Dialect Cultures

Datenbank bairisch-österreichischer Mundartkunst vor 1800

Typus: Handschrift
Entstehungszeitraum: 1780 - 1800
Standort: StbStF
Varianten:
Kommentar:

Dieses zweite gebundene Bändchen Carl Eduard Kleins, das 1802 in seinen Besitz kam und das er 1828 seinem Ordensbruder, dem späteren Abt des Stifts St. Florian und Reichshistoriographen Jodok Stülz (1799-1872) schenkte, bereitete in der Lindemayr-Forschung einige Verwirrung. Denn von späterer Hand (offenbar durch den Florianer Bibliothekar Albin Czerny) wurde um 1870 diese Liederhandschrift mit dem Vermerk ‚Manuscript des Verfassers Lindemayr’ versehen. Auf dem Vorsatzblatt wurde zudem der Titel Bäurische Lieder von Maurus Lindermayr O. S. Benedicti Professi Lambacensis. Melodien von Aumann Can. Reg. ad S. Florianum ergänzt.
Ausschlaggebend für diese irreführende Zuordnung war wohl zum einen – wie sich aus der Fehlschreibung des Autornamens vermuten lässt – der Abgleich des Inhalts der Handschrift mit der ersten Edition der Lindemayr-Lieder aus dem Jahr 1822, zum anderen das Wissen um die Lindemayr-Kompositionen des geschätzten Mitbruders Franz Joseph Aumann aus den frühen 1780er Jahren. Von dieser Zuschreibung post festum ausgehend, stellt der Marburger Lehrer Julius Miklau 1902 in seinem Aufsatz P. Maurus Lindemayr. Ein österreichischer Dichter des XVIII. Jahrhunderts die bei Schmieder nicht angeführten Gedichte mit Textauszügen und Inhaltsbeschreibungen als noch unbekannte Arbeiten des Lambacher Dichters vor. Differenzierter, aber gleichfalls noch unter der Annahme, es handle sich um ein Autograph des Autors, untersucht 1911 der verdienstvolle Volksliedforscher Emil Karl Blümml das Liedkorpus für seine geplante Edition der Handschrift. Nach abschließenden Schriftvergleichen, die einige zentrale Thesen der Analyse ad absurdum führen, kommt diese jedoch nicht zustande. (Vgl. das Manuskript Die Liederhandschrift des P. Maurus Lindemayr, aus den Jahren 1770-1777 im Nachlass des Volksliedforschers Magnus Klier im Linzer Stadtarchiv, Sign. C-V-12d, Sch 24/7, das in den zahlreichen Streichungen und Überarbeitungen den Versuch Blümmls dokumentiert, die Drucklegung doch noch zu ermöglichen.) Denn tatsächlich handelt es sich keinesfalls um eine Handschrift des Autors. Mehr noch: Nur ein geringer Teil der angeführten Gedichte, die sämtlich ohne Autorangabe durchnummeriert aneinandergereiht sind, stammt von Maurus Lindemayr, der Rest von seinem Bruder Peter Gottlieb, von Philipp Hafner, Benjamin Neukirch und anderen, zumeist unbekannten Dichtern aus der Volksliedtradition des 17. und 18. Jahrhunderts. Viele der Lieder sind uns aus gedruckten und ungedruckten Sammlungen der Zeit, so etwa aus Hafners Ernst und Scherz in Liedern (1764), der Crailsheimer (um 1747) oder auch der Ostracher Liederhandschrift (um 1740) bekannt. Darüber hinaus stimmen vier der vermutlich etwas später eingetragenen Melodien zu Lindemayrs Liedern nicht mit den bekannten Vertonungen Aumanns überein, sondern sind bereits in den früheren Liederhandschriften Langthallers und Gaelles zu finden und stammen sicherlich nicht aus der Feder des Chorherrn.

Inhalt:
Die vermutlich kurz vor 1800 entstandene, sorgfältig konzipierte, aber bezüglich des Notenmaterials unvollständig gebliebene Sammlung – Melodien wurden nur bei acht Liedern in die vorgefertigten Notenlinien eingetragen – besteht aus zwei Teilen. Der mit Bäurische Lieder übertitelte erste Teil (f. 2r-58r, S. 1-113) beginnt mit den sechs frühen Lindemayr-Liedern:

1. Die veränderten Kalender und Zeiten (I wais nit was mä jezund ham) [f. 2r-7r, 13 Strophen, 1. Strophe ohne Melodie in den vorgefertigten Notenzeilen, aber Melodienachtrag von späterer Hand auf f. 1v]
2. Der Traumende Baur (Fertn in Hörist hibsch spat um Martini) [f. 7r-10r, 9 Strophen mit Melodie]
3. Der Krancke Baur (Hats is den kain Doctä z’bekemä) [f. 10r-12v, 7 Strophen mit Melodie]
4. Über die neue Zeidin (Mein Önl hats längst prophezeigt) [f. 12v-14v, 6 Strophen mit Melodie]
5. Klag über die schlechten Zeiten (I Kan mäs unmöglich nöt denkn) [f. 14v-16v, 8 Strophen mit Melodie]
6. Der das Stadt-Leben Verachtente Baur (Sagnt alliwel von Stadt löbn) [f. 16v-18v, 5 Strophen mit Melodie]
Diesem vermutlich auf einer schriftlichen Vorlage basierenden Corpus sind auch die jeweiligen Melodien beigefügt, soweit ersichtlich nachgetragen von anderer Hand. (Dafür spricht zum einen, dass beim ersten Lied der Sammlung (I wais nit was mir jezund ham) zwar für die nicht ausgeführten Notenzeilen Abstand gehalten wurde, die Melodie aber auf der vorangehenden Seite eingetragen wurde, zum anderen, dass beinah ausschließlich bei den offenbar bekannten Lindemayr-Liedern die Melodien überliefert sind. Selbst bei so weit verbreiteten Liedern wie der noch im 20. Jahrhundert überlieferten Beschreibung eines Bauren Tantzes (Willy kom mein liebä Nachbä, vgl. Sonnleithner-Sammlung und Karl Reiterer: Lustige altsteirische G’sangeln, 1906, S. 30) blieben die Notenzeilen leer.) Dann folgen thematisch ähnliche, zum Teil wesentlich ältere Lieder vermischt mit Beispielen aus der Wiener Tradition, jeweils mit leeren Notenzeilen. Lindemayr-Arbeiten begegnen nur noch vereinzelt, nämlich:
18. Der sich von der Welt beurlaubente Baur (Ey Bhiet mi gott von dieser Welt) [f. 39r-41r, 5 Strophen ohne Melodie]
21. Von einer Bäurischen Hex (Mit dä ofn gabel fahrt mei Mutä) [f. 50v-52r, 4 Strophen ohne Melodie]

Die weiteren Lieder des ersten Teils sind:
Der Grobe Baur (Verzeihts mäs das I einä blaz) [f. 19r-20r]
Der Lustige Baur (He lusti fein frisch) [f. 20v-21r]]
Der verliebte Baur (O Liebä Bruedä, I kenn ä Gsicht) [f. 21v-23r]
Beschreibung eines Bauren Tantzes (Willy kom mein liebä Nachbä, Nachbä) [f. 23v-26r]
Die Bayrische Hochzeit (Zu Straubing Bey dem Fäckl Wirth) [f. 26r-28r]
Der vergniegte Baursknecht (Ist mein Ayd kay scheners leben) [f. 28r-29v]
Gässl Gesang (Wie Haiter ist heut nöt in Himmel) [f. 30r-31r]
Ein Anders (Schazerl wie mainst dus mit mir) [f. 31r-32r]
Der sich von der Welt beurlaubende Baurenknecht (I schmis ins Lebn, jezt han Ichs schon gnue) [f. 32v-34v]
Beschreibung der 7ben Haupt Sünden (Wan Ichs Betracht, ist unsä lebn) [f. 34v-37v]
Der beichtente Baurens Knecht (Herst dus Kaplan, will dir mein beicht vertrauen) [f. 37v-39r]
Der über seinen Stand klagende und getröste Baur (Jezund kan Ichs nihmer leydn) [f. 41r-45v]
Der Bauren falsche Sitten (Trauts nur an Baur, aft werds es bald finden) [f. 45v-50v]
Der den Tod seines Weibes beklagende Baur (Jezt geh I zu mein Nachbär, und klag ihm halt mein Noth) [f. 52r-53r]
Der so genante Hüner Tantz (Wanst zu mein Schazerl kimst sag I Laß grüssen) [f. 53r-54r]
Von der Torheit der Mansüchtigen Jungfrauen (Wann I drauf dennck, mues I Lachä) [f. 54v-56v]
Die um einen Man bullende Baurens-Magd (Menschä seyts lustig und freuts eng mit mir) [f. 56v-58r].

Der zweite Teil des Buchs (S. 113-207, f. 58r-105r) versammelt Lieder „Von zerschidenen Ständen Gemüths-Triben. Professionen und deren Eigenschaften“ (der Großteil davon nun auch hochdeutsch) und beginnt mit zwei Werken Philipp Hafners. Von Maurus Lindemayr stammen:
3. Der Lüstige Gelt Feinde (Lustig ihr brüder der Wechsel wird kommen) [f. 61v-63r]
23. Von Schlossern (Wern d’Maister und d’gsöln affrondirt) [f. 97r-98v, 6 Strophen ohne Melodie]
28. Mach Herr mit mir was dir gefällt [f. 104r-105r]

Die weiteren Lieder des zweiten Teils sind:
Der erarmte Reiche (Was mach ich armer auf der Welt) [f. 58r-59v]
Der lächerliche Philosoph (O Mensch betracht einmahl die Welt) [f. 60r-61r]
Der in der Welt zu allen Gleich Giltige (Ist ainer ä Welt-Mensch und lebt nur allein) [f. 63r-64v]
Die durch den Ehe-Stand erloschene Liebe. Klag der Frauen (Als ich einst noch jung gewesen) [f. 64v-66r]
Die Verantwortung des Herrn (Höre nur auf mein Schatz zu klagen) [f. 66r-67v]
Von der Eitelkeit des Hochen Standes ohne ihneren Vergniegen (Was nuzt euch euer Guet und Menge der Ducaten) [f. 67v-69r]
Die Mißvergnüegte Fräule (Was nutzet mich das Adel leben) [f. 69r-70v]
Die das Kloster Leben eklende Dochter (Die Dochter soll in S’Kloster gehn) [f. 70v-72r], Die um einen Mann seufzende Dochter (Sagt an mein liebe Mutter) [f. 72r-73v]
Die Politisch- und ungebuntene Lieb-Haberin (Mag es andern schon Verdrüssen) [f. 73v-75r]
Klag der veralteten Jungfrauen. Aria Wie die Lamentationis in der Charwochen (O wehe! Was mus ich doch fangen an) [f. 75r-76r]
Die von Cupido bethörte Kindes Mutter (O Haya Bubaya, jetzt wieg ich mein Kind) [f. 76r-77v]
Die zur Heurath ausgeglügelte Feller der Magten (Sind das nicht Narren bossen) [f. 77v-79v]
Endeckte List ungebundner und falscher Liebhaberinen (Entschlüsse dich darzu, verban die arge liebe) [f. 80r-81r]
Beschwerde der Weiber Wahl (Ihr meine liebe Herrn gebt mir einen Bricht) [f. 81r-82v]
Beschwerde eines bösen Weibes (Die Heilige Schrift ist unveracht) [f. 82v-84r]
Die Herschende Frau (Chrysantes war ein guter Mann) [f. 84r-85v]
Der beherschte Mann oder Von dem - die Frau hats gschaft (Ich armer Jupiter wo bin ich hin gekom) [f. 86r-89r]
Missvergnüegen eines ungleichen Ehe-Baar (Solt ich dan nicht klagen) [f. 89r-91r]
Ueber die Anligenheiten eines Herrn Pfarrers (Je länger die Welt steht, je schlimer gets her) [f. 91r-93v]
Der Büllerl und BrandWein Doctor (Curandus war ein Mediciner) [f. 93v-95r]
Vorzüglichkeit des Jagens (Was ist schöner als das Jagen) [f. 95r-96v]
Von Bändel-Kramern (Stets in Wandern, Urlaub geben) [f. 98v-100r]
Von Wein-Wichser (He lustig mein Wichser die Schue sind verkauft) [f. 100r-101v]
Von Schuestern (Ein Hoches Thier dieser zu nennen ist) [f. 101v-102v]
Von Schuster Buben Bernardl genant (Wo trifi jezt mein Maister an) [f. 102v-104r].

Papier: 108 Bll., 16 x 10,5 cm fadengebunden, sauber beschnitten; Wasserzeichen wie beim anderen Band Kleins durch Zuschnitt schwer zu erkennen, scheint aber derselben Papiermühle zuordenbar, Paginierung (ab f. 3r.) 1-207 von Schreiberhand, f. 104v-106v unbeziffert

Lagen: I2 + III8 + IV16 + III22 + V32 + III38 + V48 + III54 + V64 + III70 + V80 + III86 + V96 + 2 II104 + I106

Einband: Kartoneinband der Zeit mit blauem Kleisterpapierüberzug, Lederrücken ohne Rückenschild; ein blaugrauer Papiereinband mit Rückenschild (Beurisch Lieder. Die vermerten P. Lindemair - - - - - 1800), den Blümml 1911 erwähnt, ist offenbar verloren gegangen

Schrift, Schreiber und Ausstattung: der Textteil ist in sorgfältiger Alltagskurrente des ausgehenden 18. Jahrhunderts verfasst, deren homogener Duktus auf eine kurze Entstehungszeit hinweist; die Notation der Lieder ist von geübter Hand durchgeführt; (zumindest) zwei unbekannte Schreiberhände sind eruierbar: Schreiber 1, der – das legen einzelne Dialekttranskriptionen nahe – vermutlich nicht aus dem Hausruckviertel stammt, ist verantwortlich für den Textteil und die Linierung der Notenzeilen, vielleicht auch für die Melodien bei den Liedern 1-6; doch scheinen die Ziffern der Taktangaben auf eine weitere Schreiberhand hinzuweisen, die sicherlich nicht identisch ist mit jener Hand, die die Melodien der Lieder 25, 27 und 28 des zweiten Teils hinzugefügt hat; auf der vorletzten Seite finden sich Benutzereintragungen der Lindemayr- bzw. Volksliedforscher Miklau, Prohaska, Ziegler, Rosenfeld und Anschober; Überarbeitungen sind kaum vorhanden, neben Sofortkorrekturen einige Streichungen und Überarbeitungen von selber Hand

(zitiert nach Neuhuber 2008, S. 330-334)

Literatur:
Zuletzt geändert:am: 18.6.2015 um: 13:07:32 Uhr