Dialect Cultures

Datenbank bairisch-österreichischer Mundartkunst vor 1800

Typus: Handschrift
Herausgeber: Schreiber: Koloman Fellner
Entstehungsjahr: 1817
Entstehungsort: Lambach
Standort: StbStF
Varianten:
Kommentar:

1817/1818

Dass der als Kupferstecher und Zeichner bekannt gewordene P. Koloman Fellner (1750-1818), Schüler und Mitbruder Maurus Lindemayrs, die Werke seines ersten Förderers kopiert und zur Drucklegung vorgesehen hatte, war in der Forschung aus den Anmerkungen des Stiftsbibliothekars Wolfgang Kollendorfer im Lindemayr-Codex bekannt. Fellner hatte die Abschriften dem Linzer Verleger Friedrich Eurich überlassen, doch – wie Kollendorfer bedauernd rekapituliert – „nicht mehr zurück erhalten“ . So glaubte man sie nach dem Tod Fellners verloren und brachte auch die 1822 erschienene erste Gesamtausgabe der Werke Maurus Lindemayrs nicht in Verbindung mit ihr. Tatsächlich aber war diese Edition aus den Unterlagen des Lambacher Mönchs hervorgegangen, wie aus dem Konvolut XI 577 der Stiftsbibliothek St. Florian ersichtlich ist. Denn umfangreiche Schriftvergleiche haben erwiesen, dass es sich bei diesem Manuskriptbündel mit zensorischen und editorischen Anmerkungen eindeutig um Fellners Sammlung handelt, die neben den eigenhändigen Abschriften u.a. auch ein Theatermanuskript Joseph Langthallers beinhaltete. Wie allerdings diese (nicht zur Gänze vollständigen) Unterlagen, angereichert um eine als Druckvorlage dienende Verlagsabschrift der Lieder, in das Augustinerstift gelangten, ist nicht überliefert. Zumindest scheinen sie erst später in die Bibliothek aufgenommen worden zu sein.
Lindemayrs Arbeiten mussten erst zwei Zensurdurchläufe (1818 und 1821) über sich ergehen lassen, ehe sie – gekürzt und vielfach emendiert – an die Öffentlichkeit gelangen durften. Dass sich die bei der Zensurstelle vorgelegten Handschriften erhalten haben (und nicht wie verlagsüblich nach dem Druck vernichtet wurden), darf als seltener Glücksfall gewertet werden und erlaubt einen Einblick in das rigide Kontroll- und Wertesystem der metternichschen Epoche. Nur die Hälfte der Lieder (Teil 2 des Konvoluts) überstand den ersten Zensurvorgang unbehelligt; vielfach mündeten die seitenumfassenden Streichungen in ein lapidares „Ist zum Druck nicht geeignet“ des Zensurbeamten Witke. In den meisten Fällen wurde diese Untersagung drei Jahre später zurückgenommen und die Imprimatur erteilt; etliches aber kam – wohl aufgrund der Bedenken der Herausgeber – nie in den Druck und ist uns allein in diesen Abschriften überliefert.

1818 wurden folgende Lieder zur Gänze gestrichen: 4, 6, 11, 12, 15, 16, 17; einzelne Strophen wurden eliminiert bei 5 (2. Str.), 14 (7.-16. Str.). Die Imprimatur verweigert wurde auch 1821 noch den Liedern 12 (Fragment) und 17; bei Lied 6 mussten die Strophen 6 und 7, bei 14 die Strophen 9-16 gestrichen, bei 11 musste der Titel geändert werden.

Durch die enge Verbundenheit Koloman Fellners mit Maurus Lindemayr (der das Talent des Aichkirchener Knaben früh erkannt und ihm eine adäquate Ausbildung ermöglicht hatte) dürfen wir davon ausgehen, dass die Autorzuordnung stimmt und die Abschriften auf vergleichsweise zuverlässigen Quellen beruhen, die dem damaligen Regenschori des Stifts wohl noch zur Verfügung standen. (Gleichwohl lassen sich an einigen Liedern Anzeichen eines ‚Zersingens’ der Lieder festmachen, vgl. etwa die Anfangszeile zu 'Der kranke Bauer'). Die graphematische Wiedergabe des Dialekts ist in ihrer Rigorosität zugunsten der Verständlichkeit für ein größeres Publikum deutlich abgeschwächt und zum Teil der hochdeutschen Schreibung angenähert. Nach welchen Kriterien Fellner die Auswahl der eingeschickten Lieder traf, ist nicht klar ersichtlich. Immerhin fehlen einige der bekanntesten Lieder Maurus Lindemayrs, die schon damals in den Volksgesang eingegangen waren. Dafür aber nahm er weniger überlieferte Arbeiten auf, die (zum Teil wohl aufgrund ihres grobianistischen Gehalts) in anderen Sammlungen fehlen.

Inhalt:
1.     Die veränderten Zeiten (I waiß nöt, was mä itzund habm) [f. 2r-5r, 13 Strophen ohne Melodie]
2.     Der Bauer aus Verzweiflung ein Schazgräber (I kann mä’s unmögli nöt denkä) [f. 5v-7r, 8 Strophen ohne Melodie]
3.     Der von allen Seiten gequälte Bauer (Wann der Baur Händl hat und Keierei) [f. 7v-9r, 7 Strophen ohne Melodie]
4.     Der klagende Bauer (Hänts Baurn, wer hets glaubt vor fufzg Jahrn) [f. 9v-12v, 14 Strophen ohne Melodie]
5.     Der kranke Bauer (Hänts iß denn der Docktä ankemä) [f. 13r-14v, 7 Strophen ohne Melodie]
6.     Der Traum (Fert’n in Hörist hübsch spat um Martini) [f. 15r-17r, 9 Strophen ohne Melodie]
7.     Vom Stadtleben (Sagnt allweil vom Stadtlöbn) [f. 17v-19v, 5 Strophen ohne Melodie]
8.     Die Hexe (Auf dä Ofengabel fahrt mein Muedä) [f. 20r-20v, 4 Strophen ohne Melodie]
9.     Von der Liebe (Verlaubts mä’s i sing eng ä Gsang) [f. 21r-22v, 10 Strophen ohne Melodie]
10.     Vom Aderlassen (Dort schier um St Jöri aui) [f. 23r-24v, 7 Strophen ohne Melodie]
11.     Von den neu a-katholischen Bauern (Wie lusti gehts izt auf dä Welt) [f. 25r-28v, 16 Strophen ohne Melodie]
12.     [Denn gschissen und gstorben muß sein] [f. 29r, 3 Strophen ohne Melodie, Fragment durch fehlendes Blatt: Titel, Incipit sowie die ersten 5-6 Strophen gingen verloren bzw. wurden aufgrund des derben Inhalts vernichtet, der Kehrvers dient als provisorischer Titel]
13.     Vertheidigung eines Schlossers (Wern d’ Maistä und d Gsölln affrontirt) [f. 29v-30v, 6 Strophen ohne Melodie]
14.     Von dem Kay oder Nebeln (Haruk) die im Jahre 1783 den ganzen Sommer hindurch ganz Europa überzogen (Hants Leutel sagts mä do) [f. 31r-34v, 16 Strophen ohne Melodie]
15.     Der kranke Bauer und der Dorfbader (Mein liebä Maistä Badä, mein Hof ist übel dran) [f. 35r-37r, 14 Strophen ohne Melodie]
16.     Von der Conscription (Poz tausend, was mueß i für zeitn dalöbn) [f. 37v-39v, 13 Strophen ohne Melodie]
17.     Mei Vadä (Mein Vadä hats lang profezeit) [f. 40r-41r, 6 Strophen ohne Melodie]
18.     Der Binder (Mit Gunst, i will ain Plodrä thain) [f. 41v-42v, 6 Strophen ohne Melodie]

Papier: 42 Bll., 22 x 17,5 cm, Papiermühle nicht eruiert, Wasserzeichen mit schlecht lesbarer Firmensigle; der vom Verlag Eurich beigefügte Umschlag aus leicht grünlichem Papier unbekannter Herkunft; f. 1 ursprünglich unbeschrieben, später als Titelseite beschriftet; f. 22 leer

Lagen: 1. Teil: XI - 1 (f. 7 lose beigefügt); 2. Teil: XI; die beiden Teile von späterer Hand falsch nummeriert: XI 577C/1 = 2. Teil; dieser Teil hat durch ein fehlendes Blatt Textverluste; fadengebunden

Schrift, Schreiber, Ausstattung: Alltagskursive des P. Koloman Fellner mit Betonung der Initialen zu Liedbeginn, lateinische Schrift mit Zierschnörkel im Titel; Unterstreichungen mit blauem Farbstift von späterer Hand; (teils revidierte) Streichungen von Hand des Zensors mit Rötel; Zensuranmerkungen von 1818 und 1821 jeweils am Ende des Lieds; Foliierung mit Bleistift von späterer Hand; kaum Überarbeitungen, aber Sofortkorrekturen von Schreiberhand; vereinzelt Alternativvarianten zu zensurierten Formulierungen (vgl. letzte Strophe zu Verlaubts mä’s i sing eng ä Gsang); Umschlagblatt mit Titel (f. 1r) und (provisorischem) Inhaltsverzeichnis (f. 1v) von Hand Friedrich Eurichs bzw. eines Verlagsschreibers; von selber Hand auf f. 1r des Manuskripts nachgetragen: „Lieder / Linz 1818 / bey Friedrich Eurich“; oben rechts von der Hand Fellners: „Odissee“ (?).

Editionskriterien: da keine klare Distinktion zwischen d und D gegeben ist, wurde die Schreibung kontextuell angepasst; nicht emendiert wurde ‚kein’, das wohl irrtümlich häufig für ‚kain’ steht

(zitiert nach Neuhuber 2008, S. 373-376)

Literatur:
Zuletzt geändert:am: 18.6.2015 um: 13:21:38 Uhr