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Edition Ludwig Gumplowicz
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LUDWIG GUMPLOWICZ (1838-1909)
Ein biographischer Abriss
von Reinhard Müller*

8. März 1838: Ludwig Gumplowicz wird als zweites von fünf Kindern des Abraham Gumplowicz (1803-1876) und der Henryka, geborene Inlender, in Kraków (Krakau) geboren. Der Vater war Konfektionsverleiher, dann Galanteriewarenhändler, später zusätzlich Leihbüchereibesitzer und Antiquar. 1838 erhielt dieser das Bürgerrecht und erlange als Vostand der Jüdischen Gemeinde wie als Angehöriger des Senats der Freien Stadt Krakau großes Ansehen. Die Mutter entstammte einer reichen Kaufmannsfamilie aus Brody. Aufgewachsen ist L.G. im jüdischen Viertel Kazimierz während der wirtschaftlichen und kulturellen Blütezeit des von Demokratie und Liberalismus geprägten Wolne Miasto Kraków (Freie Stadt Krakau), welches jedoch 1846 dem Kronland Galizien der Österreichisch-Ungarischen Monarchie gewaltsam einverleibt wurde. Diese Okkupation, die der Aufwärtsentwicklung der Stadt auf Jahrzehnte hinaus ein abruptes Ende bereitete, fällt in jene Zeit, in der L.G. die Normalschule in Kraków besucht.

1848/49-1856/57: Besuch des k.k. Gymnasiums Świętey Anny in Kraków. Im letzten Schuljahr wird L.G. Mitglied eines geheimen Schülerzirkels, welchem unter anderen der Historiker Ludwik Kubala (1838-1918) und der Dichter Michal Bałucki (1837-1901), später ein Mitarbeiter der Zeitschrift Kraj, angehören.

1857: Ablegung der Reifeprüfung am Gymnasium Święty Anny in Kraków.

WS 1857/58-SS 1861: Studium der Rechtswissenschaften an der k.k. Jagiellonischen Universität in Kraków.

WS 1860/61-SS 1861: Fortsetzung des Studiums an der k.k. Universität in Wien, wo L.G. am 17. Juli 1861 das Absolutorium erhält.

1861-1863: Nach Kraków zurückgekehrt, wird L.G. als freier Mitarbeiter der in L'vov (Lemberg) erscheinenden Zeitschriften Dziennik Literacki (Literarisches Tagblatt) und Jutrzenka (Die Morgenröte) erstamls publizistisch tätig. Charakteristisch für diese Jahre ist sein kritisch-distanziertes Verhältnis zum polnischen Aufstand von 1861.

1. Mai 1862: Promotion zum Dr. jur. mit der Dissertation Zdania ze wszystkich umiejętności prawnych i politycznych (Ansichten über sämtliche Rechts- und Politikwissenschaften) an der Universität in Kraków.

1862-1863: Advokatenpraxis in L'vov. Hier lernt L.G. Franziszka – genannt Fany – Goldman kennen. Sie wurde am 27. Februar 1845 im damals galizischen Tarnów (Tarnow) geborgen und übersiedelte später mit ihren Eltern Bernhard und Ester Goldman nach L'vov. 1863 heiratet L.G. Franziszka und unternimmt mit ihr eine Hochzeitsreise nach Venedig. Es ist dies das einzige Mal, daß er das Gebiet der Österreichisch-Ungarischen Monarchie während seiner Krakauer Zeit verlassen hat.

1863: Beim sogenannten Januaraufstand nimmt die Familie Gumplowicz in Kraków eine bedeutende Rolle ein. Das Haus des Vaters dient als konspirativer Treffpunkt und – während der Kampfhandlungen – als Sanitätsstation für die Aufständischen; zwei Brüder L.G.s, der spätere Antiquar bzw. Buchhändler Ignacy Izrael Gumplowicz (1821-1892) und der spätere Arzt Maksymilian Teofil Gumplowicz (1845-?) gehören bewaffneten Einheiten der Aufständischen an, L.G. selbst ist im Waffennachschub tätig.

1863-1864: Notariatspraxis in Kraków, welche L.G. 1864 mit der Ablegung der Notariatsprüfung beendet.

21. Dezember 1864: Geburt des Sohnes Maksymilian Ernest in Kraków.

1865-1866: Gerichtspraxis beim k.k. Landesgericht und beim k.k. Niederösterreichischen Handelsgericht in Wien.

1866-1867: Notariatspraxis in Wien.

19. Mai 1866: Geburt des Sohnes Alfred Theodor in Wien.

1867-1870: Notariatssubstitut in Kraków.

31. Jänner 1868: Wohl unter dem Eindruck der 1867 erfolgten Polonisierung des gesamten Schulwesens legt L.G. zwecks Habilitierung für Allgemeine Rechtsgeschichte dem Professoren-Kollegium an der Universität in Kraków zwei polnische Schriften vor: Wola ostatnia w rozwoju dziejowym i umiejętnym. Rys prawniczo-historyczny (Das Testament in seiner historischen und wissenschaftlichen Entwicklung. Juristisch-historische Skizze) und Prawodawstwo polskie względem Żydów (Die polnische Gesetzgebung bezüglich der Juden). Die Arbeiten werden als literarisch begabt, aber als ungenau und unobjektiv qualifiziert, das Habilitationsgesuch noch vor der Zulassung zum Habilitationskolloquium abgelehnt. Ein Rekurs L.G.s beim k.k. Ministerium für Kultus und Unterricht in Wien bleibt erfolglos.

15. Feber 1869: Geburt des Sohnes Ignacy Władysław in Kraków.

1870-1873: L.G. wird Verleger und Redakteur – vorübergehend auch Chefredakteur – der in Kraków erscheinenden Kraj (Das Land) als Nachfolger von Adam Sapieha (1828-1903), welcher das Blatt 1869 als Gegenstück der konservativen Tageszeitung Czas (Die Zeit) gegründet hatte. Mit Ende März 1873 scheidet L.G. aus und überläßt Stanisław Gralichowski die Zeitung. Nachdem das ursprünglich bedeutende, sozial-liberal und demokratisch ausgerichtete Kampfblatt 1873 zu einer rein informativen Tageszeitung wird, muß es 1874 eingestellt werden. Um die Zeitschrift Kraj entsteht auch das sogenannte Koło Polityczne (Politischer Kreis), dem neben mehreren Freunden aus der Gymnasialzeit auch L.G. angehört. In Verbindung mit dieser Tätigkeit erwirbt L.G. 1870 eine Druckerei in Kraków, welche er nach dem 1874 erfolgten Bankrott an Władysław Ludwik Anczyc (1823-1883) verkauft.

1870-1875: Neben seiner Redakteurstätigkeit übt L.G. den Beruf eines Verteidigers in Strafsachen aus, wobei seine Verteidigung i Hochverratsprozeß gegen Paweł Stalmach (1824-1891) als besonders erfolgreich hervorgehoben wird.

1873-1875: Gemeinderat von Kraków.

1875-1876: Über Vermittlung seines Lehrers Gustav Demelius (1831-1891) – mit dessen Sohn Ernst (1859-1904) L.G. eine enge Freundschaft verbindet – übersiedelt L.G. mit seiner Familie 1875 nach Graz, wo er sich als Advokatskonzipist und Verteidiger in Strafsachen niederläßt.

23. September 1875: Erster öffentlicher Vortrag von L.G. in Graz auf der 48. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte: Über das Naturgesetz der Staatenbildung.

12. Feber 1876: L.G. bringt ein erstes Habilitationsansuchen um die venia legendi für Rechts- und Staatsphilosophie an der k.k. Karl-Franzens-Universität in Graz ein. Diesem läßt L.G. am 9. Mai ein zweites Ansuchen folgen, in welchem er – für den Fall der Ablehnung seines ersten Gesuchs – um die venia legendi für Allgemeines Staatsrecht ersucht. Tatsächlich wird sein erstes Ansuchen in der Sitzung des Professoren-Kollegiums vom 17. Mai abgelehnt, weil die eingereichten Arbeiten weder die Rechts- noch die Staatsphilosophie beträfen.

14. Juli 1876: Selbstmord des Vaters in Kraków.

18. Juli 1876: Dem zweiten Habilitationsansuchen L.G.s wird in der Sitzung des Professoren-Kollegiums einstimmig stattgegeben. Am 23. Oktober beschließt das Professoren-Kollegium im Anschluß an das Habilitationskolloquium und die Probevorlesung mit Stimmenmehrheit, das Ministerium für Kultus und Unterricht um die Bestätigung der venia legendi für Allgemeines Staatsrecht zu ersuchen.

15. Dezember 1876: L.G. wird an der Universität in Graz mit der Arbeit Robert v[on] Mohl als Rechts- und Staatsphilosoph für Allgemeines Staatsrecht habilitiert.

1876-1878: Priv.-Doz. für Allgemeines Staatsrecht an der Universität in Graz.

9. April 1878: Erweiterung der venia legendi auf Österreichisches Staatsrecht auf Grund der Arbeit Bruchstück einer Einleitung in das österreichische Staatsrecht.

1878-1879: Priv.-Doz. für Allgemeines und Österreichisches Staatsrecht an der Universität in Graz.

31. Mai 1879: Neuerliche Erweiterung der venia legendi auf Allgemeine und Österreichische Statistik auf Grund der Arbeit Ueber Umfang und Systematik der Bevölkerungsstatistik.

1879-1882: Priv.-Doz. für Allgemeines und Österreichisches Staatsrecht sowie für Allgemeine und Österreichische Statistik an der Universität in Graz.

1879-1895: Mitglied der k.k. theoretischen Staats-Prüfungs-Kommission für die rechts- und staatswissenschaftlichen Studien in Graz (Staatswissenschaftliche Abteilung) als Prüfungs-Kommissär für Österreichische Statistik.

21. Juli 1882: Ernennung von L.G. zum außerordentlichen Universitätsprofessor des Allgemeinen Staatsrechtes und der Verwaltungslehre.

1882-1893: a.ö. Univ.-Prof. des Allgemeinen Staatsrechtes und der Verwaltungslehre an der Universität in Graz.

SS 1883: Einstündige Vorlesung: Ueber Socialwissenschaft.

1884: Franciszka und L.G. treten aus der Israelitischen Kultusgemeinde aus, wobei sie sich allerdings – wie eine Eintragung in der Haushaltsliste der Volkszählung von 1880 zeigt – schon längst als konfessionslos betrachten.

SS 1885: Einstündige Vorlesung (Collegia publica): Grundzüge der Sociologie.

188?: Tod des Sohnes Alfred Theodor.

1889: Franciszka und L.G. treten in die Evangelische Kirche (Augsburger Konfession) ein.

WS 1888/89: Einstündige Vorlesung (Collegia publica): Die Entwicklung der Sociologie seit Auguste Comte.

11. Oktober 1890: L.G. hält auf Einladung der Gehe-Stiftung in Dresden – eine vom Drogisten Franz Ludwig Gehe (1810-1882) gegründete Einrichtung zur Förderung der Bildung – seinen Vortrag Über das Wesen der Soziologie. Es ist dies sein einziger Auslandsaufenthalt während der Grazer Zeit.

9. März 1893: Ernennung von L.G. zum ordentlichen Universitätsprofessor der Verwaltungslehre und des Österreichischen Verwaltungsrechtes als Nachfolger des verstorbenen Hermann Ignaz Bidermann (1831-1892); seine Konkurrenten waren ex aequo Franz Ritter von Juraschek (1849-1910) und Karl Hugelmann (1844-1930), beide damals in Wien.

1893-1908: o.ö. Univ.-Prof. der Verwaltungslehre und des Österreichischen Verwaltungsrechtes an der Universtität in Graz.

1893: Mitglied des Institut International de Sociologie in Paris.

1. bis 4. Oktober 1894: 1. Kongreß des Institut International de Sociologie in Paris; in Abwesenheit von L.G. wird sein Referat Un programme de sociologie (Ein Programm der Soziologie) verlesen.

1895-1907: Mitglied der k.k. theoretischen Staats-Prüfungs-Kommission für die rechts- und staatswissenschaftlichen Studien in Graz (Staatswissenschaftliche Abteilung) als Prüfungs-Kommissär für Allgemeines und Österreichisches Staatsrecht sowie für Österreichische Statistik.

30. September bis 3. Oktober 1895: 2. Kongreß des Institut International de Sociologie in Paris; da L.G., der zum Vizepräsidenten ernannt wurde, nicht persönlich teilnimmt, wird sein Referat verlesen: La famille, sa genèse et son évolution (Die Familie, ihr Ursprung und ihre Entwicklung).

28. November 1897: Tod des Sohnes Maksymilian Ernest in Wien infolge eines Selbstmordversuchs. Aus diesem Anlaß kauft L.G. jenes Grab am Evangelischen Friedhof Matzleinsdorf, Wien, in welchem auch er und seine Frau später beigesetzt werden sollten. Etwa bis 1902 beschäftigt sich L.G. vor allem mit der Herausgabe von der nachgelassenen Schriften seines Sohnes. Er lernt zu diesem Zweck sogar Stenographie, um dessen Manuskripte transkribieren zu können.

1899: Mitglied des Towarzyszka Ludoznawczego (Volkskundliche Gesellschaft) in L'vov.

WS 1900/01: Einstündige Vorlesung (Collegia publica): Die Entwicklung der Sociologie von August [!] Comte bis Gustav Ratzenhofer.

3. bis 6. Juli 1906: 6. Kongreß des Institut International de Sociologie in London; in Abwesenheit von L.G. wird sein Referat Le rôle des luttes sociales dans l'évolution de l'humanité (Die Rolle der sozialen Kämpfe in der Entwicklung der Menschheit) verlesen.

August 1907: Franciszka Gumplowicz erblindet am Star (Amaurose); der Gesundheitszustand seiner Frau löst bei L.G. eine nervöse Verstimmung in Folche eines Nervenchoc's aus. Er beendet deshalb seine Lehrtätigkeit an der Universität Graz.

Dezember 1907: Die Ärzte diagnostizieren bei L.G. ein Karzinom an der Zunge, welches nach L.G.s Angaben von einer Verletzung der Zunge durch einen scharfen Zahn herrühre. Die von den Ärzten empfohlene Operation lehnt L.G. ab, obwohl die Krankheit seine Sprechfähigkeit sehr behindert.

März 1908: Anläßlich des 70. Geburtstages von L.G. finden mehrere, von seinen Schülern veranstaltete Feiern für ihn statt, doch wird ihm keinerlei offizielle Anerkennung zuteil.

8. April 1908: L.G. emeritiert mit Ende Wintersemester 1907/08, hat allerdings in diesem letzten Semester seine Lehrtätigkeit bereits aus gesundheitlichen Gründen eingestellt.

1908: Mitglied der von seinen Schülern gegründeten Soziologischen Gesellschaft in Graz, der gegenüber sich L.G. jedoch sehr distanziert verhält.

19. August 1909: Franciszka und L.G. begehen in beiderseitigem Einverständnis Selbstmord durch Einnahme von Zyankali. Sie hinterlassen ihrem Sohn Władysław ein Vermögen von über 117.800 Kronen (zum Vergleich: L.G. bezog 1908 ein Jahresgehalt von 8.640 Kronen). Die Leichen von Franciszka und L.G. werden nach Wien überführt und am Evangelischen Friedhof Matzleinsdorf im kleinen Rahmen und ohne geistlichen Beistand beigesetzt, wie dies im Testament gewünscht wurde. Das Grab von Maksymilian Ernest, Franciszka und L.G. wurde 1946 neu belegt.

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Müller, Reinhard: Ludwig Gumplowicz. Ein biographischer Abriß. In: Ludwig Gumplowicz (1838-1909). Ein Klassiker der Soziologie. Katalog zur Ausstellung an der Universitätsbibliothek Graz anläßlich des 150. Geburtstages von Ludwig Gumplowicz. Graz 1988, S. 5-9.