Dialect Cultures

Datenbank bairisch-österreichischer Mundartkunst vor 1800

Originaltitel: Ein Dutzend Lieder von P.M.L.P.L (= P. Maurus Lindemayr, Professus Lambacensis)
Typus: Handschrift
Entstehungszeitraum: 1770 - 1775
Entstehungsort: Lambach/Stadl-Paura
Standort: Seitenstetten
Varianten:
Kommentar:

Die Liederhandschrift stammt offensichtlich aus dem Besitz Peter Gottlieb Lindemayrs. Grundlage ist eine mit Noten (Singstimme plus Bassbegleitung) versehene Abschrift der Lieder von der Hand des Stiftsbassisten und späteren Waisenhausleiters Joseph Langthaller , die in den ersten 1770er Jahren entstanden sein dürfte. Nach 1774 versah P.G. Lindemayr diese Sammlung mit Titel, einem Inhaltsverzeichnis und der „Aufgabe“ aus seinen „wenigen Werken“ , den beiden hochdeutschen Gedichten Point d’honneur und Mittel zur Vermeidung des Widerspruchs (auf 1774 datierbar). Die Auswahl der dialektalen Lieder Lindemayrs stimmt weitgehend mit der Lambacher Liederhandschrift (A) überein, anstelle des Schlosserlieds wurde allerdings Wann dä Baur Händl hat in die Sammlung aufgenommen sowie das spätere I wais nöt was mär jezund habm , dessen Entstehungszeit 1770/71 als terminus post quem der Handschrift Langthallers dient. Das hochdeutsche Lied Das Spinetgen findet sich als Arie in Lindemayrs Huldigungsstück Die Anstalten zum Gratuliren (1773), ist aber im dramatischen Kontext so lose verankert, dass es als Originaldichtung für dieses Stück eher unwahrscheinlich scheint und deshalb für die Datierung nicht aussagekräftig genug ist.
Dass den Waisenhausleiter in der Paura und den gleichfalls dort wohnhaften Stadlschreiber des Salztransportamts ein durchaus freundschaftliches Verhältnis verband, lässt sich nicht nur an Eintragungen und Überarbeitungen in den Konvoluten Langthallers nachweisen. P.G. Lindemayr war u.a. auch Trauzeuge von Langthallers Tochter Maria Anna, die als einziges seiner Kinder das Erwachsenenalter ereichte und jahrelang dem Stiftstheaterensemble angehörte. So ist anzunehmen, dass Langthaller nicht nur für einen guten Teil der Vertonungen von Maurus Lindemayrs Liedern verantwortlich ist, sondern auch einige Arbeiten Peter Gottliebs in Musik gesetzt hat. Die vorliegende Sammlung könnte sich also durchaus aus Kompositionen des ehemaligen Stiftsbassisten zusammensetzen.

Inhalt:
1. Die veränderten Zeiten (I wais nöt was mär jezund habm) [f. 2v-6r, 13 Strophen mit Melodie]
2. Der Bauer aus Verzweiflung ein Schatzgraber (I kann mäs unmiglä nöt denkä) [f. 6v-8v, 8 Strophen mit Melodie]
3. Der von allen Seiten gequälte Bauer (Wann dä Baur Händl hat) [f. 9r-10r, 7 Strophen mit Melodie]
4. Der kranke Bauer (Hänts ist denn kain Doktä anz’kemä) [f. 10v-12r, 7 Strophen mit Melodie]
5. Auf ein Hoffärtiges Frauenzimer in einer Comœdie die Frau von Seltsam betitelt (Es ist ein kurze Frage) [f. 12v-13v]
6. Die Hexe (Auf där Ofengabel fahrt mein Muedä) [f. 14r-15r, 4 Strophen mit Melodie]
7. Der Bauer im Traum ein König (Ferten in Hörist hibsch spät um Martini) [f. 15v-17v, 9 Strophen mit Melodie]
8. Liebeserklärung des Herrn von Klingensack gegen die Frau von Sträßgut aus einem alten Kochbuch (Eyer im Feldsalat, Bratwürst im Kraut) [f. 18r-18v]
9. Das Spinetgen (Thun meiner Bas der Lalage) [f. 19r-20r]
10. Verachtung des Stadtlebens (Sagnt allweil vom Stadtlebn) [f. 20v-21v, 5 Strophen mit Melodie]
11. Der Lustige, und Bräve Student (Tausendmal besser als irdisches Gut) [f. 22r-22v]
12. Trostlied des Laquey Leonhard, bevor er den Herrn von Seltsam ausgeraubt, unter dem Vorwand, einen Schatz zu erheben (Lustig ihr Brüder der Wechsel wird kommen) [= Der über die Knicker Erzürnte, f. 23r-24r]
Aufgabe:
13. Das Point d’honneur (Der stärkste Trieb, der uns belebt) [f. 24v-26r, von P.G. Lindemayr]
14. Mittel zu Vermeidung des Wiederspruchs (Wer eine unwahrhafte Sache) [f. 26v-28r, von P.G. Lindemayr]

Papier: 28 Bll., 17 x 23 cm; die stark beschnittenen Bögen der ursprünglichen Sammlung stammen offenbar ebenso wie die beiden Blätter der Erweiterung aus der Papiermühle Schöndorf bei Vöcklabruck, von der das Stift im 18. Jahrhundert einen Großteil seines Schreibpapiers bezog; abweichende Wasserzeichen verweisen allerdings auf einen zeitlichen Abstand der verwendeten Bögen

Lagen: XII45 + II53, fadengeheftet; die ursprüngliche Fadenheftung wurde vermutlich entfernt

Einband: grünlicher dünner Papiereinband, dessen Vorderseite fehlt

Schrift, Schreiber und Ausstattung: f. 2v-24r durchgehend von der charakteristischen Hand Joseph Langthallers; die ersten Seiten f. 1r-2r wurden für eine spätere Beschriftung leer gelassen; den Liedern vorangestellt ist die jeweils zweizeilige Notierung (Singstimme mit Text der 1. Strophe und Bassbegleitung), mit Bleistift gezogene Seitenränder begrenzen das Textfeld links und rechts, die Titel sind in Zierfraktur gehalten; Titel und Inhaltsverzeichnis auf f. 1 sind ebenso wie die beiden Liednachträge auf f. 24v-28r in der Alltagskurrente Peter Gottlieb Lindemayrs geschrieben, der auch die Paginierung am äußeren Seitenrand, die Nummerierung der Lieder, die Strophenzahlen und manche Titelergänzungen hinzufügte

Editionskriterien: häufig Indifferenz zwischen Majuskel und Minuskel bei z und d, die Transkription erfolgt im Zweifelsfall nach heutigem Schreibgebrauch
(zitiert nach Neuhuber 2008, S. 315-318)

Literatur:
Zuletzt geändert:am: 18.6.2015 um: 12:58:45 Uhr