Dialect Cultures

Datenbank bairisch-österreichischer Mundartkunst vor 1800

Typus: Handschrift
Herausgeber: Schreiber: Johann Michael Binder
Entstehungsjahr: 1819
Entstehungsort: Maria Taferl
Standort: GdMfW
Varianten:
Kommentar:

Vorwort:
"Zu Folge des an die Musikfreunde Österreichs ergangenen Aufrufs unternimmt es Unterzeichneter, zu der von einem verehrlichen Musikverein in Wien zu veranstaltenden Sammlung österreichischer Volksgesänge, Melodien von Nationaltänzen, Kirchenliedern etc., sein Scherflein beyzutragen, und wünscht nur, daß er mehr zu leisten im Stande wäre. Eigentlich profane Volksgesänge, das heißt, solche Gesänge, die in einem ganzen Kreise, oder im ganzen Lande allgemein gesungen würden, sind ausser dem Liede Gott erhalte Franz dem Kaiser, sehr wenige oder gar keine bekannt. Das Landvolk hat jetzt wenig Geschmack daran, nimmt sich auch nicht die Mühe, und hat auch nicht oft Zeit und Gelegenheit, längere Lieder auswendig zu lernen. – Es sind zwar noch einige charakteristische launige und auch andere Gesänge, die in frühern Zeiten häufig gesungen wurden, vorhanden, aber diese sind nur mehr wenigen Personen bekannt, werden selten mehr gesungen, und verdienen daher nur in Hinsicht auf die darin herrschenden Ausdrücke, nicht aber in Hinsicht der Allgemeinheit den Nahmen Volkslieder. – Von dieser Gattung werden hier einige beygerückt, nehmlich:"

Inhalt:
1.     Der kranke Bauer (Hants is den kein Dokter anz’kema) [f. 1r-2v; 7 Strophen mit Melodie]
2.     Meinung eines Bauers über das Leben und die Sitten in der Stadt (Sagnt allweil vom Stadtlebn, kain Pfiff möcht i drum gebn) [f. 2v-3v; 5 Strophen mit Melodie]
3.     Der geplagte Bauer (Mein Enl hats längst prophizeit) [f. 3v-4v; 6 Strophen mit Melodie]
4.     Der Bauer als König im Traume (Fertn in Hörigst, hübsch spat um Martini) [f. 5r-7r; 12 Strophen (falsche Zählung!) mit Melodie]

[daran anschließend folgende Bemerkungen:]
"Diese vorstehenden vier Lieder, welche unstreitig alle von einem und denselben Dichter sind, und die vermög denen darüber erhaltenen Nachrichten bey 60 oder 70 Jahre alt seyn können, sind eben nicht die schlechtesten. Es ist nur Schade, daß sie so ganz in der gröbsten und schlechtesten Volkssprache geschrieben sind. Sie sind launig, und besonders das erste charakteristisch. Dieses Lied [der kranke Bauer] paßt auch noch ganz zu den jetzigen Zeiten, denn auch jetzt noch nehmen viele Bauersleut im Gebirge und in denen von Städten mehr entfernten Gegenden in Krankheiten ihre Zuflucht zu Quacksalbern und Segensprechern, und suchen meistens erst dann bey einem verständigen Arzte Hilfe, wenn es schon zu spät ist."

Papier: 36 Bll., 23 x 18 cm, grünliches Papier mit undeutlichem Wasserzeichen (Firmensigle)

Lagen: 18 I, fadengeheftet

Schrift, Schreiber, Ausstattung: gesamte Handschrift in der Kurrente Johann Michael Binders, Sakristan und Chormusiker in Maria Taferl; Titel in lateinischer Schrift; einzeilige Notierung mit Text der ersten Strophe, Resttext nachgestellt; Seiten mit Doppellinien begrenzt und eng beschrieben; Paginierung oben außen 1-70 (ab f. 1r);
Binder dürfte eine recht genaue Handschrift als Quelle vorgelegen sein; um die Lieder für die Sammlung zu aktualisieren, ersetzt er allerdings sprachlich bzw. kontextuell schwer verständliche Ausdrücke und Formulierungen

(vgl. Neuhuber 2008, S. 397 f.)

Literatur:
Zuletzt geändert:am: 25.6.2015 um: 11:55:44 Uhr