Zeugnis liefert19.
Hinsichtlich der „Bearbeitung der Geschichte“, ja der „Bearbeitbarkeit der Geschichte“ unterliegen die einzelnen Großepochen insoferne unterschiedlichen Bedingungen, als z.B. die enorme Ausweitung der Schriftlichkeit ab dem 13./14. Jh in bezug auf die lange bevorzugten, ja nahezu ausschließlich in Betracht gezogenen schriftlichen Quellen sehr unterschiedliche Gegebenheiten geschaffen hat – der Anteil des in die Bearbeitung einbezogenen schriftlichen Quellenmaterials im Verhältnis zum gegebenen Ganzen sinkt in zeitlicher Richtung zur Gegenwart drastisch ab; kann man davon ausgehen, dass die hinsichtlich des Frühmittelalters und des Hochmittelalters überhaupt erhaltenen schriftlichen Quellen weitgehend erfasst und in die Bearbeitung einbezogen sind, so gilt dies für spätere Jahrhunderte in immer geringerem Maße.
Als weiteres Hemmnis kommt hinzu, dass durch die stete Erneuerung der Fragestellung ein hoher Anteil des Arbeitspotentials neuerlich in Bezug auf die bereits erarbeiteten Materialien in Anwendung kommt und dem entsprechend relativ wenig neues Material erschlossen wird, zumal man sich mit editorischer Arbeit vergleichsweise wenig akademische Meriten erwerben kann.
Vorgänge dieser Art bestimmen den Forschungsprozess ganz wesentlich.
Vor- oder Urgeschichte und Frühgeschichte
Geschichtlichkeit wurde früher nur zugebilligt jenen Kulturen, die der Schrift mächtig waren – es ist dies eine Manifestation der Bedeutung von Texten, von Schriftlichkeit, also der Dominanz des philologischen Erbes der Geschichtswissenschaft – ein Umstand, gegen den sich vor allem die französischen Historiker zur Wehr gesetzt haben und der auf die Dauer nicht haltbar war, und es entwickelte sich unter dem Einfluss der Archäologie ab 1900 spezielle Bereiche, die der alten, „klassischen“ Geschichte vorgelagert sind:
Unter Vor- oder Urgeschichte wird die Zeit vom Beginn der Verwendung erster Steinwerkzeuge bis zur Erreichung der Schriftlichkeit bezeichnet – es ist klar, dass sich eine derartige Periode nur kulturspezifisch definieren lässt; es gibt heute noch Kulturen, die in diese Kategorie fallen – die Steinzeitkulturen Neuguineas sind zeitgleiche Beispiele unserer eigenen Vergangenheit.
Mit dem Begriff Frühgeschichte wird jene auf die Vor- oder Urgeschichte folgende kulturelle Periode bezeichnet, für die zwar bereits erste schriftliche Zeugnisse vorhanden sind, für die man aber hinsichtlich der Erforschung immer noch primär auf archäologische Quellen und Ergebnisse angewiesen ist. Es ist einsichtig, dass der Übergang von der Frühgeschichte z.B. zum Mittelalter (ohne eine der Alten Geschichte entsprechende Phase z.B. für die germanischen Völkerwanderungskulturen) nicht unproblematisch ist.
Es darf nicht übersehen werden, dass die obige Epochengliederung maßgeblich auf Europa ausgerichtet ist, auch wenn ihre Merkmale in den letzten Jahrzehnten in deutlich höherem Maße struktur- und weniger kulturbezogen sind.
„Spezialgeschichten“ – sachbezogenen Fragestellungen
Im Verlaufe der nun seit etwa 500 Jahren währenden einigermaßen systematischen Auseinandersetzung mit Geschichte und der nunmehr bald 250 Jahre währenden akademisch-wissenschaftlichen Beschäftigung mit diesem Bereich sind es konkrete Anforderungen, die an die Auseinandersetzung mit Geschichte gestellt wurden, spezifische aus der Bearbeitung und aus der Zeit der Bearbeitung sich ergebende Interessenslagen und schließlich auch die bald sich erweisende Unmöglichkeit einer einheitlichen, über das gesamte Spektrum der Betrachtungsmöglichkeiten reichende Bearbeitung, die zur Ausformung von Teildisziplinen der Geschichte über die bereits genannten Perioden hinaus, gewissermaßen „quer“ zu diesen, führten. Manche der daraus resultierenden Teildisziplinen bestehen heute noch, andere sind längst wieder untergegangen oder aufgegangen in moderneren Ansätzen. Derartige Teildisziplinen waren bzw. sind im Wesentlichen:
Kirchengeschichte – Geschichte bestand zu Beginn der Beschäftigung mit ihr aus drei Bereichen: Historia divina, historia naturalis, historia humana. Die historia divina wurde aufgelöst und es entstanden die historia sacra bzw. dann die historia ecclesiastica. Auf Grund der außerordentlichen Bedeutung der katholischen Kirche in der Geschichte des Abendlandes ist die Kirchengeschichte in einem Konkurrenzierungsprozess zwischen Katholiken und Protestanten sehr früh und unter Entwicklung einiger interessanter Neuerungen (Periodisierungsfragen, Magdeburger Zenturiatoren – Teamwork, Hilfswissenschaften etc.) entstanden. Im Zuge der Säkularisierung verlor sie an Bedeutung, wurde aber im 19. Jh im Zusammenhang mit der Intensivierung der Auseinandersetzung mit dem Mittelalter wieder erneuert, indem man die Verfassung und Organisation derartiger Strukturen zu studieren begann (kirchliche Verfassungsgeschichte). Die Kirchengeschichte ist in Österreich nach den Reformen in der Mitte des 19. Jhs den theologischen Fakultäten zugeschlagen worden.
Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte – Sie hat ihren Ursprung im Wesentlichen im 17. und 18. Jh, als man begann, historische Beweismittel für besitzrechtliche und politische Prozesse zu suchen: Belegung von Herrschaftsrechten über bestimmte Territorien etc. (bella diplomatica); als für den Frieden von Aachen 1748 wesentliche Beweismittel österreichischerseits nicht aufgefunden werden konnten, gründete Maria Theresia das Haus-, Hof- und Staatsarchiv, das der Staatskanzlei unterstellt war. Seine Archivare hatten Anspruchfragen u.a. gegenüber Bayern abzuklären. Im 19. Jh ist die Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte systematisch ausgebaut worden, wobei sie im Wege der Erfassung der rechtlichen Strukturen als Hilfsmittel für die Erfassung vor allem der Geschichte des Mittelalters und dann auch der Neuzeit diente. Dementsprechend war sie bis in die 1970er Jahre ein Pflichtfach der Juristen wie in der Österreichischen Geschichte. Sie ist jedoch mehr und mehr durch die Rechtsgeschichte und die Sozialgeschichte verdrängt worden.
Landesgeschichte, Vergleichende Landesgeschichte, Regionalgeschichte – Dieser an sich alte, im 17. Jh bereits in Anfängen seitens der Stände der einzelnen Länder beachtete und durch diese im 18. und 19. Jh speziell finanzierte und als erster Spezialbereich neben der Gesamtgeschichte existierende Bereich stellt in vieler Hinsicht ein Fundamentalfach dar, da aus diesem vielfach „das Material“ kommt. Gleichwohl galt dieses Gebiet immer wieder als weniger angesehen und wurde auch im universitären Bereich als vermeintliches Feld der Dilettanten mitunter vernachlässigt. Im ausgehenden 19. und im 20. Jh sind „Land“, „Landschaft“ und auch der Begriff „Raum“ im Sinne von Siedlungsraum etc. mitunter auch ideologisch befrachtet worden.
Kulturgeschichte – Dieser Begriff ist außerordentlich vielseitig und schwierig, zumal sich seine Inhalte mit zahlreichen anderen Feldern überschneiden, die jedoch vielfach dieselbe Materie unter ganz anderen Aspekten bearbeiten. Der Begriff „Kulturgeschichte“ wurde zuerst verwendet für den Bereich der nicht-politischen Geschichte, die zwar schon im 16. Jh eingefordert, aber erst um 1750 durch Voltaire zum Postulat einer "Übergeschichte", einer Gesamtgeschichte wurde, die die als ungenügend empfundene alten Dynasten-Geschichte, die „politische Geschichte“ überwölben sollte. Sie diente in der Folge immer wieder als Markierung einer der deutschen Geschichtswissenschaft des Historismus weniger entsprechenden Geschichtsauffassung, wie sie vor allem in Frankreich unter dem Einfluss der Positivisten in der 2. Hälfte des 19. Jhs wieder aufgenommen wurde und im 20. Jh in der „totalen Geschichte“ der Annales fortlebte. Allerdings ist nicht zu übersehen, dass im Ausgang des 19. Jhs gerade in Deutschland ebenfalls in Reaktion auf die Hegemonie der „politischen Geschichte“ der Begriff „Kulturwissenschaft“ geprägt wurde20, der eine Ausweitung des Begriffes „Geisteswissenschaften“ signalisieren sollte und teilweise in die Kulturmorphologie, teilweise in die Geschichte der Realien etc. einmündete, ehe er in den Wirren des Ersten Weltkrieges, in dessen Gefolge die Politische Geschichte neuerlich belebt wurde, an Bedeutung verloren hat.
Als "Kulturgeschichte der unteren Schichten" ist die Volkskunde bezeichnet worden, die sich heute unter verstärkter Einbeziehung auch des ursprünglich eher vernachlässigten urbanen Raumes als "europäische Völkerkunde", als „Ethnologia Europeana“, versteht, der auch die Historische Anthropologie nahesteht.
Ein in diesem Zusammenhang stehender und im 19. Jh in seiner Entwicklung steckengebliebener und im deutschen Sprachraum und insbesondere in Österreich nicht kontinuierlich entwickelter Spezialbereich ist die Wissenschaftsgeschichte, die mittlerweile in den USA, in Westeuropa sowie in Russland (und seinerzeit auch in der DDR) eingehend und in zunehmendem Maße gepflegt wird. Die Betrachtung der Entwicklung von Wissenschaft ist von den Historikern im 20. Jh weitgehend außer Acht gelassen worden; vielfach wollte man unter Wissenschaftsgeschichte auch nur die Geschichte der „hard sciences“ verstanden wissen, weshalb deren Geschichte auch nahezu ausschließlich von NaturwissenschaftlerInnen aus den jeweiligen Disziplinen (oder von Emeriti derselben) betrieben worden ist, was naturgemäß einen anderen (deshalb nicht schlechteren) Zugang eröffnete als er von seiten der HistorikerInnen gewonnen würde. Eine gesamthafte, das Problem als Ganzes ins Auge fassende Betrachtung kam im deutschsprachigen universitären Bereich nicht in Gang. Erschwerend wirkte sich natürlich die enorme inhaltliche Weite des Betrachtungsfeldes, die allein schon von den unterschiedlichen fachlichen Anforderungen her eine gewaltige Herausforderung ist, die von Einzelnen nicht zu bewältigen ist. Die damit unabdingbare Kooperation zwischen WissenschaftlerInnen verschiedenster Bereiche einerseits und die Notwendigkeit der Erarbeitung solider institutionengeschichtlicher und prosopographischer Grundlagen andererseits haben bislang noch nicht eine den Anforderungen entsprechende Forschungsorganisation entstehen lassen.
Ein anderer neuerer Bereich ist das Feld, das mit den Begriffen „Geistesgeschichte“ und „Ideengeschichte“ sowie „Mentalitätengeschichte“ belegt ist. Die Begriffe „Intellectual History“ und „History of Ideas“ für Geistes- und Ideengeschichte sind 1936 von Arthur Oncken Lovejoy geprägt worden; damit gemeint ist Geschichte vor allem von "Elementar-Ideen" (unit-ideas), aber auch überhaupt Zeitgeistgeschichte und Geschichte des Bewusstseins. Die „Mentalitätengeschichte fragt nach kollektiven Weltbildern, Einstellungen, nach alltagsweltlich verankerten Orientierungsmustern, die das Handeln von Menschen bestimmen“ (Rudolf Schlögl); sie hat ihre Wurzeln im 19. Jh, ist vor allem im Zuge der Annales ab 1929 weiterentwickelt worden und hat eine Fülle neuer Fragestellungen meist im Bereich der Sozialgeschichte eröffnet.
Wirtschaftsgeschichte – Sie ist die Geschichte von wirtschaftlichen Strukturen und Prozessen, Institutionen und Theorien, Handlungen und Ereignissen. Ihre nähere Definition hängt von der des Begriffes "wirtschaftlich" ab. Sie wird als Teil einer allgemeinen Geschichtswissenschaft verstanden, als welcher sie induktiv historisch betrieben wird. Sie besteht aber auch auf Seiten der Wirtschaftswissenschaften, wo sie sich in Anlehnung an die Nationalökonomie als "New Economic History" mit eher statistisch-deduktiven Methoden entwickelt. (Dieser Zweig hat sich in den 1960er Jahren in den USA entwickelt und sich primär mit der Wirtschaft als Wachstumsprozess auseinandergesetzt. In Europa hat er wenig Anklang gefunden.)
- Die Verbindung zwischen diesen beiden Bereichen, die zur Belebung der Geschichtsforschung durch quantifizierende Methoden beigetragen hat, löst sich mehr und mehr. – Die Wirtschaftsgeschichte im historischen Bereich ist häufig eng mit der Sozialgeschichte gekoppelt. Im wirtschaftswissenschaftlichen Bereich hat sie eine reiche Binnendifferenzierung erfahren (Agrargeschichte, Weltwirtschaftsgeschichte, Unternehmensgeschichte etc.).
Sozialgeschichte als Teil der allgemeinen Geschichtswissenschaft ist die Geschichte der sozialen Strukturen, Prozesse, Handlungen, der sozialen Klassen, Schichten und Gruppen, ihrer Bewegungen, Kooperationen und Konflikte oder auch Geschichte eines Volkes ohne Berücksichtigung der politischen und der ökonomischen Geschichte, also der Bereich zwischen Staat/Politik und Wirtschaft. Geschichte der Bevölkerungsbewegung, Familienstruktur, Generationsfragen, Emanzipation der Frauen, Professionalisierungsprozesse, Lebenschancen, aber auch Geschichte von Krankheit, Tod, Alltag, Arbeitsverhältnissen, einzelner Stände. Im deutschen Sprachraum ist dieser Fragenbereich lange mehr oder weniger auf staatliche Handlungsbereiche konzentriert geblieben und im Übrigen nicht besonders entwickelt worden. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jhs ist es diesbezüglich zu einer Intensivierung gekommen – auch hier unter wesentlicher Beeinflussung durch die Annales. Vielfach ist die Sozialgeschichte in einer Professur mit der Wirtschaftsgeschichte zusammengefasst. Die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte kann auch als dominierende – sozialökonomische – Interpretation der Gesamtgeschichte herangezogen werden, sie wird dann mitunter als "Gesellschaftsgeschichte" bezeichnet.
Ein anderer Aspekt ist die Sozialgeschichte als "Strukturgeschichte", bei der keine inhaltliche Einschränkung gemacht, aber das Postulat erhoben wird, die Geschichte "im allgemeinen unter sozialgeschichtlichen Aspekten zu betrachten, wobei diese Betrachtungsweise auf den inneren Bau, die Struktur der menschlichen Gesellschaft" abzielt, wobei das Interesse weniger auf den Handlungen und Ereignissen, als vielmehr auf den "Zuständen", Verhältnissen und Determinanten geschichtlichen Handelns, auf kollektiven, überindividuellen Faktoren liegt. Es ist dies ein Ansatz, der in vielem dem der französischen Positivisten des 19. Jhs nahesteht und auch heute primär von Franzosen (Francois Braudel u.a., Strukturalisten) getragen wird und der auf die Gewinnung allgemeinerer Systematisierungen und Kategorisierungen – Gesetzmäßigkeiten – abzielt. Um Missverständnisse zu vermeiden, wird diese Disziplin als "Strukturgeschichte" bezeichnet.
Insgesamt kann gesagt werden, dass die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte im fortschreitenden 20. Jh enorm an Boden gewonnen hat – es hängt dies natürlich mit einer Veränderung unserer Einschätzung der Bedeutung der einzelnen Parameter der staatlichen Systeme zusammen.
Die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte hat als erste – in Anbetracht mitunter außerordentlich umfangreicher statistischer Materialien – neue Methoden erprobt und in die Geschichtswissenschaft eingeführt: Vergleich im Großen, Statistik und dann EDV, als Quantifizierung, Kliometrie u.ä. bezeichnet. Darüber hinaus hat sie die Hinwendung der Historie zur Soziologie und zur Wirtschaftswissenschaft verstärkt.
Sozialpsychologisch-anthropologische Dimension, Geschichte und Psychoanalyse – es sind dies Bereiche, die in den späten 1970er Jahren an Bedeutung gewonnen haben, letztlich aber Randbereiche geblieben sind.
Territoriale oder systembezogene Sondergeschichten: Österreichische Geschichte, Geschichte Osteuropas, Südosteuropas, Chinesische Geschichte, Geschichte der islamischen Welt etc. – sie werden in der Regel lokalen bzw. regionalen Bedingungen entsprechend gepflegt. Eine einigermaßen „flächendeckende“ Berücksichtigung ist aus Kostengründen nur an ganz wenigen Universitäten bzw. Institutionen möglich.
Alle diese Bereiche – und es sind längst nicht alle aufgezählt – haben ihre spezifische Unterteilung in Unterdisziplinen, und haben, soferne sie sich über den gesamten Zeitraum erstrecken, eine zumeist der generellen abendländischen Periodisierung angelehnte Epochengliederung.
1.3.5.3 Zu Theorie und der Methodenlehre der Geschichtswissenschaft
1.3.5.3.1 Theorie
Die Beschreibung, die Rekonstruktion von „Wirklichkeit“ muss berücksichtigen, auf welche Weise der Mensch die Wirklichkeit überhaupt erkennen kann. Deshalb sind Theorie und Methode der Geschichtsforschung eng mit der Entwicklung der Erkenntnistheorie verknüpft, deren neuen Erkenntnissen sie in der Praxis – mit einem gewissen zeitlichen, rezeptionsbedingten Abstand – folgen.
Hinsichtlich der Theorie sind zwei Ebenen zu unterscheiden:
a) Theorie in der Geschichtswissenschaft: Sie hat zum Gegenstand Aussagen über die Geschichte als Sachverhalt, Veränderungen des Menschen und seiner Welt in der Vergangenheit, die allgemeine Charakterisierung historischer Phänomene, Hypothesen etc.; hierher zählen die Vorstellungen über den Ablauf der Geschichte, über ihren „Charakter“ u.a.m. (s.o.),
und
b) Theorie über die bzw. bezüglich der Geschichtswissenschaft = Meta-Theorie = Historik21: Hier geht es um die Eigenart, die Wissenschaftlichkeit der Geschichtswissenschaft, das Verhältnis gegenüber den Naturwissenschaften, die Prinzipien historischer Forschung etc.
Der Theorie hinsichtlich der Geschichtswissenschaft bzw. der Historik kommt sowohl in der Ausbildung wie in der Forschung und der Geschichtsschreibung ein wesentlicher Stellenwert zu. In einem weiteren Sinne beschäftigt sich die Historik auch mit den elementaren und allgemeinen Operationen des menschlichen Geschichtsbewusstseins – wie ist das Denken über Geschichte beschaffen, das in der Form einer Wissenschaft auftritt. Indirekt damit verbunden ist natürlich auch die Sinnfrage, die gleichwohl nicht eigentlich Gegenstand der Geschichtswissenschaft ist.
Die Historik schließt auch die systematische Erfassung des ständigen Rückbezuges des erkennenden Subjekts auf sich selbst – also die Selbstbesinnung des Historikers in seiner Auseinandersetzung mit dem Objekt mit ein – es ist dies gewissermaßen ein Akt der Objektivation. Es ist dies keine abstrakt-theoretische Angelegenheit, sondern erwächst vielmehr aus der Praxis der historischen Arbeit und steht damit naturgemäß auch in Wechselbeziehung zur Methodik. Die klassischen Werke zu dieser Thematik gingen von der Praxis aus bzw. sind auf sie ausgerichtet: Droysen will in seiner „Historik“ anleiten, „wie man Geschichte zu studieren habe, womit man anfangen, was treiben müsste, um ein Historiker zu werden“, und auch Jacob Burckhardt will in seinen "Weltgeschichtlichen Betrachtungen" „Winke für das historische Studium“ geben. Eine derartige Leistung ist jedoch nicht mehr für das Gesamte zu erbringen, sondern nur in einer auf die Prinzipien und Regelungen des historischen Denkens abstrahierend reduzierten Form, die gleichsam die Faktoren, Prinzipien, die Grundgesetze des historischen Denkens in ihrem systematischen Zusammenhang liefert. Jörn Rüsen hat als einen der grundlegenden Faktoren das Orientierungsbedürfnis, insbesondere das Zeitorientierungsbedürfnis des Menschen hervorgehoben.
Hinsichtlich der Beurteilung dessen, was den Gegenstand der Geschichte ausmache, haben wir zwei grundlegend unterschiedliche Aspekte zu berücksichtigen:
1) den subjektivistischen Standpunkt, d.i. die Auffassung, dass erst durch die wertende Betrachtung des Historikers Vergangenes zu Geschichte wird – Max Weber: Kultur (d.h. der Gegenstandsbereich der Geistes- und Sozialwissenschaften) ist „ein vom Standpunkt des Menschen aus mit Sinn und Bedeutung bedachter endlicher Ausschnitt aus der sinnlosen Unendlichkeit des Weltgeschehens“, dessen Zuschnitt durch Werte, Wertideen bestimmt wird; der Subjektivismus erachtet die handlungsbestimmenden Absichten als das wesentliche Moment. Die Geschichtsauffassung des deutschen Idealismus und des Historismus ist das klassische Beispiel für diese Auffassung.
2) den objektivistischen Standpunkt, d.i. die Auffassung, dass es – „aus Erfahrung“ – eine objektive Qualität der Vergangenheit gebe: Geschichte wird hier als Gegebenheit von Konstellationen aufgefasst, in denen das menschliche Handeln erfolgt und die fundamentalen Sinnbildungsoperationen des Geschichtsbewusstseins werden als Rezeption dieser vorgegebenen Strukturen aufgefasst, es wirke also ein Bewusstwerden von zeitlichen Konstellationen vergangener menschlicher Handlungen, die auch ohne bewusste Erinnerung wirklich waren und wertneutral sind. Der Objektivismus erachtet die handlungsbestimmenden Erfahrungen als das wesentliche Moment. Diese Auffassung findet ihre stärkste Ausformung in der dem Positivismus folgenden französischen Schule wie in der angelsächsischen Geschichtsforschung.
Beide Auffassungen sind über ein vertretbares Maß hinaus gesteigert und überbewertet worden: Der Subjektivismus hin zu einem Dezisionismus, d.h. die Entscheidungen über leitende Gesichtspunkte der zukunftsgerichteten Handlungsorientierung gibt den Ausschlag dafür, was Geschichte wird. Der Objektivismus tendiert zum Dogmatismus, und es bleibt kaum mehr Raum für deutende Aufarbeitung der Zeiterfahrung, da ja auch die menschliche Handlungsfähigkeit im Sinne eines Determinismus eingeschränkt erscheint.
1.3.5.3.2 Methodenlehre
Die Entwicklung der historischen Methodenlehre ist Abbild der Geschichtswissenschaft als eines historischen Prozesses, denn natürlich hat auch die Methodenlehre Wandlungen und Ausweitungen erfahren.
Nach modernem Verständnis – und nach langen Auseinandersetzungen – gibt es wie hinsichtlich der Theorie zwei verschiedene grundlegende Ansätze:
1) Hermeneutik (sie entspricht dem subjektivistischen Standpunkt) Hermeneutik = Kunst und Lehre der Auslegung. Sie entstammt ursprünglich dem theologischen Bereich, indem sie bereits von Origines auf die möglichst vollständige Auslegung von Offenbarungstexten ausgerichtet war. Sie ist dann maßgeblich von Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768–1834) weiterentwickelt worden im Sinne einer „Kunst, die Rede eines anderen, vornehmlich die schriftliche, richtig zu verstehen“. Schleiermacher fasst den Text im Sinne seiner psychologischen Interpretation (neben ihr steht die grammatische Interpretation) als „Lebensmoment des Redenden“ auf und legt damit den Grund zu einer allgemeinen Verstehenstheorie und zu einer allgemeinen Theorie der Sprache als System und als individuelle Hervorbringung. Hinsichtlich der Historie zielt die Hermeneutik, die dann später insbesondere von Dilthey aufgegriffen und ausgebaut wird („kunstmäßiges Verstehen schriftlich fixierter Lebensäußerungen“), darauf, die Intentionen, Sinnbestimmtheit, die Absichten des handelnden Menschen in der Geschichte zu erkunden, was durch die Auslegung der historischen Quellen geschieht. Gegenstand der Geschichte ist hier also der aktiv, mehr oder weniger bewusst und zielgerichtet handelnde und leidende Mensch. Dieser Ansatz wurde im deutschen Idealismus ausgebaut und ist der Kern des Historismus; er wurde wesentlich von Humboldt und Ranke entwickelt. Im Zentrum steht das Ideen verwirklichende Individuum (es muss dies muss nicht unbedingt eine physische Person sein, es kann sich auch um eine Institution handeln). Die Hermeneutik versucht, "forschend zu verstehen" (Droysen) und widmet sich dabei allein dem Individuellen, den Singularien. Im Wesen der Hermeneutik liegt es, dass das Allgemeine aus dem Individuellen und das Individuelle aus dem Allgemeinen erkannt wird („hermeneutischer Zirkel“).
2) Analytik (sie entspricht dem objektivistischen Standpunkt) Sie geht nicht von der Annahme aus, dass der handelnde Mensch das bestimmende Element sei, sondern dass die entscheidende Qualität zeitlicher Veränderungen in handlungsbestimmenden Umständen und Verhältnissen zu suchen sei, die dem Verständnis und damit auch den Absichten der betroffenen Personen verborgen und entzogen bleiben können, z.B. klimatische oder andere natürliche Gegebenheiten, Konjunkturzyklen, Produktionsverhältnisse, Geburten und Sterblichkeit etc. Es ist dies ein sehr stark statistisch, quantifizierend arbeitender Ansatz, der die Geschichte gleichsam von der „anderen Seite“ her („von der Natur her“) betrachtet.
Beide Systeme haben ihre tiefgehende historische Verankerung und standen einander lange und politisch-ideologisch befrachtet diametral gegenüber. Die analytische Methode hat sich im deutschen Sprachraum erst nach 1945 langsam emanzipieren können.
Beide Forschungsansätze greifen – so unterschiedlich sie sind – auf dieselben drei Grundoperationen zurück, auf die Heuristik, auf die Kritik und die Interpretation:
1.3.5.3.3 Heuristik = Lehre von den Wegen zur Gewinnung wissenschaftlicher Erkenntnis
Das Wort leitet sich vom griechischen Verbum heurisko (ich finde) ab, ist aber erst bei dem deutschen Naturwissenschaftler Joachim Jungius in dessen Hamburger Logik 1638 nachweisbar. Heuristik bezeichnet in weiterer Folge die Lehre vom Auffinden dessen, was man für eine Untersuchung benötigt – Gedanken, Quellen etc. Daraus entwickelt sich auch eine Lehre von der richtigen Fragestellung, denn die Frage bestimmt das Ergebnis mit, d.h. es müssen die richtigen Quellen mittels der richtigen Fragen ausgewertet werden. Die Frage ist so zu stellen, dass sie mit den gegebenen Mitteln bewältigbar ist und neue Erkenntnis bringt.
Im historischen Bereich verstand man im ausgehenden 19. und im 20. Jh unter Heuristik die Beschäftigung mit den historischen Quellen im Sinne ihrer systematischen Einteilung im Zusammenhang mit der Erfassung ihrer spezifischen Eigenheiten (im Sinne von „Findbehelfen“). Heute bezeichnet man mit „heuristisch“ in der Regel Begriffe, Grundsätze, Verfahren und Methoden, die etwas zur Erkenntniserweiterung beitragen, ohne jedoch selbst die Sicherheit der gewonnenen Erkenntnis zu begründen22.
1.3.5.3.4 Kritik
Kritik – abgeleitet vom griechischen Wort kritike (Beurteilung, Entscheidung), dann lateinisch criticus – ist einer der zentralen Begriffe von Wissenschaft. Dies vor allem ab dem Humanismus, der Kritik als Methode entwickelt. Diese Kritik entwickelt sich via facti in der philologischen Kritik23, wie sie die Humanisten in der Erarbeitung brauchbarer Textfassungen der klassischen Autoren im 15. Jh vor allem entwickelt haben (wie sie aber auch in der Antike bereits, vor allem in Alexandria, ein hohes Niveau erreicht hatte); die philologische Kritik leitet über zur Textkritik, die sehr bald – nicht zuletzt im Wege der Bibelkritik – zur historischen Kritik überleitet. Auf theoretisch reflektierter philosophischer Grundlage wird die Kritik von Petrus Ramus grundgelegt, als dieser 1543 den zweiten Teil seiner Logik mit „De iudicio“ übertitelt24, was er bald mit „Kritik“ gleichsetzt (einen dritten Teil De exercitatione = Interpretation hat er nicht in dieser Weise ausgeführt). Die Kritik des Ramus ist sehr rasch sowohl von Philosophen als auch von Praktikern, wie etwa Julius Caesar Scaliger in dessen Poetik, übernommen und auf jeweils spezifische Weise weiterentwickelt worden.
Für die Historiker bedeutete Kritik in den Anfängen primär Quellenkritik, die Untersuchung der Quellen in Hinblick auf die discrimina veri ac falsi. Diese zerfällt in:
äußere Kritik, untersucht den Aussagewert einer Quelle im Sinne der discrimina veri ac falsi. Aber auch eine verfälschte, gefälschte Quelle ist eine Quelle, jedoch für die Zeit, in der sie ver- oder gefälscht wurde.
innere Kritik untersucht den Aussagewert nach Zeitnähe zum Ereignis, Objektivität etc. – ist nur eine Wahrscheinlichkeitsabschätzung. Die Quellenedition ist hier anzusiedeln.
kritische Ermittlung von Aussagen einer Quelle im Zusammenhang mit anderen, also im Zuge der quantifizierenden Methode der analytischen Geschichtsforschung; es sind dies Aussagen, die nicht intendiert waren, auch nicht Überrestcharakter haben und im Verein mit einer Vielzahl ähnlicher Quellenaussagen erkennbar werden.
Im Zusammenhang mit der Quellenkritik sind im Verlaufe der Jahrhunderte die Historischen Hilfswissenschaften/Grundwissenschaften entstanden, die mit ihrer hohen Spezialisierung die Tragfähigkeit historischer Aussagen hinsichtlich der „Tatsachen“ erhärten.
Seit dem Humanismus ist Kritik eine in Entwicklung begriffene, von der Aufklärung an eine fundamentale, ja geradezu konstituierende Denkweise in allen Bereichen des Forschungsprozesses geworden.
1.3.5.3.5 Interpretation (s. auch oben Hermeneutik)
Der Begriff interpretatio kommt aus der lateinischen Handels- und Rechtssprache (auch heute noch spielt die Anwendung im Rechtsbereich eine wesentliche Rolle – Auslegung von Gesetzen im Falle von Uneindeutigkeit). Die für die weitere Entwicklung wesentliche Bedeutung „Auslegung, Ausdeutung“ dürfte von den Auguren und Traumdeutern verwendet worden sein. In der Neuzeit wird unter Interpretation primär die Auslegung von Texten verstanden – Dilthey definiert sie als „kunstmäßiges Verstehen schriftlich fixierter Lebensäußerungen“.
In der historischen Arbeit wird Interpretation als eine Operation gesehen, die intersubjektiv überprüfbar die mit Hilfe der Kritik ermittelten Tatsachen der Vergangenheit zu Zeitverläufen, zu Handlungssträngen zusammenfügt, die als Geschichte(n) verstanden werden können. Dieser Vorgang lässt ein Faktum historisch werden. Es ist dies die Gewinnung von Aussagen einer höheren Ordnung, als sie aus den einzelnen Quellen gewonnen werden können, denn die Interpretation bezieht sich auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – derartige Zusammenhänge können nur post festum wahrgenommen werden, entziehen sich also den Handelnden.
1.3.5.4 Die Theoriediskussion um den Charakter der aus der Befassung mit der Historia gewonnenen Erkenntnis zwischen 1500 und 1800
Die Darstellung dieser Entwicklung soll Einblick gewähren in die Art und Weise und in die Ernsthaftigkeit des Ringens um eine theoretische Grundlegung der nichtnaturwissenschaftlichen Erkenntnis in der Neuzeit. Es handelt sich um eine Entwicklung, die einerseits die Ablösung von alten wissenschaftstheoretischen Vorgaben und andererseits zugleich deren tiefgehende Bedeutung erkennen lässt und gleichsam als Vorgeschichte der Geisteswissenschaften zu verstehen ist.
1.3.5.4.1 Der aus dem klassischen Altertum übernommene Kanon an theoretischen und methodologischen Aussagen
Wie bereits in der Einleitung festgestellt ist es von großer Bedeutung, dass aus der sich reich entfaltenden Geschichtsschreibung des klassischen Altertums einige Autoritäten bzw. deren wesentlichste Dicta über die Zeiten hinweg direkt und kontinuierlich in die Neuzeit überliefert und in der Renaissance der Diskussion zugrundegelegt worden. Es waren dies
Hesiod (um 700) steht am Anfang ("Vieles Erdichtetes wissen zu sagen wir, Wirklichem ähnlich; / Aber wir wissen auch, wenn wir es wollen, die Wahrheit zu künden.")
Herodot (von Halikarnassos, ca. 484–425), wurde von Cicero als "Vater der Geschichtsschreibung" und von Skeptikern des 16. und 17. Jhs als "Vater der Lügen" bezeichnet, war ein Freund des Sophokles und des Perikles; er schrieb die erste nach kausalen Zusammenhängen gegliederte Weltgeschichte und er gibt darin Auskunft über sein Selbstverständnis als Historiker: "Notwendigkeit zwingt mich, eine Ansicht zu äußern, die bei den meisten Menschen Haß erregen wird; gleichwohl aber werde ich nicht zurückhalten, wie es sich mir als wahr erzeigt. Ich bin verpflichtet zu berichten, was man sich erzählt, ganz und gar bin ich nicht verpflichtet, es zu glauben. Die Ägypter haben entsprechend dem bei ihnen herrschenden Klima und der ganz absonderlichen Art des Flusses [Nil] auch ihre allermeisten Sitten und Gebräuche in umgekehrten Verhältnis zu denen der anderen Menschen gestaltet."
Thukydides (460–400) schrieb mit seiner Geschichte des peloponnesischen Krieges eines der bedeutendsten Geschichtswerke des Altertums; er gilt als Begründer der pragmatischen – d.h. an den Staats-„Geschäften“ orientierten – Geschichtsschreibung. Sein Werk enthält nur, eher knappe, dafür aber über die Jahrhunderte hinweg umso wirksamere theoretische oder methodologische Aussagen.
Polybios (von Megalopolis in Arkadien, 201–120) führt mit seiner Weltgeschichte in 40 Büchern für den Zeitraum 264–144 und insbesondere des Dritten punischen Krieges in etwa die Tradition des Thukydides fort. Aus seinem Werk ist Grundlegendes zum Thema Geschichtsauffassung und Geschichtsschreibung über das Mittelalter kontinuierlich bis in die Neuzeit tradiert worden – die „Norm“ des Polybios. Er fordert gründliches Quellenstudium, Autopsie der Schauplätze einschließlich der Beachtung der natürlichen Gegebenheiten und möglichst reichhaltige persönliche Erfahrung des Historikers - Büchergelehrte verstünden nichts wirklich. Den Ablauf der Geschichte interpretiert er als einen Kreislauf der Verfassungen.
Marcus Tullius Cicero (106–43) hat sich vielfach zum Thema Geschichte geäußert – die Auseinandersetzung mit der Geschichte ist ihm Voraussetzung der geistigen Bildung. So gehörte eine Fülle seiner Aussagen zum allgemeinen Bildungsgut des ausgehenden Altertums, Mittelalters und der Neuzeit:
"primam esse historiae legen, ne quid falsi dicere audeat, ne quid veri non audeat" – das erste Gesetz der Geschichtsschreibung ist, daß man nicht wage, Unwahres zu sagen und Wahres zu verschweigen. Weiters finden sich bei Cicero die Formulierungen: historia lux veritatis, vitae magistra, nuncia veritatis.
Dionysios von Halikarnassos (um 30 vChr in Rom) setzte sich in einer eigenen Schrift kritisch mit Thukydides auseinander.
Publius Cornelius Tacitus (55–120) ist mit seiner berühmten Feststellung, er wolle "sine ira et studio" schreiben, stets präsent gewesen.
Lukian aus Syrien (120–180) war jener Autor des klassischen Altertums, der von allen am stärksten in Sachen Methode gewirkt hat. Mit seiner Schrift "Wie man Geschichte schreiben soll" liefert er gleichsam eine erste "Historik", die bis in die Mitte des 16. Jhs Vorbild ist und im wesentlichen zusammenfaßt, was bis dahin vorgebracht worden war: Forderung der Unparteilichkeit, politischer Instinkt und Urteilskraft, Darstellungsgabe, politische etc. Erfahrung des Historiographen, die Fähigkeit, das Wesentliche im Ablauf der Geschichte zu erkennen. Die Geschichte hat ihm nur eine Aufgabe, nämlich durch die Wahrheit nützlich zu sein. Lukian gibt eine genaue Anleitung, wie eine Geschichtsdarstellung abzufassen sei.
Mehr noch als die Historiographen des klassischen Altertums beeinflußten jedoch die Philosophen Platon und Aristoteles das Denken über Geschichte im Mittelalter und vor allem in der frühen Neuzeit, und zwar mit den folgenden als Dogmen bewerteten Aussagen:
Platon (427–347) unterscheidet zwischen Wahrem und Falschem (= Fiktivem): Alle Rede ist wahr oder falsch; wahre Rede ist Historia, fiktive Rede ist Poesie.
Aristoteles (384–322) definiert den Unterschied in seiner Poetik (Kap. 9): Nicht in der gebundenen bzw. ungebundenen Rede liege der Unterschied zwischen Poesie und Historie (denn man könnte Herodot in Verse setzen und es bliebe noch immer Geschichte), sondern darin, daß der Dichter es mit dem Allgemeinen und dem Möglichen = Fiktiven, der Historiker aber mit dem Besonderen, Individuellen und Tatsächlichen zu tun habe.
Frühchristliche Beiträge zur Geschichtsauffassung
Weniger bedeutend waren für die die Diskussion einleitenden Humanisten die frühchristlichen Autoritäten. Sie haben allerdings aus der spätmittelalterlichen Tradition heraus via facti weiterhin einen gewissen Einfluss ausgeübt. Es waren dies:
Quintus Septimius Florus Tertullianus (150–230) behauptet die Abhängigkeit der griechischen Philosophen von Moses und dem Alten Testament; er vertritt damit die Anschauung, daß die biblische Chronologie bzw. die jüdisch-christliche Geschichte die älteste sei, wie es auch der Schöpfungsgeschichte nach sein mußte. Er führt damit hin zu einer synchronistischen, chronographisch orientierten Geschichtserfassung.
Eusebius von Kaisarea (260–339) erstellte chronographische Tabellen und Abrisse, pflegt die klassischen drei Gattungen der Geschichtsschreibung des ausgehenden Altertums und des Mittelalters: Weltchronik, Kirchengeschichte und Biographie.
Hieronymus aus Stridon in Dalmatien (348–420), der Schöpfer der Vulgata, schuf mit seinem Kommentar zum Buch des Propheten Daniel die Grundlage für die Lehre von den vier Weltreichen im Rahmen der christlichen Geschichtsinterpretation.
Augustinus aus Tagaste (354–430) stellte in seinem außerordentlich wirkungsmächtigen Werk "De civitate Dei" das Reich Gottes (civitas Dei, civitas celestis) der civitas diaboli, civitas terrena gegenüber, dieser Gegensatz beherrscht im Mittelalter die Auffassung von der Geschichte der Menschheit. Augustinus gibt auch bereits die Analogie zum Sechstagewerk, jede der 6 Perioden währt 10 Generationen; die letzte Periode ist die Zeit von Christus bis zum Jüngsten Gericht, die also nur 10 Generationen dauern sollte – daraus resultiert die endzeitliche Stimmung, die im Mittelalter vorherrscht.(Des Augustinus Geschichtsdeutung wird erneuert durch Otto von Freising in seinem "Chronicon de duabus civitatibus".)
Gregor von Tours (540–594) schafft mit der "Historia Francorum" das erste national-christliche Geschichtswerk.
Beda Venerabilis (672–735) ist neben seiner "Historia ecclesiastica gentis Anglorum" und "De sex aetatibus mundi" durch seine Arbeiten zur Chronologie bedeutsam und wegweisend ("De temporibus", "De ratione temporum").
Otto von Freising (1115–1158) äußert sich auch in grundsätzlicher Weise zu den Fragen der Erkenntnis aus Geschichte:
"non prophetarum, sed historiographorum more, non futura prophetantium sed praeterita narrantium [...]";
"Scitis enim, quod omnis doctrina consistit in duobus: in fuga et electione [...] eligere ea, quae conveniunt proposito, et fugere, quae impediunt propositum" – man war sich aber damals bereits bewußt, daß geschickte Auswahl und Weglassung zur Verfälschung des Wahren führen.
Zahlreiche mittelalterliche Historiographen25 beziehen sich immer wieder auf die Anforderungen
der Wahrhaftigkeit (Isidor von Sevilla (6./7. Jh): "Historiae sunt res verae, quae factae sunt", andere Autoren: "melius est enim tacere quam falsa loqui",
der Objektivität (Bezug auf Tacitus),
der Verwendung glaubwürdiger Quellen wie
der "kunstgerechten" formalen Gestaltung ihres Werkes:
* die perfekte sprachliche Form: Diese war nicht immer gefordert – im Frühmittelalter begegnen wir auch der bewußten Mißachtung der Form "vos quos novimus non oratorum, sed piscatorum esse discipulos"; erst in der Karolingerzeit setzt sich der ästhetisch-literarische Anspruch wieder allgemein durch.
* die perfekte Komposition, Ordnung des historischen Stoffes: Cicero unterschied zwischen dem
ordo naturalis = ordo temporum = chronologische Darstellung und dem
ordo artificialis = ordo narrandi = Erzählfluß im Sinne von kausalen Sinneinheiten. In der Rhetorik waren beide ordines gleichberechtigt. Im 13. Jh wird der ordo temporum verschiedentlich mißachtet als eine Sache der miesen Annalistik – für den wahren Historiographen seien die Jahreszahlen uninteressant.
Es seien die richtigen Quellen richtig zu verwerten. An Quellen schied man im Range ihrer Glaubwürdigkeit: die Augenzeugenschaft (attestatio rei visaeBei Isidor und ihm folgend auch bei Vinzenz von Beauvais (ca. 1194–1264) heißt es: "apud veteres enim nemo conscribebat historiam nisi is, qui interfuisset et ea, quae conscribendae sunt, vidisset."), schriftliche Quellen (wie etwa Urkunden, die im 11. Jh bereits über die Historiographie gestellt werden), mündliche Tradition (diese wird unterschiedlich bewertet: von der fama bis hin zur "vera lex historiae").
Auch sollten gewisse rhetorischer Regeln, die als colores rhetorici zusammengefasst wurden, beachtet werden.
Im ausgehenden Hochmittelalter beginnt sich – zaghaft und mit Rückfällen - ein noch wenig systematisches kritisches Verständnis zu entwickeln: z.B. Otto von Freising bezweifelt die Irrfahrten des Odysseus, weist in Hinblick auf die Sage von Romulus und Remus darauf hin, daß lupa nicht nur Wölfin, sondern auch Dirne bedeutet und daß die beiden Jungen vielleicht einfach Kinder eines Priesters gewesen seien. Ebenso werden von verschiedenen Autoren chronologische Ungereimtheiten und solche in den äußeren Merkmalen von Urkunden angesprochen. Eine wesentliche Intensivierung der Kritik tritt erst mit den Humanisten ein, die systematische methodische Entwicklung im Sinne der Erstellung von Regeln zur Beurteilung etwa von Urkunden überhaupt erst im 17. Jh.
Zur Entwicklung der Kritik trug zweifellos auch bei, daß die französischen Kronjuristen früh die Welt des Rechts und der Verfassung als eine historische Erscheinung und damit als etwas Relativierbares, nicht gottgegeben-unveränderliches auffaßten.
Besser wohl noch als im Westen wurde in Byzanz die Tradition der klassischen Geschichtsschreibung fortgeführt, die zumeist Thukydides verpflichtet ist (wie etwa Prokopios von Kaisarea, 500–562). Zu Beginn des 7. Jhs wird die byzantinische Weltära in die Chronologie eingeführt (= Erschaffung der Welt im Jahre 5507 v.Chr.).
Nicht übersehen darf werden, daß auch in der islamischen Welt Bedeutendes geschaffen wurde. Überragend war
Abd ar-Rahman Ibn Khaldun (1332–1406), der in der Einleitung zu seiner Weltgeschichte "Kitab el-i'ibar" eine frühe Kulturmorphologie (Dreistufigkeit) und Anschauungen entwickelt, die ihm den Ruf eines frühen Begründers der Soziologie verschafft haben. Im Unterschied zu den klassischen und den christlichen Autoren ist Ibn Khaldun allerdings erst im ausgehenden 19. Jh rezipiert worden.
1.3.5.4.2 Die Diskussionsbeiträge bis etwa 1630
Die27 Vorstellungen Platons („wahre Rede ist Historia“ vs. „fiktive Rede ist Poesie“) und des Aristoteles, dass sich die Historie mit dem Individuellen beschäftige und deshalb eine ars sei und nicht scientia, die sich mit dem Allgemeinen beschäftige, wurde im 16. Jh unter dem Einfluss des Humanismus und im Zuge eines Wiedererstarken des Aristotelismus wieder aufgenommen, wobei man jedoch (zumindest anfangs) die bei Aristoteles als unumgänglich notwendige Akzeptierung der Induktion und damit des Wahrscheinlichkeitscharakters wissenschaftlicher Aussagen überging. Man fasste „Historie als eine wie immer zu präzisierende, jedenfalls nicht auf den Sachbereich des menschlichen Handelns beschränkte Weise berichtender Darstellung“ auf (Seifert), was freilich als ungenügend empfunden wurde, da es in Widerspruch stand zu dem, was man damit zu bezeichnen bzw. logisch-theoretisch untermauert zu fassen wünschte.
Im Mittelalter hatte man dem Lesen historiographischer Werke wundertätige, heilende Wirkung zugeschrieben; diese Vorstellung lebt im Humanismus weiter: Alfons von Kastilien soll durch Livius-Lektüre, König Ferrante von Neapel durch Lektüre des Curtius Rufus und Lorenzo de’Medici durch die Erzählung von den Weinsberger Weibern (1140) von schwerer Krankheit geheilt worden sein. Die Lektüre sollte moralisch belehren. Solange die Historia nur als Fundus moralischer Exempel diente, war es nicht erforderlich, sie in ihrer Gesamtheit und in ihrem kontinuierlichen und kausal hinterfragten Ablauf zu erfassen, d.h. in ihrer für uns heute selbstverständlichen Totalität. Für die Erlangung praktischer Klugheit = prudentia (nicht Weisheit: sapientia) reichte die Beschäftigung mit Teilbereichen völlig aus.
Indem nun aber in einer Phase der Historisierung, die in der Forschung bis in das 20. Jh nicht wirklich erkannt worden ist, in anderer Dimension wirksam wurde, was Polybios mehr als eineinhalb Jahrtausende zuvor konstatiert hatte28, dass nämlich die europäischen Länder, die Diplomatie jener Zeit in ungleich größeren Räumen als zuvor zu handeln begannen29, wurde die Erfassung des Ganzen belangvoll und die Erfassung weiterer Räume auch unter historischem Blickwinkel immer interessanter. Gleichzeitig wurde vor dem Hintergrund der Beschäftigung mit den großen Leistungen der antiken Historiographie die theoretische Fundierung der Historia als unbefriedigend, als ungelöstes Problem innerhalb des entstehenden wissenschaftslogischen Systems empfunden und die zunehmend systematische Beschäftigung mit den Erkenntnisfragen bewirkte die theoretische Erfassung des Charakters und der Gewissheit der Erkenntnis aus der Beschäftigung mit der Vergangenheit, zumal man sich im Humanismus ja in vielen Bereichen um eine logisch gesicherte Feststellung der idealen Ausformungen in allen erdenklichen Bereichen bemühte – der ideale Fürst, der ideale Diplomat, der ideale Staat, der bald Gegenstand zahlreicher Utopien wird30, und auch der ideale Historiker31.
Die Wertschätzung der Historie an sich stand außer Frage. 1519 hat der Italiener Alciatus die Geschichte bereits als Königin der Wissenschaft bezeichnet, der alle anderen Bereiche untertan seien. Fox Morcillo wollte um 1500 sogar die Mathematik als einen Teil der Historia betrachten (was auch andere Autoren des 16. Jhs ins Auge fassten), und 1531 hat Luis Vives, ein Freund des Erasmus, die Abhängigkeit aller Wissenschaften, auch der Medizin, von der Historie konstatiert – diese Beispiele zeigen, in welchem Maße damals schon Vorgänge, die äußerlich nichts mit Historie gemein haben, als in sich historischer Entwicklung unterliegend begriffen worden sind. Der französische Historiker und Staatsmann Guilleaume du Bellay (1491–1543) forderte, dass jeder Geschichtsunkundige für unfähig erklärt werden sollte, ein öffentliches Amt zu versehen. Vollends hat die Reformation der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit neue Aufgaben eingetragen: Nachdem Lorenzo Valla bereits 1440 mit dem öffentlich gemachten Nachweis der Unechtheit der Konstantinischen Schenkung einen grundlegenden Rechtsanspruch in Frage gestellt hatte, unterzogen spanische Neuscholastiker wie der Dominikaner Melchior Cano (1509–1560) unter dem Einfluss der Reformation die altchristlichen Traditionen und Heiligenlegenden einer ersten Kritik32, denn auch Luther und Melanchthon erkannten die Bedeutung der historischen Dimension, was Melanchthon der Zeit entsprechend drastisch formulierte: „ist einer eine grobe Sau, qui non delectatur cognitione historiarum“, da diese Einblick gewähre in das Walten Gottes.
Die Historia-Traktate des 16. und 17. Jhs, die anfangs ja noch weitgehend isoliert von einander entstanden, verfolgten lediglich das Ziel, Verständnis für die Historiographie, für das Lesen historiographischer Werke und dann später auch für das Abfassen derartiger Werke zu wecken – dem entsprechend wurde auch der Begriff „historia“ primär für die Lektüre und allenfalls das Schreiben erlebter Geschichte verwendet – z.B. auch bei Bodin. Nicht ging es um die systematische Begründung einer Geschichtswissenschaft. An der Wende vom 16. zum 17. Jh verdichtete sich jedoch der Prozess zu einer Diskussion, in der man ernsthaft Klarheit schaffen wollte, was es mit der Historia auf sich habe, welcher Grad der Gewissheit der aus ihr erlangbaren Erkenntnis zugestanden werden könne. So rückten nach und nach in das Blickfeld:
1) die Methodenlehre der Geschichtsschreibung
2) der Gegenstandsbereich der Historia, welches ihr eigentliches Objekt sei und warum
3) die Erläuterung der Funktion, des Nutzens und Zwecks historischen Wissens und
4) vor allem das Problem der erkenntnistheoretischen Qualität historischer Erkennens.
Ergebnisse dieses nun anlaufenden Prozesses werden sein:
ein Historia-Begriff, der auf die Menschheitsgeschichte beschränkt ist,
die Gewinnung eines hinsichtlich der Erkenntnismöglichkeiten differenzierenden Wissenschaftsbegriffes und
durch seine Anwendung eben der Wissenschaftscharakter auch der Geisteswissenschaften.
Die Erhebung der Historia zur Wissenschaft und damit die Sicherstellung der aus ihr gewonnenen Erkenntnis war und ist ein zutiefst menschliches Anliegen. Diese Entwicklung ist aber weitgehend isoliert von der Weiterentwicklung der Praxis erfolgt (daran hat sich bis heute nicht sehr viel geändert).
Unter dem Einfluss der spanischen Spätscholastik, die bedeutenden Einfluss auf die Franzosen ausübte, ergaben sich terminologisch in der Diskussion drei Ebenen:
1) Geschichte als Geschehen = factum
2) Historia als Darstellung = narratio rei gestae (d.h. der willentlich gesetzten Handlungen und nicht etwa natürlichen Geschehens) = historiographisch
3) Historia als Modus des Erkennens = cognitio aliorum sensibus = historioskopisch.
In der Auffassung der im Milieu des wieder erstarkten Aristotelismus in Italien geschätzten rhetorischen Tradition galt die Beschäftigung mit der Geschichte als eine Ars: „ars historica“; die Darstellung des Geschehens ist eine narratio als Species der schönen Literatur, ein munus oratorisScientia = philosophia ist jener Bereich, in dem man eindeutige Schlüsse, also „Wissen“ im strengsten Sinne für möglich hält, in dem eindeutige Aussage gewonnen werden können. Dem entsprechend ist die historia humana nur eine ars – und ars ist auch dadurch gekennzeichnet, dass sie ein Bereich mehrerer Möglichkeiten ist, d.h.: Es gibt eben keine eindeutigen Aussagen..
Grundlagen für die Diskussion waren, wie bereits erwähnt, primär Platons Aussage über wahre und falsche Rede, des Aristoteles Unterscheidung zwischen Poesie und Historie bzw. der Befassung mit dem Allgemeinen und mit dem Speziellen, die Norm des Polybios, zahlreiche Passagen bei Cicero und Seneca und – später erst – die Ausführungen Lukians.
Der griechische Wortinhalt von historia umfasste (wie auch dann noch bei Cicero) die Beschreibung von allem – vera narratio und das nicht nur der rei gestae (also der Handlungen des Menschen), sondern narratio alles Geschehenen und Seienden. Dem entsprechend stellte Giorgio Valla 1501 fest: „historiae nomen apud Graecos latius patuit quam hodie capi fere soleat ab omnibus“. Beispiele dafür waren die „Naturalis historia“ des Plinius d. Ä., die „Historia animalium“ des Aristoteles, die „Historia plantarum“ des Theophrast – Historien, die nicht dem entsprachen, was die Historiographen schufen. Dem entsprechend stellte der Spanier Fox Morcillo noch 1557 fest, dass das wesentliche an der Historia die memoria sei und dass sich deshalb keine Art der Erkenntnis von ihr wirklich separieren lasse, denn was heiße Kenntnis anderes als Erinnerung an frühere Einsicht? Insoferne sei deshalb jede Disziplin in gewisser Weise auch historiasic denique scientiae omnes historiae et sunt, et appellari recte possunt, so ist alle Scientia auch Historia und kann zu recht so genannt werden. Dies ist praktisch eine Umkehrung des bisherigen Gedankenganges. Historia wird so ein umfassender Oberbegriff für Erkenntnis und Wissenschaft und eine Restriktion auf die historia humana war damit natürlich nicht verbunden. Historia konnte auch die Bedeutung von Wissenschaft, Kunde annehmen – wie dies bei Bodin der Fall ist, wo historia und philosophia nahezu (bis auf die historia humana) synonym verwendet werden. In diesem Sinne skizzierte auch der Waadtländer Christoph Mylaeus in seinem 1548 veröffentlichten „Consilium historiae universitatis rerum scribendae“ ein Werk, das er 1551 in drei in Basel erschienen Bänden vorlegte („De scribenda universitatis rerum historia“) und in dem die Historia humana nur einen kleinen Teil einnimmt; Gleiches gilt für zahlreiche andere Werke dieser Zeit.
Jean Bodin
Einer der bedeutendsten Autoren in Sachen Historia im 16. Jh ist Jean Bodin, der 1566 seine „Methodus ad facilem historiarum cognitionem“ veröffentlichte34, ein Werk das – ohne dass sein Autor dies im Sinn gehabt hätte – gleichsam eine erste großangelegte Historik darstellt und in der Tradition der humanistischen Ideal-Traktate steht, wie sie für viele Handlungsbereiche verfasst worden sind. Allerdings geht es Bodin eigentlich um die Anleitung zur Geschichtslektüre, um die Nutzbarmachung des historischen Stoffes. Auch er verfolgt die Vorstellung, dass Historia die Gesamtheit allen Realwissens einschließe und deshalb über allen Wissenschaften stehe – historia quasi supra scientias omnes in altissimo dignitatis gradu locata. Sie lasse sich in drei Bereich gliedern: historiae, id est verae narrationis, tria sunt genera
1) historia humana – actiones hominis in societate vitam agentis explicat, sie liefert cognitio incerta et confusa
2) historia naturalis – causas in natura positas earumque progressus ab ultimo principio deducat = Frage nach den verborgenen Ursachen der Erscheinungswelt, und das bedeutet eo ipso die Rechtfertigung als scientia, die keine Philosophie mehr über sich hat und den Philosophen überlassen bleibt (natural philosophy); sie liefert cognitio certa, ja in jenen Bereich, in denen es um immaterielle Dinge gehe, sogar mathematische Gewissheit, cognitio certior
3) historia divina – Religionsgeschichte, historische Theologie, sie ist Sache der Theologen und biete – noch ganz im mittelalterlichen Sinne – cognitio certissima, höchste Gewissheit, da Gott unveränderlich sei.
Bodin nimmt damit den Menschen pauschaliter aus der Naturordnung heraus, was deutsche Autoren sehr bald kritisieren, indem sie argumentieren, dass es auch über den Menschen naturwissenschaftliche Erkenntnis gebe, wie dies 1586 auch Alessandro Sardi festgestellt hat, der den menschlichen Körper zur Naturphilosophie rechnete (s.w.u.). Vor allem aber griff Bodin in seiner Unterscheidung, die der Lehre von den drei Philosophien entspricht35, die in Andeutungen bereits vorhandene Differenzierung zwischen Naturbeschreibung und Naturerklärung (historia naturalis im Sinne des Plinius d. Ä. einerseits und philosophia naturalis im Sinne des Aristoteles andererseits) nicht auf, womit er eine Chance vergab. Damit stellen sich die Verhältnisse für Bodin in seiner teilweise starken Bindung noch an mittelalterliche Vorstellungen etwa folgendermaßen dar:
An Bodin und seinem Werk sei skizziert, welches die Position der Historia in der Mitte des 16. Jhs war:
Bodin geht es nicht um das Schreiben von Geschichte – nicht um die historia scribenda –, sondern um das Lesen von Geschichte, die lectio historiarum, eine Methode, „quemadmodum flores historiarum legere ac suavissimos decerpere fructus oporteat. Er unterscheidet in diesem Zusammenhang drei Arten von historischen Schriften,
solche, die Neues finden und Stoff zusammentragen
solche, die philologisch-kritische Untersuchungen bieten, und
solche, die die von anderen „erfundenen“ Stoffe sichten, ordnen und tradieren (die res inventas arte ac ratione traderent“.
Bodin lehnt die Lehre von den vier Weltreichen ebenso wie die Vorstellung vom Niedergang seit der Vertreibung aus dem Paradies oder nach dem Ende eines Goldenen Zeitalters ab und interpretiert – vielleicht als erster – die Weltgeschichte als einen seit der Erschaffung der Welt stetig voranschreitenden, sich entwickelnden Prozess.
Ziel aller Wissenschaft ist für Bodin die Feststellung der Wahrheit; dies gilt auch für die ars historica [humana], der er höchste Priorität einräumt, da der Mensch – ehe er sich anderen Bereichen widmen könne – zuerst über sich selbst orientiert sein müsse. Da das Ziel aller Wissenschaft und darüber hinaus auch der Historia die Wahrheit sei, sei man gezwungen, die historischen Quellen auf ihre Zuverlässigkeit zu prüfen. Als Basis der Kritik spricht Bodin die Vernunft an – vor allem in jenen Fällen, in denen eine Nachricht nur von einer Quelle überliefert wird. Zweitwichtigstes Element ist der Vergleich verschiedener Überlieferungen, der auch an sich unglaubwürdig erscheinende Nachrichten glaubhaft machen könne, wenn die Quellen einen Sachverhalt einvernehmlich darstellen und sich vielleicht sogar in anderen Aussagen widersprechen. Bodin erkennt bereits den Unterschied zwischen primären und sekundären Quellen und hält hinsichtlich der Kritik die Kenntnis der Person des Autors eines historiographischen Werkes etc. für wichtig, wie er auch die nationale Befangenheit anspricht. Obgleich Bodin theoretisch kritisch ist, ist er in der Praxis doch auch wieder naiv: Er hält die bei Guicciardini eingestreuten fiktiven Reden für wahr und äußert sich auch nicht zur Kritik von Urkunden.
Ausführlich widmet sich Bodin dem Idealbild des Historikers: Dieser soll unabhängig sein, Eigenständigkeit und „Rückgrat“ besitzen, objektiv und unparteiisch sein, Erfahrung haben im praktischen Leben, in den Staatsgeschäften, Anteil am öffentlichen Leben nehmen, wie dies schon Lukian forderte, wobei aber ungewiss ist, ob Bodin diesen Autor bereits kannte. Der Historiker soll über eine „wissenschaftliche“ Ausbildung verfügen, Kenntnisse im öffentlichen Recht und im Völkerrecht haben und zur Verbesserung der Objektivität einen weiten Horizont für den Vergleich besitzen – Bodin strebt u.a. nach einem ius universale, einem über das Römische Recht hinaus verbindlichen Recht.
Die Zeitgeschichte hält Bodin im Unterschied zu früheren Autoren wegen der großen Gefahr der parteiischen Beeinflussung für gefährlich – es sei besser, vergangene Ereignisse zu schildern, und auch über fremde Völker zu schreiben und nicht über das eigene. Bezüglich der Religion habe sich der Historiker über religiöse Probleme zu erheben, aber nicht einen atheistischen Standpunkt einzunehmen; Religion dürfe jedenfalls nicht aus der historischen Darstellung ausgeklammert werden. Nach eingehender Diskussion der unterschiedlichen Möglichkeiten gelangt Bodin auch zur Ansicht, dass der Historiker sich des Urteils enthalten solle, soweit es möglich sei – Lob und Tadel zu spenden, d.h. Werturteile zu fällen, stehe den Philosophen zu.
Bodin geht aber auch auf das Verhältnis der Historia zu anderen Disziplinen ein und vertritt die Ansicht, dass die Historia das einzige Wissensgebiet sei, das ohne andere Kenntnisse von jedermann begriffen werden könne: „historiae facilitas quidem tanta est, ut sine ullius artis adimento, ipsa per esse ab omnibus intelligatur. Nam in aliis artibus, quod omnes inter se aptae et iisdem vinculis colligatae sunt, altera sine alterius cognitione percipi nequit, historia vero quasi supra scientias omnes in altissimo dignitatis gradu locata [est]“36. – Diese Auffassung ist allerdings nicht weit von der von dem Franzosen Denis Lambin 1569 geäußerten Meinung entfernt, dass nicht alle Menschen die geistige Befähigung zur Philosophie, also zur Befassung mit den Universalien besäßen, dass aber jede mittelmäßige Begabung ausreiche, um sich mit den Singularien zu beschäftigen.
Bodin kennt im Prinzip bereits den Begriff der Hilfswissenschaften: die Politik eine für die Geschichte, die Historia eine für die Politik. Er konstatiert auch die enge Verbindung zwischen Historia und Geographie (Klimatheorie) und erkennt auch die ganz außerordentliche Bedeutung der Philologie, wertet sie aber nicht aus.
Die Fortführung der Diskussion im 16. und 17. Jh
Neben Bodin ist im 16. Jh eine Reihe von – vor allem dem romanischen Bereich entstammenden – Autoren tätig gewesen, deren Überlegungen zu einer immer subtileren Differenzierung des Historia-Begriffes führten.
1531 stellt Luis Vives (1492–1540), der sich in seinem Hauptwerk „De disciplinis“37 gegen die aristotelische Scholastik wendet und dabei auch mit der Geschichte auseinandersetzt, fest, dass ihm die Historie experimenta aliena ex cognitione prioris memoriae, Berichte über fremde Erfahrung biete. Die Notwendigkeit solcher „Berichte“ ergibt sich für ihn aus der Bemühung um die Erfassung der im Gegensatz zu den wechselnden historischen Erscheinungen beständigen natura rerum, die ja hinter den sinnlich wahrnehmbaren Gründen liege. Indem die Historie sinnlich wahrnehmbare Gründe, die causae exteriores, liefert, trage sie auch bei zur Erfassung der nichtsinnlichen Wesensgründe. Die Domäne der Historie sei deshalb die Beschreibung des sinnlichen Vordergrundes der Erscheinungen der Welt. Nur dort, wo sich historia (nun in einem allgemeinen Sinne gedacht) der Natur zuwende, strebe sie eine Darstellung non effecta solum – nicht nur in Bezug auf die Wirkung –, sondern ex causis an. Vives bereichert damit die Differenzierung zwischen Philosophie und Historie, wobei er aber letzterer ein Naheverhältnis zur Philosophie zuerkennt, das aber noch unscharf bleibt.
Eine ähnliche Differenzierung nimmt 1586 Alessandro Sardi vor, für den historia ebenfalls narratio ist; Narratio versteht er aber als Aufzeichnung von Aktivitäten (attioni). Indem er aber die Handlungen klassifiziert in „natürliche“ und „akzidentielle“, d.h. in solche, die der Natur entsprechen und solche die als Abweichungen von der Natur zu sehen sind, also als Menschenwerk in Handhabung der Willensfreiheit, weist er sie unterschiedlichen Bereichen zu: die attioni naturali stehen in einer festen Ordnung, sie sind deshalb Gegenstand der Philosophie; Sardi rechnet auch den Menschen in seiner Leiblichkeit und Physiologie hierher. Die akzidentiellen attioni, d.h. die Willenshandlungen des Menschen jedoch sind nicht Gegenstand der Philosophie, sondern der Historia. Hier liegt ein wesentlicher Unterschied und Fortschritt gegenüber Bodin.
1560 brachte der Platoniker Francesco Patrizi (1529–1597) in Venedig seine „Della historia dieci dialoghi“ heraus, in denen die bislang gepflegten rhetorischen Elemente und mittlerweile wenig stichhältigen vordergründigen Definitionen Ciceros zurückgewiesen werden. Die Historia animalium des Aristoteles erklärt Patrizi zur simplex rei enarratio sine causa, also zu einer Beschreibung. Erst wenn diese Arbeit – die narratio sine causa, also die reine Beschreibung ohne Erklärung – geleistet sei, könne man zur Ergründung der Ursachen fortschreiten – praecedere in edocendis causis. Erst müssen die Fakten gesammelt und bereitgestellt werden, dann könne nach den Gründen geforscht werden38. Dies bedeutet die Aufspaltung der Befassung mit den Naturalien in Beschreibung und Erklärung, die Bodin verabsäumt hat. Patrizi begreift so Historia als cognitio sine causa, als cognitio effectuum tantummodo, als bloße Beschreibung von Wirkungen, womit sie eigentlich nicht wirklich cognitio ist. Giacomo Zabarella hat sich dem angeschlossen. Diese Rückstufung der Historia, deren Vertreter wie Johannes Bernartius doch beanspruchten, dass es das praecipuum historici munus sei exponere, quid, quare, qua fine sit gestum39, hat lebhaften Widerspruch vor allem bei den deutschen Theoretikern (s.w.u.) ausgelöst40.
1565 – ein Jahr vor Bodin – hat der Baseler Philologe und Mediziner Theodor Zwinger sein „Theatrum vitae humanae“ veröffentlicht, in dem er die Historie als ocularis et sensata cognitio bezeichnet, als nuntiatio eorum que visa aut sicut visa. Auch solche Historia gebe es von allem, für jeden beliebigen Bereich der Erkenntnis. Man spreche von Pflanzen-, Tier-, Naturgeschichte etc., dort aber, wo es allein um die vernunftbestimmten Handlungen des Menschen gehe, heiße sie per se et absolute Historia, also „die“ Geschichte. Komplementärstück der Historie sei die Theorie, die für das Unsinnliche zuständig sei, für das, was hinter den Sinnen liege, ea quae sensus effugiunt. Zwinger, der zwar die Historia humana ohne weitere Umstände als solche klassifiziert und zwischen der Darstellung der Historie und der Bereitstellung des historischen Materials unterscheidet, reduziert sie mit seinen Ausführungen auf den Augenschein; sie ist ihm zwar ebenfalls cognitio, aber eben nur im Bereich der Sinneswahrnehmung.
Weniger kunstvoll und weit unbekümmerter hat 1569 Viperano in seinem De scribenda historia liber den weiten Historia-Begriff nach humanistischem Vorbild zurückgewiesen und auf attioni, auf Handlungen beschränkt: „Voco historiam [...] narrationem rerum gestarum“. Diese schon so lange „umkämpfte“ Einschränkung auf den Menschen leistete dann auch der Paduaner Rhetoriker Paolo Beni; er definierte um 1600 die Historia als „rerum singularium narratio, quae hominem genus instituat“, also als einen Bereich, der sich, indem er sich mit der Gattung Mensch, also gewissermaßen der Menschheit befasst, eigentlich keine Singularienerkenntnis darstelle, auch wenn zusätzlich Singularienkenntnis die Gattung Mensch betreffend geliefert würde. Damit wurde die Historia humana argumentativ auf eine Ebene mit der Historia naturalis, d.h. der Philosophie, gestellt, wo in der Zoologie und der Botanik ja nicht von den Individuen, sondern wirklich nur von der Species gehandelt würde.
Befriedigen konnten alle diese Vorstellungen aber nicht, da sie unsystematische und unkoordinierte Beiträge zum Problem darstellten.
Es waren die deutschen Philosophen, vor allem der Semi-Ramist Bartholomaeus Keckermann, die die Definierung von Historia als cognitio sensata, die ihr mit der Beschränkung auf rein äußerliche facta, d.h. auf die sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungen, durch Autoren wie Zwinger und Patrizi zugewiesen wurde, als Provokation auffassten; empört schrieb Keckermann in seinem „Systema logicae“ 1606: „Hocce praeclarum studium velle ab omni intellectu removere et ad sensum solummodo referre, id vero ab omni ratione foret alienum!“ – es sei widersinnig, einen so wichtigen Bereich wie die Historia vom Verstande abzugrenzen und auf die Sinneswahrnehmungen allein zu reduzieren. Die deutsche logische Schule der Geschichtstheorie des beginnenden 17. Jhs – vor allem der Freiburger Historiker und Gräzist Jakob Beurer mit seiner „Synopsis historiarum et methodus nova“ 159441), aber auch Keckermann in einer Reihe von Schriften und Gerhard Vossius mit seiner „Ars historica“ 1623 – hat sich geradezu an diesem Ansatz entzündet. Sie setzten sich nun über die bislang zumeist als sakrosankt erachteten Vorgaben hinweg42. Ein wesentliches Element ihrer Argumentation war das exemplum, das zu liefern ja stets als eine primäre Aufgabe der Historia erachtet wurde43.
Jakob Beurer formuliert nun 1594: Historia est omnis vel divinitus patefacta, vel per sensus quoquo modo hausta et mente comprehensa singularium rerum cognitio – Historia ist alle Erkenntnis von Singularien, die entweder durch göttliche Offenbarung oder auf irgendeine Weise mit Hilfe der Sinne gewonnen und verstandesmäßig begriffen wird. Und er beruft sich dabei auf die zweite Analytik des Aristoteles, wo alle menschliche Erkenntnis auf Sinneswahrnehmung und Induktion aus Singularien zurückgeführt wird, und setzt sich damit über die ursprünglich zugrundegelegte rigorosere Auffassung, dass cognitio nur aus dem Allgemeinen zu erlangen sei, hinweg.
Keckermann und Vossius stufen das bei Zwinger gegebene Argument der sinnlichen Wahrnehmung zurück, da Singularienerkenntnis nicht unbedingt bloß sinnlich sein müsse. Keckermann hat mit der ihm eigenen Übersteigerung der Logik die Historia als explicatio quaedam logica, als explicatio logica singularium rerum bezeichnet44.
Gerhard Johannes Vossius hat schließlich 1623 in seiner „Ars historica“, Überlegungen Benis wie Patrizis fortführend, die Formeln von der narratio bzw. cognitio rerum singularium gewissermaßen umgedreht und argumentiert, dass der Historia-Begriff auf die Naturalien nicht durchwegs korrekt, sondern teilweise nur aus etymologischen Gründen und nicht zu Recht angewendet worden sei, da hinsichtlich der Naturalien zu unterscheiden seien:
1) eine eigentlich philosophische Historia = die Darlegung des quid est von universalen Gegenständen – hierher zählt die Naturgeschichte nach Aristoteles und Theophrast (Zoologie und Botanik etc.), sie ist scientia.
2) eine narrative Historia = sie referiert die res singulares jedweden Sachbereiches, hierher zählen:
a) die Singularienerkenntnis im Sinne der Handlungen Gottes in der Natur (was die Historia divina einschließt)
b) die Singularienerkenntnis in der menschlichen Welt, die Historia civilis – darunter versteht er einen Extrakt der Historia humana, der in etwa der nunmehrigen Auffassung von Historia im engeren Sinne entspricht.
Historia definiert Vossius nun kurz und bündig als Cognitio singularium, quorum memoria conservari utile sit ad bene beateque vivendum. Scientia wird in Zusammenhang mit diesem Prozess nicht mehr so sehr als cognitio universalium sondern als cognito necessariorum – Erkenntnis des Nötigen – aufgefasst.
Diese Vorgangsweise des Vossius behielt allerdings die Duplizierung der Historia und damit aber wohl auch die Historisierung aller Bereiche bei – und diese findet sich ja auch bei Francis Bacon wieder, der erkennt, dass Grammatik, Logik, Mathematik etc., alle Disziplinen per historias weiter entwickelt werden. Z.B. heißt es von den Historiae physicae: sunt duplices: scriptorum videlicet physicorum et rerum naturalium.
Das Problem der Historia divina – Gott war natürlich als eine res singularis zu betrachten und wäre unter den angezogenen Aspekten zur Gänze der Historia zuzuordnen gewesen – löste man, indem man die Historia divina als die Darstellung der Aussagen des Menschen über Gott definierte, während die Theologie Gott in formam scientiae et facultatis behandle.
Arno Seifert hat festgestellt, dass es an sich in der Diskussion im 16. Jh ein Leichtes gewesen wäre, Wissenschaft als das zu definieren, was über das Sinnlich-Singulare hinausgeht. Doch dieser Schritt ist nicht gewagt worden – im Gegenteil, es ist die neu sich entwickelnde Naturwissenschaft in wesentlichen Teilen innerhalb des Historia-Konzepts im aristotelischen Sinne verblieben.
1.3.5.4.3 Der Beitrag des Empirismus – Francis Bacon
Mit dem zu Beginn des 17. Jhs einsetzenden Empirismus sind auch in die Historia-Diskussion im Wege von Anforderungen neue Ansätze eingebracht worden. In dem 1613 erschienen „Lexicon philosophicum“ des Marburger Philosophen Rudolf Goclenius wird für die dort dritte Begriffsbedeutung von „historia“ auf Galen zurückgegriffen; für den Historia „Kenntnis [ist], die aus eigener oder fremder Sinneserfahrung im Lauf der Zeit zusammengetragen worden ist45. Historia wird damit (auch) zu Erfahrung. Dies wird deutlich bei den Medizinern, die sich von der historia naturalis her des Historie-Problems annahmen, und ganz besonders bei Francis Bacon – die Frage der theoretischen Abgrenzung zwischen Historia und Wissenschaft wird damit insoferne berührt, als die Frage in Diskussion gerät, inwieferne man der Erfahrung anderer vertrauen könne und damit unter diesem Aspekt die scientia-Bedingung erfüllt werden könne. Dass Erfahrung unumgänglich sei, steht außer Streit. Kant wird in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ formulieren: „Erfahrung [all das, was dem Menschen im Wege seines Bewusstseins widerfährt] ist das erste Produkt unseres Verstandes, mit ihr fängt alle Erkenntnis an“.
Das in Bezug auf die Historia Neue, das Francis Bacon in seiner Wissenschaftslehre aufbringt, ist die Wertschätzung der Historia als eines Reservoirs an experientia, an Erfahrungen in der Vergangenheit, mit deren Hilfe die neue Wissenschaft auf eine umfassende, möglichst erschöpfende Basis gestellt und zu effizienter Arbeit auf Grundlage der Induktion befähigt werden soll. Es eignet dieser Zielsetzung ein enzyklopädisches, polymathisches Element, das natürlich über die klassische Historie im Sinne eines Produkts von Historiographie hinausweist.
Es stellt dieses Vorgehen einen Akt bewusster Historisierung dar, die zwar um 1500 in der Vorstellung von der Allgegenwart des historischen Elements im Wissenschaftsprozess schon vorhanden war, der aber damals noch die theoretische Fundierung gefehlt hatte46. Francis Bacon verlangt historischen Empirie: Die Historie habe wohl noch Wissenschaft über sich, aber auch diese sei wie alle Wissenschaft existentiell auf das Fundament der Historie angewiesen, der damit – wie ja etwa gleichzeitig auch bei bereits erwähnten Autoren und bei Vossius – neuerlich eine höchst bedeutende, ja zentrale Funktion zugeschrieben wird: Wissenschaft ohne Historie sei absolut unmöglich! Die Forderung nach der Behebung des diesbezüglich bestehenden Defizits hat Francis Bacon in der Widmung des „Novum Organon“ an den König adressiert. Da die Basisarbeit so lange vernachlässigt worden sei, forderte er eine Unterbrechung der Arbeit, bis die erforderliche Historia naturalis auf den erforderlichen Stand gebracht sei – die Historie (be)schafft die Gegenstände für die rationale Erkenntnis! Dies bedeutet eine wesentliche Historisierung der Welt, die weit über die bisherigen „Anwendungsgebiete“ der Historia hinausgeht.
Francis Bacon hat sich aber auch eingehend mit der Historia in einem engeren Sinne befasst, wenn er auf die Historia civilis eingeht, die er als Instrument einer neuen doctrina de homine sieht und in drei Unterarten gliedert
die Kirchengeschichte
die Literaturgeschichte (diese nicht so sehr in poetisch-literarisch-ästhetischem Sinne denn als „Forschungsgeschichte“, Literatur im Sinne von „philosophischer“, d.h. rational wissenschaftlicher Forschungsliteratur) und
die Historia civilis specialis, cuius dignitas atque authoritas intra scripta humana eminet – die Historia civilis im eigentlichen Sinne, deren Würde und Autorität sich aus den schriftlichen Zeugnissen ehellt.
Die Bedeutung, die Francis Bacon der Historia beimisst, ergibt sich auch aus dem Umstand, dass er in seiner Wissenschaftssystematik, die von den französischen Enzyklopädisten zu ihren gemacht worden ist, auf drei wesentliche, ihm zentrale geistige Fähigkeiten des Menschen zurückgreift, nämlich auf die ratio, die memoria und die imaginatio.
Für das Verständnis der Wandlung der erkenntnistheoretischen Positionen in der Historia-Diskussion ist es wesentlich zu beachten, dass sich in den reformierten Ländern die Theologie als eine „doctrina practica“ definierte, also den von Thomas von Aquin und in der katholischen Sphäre weiterhin beanspruchten Rang einer scientia nicht mehr für sich reklamiert hat. Dies hatte natürlich auch Auswirkungen auf die anderen Bereiche.
Francis Bacon hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Stellung der Historia als Erkenntnisweg neben oder in Zusammenhang mit der Philosophie außer Streit stand und damit die zentralen Fragen nicht mehr nur innerhalb des überkommenen Systems, sondern viel mehr auch von Seiten der Naturwissenschaft aufgerollt werden und die Philosophie die Historie in ihren Bereich, in ihr Instrumentatrium einbringt. Dies war nur möglich unter Loslösung von den aristotelisch-scholastischen Vorgaben.
Joachim Jungius, Logiker und Bahnbrecher der Empirie in Deutschland, greift in den 1630er Jahren den Faden in der Diskussion der Singularienerkenntnis wieder auf, wenn er – an Francis Bacon anknüpfend – hinsichtlich der experientia differenziert zwischen der experientia ex singularibus de singularibus und der experientia ex singularibus de universalibus. Jungius hat die Historia als „locuplentissimum compendium alienae experientiae“ bezeichnet.
Offen war nun aber doch noch die Frage nach der Zuverlässigkeit der Grundlagen des empirischen gesicherten Erkennens, also die Frage der Qualität der Erkenntnis aus der Historia, der Qualität der facta – was geht eigentlich vor dabei? Wer erkennt und auf welcher Grundlage? Am deutlichsten wird dieses Problem erfasst im Falle der Trennung zwischen erfahrendem und verarbeitendem Subjekt, das gilt ganz besonders für die Nicht-Zeitgeschichte. Cognitio singularium wurde stets als cognitio propria, sensu proprio aufgefasst. Jetzt aber fragte man sich, inwieweit eine cognitio aliorum sensibus – etwa von Historiographen – möglich sei und inwieweit hier Zuverlässigkeit vorausgesetzt werden könne.
Tommaso Campanella stellte dazu fest, dass die Glaubwürdigkeit von Nachrichten von der autoritas der Sinne abhänge. Die als selbstverständlich zugrunde gelegte Glaubwürdigkeit der eigenen Sinneswahrnehmung wollte er bona fide und in der Theorie wohl nur auch anderen Menschen zugestehen47sicuti enim propriis sensibus fidem adhibet meum, ita et alienis.
Als Ergebnisse der Diskussion bis um 1625 bleiben festzuhalten
dass historische Erkenntnis als Erkenntnis von empirischen Tatsachenwahrheiten nur im Wege der Wahrnehmung – der eigenen gleichermaßen wie der anderer Individuen – möglich sei,
dass sie eine für alle weiteren Stufen der Erkenntnis unentbehrliche cognitio logica (et probabilis) sei, indem sie die Gegenstände für die rationale Erkenntnis beschaffe,
dass eine logisch stringente Reduzierung auf die Geschichte des Menschen nicht gelungen ist, auch wenn sie in der Praxis gehandhabt wurde und
- dass - wie sich noch herausstellen wird – auch die Problematik der Wahrnehmung sensibus alienis nicht befriedigend gelöst ist.
Und: es ist auf die außerordentliche Dichte und Intensität dieser Diskussion hinzuweisen, die den hohen Stellenwert bezeugt, den man der Sache beigemessen hat.
1.3.5.4.4 Skeptizismus, Kritizismus, Hyperkritizismus
In seinem bahnbrechenden „Discours De La Methode Pour bien conduire sa raison, et chercher la verité dans les sciences“ verwirft René Descartes 1637 in radikalem Skeptizismus in Hinblick auf wissenschaftsgeleitete Erkenntnis die sinnliche Wahrnehmung als Grundlage der Erkenntnis und damit natürlich auch die Berechtigung bzw. Tragfähigkeit von Erkenntnis aus der Historie – als Wissenschaft akzeptabel erscheint ihm nur, was „cognitio indubitata“ liefere, nämlich das mathematische Verfahren. Diesem stellt er die „Wahrscheinlichkeitsschlüsse der Scholastik“ gegenüber48 und die Auffassung, „alles als beinahe falsch anzusehen, was nur wahrscheinlich ist“, die der Bereitschaft nahesteht, „etwas als absolut falsch zu verwerfen, sobald sich der geringste Zweifel regt49. Damit bot Descartes seinem Gegner Gottfried Wilhelm Leibniz später die Möglichkeit, den Vorwurf der Geschichtsverachtung gegen ihn zu erheben, was einige Wirkung nach sich zog. Descartes löste nämlich einen unter der Bezeichnung Pyrrhonismus bekanntgewordenen radikalen Kritizismus aus, der sich jedoch letztlich in seiner Überzogenheit (vor allem bei Jean Hardouin SJ, der weite Teile der Geschichte des Mittelalters als Produkte systematischer Fälschungstätigkeit bezeichnete) sehr positiv für die Geschichtsforschung auswirkt, indem er über Pierre Bayle die Entwicklung der kritisch-akribischen Geschichtsforschung fördert: Bayle wandelt das generelle, die Historie an sich betreffende Argument des Descartes in ein Argument der Kritik um, die in Bezug auf die „facta“ anzuwenden sei; und diese Kritik hat Bayle an seinem berühmten „Dictionnaire historique et critique“ demonstriert.
Überhaupt gewinnt im Verlaufe des 17. Jhs die historische Praxis an Boden gegenüber der theoretischen Grundlegung der Historia.
Giovannbattista Vico hat in seinen „Principii l'una scienza nuova d'intorno alla commune natura delle nazioni“ – Grundzüge einer neuen Wissenschaft über die gemeinschaftliche Natur der Völker – um 1725 Descartes seine Auffassung entgegengestellt, dass gerade die historische Welt erkennbar sei, da sie im Unterschied zur Natur durch den Menschen geschaffen worden sei, der sie eben deshalb erfassen könne50.
1.3.5.5 Historia als Wissenschaft – Grundlegung im 18. Jh
In England und im romanischen Bereich gab man sich vorerst mit den Ergebnissen der Theoriediskussion bis auf Bacon zufrieden und vor allem in Frankreich hat Francis Bacon die weitere Entwicklung im Wege der Enzyklopädisten langehin maßgeblich bestimmt – die entsprechende Systematik in der Encyclopedie Diderots und d'Alemberts (1751–1780) entspricht der Francis Bacons:
Im deutschen Sprachraum ist die Diskussion jedoch fortgeführt worden, wobei es primär um die Absicherung der Wahrscheinlichkeit jener Inhalte ging, die sensu alieno eingebracht wurden. Infolge begrifflicher Unschärfen und der Vermengung verschiedener unter dem Wort historia erfasster Bereiche verlief die Diskussion allerdings zeitweise wenig fruchtbar.
Um 1700 wurde das, was die Historie an Erkenntnis lieferte, als „historische Wahrheit“, nicht selten aber auch als „historischer Glaube“ bezeichnet – der rationalistische Philosoph und Leibniz-Exeget Christian von Wolff51 vertrat 1754 die Ansicht, dass die historische Praxis nicht Wissenschaft sein könne, da man die „historische Wahrheit“ nicht wissen könne, sondern glauben müsse.
Francis Bacon hatte die Demonstrierbarkeit der der Philosophie zugrundezulegenden Aussagen gefordert. Natürlich erwies es sich, dass die geforderte demonstratio in der historischen Praxis nicht zu erbringen war, weshalb man in der Historia auf die fides angewiesen zu sein schien, die ihrerseits auf Wahrscheinlichkeit gegründet sei – cum enim fides historica tota [...] in verisimilitudine fundetur. Christian Thomasius hat im Zuge seiner Untersuchung hinsichtlich der Qualität der historischen Aussagen, fortführend, was noch relativ unbestimmt bei Keckermann und anderen berührt worden war, hervorgehoben, dass die Qualität der historischen Erkenntnis die einer Wahrscheinlichkeit in einem doppelten Sinne sei, indem nämlich einmal der Tatsachenbestand an sich nur wahrscheinlich sei und zweitens auch die ihn bezeugende Überlieferung als Historia nur Wahrscheinlichkeitswert habe.
Das bewegende Problem bestand immer noch im Unterschied zwischen der eigenen Sinneswahrnehmung und der anderer, also darin, dass man der Argumentation Campanellas nicht so einfach zu folgen vermochte (zumal ja auch Campanella zuerst einen bedeutenden Unterschied geortet hatte, den er dann erst wieder hinweg argumentierte). Damit blieb das alte scholastische Argument der auctoritas, des locus ab auctoritate, also der auf Autorität unterschiedlicher Glaubwürdigkeit gestützten Aussage, das schon Peter Abaelard in Frage gestellt hatte, relevant. Auch dies war nun in seiner Abstufung ein Argument der probabilitas, der Wahrscheinlichkeit.
Es war offenbar der spanische Spätscholastiker Melchior Cano (1509–1560), der zuerst die Idee verfolgte, das bis dahin stets als Negativum empfundene Element der auctoritas bzw. der probabilitas, die Ungewissheit der dialektischen Prämissen, positiv zu besetzen bzw. zu kalkulieren, als etwas, was eher der Gewissheit, der certitudo, nahekomme als der völligen Ungewissheit und „Un-Wahrscheinlichkeit“. Im 17. Jh war nun die Entwicklung der Wahrscheinlichkeitsrechnung in Gang gekommen, was die positive Besetzung des Begriffes verisimilitudo bzw. probabilitas natürlich steigerte. Es war dann Gottfried Wilhelm Leibniz, der die probabilitas als eine Eigenschaft von Schluss-Sätzen, also in einem logischen Verfahren auffasste, was für den locus ab auctoritate nicht beansprucht werden hatte können52.
Thomasius ist in seiner Dissertation „De fide juridica“ (1699) diesen Fragen nachgegangen. Er gelangte zur Überzeugung, dass Wissenschaft dann vorliege, „wenn ich meine eigenen Empfindungen und die Ursachen derselben vollkommen erkenne". Daraus folgt ihm, „dass aller Beweis nur wahrscheinlich sey, wenn der Grund desselben in experientia aliorum oder conceptu ex inductione orto fundirt ist. Wahrscheinlichkeit heißt, wenn ich fremde Erfindungen und Ursachen sowohl der eigenen als fremden Empfindung unvollkommen erkenne“. Damit umfasst der Bereich des nur als wahrscheinlich Erkennbaren alles, was aus dem sensus alienus stammt.
Aus diesen Überlegung resultierte eine Zweiteilung der historischen Erkenntnis: die sensu proprio erkannten Bereiche, soweit sie als gewiss der scientia zugeordnet werden können, und die sensu alieno erkannten, denen diese Qualität generell nicht zukam. Historia wäre demzufolge wieder nicht mehr als nuda facti notitia – bloße Wahrnehmung des Geschehenen.
Hermann Samuel Reimarus (1694–1768), ein Schüler Christian Wolffs, hat in seiner 1756 erschienen „Vernunftlehre als eine Anleitung zum richtigen Gebrauche der Vernunft in dem Erkenntnis der Wahrheit“ alle Erkenntnis aus der Erfahrung als „ein historisches Erkenntnis, soferne es wirkliche Dinge und Begebenheiten vorstellet“, bezeichnet bzw. „des historischen Erkenntnisses Wahrheit [als] durch die Einstimmung unserer Vorstellung mit dem Empfundenen bestimmt“; da aber alle Vernunfterkenntnis Erfahrung voraussetze, hätten wir „nicht Ursache, die Erfahrung unter dem Namen des historischen Erkenntnisses verächtlich anzusehen“. Gleichzeitig hat sich Chladenius mit der Historie in Hinblick auf das Geschehen, das Problem seiner Wahrnehmung und deren Überlieferung beschäftigt, wobei er bemerkt, dass es „auch schon längst gewöhnlich“ sei, „dass wenn man von Geschichten handelt, man dadurch die Begebenheiten der Menschen verstehet“.
Klarheit hat im deutschen Bereich erst wieder Kant geschaffen.
Zu Beginn des 18. Jhs ergibt sich so für die Auffassung von Erkenntnis aus der Historie das grundlegende Eingeständnis, dass über den Wahrscheinlichkeitscharakter von historischer Erkenntnis nicht hinauszukommen sei, dass durch historische Erkenntnis höherer Gewissheitsqualität nicht zu erlangen sei. Daraus leitete man die Notwendigkeit der Akzeptierung eines entsprechenden, eigenen Modus des Erkennens ab, wie dies in Zedlers Universallexikon53 zum Ausdruck gebracht wurde: dass man nur eine der Struktur und Organisation des Erkenntnisbereiches adäquate Erkenntnisgewissheit fordern könne (wie dies ja Aristoteles bereits in der „Nikomachischen Ethik“ formuliert hatte); selbst die Vernünftigeren unter den Mathematici wüssten nun schon, dass man die mathematische Methode „nicht allezeit applicieren“ könne, schon gar nicht auf die philosophischen Wissenschaften, die "zum größten Teil nur auf Wahrscheinlichkeit beruhen" – dies signalisiert das endgültige Aus des scholastisch-thomistischen Aristotelismus – "Wie sehr dem Fortgang der Wissenschaft die Knechtschaft zu philosophieren geschadet hat, bezeugt die Historie von allen Jahrhunderten. Wer weiß nicht, wie wenig Fortgang man in der Weltweisheit verspüret, solange man nicht eines Nagels breit von der aristotelisch-scholastischen Philosophie abgehen durfte" (Zedler s.v. Wissenschaft). Zedlers Universallexikon stellt weiters fest: die Erkenntnis, d.h. das auf Grundlage der Ratio erfolgende Erkennen ist dreifacher Natur: historisch, philosophisch, mathematisch. Damit ist die Historia in den Bereich der Ratio einbezogen.
Dementsprechend ist das bei Zedler (ca. 1730–1750) gegebene Wissenschaftssystem gegliedert:
Die Theorie dazu lieferte Kant nach. 1752 – im selben Jahr, in dem Chladenius seine „Allgemeine Geschichtswissenschaft“ erscheinen lässt – veröffentlicht Georg Friedrich Meier, ein Anhänger Christian Wolffs, seine „Vernunftlehre“. Dieses Werk ist die unmittelbare Vorlage für Kants Auffassungen in bezug auf die Historie. Deshalb seien hier Meiers und Kants zum Teil nur kommentierende bzw. präzisierende Formulierungen unmittelbar zusammengestellt.
Georg Friedrich Meier unterscheidet wie Wolff die sogenannte „Vernunfterkenntnis aus Gründen“ von der „gemeinen Erkenntnis, welche man auch die historische Erkenntnis nennet“ und der das Vermögen fehlt, „aus den Gründen auf eine deutliche Art zu zeigen, dass die Sache sey, dass sie so und nicht anders sey“. Kant brachte dies auf den Punkt: „Alle Gelehrsamkeit ist entweder historisch oder rational; sie hat entweder Objecte der Geschichte oder Objecte, die nur durch Vernunft denkbar sind54. Historische Erkenntnis liege dann vor, „wenn man [...] das Allgemeine aus dem Besonderen zieht oder auch das Besondere vor [= für] sich betrachtet [...] Erfahrung lehrt uns wohl, was da sei, aber nicht, dass es gar nicht anders sein könne“. Den Stellenwert der historischen Erkenntnis setzt Georg Friedrich Meier sehr hoch an: „Die gemeine Erkenntnis ist der vernünftigen Erkenntnis unentbehrlich“, wie die gelehrte Geschichte zeige, und überhaupt sei der „größte Theil der menschlichen Erkenntnis, im Ganzen betrachtet, bloß historisch“, beispielweise hätten es die „Naturlehrer in der historischen Erkenntnis der electrischen Kraft ungemein weit“ gebracht, nicht aber hätten sie die Vernunfterkenntnis darüber erlangt. Kant fasst zusammen: „Die Experimentalphysik ist historisch; denn sie geht auf einzelne Fälle zurück. Sobald man sie aber durch allgemeine Sätze erkläret, wird sie vernünftig. Die Historie schafft nur Gegenstände zur rationalen Erkenntnis“.
In Fortführung eines Wolff’schen Ansatzes vertritt Georg Friedrich Meier die Auffassung, dass in den historischen Wissenschaften „die Wahrheiten nur zufällig“, in den dogmatischen [= rationalen] Wissenschaften aber „wenigstens mehrenteils schlechterdings notwendig“ sei. Die beiden Formen der Erkenntnis schienen ihm in einander überführbar. Kant hat dies weit deutlicher und prägnanter gefasst: „Es kann ein historischer Gegenstand rational und ein rationaler historisch erkannt werden. Vernunfterkenntnisse sind von den historischen nicht der Materie, sondern nur der Form nach unterschieden. [...] alles Erkenntnis [ist] subjektiv, entweder historisch oder rational“.
Hinsichtlich der Erkenntnisgewissheit führt Georg Friedrich Meier auf Grundlage dreier Quellen drei Ebenen an:
1) unsere eigene Erfahrung = ihre Sätze sind in dieser Welt gewiss
2) Vernunftsbeweise a priori = alles, was aus sachlich oder logisch Vorangehendem erschlossen wird
3) die Erfahrung anderer Menschen. Wenn ein anderer um eines Zeugnisses willen etwas für wahr hält, so glaubt er
die Sache,
dem Zeugen und
dem Zeugnisse [...] Wir nennen diesen Glauben den historischen Glauben, weil er sich bloß auf würkliche Sachen erstreckt, und die Historie von dergleichen Dingen handelt, während die allgemeinen Wahrheiten [...] aus der Vernunft und aus der eigenen Erfahrung bewiesen werden müssen“.
Kant formuliert in Bezug auf Punkt 3 hinsichtlich des Bestimmung, um welche Art von Erkenntnis es sich handle: „Die historische Erkenntnis ist cognitio ex datis, die rationale aber cognitio ex principiis. Eine Erkenntnis mag ursprünglich gegeben sein, woher sie wolle, so ist sie doch bei dem, der sie besitzt, historisch, wenn er nur in dem Grad und so viel erkennt, als ihm anderwärts gegeben worden, es mag dieses ihm nun durch unmittelbare Erfahrung oder Erzählung oder auch durch Belehrung (allgemeine Erkenntnisse) gegeben sein“.
Hinsichtlich des „historischen Glaubens“ teilt Kant in seiner noch stark an Georg Friedrich Meier angelehnten Logikvorlesung dessen Auffassung, wenn er schreibt: „der größte Teil unserer historischen Erkenntnis entspringt aus dem Glauben“. Doch hat er hier in der Folge eine wesentliche Differenzierung vorgenommen: In seiner Schrift „Was heißt: Sich im Denken orientieren“ (1786) vertritt er die Ansicht: „Der historische Glaube [...] kann ein Wissen werden. Etwas bloß auf Zeugnis für wahr halten“ und es doch wissen, „das steht ganz wohl beisammen“. 1790 nimmt er dann in seiner „Kritik der Urteilskraft“ die endgültige Zuteilung auf die drei „Modi des Fürwahrhaltens“ vor:
Wissen (= scibile) = rational und empirisch fundiertes Fürwahrhalten
Meinen (= opinabile) = empirisch fundiertes Fürwahrhalten
Glauben (= credibile = Fürwahrhalten in allen Bereichen, in denen es kein scibile und kein opinabile gibt.
Der sogenannte historische Glaube kann daher eigentlich auch nicht Glaube genannt und als solcher dem Wissen entgegengesetzt werden, da er selbst Wissen sein kann. Das Fürwahrhalten auf ein Zeugnis ist weder dem Grade noch der Art nach vom Führwahrhalten durch eigene Erfahrung unterschieden55 und weiter führt er später aus: „Denn ob uns gleich, was wir nur von der Erfahrung anderer durch Zeugnis lernen können, geglaubt werden muss, so ist es doch darum noch nicht an sich Glaubenssache; denn bei jener Zeugen einem war es doch eigene Erfahrung und Tatsache, oder wird als solche vorausgesetzt. Zudem muss es möglich sein, durch diesen Weg (des historischen Glaubens) zum Wissen zu gelangen; und die Objecte der Geschichte und Geographie, wie alles überhaupt, was zu wissen nach der Beschaffenheit unserer Erkenntnisvermögen wenigstens möglich ist, gehören nicht zu Glaubenssachen, sondern zu Tatsachen56.
Über die Differenz zwischen der eigenen Wahrnehmung und jener sensu alieno ist aber auch Kant nicht hinweggekommen: „Die empirische Gewissheit ist eine ursprüngliche (originarie empirica), sofern ich etwas aus eigener Erfahrung, und eine abgeleitete (derivative empirica), sofern ich durch fremde Erfahrung wovon [= von etwas] gewiss werde. Die letztere pflegt auch historische Gewissheit genannt zu werden; [...] das historische oder mittelbare empirische Wissen beruht auf der Zuverlässigkeit der Zeugnisse57.
In erkenntnistheoretischer Hinsicht hat Kant für den deutschen Sprachraum für nahezu 150 Jahre einen Schlusspunkt unter die Diskussion um die Erkenntnisqualität von Historia gesetzt. Man hatte zwar nicht die Fundierung der Erkenntnis aus der Historie in einem aristotelischen Maßstäben entsprechenden Sinne erreicht, aber doch nach eingehender kritischer Durchleuchtung der Probleme auf akzeptabler Basis eine kompromisshafte Anpassung der Wissenschaftsauffassung an das als möglich Erkannte herbeigeführt, die bewirkte, dass die Diskussion an Brisanz verlor. Dazu hatte auch die Entwicklung der Geschichtsforschung und einer geschichtswissenschaftlichen Arbeit beigetragen.
Aber noch während Kant an der Arbeit war, wurde anderweitig bereits wieder der Versuch unternommen, doch über die nun nach langem Ringen gesetzte und weithin anerkannte Grenze hinauszugehen. Turgot und Condorcet beginnen jene Vorstellungen zu entwickeln, die im 19. Jh in massiver Weise zur Auseinandersetzung mit der scheinbar gesicherten Grundlage der Geschichtswissenschaft, ja der Geisteswissenschaft des deutschen Idealismus führen werden. In dieser Auseinandersetzung ist auf die eben dargestellte Diskussion in der Frühen Neuzeit so gut wie nicht zurückgegriffen worden.
1.3.6 Die Praxis – Zur Entwicklung von Geschichtsforschung und Geschichtswissenschaft in der Frühen Neuzeit
Im ausgehenden 14. Jh setzt eine Überlagerung der traditionellen, aus dem Mittelalter heraufreichenden Historiographie durch Arbeiten der frühen Humanisten ein, die sich an klassisch-antiken Vorbildern orientieren und aus ihrer philologisch-kritischen Haltung und aus einer gewissen Distanzierung zum kirchlich-theologisch dominierten Weltbild heraus eine neue Wahrnehmung des Historischen und vor allem einen neuen Quellenbegriff entwickeln.
Diese Entwicklung nimmt in Italien ihren Anfang und breitet sich rasch, aber in unterschiedlichem Ausmaß über ganz Europa aus. Ihr Fortgang wird wesentlich bestimmt durch die Ausweitung der Kritik von der literarisch orientierten philologischen Textkritik auf die historischen Quellen einschließlich der Bibel, im 16. Jh noch auf eine sachlich-inhaltsbezogene Kritik bis schließlich zu einer auch auf fundamentale weltanschauliche Bereiche übergreifenden inhaltlichen Kritik selbst am Alten und am Neuen Testament.
1.3.6.1 Humanismus und Renaissance in Italien und Westeuropa
1.3.6.1.1 „Italien“
„Italien“ ist das Geburtsland des Humanismus und der humanistischen HistoriographieZur Geschichte der neueren Historiographie ist immer noch unverzichtbar Eduard Fueter, Geschichte der Neueren Historiographie, München-Berlin 1911 (= Handbuch der Mittelalterlichen und Neueren Geschichte, hg. von Georg von Below und Friedrich Meinecke, Abteilung I: Allgemeines). Zur Geschichtsschreibung des Humanismus ist auch immer noch Paul Joachimsen, Geschichtsauffassung und Geschichtsschreibung in Deutschland unter dem Einfluss des Humanismus, Leipzig 1910 (= Beiträge zur Kulturgeschichte des Mittelalters und der Renaissance 6), zu vergleichen. In Hinblick auf Österreich ist unverzichtbar Alphons Lhotsky, Österreichische Historiographie, Wien 1962 (Österreich Archiv), Alphons Lhotsky, Quellenkunde zur mittelalterlichen Geschichte Österreichs, Graz-Köln 1963 (= MIÖG Erg.Bd 19).. Von dort strahlt sie aus auf das übrige Europa. Dieser Prozess ist maßgeblich stimuliert worden durch die politische Entwicklung – Erkenntnis der Bedeutung eines Gleichgewichts der Kräfte und der Notwendigkeit der Stabilisierung des politischen Systems durch Diplomatie und dann den Einfall der Franzosen in Italien im Jahr 1494 – beides lässt die Frage nach dem idealen Staat und nach den Gründen für die Leistungsfähigkeit oder Ohnmacht von politischen Systemen vor dem Hintergrund des alten römischen Imperiums als Vorbild der Einigkeit Italiens zentrale Bedeutung gewinnen und macht die Beschäftigung mit der Historie zu einem Instrument der Politik.
Der Ausweitungsprozess über Italien hinaus erstreckt sich bis weit in das 16. Jh hinein. Die durch die wegweisenden Humanistenhistoriker vertretenen Ideen erweisen sich in weiterer Folge bis in das 18. Jh hinein als fruchtbar, indem sie in entsprechend erneuerter und ausgeweiteter Form zur Grundlage neuer „Wellen“ der Entwicklung der Geschichtsforschung und schließlich der Geschichtswissenschaft werden.
Die Anfänge Francesco Petrarca (1304–1374) stammte wie Bruni aus Arezzo und ist der Begründer des Humanismus auf christlicher Grundlage; Studium der Rechte in Montpellier und Bologna, niedere Weihen, im Dienste des Kardinals Colonna; Petrarca wurde 1341 auf dem Kapitol zum poeta laureatus gekrönt und setzte die von Dante begonnene poetische Tradition fort, ist in seiner Zeit aber vor allem wegen seiner Begeisterung für die Antike und für die Auseinandersetzung mit den klassischen Autoren bekannt. Als er von Karl IV. 1358 um seine Meinung bezüglich der Maius-Reihe befragt wurde, erkannte er die Unechtheit des Caesar- und des Nero-Inserts im Privilegium maius; aber nicht mehr. Als Historiograph war er kritisch wegweisend mit seiner Geschichte Roms in Biographien ("Quorundam clarissimorum heroum epitoma", meist zitiert als "Liber de viris illustribus"), die nach seinem Tod von Schülern fortgesetzt wurde. Dieses Werk entsprang nicht wissenschaftlicher Zielsetzung, sondern der schwärmerischen Rückbesinnung auf die einstige Größe Roms (= Italiens). Zu seinen wichtigsten Schriften zählen seine Briefe, die in mehreren Sammlungen überliefert sind.
Giovanni Boccaccio (1313–1375) griff seines Lehrers Petrarca Ideen auf, verfasste mit "De claris mulieribus" ein weibliches Gegenstück zu Petrarcas Biographien und zahlreiche weitere Biographien; auch er ist noch weit weniger kritisch denn poetisch. Mit seinen Novellen gilt er als der Schöpfer der italienischen Prosa.
Bedeutende Wirkung entfaltete Lorenzo Valla (1407–1457) aus Piacenza, als er die Unechtheit der Konstantinischen Schenkung nachwies – ein Faktum das an sich nicht neu war (bereits von Nikolaus von Kues vermutet und von Bischof Reginald Peacock in England bereits nachgewiesen), nun aber allgemein anerkannt wurde und an die 100 Jahre lang für Aufregung sorgte. Lorenzo Valla unterzog wohl als erster den Text des Neuen Testamentes einer Kritik, übersetzte Homer, Herodot, Thukydides, Xenophon und schrieb eine Abhandlung zum Humanistenlatein. Er war mit Nikolaus von Kues und Kardinal Bessarion befreundet.
Und in Venedig Bernardo Giustiniani (1408–1489) tritt als kompetent sachkritischer Historiker hervor.
Diese Steigerung des historischen Bewusstsein durch den Humanismus hatte eine Nebenwirkung in der Herstellung einer Fülle von humanistischen Fälschungen bis in das 17. Jh hinein, die konkreten privaten, politischen und ideologischen Zwecken dienten und zumeist Lücken in der Überlieferung stopfen sollten.
Die humanistische Geschichtsschreibung in Italien ist geprägt von
dem Bemühen um eine den klassischen Vorbildern entsprechenden Rhetorik, also eine ästhetisch-künstlerisch gewissen Regeln entsprechende sprachlich-kompositorische Gestaltung,
der Loslösung von traditionell kirchlich-dogmatischen Elementen = Säkularisierung und
der bald auftretenden Einflussnahme politischer Tendenzen: gegen den Papst und gegen das Reich, denn den Hintergrund für diese historiographischen Neuerungen bildeten die spätmittelalterlichen Territorialstaaten.
Zur humanistischen Biographie
Eine früh gepflegte Gattung der humanistischen Geschichtsschreibung war die der historischen Biographie nach dem Vorbild Suetons und auch Plutarchs, eingeführt durch Boccaccio mit seinen Künstlerbiographien und „De claris mulieribus“ und durch Filippo Villani (1325–1405); für Österreich ist diesbezüglich interessant Enea Silvio de Piccolominibus = Papst Pius II. (1405–1464) mit seinen „De viris illustribus“ mit 65 Biographien, darunter auch solche von Habsburgern.
Zur humanistischen Annalistik
Aus der Intensivierung des kritischen Studiums der vorbildhaften klassischen Autoren wie vor allem des Livius, aber auch des Tacitus entwickelte sich die humanistische Annalistik, als deren "Erfinder" und Initiator betrachtet wird:
Leonardo Bruni (1369–1444), verfasste eine enorme Vorbildwirkung entfaltende Geschichte der Stadt Florenz ("Historiarum Florentinarum libri XII"), die bis 1404 reicht, sowie eine Geschichte Italiens ("Rerum suo tempore in Italia gestarum commentarius") verfasste, deren Stoff streng nach dem Vorbild der antiken Annalen gegliedert wird; die Darstellung unterliegt allerdings noch stark der Vorbildwirkung bzw. dem Streben um poetisch-literarische Geltung, was die freieren Ansätze in seiner Arbeit zunichte macht. Bruni schuf auch zahlreiche Übersetzungen und mit „De interpretatione recta“ eine Anleitung zur Erstellung solcher sowie eine Anleitung zum Studium der Klassiker („De studiis et litteris“).
Bruni wurde nicht nur in Florenz nachgeahmt, sondern rasch in ganz Italien – in Venedig sind vor allem Marcantonio Coccio (ca. 1436–1506), mit einer Geschichte Venedigs und einer in ihrer Konzeption wichtigen Weltgeschichte ("Enneades sive Rhapsodia historiarum") und Pietro Bembo, 1470–1547, zu nennen. – Fueter schreibt: „Nach dem Ablaufe einer Generation ungefähr besaß jeder größere italienische Staat eine Landesgeschichte neuen Stils“ – und strahlte aus auf „Spanien“ (Zurita) und England (Morus und Vergilio) – s.w.u.
Unabhängiger ist Paolo Giovio (1483–1552) mit seinen "Historiarum sui temporibus [1494–1547] libelli XLV" und Biographien, stark journalistisch, um Autopsie der Orte und Interviews bemüht, darstellungsmäßig aber eher schwach.
Die humanistische Annalistik wird in einer „neueren Annalistik“ gegen Ende des 17. Jhs wieder aufgegriffen. Die „Annales ordinis sancti Benedicti“ des Jean Mabillon, Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) mit seinen "Annales imperii occidentis Brunsvicensis" und Ludovico Antonio Muratori (1672–1750) mit seinen „Annali d'Italia del principio dell'era volgare sino all'anno 1749“ (fortgeführt bis 1870!) sind die bedeutendsten Beispiele.
Zur Entwicklung der topographisch-antiquarischen Richtung
Diese Richtung eröffnet nahezu vorbildlos eine bedeutende neue Strömung mit der systematischen topographischen Bearbeitung eines Raumes wesentlich unter Heranziehung nichtschriftlicher Quellen. Ihr Begründer Flavio Biondo (1388–1463) aus Forli ist um die reine Historie ohne künstlerischen Anspruch bemüht; er war ab 1434 Sekretär an der Kurie. Biondo betrieb antiquarische, quellenkundliche Studien, vornehmlich zur römischen und italischen Altertumskunde, und sammelte: er reiht Exzerpt an Exzerpt und liefert eigentlich nur das Material für eine künftige Geschichtsschreibung. Wir verdanken ihm
1446: die erste ernstzunehmende Topographie Roms: "Roma instaurata" = Darstellung der Stadt Rom und damit auch der römischen Ruinen im damaligen Zustand, was sehr wertvoll ist, da in der Neuzeit große Teile der antiken Ruinen als Steinbrüche verwendet und abgetragen wurden; das Werk wurde 1446 abgeschlossen und 1471 gedruckt, sowie
1453: ein Werk, das durch Jahrhunderte Vorbildfunktion hatte: die „Italia illustrata“, eine topographisch gegliederte archäologisch-antiquarisch-historische Beschreibung Italiens (es fehlen allerdings Süditalien und Sizilien), ein Lexikon, das 1453 abgeschlossen und 1474 gedruckt wurde. Wie der Titel des Livius’schen Werkes bis in das 19. Jh. hinein nachgeahmt worden ist, so hat auch dieser Titel fortgelebt. Viele deutsche Humanisten beabsichtigten, ein Gegenstück, die "Germania illustrata" zu schaffen; doch wurde keines der zahlreichen Vorhaben je verwirklicht. Der Titel aber bedeutete ein Trauma, er wirkte als Verpflichtung und Vorbild bis in das 18. Jh hinein (1722 erscheint des Melker Benediktiners Philibert Hueber "Austria ex archivis Mellicensibus illustrata") und greift auch auf andere Bereiche über: z.B. Ferdinand Ughelli (1594–1670) "Italia sacra" (Rom 1644–1662), der dann eine „Germania sacra“ nacheifert.
1459: "Roma triumphans", ein Handbuch der römischen Altertümer, das 1459 fertig gestellt und 1472 gedruckt wird,
Biondo schrieb auch eine trockene, aber durch ihr Material sehr wertvolle Geschichte des Mittelalters von 412-1440, die sehr häufig ausgeschlachtet worden ist
einen Traktat über das Vulgärlatein „De verbis Romanae locutionis“.
Biondo verwendete das argumentum ex silentio und verkörperte erstmals die gelehrte puristische Geschichtsschreibung, die auf eigenen Nachforschungen und auf Kritik überlieferter Quellen beruht und auf jeglichen literarisch-künstlerischen Anspruch verzichtet. Sein historisches Urteil wird allerdings als von mäßiger Qualität eingeschätzt.
Die drei genannten Hauptrichtungen – Annalistik, Biographie und historische Topographik – haben in allen wichtigen europäischen Ländern Nachfolger gefunden.
Zur politisch-tendenziösen Historiographie
Zu Ende des 15. Jhs kommt es, vor allem in Florenz durch Macchiavelli, zur Ausweitung des Interesses an der Historie über die moralische Beispielwirkung und über die originär humanistischen Interessen hinaus, indem die Beschäftigung mit der Historie und damit die Historiographie zugunsten der Politik instrumentalisiert werden; es entwickelt sich die politisch-tendenziöse Historiographie, die in gewisser Hinsicht die Annalistik in Italien überwindet:
Niccolo Macchiavelli (1469–1527) war nicht nur Autor des berühmten "Il Principe" und von Komödien, nicht nur Verfasser hochinteressanter Gesandtschaftsinstruktionen und -berichte, sondern auch Historiograph, oder besser historiographischer Publizist. In seiner
"Geschichte der Stadt Florenz" ("Istorie fiorentine" in 18 Büchern), deren Material wesentlich von Biondo übernommen war und die 1525 fertig gestellt wurde, versucht er eine Darstellung von der Völkerwanderungszeit bis 1492 nach Wirkung und Ursache zu geben, die der natürlichen Entwicklung der Stadt entspricht. Macchiavelli wies auf Zusammenhänge zwischen Faktoren hin, die weit auseinanderzuliegen schienen (sieht z.B. den Einfluss der inneren Entwicklung auf die Außenpolitik etc.). Der antiken Biographie verpflichtet ist seine
"Vita di Castruccio Castracani" (1520), eine idealisierende Biographie des Tyrannen von Lucca, dem er jene Eigenschaften zuschreibt, die er vom ersehnten Einiger Italiens erwartete.
Die Geschichtsschreibung ist für Macchiavelli Instrument der Politik, seine Hauptleistung ist die florentinische Geschichte von den Anfängen bis etwa 1420, in der er zu echter historischer Analyse jenseits der Facta und zu sachlicher Komposition und realistischer Sprache vordringt.
Einige Proben aus den „Istorie fiorentine“ (nach Wagner):
Fürwahr, nicht grundlos haben gute Geschichtsschreiber, wie Livius gewisse Vorfälle ausführlich und deutlich beschrieben, damit die Nachwelt daraus lerne, wie man sich in ähnlichen Fällen zu verhalten habe.
Nichtsdestoweniger greift bei der Einrichtung, der Republiken, der Erhaltung der Staaten, der Regierung der Reiche, der Einrichtung des Heerwesens und der Kriegführung, bei der Rechtssprechung über die Untertanen und der Erweiterung der Herrschaft kein Fürst oder Freistaat, kein Feldherr oder Bürger auf die Beispiele der Alten zurück. Das kommt nach meiner Ansicht nicht [...] von unserer schwächlichen Erziehung, [...] als vielmehr von dem Fehlen jeder wahren Geschichtskenntnis, da man beim Lesen der Geschichte weder ihren Sinn begreift noch den Geist der Zeiten erfasst. Zahllose Leser finden nur Vergnügen darin, die bunte Mannigfaltigkeit der Ereignisse an sich vorüberziehen zu lassen, ohne das es ihnen einfällt, sie nachzuahme. Sie halten die Nachahmung nicht nur für schwierig, sondern für unmöglich, als ob Himmel, Sonne, Elemente und Menschen in Bewegung, Gestalt und Kräften anders wären als ehedem.
Wer also sorgfältig die Vergangenheit untersucht, kann leicht die zukünftigen Ereignisse in jedem Staat vorhersehen und dieselben Mittel anwenden, die von den Alten angewandt wurden, oder wenn er keine angewandt findet, kann er bei der Ähnlichkeit der Ereignisse neue ersinnen.
Wenn ich den Lauf der Welt bedenke, so finde ich, dass die Welt stets das gleiche war. Es gab immer soviel Böses wie Gutes, aber beide wechselten von Land zu Land. So wissen wir aus der Geschichte, dass die alten Reiche durch den Verfall der Sitten bald stiegen, bald sanken; die Welt aber blieb die gleiche, nur mit dem Unterscheid, dass die Tugend [virtú], die zuerst in Assyrien blühte, nachher nach Medien und Persien verpflanzt wurde, bis sie endlich nach Italien und Rom kam. Wenn auf das Römische Reich kein Reich von längerer Dauer mehr folgte, in dem die Welt ihre ganze Tugend vereint hätte, so zeigt diese sich noch unter verschiedene tüchtige Völker verstreut. Derart war das fränkische Reich, das der sarazenische Stamm, der so Großes vollbracht, so viele Länder erobert und schließlich das Oströmische Reich zerstört hat. In all diesen Ländern und bei all diesen Völkern herrschte nach dem Verfall des Römischen Reiches jene Tugend, die man zurücksehnt und mit Recht preist, ja man trifft sie zum Teil noch jetzt an.
Es ist von Natur den menschlichen Dingen nicht gestattet, stille zu stehen. Wie sie daher ihre höchste Vollkommenheit erreicht haben und nicht mehr steigen können, müssen sie sinken. Ebenso wenn sie gesunken sind, durch die Unordnungen zur tiefsten Niedrigkeit herabgekommen und tiefer nicht mehr sinken können, müssen sie notwendig steigen. [...] Sind die Menschen durch das Unglück weise geworden, so kehren sie, wie gesagt, zur Ordnung zurück, es müsste sie denn eine außerordentliche Kraft erstickt halten.
Francesco Guicciardini (1483–1540) bricht endgültig mit den historiographischen Idealen des Humanismus; seine "Storia fiorentina 1378–1509", der ab 1492 des Verfassers eigenes Erleben zugrunde liegt, ist als das erste Werk der modernen analysierenden Geschichtsschreibung bezeichnet worden: klar, präzise, nüchtern; Wunder werden zwar berichtet, die Aussage aber relativiert (relata refero), literarisch-poetische Konventionen bleiben unberücksichtigt. Auch Guicciardini vertritt wie Macchiavelli einen bestimmten politischen Standpunkt, erhebt sich aber weit über den lokalen Horizont, verlässt mit seiner "Geschichte Italiens" die Ebene der Landesgeschichte und wendet sich der Universalgeschichte zu. Wie wenige hat er das Urteil der Nachwelt über seine Zeit maßgeblich und lange bestimmt.
Eine Sonderstellung nimmt Marino Sanuto (1466–1533) in Venedig ein. Sanuto wurde 1492 mit der Abfassung einer Geschichte der Signorie von Venedig beauftragt (keine Regierung in Italien hat sich so systematisch und nachdrücklich um die Geschichtsschreibung gekümmert wie die in Venedig) und erhielt dafür Zutritt zu vielen Staatsgeschäften. Sanuto begann mit der Sammlung von Material, indem er ein Tagebuch führte. Auf diese Weise hat Sanuto ein ungeheures Material zusammengetragen (Venedig war damals neben Rom eines der Zentren Europas und verfügte auf Grund hervorragender Organisation des Gesandtschaftswesens wie des allgemeinen Nachrichtendienstes wohl über den besten Kenntnisstand in politicis). Zur eigentlich beabsichtigten historiographischen Darstellung selbst ist Sanuto nie gekommen, dafür hat er uns seine "I diarii" (1494/96–1533) hinterlassen, deren engbedruckte Folioausgabe (1879–1903) 36 Bände umfasst! Sanuto ist neben Zurita (s.w.u.) die mit Abstand beste Einzelquelle dieser Zeit, zumal sein Werk zahllose Abschriften bzw. Inhaltsangaben von verschiedensten offiziellen Schriftstücken verschiedenster politischer Mächte enthält.
1.3.6.1.2 Zur Entwicklung in den westeuropäischen Ländern
Frankreich
Hier fasst der Humanismus vorerst in der Historiographie nicht in jener Weise Fuß wie etwa in England und Spanien, gleichwohl entwickelt sich aber eine Annalistik im Gefolge Brunis. Durch die Verschmelzung der nordfranzösischen und flandrischen Chroniktradition und des Typus des spätmittelalterlichen Fürstenspiegels mit der humanistischen Memoirenform entsteht in Frankreich ein Werk von außergewöhnlicher Bedeutung und Wirkungsgeschichte:
Philippe de Commines (1446–1509) war einer der besten Kenner der Diplomatie seiner Zeit, er kannte zahlreiche europäische Fürsten und Diplomaten persönlich und wirkte auch als „Pilot“ am französischen Hof; auf dieser Grundlage entstand in seinen "Memoires" ein Werk, von dem mit Recht behauptet wird, dass wir heute nicht mehr festzustellen vermögen, wie unser Bild des 15. Jhs ohne Kenntnis dieser Darstellung aussähe. Allein bis zum Jahr 1900 hat dieses Werk 123 Auflagen in zahlreichen Sprachen erlebt; es ist heute noch eine hochinteressante Lektüre.
England
Hier fanden beide italienisch-humanistische Schulen und die florentinische Historiographie Anhänger:
Thomas Morus (1478–1535), 1529–1532 Kanzler von England, schuf mit seiner "Geschichte Richards III." das erste – durch die Annalistik Brunis beeinflusste – landessprachliche Geschichtswerk moderner Prägung.
Polydor Vergilio (1470–1555) stammte aus Urbino (er kam als päpstlicher Vizekollektor für den Peterspfennig nach England) und arbeitete im Stile Biondos. 1507 erhielt er von Heinrich VII. den Auftrag zur Erstellung einer englischen Geschichte. Heinrich VII. und nach ihm Heinrich VIII. erwarteten von Vergilio eine ihrer jungen Dynastie förderliche Darstellung (angebliche Abstammung der Tudors aus Wales etc.). Vergilio hat 26 Jahre lang Material gesammelt, bis er die "Angliae historiae libri XXVII" schrieb, die bis 1538 reichen und in denen Vergilio den geforderten Legenden „historische Wahrheit“ gegenüberzustellen suchte. Vergilio ist ausgezeichnet durch den exzellenten Umgang mit den Quellen.
Francis Bacon de Verulam (1561–1626) schrieb in geistiger Nachfolge auf Macchiavelli und Guicciardini eine "Geschichte Heinrichs VIII." (1622, sollte nur der Beginn einer Geschichte der Tudors sein). Er war als Begründer des Empirismus einer der bedeutendsten Köpfe der Frühen Neuzeit.
In England entwickelt sich in der Folge eine ausgeprägte politische Parteigeschichtsschreibung.
„Spanien“
In „Spanien“ – eine Ansammlung von Königreichen, die nach und nach zusammengeführt wurden – hatte sich bereits im Mittelalter in Kastilien eine ausgeprägte "nationale" legendenhafte Geschichtsschreibung entwickelt, die (ähnlich wie in Frankreich und in Deutschland) dem Eindringen der humanistischen Vorbilder entgegenstand. Es kommt zu einem Kompromiss mit der Annalistik Brunis; anders als in Deutschland wird hier die Entwicklung aber nicht durch konfessionelle Auseinandersetzungen gestört.
Hernando del Pulgar (1436–1492/1500) schrieb in Kastilien als Auftragswerk eine Geschichte der katholischen Könige, die allerdings bei weitem übertroffen werden sollte durch
Geronimo Zurita (1512–1580), dem durch die Unterstützung Philipps II. das große Archiv zu Simancas offenstand. Zurita schuf mit den „Annales de la corona de Aragon“, deren letzte zehn Bücher unter dem Titel „Historia del Rey Don Hernando el Catolico“ den bei weitem wertvollsten, da kritisch fundierten, Teil ausmachen, ein höchst bedeutendes Werk, da er ähnlich wie Sanuto auf erstklassiges, z.T. heute nicht mehr erhaltenes, Quellenmaterial zurückgreifen konnte, das er ausführlich präsentiert.
Juan de Mariana (1535–1625) schuf eine große spanische Geschichte von den Anfängen (Besiedelung unter Noahs Enkel) bis 1492, dann fortgesetzt bis 1621.
In weiterer Folge entstand in Spanien eine ausgeprägte Militärgeschichtsschreibung, die an die Leistungen des in der Reconquista und in Unteritalien kämpfenden Gran Capitan Gonsalvo da Cordoba anknüpfte, und – von Spanien ausgehend in andere Länder – unter dem Eindruck der Entdeckungen die ethnographische Geschichtsschreibung (Amerika, Afrika) – Petrus Martyr (1457–1526) aus Oberitalien, dessen "Opus epistolarum" eine auch in Bezug auf die Entdeckungsgeschichte sehr interessante, in ihrer Glaubwürdigkeit aber etwas unsichere Quelle ist, vor allem aber auch Bartolome de las Casas mit seiner die Rechtsstellung der Indios betreffenden Auseinandersetzung.
Niederlande
Pontus Heuterus (1535–1602) aus Delft schrieb drei den burgundisch-niederländischen Raum betreffende Werke vom katholisch-royalistischen Standpunkt aus; durchaus noch in der humanistischen Tradition stehend, pflegte er seine Werke rhetorisch zu stilisieren.
Aus Delft kam auch Hugo Grotius (1583–1645). Grotius, bekannt vor allem als Staats- und Völkerrechtler ("De jure belli ac pacis") und weniger als der hervorragende klassische Philologe und neulateinische Dichter, schrieb neben zahlreichen anderen historischen Werken vor allem eine nach dem Vorbild des Tacitus verfasste niederländische Geschichte "Annales et historia de rebus belgicis" (für die Jahre 1559–1609), die erst 1657 gedruckt wurde.
1.3.6.1.3 Die Entwicklung im Hl. Römisches Reich
Das Auslaufen der spätmittelalterlichen Tradition – vom Humanismus zum Frühbarock
Im deutschen Sprachraum halten sich ähnlich wie in Frankreich die mittelalterlichen Traditionen langehin, während gleichzeitig humanistisches Gedankengut wirksam wird. So kommt es zu keinem so raschen Umbruch wie in Italien. Der deutsche Humanismus ist außerdem stark bestimmt durch die Beschäftigung mit den Realien (Geographie, Kartographie, Mathematik und Geschichte), weniger durch die poetisch-literarischen Ideale des italienischen Humanismus. Die Dominanz des territorialstaatlichen Elements innerhalb der Heiligen Reiches deutscher Nation wirft (ebenfalls im Unterschied zu Frankreich oder England) erhebliche organisatorische und kompositorische Probleme auf – was ist, was kann und soll "deutsche Geschichte" sein? Außerdem unterbricht die konfessionelle Auseinandersetzung den Gang der Entwicklung: Die Geschichte wird zum Instrument des Glaubenskampfes und die Historiographie des konfessionellen Zeitalters erhält apologetischen Charakter, ist dabei natürlich parteiisch, aber – weil sie sich auf reiches Faktenmaterial stützt – realistisch, in den Einzelheiten zuverlässiger, und zugleich auch unpersönlich.
Die noch in der mittelalterlichen Tradition stehende Chronik hatte mit Hartmann Schedls (um 1440–1514) 1493 gedrucktem "Liber Chronicarum" (von Adam bis Maximilian I. bzw. bis zum Jüngsten Gericht) ihre letzte Ausgestaltung erfahren, wenngleich sie in Johannes Sleidans unter anderem Vorzeichen geschriebenen Werk "De quatuor summis imperiis" (1556) zumindest noch im Titel anklingt;
Johann Philippi (1507–1566), nach seinem Geburtsort Schleiden Sleidan genannt, war ein vornehmlich in Frankreich ausgebildeter Jurist, der als Sekretär des Bischofs Jean du Bellay die Verhandlungen mit dem Schmalkaldischen Bund führte, dessen bestellter Historiograph er dann war. Als solcher schuf er die erste aktenmäßig belegte Darstellung der Reformation, die er mehr als einen politischen Befreiungsakt von geistlicher Bevormundung denn als kirchengeschichtliches Phänomen beschreibt; auf Grund der zahlreichen Quellenexzerpten aus Akten und Streitschriften ist Sleidans Darstellung "Commentarii de statu religionis et rei publicae Carolo V. Caesare" bis zur Öffnung der Archive im 19. Jh laufend als Quellenedition benützt worden. Sleidan ist zwar der Begründer der pragmatischen Geschichtsschreibung nördlich der Alpen, bleibt aber – im Vergleich zu Macchiavelli – im Material hängen und gewinnt nicht den großen Überblick samt der aus einem solchen resultierenden Komposition.
Ein wesentliches Bemühen der deutschen Humanisten galt – wie schon angedeutet – der Schaffung eines deutschen Gegenstückes zu Biondos „Italia illustrata“, also einer „Germania illustrata“. Diesen Versuch unternahmen Rudolf Agricola, Beatus Rhenanus (1486–1547, ein Freund des Erasmus, der die fragmentarisch bleibende "Rerum Germanicarum libri tres" verfasst, die in eingehender Weise nur bis in die Völkerwanderungszeit und skizzenhaft bis zu den Ottonen reichen), Aventin und andere. Realisiert hat das Vorhaben niemand.
Da Maximilian I. und auch Karl V. mittelalterlichen Vorstellungen vom Kaisertum huldigen, kommt es in einer Übergangsphase zur Ausbildung einer im Inhaltlichen traditionalistischen, methodisch aber modernistisch bestimmten Geschichtsschreibung bzw. -forschung, vor allem im Umkreis Maximilians I.:
Johannes Spießheimer, lat. Cuspinianus, (1473–1529), verfasste beispielsweise eher mittelmäßige "De Caesaribus" – Kaiserbiographien von Caesar bis auf Maximilian I., in die er allerdings die oströmischen Kaiser und die Sultane als deren Nachfolger einbezieht, und eine "Austria", die in etwa dem Biondo-Vorbild entsprechen sollte, an dieses freilich bei weitem nicht herankam.
Größere Bedeutung kam der Sammeltätigkeit zu, die mit den von Maximilian I. vor allem für habsburgisch-genealogische Forschungen beschäftigten Humanisten (Johann Stabius, Ladislaus Sunthaym, Jakob Mennel u.a.) einsetzte und auch in den nachfolgenden zwei Jahrhunderten von Humanisten, humanistisch orientierten Jesuiten und Adeligen im Interesse der Geschichte ihrer Landschaft fortgeführt wurde; so entstanden umfangreiche Collectaneen, d.h. Sammlungen von Exzerpten, Abschriften, Nachzeichnungen aus und von Handschriften, Urkunden, Briefen, Siegeln, Münzen und Inschriften, die mitunter in wahlloser Zusammenstellung gebunden wurden und oft bis heute nicht systematisch durchforstet sich erhalten haben. Von Konrad Peutinger wissen wir, dass er bereits eine Sammlung von deutschen Kaiserurkunden angelegt hat, durch ihn ist auch die Kopie der Weltkarte des Castorius als die heute berühmte Tabula Peutingeriana überliefert worden.
Aus der Zersplitterung der kaiserlichen Macht und dem gleichzeitigen Erstarken der Territorien im Zusammenhang mit der Türkengefahr und mit der Reformation resultierte ein neues Selbstwertgefühl der weltlichen Stände – erst des Adels, dann auch der Städte. Darin liegt eine wesentliche Wurzel für die Entstehung der landesgeschichtlichen Geschichtsschreibung und bald Forschungsarbeit, indem es einzelne Landherren unternahmen, die Materialien zu einer Geschichte ihres Landes zu sammeln. So entstanden neben der dynastisch orientierten Geschichtsschreibung eine landständisch-adelige und eine landständisch-städtisch-bürgerliche Historiographie. Die Ausformung einer analogen kirchlichen Historiographie fiel vorerst den konfessionellen Auseinandersetzungen zum Opfer.
Dieser Prozess sei am Beispiel Österreich beleuchtet:
Zur dynastischen Historiographie (am Beispiel der Habsburger) Sie ist eher konventionell und entartet im Barock zur Panegyrik. Es werden mitunter gewaltige Entwürfe erstellt, die deren Schöpfer aber trotz reichlicher Förderung nicht zu realisieren vermögen: so z.B. durch
Franz Guillimann (1568–1612) aus der Schweiz; er plante eine "Habsburgica sive de antiqua et vera origine Domus Austriae [Historia]", die alle in irgendeinem Zusammenhang habsburgischen Besitzungen im österreichischen, spanischen, portugiesischen Bereich und auch in Australien erfassen und Österreich als eine Weltmacht „auf allen Kontinenten“ und als eine noch größere Einheit als das Hl. Römischen Reich darstellen sollte.
Zu Ende des 16. und hauptsächlich im 17. Jh konzentriert sich die Historiographie des österreichischen Barock vornehmlich auf die Person des Kaisers, des Herrschers; die höfische Geschichtsschreibung entsteht, die wegen des zumeist stark panegyrischen Charakters von minderer Qualität und heute weitgehend uninteressant ist. Eine Ausnahme davon macht Graf Franz Christoph Khevenhüller (1588–1650), der – angeregt durch seine diplomatische Tätigkeit – die "Annales Ferdinandei" (= Ferdinand II.) zusammenstellte, eine historiographisch bedeutungslose, als Quelle aber sehr wertvolle Arbeit.
Zur landständisch-adeligen Historiographie (vornehmlich am Beispiel der habsburgischen Länder)
Die immer häufiger werdende Form des Fideikommiss führte zur Schaffung von Familienbüchern, -archiven und -kollektaneen. Hier seien die obderennsischen Jörger von Tollett genannt, die ihre Briefe mit Martin Luther im Druck veröffentlichten, aber auch eigene Urbare etc. anlegten. Derartige Sammlungen von historisch-rechtlich relevanten Materialien einzelner Familien, mit mitunter ausgelagerten Abschriften besonders wichtiger Stücke, sind die Vorläufer der modernen Urkundenbücher.
Auf landschaftlicher Ebene (Landschaft = die Gemeinschaft derer, die im Lande [= Landtag] sitzen, also die Landstände) entwickelt sich bei den Herren aus dem ausgehenden Mittelalter heraus ein starkes, dem Landesfürsten gegenübertretendes Selbstverständnis, das sich im 16. Jh im Zusammenhang mit der Reformation in manchen Ländern bedeutend steigert und gegen Ende dieses Jahrhunderts in der Form einer Landesgeschichtsschreibung zu artikulieren beginnt, die aber nicht eo ipso dem Landesherrn gegenüber negativ eingestellt sein muss, ja oft genug von diesen unterstützt worden ist; es sind dies die frühesten Formen einer neueren Portionierung von Geschichte. Im habsburgischen Bereich wird diesem Selbstverständnis der Länder entsprechend die Gesamtbetrachtung der österreichisch-habsburgischen Länder völlig vernachlässigt, zumal ja das Gesamte des habsburgischen Herrschaftsbereiches keine staatsrechtlich relevante Fassung aufwies.
Am Anbeginn derartiger Landesgeschichtsschreibung und national betonter Historiographie im deutschsprachigen Raum stehen
Johannes Turmair, gen. Aventin (1477–1534), mit seinen „Annales ducum Boiariae“ (er verfasst auch ein erstes Buch einer „Germania illustrata“) und
Ägidius Tschudi (1505–1572), der in der Schweiz systematisch Urkunden und Inschriften sammelte und diese systematisch für die Darstellung auswertete; er neigte allerdings zu genealogischen Erfindungen, zu poetisierenden Ausmalungen im allgemeinen (Sage von Wilhelm Tell). In seinem Gefolge ist Franz Guillimann (um 1568–1612) zu sehen, der die ältere Schweizer Geschichte nach den Regeln der Biondo-Schule behandelte und diesbezüglich ein kritischer, verständiger, nüchterner Forscher war, der allerdings Tschudi als Autorität betrachtete (hinsichtlich der Tellsage und der Gründung der Waldstätten war er skeptisch, durfte aber als Katholik, als der er von den Urkantonen abhängig war, seine Ansicht darüber nur in Andeutungen und das nur unter Protest der Stände veröffentlichen). Guillimann wurde von Erzherzog Maximilian III. von Tirol mit allen Mitteln gefördert; nach seiner großen Schweizer Geschichte von 1598 plante er eine monströs angelegte Geschichte des Hauses Österreich als Weltmacht, in die alle Erdteile einbezogen werden sollten (s.o.).
Im österreichischen Bereich ist der evangelische Baron Reichard Streun von Schwarzenau (1538–1600) hervorzuheben, der umfangreiches Material sammelte, und zwar mit besonderer Unterstützung durch das Herrscherhaus; die so erstellten Streun’schen Kollektaneen sind ein heute noch interessantes, weil noch immer nicht ganz ausgewertetes Quellenmaterial, in dem manches überliefert ist, was ansonsten verlorengegangen ist59). Streun wurden sogar die Originale der Freiheitsbriefe mit nach Hause gegeben (das Heinricianum wird in einer Nachzeichnung durch ihn überliefert und von ihm, samt dem Caesar- und Nero-Insert (die er als nicht echt erkennt) auf Grund der Bestätigung durch Friedrich III. als rechtsgültig verteidigt). Seine „Annales historici“ – von der Römerzeit bis 1559 – sind aber eher ein Tabellenwerk; seine wesentliche Hinterlassenschaft sind die Kollektaneen.
Der oberösterreichische Baron Job Hartmann Freiherr von Enenkel (1576–1627), der wohl unter dem Eindruck der 1600–1611 in drei Bänden in Frankfurt erschienenen „Scriptores rerum Germanicarum“60 des pfälzischen Historikers Marquard Freher (1565–1614) die „Scriptores rerum Austriacarum“ plante, die in einer lateinischen und in einer deutschen Reihe als umfassende Quellenpublikation zur österreichischen Geschichte von Eugippius bis ins 16. Jh publiziert werden sollten; tatsächlich erschienen ist aber nur das Fürstenbuch des Jans Enikel (1618), mit dem sich Enenkel wohl verwandt glaubte. Die obderennsischen Stände verweigerten die finanzielle Unterstützung, weil sie vermuteten, dass es sich um eine dynastisch orientierte Kompilation panegyrischen Charakters handle. – Die Idee eines derartigen Werkes ist zu Beginn des 18. Jhs durch den Melker Benediktiner Hieronymus Pez, dann durch Adrian Rauch und schließlich in der Mitte des 19. Jh durch die neuegegründete Kaiserliche Akademie der Wissenschaften aufgegriffen bzw. realisiert worden.
In Kärnten wirkte Hieronymus Megiser, später ein Mitarbeiter Enenkels, der seine „Annales Carinthiae“ allerdings zum größten Teil aus Materialien bestritt, die der Predikant Michael Gotthard Christalnick gesammelt und verwertet hatte. Der Jesuit Marcus Hansiz sammelte umfangreiche Materialien für eine Geschichte Kärntens, die er allerdings nie geschrieben hat; das Material, das er bis zu den Karolingern zusammenstellte, wurde teilweise zu Ausgang des 18. Jhs veröffentlicht.
In Krain schuf Johann Weikhard Valvasor mit seinem Werk "Ehre des Herzogtums Krain" (1689, Neudrucke im 20. Jh!) ein Musterbeispiel des hier zu besprechenden Genres und eine heute noch verwendete Monographie, die die Gesamtheit eines Landes in denkbar umfassender Weise beschreibt.
Für die Steiermark erschien Leopold Ulrich Schiedlbergers "Ehrenruf Steiermarks" (1710). Das von Franz Leopold Wenzel von Stadl 1731 in neun Bänden fertig gestellte Manuskript "Ehrenspiegel des Herzogtums Steyer" ist nicht mehr gedruckt worden (es liegt heute im Steiermärkischen Landesarchiv und ist ein wertvoller adelsgeschichtlich-genealogischer Behelf).
Städtische Historiographie (am Beispiel der österreichisch-habsburgischen Länder)
Im 17. Jh gelangten auch Städte zu einer Identität, die in eine stadtspezifische Historiographie mündete. Um 1630 schuf der Stadthistoriograph von Steyr, Valentin Preuenhueber die "Annales Styrenses", welches Werk eine interessante und weit über die Stadt hinausreichende Quelle ist. Weiter sind in diesem Zusammenhang zu nennen die „Eisenerzer Chronik“ des Leopold Ulrich Schiedlberger und – als ein Sonderfall – die „Dorfchronik von Goisern, die vom 15. Jh bis 1866 geführt worden ist.
Die Reichspublizistik
Mit der weitgehenden Verselbständigung der Territorien innerhalb des Reiches, dessen verfassungsrechtliche Konstruktion praktisch nicht mehr nachvollziehbar war und zu den verschiedensten Interpretationen zum eigenen Vorteil einzelner Landesfürsten einlud, entwickelte sich eine Form der Historiographie, die eigentlich nichts anderes war als die Instrumentalisierung der Historiographie als Ableitungs- und Legitimierungsverfahren für bestimmte Vorgangsweise innerhalb des Reiches, also als Verteidigungsschriften im Zuge von Prozessen bzw. der Rechtfertigung gegenüber dem Reich. Diese Art von Historiographie war zwar ganz klar tendenziös und zweckorientiert, aber eben doch im Detail, in der Recherche oft sehr zuverlässig, da sie ja Gegendarstellungen standhalten musste. Die Kunst dieser Historiographie besteht so recht in fuga et in electione.
Ein erster Vertreter diese Richtung war
Johannes Philippi, gen. Sleidan (1507–1566) mit seiner Arbeit "Commentarii de statu religionis et rei publicae Carolo V. Caesare" (1555), in der er die Haltung der evangelischen Stände gegenüber dem Kaiser verteidigt bzw. die politischen Auswirkungen der Reformation analysiert.
Das berühmteste Beispiel ist aber
Samuel von Pufendorf (1632–1694); er war erst Professor in Heidelberg, ab 1670 Professor in Lund, wurde 1677 zum schwedischen Hofhistoriographen bestellt, bis er schließlich im Jahre 1686 als brandenburgischer Hofhistoriograph nach Berlin berufen wurde. – Er war der bedeutendste Vertreter der reichspublizistischen Historiographie. Er verfasste Werke zur schwedischen Geschichte und eines über Friedrich Wilhelm den Großen (1695). Er benützte für letzteres das brandenburgische Archiv, brachte es aber nicht zu einer geschlossenen Darstellung, sondern reihte die Ereignisse nach der Zeit bzw. nach dem Gang der Akten. Nicht die Bedeutung der Ereignisse an sich wurde in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt, sondern die Stellung seiner Helden zu den Ereignissen, wie dies ihm als Hofhistoriograph des schwedischen Königs und des Kurfürsten von Brandenburg auch zukam – seines Herren Sentimente zu exprimieren. Seine bedeutendste Leistung liegt aber wohl im Bereich des Naturrechts: Er veröffentlichte 1667 unter dem Pseudonym Severinus a Monzambano „De statu reipublicae Germaniae“ und 1672 De jure naturae et gentium“. Berühmt geworden ist seine Behauptung, das Heilige Römische Reich sei (rechtlich gesehen) ein Monstrum, dessen rechtliche Verwicklungen niemand mehr wirklich erkennen könne.
Eine ähnliche Stellung wie die Reichspublizisten – zu ihnen ist auch Hermann Conring zu zählen, der noch zu erwähnen sein wird – zur politischen Geschichte nahmen die Reichsjuristen zur deutschen Rechtsgeschichte ein, wenn sie in ihren Gutachten über Fragen des Reichsrechtes – zumeist in die Form rechtshistorischer Gutachten gekleidet – praktische und pädagogische Zwecke verfolgten.
Im Gefolge dieser Strömung sind die Arbeiten österreichischer Archivare am 1749 begründeten Haus-, Hof- und Staatsarchiv zu sehen, die sie zur Untermauerung der habsburgischen Position etwa in Auseinandersetzungen mit Bayern vertraten – diese Arbeiten mündeten aber nicht mehr in veröffentlichte historiographische Arbeiten, sondern hatten eher den Charakter von Rechtsgutachten auf der Grundlage historischer Quellenarbeit. Zu erwähnen sind hier Theodor Anton Taulow von Rosenthal (1702–1779), der das historische Unterrichtsmaterial für Josefs II. Ausbildung erstellt hat, Franz Ferdinand von Schrötter (1736–1780) mit seinem 1771 vorgelegten "Versuch einer österreichischen Staatsgeschichte von dem Ursprunge bis nach dessen Erhöhung zum Herzogtum". Ein Schüler von Taulow von Rosenthal war der Piarist Adrian Rauch (1731–1802), der 1793/94 „Rerum Austriacarum Scriptores“ in drei Bänden herausbrachte.
Kirchliche Geschichtsschreibung
Die Kirchliche Geschichtsschreibung erfuhr eine enorme Belebung durch die Reformation. Es waren zuerst die Protestanten, die aus ihrer Auseinandersetzung mit dem Papsttum eine neue Darstellung der Kirchengeschichte anstrebten und auch ins Werk setzten. Dies hatte naturgemäß katholischerseits „Gegendarstellungen“ zur Folge.
Reformierte
Der aus Istrien stammende Flacius Illyricus (1520–1575) begann um die Mitte des 16. Jhs die Bearbeitung einer protestantischen „Ecclesiastica Historia, integram Ecclesiae Christi ideam [...] secundum singulas centurias complectens“, 13 Foliobde, Basel 1559–1574, also einer Kirchengeschichte der ersten 13 Jahrhunderte ins Werk zu setzen. Das Unternehmen wurde von ihm geplant und von fünf „gubernatores“ geleitet, unter denen zwei architectes und sieben studiosi61 arbeiteten – diese Gruppe wurde unter der Bezeichnung „Magdeburger Zenturiatoren“ bekannt, weil sie in Magdeburg und nach einer arbeitsteiligen Gliederung nach Jahrhunderten arbeitete – es war dies wohl das erste systematisch geplante historische Forschungsunternehmen. 1594–1604 erschien ein Auszug in neun Bänden; eine deutsche Übersetzung gab es nur für die ersten vier Jahrhunderte (Jena 1560–1565); eine calvinistisch beeinflusste Neubearbeitung erschien in Basel 1624. Das Werk wurde von den Katholiken als ein "pestilentissimum opus" bezeichnet. Als „Widerlegung“ erschienen die „Annales ecclesiastici“ des Baronius. Das Unternehmen, das wohl das erste große Gemeinschaftsunternehmen war und trotz der Parteilichkeit die Kirchengeschichte auf neue Grundlagen stellte, übte Einfluss auf England aus.
An weitere reformkirchlichen Historiographen seien erwähnt für Schottland (John Foxe, 1516–1587), für Frankreich (Theodore Bèze, 1519–1605) und für die Schweiz (Heinrich Bullinger, 1504 –1575).
Katholiken
Katholischerseits wurde natürlich versucht, dem Unternehmen des Flacius Illyricus ein adäquates Werk aus katholisch-päpstlicher Sicht entgegenzustellen. Dies unternahm der Bibliothekar der Bibliotheca Vaticana Caesar Baronius (1538–1607), der aus umfangreichen Materialien die nicht minder parteiischen „Annales ecclesiastici“ erarbeitete, die in 12 Bänden bis 1198 reichten und 15881607 in Rom erschienen. In weiterer Folge sind zahlreiche Fortführungen entstanden, zuletzt Augustin Theiner, „Annnales ecclesiastici“, 27 Bde Bar-le-Duc 1864–1874 und 37 Bde Paris-Fribourg-Bar-le-Duc 1887 (reicht bis 1571). – Baronius wurde in vielem von dem moderaten Hugenotten Isaac Casaubon (1559–1614) berichtigt.
Jacques-Benigne Bossuet (1627–1704) schuf als Lehrer des Dauphins mit seinem „Discours sur l'histoire universelle“ eine wenig originelle katholische Kirchengeschichte bis in die Zeit Karls des Großen; Fueter hat diesem Werk den Charakter einer Geschichtsdarstellung überhaupt abgesprochen und es als Predigt bezeichnet, die vom Walten Gottes in der Geschichte handle. Daneben veröffentlichte Bossuet u.a. eine Geschichte der Veränderungen der reformierten Kirchen, die er als Entwicklung zum Sektenwesen interpretierte. Immerhin versucht er aber als erster die Reformation in ihrer universalen Nachwirkung zu erfassen.
Festzuhalten ist, dass die Kirchengeschichte auf Grund der übernationalen Struktur der Kirche wie auch der Orden auf europäischer Grundlage gepflegt wird, während die einsetzende Beschäftigung mit dem Mittelalter eher auf der Grundlage nationaler Orientierung erfolgte.
Im Verlaufe des 17. Jh wird der vor allem in der kirchengeschichtlichen Forschung aggressive Ton ruhiger, und man nähert sich einer relativ "neutralen" Kirchengeschichtsschreibung; 1699 erscheint sogar eine "Unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie" von Gottfried Arnold, die eine protestantische Opposition gegen die Magdeburger Zenturien war. Ähnliches gilt für den lutherischen Theologen Johann Lorenz Mosheim, der 1726 seine „Institutiones historiae ecclesiasticae Novi Testamenti“ herausbringt.
1.3.6.1.4 Die Begründung der modernen gelehrten Geschichtsschreibung bzw. der Geschichtsforschung in technisch-kritischer Hinsicht im 17. Jh
Die französischen Vorläufer im 16. Jh und die Idee einer perfekten Geschichtsschreibung bzw. -forschung
Bezüglich62 der Praxis der Geschichtsforschung ist zu erinnern an die bereits angesprochenen, aus der humanistischen Tradition herrührenden Aktivitäten und vor allem darauf hinzuweisen, dass im 16. Jh sich in Frankreich eine Auseinandersetzung mit dem Historischen entwickelt hatte, die nicht bloß aus dem Humanismus herausgekommen war, sondern aus einer Mischung mehrerer Faktoren resultierte: nämlich aus
dem dort besonders deutlich entwickelten sogenannten „Vulgärhumanismus“ (einer nationalistischen Variante des Humanismus),
einer aus dem früh entwickelten Berufsjuristentum her rührenden stark rechtshistorischen Sicht der Entwicklung (die frühen französischen Kronjuristen haben schon im 14. Jh ganz klar Recht als eine weltliches und von Macht abhängige Struktur erkannt, deren Kenntnis den Gang der Dinge zu erfassen erleichtere63), es bewirkt dies zusammen mit anderen Faktoren einen sehr wichtigen Schritt der Relativierung,
aus dem nicht zu unterschätzenden Einfluss spanischer Spätscholastiker, die wie Luis Vives etwa nach Frankreich emigrieren, und aus
dem wachsenden Empfinden der zentralistischen Macht der Krone, dass der König auch ein Hüter und Mäzen des Wissens sei, dessen Entwicklung auch seinem Splendor zugute komme64.
Indem sich an den bereits hochentwickelten Institutionen der Staatsorganisation eine relativ unabhängige, selbständige bourgeoisie de robe zu entwickeln beginnt, entsteht auch ein Substrat für ein intensives intellektuelles Leben, das ein reiches Reservoir an geistiger Kapazität darstellt.
Aus dieser pointiert weltlichen Position heraus entwickelte sich – auf Bodin aufbauend – die außerordentlich fortschrittliche Vorstellung von einer „historie nouvelle“, die alles zu umfassen habe – alle vergangenen Kulturen in allen ihren Erscheinungsbereich, Geschichte wird als die Geschichte des menschlichen Fortschritts, der menschlichen Freiheit und der Entwicklung der Nationen betrachtet. Damit bahnte sich eine enorme Historisierung, ein wesentlicher Schritt der Säkularisierung an65. Einer der führenden Köpfe in dieser Entwicklung war Henri la Popeliniere (1541–1608), der neben anderen Werken 1599 in Paris seine „Idée de l’histoire accomplie“66 und seine Arbeit „La vraye et entiere histoire“ veröffentlichte, in der er expressis verbis die Forderung nach einer „nouvelle histoire“ formulierte. Diese neue Geschichte sollte alle historischen Ereignisse erklären und zwar vollständig erklären, und damit sollte der Schritt über die bloßen chroniqueurs (wie etwa Sleidan) zu den historiographes getan werden. Es sollte die gesamte Geschichte Frankreichs erfasst und in ein einziges großes Ganzes ihrer Ursachen und Motive zurückgeführt werden. la Popelinieres Geschichtsauffassung war die einer Gesamtgeschichte, einer Darstellung, die alle Erscheinungen umfasst, in seinem Alterswerk „Idée de l’histoire“ erklärt er: „l’histoire digne de ce nom doit estre generale“. Der zeitgenössische Nicolas Vignier (1530–1596), als einziger in dieser Gruppe von Juristen ein professioneller Historiker und königlicher Historiograph67, forderte in Zusammenhang damit, dass jedermann jederzeit seine Quellen – und als solche betrachtete er nicht mehr nur die erzählend-literarischen Schriften – nachzuweisen, zu zitieren und deren zeitliche Distanz vom dargestellten Ereignis anzugeben habe.
Im Unterschied zu den reinen Theoretikern, waren Leute wie la Popeliniere, Vignier und Estienne Pasquier Praktiker. Pasquier veröffentlichte 1560 seine bedeutsamen „Recherches de la France“. Als dieses Werk erschien, stieß man sich an den laufenden Quellenzitaten, die die klassischen Autoren auch nicht geboten hätten, die aber doch mit der Zeit Autoritäten geworden seien; außerdem kämen längere Zitate Plagiaten gleich. Doch Pasquier schrieb nicht für die Zukunft, sondern für seine Gegenwart, er betrachtete seine Arbeit als einen Teil eines Rekonstruktionsprozesses der Vergangenheit, der – das blieb freilich unausgesprochen – transparent und nachvollziehbar sein sollte. Pasquier hat das Neue seiner Untersuchungsmethode – nicht Darstellungsmethode, das Werk heißt „Recherches“ (Untersuchungen!) – ganz bewusst herausgearbeitet und betont. Wenn auch nicht alles originär war, so war es doch die Zusammenführung und die Anwendung auf einen konkreten Gegenstand, auf die Geschichte Frankreichs. Und la Popeliniere schrieb auch Französisch und nicht Lateinisch, auch die Zitate aus dem Lateinischen übersetzte er ins Französische. Im Unterschied zu seinen Vorgängern setzte Pasquier auch nicht mit Troia und mit Priamos als den klassischen Vorfahren der Franken ein68, sondern – auf der Grundlage von Caesars „De bello Gallico“ – mit den Galliern. Dies ist insoferne sehr bemerkenswert, als damit die Geschichte Frankreich mit einem Volk, eben den Galliern, beginnt und nicht mit einem König – etwa dem legendenhaften König Faramund als einem Vorgänger Chlodwigs. So existiert gewissermaßen Frankreich vor und separiert von einer Dynastie, vor der Kirche etc., und indem Pasquier Caesars Ausführungen analysiert, stellt er fest, dass die Gallier von allen bei Caesars erwähnten Barbaren die am wenigsten barbarischen und die kultiviertesten gewesen seien, ja Caesar habe sie überhaupt nur zweimal, und im Affekt, als Barbaren bezeichnet. Er versucht, aus Caesar ein Bild von den Galliern zu gewinnen, „wie ein Jäger aus der Fährte auf die Größe des Wildes schließt“. Was er dabei beabsichtigt, ist, die historische Kontinuität bestimmter Einrichtungen zu erweisen: Frankreich bestehe als einziger Staat seit dem Zusammenbruch der römischen Macht, während andere zerfallen oder erst später entstanden seien – die Historie erkläre dies. Pasquier kennt natürlich die Vorstellungen vom Aufstieg und Fall der einzelnen Staatsgebilde und, parallel dazu, ihrer Kultur. Die „histoire nouvelle“ entwickelt sich zu einem Instrument des französischen Nationalismus69. Aus der Erkenntnis der ständigen „mutation“ der Erscheinungen leitet Pasquier ab, dass das römische Recht überholt und durch das französische zu ersetzen und dass es sinnlos sei Lateinisch und nicht Französisch zu schreiben und zu sprechen. Auch hat er sehr klare Vorstellungen, worauf er in den Quellen sein Augenmerk legt: Auf die ersten Versammlungen der keltischen Gallier, des merowingischen Adels u.ä. als Vorläufer der Parlamente, denen er eine bedeutende Rolle in der Geschichte Frankreichs zuschreibt, die er in zwei Essays innerhalb seines Werkes näher beschreibt. Im Unterschied zu den gleichzeitigen Theoretikern sind diese französischen Historiker tatsächlich und ständig als Historiker aktiv.
Gleichzeitig aber strebt Loys le Roy (1510–1577) mit seinem Werk „De la vicissitude ou varieté des choses en l’univers et concurrence des armes et des lettres par les premieres et plus illustres nations du monde, depuis le temps ou a commencé la civilité et memoire humaine iusques à present“ (Paris 1575) erstmals nach einer vergleichenden Geschichte der alten Kulturen, wobei er über die bereits mehrfach monierte geringe zeitliche Tiefe der klassisch-griechischen Historiographen hinausgehen möchte, was in dieser Zeit natürlich noch kaum tatsächlich möglich ist. le Roy möchte Sprachen, Religionen, Aufstieg und Niedergang der Künste und der Wissenschaften, Erfindungen, Entdeckungen und vieles mehr behandeln70. le Roy hat damit ins Werk umzusetzen gesucht, was neun Jahre zuvor bereits die Grundvorstellung Bodins gewesen ist. Nach eingehender Überlegung, mit welchem der zahlreichen Völker – Inder, Äthiopier, Ägypter, Skythen, Chaldäer, Juden, Araber – die Weltgeschichte einsetze, entschließt er sich für die Ägypter. An der Genesis rüttelt er nicht.
Die revolutionäre neue französische Geschichtsforschung betrachtet die geschichtliche Entwicklung – wenn dies auch mitunter etwas kaschiert wird – als einen rein säkularen Prozess und auch nicht als einen Verfallsprozess. Was man als grundsätzlichen Unterschied gegenüber der Geschichtsschreibung des klassischen Altertums erkennt und auch als neues Problem in Hinblick auf die Forschung, war, dass man im Gegensatz zu den Alten nicht mehr nur und sogar kaum mehr Zeitgeschichte schrieb. Da die Alten mit ganz wenigen Ausnahmen nur das getan und gekonnt hätten, lägen nur Partikulargeschichten vor, deren Zusammenstellung aber immer noch keine histoire universelle, denn „weder Xenophon noch Thukydides mit seiner Beschreibung eines Krieges ermöglichen dem Leser ein Verständnis für das Leben im alten Griechenland, Kenntnis von ihren Beamten und Ämtern, der Religion, ihrem Recht, ihren Sitten und – im allgemeinen – von der Natur der griechischen Gesellschaft“, wie das von einer histoire universelle zu erwarten sei. Thukydides habe eben nicht griechische Geschichte geschrieben, sondern nur die Geschichte der Athener zur Zeit des Peloponnesischen Krieges.
la Popeliniere war sich darüber im Klaren, dass das von ihm formulierte Ideal der Geschichtsdarstellung unerreichbar sei, man werde ihm nahekommen können, es aber nie erreichen. Als Praktiker gesteht er auch ein, dass es ihm mitunter kaum möglich sei, die unumgänglich notwendigen Beurteilungen vorzunehmen71; wenn man erst erkannt habe, dass von einer historischen Darstellung Gewissheit nicht zu erhoffen sei, falle die Arbeit leichter – man solle vom Historiker nicht mehr erwarten als „Argumente, die einen so hohen Grad der Wahrscheinlichkeit ihres Zutreffens haben, dass sie den Leser überzeugen, dass des Historikers Version hinsichtlich der Darstellung dessen, was Geschehen sei, die wohl plausibelste sei; und das mit dem Verständnis dafür, dass diese Version abgeändert werden könnte, sobald jemand anderer mit einer überzeugenderen Hypothese auftritt72. Das letzte Ziel der Historie sei es, zu erklären, was der Mensch sei. Unter diesem Aspekt betrachtete la Popeliniere auch die Menschen der Neuen Welt: Man müsse sie studieren, denn vielleicht befinden sie sich in jenem Stadium, in dem sich die Menschen der Alten Welt vor der Erfindung der Schrift befunden hätten73.
Wie weit die Historisierung bei la Popeliniere voranschreitet, erweist seine „Histoire des histoires“: Alle Historie ist Produkt von Historie, auch die Auseinandersetzung mit Historie und ihre Ergebnisse sind historische Ereignisse und Produkte, und als solche relativ und von den jeweiligen Zeitläuften beeinflusst: „L’histoire se regle au compas du gouvernement de l’Estat“ – deshalb solle der neue Historiker alle Unterstützung und Abhängigkeit von sich weisen.
la Popelinieres Anschauungen haben keine weite Verbreitung gefunden, seine „Idée“ hat keine zweite Auflage erlebt. Fueter kennt seinen Namen ebenso wenig wie spätere Historiographiehistoriker. Dennoch blieb er nicht wirkungslos, denn er stand nicht isoliert, sondern in einem größeren Gefüge, in dem seine Ideen doch aufgenommen worden sind. Andere – wie Pasquier – sind aus religiösen Gründen von den Jesuiten angegriffen worden, und seine „Recherches“ haben – wohl allein schon des Materials wegen – eine Reihe von Auflagen bis in das 18. Jh hinein erlebt. Für Vignier lässt sich eine Brücke hin bis zu den Bollandisten und den Maurinern nachweisen.
Im Gefolge des Humanismus, der wie oben erwähnt die Säkularisierung forcierte, und unter dem Eindruck der naturwissenschaftlichen Forschungen und Erkenntnisse – Kepler, Galilei, Descartes – kam es zum Durchbruch einer tatsächlich freien und wissenschaftlich-gelehrten Geschichtswissenschaft und einer ihr adäquaten Historiographie. Dies geschah vor allem darin, dass man nun unter dem Einfluss des neuen systematischen Denkens nach einer möglichst vollständigen, eben systematischen und kritischen Erfassung der Quellen strebte, wobei der Quellenbegriff als solcher rasch über die bis dahin primär wesentlich erachtete Historiographie hinaus auf andere schriftliche, bald aber auch auf bildliche und auf materielle Überlieferungen ausgeweitet wurde. Es entwickelte sich das, was später unter dem Begriff „Hilfswissenschaften“ zusammengefasst wurde, der ursprünglich für die heute als klassisch zu bezeichnenden engeren fachspezifischen Bereiche angewendet, aber bereits im 18. Jh als letztlich unabgrenzbar verstanden wurde, indem eben prinzipiell alle Erkenntnisbereiche für die historische Arbeit herangezogen werden können. Gleichzeitig fand die antike Doktrin von der Historiographie als einer auch ästhetischen Disziplin ein Ende. Die neue Auffassung wurde auch von der in Frankreich stark entwickelten juridischen, ja rechtshistorischen Argumentation mitbestimmt und hielt den von den Humanisten erhobenen Anschein freier literarischer Form nicht mehr aufrecht; damit wurden auch der Nachweis der Quellen und damit die Nachvollziehbarkeit der Argumentation möglich, ja erforderlich.
Die wesentlichsten Elemente in dieser Entwicklung waren das Streben nach systematischer und gesamthafter Erfassung der historischen Erscheinungen, die Anwendung der mittlerweile als wesentliches Erkenntnisinstrument erkannten Kritik auch in diesem Prozess und damit die Preisgabe der alten Auffassung, dass „die historische Wahrheit“ bereits in den historiographischen Quellen vorhanden und nur noch nicht entsprechend ausgewertet worden sei – nun wird die Erkenntnis allgemein, dass die hochgerühmten historiographischen Aussagen nur unterschiedlich wertvolle „Abbilder“ der „historischen Wahrheit“ lieferten und dass auch die Entstehung und der Weg der Tradierung kritisch zu untersuchen seien; damit wird eine neue Dimension der Betrachtung, der Arbeit des Historikers hinzugewonnen.
Neben diesen Aspekten dürfen aber auch ganz banale Neuerungen nicht übersehen werden:
Die Intensivierung des wirtschaftlichen und diplomatischen Lebens im 16. und 17. Jh ermöglicht eine Intensivierung der Kommunikation auch im wissenschaftlichen Bereich, die eine unabdingbare Voraussetzung für die Zusammenführung von Information und Material und zugleich der gelehrten Diskussion in jener Dimensionen gewesen ist, wie sie nun notwendig wurde.
Andere Wissenschaftsbereiche hatten mittlerweile Fortschritte gemacht und Ergebnisse geliefert, die in die historische Forschung eingebracht werden konnten und deren neue Qualität erst ermöglichten; hier ist insbesondere auf die (klassische) Philologie zu verweisen, die eben auch gerade in Frankreich eine enorme Blüte erlebt hatte.
Die Entwicklung der klassischen Hilfswissenschaften
Im 17. Jh entwickelten sich aus im Wesentlichen zwei Bereichen heraus die historischen Hilfswissenschaften: die Diplomatik, die Paläographie, die Chronologie, aber auch die sogenannten "kleinen" Hilfswissenschaften (Epigraphik, Numismatik, Heraldik, Lexikographie und Genealogie), die ihrerseits nun Gegenstand systematischer und umfänglicher Forschungsarbeit wurden.
1) In Deutschland im Zuge der sogenannten Bella diplomatica, d.h. im Zusammenhang mit den zahlreichen Prozessen, die nach dem 30jährigen Krieg um die Echtheit von Urkunden als Rechtstiteln geführt wurden; dabei trat insbesondere Hermann Conring (1606–1681) in Erscheinung, der 1672 im Rahmen eines großen Prozesses zwischen der Stadt und dem Kloster Lindau seine „Censura diplomatis quod Ludovico imperatore fert acceptum coenobium Lindaviense“, den ersten Ansatz zu einer Methodenlehre der neueren Kritik, veröffentlichte. Aus dieser von den Juristen gepflegten Urkundenkritik erwuchs die forensische, d.h. gerichtliche Urkundenkritik, die im deutschen Sprachraum vornehmlich an den juridischen Fakultäten beheimatet war.
2) Als in Frankreich 1664 die Benediktiner der Kongregation St. Maure die „Acta Sanctorum Ordinis Sancti Benedicti“ und die „Annales Ordinis Sancti Benedicti“ in Angriff nahmen, traten auch sie in die Urkundenkritik ein, wobei sie in Konkurrenz zu den Jesuiten standen (s.w.u.). Ihre diesbezüglichen Leistungen finden ihren ersten Höhepunkt in Jean Mabillons (1632–1707) „De re diplomatica libri sex“, die 1681 erschienen. Mit diesen Arbeiten beginnt in den 1670er Jahren die moderne Kritik der Überlieferung, die die „discrimina veri ac falsi“ – die Unterscheidungsmerkmale zwischen dem Echten und dem Unechten oder Gefälschten – zu erkennen lehrt und so die echten von den verfälschten etc. Dokumenten zu trennen suchte (s.w.u.).
Die Ausweitung der organisiert-systematischen Forschungsarbeit durch die Tätigkeit der Jesuiten und der Benediktiner im 17. Jh
In Frankreich, dem in kultureller Hinsicht im 17. Jh die Führung Europas zugefallen war, erwiesen sich als die bedeutendste Kraft die Ordensgemeinschaften der Jesuiten und der Benediktiner, die im Falle der Benediktinerkongregation der Mauriner74 über ungeheure Geldmittel verfügen (etwa 8 Millionen Pfund pro Jahr). Beide Orden waren durch ihre verzweigte übernationale Organisation besonders gut in der Lage, über große Räume hinweg Material zu erfassen, zu sammeln und so die komparative Methode auf einer ganz neuen Ebene anzuwenden. Während die Jesuiten bewusst konkret apologetische, kirchliche Ziele verfolgten, waren die Benediktiner – in der Meinung, dass das Material an sich die Richtigkeit der Position der sancta Romana ecclesia erweisen würde – um eine an sich objektive Erfassung des Materials bemüht – darin liegt der Grund dafür, dass ihre enormen Leistungen mehr noch als im 18. Jh im 19. Jh gewürdigt und fruchtbar herangezogen worden sind, und zwar ungeachtet konfessioneller Aspekte.
Die Jesuiten
Früher als die Mauriner haben die französischen Jesuiten die historische Arbeit aufgenommen, und zwar im Zusammenhang mit der Edition von Konzilsakten ab den 1620er Jahren. In den gegenreformatorischen südlichen Niederlanden entwickelte der Jesuit Heribert Rosweyde in Antwerpen den Plan von "Fasti sanctorum quorum vitae in belgicis bibliothecae manuscriptae" – einer kritischen Sichtung des Materials zu den von Legenden überwucherten Heiligenviten. Als Rosweyde 1629 starb, sichtete Jean Bolland (1596–1665) dessen Papiere. Bolland legte daraufhin 1630 seinen großen Plan der „Acta Sanctorum“ (= AA SS) vor, der von den Ordensoberen genehmigt wurde – die Jesuiten waren ja im Zuge der Verteidigung der Heiligen gegen die Angriffe der Protestanten und der Humanisten bestrebt, mit den Mitteln der historischen Kritik die Zeugnisse der Vergangenheit der römisch-katholischen Kirche sicherzustellen. 1643 erschien der erste Band der AA SS; nach Bollands Tod wurde die Arbeit vor allem durch Daniel van Papenbroek75 (1628–1714) ab 1659 und Godfried Henschen fortgeführt. Bis 1773 erschienen in Antwerpen 50 Bände (bis Oktober III), 1794 erschienen drei weitere Oktoberbände; als 1837 die niederländische Jesuitenprovinz wieder errichtet wurde, nahmen die Bollandisten ihre Arbeit wieder auf, wobei die östliche Hagiographie nun mit einbezogen wurde. Bis 1940 erschienen weitere 17 Bände bis November IV bzw. Einleitung zu Dezember. Seither stockt das Unternehmen76.
Papenbroek brachte 1675 ein "Propylaeum antiquarum circa veri ac falsi discrimen in vetustis membranis" heraus und löste durch seine darin geäußerte, sehr negative Kritik der merowingischen Diplome Mabillons Aktivitäten aus.
Die Benediktiner bzw. die Mauriner
1648 legte Dom Luc d’Archery, der Bibliothekar von Saint-Germain-des-Pres, einen Studienplan vor, der auch Studien zur Ordensgeschichte anregte; in der Folge erschienen zahlreiche Textausgaben, Florilegien etc.
Die Benediktiner der Kongregation des heiligen Maurus bemühte sich dem von d'Archery vorgelegten Programm entsprechend um die Weiterentwicklung der Wissenschaften vor allem im „geisteswissenschaftlichen“ Bereich und stellten im Zusammenhang damit umfassende Studien, die sich auf Archive und Bibliotheken erstreckten; 1664 nahm man die „Acta Sanctorum Ordinis Sancti Benedicti“ und die „Annales Ordinis Sancti Benedicti“ in Angriff. Und damit traten auch die Benediktiner in die Urkundenkritik ein. Dies wurde von großer Bedeutung, als es nämlich Jean Mabillon (1632–1707) in Reaktion auf Daniel van Papenbroek, der in AA SS Propylaeum zu April II alle ältesten Urkunden der Benediktinerabteien zu St. Denis und Corbie für unecht erklärt hatte, unternahm, systematisch ein System der Urkundenkritik zu erarbeiten, was in die Publikation seiner berühmten "De re diplomatica libri VI"Buch 1: Alter der Schrift, Beschreibstoffe; Buch 2: Stil, Unterschriften, Siegel, Datierung; Buch 3: Bedeutung der Formelbücher und Chartulare; Buch 4: Verzeichnis der Königspfalzen als Ausstellungsorte von Diplomen; Buch 5: Zeichnungen von Schriften, Stiche von Urkunden; Buch 6: 200 Urkunden als Beweismaterial. Die Bücher 1–3 enthalten somit die Regeln, die Bücher 4–6 das Beweismaterial. (Paris 1681 und 1709, weiters Neapel 1789) mündete, die gewissermaßen als Fundament der klassischen Hilfswissenschaften eingestuft werden. Mabillon nahm darüber hinaus auch wesentlichen Anteil an den durch d'Archery herausgegebenen „Acta Sanctorum Ordinis Sancti Benedicti“ (= AA SS OSB) (Paris 1668-1701, 2. Aufl. Venedig 1733–1738, reichen bis gegen 1100) und edierte vor allem auch in seinen „Jahrbüchern" = „Annales Ordinis Sancti Benedicti“ (bis zum Jahre 1157), 6 Bde Paris 1703–1739, zahlreiche Urkunden.
Mabillons hilfswissenschaftliche Arbeit wurde fortgeführt durch Charles-Francois Toustain (1700–1754) und René Prosper Tassin (1697–1777) mit dem „Nouveau Traité de Diplomatique..." (4 Bde 1750-1765), die wiederum Johann Christoph Gatterer (1727–1799) in Göttingen und damit die Entwicklung der Hilfswissenschaften im deutschen Sprachraum beeinflusst haben, wo Abt Gottfried Bessel in Göttweig das Werk Mabillons zeitlich fortführen sollte (s.w.u.).
Die Kehrseite des Unternehmens bestand darin, dass die Mauriner die Materialien mit Hilfe ihrer Methode zwar aufbereiteten, dass es aber zu keiner Historiographie im eigentlichen Sinn kam, zumal für sie die Geschichte vorwiegend chronologisch und genealogisch zusammenhing, Entwicklungstendenzen und innere Zusammenhänge der Geschichte wurden von ihnen nicht gesehen. Bei dieser Bewertung darf allerdings nicht außer Acht gelassen werden, welch ungeheures Material nun vielfach erstmals kritisch ediert, bearbeitet und zugänglich gemacht wurde, denn die kritische Material- bzw. besser Quellenerfassung war ja der eigentlich Ausgangspunkt; man unternahm den Versuch, die Quellen über bestimmte zeitliche und inhaltliche Abschnitte der Geschichte vollständig und erforderlichenfalls gleichsam europaweit zu sammeln, sodass der Historiker erstmals in die Lage versetzt sei, das Material über gewisse Perioden zu überblicken, das Echte vom Falschen nach methodischen Grundsätzen zu scheiden und die Texte philologisch möglichst exakt zu interpretieren.
Die neuere Annalistik
Die Arbeiten der Mauriner wirkten nicht nur im Bereich der Kritik und der Hilfswissenschaft fort, sondern auch in der durch Mabillons „Annales Ordinis Sancti Benedicti“ (6 Bde, Paris 1703–1739) maßgeblich belebten neueren Annalistik. Zu erwähnen sind in diesen Zusammenhängen:
die Geschichte der römischen Kaiser ("Histoire des Empereurs et des autres princes qui ont regné durant les six premieres siécles de l'Eglise", Paris 1690–1738) von Louis-Sébastien Tillemont (1637–1698), einem Jansenisten, der außerordentlich penibel und solid arbeitete
die braunschweigischen Reichsannalen („Annales imperii occidentis Brunsvicenses“ für die Zeit 768-1005, 1703–1716) von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716), der nach französischem Vorbild umfassende, die Geschichte des gesamten Reiches umspannende Pläne verfolgte, die aber nicht realisiert werden konnten und schließlich auf die Dimension Braunschweigs reduziert worden sind;
Ludovico Antonio Muratori (1672–1750) mit seinen "Rerum italicarum scriptores ab anno aerae christianae 500 ad 1500" (1723–1751) und seinen "Annali d'Italia del principio dell'era volgare sino al'anno 1749", die den Annalen des Benediktinerordens nachgebildet und im 20. Jh gedruckt worden sind;
auch in der Entwicklung der Geschichtsforschung im Rahmen der kirchlichen Erneuerung in Österreich:
a) durch die mit den Maurinern in Kontakt stehenden Melker Benediktiner, die die neuen Ansätze zugunsten einer Art "Landesgeschichtsforschung" in Österreich umsetzen, indem sie Urkunden kritisch heranziehen und edieren bzw. überhaupt in großem Stil kritische Editionen schriftlicher Quellen erarbeiten:
* Anselm Schramb (1658–1720) veröffentlichte 1702 das „Chronicon Mellicense“
* Philibert Hueber (1662–1725) "Austria ex archivis Mellicensibus illustrata", 1722)
* Bernhard Pez (1683–1735) mit seinem "Thesaurus anecdotorum novissimus" (6 Bde, 1721–1729), einer Edition exegetischer, dogmatischer und liturgischer Traktate, nur der letzte Band enthält auch anderes Quellenmaterial (Urkunden), und sein Bruder
* Hieronymus Pez (1685–1762) mit seinen "Scriptores rerum Austriacarum" (3 Bde 1721, 1731 und 1745), der bis heute noch nicht gänzlich ersetzten ersten systematischen Edition historiographischer Quellen zur Geschichte Österreichs;
Die Melker Benediktiner stehen am Beginn der "uninteressierten quellenmäßigen Historie als Leistung mönchischer Askese" (Troeltsch) und am Anfang der modernen Historiographie und Geschichtsforschung in Österreich;
b) durch zwei Göttweiger Äbte78: nämlich
* Gottfried Bessel (1672–1749), der die Fortsetzung von Mabillons "De re diplomatica" für die Karolingerzeit bzw. den deutschen Raum zu schaffen unternimmt, was er in der Einleitung - dem Prodromus (1732/33) – zum "Chronicon Gotwicense" (einer Geschichte des Stiftes Göttweig) ins Werk setzt, von der eben nur der Einleitungsteil mit der Diplomatik des deutschen Hochmittelalters erscheint, die ihm den Beinamen "deutscher Mabillon" eingetragen hat, und
* (Johannes) Magnus Klein (1717–1783), der Gottfried Bessels Arbeit für den Bereich der Privaturkundenlehre (ungedruckt) fortführte und eine umfassende "Notitia Austriae" plante, von der allerdings nur die „Austria Celtica“, 1781, erschienen ist.
Neue Weltgeschichte
Im Zusammenhang mit der neueren Annalistik ist auch die "Universal History from the earliest account of time to the present" (London 1736–1765) zu sehen; es ist dies die erste Weltgeschichte, die wirklich über das jüdisch-christliche Weltbild und über Europa hinausgreift, indem Nordafrika und Asien inklusive China miteinbezogen werden, was inhaltlich freilich nicht immer eingelöst werden konnte und nicht frei von gewollten Konstruktionen war (der Begründer des chinesischen Reiches wird mit Noah gleichgesetzt, der mit seiner Arche dort gelandet sei79, etc.). Es handelt sich bei diesem Werk um eine große Teamarbeit, bei der einzelne Bereiche von verschiedenen Autoren geschrieben wurden (John Campbell, George Sale, John Swinton, Archibald Bower u.a.).
Editoren und Lexikographen
Neben den Maurinern bzw. den durch die Mauriner aktivierten Benediktinern auch in anderen Kongregationen und Ländern wie neben den Bollandisten stehen unabhängige Editoren und Lexikographen, deren ungeheurer Arbeitsleistung wir bis heute Bedeutendes verdanken:
André Duchesne (1584–1640) war Geograph und dann – unter Richelieu – Historiograph des Königs von Frankreich und edierte in der 1. H. des 17. Jhs eine Reihe von historiographischen Quellen zur normannischen (Historiae Normannorum scriptores antiqui 838–1220, Paris 1619) und zur französischen Geschichte (Historiae Francorum scriptores [...], 5 Bde Paris 1636–1649) und wurde dabei zu einem Begründer der wissenschaftlichen Genealogie, die er mit Hilfe von Urkunden zu stützen suchte.
Étienne Baluze (1630–1718) war eng mit Mabillon befreundet, dem er nicht viel nachstand; Baluze hat für Colbert (dessen Bibliothekar er war) und für sich mittelalterlichen Handschriften und Urkunden gesammelt und Tausende Stücke kopiert und vieles ediert (z.B. 2 Bde „Capitularia regum Francorum“, Paris 1677, Konzilsakten etc.).
Der bedeutendste Mediävist des 17. Jhs neben Mabillon war aber wohl Charles du Fresne Seigneur du Cange (1610–1688); er hat systematisch Tausende Texte gelesen, abgeschrieben und exzerpiert, als königlicher Schatzmeister Frankreichs hatte er Zugang zu den großen Archiven der Rechnungskammern in Amiens und in Paris und auf diesen Grundlagen erstellte er sein „Glossarium ad scriptores mediae et infimae latinitatis“, das erstmals 1678 in 3 Bänden in Paris erschienen ist; 1688 stellte er diesem Werk noch sein „Glossarium mediae et infimae graecitatis“ zur Seite. du Cange ist nicht nur als Philologe bedeutend, sondern auch als Enzyklopädist der Geschichte des Mittelalters und Kenner der mittelalterlichen Autoren.
Bereits innerhalb der Mauriner kam es zur Entwicklung über die Urkundenlehre hinaus, indem man im Bestreben um eine möglichst komplexe Erfassung des Materials bald auch auf materielle und bildliche Quellen auszugreifen begann. Es sind in diesem Zusammenhang zu nennen:
Bernard Montfaucon (1655–1741) veröffentlicht nach seiner griechischen Paläographie sein monumentales Werk „L'Antiquité‚ explique et represente en figure" (15 Bde, 1719ff.) und „Les monuments de la monarchie francaise" (5 Bde, 1729–1733) mit zahlreichen Kupferstichabbildungen.
In Österreich wird dies in Hinblick auf die Habsburger nachgeahmt durch
Marquard Herrgott OSB (1694–1762) mit seinen "Monumenta augustissimae domus Habsburgicae" (7 Foliobde, 1750–1772, reich illustriert von Salomon Kleiner), als deren 4. Band seine "Taphographia" (= Gräberbeschreibung, 1762) erschien; Herrgott, ein Benediktiner aus St. Blasien im Schwarzwald, war der erste österreichische Historiker, der in St. Germain des Prés bei den Maurinern ausgebildet wurde; er hat auch denkmalschützerische Vorstellungen entwickelt und eine umfassende und in der damaligen Lage des Hauses Habsburg wichtige „Genealogia diplomatica augustae gentis Habsburgicae“ (1737) veröffentlicht.
Als weitere Beispiele derartiger Unternehmungen sind zu erwähnen:
William Dugdale (1605–1686) zu erwähnen, der 1675–1676 zwei Bände „The baronage of England“ in London erscheinen ließ und 1655–1673 ein dreibändiges „Monasticon anglicanum“;
Francois Sweerts (1567–1629) in Antwerpen schuf „Rerum belgicarum annales chronici et historici“, Frankfurt 1620;
Antoon Sanders (1586–1644) in Gent veröffentlicht in Köln 1641 seine „Flandria illustrata sive Descriptio comitatus istius“ in zwei Bänden.
1.3.6.1.5 Die Ausweitung der Kritik und die Ausformung der akribischen Geschichtsforschung
Die Bedeutung der Säkularisierung
Nach den zahlreichen Anregungen zur Kirchenreform im Spätmittelalter schärfte der Humanismus die Kritik sowohl hinsichtlich des ideellen Elements des Glaubens als auch hinsichtlich der mit der Kirche in Verbindung stehenden Fakten und Gegebenheiten, und es bewirkte die Reformation eine Relativierung der katholischen Kirche insgesamt.
Hatte man im Spätmittelalter – als Beispiel sei Thomas Ebendorfer erwähnt – weltliche und kirchliche Geschichte als getrennte Bereiche aufgefasst und separiert von einander behandelt, so stellten nun Melanchthon und Peucer in ihrer Universalhistorie beide Bereiche erstmals synoptisch dar; im 17. Jh hat man dann das kirchliche Geschehen mit der politischen Geschichte – der Historia civilis – zusammengeführt, wobei nun nur mehr der weltliche Bereich der Kirchengeschichte berücksichtigt worden ist, d.h. es sind die kirchenhistorischen Ereignisse nur mehr als ein besonderer Geschehenszusammenhang menschlicher Entscheidungen innerhalb der Menschheitsgeschichte aufgefasst und der spirituelle Bereich ist ausgeklammert worden. Damit ist die Historia ecclesiastica der profangeschichtlichen Betrachtungsweise unterworfen worden – dies kommt sehr deutlich zum Ausdruck im „Proemium generale“ der Universalhistorie des Christoph Cellarius von 1685: der kirchliche Bereich sei nicht ausgeschlossen, denn es könne der eine ohne den anderen gar nicht richtig verstanden werden – die Kirche wird hier als ein rein weltliches Phänomen betrachtet und es wird auf jede sakrale Interpretation des kirchlichen Geschehens als Bereich göttlichen Wirkens innerhalb der Menschheitsgeschichte verzichtet, ebenso aber auch auf die theologisch-eschatologische Interpretation des universalhistorischen Ganzen. Die Universalhistorie des Cellarius ist in diesem Zusammenhang auch deswegen interessant, dass wir hier nicht nur in der Fassung von 1685ff. erstmals die Gliederung Altertum – Mittelalter – Neuzeit finden, sondern vor allem darin, dass dieses Werk erstmals nicht mit der Erschaffung der Welt, sondern mit der Geschichte der Chaldäer als dem "initium imperiorum" beginnt; Christi Geburt wird nur noch in einem Nebensatz erwähnt. Auch gibt es keine eschatologischen Interpretationen der Weltgeschichte und keine Erörterung von deren Ende.
Bemerkungen zum Problem der Chronologie und der Periodisierung
Die abendländische Chronologie operierte im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit mit einer Jahreszählung von der Erschaffung der Welt an, der sogenannten Weltära. Derartige „Weltären“ gab es allerdings in großer Zahl, da unzählige Versuche unternommen wurden, aus dem Alten Testament Zahlenwerte zu gewinnen – man hat rund 200 verschiedene Datierungsansätze ermittelt, von 6894 bis 3483 vChr; die Jüdische Weltära setzte die Erschaffung der Welt in das Jahr 3761 vChr, Luther ging auf 4000 vChr und datierte Noah auf 2000 vChr. Joseph Justus Scaliger berechnete das Alter der Welt von 3947 vChr und ließ Jesus 4 vChr. zur Welt kommen; Adam wurde demnach am 23. April geboren. Kepler ging von den Werten 3992 und 4 vChr. aus. Am genauesten wurden die Iren und die Briten: Bischof James Usher (1581-1656) hat in seinen Annalen des Alten und des Neuen Testaments (1650-1653) den ersten Schöpfungstag mit Sonntag, dem 23. Oktober und den Tag der Erschaffung Adams mit Freitag, dem 28. Oktober 4004 vChr. errechnet: John Lightfoot gab dann sogar noch die Uhrzeit an: Adam sei um 9 Uhr vormittags erschaffen worden. Newton allerdings gab der Welt 500 Jahre weniger.
Alle diese Berechnungen gerieten in Widerspruch zur inneren Chronologie des Alten Testaments und natürlich bald auch zu den zeitlichen Einschätzungen der Geologen und Paläontologen – Buffon (1707–1788) nahm bereits an, dass die Erde zumindest 75.000 Jahre alt sein müsse.
Die ursprünglich christliche Gliederung war die in eine vorchristliche und eine christliche Zeit – wird dann transformiert in Altertum und [Mittelalter] – noch bei Otto von Freising und bei Biondo. Durch den Humanismus und die Reformation kommt die Idee auf, es habe ein neues Zeitalter begonnen – diese Dreiteilung als historisches Gliederungsprinzip ist zuerst wohl von dem reformierten niederländischen Theologen (Universität Utrecht) Gisebert Voetius (1588–1676) angewendet worden, und zwar im Bereich der Kirchengeschichte, da ihm mit Luther ein neues Zeitalter beginnt (Zeit bis Augustinus, Zeit von Augustinus bis Luther, Zeit seit Luther). Allgemein gültig wurde die Dreiteilung dann, wie bereits erwähnt, durch Christoph Cellarius (1634–1707), der das Altertum von der Erschaffung der Welt bis auf Konstantin, das Mittelalter dann bis zur Eroberung Konstantinopels laufen ließ und von da an von der Neuzeit sprach.
In die Zeit des ausgehenden 16. und des 17. Jhs fällt der Beginn der Erarbeitung einer neuen Chronologie, die nicht zuletzt aus der Bibelkritik erfloss, als man die Differenzen zwischen den Weltären, nichtchristlichen Chronologien und den chronologischen Angaben im Alten Testament erkannte und zu analysieren begann – es ist hier vor allem auf Joseph Justus Scaliger (1540–1609), der in seinem Werk „De emendatione temporum“ 1583 die erste systematische Erfassung der Chronologie vorlegt, und Denis Petau SJ (1583–1652), der diesen 1627 aus rein praktischen Gründen in seinem „Rationarium temporum“ bzw. seinem dreibändigen „Opus de doctrina temporum“ in manchem verbessern konnte und bereits die Zählung nach Jahren "ante Christianam Aeram" vorschlug (die übrigens schon im 15. Jh erstmals aufgetaucht war), was allerdings nicht realisiert wurde. Trotz aller Kritik hat sich die Jahreszählung nach Weltären – die ein wesentlicher Ausdruck des christlichen Weltbildes ist, indem sie vom Schöpfungsakt ausgeht – bis in die 2. H. des 18., ja in Lehrbüchern bis in das 19. Jh hinein gehalten; der Übergang zur ausschließlichen Verwendung der von Dionysius Exiguus um 525 eingeführten Inkarnationszählung und der rückläufigen Zählung für die Zeit vor Christi Geburt ist erst in der 2. H. des 18. Jhs durch Gatterer durchgängig vollzogen worden.
Aus diesem Prozess ergab sich auch die Notwendigkeit der kritischen Revision der Alten Geschichte bzw. der Frühgeschichte der Menschheit, also des Alten Testaments, die im Zusammenhang mit der Sintflutfrage zur Annahme präadamitischer Völker führte: Isaac de La Peyrere (1594–1676) hat ab 1635 die biblische Geschichte mit der Erschaffung Adams als lediglich eine Partikulargeschichte des jüdischen Volkes interpretiert, die neben der Geschichte der nichtjüdischen Völker stehe, weshalb es in der Genesis auch zwei verschiedene Schöpfungsberichte gebe – einen für die Welt, die gesamte Natur und den Menschen allgemein und einen zweiten hinsichtlich Adams und Evas als Stammeltern des auserwählten jüdischen VolkesDementsprechend vertrat er auch die Ansicht, dass die Sintflut nicht die ganze Welt betroffen habe; die Erbsünde (peccatum originale) gelte nur für das jüdische Volk, die heidnischen Völker unterlägen nur einer natürlichen Sündhaftigkeit (peccatum naturale).. Die Bibel sei demnach nicht ein Handbuch der frühen Universalhistorie, sondern nur ein partieller Auszug. Wenn im Alten Testament nirgendwo von den Präadamiten die Rede sei, so dürfe daraus nicht geschlossen werden, dass sie nicht existiert hätten. Auf Grund seiner Analyse der Geschichte anderer Völker des Vorderen Orients kommt er zu dem Schluss, dass deren Geschichte um Jahrtausende weiter zurückreiche als die der Juden. 1655 hat er sein „Systema theologicum ex Praeadamitarum hypothesi“ anonym in den Niederlanden erscheinen lassen; er musste in der Folge zwar unter kirchlichem Druck widerrufen, seine Theorie hat aber natürlich enormes Aufsehen erregt und die Diskussion angeheizt. – 1678 brachte Richard Simon (1638–1712) seine „Histoire critique du Vieux Testament“ in Paris heraus, in der er Peyreres Kritik am Pentateuch aufgreift und nachzuweisen sucht, dass keine der Überlieferungen des Alten Testaments für sich allein eine tragfähige Grundlage für eine Chronologie biete – eine vollständige Weltchronologie müsse deshalb zweifellos auch auf außerbiblische Geschichtsquellen zurückgreifen.
Als weiteres Moment der Säkularisierung im Wege der Relativierung der europäischen Kultur und damit des Christentums ist die räumliche Erweiterung des Betrachtungsfeldes, wie sie sich durch die Entdeckungen angebahnt hat – vielfach waren es gerade Geistliche, die im Wege der Missionstätigkeit durch ihre Berichte sehr dazu beigetragen haben; ein schönes Beispiel dafür ist die Einbeziehung von China im 17. und 18. Jh, wobei diese langehin mit der biblischen Überlieferung in Einklang gesehen wurde81, was bei der amerikanischen Welt nicht mehr möglich war.
Auch die neuen, aus der Wissenschaft gewonnenen Erkenntnisse wurde der Kirche und ihrem Dogma gegenüber ins Treffen geführt – so wird ein Beweis der Unmöglichkeit der Auferstehung des Fleisches geführt: 1 Land = 41.600 Dörfer zu je 22 Familien zu je 9 Personen = 38,230.000 Einwohner = 10,400.000 Kubikfuß Fleisch – diese Masse erneuert sich alle 60 Jahre, sodass sich in 10.000 Jahren eine Fleischmasse ergibt, deren Volumen größer ist als das der Erdkugel; also sei die Auferstehung des Fleisches rechnerisch klar als Unmöglichkeit erwiesen.
Gegen das Jahr 1700 hin kommt Aufbruchsstimmung auf, die Begriffe „modern“ und „neu“ sind in aller Munde; der französische Historiker Paul Hazard formulierte dazu: „man verließ die Partei der großen Toten“, eine Komödienfigur jener Jahre sagt: 4000 Jahre auf dem Buckel zu haben, ist kein Ruhm, sondern eine unerträgliche Last!"
Zur Entwicklung der Vorstellung vom Fortschritt
In der christlichen Auffassung, die an sich eher statisch ist, ist keine Rede von einem Voranschreiten, außer in der Zeit hin auf das Jüngste Gericht. Anders allerdings die stoische Philosophie, die von der zunehmenden Beherrschung der Natur durch den Menschen („zweite Natur“) spricht und ein Fortschreiten einer Entwicklung postuliert.
Im 13. Jh hat Roger Bacon Vorstellungen entwickelt, dass die Wissenschaft zur Verbesserung der Situation des Menschen beitragen könne. Bodin betrachtet die Weltgeschichte als einen fortschreitenden, sich entwickelnden Prozess; der Skeptiker Montaigne (1533–1592) vertritt die Vorstellung, dass die Philosophie eher mit der Glückseligkeit des Menschen auf Erden, denn im Jenseits zu tun haben müsse. Um 1600 gewinnt die Vorstellung vom Neuen und der unerhörten Bedeutung des Neuen für eine bessere Zukunft an Boden.
Explizit hat Bernard de Fontenelle (1657–1757, Neffe Corneilles, ein Skeptiker und Vorläufer der Aufklärung) sich vor allem in seinem „Dialogues des morts“ (1683) mit der Frage des Fortschritts auseinandergesetzt. Während er zur Ansicht gelangte, dass die Alten und die zeitgenössischen Generationen in der Kunst gleichrangig seien, konstatierte er, dass in Wissenschaft und Wirtschaft ein Fortschritt gegenüber den Alten unzweifelhaft gegeben sei und dass eine unreflektierte Verherrlichung des Altertums diesem Fortschritt im Wege stehe. Fontenelle hat in seinen „Relation de l’ile de Borneo“ eine Satire auf die Auseinandersetzung zwischen Katholiken und Protestanten verfasst. Charles Perrault (1628–1703, war eigentlich Dichter und einer der ersten Märchensammler, lange vor den Grimms, Mitbegründer der Kunstakademie unter Colbert) hat in einem seiner Werke – „Parallèle des anciens et des modernes“, 4 Bde, Paris 1688–1696 – das Altertum und die Modernen verglichen, nachdem er 1687 in der Academie de France mit seinem Gedicht „Le siècle de Louis-le-Grand“ eine tiefgehende Auseinandersetzung über den Wert des Neuen gegenüber dem Alten vom Zaun gebrochen hatte. Perrault empfand seine Zeit als unüberbietbaren Höhepunkt82.
Claude Adrien Helvetius (1715–1771) hat in seinem berühmten Werk „De l’esprit“ (1758) alle menschlichen Leistungen aus dem Gefühls- bzw. Auffassungsvermögen abgeleitet und den Egoismus als die eigentliche, zentrale Motivation dargestellt – das Buch wurde 1759 auf Befehl des Parlaments öffentlich verbrannt, Helvetius ging nach England und dann nach Berlin). Kant leitet in seiner Schrift „Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“ die positive Entwicklung von der Unleidlichkeit der Menschen ab.
Giovannibattista Vico (1668–1744) entwickelte eine Fortschrittslehre, der er zwar einen Zyklus zugrunde legte, gleichzeitig aber auch ständiges Fortschreiten zuschrieb – gewissermaßen ein spiralförmiger Fortschritt.
Die Neuerungen Pierre Bayles
Pierre Bayle (1647–1706), mit dem Beinamen "Vater der Aufklärung", war der Begründer der akribischen Geschichtsforschung in dem Sinne, dass er Descartes' Skeptizismus gegenüber die Möglichkeit von Erkenntnis aus der Geschichte – die dieser schlichtweg für unmöglich erklärt hatte – vom Prinzipiellen hinwendet zum Konkreten, indem er die Skepsis, die Kritik bei der Beurteilung von Fakten, von Ereignissen in der Geschichte (und eben nicht auf die Befassung mit der Historie insgesamt) zur Anwendung bringt. In seinem „Projet et Fragment d’un Dictionnaire critique ...“ (1692) liefert Bayle eine überzeugende Gegenüberstellung von mathematischer und historischer Gewissheit, also Vernunftwahrheit und „Tatsachenwahrheit“. Damit transponiert er die bis dahin wesentlich auf dem Gebiet der Hilfswissenschaften vollzogene Entwicklung der Kritik – zur Gewinnung der discrimina veri ac falsi, d.h. der formalen Kriterien – auf die Auseinandersetzung mit den Inhalten. Seine diesbezügliche Hauptleistung ist das "Dictionnaire Historique et Critique" (2 Bde, Rotterdam 1697, zahlreiche spätere Auflagen bzw. Ausgaben in drei Bänden, die 11. Auflage im Octavformat mit 16 Bdn; 1740 ins Deutsche übersetzt, 4 Bde, Leipzig 1741-1744), das aus der Rezensierung eines älteren Werkes, des „Grand Dictionnaire historique“ von Louis Moréri (1643–1680) entstanden ist. Bayle forderte absolute Unparteilichkeit83 und Objektivität (Ideal des Melchisedek, s.u.), den exakten Nachweis übernommener Anschauungen, Textstellen etc. (Anmerkungen) und erkannte den hermeneutischen Zirkel als solchen.
Wer die Gesetze der Geschichte kennt, der wird mir zugestehen, dass ein Geschichtsschreiber, der seine Aufgaben getreu erfüllen will, sich vom Geist der Schmeichelei und von dem der üblen Nachrede völlig freimachen muss. Er muss sich, soweit als irgend möglich, in den Zustand eines Stoikers versetzen, der von keiner Leidenschaft bewegt wird. Unempfindlich für alles andere, darf er nur auf die Interessen der Wahrheit achten, und ihr muss er die Empfindlichkeit über ein Unrecht, das ihm widerfahren, wie das Gedächtnis einer Wohltat, ja selbst die Liebe zum Vaterlande opfern. Er muss vergessen, dass er einem bestimmten Lande angehört, dass er in einer bestimmten Erkenntnis erzogen ist, dass er diesem oder jenem zu Dank verpflichtet ist, dass diese oder jene seine Eltern, seine Freunde sind. Ein Historiker als solcher ist wie Melchisedek ohne Vater, ohne Mutter und ohne Abstammung. Fragt man ihn, von wo er kommt, so muss er erwidern: Ich bin weder Franzose noch Deutscher, weder Engländer noch Spanier; ich bin Weltbewohner; ich stehe weder im Dienste des Kaisers, noch des Königs von Frankreich, sondern ausschließlich im Dienst der Wahrheit; sie ist meine einzige Königin, der ich den Eid des Gehorsams geleistet habe.Aus dem Artikel „Usson“ des Dictionnaire.
Was uns heute an rein technischer Gestaltung einer wissenschaftlichen Arbeit selbstverständlich ist, hat maßgeblich Bayle eingeführt.
Ich glaube, dass man die Kunst des Zitierens auf zwei Klassen von Schriftstellern zurückführen kann. Einige begnügen sich damit, die modernen Autoren zu plündern und die Kompilationen anderer, die dasselbe Gebiet bearbeitet haben, in einem Werk zusammenzufassen. Diese klären nichts auf und beziehen sich niemals auf die Originale [...]
Doch es gibt auch solche, die sich nur auf sich selbst verlassen. Sie wollen alles klären, sie gehen immer bis auf die Quelle zurück und prüfen, welche Absichten der Verfasser verfolgte; sie bleiben nicht bei dem Abschnitt stehen, den sie gerade brauchen, sie betrachten vielmehr mit Aufmerksamkeit, was ihm vorausgeht und was ihm folgt. Sie bemühen sich um schöne Schlussfolgerungen und suchen ihre Autoritäten gut miteinander zu verbinden. Sie vergleichen sie untereinander, sie bringen sie in Übereinstimmung oder aber sie zeigen, dass sie sich bekämpfen. Und damit können sie zu denen gehören, die sich eine Religion daraus machen, auf dem Gebiet der Tatsachen nichts vorzubringen, als was man beweisen kann.
Hyperkritizismus, Pyrrhonismus
Im Gefolge Descartes’ bzw. der cartesianischen Anschauungen entwickelte sich in Frankreich im 18. Jh ein scharfer Kritizismus bis hin zum Hyperkritizismus – der sogenannte Pyrrhonismus, nach dem griechischen Skeptiker Pyrrho von Elis –, der vor allem mit dem Namen des Jesuiten Jean Hardouin (1646–1729) verbunden wird, der schließlich erklärte, dass der weitaus größte Teil der aus dem klassischen Altertum überlieferten Schriften im 13. Jh erst als Fälschungen entstanden sei, dass die aus der Zeit vor dem Tridentinum überlieferten Konzilien nie stattgefunden hätten etc.85 – Ähnlich radikale Vorwürfe sind im 19. Jh aus nationalen Motiven erhoben worden und wurden auch im 20. Jh immer wieder als finanziell einträgliche Sujets für pseudowissenschaftliche Literatur herangezogen.
Noch weit akkurater als Bayle verhielt sich der englische Mathematiker John Craig (1663–1731, ab 1711 FRS = Fellow der Royal Society); er war ein strikter Anhänger Newtons und veröffentlichte 1699 seine „Theologiae christianae principia mathematica“; in denen er auch versuchte, die Wahrscheinlichkeit der Glaubwürdigkeit von mündlich und von schriftlich überlieferten Aussagen mathematisch zu fassen. Er stellte dabei die Zahl der Bezeugungen eines Faktums, den Zeitraum der Existenz einer bestimmten Nachricht und den zeitlichen Abstand vom Ereignis in Rechnung. Die „Glaubwürdigkeitsphase“ einer mündlich überlieferten Nachricht begrenzte er mit 800 Jahren – darnach würde die Wahrscheinlichkeit für die Wahrhaftigkeit der Aussage unter einen tolerablen Wert sinken; bei schriftlicher Überlieferung ging er auf 3150 Jahre. In ähnlicher Weise beschäftigte sich ein anderer Autor (vermutlich George Hooper) zur selben Zeit in den „Philosophical Transactions“ der Royal Society mit dieser Frage86.
1.3.6.1.6 Zur weiteren Fortführung der Geschichtsforschung des 17. Jhs im 18. Jh
Viele der im 17. Jh entwickelten Ansätze gelangen erst im 18. Jh zur vollen Entfaltung. Der auf diesen Grundlagen erfolgende enorme Ausbau des inhaltlich-materiellen Fundaments erst macht die – hier nicht mehr zu behandelnden – neuen Forderungen der Aufklärungshistoriographie des 18. Jhs erst sinnvoll.
Nationale Aspekte
Im 18. Jh kamen in der Entwicklung der Geschichtsforschung immer stärker nationale Aspekte zum Tragen, wobei nun die Akademien und die Universitäten in die Entwicklung eintreten.
Eine führende Rolle spielte dabei Frankreich, wo es zur Organisierung der ersten monumentalen weltlichen nationalen Quellensammlung kommt, nämlich der "Rerum Gallicarum et Francicarum Scriptores" = "Recueil des historiens des Gaules et de la France" (RHF), erster Leiter ist Dom Martin Bouquet. 1738–1786 erscheinen 13 Bände, nach der Revolution nimmt die Academie des Inscriptions et Belles-Lettres die Arbeit wieder auf, 1806-1904 erscheinen die Bände 14-24, die letzten Bände bearbeitete Leopold Delisle – die Reihe reicht bis in das 14. Jh. Als kirchliches Gegenstück wurde ab 1710 von den Maurinern unter Dom Denis de Saint-Marthe die „Gallia christiana“ (Frankreich im alten Sinne, Rhein als Grenze, nach Bistümern geordnet) herausgegeben (13 Bde: 1715–1785, Bde 14–16: 1856–1865).
Diesen Quellensammlungen zur weltlichen und zur kirchlichen Geschichte Frankreichs standen zur Seite die von den Maurinern herausgegebene „Histoire litteraire de la France“, die alle Autoren – gleich welcher Sprache und welchen Gebietes – behandeln sollte, 12 Bde, 1733–1763 (bisher 38 Bände bis in das 14. Jh), und des Mauriners Bernard de Montfaucon (1655–1741) "Les monuments de la monarchie francoise", 5 Bde, Paris 1729–1733, die in Österreich durch Marquard Herrgott nachgeahmt worden ist; Montfaucon ist damit einer der Begründer der Mittelalter-Archäologie – er war auch der Begründer der griechischen Paläographie (Palaeographia graeca, Paris 1708).
1711 bereits schlägt der Kanzler von Frankreich, Henri-Francois d'Aguesseau, dem König die Errichtung eines öffentlichen, zentralen Staatsarchivs vor. Die Idee wird erst gegen Ende des 18. Jhs realisiert. Wohl aber wird 1762 als zentrales Depot für Abschriften in- und ausländische Archivalien zur Geschichte Frankreichs das Cabinet des Chartes begründet; es werden 40.000 Abschriften gemacht; das Cabinet wird 1790 aufgelassen bzw. in die Bibliotheque nationale in Paris überführt („Fonds Moreau“, 284 Bände). Es werden am Cabinet zwei Publikationsreihen erarbeiten: eine Textsammlung und eine Regestensammlung.
In ähnlicher Weise wie es in Frankreich geschah, strebte in Italien Ludovico Antonio Muratori (1672–1750), Bibliothekar der Herzöge von Modena und Präfekt der Ambrosiana in Mailand, in unglaublicher Aktivität nach der Bewerkstelligung einer die erstrebte nationale Einigung vorwegnehmenden Quellenedition, so erschienen seine „Scriptores rerum italicarum“, 28 Bde, Mailand 1723–1738, und seine "Annali d'Italia", 12 Bde, Rom 1744–1749.
In Deutschland gelang derlei in dieser Dimension nicht, da Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) seine Pläne, in Deutschland eine Geschichtsforschung nach französischem und italienischen Muster zu installieren, nicht realisieren konnte; seine eigenen „Annales imperii occidentis Brunsvicenses“ (für die Zeit von 768-1005 und ursprünglich als Genealogie der Welfen gedacht) blieben unvollendet und wurden erst im 19. Jh von Heinrich Georg Pertz herausgegeben, und schon gar nicht hatte Leibniz es vermocht, die Mittel für ein Collegium historicum Germanicum (als deutsches Gegenstück der Mauriner gedacht) aufzubringen bzw. die Annalen als Reichsannalen zu betreiben; so entsteht lediglich eine Materialsammlung rein personengeschichtlichen Zuschnitts.
In England, wo 1622 William Camden an der Universität Oxford einen ersten Lehrstuhl für Geschichte gestiftet hatte und 1627 eine analoge Professur in Cambridge geschaffen worden war und die Bemühungen der Society of Antiquaries um ihre Anerkennung sich höchst mühselig gestaltet hatten, veranlasste die Regierung zu Ausgang des 17. Jhs die Edierung der internationalen Verträge der englischen Könige nach dem Muster des von Leibniz veranstalteten „Codex iuris gentium diplomaticus“, nämlich Thomas Rymer, „Foedera“, 20 Bde, London 1704–1735 (reicht bis 1654), außerdem edierte man 1783 das berühmte „Domesday Book“87.
In Österreich entstand sehr früh – auf Grund direkten Kontaktes mit den Maurinern – eine "nationale", aber auf die Historiographie beschränkte Quellensammlung, nämlich die von Hieronymus Pez ins Werk gesetzten "Scriptores rerum austriacarum" (3 Bde Leipzig-Regensburg 1721–1745), der gegen Ende des Jahrhunderts Adrian Rauch mit seinen "Rerum austriacarum scriptores" (3 Bde, Wien 1793–1794) folgte.
Die kirchengeschichtlichen Unternehmungen
Nach dem Vorbild der "Italia illustrata" strebte man im kirchlichen Bereich nach einer umfassenden historisch-topographischen Erfassung der kirchlichen Welt. Das Idealbild gab Ferdinand Ughelli (1595–1670) vor, der 1644–1662 in Rom seine neunbändige "Italia sacra" herausbrachte, die eine ähnlich große Herausforderung darstellte wie Biondos Werk zu seiner Zeit und von der bereits 1717–1722 eine Neubearbeitung erschien. Analoge Werke folgten für andere Länder: die 1656 begründete, aber erst 1715 in Gang gebrachte „Gallia christiana“ und 1747–1879 die „Espana sagrada“ (in den 51 Bänden wurde auch Portugal erfasst) – eine „Germania sacra“ ist – wie eine „Germania illustrata“ – nie erschienen, bedeutende Vorarbeiten hat allerdings Marcus Hansiz erbracht, Magnus Klein hat sich mit dem Gedanken getragen, Gatterer hat ein umfassendes Projekt ausgearbeitet und es ist sogar eine gelehrte Sozietät zur Verfolgung des Planes gegründet worden, in St. Blasien hat man dann 1790–1862 einen Torso von neun Bänden herausgebracht. Um 1800 taucht das Projekt einer „Austria sacra“ auf, das ebenfalls nicht realisiert worden ist, aber bis in unsere Zeit verfolgt wird.
Neben diesen Bemühungen und den in anderem Zusammenhang bereits erwähnten, von der Geistlichkeit getragenen Werken, kam es auf kirchlichem Gebiet im 18. Jh vor allem in Italien und in Frankreich zu großen Editionen der Konzilsmaterialien:
In Frankreich gab Jean Hardouin 12 Bde „Acta conciliorum et epistolae decretales ac constitutiones summorum pontificum“, Paris 1714–1715, heraus. N. Coleti, ein venezianischer Geistlicher, veröffentlichte auf Grundlage vereinzelter französischer Ausgaben 23 Bde „Sacrosancta concilia“, Venedig 1728–1733, heraus; der Kardinal Giovanni Domenigo Mansi (1692–1769; EBF von Lucca) schuf mit seinen 31 Bänden „Sacrorum conciliorum nova et amplissima collectio“, Florenz-Venedig 1759–1793, die bis in unsere Zeit umfangreichste und vollständigste Sammlung mittelalterliche Konzilientexte. Im 19. Jh kam es dann durch Jacques-Paul Migne (1800–1875) ab 1844 zur Herausgabe der patristischen Literatur in Gestalt des „Patrologiae cursus completus“ (lateinische Reihe in 221 Bände, 1844/45!) sowie der griechischen Serie in lateinischer Übersetzung (165 Bände, 1857–1858). Dieses ungeheure Werk ist als flüchtig gearbeitet viel kritisiert, aber in Ermangelung anderer Ausgaben auch viel benützt und bis heute nur partiell durch bessere Ausgaben ersetzt worden.
Erfolgreicher waren einmal mehr Unternehmungen auf Ordensbasis, wie etwa die noch in Bearbeitung stehende „Germania Benedictina“.
1.3.6.1.7 Die Geschichtsschreibung der Aufklärung
Allgemeines
Obgleich England der Ausgangspunkt der Aufklärung war, so wirkte sich der neue Geist wenig auf die Historiographie aus, weil die Glorreiche Revolution die Interessen der einzelnen Schichten weitgehend berücksichtigt hatte und damit kein Movens für eine Vermehrung der Historiographie bestand.
Anders waren die Verhältnisse in Frankreich, wo sich gegen Ende der Regierungszeit Ludwigs XIV. massive Kritik erhob, die gegen das überkommene System und die mit ihr verbündete Kirche zum Angriff überging. So verbanden sich politische Spekulation, der Kampf gegen den Aberglauben und die theologische Geschichtsbetrachtung.
Eine grundlegende Veränderung jedoch war, dass die Geschichte nunmehr von unabhängigen Gelehrten geschrieben wurde, die nicht mehr, wie bisher fast ausschließlich gehandhabt, dem Herrscher und seinem Staat ergebene und daher offiziöse, tendenziöse Geschichtsschreibung betrieben, wie dies ja selbst bei den großen Florentinern der Fall gewesen war, die selbst den regierenden Familien entstammend nur die Perspektive des Staates, die Staatsräson – wenn man den Begriff vorwegnehmend gebrauchen will – kannten. So wird nun zum ersten Mal die Geschichte aus der Sicht der Untertanen geschrieben, nämlich des wohlhabenden dritten Standes, für den aber nicht nur die rein politische Geschichte, wie sie bis jetzt – die ethnographische Geschichtsschreibung miteinbezogen – betrieben worden war, von Interesse war, sondern ebenso Wirtschaft, Handel und Industrie darstellenswert waren. So erschließt die Aufklärung völlig neue Aspekte und neue Bereiche der Geschichtsbetrachtung.
Zugleich vollzieht sich auf Grund der neuen freien Geisteshaltung die endgültige Loslösung von der theologischen Geschichtstheorie; dafür freilich sind die Werke der Aufklärer ihrer eigenen Doktrin des Nationalismus verhaftet. Die Aufklärung gewinnt einen philosophischen Standpunkt der Geschichtsbetrachtung, und mehr als zuvor werden Typisches und Allgemeingültiges vom Zufälligen geschieden; die Suche nach Gesetzmäßigkeiten beginnt.
Ein Beispiel für die Geschichtsauffassung der Aufklärung ist die "Katastrophentheorie". In ihrer optimistischen vom Fortschrittsgedanken geprägten Grundhaltung – (Kant: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus einer unmündigen Vergangenheit […] Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!" – sapere aude!) – sieht sie sich mit Negativa wie dem Niedergang von Kulturen konfrontiert, in denen ja die Ratio die höchste Wirkung entfaltet haben sollte. Die Katastrophentheorie gewinnt den Katastrophen Positives ab: Beispielsweise die Rückführung des Humanismus auf die Auswanderung der Gelehrten anlässlich der Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453, eine Theorie, die sich verschiedentlich bis heute gehalten hat. Freilich war dieses Ereignis nicht bedeutungslos für ihre Entwicklung, aber keineswegs das auslösende oder gar das allein verantwortliche Moment. Der Aufschwung der italienischen Städte im späten Mittelalter wurde auf die Kreuzzüge und den Einfluss der orientalischen Kultur zurückgeführt. Damit hatte man Erklärungsmodelle für Erscheinungen, die nicht auf den Einfluss eines Staatsmannes allein zurückzuführen waren.
Das Verdienst der Aufklärung war es allerdings, dass man sich nun tatsächlich mit Problemen der Kulturgeschichte beschäftigte.
Die Historiographie in Frankreich stand im 18. Jh wesentlich unter dem Einfluss philosophischer Überlegungen, die vor allem auf die Staatslehre und auf ethisch-moralische Fragen angewendet wurden.
Drei Momente sind im 18. Jh von besonderer Bedeutung:
1) Dass 1752 der deutsche Theologe Johann Martin Chladenius (1710–1759) in seinem Buch "Allgemein Geschichtswissenschaft" eine umfassende Erkenntnistheorie und Methodologie der Geschichtswissenschaft gab. Chladenius bemüht sich expressis verbis, die erkenntnistheoretische Lücke zwischen der Philosophie als der nach allgemeinen Wahrheiten strebenden Wissenschaft und der nach individueller = historischer Wahrheit strebenden Historie zu schließen. Er stellt sich dabei allerdings als Theologe – vergeblich – gegen das „Idolum saeculi: probabilitas“ (so der Titel einer seiner Schriften). Er analysiert, wie aus einer Begebenheit ein geschichtliches Bild entsteht und welchen Veränderungen der ursprüngliche Sachverhalt ausgesetzt ist, dass dazu ein "Zuschauer" notwendig ist, dass es nur unterschiedliche Aussagen über ein und dasselbe Ereignis geben kann (Sehepunkt) und dass man deshalb nur eine unvollkommene Information über das Ereignis erlangen könne; besondere Bedeutung misst er dabei psychologischen Fragen und dem Problem „Sprache“ zu.
2) In Frankreich treten mit Montesquieu und Voltaire bahnbrechende Denker im Bereich der Geschichte und der Geschichtsphilosophie auf. Die Geschichtsschreibung der französischen Aufklärung resultiert aus dem Widerstand gegen das herrschende politische System (das war in England nicht so, dort war man ab 1688 im Grunde genommen zufrieden, für historische Auseinandersetzungen fehlten die Anlässe). Im Wesentlichen entwickelten sich zwei Richtungen:
politisch-spekulative Überlegungen, wie sie aus der italienischen Historiographie des Humanismus (Macchiavelli, Guicciardini) übernommen wurden, führen hin zur Säkularisierung der gesamten Geschichte, auch der antiken und biblischen Geschichte
Kampf gegen Aberglaube und theologische Geschichtsbetrachtung – weniger bedeutsam als die erste Richtung.
3) Die wesentliche Neuerung besteht nun aber darin, dass die französische Aufklärungshistoriographie erstmals Geschichte in einem umfassenden Sinne nicht vom Standpunkt der Regierenden, sondern, wie bereits erwähnt, von dem des Untertanen (freilich des wohlhabenden dritten Standes) aus begreift und darstellt; dies bringt neue Aspekte ein: die Geschichte des Handels, der Industrie, der Kultur. Den neuen Historikern kam keine politische Verantwortung zu, denn sie gehörten nicht der Regierungsebene an, waren nicht wie die florentinischen oder venezianischen Historiographen in diese eingebunden; sie verfügten daher zwar vielfach nicht über die erforderliche Sachkenntnis, waren aber unabhängig, in mancher Hinsicht vorurteilsloser und nicht vorgeprägt und sie waren die ersten, die die Geschichtsentwicklung auch unter philosophischen Aspekten allgemeiner und über große Zeiträume hinweg zu erfassen und zu interpretieren versuchten; sie suchten das Typische und allgemein Gültige vom Zufälligen zu unterscheiden; dies führt erstmals zu einer großflächigen Analyse im Gegensatz zu den kleinräumigen und an unmittelbarer Ursache-Wirkung orientierter florentinischer Behandlung der Thematik. So entwickelt sich in der französischen Aufklärung jener moderne Typus von Geschichtsschreibung, der im 19. Jh fortentwickelt wird und der auch heute noch Pate der moderneren Richtungen ist. Es ist dies zugleich ein Prozess der Verselbständigung der wissenschaftlichen Geschichtsforschung; ihre Träger stehen nicht mehr im Dienste von Regierungen (preußische Hofhistoriographen sind Ausnahmen), sondern sind selbständig und verfolgen ihre eigenen Interessen und Intentionen. Sie untersuchen erstmals systematisch nach Ursache und Wirkung in großen Zusammenhängen (die humanistische Annalistik bestand aus einer unzusammenhängenden Abfolge von brillanten Erzählungen von einzelnen Fällen, die antiquarischen Historiker hatten Fakten chronologisch aneinandergereiht); zweifellos sind bei diesen Erklärungsversuchen zahlreiche voreilige, summarische und grob gefasste Kausalketten begründet worden, aber sie haben es eben erstmals versucht, sie haben (jenseits der Theologie) die Frage aufgeworfen, inwieweit unbewusste Mächte – Nationalcharaktere, Zeitgeist – den Gang der Ereignisse mitbestimmten.
Zu diesen drei Momenten tritt die Entwicklung des Fortschrittsgedankens und dann auch der Vorstellung der Genese wie die allgemeine Ausweitung des Betrachtungsfeldes der Historie über die bloße Dynasten- und Kirchengeschichte hinaus auf Wirtschaft, Kultur, Bürgertum etc. In dieser Weise werden in der 2. Hälfte des 18. Jhs Geschichtstheorie, Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung zusammengeführt. Die Säkularisierung erfordert die Schaffung einer bewussteren Geschichtsphilosophie als bis dahin.
Ein Mangel der französischen Aufklärungshistoriographie besteht allerdings im geringen Einfühlungsvermögen in frühere Zeiten und Personen; es wird zu sehr aus der eigenen Zeit heraus geurteilt und gewertet. Daneben auch Standardtopoi: Religion könne nur von schlauen Priestern zu ihrem eigenen Vorteil erfunden worden sein; eine weise Verfassungsbestimmung müsse von einem weisen Despoten oder Gesetzgeber erfunden worden sein – wird nicht als Ergebnis einer langfristigen organischen Entwicklung angenommen. Aus dieser Haltung heraus resultiert bzw. damit hängt zusammen der Utilitarismus der Aufklärungshistoriographie. Cassirer hat die Geschichtsauffassung des 18. Jhs als „weniger ein fertiges in seinen Umrissen feststehendes Gebilde“, sondern vielmehr „als eine nach allen Seiten hin wirkende Kraft“ bezeichnet.
Die großen Franzosen – Montesquieu, Voltaire, Rousseau
Charles-Louis de Secondat, Baron de La Brède et de Montesquieu (1689–1755) war Jurist und ist einer der wichtigsten Begründer historischen Denkens in der Neuzeit. 1721 publizierte er seine „Lettres persanes“, eine schonungslose Kulturkritik unter der Maske eines idealen Naturmenschen. Da er die Dominanz Europas durch keine andere Hegemonie ersetzt, ist er ein Vertreter des Kulturrelativismus und ein Wegbereiter der Kulturmorphologie. 1748 erscheint sein Werk „L'Esprit des lois“, wobei der Begriff „Gesetz“ sich auf alle möglichen Bereiche bezieht: Klimatheorie, Religion, Staatsgesetze etc. – die Summe ist ein allgemeiner Geist = in etwa Volksgeist. Montesquieu fasst als Erster den Staat nicht nur als politisches System auf, sondern als eine Gesamtheit unter gesellschaftlichen, kulturellen, wirtschaftlichen, rechtlichen etc. Aspekten.
„Esprit des lois“ bezeichnet den Beginn einer neuen Epoche: Montesquieu schreitet durch das Medium der Bayleschen Fakten hindurch zur Erfassung des Allgemeinen, der Gesetze, die eigentlich den Gedanken des historischen Idealtypus bringen; der „Esprit des lois“ ist eine politische und soziologische Typenlehre, in der die einzelnen Staatsformen als Ausdruck bestimmter typischer Strukturen verstanden und dargestellt werden, die uns in der Realität in verschiedenen Variationen entgegentreten, aber gleichwohl dem Typus entsprechen; diesen Typen ordnet Montesquieu bestimmte Grundprinzipien zu (Republik – bürgerliche Tugend; Monarchie – Ehre; Despotie – Furcht). Montesquieu zieht auch die natürlichen Faktoren in Betracht (Klimatheorie), postuliert aber, dass der Mensch auf Grundlage des freien Willens trotz natürlicher Widrigkeiten sein Geschick frei gestalten kann und soll.
Montesquieu hat den Boden vorbereitet für Francois Marie Arouet, bekannt als Voltaire, (1694–1778), den Cassirer in Hinblick auf seine Wirkung mit niemand geringerem als Newton verglichen hat. Voltaire ist nach seiner eher noch konventionellen „Histoire de Charles deuxieme“ (1731) im Jahre 1751 mit seinem Werk „Le siecle de Louis XIV“ hervorgetreten, dessen endgültige Fassung allerdings erst 1766 erschienen ist. Es ist dies ein bahnbrechendes Werk, das die alte dynastisch orientierte Historiographie durch eine gesamthistorische Kulturgeschichte ersetzt – es soll die Gesamtheit des Lebens dieser Zeit dargestellt werden. Voltaire ist allerdings vom Absolutheitsanspruch der Aufklärung beseelt (es gibt nur vier Jahrhunderte, die von Belang seien, ähnlich auch Schiller und andere: Weltgeschichte ist Weltgericht. Geschichte als Totenrichterin etc.). Dieses Werk ist in einer neuen Form gehalten: Voltaire ordnet die Ereignisse nicht nach ihrer Gleichzeitigkeit, gibt also die annalistische Form auf und sucht und findet eine neue Ordnung der Dinge nach ihrem inneren Zusammenhang. So behandelt er den Einfluss von Colberts Handelspolitik und der finanziellen Verhältnisse im Allgemeinen auf die Außenpolitik Ludwigs XIV. In diesem Werk spiegelt sich Voltaires Persönlichkeit – einerseits war er Vertreter der arbeitsamen, auf Erwerb ausgerichteten Bourgeoisie, andererseits aber auch ein Genussmensch des ästhetischen Vergnügens, der an Ludwig XIV. vor allem das Mäzenatentum schätzte und dies offensichtlich gegenüber dem Nachfolger Ludwig XV. hervorstrich. Er schrieb aus einer ähnlichen Intention wie Macchiavelli (die Geschichtsschreibung habe der Wohlfahrt des Staates zu dienen), doch war sein Hauptanliegen eine notwendige Reform des Staates von oben; als ideale Staatsform sah er wie seine Schüler auch den aufgeklärten Despotismus an. Als Vorbild stand ihm England vor Augen, dessen Verwaltungssystem tatsächlich jenem Frankreichs überlegen war. Die Geschichte der Menschheit ist nach Voltaire ein Kampf um Fortschritt und Bildung. Die Geschichtsschreibung habe der Wohlfahrt des Staates zu dienen.
1756 veröffentlicht Voltaire seinen "Essai sur l'Histoire Gènèrale et sur les Moeurs et l'Esprit des Nations" – endgültige Fassung 1769. Bereits 1753 wurde der Essai von Gotthold Ephraim Lessing in der Vossischen Zeitung angekündigt; die Anzeige beginnt mit der Bemerkung, dass die edelste Beschäftigung des Menschen der Mensch sei, dass man sich mit diesem Gegenstand aber „auf eine gedoppelte Art“ beschäftigen könne: „Entweder man betrachtet den Menschen im Einzelnen oder überhaupt. Auf die erste Art kann der Ausspruch, dass es die edelste Beschäftigung sei, schwerlich gezogen werden. Den Menschen im Einzelnen zu kennen; was erkennt man? Toren und Bösewichte [...] Ganz anders ist es mit der Betrachtung des Menschen überhaupt. Überhaupt verrät er etwas Großes und seinen göttlichen Ursprung. Man betrachte, was der Mensch für Unternehmungen ausführt, wie er täglich die Grenzen seines Verstandes erweitert, was für Weisheit in seinen Gesetzen herrschet, von was für Emsigkeit seine Denkmäler zeugen. [...] Noch hat kein Schriftsteller sich diesen Gegenstand insbesondere erwählt, so dass der Verfasser der gegenwärtigen Schrift mit Recht von sich rühmen kann: libera per vacuum posui vestigia princeps“88. Die Weltgeschichte ist für Voltaire nicht mehr Gang der göttlichen Vorsehung, sie soll vielmehr aus einem ihr innewohnenden Entwicklungsgesetz gedeutet werden, das eine langsame Vervollkommnung der Vernunft zum Ziel hat; Voltaire bemüht sich daher um das Herausarbeiten großer Linien und gibt – im Gefolge Montesquieus – die Auffassung, dass Mitteleuropa das Zentrum sei, auf, er bezieht Asien und Amerika in seine Betrachtungen ein. Es soll eine „idèe gènèrale des nations qui habitent et qui dèsolent la terre“ gewonnen werden. Der Geschichtskenntnis misst er große Bedeutung zu: „Man schaffe das Studium der Geschichte ab, und man wird vielleicht eine neue Bartholomäusnacht in Frankreich und einen Cromwell in England erleben.“
Voltaire warf den Historikern vor, vergessen zu haben, dass sie Menschen seien, und nur Schlachten geschildert zu haben anstatt sich mit der Geschichte des Geistes, dem einzig wahren Gegenstand der Historie zu beschäftigen. Die Historie habe so zur Mythisierung und zum Heroenkult beigetragen. Das allmähliche Voranschreiten des Geistes zu schildern und die Hemmungen, die es zu überwinden galt, sichtbar zu machen, ist das Ziel des „Essai sur les moeurs“. Der Geschichtsforscher hat für Voltaire wie der Naturforscher das Ziel, im Wandel und Gewirr der Erscheinungen das versteckte Gesetz zu finden. Die kritische Geschichtsschreibung hat dafür denselben Dienst zu leisten wie die Mathematik in der Naturerkenntnis: "In der Physik lassen wir nur das gelten, was bewiesen ist, und in der Geschichte das, was als die größte Wahrscheinlichkeit erkannt worden ist. Niemals dürfen wir uns auf bloße Hypothesen stützen, niemals dürfen wir den Anfang damit machen, irgendwelche Prinzipien zu erfinden, mit denen wir darangehen, alles zu Erklären. Womit wir vielmehr beginnen sollen, ist die exakte Zergliederung der uns bekannten Phänomene. Wenn wir nicht den Kompass der Mathematik und die Fackel der Erfahrung zu Hilfe nehmen, so können wir nicht einen einzigen Schritt vorwärts tun". Die Vernunft ist zeitlos vorgegeben, der Fortschrittsgedanke orientiert sich daran, dass sich die Vernunft im Verlaufe der Geschichte in ihrer Gestalt allmählich immer reiner und vollkommener offenbart. Geschichte ist für Voltaire nicht Zweck, sondern nur Mittel, Instrument der Selbsterziehung und Selbstbelehrung des menschlichen Geistes. Er ist von großem Optimismus beseelt und glaubt die Menschheit dem Ziele nahe; Voltaire schreitet über die akribische Geschichtsforschung, die er selbst geübt hat, hinaus.
1765 hat Voltaire seine „Philosophie de l'Histoire“ vorgelegt, mit der er in gewisser Hinsicht diese Disziplin in einem bewussten Sinne begründet hat.
Neben Voltaire steht Jean Jacques Rousseau (1712–1778), der 1750 auf die Preisfrage der Academie in Dijon, ob der Fortschritt der Kultur die Menschen gebessert habe, in seinem „Discours sur les arts et les sciences“ und mehr noch in seiner „Abhandlung über den Ursprung und die Ursachen der Ungleichheit unter den Menschen“ (1755, von großer Bedeutung für die französische Revolution) negativ beantwortet und einen Kulturpessimismus vertritt: Die Menschen werden durch Kultur und Wissenschaft ins Verderben gestürzt. Rousseau vertritt hier eine Zyklentheorie, ähnlich wie Vico. 1762 vertritt er in seinem berühmten „Contrat social“ die gegenteilige Ansicht, nämlich das Ideal eines politisch mündigen Bürgers, der willentlich die naturgegebene Freiheit (die Rousseau jetzt als Anarchie auffasst) zugunsten des Kollektivwillens zurückstellt und so an der Gestaltung des Staates („soziale Leistung“) mitarbeitet – der Staat ist nun das Ordnungsprinzip bzw. die Möglichkeit einer nicht-anarchischen Existenz (weist hin auf Kant und Hegel).
Rousseau vertrat den Standpunkt, dass der Mensch frei geboren sei, doch infolge des Entzuges der natürlichen Lebensverhältnisse und des Druckes der Gesellschaft überall in Ketten liege. Mit dieser Ansicht übte er vor allem auf Deutschland enormen Einfluss aus.
Die Philosophie des 18. Jhs behandelte Naturprobleme und historische Probleme als eine Einheit und suchte dieselben Fragestellungen und dieselbe Methodik auf beide Bereiche anzuwenden, bis man erkannte, dass dies eigentlich nicht möglich sei, da zwischen den beiden Bereichen ein fundamentaler Unterschied bestehe. Cassirer spricht davon, dass man mitten in der Eroberung der geschichtlichen Welt diese begrifflich habe fundieren und sichern müssen, und betont in diesem Zusammenhang die zentrale Position von Voltaires „Essai sur les moeurs“.
ZurRezipierung im deutschen Bereich – Göttingen
Sowohl Voltaire als auch Rousseau haben die Entwicklung der deutschen Historiographie maßgebend beeinflusst. Man hielt sich hier im akademischen Betrieb – der sehr zum Unterschied zu Frankreich den wesentlichen Teil der Beschäftigung mit der Geschichte ausmachte – anfangs eher daran, die französischen und englischen Entwicklungen vorzutragen, als eigene Ideen zu entwickeln. Die Professoren verfassten in der Regel Lehrbücher für die Studierenden und schrieben nicht für einen weiteren gebildeten Kreis wie im Ausland. Dennoch sind die Grundstrukturen der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Geschichte als einer akademischen Disziplin in einem moderneren Sinne sind in Deutschland entwickelt worden, und zwar wesentlich an der 1737 begründeten Universität Göttingen89 durch Gelehrte wie Achenwall, Gatterer und Schlözer, die die modernen Konzeptionen der philosophischen Historiker wie Montesquieu, Voltaire, Gibbon und Iselin mit den handwerklichen Elementen der Textkritik bzw. der historischen Hilfswissenschaften verknüpften. Das dort entwickelte Paradigma hat erst im 20. Jh seine Gültigkeit verloren, ohne dass dies jedoch allseits akzeptiert worden wäre. Die Göttinger erkannten bereits das Dilemma zwischen der rationalen und durch Hypothesen gestützten Annäherung an den Untersuchungsgegenstand und die Grenzen, die dem rationalen, empirischen und induktivem Denken hinsichtlich des Verstehens sinnhaltiger sozialer Beziehungen gesetzt sind, da diese eine gewisse Einfühlung und miterlebendes Verstehen erfordern, was jedoch einem streng methodologischen wissenschaftlichen Vorgehen widerspricht; auch erwies es sich als unmöglich, rhetorische und emotionale Elemente aus der Sprache zu eliminieren, wie dies in den Naturwissenschaften möglich ist. Bedeutend und wesentlich ist, dass die Göttinger Historiker in unglaublich moderner Weise versuchten, einen Kompromiss zwischen der Analyse struktureller Untersuchungen und dem intuitiven Verstehen einzigartiger historischer Erscheinungen zu bewerkstelligen – eigentlich das, was auch heute zur Diskussion steht. Dieser Versuch ist in der Folge durch die idealistische historische Schule HumboldtRanke zurückgewiesen worden.Als unter dem Einfluss vor allem Voltaires stehend können die Göttinger Historiker bezeichnet werden, vor allem nämlich:
August Ludwig Schlözer (1735–1809), Anhänger eines aufgeklärten Absolutismus, Despotismus; reicht aber bei weitem nicht an Voltaire heran, dessen universalhistorische Prinzipien er übernahm. Verbesserungen in der Chronologie, führte die Rückwärtszählung von Christi Geburt an ein. Geschichte Russlands, Nordische Geschichte, Geschichte Nordafrikas, Geschichte der Türken und Mongolen, Vorstellung von der Universalhistorie, Weltgeschichte (reicht nur bis 500 nChr). Begnügte sich damit, historische Tatsachen zu registrieren und zu zensieren.
Johann Christoph Gatterer (1727–1799), gehörte einer gelehrten Schule an, deren Hauptinteresse im Anschluss an die Mauriner vornehmlich den Hilfswissenschaften, der Diplomatik, der Genealogie und der Chronologie galt. Seine Werke waren für den Unterricht bestimmt, und als solche sehr wirksam, haben aber in der Geschichte der Historiographie keine Bedeutung. Sein Verdienst ist die Gründung des historischen Instituts in Göttingen in der Mitte der 1860er Jahre.
In Göttingen fanden sich im letzten Viertel des 18. Jhs zahlreiche Historiker der aufklärerischen Richtung zusammen; diese junge Universität übte wohl deshalb besonders große Anziehungskraft aus, weil die Professoren für ihre Werke von der Zensur befreit waren.
Mächtigen Einfluss auf die deutsche Historiographie nahm Rousseau, der im Gegensatz zu Voltaire den Standpunkt des Volkes vertrat. Rousseaus Wirkung in Deutschland erklärt sich damit, dass dem deutschen Bürgertum jenes Maß an gesellschaftlicher Gleichberechtigung fehlte, welches das englische und französische genoss; so ist es nicht verwunderlich, dass Rousseau weit mehr Anhänger in Deutschland als in Frankreich fand:
Friedrich Schiller (1759–1805), war nicht nur einer der Großen der deutschen Klassik, sondern auch Professor der Geschichte an der Universität Jena; seine wichtigsten Werke „Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung“ und „Geschichte des Dreißigjährigen Krieges", zeigen deutlich Rousseaus Einfluss; berühmt wurde seine Antrittsvorlesung „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“, die großen Einfluss ausübte, natürlich auch auf Grund seiner Wirkung als Dichter.
Friedrich Christoph Schlosser (1776–1861) stand ebenfalls im Banne Rousseaus; er war Kantianer und fällt zeitlich bereits in die Zeit der liberalen Historiographie. Schlosser, der eine bedeutende „Weltgeschichte in zusammenhängenden Darstellungen“ (1816–1824), aber auch eine populäre „Weltgeschichte für das deutsche Volk“ verfasste, verfolgte ein Programm der sittlichen Hebung des Menschen nach den Lebensregeln des „wahren rechtschaffenen Mannes“. Schlosser erkannte als einer der ersten die Literatur als politische Potenz.
Justus Möser (1720–1794) wirkte in Osnabrück; er erlangte als Sozialhistoriker Bedeutung und war ebenfalls ein Anhänger Rousseaus. Er hat mit seiner „Osnabrückischen Geschichte“ eine erste Sozialgeschichte bzw. Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte überhaupt geschrieben, klare und nüchtern-sachliche Darstellung zeichnen ihn aus. Die Geschichte sollte bei ihm für sich selbst sprechen, die Ereignisse sollen begriffen (= verstanden), nicht kritisiert werden. Diese Auffassung deutet bereits auf die idealistische Geschichtsauffassung, auf den Historismus hin. Möser schreibt zur Belehrung des Untertanen, wie er sich unter den verschiedenen Regierungsformen seine Freiheit bewahren könne.
Arnold Hermann Ludwig Heeren (1760–1842) war ein Schüler Montesquieus, den er übertrifft, er ist wichtig für die Entwicklung der Wirtschaftsgeschichte, zumal er bereits auf Adam Smith zurückgreifen kann.
Johannes Müller (1752–1809) war ein einflussreicher rezipierender Kompilator (er war Lehrer und Vaterfigur u.a. für Hammer-Purgstall).
Eine sehr wesentliche Rolle spielte Johann Joachim Winckelmann (1717–1768, ermordet in Triest), der mit seiner „Geschichte der Kunst des Altertums“ (nicht der Künstler!) eines der großartigsten historiographischen Werke der Aufklärung überhaupt schuf. Winckelmann hat wohl noch die großen französischen Werke der Historiographie der Aufklärung wahrgenommen, wovon seine Bemerkungen über den Einfluss des Klimas auf die Entwicklung der griechischen Kunst zeugen, stand aber mit seinem in Deutschland nachfolgend außerordentlich einflussreichen Werk außerhalb der geistigen Strömungen seiner Zeit.
So wie die Naturwissenschaften durch das mathematische Modell zum Prototyp der exakten Erkenntnis werden, so wird die Geschichte im 18. Jh zu einem methodischen Vorbild, „an dem das 18. Jh ein neues und tieferes Verständnis von der allgemeinen Aufgabe und Struktur der Geisteswissenschaften gewinnt“; dieser Prozess ist für Cassirer untrennbar verbunden mit der Befreiung der Geschichte von der Theologie.
Zur Aufklärungshistoriographie im britischen Bereich
Nicht zu übersehen ist, dass englische Aufklärungshistoriker, die in enger Verbindung zu den französischen Kollegen standen, häufiger als diese die theoretischen Forderungen in der Praxis umzusetzen suchten:
David Hume (1711–1776), Edinburgh, war nicht nur ein berühmter Philosoph, sondern auch Historiker – vor allem mit seiner „Geschichte Englands von der Invasion Cäsars bis 1688“ (ihr Schlussteil, die Geschichte Englands unter den Stuarts, erschien zuerst als „History of Great-Britain“); er wird als Historiker angeregt durch das Erscheinen von Voltaires „Jahrhundert Ludwigs XIV.“; für ihn ist Geschichte aber „entertainment“ ohne besondere soziologisch-politische Aspekte.
William Robertson (1721–1793), Edinburgh, „Geschichte Schottlands bis 1603“, „Geschichte Karls V.“ (eine Geschichte Europas vom Untergang des Imperium Romanum bis auf Kaiser Karl V.), „Geschichte Amerikas“, schließt direkt an Voltaire an, seine größte Leistung ist die Einleitung zur „Geschichte Karls V.“; er war der wichtigste Vertreter der Katastrophentheorie und leitete eine Überschätzung der Kreuzzüge ein.
Edward Gibbon (1737–1794), London, verfasste eine “History of the Decline and Fall of the Roman Empire”, 1776–1788. Er vernachlässigte zwar die Wirtschafts- und Finanzgeschichte und schrieb leidenschaftslos, vorsichtig, dennoch vollbrachte er eine große Leistung und gilt als einer der außerdeutschen Väter der Alten Geschichte.
1.3.7 Zur Diskussion um die Geschichtswissenschaften und zu deren Praxis im 19. und 20. Jahrhundert
Es ist bereits erwähnt worden, dass die in Frankreich vor allem mit Voltaire angebahnte Entwicklung in Deutschland nicht wirklich Fuß fassen konnte, zumal die durch die frühen Positivisten vertretenen Ansichten in weiterer Folge – nicht zuletzt wohl auch in Zusammenhang mit den politischen Wirren im Übergang vom 18. auf das 19. Jh – den in Deutschland entwickelten Vorstellungen entgegengerichtet waren und bald strikt abgelehnt worden ist.
Gleichwohl begann der mittlerweile in Frankreich entwickelte Positivismus auf Deutschland überzugreifen und mit ihm tauchten in Bezug auf die Geschichtsforschung und damit auch auf die Theorie der Historia neue, naturwissenschaftlich dominierte Vorstellungen auf; die vermeintlich gelösten Probleme wurden wieder aufgeworfen, indem sie die Historia neuerlich mit den Forderungen einer Wissenschaftsvorstellung konfrontierten, die von Wissenschaft im alten aristotelischen Sinne geprägt war und auf die Erklärung der historischen Vorgänge auf Grund von Gesetzen, also von Universalien abzielte.
1.3.7.1 Die positivistische Position
Wie der noch zu behandelnde Begriff „Historismus“ ist auch der Begriff „Positivismus“ nicht unproblematisch und nicht eindeutig fassbar90. Er begegnet im Deutschen ab 1830 und – wohl unabhängig – im Französischen als programmatische oder polemische Selbst- oder Fremdetikettierung in philosophischer Hinsicht. Im Spätlateinischen bedeutet „positivum“ ein „non natura, sed positione, arte constitutum“, d.h. etwas Unnatürliches, artifizielle Geschaffenes; im Deutschen ist das Wort „Positivismus“ deshalb negativ besetzt, als künstlicher, rationaler Gegensatz zum Natürlichen, organisch Gewachsenen und oftmals gekoppelt mit anderen Vorstellungen (Illiberalismus, Irrationalismus, Supranaturalismus etc.). Im Französischen fehlt dieser Gegensatz und das Wort ist positiv belegt. In der Tradition von Saint-Simon bezeichnet es die wahre wissenschaftliche Methode („exactitude et positivisme“ der „vraie méthode scientifique“), die in der Faktenerhebung durch Beobachtung und ihre Systematisierung besteht – alle anderen Denker werden von den Positivisten als Träumer bezeichnet.
Die Anfänge des Positivismus reichen weit zurück. Die Entwicklung führt von Francis Bacon, über Berkeley, Hume, d'Alembert, Turgot zu Comte, Mill und Spencer. Spät erst entwickelt sich eine deutschsprachige Variante (Mach, Avenarius), die als Empiriokritizismus bezeichnet wird.
Grundprinzipien sind: jede echte Wissenschaft hat sich an den Ergebnissen und Methoden der Naturwissenschaften zu orientieren; jede echte Erkenntnis muss intersubjektiv überprüfbar und in einer intersubjektiv verständlichen Begriffssprache formuliert sein. Wirklichkeitserkenntnis durch reines Denken ist unmöglich und allein auf Grund von Sinneserfahrungen möglich (die „älteren Positivisten“ akzeptierten jedoch die Theoriebildung bzw. Leitung der Erkenntnisarbeit durch Theorien, vertraten also keinen reinen Sensualismus). Ziel der Wissenschaft ist die exakte Beschreibung des aus der Erfahrung Gegebenen und die Erklärung von Zusammenhängen mittels allgemeiner Gesetze und Theorien. Alles geschieht zum Zwecke der Erhöhung der Verfügungsgewalt. Alle Wissenschaften sollen hinsichtlich Aufbau, Methode und Begriffssprache vereinheitlicht werden, jede Unterscheidung (wie zwischen Natur- und Geisteswissenschaften) wird abgelehnt. Die positive = wissenschaftliche Philosophie hat die Aufgabe den Entwicklungsprozess der Einzelwissenschaften im Rahmen der positiven Philosophie zu lenken, hat also auch eine wissenschaftsbegründende Funktion: Philosophie = allgemeine Wissenschaft.
Turgot – Condorcet – Saint-Simon
Neben bzw. nach Voltaire und Rousseau treten Turgot und Condorcet auf, die den Gedanken des Fortschritts in verstärktem Maße entwickeln.
Ame Robert Turgot Baron de Aulne (1727–1781), der zeitweise Finanzminister Ludwigs XVI. war, entwickelte 1750 den "Plan zweier Erörterungen der Universalgeschichte", in dem er gewissermaßen das Comte’sche Dreistadiengesetz vorwegnimmt – Phase des Götterglaubens, der Metaphysik und schließlich der Kausalerkenntnis.
Verstärkt noch finden sich diese Vorstellungen bei Marie Jean Antoine Nicolas Caritat Marquis de Condorcet (1743–1794), der Mathematiker, Enzyklopädist und Präsident der Nationalversammlung war und in seinem posthum (1794/95) erschienen Werk „Esquisse d'un tableau historique des progrés de l'esprit humaine“ die allgemeinmenschliche Aufwärtsentwicklung (in Analogie zur individuellen) skizziert – und auch die französische Revolution als Verwirklichung der Freiheit und der Vernunft feiert (möglicherweise aber einfach aus Angst vor Verfolgung): „Dieser Fortschritt ist denselben allgemeinen Gesetzen unterworfen, die man in der allgemeinen Entwicklung unserer Fähigkeiten beobachtet, da er ja das Resultat dieser selben Entwicklung ist, die zur selben Zeit in der zur Gesellschaft vereinigten großen Zahl von Individuen beobachtet wird“. Dabei ist „das Resultat jedes Augenblicks vom Resultat der vorhergehenden [Augenblicke] abhängig und bestimmt die folgenden“. Condorcet ist der unmittelbare Vorläufer Comtes. Er geht von den Faktoren aus, die den Verlauf der Geschichte bedingen und unterscheidet die Anlagen des Menschen, die äußeren Natureinflüsse, die gegenseitige Einwirkung der Menschen aufeinander und die ersten Kulturerrungenschaften als Grundbedingungen geschichtlicher Entwicklung, als deren Ziel und Inhalt er die Beseitigung aller Ungleichheit zwischen den Nationen und innerhalb jeder Nation, die Vervollkommnung der Menschen und ihrer Fähigkeit ansieht. "Bis jetzt war die Geschichte nur die Geschichte einiger Menschen; was wirklich das Menschengeschlecht ausmacht, die Masse der Familien, die fast nur von ihrer Arbeit leben, ist vergessen worden, und selbst in der Reihe derer, die öffentlichen Geschäften hingegeben, nicht für sich, sondern für die Gesellschaft handeln, haben die Führer allein die Augen der Historiker auf sich gezogen." So gelangt Condorcet zur Betrachtung der großen Masse und der Kulturerrungenschaften, die ihr zu verdanken sind. Damit stellt er jene Verbindung zwischen der soziologischen Betrachtung und den Methoden der Naturwissenschaft her, die für die weitere Entwicklung in Frankreich so bedeutsam ist, denn wer die Masse in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt, gewinnt den Eindruck der Regelmäßigkeit, des Konstanten und der Berechenbarkeit, des Gesetzmäßigen. So folgert Condorcet: „Weshalb sollte das Prinzip der Naturwissenschaften, dass die allgemeinen Gesetze, welche die Erscheinungen des Weltalls bedingen, notwendig und konstant sind, weniger gültig sein für die Entwicklung der intellektuellen und moralischen Fähigkeiten des Menschen als für die anderen Betätigungen der Natur?“
Ausgebaut wurden diese Ansätze durch Claude-Henri de Rouvroy, Graf von Saint-Simon, (1760–1825), der als liberaler Adeliger in Amerika gekämpft und dann in Frankreich die Revolution unterstützt hatte und als lange nachwirkend einflussreicher Publizist hervorgetreten ist. 1814 veröffentlichte er sein „Memoire sur la science de l’homme“ und eine Reihe von gesellschaftspolitischen Schriften zur Frage der Industrie im Sinne der durch Erfindungen und organisierte Arbeit ausgeweiteten Produktion, durch die den Unternehmern wie den Arbeitern eine gegenüber dem parasitären Adel und den bloßen Händlern große Bedeutung zukomme. In seinen späten Jahren hat Saint-Simon diese Vorstellungen mit dem Christentum verküpft – 1825 erscheint sein Buch „Le Nouveau Christianisme“, das mit der Vorstellung der Brüderlichkeit ohne Priester und ohne Dogma die Strömung eines christlichen Sozialismus (gegenüber dem atheistischen marxistischen Sozialismus) auslöst. Saint-Simon hat zwei nachfolgend bedeutende Autoren als Sekretäre beschäftigt: den späteren Historiker Augustin Thierry und Auguste Comte.
Auguste Comte 1798–1857
Als dessen Sekretär ein Schüler Saint-Simons, ist als Begründer des klassischen Positivismus, einer der Begründer der Soziologie und der positivistischen Geschichtsforschung zu sehen; er entwickelte in Hinblick auf den technisch-wissenschaftlichen Fortschritt ein Weltanschauungsprogramm, das er als „positive Philosophie“ bezeichnet. Aufbauend auf Turgot und Condorcet nahm Comte hinsichtlich der Entwicklung der Gesellschaft drei Stadien der intelletuellen Entwicklung an (Drei-Stadien-Gesetz):
1 das Stadium theologischer oder fiktiver Denkart: Phantasie und Glaube an übernatürliche Kräfte – in sozialer Hinsicht: Theokratie, Militarismus und Absolutismus.
2 das Stadium metaphysischer oder abstrakter Denkart: Die Erscheinungen werden durch Ideen, Entitäten, letzte Gründe etc. erklärt – in sozialer Hinsicht: Feudalwesen, Konstitutionalismus und ähnliches.
3 das Stadium des wissenschaftlichen oder positiven Denkens: Die Erscheinungen sollen mit Hilfe wissenschaftlich-exakter Methoden erkannt und auf immer allgemeinere Gesetze zurückgeführt werden – in sozialer Hinsicht: wissenschaftsgeleitete Politik und Industrie.
Comte ist der Meinung, dass die Menschheit nun auf einer Entwicklungsstufe angelangt sei, die ihr eine positive Philosophie ermögliche – Theologie und Metaphysik werden als Theorien minderer Erklärungskraft, als historische Erscheinungen abgetan und auch die klassische Erkenntnistheorie im Sinne der Selbstreflexion des Erkennenden soll abgelöst werden durch eine neue Methodologie, die zu einer Verbesserung der menschlichen Verfügungsgewalt über Natur und Gesellschaft führen soll, wobei die Entwicklung einer „sozialen Physik“, d.h. der Soziologie im Zentrum steht – Comte entwickelte eine systematische und hierarchische Klassifikation aller Wissenschaften, die von den anorganischen Bereichen über die organischen zur "sozialen Physik" reichte, als die er 1838 die „Soziologie“ benannte (s.w.u.).
Die Methode, die Comte anstrebt, akzeptiert als Objekte ausschließlich Tatsachen, untersucht werden sollen nicht Ursache und Wesen beobachtbarer Phänomene, sondern deren gesetzmäßige Zusammenhänge. Jegliche Metaphysik wird als Ansammlung letztlich nicht lösbarer Scheinprobleme als sinnlos abgelehnt. Dem entsprechend wird auch der Totalitätsbegriff der Metaphysik, der die Zuverlässigkeit von Erkenntnis an die Gesamtheit alles Seienden bindet, abgelehnt. Nicht die Wahrheit, sondern die sinnliche Gewissheit einer Erkenntnis ist von Belang, sie ist intersubjektiv herzustellen. Wissenschaft erschöpft sich aber nicht in reiner Deskription, Exaktheit der Erkenntnis ist nur möglich, wenn die Ergebnisse kontrollierter Beobachtungen logisch mit vorgängigen Theorien konfrontiert werden. Die Ansammlung von Kenntnissen gesetzmäßiger Zusammenhänge zielt auf Erklärung und Prognose sowie auf die Vermehrung der Verfügungsgewalt über Natur und Gesellschaft unter den Aspekten der Humanität, der historischen Notwendigkeit und der Realisierbarkeit.
Es ist selbstverständlich, dass im Positivismus die rein empirischen Wissenschaften eine dominierende Stellung einnehmen, auf die alle anderen Erkenntnisbereiche hingeführt werden sollen. Schon Saint-Simon ließ nur noch vier Phänomenbereiche = Wissenschaftsklassen zu: Astronomie, Physik, Chemie, Physiologie (letztere soll die alte Philosophie verdrängen, da die sozialen Phänomene auf physiologische reduziert werden); diese Gesamtheit bezeichnet er als "physikalische Wissenschaften", denen er noch die Psychologie und die Lehre von den astronomischen und irdischen Körpern hinzufügt. Comte erweiterte diesen aufsteigend strukturierten Kanon vor allem um die "soziale Physik" = Soziologie: Mathematik – Astronomie – Physik – Chemie – Physiologie – Soziologie. Die Soziologie beginnt als die komplizierteste, schwierigste und konkreteste Lehre für ihn eben erst Wissenschaft zu werden91.
Geschichte ist für Comte der dynamische Teil der Soziologie, die er als etwas wie eine Geschichte "in genere" auffasst. Comte ist nicht Materialist, er betont immer wieder, dass es falsch wäre, die sozialen Erscheinungen als einfache Fortführung der Naturgeschichte aus der Biologie erklären zu wollen, wendet sich gegen den Lamarckismus (wonach die Einwirkungen der Lebenserfahrung und -tätigkeit im Wege der Vererbung zur Veränderung der Arten führen sollte. Der Gang der Geschichte ist für ihn durch langfristige Entwicklungen und Mentalitäten bestimmt, Individuen seien nicht in der Lage, den Gang der Ereignisse wesentlich zu beeinflussen, auch das Genie sei vom "developpement collectif de l'esprit humain" und dem sozialen Zustand seiner Zeit abhängig – die Individuen könnten also nur Intensität und Art der Entwicklung in sekundärer Weise beeinflussen.
Ähnliche, aber noch radikalere Ansichten als Comte entwickelte Lambert Adolphe Jacques Quetelet (1796–1874), der obgleich eigentlich Mathematiker und Astronom (in Brüssel) vor allem durch seine sozialstatistischen und anthropometrischen Arbeiten berühmt wurde, in denen er Gesetze aufzustellen suchte, die sowohl die physischen wie auch die moralischen Erscheinungen des individuellen wie des gesellschaftlichen Lebens regeln, wobei er sehr stark mechanistische Anschauungen vertrat. In seinem Hauptwerk "Sur l'homme et le developpement de ses facultes ou Essai de physique sociale" (1835) meinte er, dass man das Wesentliche im Wege eines statistisch berechenbaren Durchschnittsmenschen erfassen könne92, und er entwarf wie Comte eine Sozialphysik, in der die Geschichte in Tabellen, Formeln und Kurven aufgelöst erscheint. In den Gesetzmäßigkeiten erblickte er das Walten einer über dem freien Willen des Menschen angesiedelten Macht.
1.3.7.1.1 Historiographie des Liberalismus
Große Publikumswirksamkeit entfaltete in der Nachfolge der Aufklärungshistoriographie und unter dem Einfluss Voltaires stehend die Geschichtsschreibung des Liberalismus. Sie hat ihre Blüte aber mehr in den angelsächsischen Ländern und in Frankreich erreicht. Hier seien nur knapp erwähnt:
Francois-Pierre Guilleaume Guizot (1787–1874) mit seiner Geschichte der Revolution in England und seiner französischen Kulturgeschichte,
George Grote (1794–1871) mit seiner berühmten und einflußreichen Griechischen Geschichte (London 1846–1856), die bis auf Alexander reichte,
sowie der frühzeitig erblindete Amerikaner William Prescott (1796–1859) mit seiner „History of the Reign of Ferdinand and Isabella the Catholic“ 1837ff. und seine Darstellung über die Eroberungen der Konquistadoren.
1.3.7.1.2 Die Entwicklung der idealistisch-hermeneutischen Geschichtswissenschaft des 19. und 20. Jhs
Der Übergang vom 18  zum 19. Jahrhundert – Klassik und Romantik, Historismus
In Deutschland ist die Entwicklung nach Kant sukzessive von dem geprägt worden, was als Deutscher Idealismus bezeichnet wird und hier knapp als Vorstellung vom „Primat des Geistes, der Ideen und Ideale“ und damit auch von der Vorstellung der ideellen Natur der Wirklichkeit und als Ablehnung jeder Art von Materialismus umrissen werden kann. Es war eine Grundannahme, dass es eine Welt des Geistes gebe, in der eine Fülle von Individualitäten existiere (nicht nur Menschen, sondern auch Kollektivkörper wie Staaten, Nationen, Kulturen, die (so Humboldt93) sich in der Erscheinungswelt manifestieren; diese Ideen könne man nicht durch induktives Denken, sondern nur durch Interpretation der Ausdrucksformen, also der historischen Quellen (daher auch der hohe Stellenwert der Historischen Hilfswissenschaften) begreifen. Gleichzeitig wird der Begriff „Geist“ zu einem „regierenden Fundamentalbegriff94 und es werden eine „Philosophie des Geistes“ und eine dieser entsprechende Auffassung von Geschichte bzw. Geschichtsphilosophie, die Historisierung des Weltbildes und aller Erscheinungen vor allem im 19. Jh unter dem Einfluss deutscher Denker entwickelt95. Damit entsteht eine fundamentale Grundströmung, die der Entwicklung im französischen Bereich diametral gegenüber steht und die getragen ist von einem neuen Bewustsein einer Historisierung, der die Auffassung von der Welt unterliegt (ein erster Historisierungsprozeß, den man nicht als solchen wahrnahm und dessen man sich selbst in der Forschung erst bewußt wird, hatte sich bereits im 15./16. Jh vollzogen). Diese Veränderung im 19. Jh und die aus ihr resultierende Auffassung werden als Historismus bezeichnet, welcher Begriff wie viele andere nicht eindeutig ist. In diesem Zusammenhang ist darunter eine der bedeutsamsten Entwicklungen im geisteswissenschaftlichen Bereich bzw. in der Geschichtswissenschaft96 zu verstehen, in der Geschichte als fortschreitender Vernunftsprozess verstanden wird. Ernst Troeltsch hat in seinem grundlegenden, aber am Ende der Dominanz dieser Auffassung stehenden Werk „Der Historismus und seine Probleme“ (1922) unter Historismus die grundsätzliche Historisierung alles unseres Denkens über den Menschen, seine Kultur und seiner Werte und damit eine geschichtliche Bewegung verstanden, die sowohl Geschichtswissenschaft als auch Geschichtsphilosophie umfasst; Historismus bedeutet "Selbstverständnis des Geistes, sofern es sich um die eigenen Hervorbringungen seiner [selbst] in der Geschichte handelt". Friedrich Meinecke hat in seiner Arbeit „Die Entstehung des Historismus“ den Historismus als Anwendung „der in der Zeit von Leibniz bis zu Goethes Tod gewonnenen neuen Lebensprinzipien auf das geschichtliche Leben“ betrachtet; der Historismus ist ihm Lebensprinzip, Lebensauffassung, eine neue Schau des menschlichen Lebens. Der Wissenssoziologe Karl Mannheim (1893–1947) formulierte: „Das Leben und die Wirklichkeit sind Geschichte – der Historismus ist eine geistige Macht von unübersehbarer Tragweite, er ist der wirkliche Träger unserer Weltanschauung, ein Prinzip, das nicht nur mit unsichtbarer Hand die gesamte geisteswissenschaftliche Arbeit organisiert, sondern auch das alltägliche Leben durchdringt“97. In der Folge ist der Historismus auf Grund der durch ihn (vor allem durch Dilthey) bewirkten Relativierung im historischen Bereich mit der Relativitätstheorie parallelisiert worden und es ist ihm eine befreiende Wirkung insoferne zuerkannt worden, als er letztlich alle historischen Autoritäten erschütterte und schließlich ja sich selbst gleichsam in Frage stellte und überwand. Theodor Litt sah den Historismus als „das Wissen des Menschen um die in Form der Geschichte geschehende, nur in Form der Geschichte mögliche und durch die Geschichte ihm auferlegte Mitwirkung an der Gestaltung seiner selbst“, als Prozess der geschichtlichen Selbstgestaltung, der Sinngebung in Geschichte. In der Endphase hat der Historismus – der ja im Grunde genommen eine zweite Welle der Historisierung darstellt98 – in zweifellos übersteigernder Weise die Geistesgeschichte, insbesondere in Deutschland, in der Wechselwirkung aber weit darüber hinaus, maßgeblich beeinflusst.
Im ausgehenden 18. Jh erfuhr die philologisch-kritische Methode – nach den Vorarbeiten der Humanisten – ihre Anwendung auf die Geschichtswissenschaft. Beeinflusst von Winckelmann widmete man sich in der Klassik den großen Autoren des klassischen Altertums – vor allem mit der Homer: mit Diskussion der Frage, wer dieser Dichter gewesen sein, ob es ihn als Person überhaupt gegeben habe, hat Friedrich August Wolf99 (1759–1824), ein hervorragender Altertumswissenschaftler und Editor an der Universität Halle und dann ab 1807 in Berlin, mit seinen „Prolegomena ad Homerum“ (1795) enorme Wirkung erzielte, der die Verbreitung der Homerischen Epen und anderer großer antiker Klassiker in der Übersetzung durch Johann Heinrich Voss (1751–1826) zur Seite trat100. Aber auch der Kritik an einer Autorität wie Livius, wie sie durch Barthold Georg Niebuhr vorgebracht wurde101, kam große Wirkung zu. Die philologisch-kritische Methode legte größten Wert auf die eingehende Untersuchung der Quellen in Bezug auf ihren Aussagewert102 und hinsichtlich der allfälligen vom Verfasser verfolgten Intention. Unter diesen neuen Aspekten gewannen neuerlich in ganz besonderem Maße sprachliche, d.h. praktisch nahezu ausschließlich allem schriftliche Quellen neuerlich an Bedeutung.
Gleichzeitig aber führte die Befassung mit dem blinden Sänger Homer in grauer Vorzeit, dem Rhapsoden, dem in den (verheimlichten) Dichtungen des James MacPherson (1736–1796) der (fiktive) keltische Rhapsode Ossian zur Seite trat, zur Vorstellung, dass diese Dichtungen gewissermaßen ein poetisches Decoct der Volksseele präsentierten und dass erst das Erfassen des Volksgeistes die wirkliche Interpretation einer historischen Quelle ermögliche.
Es ist hier überhaupt auf die enorme Bedeutung der altertumswissenschaftlichen und der philologisch-historischen Forschung auch über den klassischen Bereich hinaus in den Jahrzehnten ab 1790 hinzuweisen, in der Erkenntnisse und Ideale im klassischen Bereich in die eigene Vergangenheit transponiert wurden. Eine außerordentliche Konzentrierung von Hermeneutikern vor allem an der Universität Berlin hat dies gefördert – Ranke, Barthold Georg Niebuhr, Schleiermacher, Savigny, Eichhorn; später Droysen, Dilthey, Meinecke. Ranke sieht in der Auseinandersetzung mit der Geschichte ein Mittel gegen revolutionäre Veränderungen, ein Mittel der Evolution innerhalb der gegebenen Verhältnisse.
Die zunehmende Forcierung der Hilfswissenschaften hat allerdings entgegen den Forderungen nach die „wesentlichen“ und „eigentlichen“ Entwicklungen skizzierenden Darstellungen die Historiker zunehmend in den Vorarbeiten gebunden – Hegel meinte schon in seiner „Philosophie der Geschichte“ (1822ff.), die deutschen Historiker kämen über Vorarbeiten zu ihren Vorhaben nicht mehr hinaus. Es ist dies nicht eine Kritik an der Methode selbst, sondern an ihrer Anwendung.
Geschichtsauffassung und Geschichtsschreibung der Romantik
Der Zusammenbruch der revolutionären Staatsgründungen bestärkte im Zuge der romantischen Rückbesinnung auf die nichtklassische eigene Vergangenheit die Auffassung, dass es unmöglich sei, lebensfähige politische Institutionen aus theoretischen Erwägungen heraus zu schaffen, und dass nur das sich unbewusst Bildende Bestand hätte und dass dies Ausdruck des Umstandes sei, dass in der Geschichte eine Weisheit verborgen sei, die höher stehe als aller menschliche Scharfsinn.
Eine wesentliche Wurzel dieses Gedankengutes sind Johann Gottfried Herders (1744–1803) Arbeiten – 1772 seine „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“, die sich gegen die Sprache als von Gott gegeben wandte und sie als aus der Lebenswelt entwickelt versteht, 1774 in seiner „Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit“, in der der Entwicklungsgedanke – bis hin zur Abfolge von Kulturen – herausgearbeitet erscheint, und schließlich am wirksamsten in seinem großen Werk „Ideen zur Geschichte der Philosophie der Menschheit“ (1784–1791, unvollendet). In seinen Betrachtungen zum Thema Geschichte verfolgt Herder (in mitunter widersprüchlicher Weise) die Idee von der Vervollkommnung des Menschengeschlechts hin zu wahrer Humanität. Die Geschichte verläuft ihm nach einem dem Menschen unerkennbaren Plan Gottes; der Mensch wiederum wird erst aus der Tradition heraus, in Erkenntnis der Geschichte zum Menschen in einem höheren Sinne, indem er gleichsam alles Vergangene in sich akkumuliert. Im Mittelpunkt stehen – im Gegensatz zu Kants Gemeinwohl als Endpunkt – die individuelle Entfaltung und das Glück des Individuums. Doch erkannte auch Herder, dass die Menschheit durchaus nicht eine einheitliche Entwicklung durchlaufen habe, und so gab er in seinen späten Werken auch die Vorstellung einer einheitlichen gedanklichen Erfassung der gesamten Menschheit auf und sprach nur von Europa und auch davon, dass jede Nation einen selbständigen Wert für sich habe, und von „Naturgesetzen“ der politischen Geschichte, also von Kausalketten, die unter bestimmten Voraussetzungen immer wieder eintreten.
Aus der in der Aufklärung bereits – u.a. auch von Voltaire – vertretenen Lehre vom „unveränderlichen“ Nationalcharakter entwickelte Herder die Auffassung der Kultur eines Volkes als organischer Einheit, dass spezifische Sitten, Kunstformen und Rechtssätze sich „organisch“ und „genetisch“ in einem Volk entwickelten103 und nicht ohne weiteres auf ein anderes übertragbar seien. Überhaupt gewann die Vorstellung vom organisch Gewachsenen in der Geschichte an Bedeutung – der Staatsmann sollte nun aus der Geschichte seines Landes die unverrückbaren und für ihn unübersteigbaren Schranken erkennen; die Pflege der nationalen und lokalen Historiographie gewann an Bedeutung, gleichzeitig damit wurde die Idee der Tradition gepflegt und zu höherem Ansehen gebracht; Hegel, für den Gescichte „Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit“ war, sollte sie schließlich übersteigern. In die organische Entwicklung eines Volkes sollte man nicht durch die Einführung fremden Gedankengutes eingreifen. Das Experiment der französischen Revolution schien gescheitert; die wesentliche Folgerung schien, dass die Geschichte Lehrmeisterin in dem Sinne sei, dass sie erweise, dass die unbewusst, organisch entstandenen Einrichtungen allein Bestand hätten, woraus wieder folgerte, dass der Geschichte eine geheime, den Menschen verborgene Weisheit innewohne, ein großer Plan, und dass es dem Individuum nicht zustehe, in diesen Gang der Geschichte einzugreifen. Man habe demütig in den historisch gewordenen und daher eo ipso guten Verhältnissen zu verharren. Geschichte sollte nun den Staatsmann lehren, wie weit er gehen dürfe, ohne gegen die gottgewollte historische Ordnung der Dinge zu verstoßen. Dies führte zur Entwicklung einer Nationalisierung der Geschichte, die zugleich den Konservativismus förderte, zumal auch das in seiner Wahrnehmung romantisierte Mittelalter der bevorzugte Arbeitsbereich war – das Mittelalter als Zeitraum der Entstehung nationaler Staatengebilde, als Ursprung des Bodenständigen.
Im Bereich der Avantgarde der Geschichtswissenschaft wurden diese Auffassungen bald durch die historische Ideenlehre überwunden, in der Praxis blieben sie aber lange noch wirksam. Positive Wirkungen waren die Überwindung der Auffassung von Verfassung und Recht, Kultur, Religion und Sprache als künstlich geschaffener Mechanismen in der Aufklärung und – unbewusst allerdings – das Einbringen historischer Tradition als Faktor der geschichtlichen Entwicklung und die Berücksichtigung der schönen Literatur als einer nationalen Schöpfung im Zusammenhang der historischen Quellen – philologisch-kritische Methode; die Lehre vom Lokalkolorit betont Abhängigkeit des Menschen von Zeit und Ort, es gibt keine zeitlosen Typen wie zuvor, Nachteile aber waren die Verleitung zu Nebensächlichkeit und zu gefühlsmäßigen Assoziationen und die Hinwendung zur Erzählung (historische Erzählung und Professorenroman). Negativ war die neuerliche Dogmatisierung.
Der Umstand, dass durch die Umwälzungen der Französischen Revolution (für Deutschland sei auf die Auflösung des Römischen Reiches hingewiesen) eine größere Anzahl rechtshistorischer Dokumente ihre Gültigkeit verlor, hat zur Öffnung der Archive in der Folgezeit und damit zu einer wesentlichen Verbesserung der Arbeitsbedingungen des Historikers beigetragen (die Öffnung des Vatikanischen Archives erfolgte allerdings erst im Jahre 1881).
Karl Friedrich Eichhorn (1781–1854) begründete mit seiner „Deutschen Staats- und Rechtsgeschichte“ (1808–1823) eine neue Disziplin. Er betrachtete als erster das deutsche Recht als ein einheitliches, im Volke gewordenes Ganzes, betonte dessen nationalen Charakter und benutzte dessen Geschichte dazu, den Geist des geltenden Rechtes zu erkennen und die vernünftige Kontinuität der Rechtsentwicklung als einer volksmäßigen zu fördern durch die Wiederbelebung der Kenntnis des deutschen Rechtes – nicht zuletzt im Gegensatz zum Römischen Recht, wie es durch den „Code Napoleon“ forciert worden war. Er betonte den nationalen Charakter des Rechts und seiner kontinuierlichen Geschichte.
Karl von Savigny (1779–1861), ab 1842 preußischer Minister, einer der besten Stilisten der Romantiker, steht als Vertreter des Römischen Rechts („Romanist“) Eichhorn gegenüber; er schuf die "Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter" und begründete die Zeitschrift für Rechtsgeschichte (der Savigny-Stiftung) mit der Germanistischen, der Romanistischen und der Kanonistischen Abteilung.
Barthold Georg Niebuhr (1776–1831) wendete die philologisch-kritische Methode bei der Erarbeitung seiner „Römischen Geschichte“ an. Er wirkte in mancher Hinsicht als geradezu destruktiver Kritiker, wenn er etwa die Autorität seines Livius vernichtet und der Interpretation sagenhafter Berichte für die sogenannten „dunklen Epochen“ ein Ende setzte, wenn er auf das wahre und in seiner Traditionshaltigkeit nur nicht erkannte Material hingewiesen hat. Niebuhr übte maßgebenden Einfluss auf die nachfolgenden Historikergenerationen, insbesondere auf Ranke und Mommsen aus. Dennoch war er mehr als mancher andere ein versponnener Romantiker, so wählte er sich den Standpunkt des freien Bauern als den seiner Perspektive, worin er sich als Schüler Justus Mösers erweist. Gleichwohl hat er mit seiner "Römischen Geschichte" (3 Bde, 1811–1832) maßgeblich zur Loslösung der Alten Geschichte von der klassischen Philologie beigetragen.
Francois Renè Chateaubriand (1768–1848), ein französischer Staatsmann, stellte in seinem Werk „Genie du Christianisme“ (5 Bde 1802, mehrere Auflagen, deutsch von Julius Schneller) die christliche Kunst und Kultur als eo ipso schön neben die antike Kunst (Verbindung Kunst-Religion) und förderte damit die Aufwertung des christlichen Mittelalters.
Als eine Sonderform entwickelte sich die "Erzählende Schule":
Walter Scott (1771–1832) übte – als Schriftsteller – mit zahllosen historischen Romanen, vor allem mit seinem „Ivanhoe“ (1820), großen Einfluss aus, indem er farbige Zeitbilder aus dem Mittelalter gibt und dieses damit aufwertet – der historischer Roman war als Genre allerdings nicht neu, er tritt bereits seit dem 15. Jh in Spanien und Frankreich auf.
In der weiteren Folge dieser Einflussnahme kam es zur Entwicklung des deutschen Professorenromans des 19. Jhs – z.B. Felix Dahn (1834–1912) mit seinem "Kampf um Rom"; Dahn hat allerdings auch eine Reihe wertvoller wissenschaftlicher Arbeiten geliefert (u.a. eine lange verwendete „Geschichte der Völkerwanderungszeit“), er wuchs in die Rolle eines Wortführers des Historismus hinein.
Augustin Thierry (1795–1856) veröffentlichte 1825 sein bedeutendes Werk "Eroberung Englands durch die Normannen" – praktisch gleichzeitig mit Rankes „Geschichten der romanisch-germanischen Völker“ (1824). Ranke und Thierry hatten gemein, dass sie die romantische Darstellungsweise in die gelehrte Historiographie einfließen ließen, beide strebten nach Lokalkolorit und suchten im Gegensatz zu der kühlen, farblosen Analyse der Voltaire-Schüler das konkrete, lebendige Detail. Die behandelten historischen Persönlichkeiten treten in der Darstellung im Kostüm ihrer Zeit auf. Thierry legte dabei allerdings – ganz im Gegensatz zu Ranke – ein unkritisches Verhältnis zu den Quellen an den Tag.
Heinrich Leo (1799–1878) gehörte ebenfalls noch der Erzählenden Schule an; er war Professor in Berlin und Halle und veröffentlichte ab 1829 seine wichtige „Geschichte der italienischen Staaten“.
Die Vertreter der erzählenden Historiographie wurden durch die Richtung der lyrischen, subjektiven Darstellung, die sich auch mit den seelischen Konflikten des Handelnden beschäftigt, – in Anlehnung an die Gattung der Lyrik – noch übertroffen, als deren berühmtester und bekanntester Vertreter gilt der Schotte Thomas Carlyle (1795–1881), der, ursprünglich für den geistlichen Beruf bestimmt, sich als Literat betätigte. Er verfasste “The French Revolution, a History” (1837), “Oliver Cromwells Letters and Speeches with elucidations” (1845), “History of Friedrich II., called Frederick the Great” (1858–1865), “Life of Schiller” (1825). Nicht politische oder soziologische Fragestellungen wurden zum Ausgangspunkt seiner Darstellungen, sondern vornehmlich ein seelischer Konflikt.
Die Grundlegung der idealistisch-hermeneutischen Geschichtswissenschaft in Deutschland
Im Zusammenhang mit der sehr komplexen Entstehungsgeschichte dieser außerordentlich einflussreichen Richtung ist auf eine Reihe von Personen zu verweisen, deren Vorstellungen besonderen Einfluss ausgeübt haben; vor allem sind hier zu nennen:
Friedrich Wilhelm Josef von Schelling (1775–1854), der 1803 in seinen „Gedanken zur Wissenschaftslehre“ der Geschichte eine sehr gehobene Stellung zuweist: sie sei „insoferne die höhere Potenz der Natur, als sie im Idealen ausdrückt, was diese im Realen“ seien, vermöchten wir „das reine An-Sich“ zu erblicken, so wäre dasselbe in der Geschichte ideal, in der Natur real vorgebildet zu erkennen. Von seinem religiösen Standpunkt, den er als den höchstmöglichen schätzt, erscheint ihm die Geschichte als Werk der Vorsehung und als das große Spiel des Weltgeistes, als das Heiligste vom Heiligen, „ewiges Gedicht des göttlichen Verstandes“; Schelling setzte die Auseinandersetzung mit der Geschichte auf eine Ebene mit der Kunst;
Friedrich von Schlegel (1772–1829), der in verschiedenen seiner Werke aphoristische Bemerkungen zur Geschichte machte: „Es gibt keine Selbsterkenntnis als die historische. Niemand weiß, was er ist, wer nicht weiß, was seine Genossen sind [...] Alle vollendete Wissenschaft ist Geschichte. Der Zweck alles Wissens ist Weltverständnis, Weltweisheit, Geschichte mit einem Wort [...] Die historische Ansicht ist gleichsam formlos, sie ist die höchste, allgemeinste, natürlichste Form des menschlichen Geistes, zu der es keiner anderen Vorbereitungen bedarf [...] Der Historiker ist ein rückwärts gewandter Prophet“.
Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768–1834) hat sich als Theologe in kritischer Weise mit dem Problem der Hermeneutik als der Lehre vom Verstehen (eines Textes) befasst, der er zwei Wege des Textverständnisses zuweist: eimal in einem „grammatischen“ Sinne und in einem psychologischen Sinne, indem die Motive des Verfassers erfasst werden, sodaß schließlich der Interpret den Text umfassender und besser verstehe als der Verfasser selbst. Schleiermacher hat damit die zuvor für die Theologie und auch die Jurisprudenz typische Interpretationslehre zu einer allgemeinen Lehre vom Verstehen ausgeweitet, die dann von Dilthey zur Grundlage seiner Philosophie der Geisteswissenschaften erhoben worden ist.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) ist ab 1822 mit seinen „Vorlesungen zur Philosophie der Geschichte“ als Geschichtsphilosoph aufgetreten; er hat die Geschichte als die Selbstverwirklichung des Weltgeistes interpretiert. Geschichte ist deshalb für ihn Tat und Arbeit, Geschichte wird gemacht und vollzieht sich in einem vierstufigen Verfahren, das in der germanisch-christlichen Welt seinen Abschluss findet, die französische Revolution hat eine wesentliche Bedeutung, es folgt auf sie nur mehr die tiefere Ausbildung und weltweite Ausbreitung der Freiheit, welchem Zweck alles andere dient – die List der Vernunft bediene sich der Leidenschaften und des Egoismus etc. Die Historiker sind Hegels Lehre größtenteils skeptisch begegnet und haben sich Humboldts Vorstellungen angeschlossen – Ranke hat Hegels Vorstellungen als „neue Scholastik“ abgelehnt.
Wilhelm von Humboldt
Für die Entwicklung der idealistisch-hermeneutischen Auffassung war aber vor allem Wilhelm von Humboldt (1767–1835) von größter Bedeutung; er baute wesentlich auf Herder auf. Auf Humboldt geht die Konzeption der 1809/10 eingerichteten Universität Berlin zurück; allein damit hat er – neben seinem Wirken als Sprachwissenschaftler – einen nicht zu überschätzenden Einfluss ausgeübt. Humboldt vertrat die Auffassung, dass alles, auch das geistig Seiende, geworden sei, also mit einer historischen Dimension ausgestattet sei und dass für das Verständnis einer solchen historisch fundierten Welt die Kenntnis ihrer Entwicklung unabdingbar notwendig sei. Der in der Folge im 19. Jh sich ausbildende Historismus stellt einen wesentlichen und durch nichts rückgängig zu machenden und weiterhin wirkenden Entwicklungsschritt dar. Humboldts Ideale können umschrieben werden mit den Worten Universalität, Individualität und Totalität (= Formung des Lebens zum Gesamtkunstwerk).
Humboldts Individuen sind einmalig und von einem für sie spezifischen Prinzip beherrscht, weshalb er jegliche Generalisierung ablehnt. Die Idee Kants, dass sich der Mensch in einer allgemeinen, abstrakt gedachten Vollkommenheit vollende, lehnte er ab zugunsten der Vervollkommnung in Gestalt eines Reichtums neben- und nacheinander im Ablauf der Zeit wirkender großer, individueller Formen – also einzelner Individualitäten (solche müssen nicht menschliche Individuen sein, es kann sich auch um Institutionen etc. handeln wie die Kirche u.ä.), die gleichsam Variationen der Inkarnation des Geistes darstellten. Geschichte ist ihm der Weg des Wirklichkeit werdenden Geistes, der sich in permanenter Zeugung individuellen menschlichen Lebens, der Nationen, Sprachen etc. manifestiert. Weitere wesentliche Momente sind Bildung und Trägheit (= Beharrung über lange Zeiträume hinweg, Vergehen). Der Ablauf der Zeiten ist gleichsam notwendig, „damit in allen geschehe, was in keiner einzelnen möglich ist, damit die ganze Fülle des dem menschlichen Geschlechte von der Gottheit eingehauchten geistigen Lebens in der Reihe der Jahrhunderte zutage komme“, wie es Ranke formuliert hat. – Die einzelnen Epochen, Einheiten, Kulturen etc. besitzen ihren eigenen Wert, sind – so Ranke – „unmittelbar zu Gott“, eine absolute Wertung wie in der Aufklärung wird abgelehnt.
Die zusammenfassende Darstellung seiner Vorstellungen gab Humboldt in seiner Schrift „Über die Aufgabe des Geschichtsschreibers“ (1821) und in der Einleitung seines – allerdings erst posthum erschienenen – Werkes über die Kawi-Sprache104. Was dem Historiker an Zeugnissen und Resten der Vergangenheit vorliegt, seien nur Bruchstücke, Einzelheiten, nicht der ursächliche Zusammenhang und schon gar nicht der ideale innere Gehalt des Geschehens. Deshalb müsse der Historiker eine zweifache Arbeit leisten: Er müsse das Überlieferte kritisch sichten und die gesetzmäßigen Zusammenhänge, mehr noch die idealen Totalitäten in ihrer individuellen Eigentümlichkeit zu erfassen suchen. Darin sei die Arbeit des Historikers schöpferisch-genialisch wie die des Dichters; der Historiker betreibt die Nach-Schöpfung der Wirklichkeit und er tue dies umso besser, je tiefer er die Menschheit und ihr Wirken durch Genie und Studium begreift, je menschlicher er durch Natur und Umstände gestimmt ist und je menschlicher er handelt – Vorurteilslosigkeit und Humanität sind die Voraussetzung für den Historiker nach Humboldts Ideal.
Humboldt hat sich dagegen gewendet, dass das Hauptgewicht auf Kultur und Zivilisation gelegt würde und die Menschen zu sehr als Vernunfts- und Verstandeswesen und seine Vollendung in abstrakter Vollkommenheit gesehen und die Menschen zu wenig als Naturprodukt betrachtet würden.
Leopold von Ranke und seine Ideenlehre
Aus Humboldts Vorstellungen resultiert die durch Ranke (1795–1886) in seiner Ideenlehre so wirksam verbreitete und in der Praxis umgesetzte Geschichtsauffassung des deutschen Idealismus. Ranke versuchte, bestimmende Ideen zu erkennen und zu begreifen, nicht aber sie zu zensieren. Dies war neu, denn das Eingreifen oder Wirken rein geistiger Mächte war in der bis dahin geübten politischen Geschichtsschreibung nicht in Erwägung gezogen worden; politische, religiöse und andere Systeme waren erst dann in die Betrachtung einbezogen worden, wenn diese eine konkrete Gestalt angenommen und Wirksamkeit entfaltet hatten. Die Entwicklung von Gedankengängen, von Ideen und Vorstellungen ohne diese Manifestierung war von der politischen Geschichtsschreibung als unwesentlich unbeachtet geblieben. Dass dies als ungenügend empfunden werden musste, war eine Folge der Französischen Revolution und auch der Entwicklung in der Restauration, als Ideen und Zielsetzungen weltlichen Charakters auftraten, die jenseits äußerer Institutionalisierung – die Französische Revolution hat (trotz gewisser Ansätze) keine Kirche begründet – von Dauer waren und aller Gegnerschaft widerstanden.
Die historische Ideenlehre ist im Grunde genommen eine Verallgemeinerung dieser Beobachtung. In Analogie zu dieser Beobachtung begann man frühere Erscheinungen im Sinne der Ideenlehre zu untersuchen, was vor allem im Bereich der Kirchengeschichte nahelag; es entstand eine neue Terminologie – z.B. das Wort „Protestantismus“, zuvor sprach man von „Luthertum“, „Calvinismus“ etc., der allgemeinere Begriff „Protestantismus“ wird neugeschaffen, das Wort „Gegenreformation“ wird in Analogie zu „Contre-Revolution“ geschaffen, mit diesen Begriffen werden nachträglich als Idee interpretierte Zusammenhänge bezeichnet.
Im Gegensatz zu den Romantikern im eigentlichen Sinne anerkannten die Vertreter der historischen Ideenlehre keine mystischen, unbeweisbaren Mächte wie einen Weltgeist oder Volksgeist, also überweltlichen Mächte an, sondern schufen mit der historischen Ideenlehre die Vorstellung von durch die Menschen geschaffenen und in den Menschen wirkenden Ideen. Ursprünglich wurde in der historischen Ideenlehre dem Individuum geringe Bedeutung zugemessen, es wurden nur jene Individuen hervorgehoben, in denen sich die leitenden Ideen, Tendenzen am deutlichsten zu manifestieren schienen; daraus entstand erst später die Vorstellung „Männer machen Geschichte“; im Unterschied zu den Romantikern (die willkürliches Eingreifen in den Gang der Geschichte als Sünde gegen den Geist der Geschichte interpretierten) akzeptiert die historische Ideenlehre den Widerstand gegen herrschende Tendenzen und vermag damit auch einen aufgeklärten Despoten zu akzeptieren. Zu stärksten Ausbildung gelangte die historische Ideenlehre in Preußen, wo in der ersten Hälfte des 19. Jhs die Auseinandersetzung zwischen Konservativen und Liberalen ohne entsprechende festgefügte Parteien im Hintergrund auf rein geistiger Ebene geführt wurde; in den konstitutionellen Monarchien Westeuropas (wo es starke Parteien gab, die einander gegenüberstanden) kam sie nicht in diesem Ausmaß zur Entwicklung.
Als Mängel der historischen Ideenlehre sind zu nennen:
die Postulierung einer vermeintlich sicheren und stark vereinfacht angenommenen Kausalverbindung,
es unterbleibt die Frage nach der Entstehung der Ideen – es wird nicht gefragt, ob nicht die Idee, die als zur Französischen Revolution führend betrachtet wird, durch dieselben Entwicklungen geschaffen worden seien, die zur Revolution führten, womit die Sache ad absurdum geführt würde; auch wird nicht nachgeforscht, was bewusst, was unbewusst verwendet wird; die Ideen treten einfach, geradezu gottgesandt, in der Geschichte auf:
als Idee wird nur akzeptiert, was gleichsam bewusst und dezidiert von Staatsmännern, Politikern, Intellektuellen als solche angesprochen, aufgestellt wird. Nicht aber wird berücksichtigt, was unterhalb dieser Ebene, in der Bevölkerung, als öffentliche Meinung wirksam wurde.
außerdem verfügten die Vertreter der historischen Ideenlehre über keinerlei nationalökonomische Schulung, sodass die wirtschaftlichen Aspekte vernachlässigt wurden; finanzgeschichtliche Untersuchungen wurden zwar nicht abgelehnt, aber auch nicht wirklich durchgeführt und allfällige Ergebnisse nicht eingebracht – die wirtschaftsgeschichtlichen Anregungen der Aufklärungshistoriographie wurden nicht aufgenommen; Ansätze bei dem Montesquieu-Anhänger Arnold Hermann Ludwig Heeren (1760–1842) blieben stecken, der Engländer Robert Malthus (1766-1834), der niederländische Theoretiker David Ricardo (17721823) und andere wurden ignoriert. Ranke erweist sich auf diesen Gebieten als naiv und weniger unterrichtet als Voltaire.
Gleichwohl kommt der historischen Ideenlehre bedeutende Wirkung zu: Erstmals werden geistige Bewegungen in großem Stil erfasst und in das Geschichtsbild eingebracht.
Ranke ist die zentrale Erscheinung der deutschen Geschichtswissenschaft des 19. Jhs, sein Einfluss reicht bis in die Gegenwart; er verlieh dem Historismus gewissermaßen staatspolitischen Charakter. Ranke schließt einerseits an die Romantik an, von der er die philologisch-kritische Methode übernimmt, andererseits aber distanziert er sich von der kleinräumigen Orientierung der Romantik, indem er sich zum kosmopolitischen und die Freiheit des Individuums betonenden Standpunkt Humboldts bekennt. Ranke strebte entgegen der sich damals anbahnenden politisch-tendenziösen Historiographie nach einer von subjektiven Einflüssen freien Sachlichkeit und Allgemeingültigkeit der Aussage; er vertrat die Ansicht, dass der Historiker die herrschende Tendenz wie alles andere Lebendige nur beschreiben, nicht aber beurteilen könne; so sein vielzitiertes Bekenntnis im Vorwort zu den „Geschichten der romanischen und germanischen Völker“ (1824)105:
Alle diese und die übrigen hiermit zusammenhängenden Geschichten der romanischen und germanischen Nationen sucht nun dieses Buch in ihrer Einheit zu ergreifen. Man hat der Historie das Amt, die Vergangenheit zu richten, die Mitwelt zum Nutzen zukünftiger Jahre zu belehren, beigemessen; so hoher Ämter unterwindet sich gegenwärtiger Versuch nicht: er will bloß zeigen, wie es eigentlich gewesen ist“; dementsprechend wünschte er sein „Selbst gleichsam auszulöschen, und nur die Dinge reden, die mächtigen Kräfte erscheinen zu lassen“.
In dieser Vorrede vertritt er weiters folgende Standpunkte:
die romanischen und die germanischen Völker bilden eine Einheit,
er geht nicht vom Begriff einer allgemeinen Christenheit aus (denn zu dieser würden auch die Armenier zählen),
er akzeptiert nicht den Begriff der lateinischen Christenheit, weil die Slawen, Magyaren und Letten „eine eigentümliche und besondere Natur“ hätten, „welche hier nicht inbegriffen wird“;
er akzeptiert nicht die Einheit Europas, da die Türken Asiaten seien und Russland auch weite Teile Asiens umfasse,
die aus der Aufklärung erwachsene und in der Romantik kultivierte Idee, dass Nationen erhöht und erniedrigt werden, weil die Entwicklung ihrer Natur, Wachsen und Vergehen, die eines Menschenlebens sei oder weil ein göttliches, von vornherein bestimmtes Verhängnis zum Verderben wie zum Glücke bestehe, hat Ranke abgelehnt. Er hat demgegenüber auf das Zusammenspiel der nationalen Mächte im internationalen Raum und auf seine kausale Verflechtung verwiesen und setzte damit dem romantischen Mythos von der Entwicklung der nationalen Staaten als einzelner, isolierter und in ihrer Entwicklung gleichsam vorausbestimmter Systeme ein Ende; er ist also ein Gegner der nationalen Geschichtstheorien und lehnt die künstliche nationale Isolierung der Romantiker ab.
strenge Darstellung der Tatsachen, wie bedingt und unschön sie auch sei, ist ihm ohne Zweifel oberstes Gesetz;
weiteres Bemühen gilt der "Entwicklung der Einheit und des Fortgangs der Begebenheiten".
Jede Epoche – so Ranke – habe ihren eigenen Wert, sei „gleich nahe zu Gott“ – eine Auffassung, die sich auch schon in der karolingischen Historiographie findet, Gott habe in seiner Gerechtigkeit jeder Zeit Anteil am Großen und Bedeutenden gewährt.
Ranke wünscht, "nur die Dinge reden, die mächtigen Kräfte erscheinen zu lassen". Der Ablauf der Geschichte ist für ihn in Nachfolge Humboldts u.a. die dynamische Entwicklung der „leitenden Ideen, der herrschenden Tendenzen in jedem Jahrhundert“, die durch große Einzelpersönlichkeiten getragen werden. In seinem Bestreben, die Untersuchung auf primäre Quellen zu stützen, war es Ranke, der als erster die von ihm bei einem Besuch in Venedig vorgefundenen venezianischen Relationen als Quellen in ihrer vollen Bedeutung entdeckt und verwertet hat; dies bedeutete die Erreichung einer neuen, die Betrachtungsschärfe wesentlich verbessernden Ebene, andererseits wird Ranke durch die Überbetonung der Gesandtschaftsberichte als Quelle dazu verführt, neuerlich die Geschichte vom Standpunkt der Regierungen aus darzustellen, die politische Geschichte wieder in eine führende Position zu bringen – Ranke betrachtete Staaten als „geistige Wesenheiten“, als „Gedanken Gottes“. Ranke wendet sich aber gegen die Tendenzen des Tages und sucht sich im Gegensatz zur liberalen und zur romantischen Schule von der publizistischen Historiographie freizuhalten. Er verfocht die Einzigartigkeit und das Einmalige der historischen Ereignisse in wohl übertriebenem Maße; Ranke hat nie eine klarer gefasste Geschichtstheorie und Geschichtsphilosophie formuliert.
Ranke hat über all das hinaus Wesentliches – vielleicht seine bedeutendste Leistung überhaupt – als historischer Psychologe geleistet. Er galt auch als blendender Stilist und hat Historiographie auch als ein literarischen Ansprüchen genüge leistendes Genre gesehen: „die Historie ist zugleich Kunst und Wissenschaft [...] sie soll dem gebildeten Geiste denselben Genus gewähren wie die gelungenste literarische Hervorbringung“106. Die Entdeckung der Gesandtschaftsberichte hat aber auch die Bedeutung der ohnedies schon dominierenden schriftlichen Quellen zusätzlich gestärkt.
Ranke hat sehr bewusst und gezielt eine umfangreiche Schule begründet („Meine einzige Absicht für dies Leben ist, meine wissenschaftliche Idee durchzusetzen107) und über seine Schüler praktisch den Großteil der deutschsprachigen Historiker des 19. und 20. Jhs beeinflusst. Einen Überblick über die Entstehung und die Zusammensetzung der Ranke-Schule bis in die fünfte Generation gibt Wolfgang Weber108. Zu den 14 Schülern der ersten Generation, deren Zahl Ranke der Intensität der Ausbildung halber niedrig hielt, zählten u.a. Georg Waitz109, Heinrich von Sybel110, Wilhelm Giesebrecht111, Friedrich Wilhelm Schirrmacher112, Wilhelm Wattenbach113 und auch Harry Bresslau114. Über sie vor allem hat sich die Schule – auch im Sinne eines old boy’s network – über den ganzen deutschen Sprachraum ausgeweitet.
In der Folge ist in Deutschland durch Ranke vor allem die kritische Auswertung der Quellen wesentlich verbessert, letztlich aber bald das Betrachtungsfeld de facto wieder eingeengt worden, da man die umfassende Sozial- und Kulturgeschichte der Aufklärung zugunsten einer auf Individuen konzentrierte politische Geschichte, Staatengeschichte aufgab – diese Tendenz wurde verstärkt durch den Umstand, dass um 1830 große Archive geöffnet wurden, was eine neue Forschungssituation schuf, die natürlich zuerst wiederum für die überkommenen Fragestellungen genutzt wurde, was auch durch die methodologische Verfeinerung in den Hilfswissenschaften gesteigert wurde. Andererseits lehnte man nun die Strukturen ab, die Tiefe des Problems der Differenz zwischen der Analyse struktureller Erscheinungen und dem intuitiven Bewerten – Verstehen – einzigartiger historischer Erscheinungen erkannte man nicht, da man die Strukturen generell leugnete und immer rigoroser die Ansicht vertrat, dass wissenschaftliche Gewissheit in der Geschichte allein durch die Kenntnis bzw. die Analyse der Motive und Absichten (Vorstellungen, in denen sich die leitenden Ideen manifestieren) der großen Handlungsträger – „Männer machen Geschichte“ – wie diese sich in den Quellen zeigen, möglich sei; weshalb man auch die Hermeneutik für das wesentlichste Mittel der Geschichtsforschung erachtete.
Die Prämisse, unter der Ranke und seine Schule Geschichte betrieben, war die Annahme, dass es eine Welt des Geistes gebe, in der eine Fülle von Individualitäten existiere (nach Humboldt nicht nur Menschen, sondern auch Kollektivkörper wie Staaten, Nationen und Kulturen), die ihren Ausdruck in der Erscheinungswelt finden und die man nicht durch induktives Denken, sondern nur durch Interpretation der Ausdrucksformen, also der historischen Quellen begreifen könne; da aber nicht alles in der Sinnenwelt wahrnehmbar sei, müsse der Rest „hinzuempfunden, geschlossen, erraten“ werden.
Der hermeneutische Ansatz bewirkte in Deutschland die Historisierung zahlreicher Wissenschaftsgebiete: Politische Ökonomie, Philosophie, Rechtswissenschaften, Literatur, Kunstwissenschaft, Linguistik etc. Mit diesen Vorgängen, auf Grund der allgemeinen Historisierung, hat die Geschichtswissenschaft eine zentrale Position innerhalb der Geisteswissenschaften eingenommen. Droysen entwickelte einen Ansatz zur Sozial- und Kulturgeschichte, der in der Folge von Schmoller vor allem realisiert worden ist – Wirtschafts- und Sozialgeschichte innerhalb des Historismus, die Wirtschaftsgeschichte wird jedoch vielfach unter dem Primat der politischen Geschichte zur Verfassungs-, Rechts- und Verwaltungsgeschichte reduziert; Karl Lamprechts Versuch, positivistische und analytische Ansätze einfließen zu lassen, hat zu der berühmten Auseinandersetzung geführt, da man ihn des Materialismus und Sozialismus verdächtigte.
Inhaltlich stand in diesem System der Staat als höchster Wert über sozialen und ökonomischen Interessen, und den höchsten Rang unter den Gegenständen nahm bald die Außenpolitik ein, als Ausdruck der geistigen Wesenheiten und des Wirkens der Nationen und des Staates als eines „Gedanken Gottes“; die inneren Verhältnisse seien zur größtmöglichen Perfektionierung der äußeren einzurichten. Diese, den politischen Traditionen Preußens entsprechenden Grundsätze und die Formulierung der Objektivität haben dieses Paradigma unter dem Einfluss der politischen Auseinandersetzung mit Frankreich (als dem Träger der positivistischen Richtung) bis in das 20. Jh hinein stabilisiert. Die Rezipierung des Positivismus setzte in Deutschland relativ spät ein und führte im Wege des Widerstandes zu einer Verfestigung der idealistischen Position, wie dies der Fall Droysens erweist.
Johann Gustav Droysen
Die fundamentale wissenschaftstheoretische Grundlegung im engeren Sinne der Geschichtswissenschaft besorgte nicht Ranke, sondern der Hegel- und Boeckh-Schüler Johann Gustav Droysen (1808–1884), der seine Karriere als Altphilologe und Althistoriker startete und zum Begründer der preußisch-kleindeutschen historiographischen Schule wurde, mit seiner „Historik", die als eine Wissenschaftslehre der Geschichtswissenschaft lange ein zentraler Beitrag zur erkenntnistheoretischen und methodologischen Grundlegung der Geschichtswissenschaft und der Geisteswissenschaften allgemein war und immer noch wirksam ist. Droysen beschäftigte sich als Historiker primär mit dem Hellenismus ("Geschichte Alexanders des Großen", "Geschichte des Hellenismus") und mit der Methodologie im Sinne des Historismus ("Grundriss der Historik"). Droysen wendet sich gegen eine theologisch-philosophisch-spekulative Geschichtsdeutung ebenso wie gegen die empirisch-naturwissenschaftliche Behandlung der Geschichte, die er in einer ausführlichen Rezension von Buckles „History of Civilization in England“ und letztlich auch in seiner „Historik“ zurückgewiesen hat. 1859 trat er in Berlin an die Seite Rankes. Droysen nimmt eine für die nachfolgende Entwicklung zentrale Stellung ein.
Droysen beobachtete im Materialismusstreit der 1850er Jahre früh die Erfolge der "physikalischen Methode" bzw. der "napoleonischen Polytechnik" (so bezeichnete Droysen den Positivismus) und bedauerte, dass „schon niemand mehr an die idealen Mächte“ glaube – dies war der Anlass für die Aufnahme seiner Historik-Vorlesung im Jahre 1857115, durch die er eine die idealistische Position stärkende kritische Selbstreflexion der Voraussetzungen, Methoden und Grenzen des Erkennens einzuleiten gedachte. Droysen zielte nicht auf eine Erhebung der Geschichte zum Rang einer Wissenschaft ab, sondern auf die Klärung ihrer Fundamente, und deckte dabei die große Kluft zwischen Theorie und Empirie im Positivismus auf – Buckle hatte so gut wie keine Theorie und Methodologie der neuen Geschichtswissenschaft geboten, und seine Gesetzeshypothesen fielen sehr dürftig aus. Droysen erklärte die Kluft zwischen Theorie und Empirie für das Gebiet der Geschichte als unschließbar; dies hat auch John Stuart Mill in seiner Logik und in seinen Schriften über Comte und den Positivismus festgestellt.
Die Auseinandersetzung hatte in den 1850er Jahren eine erhebliche Dimension gewonnen, als der altliberale Politiker Karl Twesten an einer neuen, auf kulturhistorische Studien gestützten Geschichtsphilosophie arbeitete, „welche alle Sphären des menschlichen Lebens und namentlich Staat und Politik ohne irgend eine Zulassung einer theologischen oder metaphysischen Theorie gleich den exakten Wissenschaften rein auf den tatsächlichen Boden der intellektuellen, moralischen und materiellen Bedürfnisse und Verhältnisse zurückführen soll, wie diese sich einsteils aus dem Unveränderlichen in der menschlichen Natur und andererseits aus den wechselnden Kulturzuständen ergeben, als letzten Zweck aller Wissenschaft nur die Erkenntnis der Gesetze suchend, von denen die Erscheinungen beherrscht werden“. Twesten wandte sich damit bereits gegen die dominierende politische Geschichte mit ihrer Tendenz der Beschreibung individueller Gestalten (Personengeschichte) und Abläufe (Ereignisgeschichte) und berief sich dabei auf die methodologischen Hauptwerke von Comte und Mill sowie auf Buckles „History of Civilisation in England“. Twesten war damit einer der ersten, die in Deutschland überhaupt auf Comte hinwiesen, und wurde in diesem Zusammenhang in eine für die Entwicklung der Hermeneutik aufschlussreiche Kontroverse mit dem Linkshegelianer Rudolf Haym verwickelt, in der Haym auf der Bedeutung einer „Kraft des Gemüts“ und auf der Ansicht beharrte, dass alles Denken „bis auf einen gewissen Grad, weil dem ganzen Gemüt entsteigend, metaphysisch“ sei – hier liegt gleichsam der Ursprung der „Kunst des geschichtlichen Verstehens“. – 1858 forderte der Althistoriker Fridegar Mone in einer gegen Ernst Curtius gerichteten Streitschrift die Erhebung der Geschichte zum Rang einer Wissenschaft: "Die Geschichte muss eine Wissenschaft werden, sonst hat sie kein Recht mehr, neben der Naturwissenschaft zu stehen. Sie muss die Spitze der Naturwissenschaft – die höchste Stufe der Anthropologie, die Fortsetzung der Physiologie und der Psychologie werden". Geschichte ist für Mone in verschwommenere Weise die „Wissenschaft der Entwicklungsgesetze der Materie in der Zeit“.
1859 begann Hayms Lehrer Arnold Ruge, Buckles „History of Civilisation in England“ zu übersetzen, um damit zwischen westeuropäischem und deutschem Geist zu vermitteln. Damit machte er ein Werk zugänglich, das so ziemlich genau das Gegenteil dessen verfolgte, was die deutsche Historiographie nach 1848 thematisierte: Kultur- und Wirtschaftgeschichte, die Darstellung der Entwicklung der öffentlichen Meinung etc. anstelle der Entwicklung der Staatsmacht. Droysen hat als ein Wortführer der deutschen Historiographie in seiner Rezension in der Historischen Zeitschrift Buckle eine scharfe Absage erteilt (erste Phase) und es folgte eine gewisse Immunisierung der deutschen Geschichtswissenschaft auf theoretischer Ebene gegen den Positivismus. Dennoch vollzog sich gleichzeitig ein Eindringen des Positivismus in die Praxis der Geschichtsforschung, für welches zweifellos auch das Beispiel der neu erstarkenden Naturwissenschaften bzw. empirischen Forschung mit verantwortlich war und das eine gewisse Immunisierungswirkung gehabt haben dürfte, da man praktisch empirisch arbeitete. Dieses Vordringen wurde wesentlich gefördert durch die Ranke-Schule, die (Bayle nicht unähnlich) in der Kritik der Tatsachen das eigentliche Geschäft der Historie erblickte (zweite Phase). Eine dritte Phase der Auseinandersetzung bildete dann der sogenannte Methodenstreit in den 1890er Jahren um Karl Lamprecht, der durch das Erscheinen von dessen "Deutsche Geschichte" 1891ff. ausgelöst wurde.
Im Gegensatz zu Rankes Distanzierung von der Tagespolitik und im Gefolge Hegels vertrat Droysen aber doch die Einbindung der Geschichtsschreibung in die Politik in der Weise, dass deren Kritik und Interpretation unter spezifischen Gesichtspunkten erfolgte und der Geschichte wiederum die Kompetenz der Handlungsorientierung zugeschrieben wurde. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte stellte für ihn einen staatspolitisch wichtigen erzieherischen Faktor dar und war im Dienste des Staates umzusetzen, sie ist ihm „Anstoß zu politischer Praxis“ (Rüsen). Er erblickte darin offenbar keinen Gegensatz zu den von ihm erarbeiteten wissenschaftstheoretischen Grundsätzen, die er offenbar nur in Bezug auf die „Wahrheitsfindung“ gültig erachtete, nicht aber hinsichtlich der Anwendung der gewonnenen Erkenntnisse (wie dies später in ähnlicher Weise – allerdings ohne einen so konkreten politischen Hintergrund – Max Weber formulieren sollte). Droysen hat die „eunuchische Objektivität“ abgelehnt – Objektivität war ihm wie auch Sybel116, Treitschke (s.w.u.), Ottokar Lorenz117 und anderen nahezu Vaterlandsverrat – Adolf Hitler steht etwas später in dieser Reihe118. Es hat diese Anschauung in der Zeit der Auseinandersetzungen um das neue Reich weitreichende Wirkung entfaltet, zumal sie sehr rasch in untragbarer Weise übersteigert worden ist, und zwar in der kleindeutsch orientierten preußischen Historiographie und dort insbesondere durch Heinrich von Treitschke119. Unter dem Eindruck der Aktivität der preußisch-kleindeutschen nationalistischen Schule äußerte Jacob Burckhardt nach 1870/71, dass nun „die ganze Weltgeschichte von Adam an siegesdeutsch angestrichen“ würde.
Ähnlich wie Ranke hat auch Droysen eine weit verzweigte und über mehrere Generationen sich fortsetzende Schule gebildet120.
In aller Klarheit erkennt Droysen auch den Geschichtsforscher als historisch Gewordenen und damit nicht neutralen Beobachter, der seinen persönlichen Erfahrungshorizont in den Forschungsprozess einbringt, und die Relativierung aller normativen Instanzen durch das historische Bewusstsein, resigniert aber nicht. Das Problem der wissenschaftlichen Rekonstruktion „objektiver Tatsachen“ reduziert sich ihm auf die Frage der methodischen Überprüfbarkeit und Begründungsfähigkeit von historischen Deutungshypothesen, die empirischen Arbeitsverfahren werden dem Erkenntnisziel der Geschichtswissenschaft untergeordnet; Ziel ist Aufklären und Bilden, Hinführen zu Selbsterkenntnis, die zu höherwertigem Handeln befähigt.
Droysens „Historik“ ging aus seiner ab 1857 gehaltenen Vorlesung „Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte“ hervor, der 1867, 1875 und 1881 die immer wieder verbesserten Formulierungen als „Historik“ folgten; es handelt sich dabei um nicht ausformulierte aphorismenartige Formulierungen, in denen es noch eine Einheit von Erkenntnistheorie, Geschichtsphilosophie und Methodologie gibt. Droysen ist Höhepunkt – und unter gewissen Aspekten Abschluss – dieses Genres (BodinFrancis BaconVossius, Keckermann u.a. – DescartesBayleVicoChladenius). Anlass zu seiner Vorlesung waren „materialistische" Äußerungen 1852 an der Universität Jena. Droysen schrieb am 12. Februar 1852 an Sybel: „Um gegen die hier überhand nehmende Richtung - unsere weisesten Männer in Jena lehren bereits, dass nur Mikroskop und Waage Wissenschaft sei, dass ihre mathematische Methode die Methode überhaupt sei, wie einst die Hegelschen Schüler mit der Philosophie ein Gleiches taten, bis darüber die Philosophie in den Dreck geriet – um hingegen anzukommen, werde ich im Sommer 'Methodologie und Enzyklopädie der historischen Wissenschaft' lesen"; Vorbild dafür war die von Philipp August Boeckh 1809–1865 in 26 Semestern gehaltenen Vorlesungen über „Enzyklopädie und Methodologie der philologischen Wissenschaften", die eines der wichtigsten Zeugnisse des Selbstverständnis des frühen Historismus sind (erst 1877 durch Bratuschek veröffentlicht).
Wesentliche Aussagen der „Historik:
Historische Erkenntnis ist nicht Abbildung geschehener Geschichte, sondern ist gedanklicher Entwurf. Die Totalität des Geschehens ist nicht Gegenstand des geschichtlichen Erkennens; sie kann es nicht sein, weil sie vergangen ist. Geschichte als Gesamtheit aller vergangenen Ereignisse kann man nicht wissen. Geschichte ist somit nur ein Wissen von dem Geschehenen – Droysen über Geschichte: „Das Wissen von ihr ist sie selbst“. Geschichte als gewusste Geschichte ist „ein Ergebnis empirischen Erfahrens und Erforschens“, geschichtliche Erkenntnis richtet sich auf Gegebenes. „Das Wesen der historischen Methode ist forschend zu verstehen“, „Das historische Forschen setzt die Einsicht voraus, dass auch der Inhalt unseres Ich ein vielfach vermittelter, ein geschichtliches Resultat ist.
Droysen hat Geschichtswissenschaft als Forschung, als Prozess definiert: „Das ist es, was Menschenwelt zur sittlichen Welt macht. Das Wesen der sittlichen Welt ist der Wille und das Wollen, das Individuelle, also frei wie es ist, ein stetes Streben nach dem Vollkommenen, ein stetes Fortschreiten, und das auch unter demselben Gesetz bleibt, wenn der Wille und das Wollen dieses Gesetz missachtet und verletzt. Die Bewegung der sittlichen Welt fassen wir also zusammen als Geschichte. Und den Erscheinungen gegenüber, die uns unsere empirische Wahrnehmung aus diesen Bereichen zuführt, haben wir auffassend ein anderes Verhältnis als der Natur gegenüber.“
Maßgebend sei die formgebende Kraft des Menschen, die sich in allem historisch Relevanten finde und im Unterschied zur Natur für stete Entwicklung sorge (während es in der Natur nur Wiederholung des ewig Gleichen gebe) – „diese menschliche Signatur ist so scharfer und ätzender Art, dass, wo auch nur Reste, auch nur Spuren von ihr noch vorhanden sind, man sofort erkennt, dass sie von Menschengeist und Menschenhand stammen, also ein Ausdruck und Abdruck des innersten Wesens dessen und derer sind, die es so geformt haben. [...] Diese formende Kraft gilt es in ihren Äußerungen zu erkennen und zu erfassen, sie aus diesen, wie viele oder wenige uns denn vorliegen, zu rekonstruieren. Diese Ausdrücke gilt es auf das zurückzuführen, was sich in ihnen hat ausdrücken wollen. Es gilt, sie zu verstehen. Damit haben wir das bezeichnende Wort: Unsere Methode ist forschend zu verstehen.“
Droysen führt dazu weiters aus: „Nach den Objekten und nach der Natur des menschlichen Denkens sind die drei möglichen wissenschaftlichen Methoden:
die (philosophisch oder theologisch) spekulative [= erkennen]
die physikalische [= erklären]
die historische [= verstehen]
Ihr Wesen ist: zu erkennen, zu Erklären, zu verstehen“. Dies sei möglich, da jede menschliche Äußerung innere Vorgänge widerspiegle. Das Verstehen sei gleichermaßen induktiv wie deduktiv. Dem entsprechend meint Droysen: "es gibt nichts, was den menschlichen Geist bewegt und sinnlichen Ausdruck gefunden hat, das nicht verstanden werden könnte". Nach Ranke ist jede historische Erscheinung Teil einer geistigen Einheit und kann deshalb „nur durch geistige Apperzeption aufgefasst werden“121. Die Kräfte, die in der Geschichte wirken, seien „geistiges Leben hervorbringende schöpferische Kräfte, es sind moralische Energien, die wir in ihrer Entwicklung erblicken. Zu definieren, unter Abstraktionen zu bringen sind sie nicht; aber anschauen, wahrnehmen kann man sie“. Die historisch-philologische Kritik beschränkte sich eben auf die Kritik der Echtheit der Quellen, die Interpretation selbst wurde als ein Akt des Sich-in-die Quelle-Versenkens verstanden, weshalb auch die Erzählung als die einzig mögliche Darstellungsform gesehen wurde.
So wird Droysen zum eigentlichen Begründer der historischen Hermeneutik (der Interpretation, dem Verstehen als „Erkenntnismethode“), mit deren Hilfe er die Geisteswissenschaften gegen die Naturwissenschaften abgrenzt. Der Problematik, dass das „Verstehen" unter Einbringung der sittlichen und politischen Disposition und auch des diesbezüglichen Wollens der Forderung der Objektivität entgegenstand, war sich Droysen bewusst – seine „Historik“ ist nicht unwesentlich der Versuch, diesem Dilemma durch die wissenschaftliche Absicherung des Verstehens zu entrinnen, es soll eine Überprüfbarkeit der durch die Hermeneutik gewonnenen Aussagen und damit einer intersubjektive Qualität der Aussagen erreicht werden. Damit sind in etwa die Probleme des klassischen Historismus im Sinne der Begründung der idealistischen Geschichtswissenschaft skizziert, mit denen später Wilhelm Dilthey ringt122.
Den für die Naturwissenschaften unbestrittenen und deshalb im analytischen positivistischen Modell allein anerkannten Elementen des Wissens – jenes Wissens, das intersubjektiver Prüfung und allgemeiner Zustimmung fähig ist –, nämlich Beobachtung, Experiment und mathematischer Symbolismus, hat das hermeneutische Modell noch Überlieferung und Reflexion hinzugefügt, die unter dem Einfluss der hohen Einschätzung von Sprache bei Wilhelm von Humboldt123 grundsätzlich als sprachlich vermittelt aufgefasst werden und ihrerseits auf historisch Gewachsenes (Wissensinhalte der Tradition und damit auch der Reflexion) rekurrieren. Hier hat die absolute Dominanz der schriftlichen Quellen, der philologischen Methode und der Heuristik (als Suche nach dem schriftlichen Quellenmaterial) im Historismus ihren Ursprung.
Droysen erachtete es nicht als Ziel der historischen Kritik, sich auf die Feststellung des „Tatsächlichen“ – des Ranke’schen „wie es eigentlich gewesen ist“ – zu beschränken, sie soll nur das Material bereitstellen, das im weiteren eine relativ sichere und verlässliche „Auffassung des Geschehens“ ermöglicht. Geschichte ist nicht die Summe der Tatsachen oder Ereignisse einer Zeit, sondern das Wissen von dem Geschehenen und das so gewusste Geschehene; und als Wissen vom Geschehenen unterliegt sie transzendentalen Auffassungsbedingungen des erkennenden Subjekts, die letzten Endes hermeneutisch, d.h. in Bedingungen der Interpretation, gegründet sind. Objektivität, wie Ranke sie anstrebte, war Droysens Intention nicht.
Ein wesentliches Element in diesen Überlegungen Droysens war das der Kontinuität historischer Entwicklungen; er vermochte die Vorstellung der Kontinuität nicht mit der von Gesetzmäßigkeiten in Einklang zu bringen. In vielen seiner Überlegungen hat Droysen sich, obgleich begeisterter Hörer von Hegel, sich von diesem abgewendet und auf Kant zurückgegriffen (Neukantianismus), und sogar einen neuen Kant herbeigesehnt, der „das theoretische und praktische Verhalten zu und in der Geschichte kritisch durchmustere, etwa in einem Analogon des Sittengesetzes, einem kategorischen Imperativ der Geschichte, den lebendigen Quell nachweise, dem das geschichtliche Leben der Menschheit entströmt“, ja eine „Kritik der historischen Vernunft“ schaffe. „Geschichte“ ist für Droysen in engem Zusammenhang mit politischem Handeln zu sehen und nicht umsonst hat er wesentlich zu der mit klaren Zielsetzungen und Wertungskriterien ausgestatteten kleindeutsch orientierten Historiographie beigetragen.
Aus der von Ranke begründeten und in der Folge gefestigten Wertschätzung des Staates – „Gedanken Gottes“ – entwickelt sich die hermeneutische Form des Historismus zu einer Art „Staatshistoriographie“ bzw. -ideologie und somit zu einem Faktor der Stabilisierung des Staates. Dem Volk Entscheidungsbefugnisse einzuräumen, hätte diesen Auffassungen zufolge die Staaten daran gehindert, ihren großen Aufgaben nachzukommen; Geschichte werde durch leitende Persönlichkeiten gemacht und nicht durch die – von den Sozialisten erfasste – Masse.
Durch Droysens Eingreifen wird eine Immunisierung der deutschen Geschichtswissenschaft auf theoretischer Ebene gegenüber dem Positivismus bewirkt, obgleich sich doch andererseits gleichzeitig ein Eindringen des Positivismus in die Praxis der Geschichtsforschung vollzog, das wesentlich gefördert wurde durch die Ranke-Schule, die – Bayle fortführend – in der Kritik der Tatsachen ein wesentliches Geschäft der Historie erblickte. Das Erscheinen der Boeckh’schen Enzyklopädie (1877), Ernst Bernheims 1880 veröffentlichte Schrift „Geschichtsforschung und Geschichtsphilosophie“, aus der sein 1889 erstmals erschienenes „Lehrbuch der Historischen Methode und der Geschichtsphilosophie“ hervorgegangen ist, das dann mehrere Auflagen erleben sollte, sind ebenso als Reaktionen auf diese Entwicklung zu verstehen wie Diltheys „Einleitung in die Geisteswissenschaften“ 1883 – allesamt Schritte, die der wissenschaftlichen Untermauerung der „geisteswissenschaftlichen Methode“ des Verstehens gegenüber der naturwissenschaftlichen Methode dienen sollten. Dilthey hat sein Leben lang um die erkenntnistheoretisch-philosophische Untermauerung gerungen und ist letztlich gescheitert.
Es darf nicht übersehen werden, dass die Realität des politischen Alltags durchaus auch in die idealistisch-hermeneutische Geschichtswissenschaft durchschlug und in der Lage war, wesentlich Maximen außer Kraft zu setzen. Insbesondere war es die deutsche Frage, die in den einander gegnerisch gegenüberstehenden Lagern der Großdeutschen und der Kleindeutschen für sehr unterschiedliche Bewertungen der Vergangenheit führte, wobei zwischen der quellenkritisch-methodischen Eruierung der Fakten einerseits und der Bewertung der getroffenen Entscheidungen zu unterscheiden ist.
Es waren die Vertreter der aus der Bewegung des Liberalismus heraus sich entwickelnden liberal-nationalen Schule (Sybel, Dahlmann, Treitschke sowie der Althistoriker Theodor Mommsen), die diesbezüglich hervortraten. Der Ranke-Schüler Heinrich von Sybel, der sich von seinem Lehrer schroff lossagte, wandte sich einer neuen politisch-tendenziösen Geschichtsschreibung zu und wurde unter dem Eindruck der Revolution von 1848 neben Heinrich von Treitschke und Johann Gustav Droysen zum Führer der kleindeutschen Geschichtsschreibung, die die preußische Hegemonie in Deutschland forderte und unter dieser Zielsetzung eine Neubewertung der deutschen Geschichte vornahm. Eine Auseinandersetzung hatte Sybel durch seine massive Kritik an der Italienpolitik der Staufer und dann ganz besonders Maximilians I. entzündet, die er im Interesse der inneren Entwicklung des Reiches, die darob zu kurz gekommen sei, krass negativ bewertete: Es sei damit wertvolle nationale Energie vergeudet und die Bildung eines mächtigen, national geeinten deutschen Staates verhindert worden. Als Sybel dies 1859 in einer Festrede über die neueren Darstellungen der deutschen Kaiserzeit ausbreitete, führte dies zu einer bis 1862 währenden intensiven Auseinandersetzung mit dem rheinländisch-österreichischen Historiker Julius von Ficker (1826–1902, an der Universität Innsbruck), der den großdeutschen Standpunkt vertrat und die deutsche Kaiserpolitik des Mittelalters als aus ihrer Zeit hereus verständlich verteidigte. Der Streit löste eine umfangreiche wissenschaftliche Kontroverse aus, deren Aufsätze etc. ob ihrer programmatischen Inhalte immer wieder neuaufgelegt und heute noch erhältlich sind. Gleichwohl ist es ein Verdienst Sybels, wesentlich zur Entromantisierung des deutschen Mittelalterbildes beigetragen zu haben.
Theodor Mommsen
Neben der Ranke-Schule und neben der kleindeutsch orientierten Historiographie erlangte vor allem Theodor Mommsen (1817–1903) eine ähnlich zentrale Position, nämlich im Bereich der Altertumswissenschaften. Mommsen kam von der Jurisprudenz und der Realienkunde der Antike, von Klassischen Philologie, der Numismatik und von der Epigraphik her zur Geschichte. Von seinem Werdegang sind auch seine Werke geprägt; er stellte diese Hilfswissenschaften in den Dienst der Historiographie. Sein bedeutendstes Werk ist seine 1854-56 dreibändige „Römische Geschichte“, für die er – als einziger Historiker – 1902 den Nobelpreis für Literatur erhielt; weiters „Das römische Staatsrecht" und numismatische und chronologische Abhandlungen – Mommsens Werksverzeichnis weist 1500 (!) Titel aus, darunter auch das berühmte „Römisches Strafrecht“ mit welchem Werk Mommsen im Alter von 82 Jahren ein Thema abschloss, das die Römer selbst nicht bewältigt hatten. Mommsen war eine althistorische Kapazität internationalen Ranges und hat als solche zahlreiche wissenschaftliche Großunternehmungen (Corpus Inscriptionum Latinarum etc.) und eine eigene Schule begründet124. Mommsen fordert die Autopsie und leitet CIG = Corpus inscriptionum Graecarum (= attische Inschriften) ein, dann IG = Inscriptiones Graecae und schließlich CIL = Corpus inscriptionum Latinarum und beschritt so den Weg zur Epigraphik und Archäologie. Mommsen weist weiters über seine Schüler Julius Beloch und Robert Pöhlmann den Weg zur Wirtschaftsgeschichte.
Mommsens Schüler, vor allem sein Schwiergersohn Ulrich Wilamowitz-Moellendorff (1848–1931), haben diese Tradition der deutschen Altertumswissenschaft fortgeführt. Es wird in Edition, Realienkunde, Ausgrabungstätigkeit und Historiographie eine ungeheure Forschungsleistung erbracht, und durch die sukzessive in Zusammenwirken mit der Grabungsarchäologie erfolgende Entwicklung der Altorientalistik (Assyriologie, Hethitologie etc.) vollzieht sich eine bedeutende Ausweitung des historischen Betrachtungsfeldes ab der zweiten Hälfte des 19. Jhs.
1.3.7.1.3 Die großen nationalstaatlichen historisch-wissenschaftlichen Gemeinschaftsunternehmungen des 19. und 20. Jhs im Gefolge der Entwicklung der Geschichtswissenschaft in Deutschland
In Deutschland gründete am 20. Jänner 1819 der Reichsfreiherr Lorenz vom und zum Stein in Frankfurt die Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde, die sich die Herausgabe der Quellen zur älteren deutschen Geschichte, der „Monumenta Germaniae Historica“ (= MGH) und des „Archivs der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde" (ab 1876 „Neues Archiv ...") zur Aufgabe machte – unter Devise „Sanctus Amor Patriae“; bald wurde das Unternehmen von den Ländern subventioniert. Die Arbeit wurde durch mehr als 50 Jahre durch Georg Heinrich Pertz (1795–1876) als erstem Herausgeber bestimmt, dem als erster Sekretär Johann Friedrich Böhmer zur Seite stand, der sich aber mit Pertz überwarf. 1824 schuf man die fünf Abteilungen Scriptores, Leges, Diplomata, Epistolae und Antiquitates; später traten die Auctores antiquissimi und anderes hinzu. 1875 erfolgte eine Neuorganisation und die neue Zentraldirektion wurde eine öffentlich-rechtliche Einrichtung, die das Deutsche Reich und Österreich finanzierten; in Wien wurde eine Zweigstelle errichtet; die wissenschaftliche Unabhängigkeit blieb aber erhalten; neuer Vorsitzender wurde Georg Waitz (1813–1886), und die Zeitschrift wurde 1876 in "Neues Archiv..." umbenannt. In der NS-Zeit erfolgte mit 1. April 1935 die Umwandlung in ein Reichsinstitut für ältere deutsche Geschichtskunde, und 1937 erhielt die Zeitschrift den Titel „Deutsches Archiv“. Nach 1945 erfolgte die Reorganisation wieder als öffentlich-rechtliche Einrichtung unter dem Namen "Deutsches Institut für Erforschung des Mittelalters".
Auf Grund des Zerwürfnisses zwischen Pertz und Böhmer entstanden die „Regesta Imperii“ (= RI), die im Gegensatz zur Quellenedition der MGH eben Regesten bieten.
Leopold Ranke gründete die „Jahrbücher des Reiches“, die von Giesebrecht125 als annalistisch organisierte Materialerfassung zur Geschichte der deutschen Kaiserzeit bis 1190 mit Hilfe zahlreicher weiterer Historiker vorangetrieben wurden; in den Jahrbüchern wird aus allen verfügbaren Quellen die Geschichte des Römischen Reiches für jedes Jahr, also gleichsam in annalistischer Struktur, erstellt, um so den „Rohstoff" gewissermaßen griffbereit zu organisieren.
In Frankreich entwickelte sich nach 1815 ebenfalls ein großes Interesse am Mittelalter: es kam 1821 zur Errichtung der Ecole des Chartes – einer speziellen Ausbildungsstätte für die mediävistischen Hilfswissenschaften – in Paris und schon in den 1820er Jahren zu zahlreichen Editionen mittelalterlicher Quellen. Romantische Rückwendung zur eigenen, nationalen Vergangenheit auch hier, Rückbesinnung auf Religiosität126, auf Monarchie und auf das "farbige Leben des Mittelalters". Qualitativ hinkte man aber – vor allem im Bereich der Alten Geschichte – weit hinter den Deutschen her127. Erst ab 1850 kam es – ähnlich wie in Österreich durch Professorenimporte aus Deutschland – auch in Frankreich zu einer Belebung der klassischen Studien, ohne dass sich diese aber in dem Maße wie in Deutschland auf die Auseinandersetzung mit dem Mittelalter konzentrierten. Der französische Unterricht ist auch lange noch ausschließlich Kathederunterricht gewesen, lediglich in der Ecole des Chartes wurde in einigen Hilfswissenschaften praktischer Unterricht erteilt. Die akademische Geschichtswissenschaft Frankreichs stand im 19. Jh gänzlich unter dem Einfluss der Entwicklung in Deutschland.
1834 wurde auf Vorschlag des Ministers und Historikers Francois Guizot das Comité des Travaux Historiques et scientifiques gegründet, das den Auftrag zur Edition von Quellen erhielt, woraus die „Collection de documents inedits sur l'histoire de France“ resultierte, die heute noch wichtig ist – sie enthält mittelalterliche und neuzeitliche Dokumente, es wurde im Prinzip die Arbeit des Cabinet des Chartes fortgeführt, aber letztlich ohne Plan und Standards gearbeitet.
Ein Wandel trat erst in den späten 1860er Jahren ein, als auf Initiative des Ministers und Althistorikers Victor Duruy die Ecole Pratique des Hautes Etudes in Paris begründet wurde, die aus einer Reihe von historischen und philologischen Seminaren bestand, die auf Grund eines Berichtes des nach Deutschland entsandten Historikers Gabriel Monod nach Berliner Vorbild eingerichtet wurden (nicht übernahm man in Frankreich die Fakultätsgliederung). Es setzte nun auch in Frankreich die Herausgabe kritischer Editionen der wichtigsten Texte (Collection Halphen und Collection Picard) – Urkunden, erzählende, belehrende, wirtschaftsgeschichtlich bedeutsame etc. Quellen ein.
Außerdem traten nun auch private Gesellschaften wie die Société de l'Histoire de France in den Forschungsprozess ein.
In Belgien wurde 1834 die Commission Royale d'Histoire eingerichtet (einen Tag vor der Einsetzung des Comité des Travaux Historiques in Paris). Sie erlangte große Bedeutung unter Godefroid Kurth und Henri Pirenne, die 1874 in Lüttich und (Pirenne) 1886 in Gent den deutschen Seminarunterricht einführten, der 1890 staatlich anerkannt wurde und auch hier enorme Wirkung zeitigte.
Die Mediävistik spielte in den Niederlanden eine untergeordnete Rolle, da man sich dort mehr auf das Goldene Jahrhundert konzentrierte.
In England, wo man über die größten geschlossenen Archivbestände unter staatlicher Obhut verfügte, fehlte es über die Romantik hinaus (Walter Scott) an politischen Motiven zur Auseinandersetzung mit dem Mittelalter. Die Beschäftigung mit diesen Materialien ist praktisch ausschließlich von den staatlichen Stellen selbst ausgegangen, die Beamte mit den einschlägigen Arbeiten beauftragten und dafür honorierten. So kam es in der ersten Hälfte des 19. Jh zum Abdruck zahlreicher Archivmaterialien – der Begriff Edition wäre laut Caenegem zu hoch gegriffen –, nämlich durch die von der Regierung beauftragten und zwischen 1800 und 1831 durch das Unterhaus bestellten Record Commissioners, die die „Publications of the Record Commissioners“ herausbringen, 62 Werke in 135 Bänden London 1802–1848, 1849, 1875, vielfach handelt es sich auch nur um die Publikation von Exzerpten, Regesten, auch wurden ältere Werke – wie etwa Rymers „Foedera“ – neu gedruckt. 1838 wurde ein Gesetz zur Errichtung des Public Record Office (= PRO), also eines Staatsarchivs beschlossen, das PRO wurde aber erst 1852 errichtet, womit die Zusammenführung der zahlreichen, oft sehr schlecht verwahrten staatlichen Archivbestände begann, unter denen massemäßig am stärksten die Rolls unter der Obhut des Master of the Rolls waren – die effektive Arbeit führte ein Deputy keeper of the records. In Form von Calendars wurden nun die Materialien im Druck zugänglich gemacht. Diese Calendars sind den Rolls entsprechend in verschiedene Serien gegliedert: Calendar of close rolls, of patent rolls, Calendar of State Papers128, Curia regis rolls129 etc.
1869 wurde im Zusammenhang mit dem PRO die Historical Manuscripts Commission (= HMC) begründet, die die Aufgabe erhielt, die in Privatarchiven liegenden Materialien (in England mehr als irgendwo anders) durch Druck zugänglich zu machen; es erschienen 1870–1960 225 Bände, die auch zahlreiche Kataloge und Inventare von Privatarchiven enthalten – was aber noch nicht besagt, dass diese Materialien im Original auch zugänglich gemacht werden. Alle Archive, einschließlich der Privatarchive, werden seit 1945 durch das „National Register of Archives“, ein eigenes Amt im PRO, koordiniert.
Ab 1858 begann man in England unter deutschem und dann auch französischem Einfluss mit der Herausgabe der „Rolls series“ = „Rerum britannicarum medii aevi scriptores“ = „Chronicals and memorials of Great Britain and Ireland during the Middle Ages“, 99 Werke in 253 Bänden London 1858–1911. Eine Unternehmung, die durch den Master of the Rolls (1851–1873) Sir John Romilly gefördert wurde und so zu der irreführenden Bezeichnung „Rolls series“ kam, ansonsten aber nichts mit dem PRO zu tun hat.
Als dritter Faktor sind auch in England private gelehrte Gesellschaften zu erwähnen: vor allem die 1838 begründete Camden Society (später Royal Historical Society), die 1884 eingerichtete Pipe Roll Society u.a., die ebenfalls Quellenpublikationen meist in speziellen Bereichen herausgebracht haben.
In Österreich erwuchs am Augustiner Chorherrenstift in St. Florian durch Franz Kurz (1771–1843) und seinen Schüler Josef Chmel (1798–1858) in der ersten Hälfte des 19. Jhs eine sehr wertvolle historiographische Tradition; hatte Franz Kurz noch eine strikt an Dynasten orientierte, aber inhaltlich schon etwa weiter ausgreifende und auf solider Quellengrundlage fußende Geschichtsdarstellung verfolgt130, so entwickelte Chmel in den 1830er und 1840er Jahren modernere Konzeptionen für eine Geschichte Österreichs, die er nach der Begründung der Akademie der Wissenschaften als Obmann der ersten die Arbeit aufnehmenden Kommission – der Historischen Kommission – mit Hilfe zahlreicher in den einzelnen Ländern wirkender Historiker zu realisieren begann; nach seinem Tod 1858 verlagerte sich der Schwerpunkt der Arbeit naturgemäß, der neueren Entwicklung entsprechend, an die Universitäten. Denn mittlerweile wurde 1854 in engem personellen Zusammenhang mit der Philosophischen Fakultät der Universität Wien das Institut für österreichische Geschichtsforschung (= IföG) begründet, das ursprünglich zur Ausformung einer modernen geschichtswissenschaftlichen Forschung mit dem erklärten Ziel der Erarbeitung einer modernen Geschichte des Habsburgerstaates geschaffen worden ist, in der Folge aber unter Theodor Sickel immer mehr ein Zentrum der hilfswissenschaftlichen Forschung und immer stärker in die großen Unternehmungen wie MGH und Regesta Imperii eingebunden wurde – den Regesta Imperii traten später die Regesta Habsburgica zur Seite. Den Zielsetzungen von 1854 entsprechend wurde am IföG ein heute noch bestehender Ausbildungskurs eingerichtet, der primär der Ausbildung in den Hilfswissenschaften und zum Archivar dient (die Staatsprüfung am IföG ist Vorbedingung für die Erlangung eines Archivarspostens im Österreichischen Staatsarchiv und in den meisten Landesarchiven in Österreich); dem zweijährigen Kurs geht ein Vorbereitungsjahr voran, an dessen Ende eine Aufnahmsprüfung steht.
In Italien setzt nach der Einigung und nach der Einverleibung des Kirchenstaates 1870 eine zentralisierte Aktivität nach dem Vorbild der MGH ein: Es wurde 1883 das Istituto storico italiano gegründet, das 1887 mit der Herausgabe der Fonti per la storia d'Italia beginnt, die gegliedert sind in: scrittori, Leggi, Diplomi, Epistolari e Regesti, Statuti, Antichit etc. Seit 1900 läuft die Neuherausgabe der Scriptores von Muratori, die seit 1923 – da ja letztlich beide dasselbe betreiben – mit dem Istituto storico koordiniert wird.
Im 19. Jh traten auch die Akademien der Wissenschaften in den einzelnen Ländern in verstärktem Maße in die Forschung ein131 und verstärktes nationales und staatliches Interesse wird auch von ihnen durch die Förderung von großen Unternehmungen oder überhaupt die Errichtung und Erhaltung von wichtigen einschlägigen Institutionen verfolgt. Ab dem Ende des Jahrhunderts beginnen sich die Akademien in Kartellen und Unionen zusammenzuschließen und große Unternehmungen gemeinschaftlich zu betreiben. In Wien hat die Historische Kommission die unter Chmel begonnene Arbeit in der Fortführung und wesentlichen Ausweitung der „Fontes rerum Austriacarum“ und des begleitenden „Archiv für österreichische Geschichte" (= AföG) fortgeführt und eine Fülle neuer Unternehmungen vor allem in den Bereichen der Rechtsgeschichte, der Kunstgeschichte und der Historischen Geographie neu begonnen; auch die reichen Aktivitäten im philologischen Bereich sind weitgehend historisch-wissenschaftlicher Natur. Da die Akademiemitglieder fast durchwegs gleichzeitig Professoren waren und sind und die Forschungsarbeit meist in den Universitätsinstituten stattfinden, sind die Grenzen zwischen Universität und Akademie schwer zu ziehen.
Im 20. Jh wurden die bereits erwähnten Unternehmungen durch nationale, staatlich finanzierte Forschungsinstitutionen intensiviert (Max-Planck-Institute etc.).
Im 20. Jh begann sich auch eine Mediävistik in den USA zu entwickeln, 1925 wurde die Medieval Academy of America gegründet und es erscheinen Zeitschriften wie Speculum (Boston 1926ff.), Traditio (New York 1939ff.) und Medievalia et humanistica (Boulder 1943ff.).
Alle diese hier erwähnten, von nationalen Gesichtspunkten getragenen Unternehmungen bedeuteten aber auch die Zerlegung der europäischen Geschichte in nationale Geschichten – alle Archive wurden unter nationalen Aspekten exzerpiert, auch das Vatikanische Archiv, dessen sukzessive Öffnung ab 1881 geradezu einen Boom konkurrenzierender Forschung samt der Einrichtung nationaler Historischer Institute in Rom auslöste. Daraus resultierte weiters die wesentliche Zuwendung zu politisch-verfassungshistorischen Fragestellungen, während andere Aspekte – Geistesgeschichte etc. – weitgehend unbeachtet blieben, sodass man manche Dinge heute noch in uralten, völlig unzulänglichen Editionen nachschlagen muss, die nur aus diesem Grund auch nachgedruckt werden.
1.3.7.1.4 Der Widerstand gegen die idealistische Geschichtsauffassung und ihre Geschichtsschreibung in Deutschland – die Krise des Historismus
Widerstand gegen die idealistische Geschichtsauffassung und -schreibung regte sich relativ früh, zumal materialistisch-positivistische Auffassungen auch in Deutschland Fuß fassten132.
Der Materialismus
Als dem Positivismus nahestehend und als eine frühe dem Idealismus oppositionelle Erscheinung ist der Materialismus zu erwähnen, der im 18. Jh von Frankreich133 und von England134 aus Einfluß gewann. Der Materialismus erklärt alle Erscheinungen als Eigenschaften oder Wirkungen von Stoffen. Allerdings ist nicht mehr die alte dualistische Auffassung der Antike und des Mittelalters (dass das Seelenleben an einen spezifischen feinen Stoff gebunden sei, der sich von der Materie der materiellen Welt unterscheide) bindend, sondern die monistische Auffassung, die das geistige Leben als Ausfluss stofflicher Vorgänge (also im physiologischen Sinne) erklärt. Folgerichtig hat der neue Materialismus auch die klassischen Religionsvorstellungen durch den Glauben an die Vernunft, an die Wissenschaft oder eben auch an den Gang der Geschichte ersetzt.
Neben dem ursprünglichen Materialismus entwickelt sich in Deutschland durch Ludwig Feuerbach (1804–1872) ein starker anthropologischer und im Gefolge vor allem der Mikroskopiker ein naturwissenschaftlicher Materialismus bis hin zu Ernst Haeckel (1834—1919) und Wilhelm Ostwald (1853–1932), der die „wissenschaftliche Weltanschauung" des Monismus begründete. Haeckel gründete 1906 den Monistenbund, der sich als Freigeist-Bewegung gegen jede christliche Dogmatik wandte (ab 1929 sozialistisch geprägt, 1933 aufgelöst und 1946 erneuert).
Durch Karl Marx (1818–1883) – der ein genauer Kenner der französischen Sozialisten war und von Comte und Feuerbach ausging – und Friedrich Engels wurde in Umkehrung gewissermaßen der Hegel’schen Lehre die Richtung des historischen Materialismus entwickelt (offizielle Lehre dann des Marxismus), in der der Gang der Geschichte durch wirtschaftliche Kräfte, Produktionsverhältnisse und Lebensbedürfnisse gesteuert wird – und eben nicht durch Ideen und ihre Verwirklichung durch Individuen. Wahr und wirklich ist für Marx nicht der Hegel’sche Weltgeist, sondern der konkrete, lebende, leidende und durch mancherlei Abhängigkeiten um sein eigenes Wesen und um die Möglichkeit der Selbstverwirklichung (diese besonders von Herbert Marcuse eingemahnt) gebrachte Mensch. Daraus resultiert in der 11. These über Feuerbach der berühmte Ausspruch: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt aber darauf an, sie zu verändern“. In „Die Deutsche Ideologie“ (1845/46) heißt es: „Nicht das Bewusstsein bestimmt das Leben, das Leben bestimmt das Bewusstsein [...] Wir kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte. Die Geschichte kann von zwei Seiten aus betrachtet, in die Geschichte der Natur und die Geschichte der Menschen abgeteilt werden; solange Menschen existieren, bedingen sich Geschichte der Natur und Geschichte der Menschen gegenseitig. Die Geschichte der Natur, die sogenannte Naturwissenschaft, geht uns hier nichts an; auf die Geschichte der Menschen werden wir indes einzugehen haben. [...]
Alle Geschichtsschreibung muss von diesen natürlichen Grundlagen und ihrer Modifikation im Laufe der Geschichte durch die Aktion der Menschen ausgehen. Man kann die Menschen durch das Bewusstsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist. Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst. [...] – der Mensch ist also aktiver Gestalter seiner Geschichte – Geschichte kann somit „gemacht“ werden (schon bei Hegel). Die Produktion bedingt die Gesellschaft, das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein135.
Ziel der Geschichte ist die Darstellung des tätigen Lebensprozesses als eines empirisch anschaulichen Entwicklungsprozesses. „Da, wo die Spekulation aufhört, beim wirklichen Leben, beginnt also die wirkliche, positive Wissenschaft, die Darstellung der praktischen Betätigung, des praktischen Entwicklungsprozesses der Menschen.Engels hat das später in seiner Schrift "Über den Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen" vereinfacht ausgedrückt: Indem Menschen arbeitend ihre Umwelt verändern, verändern sie mittelbar sich selbst – der Mensch ist ein noch nicht festgestelltes (= nicht endgültig geformtes) Tier, das sich selbst durch seine eigene Tätigkeit ständig weiter wandeln kann (eine Idee, die auch Nietzsche aufgegriffen hat). Seine Formulierung „Die Phrasen vom Bewusstsein hören auf, wirkliches Wissen muss an ihre Stelle treten“, wendet sich gegen geschichtsphilosophische Spekulationen.
Die Ausformulierung der in der Mitte der 1840er Jahre erstmals skizzierten Ideen fällt in die Zeit ab 1857.
Friedrich Nietzsche
Friedrich Nietzsche (1844–1900) übte Kritik an der idealistischen Geschichtsauffassung mit seinen 1874 erschienen "Unzeitgemäßen Betrachtungen" und der darin enthaltenen Kritik am Historismus und an einem Übermaß an Geschichte („Von der historischen Krankheit“), das den Menschen der Illusionen und damit der Motivierung beraube – nur die stärksten Persönlichkeiten könnten die Geschichte ertragen, die Schwachen würden durch sie ausgelöscht.
Die nationalökonomischen Schulen
Trotz aller Gegnerschaft entstand dennoch innerhalb des Historismus eine wichtige Ausformung wirtschafts- und sozialgeschichtlicher Geschichtsschreibung, nämlich
die Ältere Historische Schule der Nationalökonomie, die in Wilhelm Roscher136 (1817–1894) kulminierte, der die Ansicht vertrat, dass in der Nationalökonomie die Entwicklungsgesetze der Volkswirtschaft nur in Zusammenhang mit den anderen Aspekten des Volkslebens (Sprache, Religion, Kunst, Wissenschaft, Recht und Staat) verstanden werden könnten, weshalb historische Arbeit unabdingbar notwendig sei; so schrieb er u.a. seinen „Grundriss zu Vorlesungen über die Staatswirtschaft nach geschichtlicher Methode“ (1843) und die „Ansichten der Volkswirtschaft aus dem geschichtlichen Standpunkte“ (2 Bde, 1861 und 1876), und die
Jüngere Historische Schule der Nationalökonomie, die ebenfalls innerhalb des Historismus stand und diesen weiterzuentwickeln bemüht war; sie wurde von Gustav von Schmoller (1838–1917) begründet, der die klassische individualistische ökonomische Theorie von Adam Smith und von Ricardo mit ihrer Konsequenz des Manchestertums ebenso ablehnte wie den abstrakten Rationalismus der österreichischen Schule (Carl Menger, Eugen Böhm-Bawerk und Friedrich von Wieser – die „Grenznutzen-Schule“), mit deren Oberhaupt Menger er einen "Methodenstreit" um die richtige Art, Wirtschaftswissenschaften zu betreiben, ausfocht. Schmoller machte seine Studenten mit Comte und mit Spencer bekannt; er war einer der führenden Kathedersozialisten und verfocht einen empirischen Induktivismus, was natürlich erforderte, dass geschichtliche Forschung der Theoriebildung vorausgehen müsse. Schmoller hat deshalb große Forschungsunternehmungen ins Leben gerufen (z.B.: Acta Borussica, Weltwirtschaftliches Archiv 1913) und selbst historisch gearbeitet („Zur Geschichte des deutschen Kleingewerbes im 19. Jh“, 1870; „Preußische Verfassungs-, Verwaltungs- und Finanzgeschichte“, 1921). Eine allgemeingültige Lösung der sozialen Probleme hielt Schmoller nicht für möglich, er hat deshalb den Internationalismus des Sozialismus schärfstens abgelehnt und eine spezifisch deutsche Lösung gesucht.
Da aber auch hier die Autonomie des Politischen betont und die ökonomischen Faktoren als Elemente der nationalen Politik des Staates verstanden wurden, erfolgte nicht jene Ausweitung, wie sie in Frankreich vollzogen wurde, sondern man gelangte von der Wirtschaftsgeschichte zu einer intensiven Beschäftigung mit der Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte, also wieder zurück zum dominierenden System. Der einzige, der ernsthaft aus dem System ausbrach, war Karl Lamprecht – die Folgen waren enorm.
Zu Ende des 19. Jhs formierte sich auch in Frankreich (das diesbezüglich ja unter starkem deutschen Einfluß stand) und insbesondere in den USA Kritik am Historismus, am Ungenügen der individualisierenden politischen Ereignisgeschichtsschreibung. In den USA sammelte sich eine Gruppe von Historikern, die „new historians“ genannt wurde, um Frederick Turner, James Robinson und Charles Beard, die entscheidende Impulse zur Offenheit und Vielfalt hinsichtlich der Methoden vermittelte. Auch innerhalb Deutschlands griff – nicht zuletzt als eine Folge der historischen Schulen der Nationalökonomie, der besonderen Massierung positivistischer Ideenträger an der Universität Leipzig und der Entwicklung der Soziologie – die Kritik am Historismus gegen die Jahrhundertwende hin um sich. Karl Lamprecht, dann Kurt Breysig und die ersten Vorläufer der Annales, Henri Berr und Emile Durkheim, die ebenfalls eine vergleichende Sozial- und Geistesgeschichte forderten und gleichzeitig die Objektivität der deutschen wissenschaftlichen historischen Schule anfochten, traten auf. Die idealistische Geschichtsauffassung begann mehr und mehr durch naturalistische und biologische Auffassungen überlagert zu werden.
Unter dem Druck der Kritik kam es in Deutschland auch zu einer – damals von den Historikern allerdings nicht wirklich wahrgenommenen – Differenzierung innerhalb der Philosophie: Windelband glaubte strikt an eine objektive historische Realität; Dilthey, Rickert, Hintze, und auch Berr vertraten diese Ansicht – dass sich die Vergangenheit als etwas objektiv Gegebenes dem Historiker darbiete – nicht mehr. Max Weber führte den Begriff „Erklärung“ ein und die „idealtypische Konstruktion“, die ein Ideal aufrichtete und die Abweichung der „Wirklichkeit“ vom Idealtypus konstatierte und damit „Präzision“ ermöglichen sollte. Eklatantestes Ereignis in diesem Zusammenhang war der Streit um Karl Lamprecht.
Der „Methodenstreit“ um Karl Lamprecht
Besondere Bedeutung kam einmal mehr der Entwicklung in Deutschland zu – nicht, dass es in Deutschland zur Ausbildung einer revolutionären neuen Schule gekommen wäre – im Gegenteil. Der berühmte "Methodenstreit", in dem die konventionell konservativen idealistischen Historiker den Neuerer Karl Lamprecht „niedermachten“, führte durch die „Hinrichtung“ Lamprechts im Zusammenwirken mit den Folgen der Friedensverträge und der durch diese ausgelösten Kriegsschuldfrage dazu, dass die national-politische Geschichtsschreibung in Deutschland gefestigt und die Beschäftigung mit der Sozialgeschichte weiter aufgeschoben wurde in die Zeit nach 1945 – zumal ja 1933 (wie es Otto Hintze ausgedrückt hat) eine Epoche der Helden-, Staats- und Kriegsgeschichte begann. Lamprechts Auffassung und Widerstand aber haben großen Einfluss ausgeübt in anderen Ländern, vor allem in Frankreich.
Aus diesen Gründen ist es notwendig, sich zuerst dem Phänomen „Lamprecht“ und seinen Folgen in Deutschland zuzuwenden, ehe die im Weiteren dann immer bedeutender werdende Entwicklung in Frankreich thematisiert wird. Die Auseinandersetzung um Lamprecht, der sogenannte Methodenstreit der 1890er Jahre, der durch das Erscheinen von dessen "Deutsche Geschichte" 1891ff. ausgelöst wurde, bildete die 3. Phase der Auseinandersetzung137:
Karl Lamprecht (1856–1915) unternahm in den 1890er Jahren den Versuch, wie er es selbst ausdrückte, „eine einseitige, die politische Seite der Geschichte ausschließlich oder doch ganz vornehmlich fassende Geschichtsschreibung durch eine allseitige, dem Ganzen des geschichtlichen Lebens gerecht werdende Geschichtsauffassung zu ersetzen und für diese die richtige wissenschaftliche Methode zu finden“.
Dieser Versuch wurde von der Zunft der idealistisch geprägten Historiker Deutschlands als Verrat aufgefasst und führte zur Isolierung Lamprechts, zu schweren Angriffen auf ihn und hatte weiters den praktischen Ausschluss der Wirtschafts- und Sozialgeschichte aus den Universitäten des deutschsprachigen Raumes bis nach 1945 zur Folge.
Lamprechts Hauptwerk ist seine "Deutsche Geschichte", die 1891 zu erscheinen begann und das Ziel hatte, „die gegenseitige Befruchtung materieller und geistiger Entwicklungsmächte innerhalb der deutschen Geschichte klarzulegen sowie für die Gesamtentfaltung der materiellen wie geistigen Kultur einheitliche Grundlagen und Fortschrittsstufen nachzuweisen“. Bereits in seiner Studienzeit hatte Lamprecht die Forderung formuliert, den Hauptgehalt der Geschichte des Mittelalters nicht in der Auseinandersetzung zwischen „geistlicher und weltlicher Gewalten, nicht im Glanze und Erlöschen der imperatorischen Idee, kurz überhaupt nicht in seiner politischen Geschichte“ zu sehen. Die deutsche Geschichte untersuchte er als einen Prozess, der gesetzmäßig verläuft im Sinne einer Folge von Ursache und Wirkung, wobei ihm die materiellen und sozialen Voraussetzungen von bestimmenderer Bedeutung waren als das Wirken Einzelner, das in den Hintergrund trat. Damit und insbesondere in der Behandlung der germanischen Vorzeit stand Lamprecht auf dem Boden des historischen Materialismus, indem er Recht, Sitte, Religion und die Anfänge eines Staatsverfassung „aus der Produktion und Reproduktion“ des unmittelbaren Lebens entwickelte. Sehr geschadet hat ihm natürlich die diesbezügliche, befriedigte Äußerung des Marxisten Franz Mehring, der den "himmelweiten Unterschied" zwischen Lamprechts Darstellung und der "preußisch-deutschen Geschichtsklitterung" der Zunfthistoriker hervorhob (hier eine „end- und gliederlose Masse ewiger Prügeleien, ohne jede historische Perspektive", dort ist „unter dem öden Einerlei mittelalterlichen Mord und Totschlags [...] das Walten einer gesetzmäßigen und sehr lehrreichen Entwicklung“ sichtbar).
Bald sah sich Lamprecht wilden Angriffen, ja einer Hetzjagd im Rahmen "Methodenstreites" ausgesetzt, der seinen Höhepunkt und ein Ende im Jahre 1898 erreichte, als Georg von Below in der Historischen Zeitschrift Lamprecht „hinrichtete“. Lamprecht selbst hat durch seine – zwangsläufig – vielfach hastige und flüchtige Arbeitsweise die Grundlage für genüsslich vorgetragene Detailkritik durch seine Gegner geschaffen. Durch diese Angriffe erst wurde Lamprecht gezwungen, eine wissenschaftstheoretische Untermauerung seines Vorstellungen und seiner Methode zu erstellen, wofür er aber nicht über die notwendigen Voraussetzungen verfügte, weshalb er erst im Herbst 1896 erstmals theoretische Studien anstellte. Gleichwohl hat Lamprecht seine Vorgangsweise als die "kulturhistorische Methode" und zugleich als "die erste wirklich wissenschaftliche Methode der Historie" bezeichnet, durch die die Geschichte gegenüber der vulgären individualistischen, künstlerisch deskriptiven Behandlung erst zur Wissenschaft erhoben werde.
Politisch war Lamprecht wie seine Gegner Below oder Dietrich Schäfer Mitglied des Alldeutschen Verbandes und glühender Deutschnationaler. In seiner "sozialpsychischen Geschichtsauffassung" sah er ein wirksames Mittel gegen den "historischen Relativismus".
Lamprecht wurde von der Zunft gemieden; in der Öffentlichkeit aber erregte er großes Aufsehen und seine Werke fanden entsprechende Verbreitung; eine wirksame Verteidigung über seine eigenen Möglichkeiten hinaus wurde durch den Publizisten Maximilian Harden getragen. Lamprecht suchte sich von der materialistischen Geschichtsauffassung abzusetzen und widersetzte sich der Einstufung als Vertreter dieser Richtung, zumal ja auch in weiten Kreisen – und zwar bis lange nach 1945 – die Sozialgeschichte mit sozialistischer Geschichtsschreibung gleichgesetzt wurde. Lamprecht rückte deshalb von der Einschätzung der ökonomischen Gegebenheiten als wesentlicher geschichtsbildender Faktor ab und verlegte sich auf eine weitgehend psychologisierende Auffassung: „Jedes wirtschaftliche Tun ist psychologisch genauso bedingt wie irgendein anderes 'geistiges' Tun, jede Summe wirtschaftlicher Errungenschaften ist genauso Niederschlag seelischer Vorgänge wie irgendein Gedicht, ein Rechtsbuch, eine staatliche Institution“ (1896). Diese Wendung setzte ihn nun scharfen Angriffen auch von seiten des historischen Materialismus aus; Mehring beschuldigte ihn, gegenüber dem Idealismus ein „pater peccavi“ ausgesprochen zu haben.
Lamprecht hat in der Folge
eine scharfe Trennung zwischen Weltanschauung und wissenschaftlicher Methode gefordert, wobei er sich allerdings in seinen Schriften selbst widersprochen hat
eine an der exakten Psychologie sich orientierende kausal-genetische Betrachtungsweise – hier zeigt sich der massive Einfluss Wilhelm Wundts – angestrebt;
die Lehre von den Kulturzeitaltern verfolgt – dies weist den Weg hin zu Spengler.
Im Weiteren glitt Lamprecht in letztlich nicht haltbare wissenschaftstheoretische und methodologische Anschauungen hinein und musste sich weitere Widerlegungen gefallen lassen. In Deutschland hat er keine Schule gebildet. Resonanz fand er hingegen in Frankreich, vor allem schloss sich Henri Pirenne an ihn an.
Eine übersichtliche zusammenfassende Darstellung seiner Ansichten hat Lamprecht in seinem im Mai 1902 verfassten und 1903 in Ostwalds „Annalen der Naturphilosophie“ erschienenen und ursprünglich als Einleitung für den 2. Band seiner Deutschen Geschichte gedachten Aufsatz „Ueber den Begriff der Geschichte und über historische und psychologische Gesetze“ gegeben138.
Kulturgeschichte
Die aus der Aufklärungstradition herstammende und weiters im positivitsischen Umfeld aber auch in der Romantik weiter entwickelte Vorstellung von einer „Kulturgeschichte“ als einer alle historischen Phänomene (und nicht nur die der politische Staatengeschichte) umfassenden Darstellung, wie sie bei Lamprecht vorhanden ist, hat gegen den Ausgang des 19. Jhs hin eine Vorstellung von Kulturgeschichte erwachsen lassen139, die sich in der Befassung mit Gegenständen des historischen Alltags, musealen Bestrebungen etc. äußerte, die ihrerseits wieder hin zur Anthropologie und zur Volkskunde wiesen und auch dort umgesetzt wurden, während diese Strömung in der Geschichtswissenschaft im engeren Sinne nicht wirklich aufgegriffen wurde.
Otto Hintze
Erfolgreicher als Lamprecht und Breysig (s.w.u) hat Otto Hintze (1861–1940) die beiden unterschiedlichen Strömungen vereint. Er war ein Schüler Droysens und entstammte damit der preußisch-nationalliberalen Geschichtsschreibung, deren Einseitigkeit und Verzerrungen er aber sehr früh kritisierte. Er geriet dann unter den Einfluss Schmollers und vereinte als einziger beide Richtungen und erfuhr die Hochachtung beider Richtungen. Hintze war vielleicht der wichtigste deutsche Historiker des beginnenden 20. Jhs und der Zwischenkriegszeit; er studierte in Greifswald und in Berlin. Er arbeitete anfänglich – unter dem Einfluss von Waitz – auf dem Gebiet der Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte, ging dann aber zu wirtschaftshistorischen Themen über – verknüpfte Verfassungs- und Sozialgeschichte und behandelte dann die Geschichte des Staatsbegriffes – „Wesen und Verbreitung des Feudalismus“ (1929), „Typologie der ständischen Verfassungen des Abendlandes“ (1930), "Weltgeschichtliche Bedingungen der Repräsentativverfassungen" (1931). Hintze hat es verstanden, die Grenzen der einzelnen Bereiche – Soziologie, idealistisch-hermeneutische, positivistische Geschichtswissenschaft – zu erfassen und anzusprechen.
1.3.7.1.5 Geschichtsmorphologische Vorstellungen
Kurt Breysig
Neben Lamprecht steht in den Anfängen seines Wirkens Kurt Breysig (1866–1940), der durch empirische Forschung universalhistorische Entwicklungsgesetze nachzuweisen suchte, die die Menschheit zu immer höheren Kulturstufen aufsteigen ließen. Breysig wurde von seinen Schülern schwärmerisch verehrt, von den Fachkollegen aber praktisch totgeschwiegen als der Mann, der die Lamprecht’schen Versuche weiterzuführen sich bemühe, die saubere historische Methode vernachlässige und in seinen Darstellungen „zwischen nüchternem Positivismus und visionärem Rausche schwankte“ (so Friedrich Meinecke).
Breysig kam aus der nationalpolitisch engagierten preußischen Geschichtsschreibung (er war Schüler Treitschkes und Kosers) und war stark von der Jüngeren Historischen Schule der Nationalökonomie, also Schmoller, beeinflusst. Er wandte sich der Sozialgeschichte zu und gelangte über die vergleichende europäische Verfassungs- und Sozialgeschichte zu einer durch den Positivismus beeinflussten strukturierenden, vergleichenden Universalgeschichte mit starker Tendenz zur Geschichtstheorie bzw. Geschichtsphilosophie.
Breysig hat außerdem neben Georg Simmel die ersten Soziologie-Vorlesungen an der Universität Berlin gehalten; er war auch der erste deutsche Historiker, für den ein soziologischer Lehrstuhl eingerichtet wurde. Breysig suchte so – wie auch Hintze – die individualisierende idealistische Schule mit der nach Generalisierung und Theoriebildung strebenden Jüngeren Historischen Schule der Nationalökonomie, also die beiden damals wichtigsten geschichtswissenschaftlichen Richtungen in Deutschland, zu verschmelzen. Für Breysig war die Wirtschaft eine (aber nicht die) Grundlage der gesellschaftlichen Entwicklung. Er wandte sich 1896 gegen Lamprechts einseitigen Kollektivismus. Die Frage Treitschkes (Machen Männer die Geschichte oder Zeiten?) beantwortet er mit: die Männer und die Zeiten.
1900 begann Breysigs ursprünglich auf 5 Bände berechnete, dann mit 3 Bänden im 13. Jh steckenbleibende „Kulturgeschichte der Neuzeit" zu erscheinen, 1905 kam als Planskizze einer künftigen Universalgeschichte das Buch "Der Stufenbau und die Gesetze der Weltgeschichte" heraus, das bekannteste (drei Auflagen), umstrittenste und am meisten missverstandene Werk Breysigs, dem er Herders Idee von der Einheit des Menschengeschlechtes über die Verschiedenheiten in Raum und Zeit und Blut hinweg zugrunde legte, womit er zur Auffassung gelangte, dass die Völker und Rassen des Menschengeschlechts jeweils eine ähnliche, auf den selben Hauptursachen beruhende Entwicklung in unterschiedlichem Tempo durchlaufen; Breysig gelangte so in seiner ab 1907 erscheinenden „Geschichte der Menschheit“ – „Im Namen