Zitiervorschlag: Anonymus (Hrsg.): "III.", in: Leipziger Spectateur, Vol.1\003 (1723), S. 11-17, ediert in: Ertler, Klaus-Dieter / Doms, Misia Sophia / Hahne, Nina (Hrsg.): Die "Spectators" im internationalen Kontext. Digitale Edition, Graz 2011- . hdl.handle.net/11471/513.20.2538 [aufgerufen am: ].


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III.

Zitat/Motto► Familiariter domestica aspicimus & semper judicio fauor officit. ◀Zitat/Motto

Seneca

Zitat/Motto► Mit zweyen Augen hat uns die Natur versehn,
Eins soll davon auf uns, eins auf den Nächsten gehn,
[12] Doch diß wird uns zu saur, wir sehn vielmehr mit beyden
An uns nur Tugenden, so muß der Nächste leiden.
◀Zitat/Motto

Ebene 2► Ebene 3► Allgemeine Erzählung► ALs ich vergangenen Winter einen langen Abend in der Gesellschafft eines angenehmen Freundes zu verkürtzen gedachte, und selbigen in seiner Wohnung dieserwegen zu besuchen ausgieng, fügte sichs, daß einer von meinen bekannten mich unterweges antraff. Nach einigen Complimenten, da ich meine Absicht entdecket, erklärte er sich, mich bis an den Ort zu begleiten, wo ich hingedächte. Weil ich ihn nun hievon nicht abhalten konte, muste ich es endlich geschehen lassen. Unterweges hörten wir iemand in der Nähe sehr helle mit dem Munde pfeiffen und uns immer näher kommen. Die Pfeiffe wurde endlich recht durchdringend, daß mein Gefährte voller Verdruß anfieng und sagte: Was muß denn dieses für eine vermaledeyte Pfeiffe seyn, ich sehe doch gleichwohl keinen Jungen lauffen. Aber kaum hatte er dieses ausgeredet, so gieng die Pfeiffe für uns vorbey, und es war ein Studente, der sich unter denen Schatten der Nacht, für eine Leipziger Nachtigall wolte ausgeben, oder vielleicht in denen Gedancken stund, es sey Purschikos gelebt, wann man so viel Hertz und Bravoure hätte, die Leute mit Pfeiffen zu incommodiren. Mein Begleiter hub darauff an: Hätte, ich doch nimmermehr gemeinet, daß ein Leipziger Studente, welcher sonst andern Universitäten als ein Muster der Poli-[13]tesse und Modestie angepriesen wird, von solcher Niederträchtigkeit seyn, und denen Gassen-Jungen ins Handwerck fallen könte. Er ließ noch ein und andere Worte fahren, welchen zwar nichts an Artigkeit und Ingenio fehlte, aber die ich dennoch für gar zu hart halte, als daß ich selbige hier anzuführen mir getrauete, es möchte sonst iemand sich ohne meine Absicht getroffen befinden, und weil ich forn heraus wohne, mir ein Ständgen bringen, das mir nicht gefiele, da ich überhaupt kein Liebhaber von Music bin. Wir hatten inzwischen den Ort erreichet, wohin er mich begleiten wolte, da er sich von mir in eine Gesellschafft begab, wozu er invitiret war. Jch besuchte meinen Freund, genoß bey ihm aller möglichen Höfflichkeit, und der Abend, welcher mir zuvor wegen seiner Länge fürchterlich vorkam, schien sich nunmehro in desselben angenehmen Umgang, nur gar zu bald zu verkürtzen. Da ich ihn kaum verlassen, und im Begriff war, mich wiederum nach Hause zu begeben, stieß ich wiederum auf meinen vorigen Begleiter, welcher mit einer langen Tobacks-Pfeiffe versehn seine Gesellschafft verlassen hatte. Wie, sagte ich, mein wehrtester Freund, hier treffe ich zwar eine andere Art Pfeiffen an, als die vorige, welche ihm so sehr verdrießlich fiel, allein wann er mit Recht von der vorigen geurtheilet, daß der artige Pfeiffer damit denen Gassen-Jungen Eintrag gethan, so glaube ich, daß ich ihm nicht zu viel thue, wann ich ihm sage, er falle mit seiner glimmenden Tobacks-Pfeiffe, denen Schiebekärnern oder Einspännigern, denen Holtzhau-[14]ern, Defensionern, denen Harfenisten, die zuweilen dazu singen: Weichet, und andern dergleichen vornehmen Leuten, die denen Reguln des Wohlstandes so fleißig nachleben, ins Handwerck. Jch vermeine nicht, versetzte er, daß meine ietzige Aufführung, darinne sie mich antreffen, mit der Unart des vorigen könne in Vergleichung gezogen werden, dann jener brachte durch seine unangenehme Pfeiffe, alle Ohren in der Nachbarschafft gleichsam auf die Tortur, und hatte für sich davon nicht den geringsten Vortheil zu geniessen. Hingegen ich meines Orts incommodire niemand mit meinem Pfeifgen Toback, und bey ietziger ungesunden Lufft, præservire ich meine Gesundheit für bösen Flüssen und Feuchtigkeiten. Als er noch die letzten Worte im Munde hatte, begegnete uns ein grosser Mann in einem rothen Mantel, und da weiß ich nicht, ob dieser auch auf der Gasse gewohnt war, Wind zu machen, oder wie es kam, daß einige Funcken aus meines Freundes Tobacks-Pfeiffen auf seinen Mantel fuhren, und daselbst ihr Andencken stifften wolten. Mein Freund war complaisant und eilte allen Schaden zu verhüten, und die Funcken auszulöschen, daß er auch in der Eilfertigkeit seine Pfeiffe zubrach, doch war seine Bemühung, den andern gäntzlich zu stillen, nicht vermögend, vielmehr fuhr er mit Ungestüm heraus: Wann der Herr will Toback rauchen, kan er es ja auf der Stube thun, da incommodiret er niemand, und er wird ja nicht immer an der Tobacks-Pfeiffe nutschen müssen. Jch war inzwischen ein paar Schritte fortgegangen, als mein Ge-[17]fährte wieder zu mir kam, und weder jenem antwortete, weil er vermeinte an der Sprache zu mercken, daß es ein Mann wäre, dem er Ursach hätte nachzugeben, noch auch mir weiter etwas sagte. Jch wolte sein Gemüth, was die Incommodität anbetraff, nicht weiter beunruhigen, also frug ich nur, ob er meinte, daß das Tabacks-Rauchen auf der Gasse so sehr der Gesundheit zuträglich wäre? Er antwortete, seine Meinung wäre es bisher gewesen. Als ich aber weiter fortfuhr: Ob er dann, wann er den Taback an sich zöge, und wieder von sich bließe, zugleich Athem hohlte? Und warum dann nicht alle Leute, die ihrer Gesundheit wegen besorgt wären, dieses Mittels sich bedienten? Oder warum er nicht bey Tage, sich mit einer rauchenden Tabacks-Pfeiffe auf der Gasse præsentirete? So wurde es ihm entweder zu viel, diese Fragen alle auf einmal zu beantworten, oder er wolte alle meine Zweiffels-Knoten lieber mit Alexandri Schwerdt auflösen, und meinte: Er hätte geglaubt, es stünde nicht übel, wann er sich der Freyheit bediente, welcher sich andere seines gleichen gebrauchten. Vielleicht sagte ich, ist es ein Zeichen, daß man Courage und viel Feuer habe, sich andern hierinne gleich zu stellen. Jch wolte weiter reden, befand mich aber gleich für meiner Haus-Thür, daß ich also meine Rede abbrechen, und er mit Anwünschung einer angenehmen Ruhe, von mir scheiden muste, nachdem ich ihm noch gerathen, hinführo nicht so scharff andere zu beurtheilen, und seiner selbst dabey gar zu sehr zu schonen. ◀Allgemeine Erzählung ◀Ebene 3 ◀Ebene 2 ◀Ebene 1