Zitiervorschlag: Anonymus (Hrsg.): "VI.", in: Leipziger Spectateur, Vol.1\006 (1723), S. 36-48, ediert in: Ertler, Klaus-Dieter / Doms, Misia Sophia / Hahne, Nina (Hrsg.): Die "Spectators" im internationalen Kontext. Digitale Edition, Graz 2011- . hdl.handle.net/11471/513.20.2541 [aufgerufen am: ].


Ebene 1►

VI.

Zitat/Motto► Ex nihilo nil fit, vir prudentissimus infit. ◀Zitat/Motto

Zitat/Motto► Aus nichts wird warlich nichts, sprach dort ein weiser Mann,
Den ehmals Griechenland, jetzt Ost- und West verehret;
Doch kostets nur ein Wort, so macht, der alles kan,
Daß sich das Nichts in Was, und Was in Nichts verkehret.
◀Zitat/Motto

Ebene 2► Ebene 3► Traum► Ebene 4► Allegorie► JCh gerieth einsten über die Betrachtung der Physic, auf die unterschiedlichen Meinungen der gelehrten Naturkündiger, wegen derer Elemente, daraus der weiseste Schöpffer das gantze Welt-Gebäude, und alles in denselben solle erschaffen haben. Es fiel mir dabey ein, der alte Reim:

Als Adam hackt und Eva spann,

Wo war doch da der Edelmann.

[37] Und ich gedachte, ich könte mit grossem Rechte reimen:

Wo auf des Schöpfers Winck aus nichts was werden muß,

Wo sitzt dann, sagt mirs doch? der arme Physicus.

Endlich aber, nachdem ich mich in denen unterschiedenen Elementis vertieffet, wurde ich so matt und müde, daß ich mich auf das Bette legte, und in einen festen Schlaff verfiel. Weil mir in demselben ein sehr verwirrter doch artiger Traum fürkam, so kan ich nicht anders, als selbigen meinen Lesern mittheilen, in der Hoffnung, es werde sich iemand drunter finden, der mir aus demselben helffen könne. Es kam mir vor, als wenn ich in einen grossem Saal wäre, dessen Umfang ich kaum mit dem Gesicht abmessen konte. Jn demselben liessen sich eine treffliche Menge von allerhand Arten Leute sehen, welche mit ihren unterschiedenen Kleidern, Gesichtern und Jnstrumenten, bald die Zuschauer zum Lachen, bald zum Aufmercken bewegten. Gantz zu äusserst dieses grossen Saals, war ein Königlicher Thron aufgerichtet, auf welchem ein kleines unansehnliches Männlein saß, und ein grosses Buch voller Zahlen in Händen hatte, darinn [38] er immer blätterte, und dabey ohn Aufhören, die zwey neben ihm stehende Welt-Kugeln anschauete. Uber dem Throne stunde mit grossen göldenen Buchstaben Alphonsus der X. König in Castilien. Jch gedachte an das Urtheil dieses Königes, da er gemeint, wann er bey der Erschaffung der Welt gewesen wäre, so hätte alles viel weislicher sollen angeordnet werden. Mitten in dem Saale, ließ sich ein ungemein grosser Kasten sehen, welcher die besondere Eigenschafft hatte, daß nichts drinne war, und doch ein jedweder daraus nehmen konte, was er nur in Gedancken hatte, und wünschte. Oben auf dem Kasten ware mit güldenen Zweckgen angeschlagen, Materia prima, Studenten-Gut. Jch drunge mich im Traum zu dem Kasten, und da ich voller Verwunderung selbigen in Augenschein nahm, so kam ein alter Mann mit einem schrecklichen Barte und blossen Füssen, der merckte meine Verwunderung, und frug, ob ich etwa auch einer der berühmten Naturkündiger wäre, welchen Jhre Majestät Alphonsus hieher verschrieben hätte, der Schöpfung einer neuen Welt beyzuwohnen? Darüber erschrack ich, daß ich nicht ein Wort vorbringen konte. Er aber meinte, ich sey noch nicht aus dem fünfjährigen stillschweigen seiner Jünger, und liesse mich zufrieden, langte sich aber ein [39] grosses Clystir aus dem Kasten, und versuchte im weggehen immer, wie er selbiges appliciren wolte; denn weil er in den Gedancken stunde, daß immer ein Wesen in das andere führe, so meinte er, es wäre nun am besten, wenn man nur ein bequemes Mittel hätte, die Einfahrt eines Dinges in das andere zu befördern. Zu gleicher Zeit, nahete sich ein anderer erbahrer alter Mann, mit lauter Thalern behengt, zu dem Kasten, und weil er einen Eimer voll Wasser in der Hand hatte, so mochte er nur ein Jnstrument gebrauchen, selbiges bey der Schöpffung der neuen Welt anzuwenden, also hohlte er sich eine erschreckliche Spritze, doch wolte die Spritze ihren Effect nicht thun, weshalben er sie aufmachte, da er dann befand, das viele kleine Spritzen darinn steckten, davon er eine einem Holländischen Bots-Knechte, die andere einem kleinen Männchen mit einer Schleuder, der wie der kleine David aussahe, und die dritte einem Wagen-Macher gab. Endlich entstand ein solches Gedränge zu dem Kasten, daß ich mich davon entfernen muste, und ohngeachtet sie iemand, wegen der Ordnung im Range, conciliiren wolte, so war doch der Sturm so groß, daß ein entsetzliches Geschrey und Lermen den gantzen Saal erschütterte. Etliche hatten in dem Tumulte einen alten Mann mit zweyen Hörnern, ei-[40]nem grossen Stabe, und zweyen Taffeln angepackt, und wolten ihn bey den Haaren für den Thron schleppen, weil er, ihnen zum Possen, sie zwar im Testament zu Erben eingesetzt, aber so dunckel und zweydeutig, daß sie sich, wegen des vielen Anspruchs, nicht retten könten. Jch merckte aber, daß der alte verschwand, und ihnen nichts als die Hörner, den Stock und die Taffeln in den Händen ließ, darüber sie, wie mich dünckt, alle Hoffnung zur Erbschafft verlohren, aber dennoch, der in Händen habenden Pfänder wegen, dahin verglichen wurden, daß einer um den andern, die Hörner auf dem Haupte tragen, die Taffeln aber, an statt der Spiegel gebrauchen solte, den Stock nahm der König, selbigen an statt des Scepters hinführo zu gebrauchen. Jch sperte hiebey Nase und Maul auf, den Königlichen Thron zu betrachten, welcher mit lauter Zahlen beschrieben, und mit Gewichten, Meß-Ketten und Circuln behangen, auch mit lauter Astronomischen Tubis unterstützet war, aber in den Augenblick bließ mir jemand die Augen und Nase voll Schnupff-Taback, daß ich mich fast zu tode, gantz erschrocken, genieset hätte. Als ich mich nun ein wenig recolligiret, so sahe ich einen alten Stockblinden Mann, der unaufhörlich lachte, und einen grossen Knochen in der einen Hand, [41] in der andern aber eine grosse Mütze mit Schellen, voller Schnupff-Toback, hielte. Bey ihm stunden zwey andere, davon einer ebenfalls, als ein alter bärtiger Mann, der andere aber, gantz glatt ums Maul aussahe, ein Paternoster in Händen hatte, und seine geschorne Platte mit einem kleinem Jesuiter-Mützgen bedeckte, daß ich ihn für einen Jesuiten hielt: diese drey langten einer nach dem andern in des alten Mütze, namen eine Prise Schnupff-Taback, u. nachdem ihnen die Lust ankam, bliesen sie denen vorbey gehenden denselben in die Augen. Da nun dieses Niese-Pulver schon sehr klein war, wie die allerzartesten Sonnen-Stäubgen, so mochte ich selbiges doch nicht mehr in den Augen leiden, und entfernte mich dieserwegen von einem so gefährlichen Platze. Jch gieng nun an die Seite, in willens den grossen Saal hinnunter zu spatzieren, und da traff ich alles in voller Bewegung an. Da saß ein ehrbarer Mann mit grosem Barte, und einer Mütze auf dem Kopff, die wie eine päbstliche Crone aufgethürnet, er hatte vor sich eine Töpffer-Scheibe, und da er nichts darauff fand, so nahm er von der bey ihm liegenden Materie alsofort einen grossen Klumpen, und formirte eine Welt-Kugel, welche ihm aber, weil er sie zu subtil geformet, unter den Händen zubrach, doch in dem Augenblick sprangen aus [42] derselben eine unzehlige Menge kleiner Buben heraus, die einander mit abgezogenen Jgel-Fellen immer um die Ohren schlugen, daß der alte seine Hertzens Freude daran hatte. Dort ließ sich ein ansehnlicher Cavallier sehen, in Frantzöschem Habit, und Spanischen Mantel nebst einem langen Jenischen Rauf-Degen dieser bückte sich, und passirte seine Zeit mit Schnell-Kugeln. Hier war ein anderer, der hatte sich auf ein besonders Theatrum gestellet, mit lauter Nullen beschrieben, in der Hand hielte er einen leeren Beutel, und bemühete sich alle zu überreden, daß er unendlich viel Geld darinn gehabt und haben könte. Jn dem einen Winckel saß ein Schuster, der versuchte seine Leisten, zu einer Elementen-Forme zu machen. Jn dem andern saß ein Mann in lauter langen Pfeffer, und hatte etwas zu speisen vor sich, welches ihm trefflich wohl schmeckte, damit er nun selbiges für sich allein behalten möchte, so machte er es wie Polyxenes und warff, wann mir erlaubt ist es zu sagen, alsobald etwas Schleim aus der Nasen drauf, wenn iemand auf seine Taffel ein Auge wand. Weiter fort hatte ein andrer eine Tasse Thee vor sich, und hatte seine eintzige Freude, wann er einschenckte, und sahe wie von dem schmeltzenden Zucker die Bläßgen in die Höhe füh-[43]ren, und recht aufsprungen. Er rauchte dabey ein Pfeiffgen Taback, doch weil er es nicht recht mochte gelernet haben, bließ er allen Rauch forne heraus, daß immer die Funcken heraus fuhren, da er denn wechselsweise sich an den Bläßgen und strahlenden Funcken belustigen, im übrigen kam er mir sehr tiefsinnig vor. Mitten durch den Saal war alles lebendig, einige sprungen und bewegten sich ohn aufhören, andere übten sich im Feuer-Anschlagen, andere hatten Blasebälge, Wind-Büchsen, Lufft-Pumpen, Probier-Öfen, Schleiff-Mühlen Drechsel-Bäncke- und dergleichen vor sich, andere schmierten die Hände mit Schwefel-Salbe, als wann sie die Krätze hätten, andere hatten gantze Büchsgen voll Würmer, und sonst ich weiß nicht was, damit sie sich bemüheten, um bey der Schöpffung einer neuen Welt sich vor andern zu signalisiren. Jndem ich nun weiter fortgieng, kam ich wieder an den grossen Kasten, und ward gewahr, daß zwey Frauenzimmer daran mit schweren Ketten angefesselt waren, wannenhero ich voller Verlangen die eigentliche Beschaffenheit der Sache zu erforschen, mich zu ihnen nahete. Da sahe ich nun zwey derer vortrefflichsten Schönheiten, eine war gantz nach der neuesten Mode gekleidet, in einem Himmelfarbenen Gewand, hatte auf der Brust eine Sonne, in der Hand [44] ein Vergrösserungs-Glaß, und an der Seite ein Bund güldner Schlüssel hengen. Die andere hatte vor sich ein Buch, und schrieb ohne Aufhören, sahe sich doch sehr begierig dabey auf allen Seiten um, war im übrigen in Römischen Habit gekleidet, nur hatte sie auf dem Haupte ein kleines artiges Kopf-Zeug nach ietziger Mode, und auf der Brust eine Fackel. Jch hielte mich, theils aus natürlichem Mitleiden gegen alle, die das Joch der Sclaverey drückt, theils aus Begierde die Ursach ihrer Bande zu ergründen, bey diesem Frauenzimmer auf, und mochte auch wohl nicht übel in willens haben, sie zu befreyen, als ein unversehenes erschreckliches Geschrey in dem Saal entstand: Es wäre ein Verräther hierein kommen, welcher mit den beyden ärgsten Feindinnen der gantzen Versammlung in einem genauen Verständniß stünde, und ietzo versuchen wolte selbige aus den Händen Jhrer Majestät zu reissen, und in die Freyheit zu setzen. Darüber wurde Lerm auf dem gantzen Saale, und ohngeachtet ich Anfangs nicht meinte, daß ich eben derjenige wäre, über dem man das Geschrey angefangen hätte, so merckte ich doch bald an dem Schmeissen, Schlägen und Gesichtern, die ich kriegte, daß es auf meine Haut gemüntzet wäre, wannenhero ich mich mit der grösten Eilfertigkeit aus dem [45] Saal zu retiriren suchte.Weil aber der Saal keine Thüren hatte, so muste ich erschrecklich herhalten, da einer seine Spritz-Büchse, der andere seine Wind Büchse, einer seinen Leisten, der andere sonst etwas, mir nach dem Kopffe richtete, bis ich mich entschloß, ein Fenster zu eröffnen, und herunter zu springen, damit ich mich rettete. Es glückte mir auch mein Vorsatz, aber der Sprung war so hefftig, daß ich auch im Bette davon zusammen fuhr, und von meinem Traum also erwachte. ◀Allegorie ◀Ebene 4 ◀Traum ◀Ebene 3 [46]

Zu Erfüllung des manchmal übrig bleibenden Raums, wird der Spectateur einige wohlgemachte und von seinem Zwecke nicht abgehende Gedichte communiciren, auch mit folgendem anietzo den Anfang machen.

Sonnet auf die kluge Reduction eines vornehmen Hofes, und Veränderungen in einem grossen Lande.

DJe Curen, so der ‒ ‒ thut, sind bisher wohl gerathen,

Man setzt nicht mehr so häufig auf, Pasteten, Torten, Braten;
Wer grosse Bissen eingeschluckt, dem hilfft er von dem Steine,
Wer sich in Kutschen fahren ließ, den bringt er auf die Beine;
Dem, der die Kleider immerdar mit Golde ließ bordiren,
[47] Dem hilfft er von der Gelbe-Sucht, und lehrt ihn menagiren;
Die Todten weckt er wieder auf zu einem neuem Leben,
Wer allzu viele Dienste hat, dem will er Ruhe geben;
Wer sich in Sänfften tragen ließ, der kan nun wieder gehen,
Wer auf der faulen Seite lag beginnet aufzustehen;
Was frembde Länder zugeführt, wird wieder ausgespien,
Der Unterthan soll nichts an sich als Landes-Waaren ziehen;
Mars, der sich sonst nicht die Statur ließ, bey Courage, hindern,
Erscheinet ietzt, zum Wunderwerck, mit lauter Enacks-Kindern;
Was sonst der Alten Tapfferkeit durch Schweiß und Blut erronnen,
[48] Wird ietzt, bey goldner Friedens-Zeit, durch klugen Rath gewonnen;
Kurtz: Was uns sonst unmöglich schien bey unsern lieben Alten,
Geschicht ietzt: Denn es lehrt der Hof {genauer} {recht kluge} Wirtschafft halten. ◀Ebene 2 ◀Ebene 1