Dialect Cultures

Datenbank bairisch-österreichischer Mundartkunst vor 1800

Typus: Handschrift
Herausgeber: Schreiber: Johann Hammerschmidt
Entstehungszeitraum: 1805 - 1810
Entstehungsort: Scharnstein
Standort: OÖLB
Varianten:
Kommentar:

Dieses Liederheft von der Hand Johann Hammerschmidts, das seit Konrad Schiffmanns Beschreibung und Arno Eilensteins Gutachten fälschlich als Autograph Lindemayrs geführt wurde, dürfte Teil einer vor L entstandenen, zumindest dreiteiligen Sammlung des Scharnsteiner Hofschreibers sein. Darauf weist zum einen hin, dass in diesem „II. Heft“ während der Niederschrift noch nicht jene Transkriptionstechnik Anwendung findet, wie sie bei den letzten, um 1813 in L aufgenommenen Liedern zu sehen ist. Zum anderen scheint auch das Textmaterial, auf das Hammerschmidt zurückgreifen konnte, noch nicht vollständig erfasst gewesen zu sein; so wird unkommentiert die ältere, siebenstrophige Fassung des Stempellieds aufgenommen, in L jedoch bereits die jüngere mit 15 Strophen. Doch auch nach der Niederschrift von L scheint Hammerschmidt seine frühere Sammlung noch weiter bearbeitet zu haben. Denn wie dort wurde versucht, in einer Korrekturschicht die mundartliche Lautung authentischer zu vermitteln, im Unterschied zu L jedoch vereinzelt bereits mit Superskripten, wie sie in Hammerschmidts Textbeispielen für die Sonnleithner-Sammlung 1819 (vgl. T3) zur Anwendung kommen. Zudem ergänzt er seine Abschrift der gedruckten Gedanken eines Lambacherischen Pfarrbauers auf Basis eines Manuskripts aus dem Langthaller-Umkreis (wohl I) – L kennt dagegen nur die 17-strophige Druckfassung.
Angaben zur Liederanordnung in weiteren Handschriften geben Hinweis auf zwei heute leider verschollene Sammlungen: Die erste, zumindest 50 Lieder umfassende Kompilation dürfte als Quelle für das vorliegende Heft gedient haben, wie sich aus den Strophenvergleichen am Titelblatt eruieren lässt. Nummern- und Seitenangeben, von Hammerschmidt (wie bei L) nachträglich über die Titel der Lieder eingetragen, verweisen auf eine zweite, sehr umfangreiche Sammlung, die direkt aus L hervorgegangen zu sein scheint. Denn – soweit dies aus den Nummervergleichen ersichtlich ist – weist dieses wohl weit über 700 Seiten umfassende Liederbuch weitgehend dieselbe Reihenfolge der Lieder auf, räumte aber den einzelnen Beiträgen (wohl auch aufgrund des Formats) den 3-4fachen Raum ein.
Soweit möglich werden im Folgenden die Incipits der Lieder in der ursprünglichen Fassung, vor der Überarbeitung durch Hammerschmidt, angeführt.

Inhalt:
11.     Von Stämpeln (Das denkt niemd in hundert Jahren) [f. 2r-3v, S. 49-52, 7 Strophen ohne Melodie]
12.     Von der Veränderung der Zeiten (Ferten in Hörist hübsch spat um Martini) [f. 4r-6r, S. 53-57, 9 Strophen ohne Melodie]
13.     Über die alten und neuen Zeiten (Ih waiß nöt was mär jezund habm) [f. 6r-10v, S. 57-66, 14 Strophen ohne Melodie]
14.     Über die alten und neuen Zeiten (Iß das nöt män Aichl ä wunnälichs Rödn) [f. 10v-13r, S. 66-71, von P.G. Lindemayr]
15.     Hirtenlied zu Weihnachten a 3 Bassi (Hänts Buemä hat kainä nix ghört) [f. 13v-16v, S. 72-78, 12 Strophen + Chorstrophe ohne Melodie]
16.     Gedanken eine lambachischen Pfarrbauers als er die Durchlauchtigste Dauphine Erzherzogin von Oesterreich den 23ten April 1770 zu Lambach ankommen sah (Bin var acht Tagen in Wochämark gwösen) [f. 17r-23v, S. 79-90; 17 Strophen ohne Melodie (mit korrigierter Strophennummerierung, auf lose eingefügtem Einzelblatt (f. 23r) wurde die zweite der beiden im Druck weggelassenen Strophen nachgetragen]
17.     Die Hexe (Auf da Ofengabel fahrt mein Mueda) [f. 24r-25r, S. 91-93, 4 Strophen ohne Melodie]
18.     Die Schlosser (Wernd d’Maista und Gsölln affrontiert) [f. 25r-26v, S. 93-96, 6 Strophen ohne Melodie]
19.     Die Klagen des Bauern (Mä hied es nöt glaubt vor fufzg Jahr’n) [f. 26v, S. 96, nur erste Strophe ohne Melodie]

Papier: 27 Bll., 25 x 18,5 cm, Umschlagblatt und Hauptteil unterschiedliche Bögen der Kremsmünsterer Papiermühle, Wasserzeichen: Stiftswappen + Sigle IMW; Papier des Einzelblatts nicht identifizierbar; f. 1v, f. 7, f. 20v und f. 27 leer

Lagen: I + (XII + 1): Fadenbindung; Einzelblatt als f. 23 eingefügt

Schreiber, Schrift, Ausstattung: gesamte Handschrift ist von der charakteristischen Schreiberhand Johann Hammerschmidts; mit Ausnahme einiger Strophen des Lieds XIII ist der Text einspaltig wiedergegeben, die rechte Seitenhälfte bleibt (vermutlich für eine geplante Übertragung) überwiegend frei und wird nur vereinzelt für Alternativvarianten genutzt; Titel in Zierkursive, doppelt unterliniert; davor jeweils Nummerierung; die Paginierung von Schreiberhand in der oberen äußeren Ecke ist offensichtlich über die gesamte Sammlung hinweg fortlaufend und beginnt hier mit S. 49; über den Titeln wurden von Hammerschmidt Hinweise auf Nummer und Seite desselben Lieds in einer umfassenderen Sammelhandschrift nachgetragen;
Überarbeitungen von zwei Händen: 1. Hammerschmidt, der seine veränderten Transkriptionsvorstellungen einbringt; 2. unbekannter Schreiber, der bei der fünften Strophe von Ferten in Hörist die dialektalen Passagen, zumal im Konjunktivbereich, entschärft

(zitiert nach Neuhuber 2008, S. 355-357)

Literatur:
Zuletzt geändert:am: 18.6.2015 um: 13:14:06 Uhr