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libri ordinarii of the Salzburg metropolitan province (Beta-Version)

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Historia Sancti Godehardi Altachae Inferioris

Das Benediktinerkloster Niederaltaich (Diözese Passau) mit den Patrozinien Mauritius und, in späterer Zeit, Godehard wurde um 741 von Bayernherzog Odilo gegründet. Die zwölf Mönche und der erste Abt Eberswind kamen aus dem Kloster des hl. Pirmin auf der Reichenau. Die Mönche kultivierten große Teile Niederbayerns bis zur Grenze der heutigen Tschechischen Republik und gründeten an die 120 Siedlungen im Bayerischen Wald. Niederaltaich machte sich sehr verdient um die Kolonisierung und Missionierung entlang der Donau bis ins heutige Ungarn. Niederaltaich war von Anfang an als Missions- bzw. Kolonisationskloster konzipiert und drang dabei weit in den slawischen Raum vor. Verheerende Klosterbrände in den Jahren 1659, 1671 und 1685 verwüsteten nicht nur die Gebäude, sondern auch die sehr umfangreiche Bibliothek und Handschriftensammlung des Klosters. Diese Zerstörungen sind vermutlich die Ursache für die sehr geringe Anzahl an mittelalterlichen Handschriften, die aus dem einst so bedeutenden Kloster auf uns gekommen sind. Früheste Quelle mit Notation ist ein Fragment eines Antiphonars mit Teilen des Offiziums für den hl. Dionysius von Paris. Die Gesänge mit paläofränkischer Notation, im dritten Viertel des 9. Jahrhunderts niedergeschrieben, stellen zudem die älteste Musikquelle der Diözese Passau dar (A-Wn Cod. 612). Der älteste liturgische Codex aus Niederaltaich ist das Prachtevangeliar D-Mbs clm 9476, um 1030-1040 entstanden. Etwas jünger ist eine als Sacramentarium Rossianum bekannte Handschrift mit gelesianischer Liturgie. Der im dritten Viertel des 11. Jahrhunderts angefertigte Codex wird heute in der Vatikanischen Bibliothek aufbewahrt (Ross. 204). Die wichtigste und auch einzige vollständige Musikhandschrift aus dem Mittelalter ist heute Eigentum der Kapitelbibliothek in Gnesen (Ms. 149 a). Das zwischen 1071 und 1131 angefertigte Plenar-Missale kann eindeutig nach Niederaltaich verortet werden. Das Besondere der semiologisch-wertvollen Handschrift ist die linienlose deutsche Neumennotation. Diese konservative Notationsweise zeigt klare rhythmische Differenzierungen und großen Formenreichtum. Der Codex stellt somit ein Unikat für diese Zeit und den süddeutsch-österreichischen Raum dar.

In den wenigen liturgischen Handschriften des Klosters haben sich neben den allgemein üblichen Gesängen zu Ehren des ersten Klosterpatrons Mauritius auch etliche Niederaltaicher Eigengesänge in Prosa erhalten. In jüngeren Quellen aus dem 15. und 16. Jahrhundert sind zudem Teile des Reimoffiziums Martyrum sollemnia (AH 28-22) für infra octavam und in octava Mauritii überliefert. Diese Gesänge warten noch auf eine wissenschaftliche Untersuchung und die Übertragung in moderne Notation. In dem Niederaltaicher Martyrolog-Nekrolog der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek in Jena (D-Ju Ms. Bos. q. 1) aus dem 12. Jahrhundert befinden sich zudem zwei Gesänge mit Neumennotation für die beiden Klosterpatrone (Nachträge Mitte des 13. Jahrhunderts): Die Sequenz Filii regni dei deo agno magno regi date regni gloriam für Mauritius und Gefährten (fol. 91) sowie der Hymnus Laudum vota mundi tota Christo reddat machina für die Translation von Gebeinen Godehards von Hildesheim nach Niederaltaich (fol. 155r).

Der zweite Klosterpatron Godehard (*960 in Reichersdorf / Niederbayern, †1038 in Hildesheim) war von 996 bis 1022 Abt in Niederaltaich, zugleich von 1001 bis 1002 Abt in Tegernsee und von 1005 bis 1012 Abt in Hersfeld. Von 1022 bis zu seinem Tod regierte er als Bischof von Hildesheim. Godehard war, geprägt durch die Reformideen von Wolfgang und Ramwold von Regensburg, ein konsequenter Verfechter der Gorzisch-lothringischen Klosterreformen (vgl. die sog. "Godehard-Reform"). Er wurde 1131 als erster Bayer heiliggesprochen. Es existieren zwei Fassungen seiner Lebensbeschreibung, die vom Hildesheimer Domkanoniker Wolfhero verfasst wurden: Die Vita prior (PL 141 1161A-1202A) ist bald nach 1035 oder eher nach 1038, also bald nach Godehards Tod, im Auftrag des Niederaltaicher Abtes Ratmund verfaßt. Die Vita posterior (MGH SS 11, 196-218) ist zwischen 1054 und 1061 geschrieben; später wurden ihr noch einige Wunderberichte hinzugefügt. Auftrager der Vita posterior war Abt Adalbert von St. Michael in Hildesheim. Bis in das 19. Jahrhundert war lediglich die Vita posterior bekannt, da die Vita prior nur in einer einzigen Handschrift vollständig überliefert ist. Der ehemalige Niederaltaicher Codex wird heute in der Österreichischen Nationalbibliothek Wien aufbewahrt (A-Wn Cod. 612).

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D-Mbs clm 16141, © Bayerische Staatsbibliothek München

Die hier vorgestellte Historia Adest dies digne celebris für Abt Godehard wurde im 11. oder 12. Jahrhundert in Niederaltaich zusammengestellt. — Historiae umfassen die Gesänge, Lesungen und Gebete für das Stundengebet am Festtag einer/eines Heiligen. — Die erste und zweite Lesung des monastischen Nachtoffiziums wurden den Vitae sancti Vedasti und sancti Willibrordi von Alkuin von Tours entnommen. Die Texte der weiteren Lesungen basieren im Wesentlichen auf der Vita prior. Neben der bereits erwähnten Wiener Quelle Cod. 612 überliefert die Historia also auch Teile der älteren Lebensbeschreibung. Die Gesänge schildern die Geschehnisse, die in der Vita beschrieben werden, in eigenen Worten und bilden einen zweiten Erzählstrang. Die Historia war nicht nur in Niederaltaich in Gebrauch. So schrieb der Passauer Fürstbischof Bernhard von Prambach die Verehrung Godehards und die Verwendung der Historia in gekürzter Form durch ein Dekret bei der Diözesansynode von 1302 für das ganze Bistum verbindlich vor. Es war eines der ersten Sonderoffizien, das im Passauer Diözesanbrevier Berücksichtigung fand. Die drei Lesungen basieren ebenfalls auf der Vita prior, jedoch greift man hier auf andere Textabschnitte zurück und ergänzt Neues. Die Capitula und Orationes scheinen Passauer Eigenschöpfungen zu sein. Bemerkenswert ist das Capitulum zur Non: Memoria beati Godehardi in compositione odoris facti opus pigmentarii in omni ore quasi mel in dulcorabitur eius memoria et quasi musica in convivio vini. Wenige Jahre nach der Einführung des Godehard-Gedächtnisses sollte sich die Initiative Bernhards als Nachteil für einen seiner Nachfolger im Bischofsamt herausstellen: Die Passauer Bürgerschaft, die regelmäßig gegen die autoritäre Herrschaft der Fürstbschöfe rebellierte, wurde im Jahr 1338 durch Anrufung des hl. Godehards auf wundersame Weise von der übermächtigen Belagerung der Stadt durch die Truppen Fürstbischofs Albert II. von Sachsen-Wittenberg befreit (vgl. Germania Sacra Bd. 1, 459-460). Das gekürzte, säkulare Offizium war auch in Regensburg üblich. Entsprechende Angaben sind im Liber ordinarius der Diözese aus dem 15. Jahrhundert enthalten (D-Mbs clm 26947).

In Niederaltaich selbst waren vermutlich zumindest Teile der Historia bis zur Aufhebung des Klosters im Jahr 1803 in Gebrauch. So erwähnt P. Johann Baptist Lackner die erste Nocturnantiphon in dem 1779 bei Mangold in Passau erschienenen Werk Memoriale seu Altachae inferioris memoria superstes: "... Omnium ipse miraculum naturae et gratiae usque adeo, ut iuste canat chorus noster: Ut spina rosam, Godehardum Boiaria genuit (Pars prima Sectio I. N. 1). Lackner erwähnt zudem, Godehard werde auch in den Benediktinerklöstern Oberalteich (seit 1308) und Metten (seit 1319) besonders verehrt. Die Feierlichkeiten in Niederaltaich beschreibt er folgendermaßen: "Altacha vero nostra S. Godehardum in praecipuis Tutelarem sibi elegit, cuius translationis ac depositionis annua sollenia die quarta et quinta Maii summa veneratione peragit, octavam in benedictionibus commemorat. Surrexit praeterquam Godehardi honoribus in templo nostro sacellum valde speciosum, et ara media in titulum erecta, quae sacras eiusdem reliquias servat depositas, et votis fidelium commonstrat."

Teile des Prosaoffiziums Adest dies digne celebris für Abt Godehard stehen nachfolgend mit einer Notenübertragung und Audiofiles, eingesungen von der Grazer Choralschola, zur Verfügung. Die Historia enthält Gesänge auf hohem musikalischem Niveau. Die älteste Quelle mit Notation ist das neumierte Antiphonar D-Mbs clm 16141 der Diözese Passau, das kurz nach 1300 entstanden sein dürfte. Teile der Historia sind auch in dem Niederaltaicher Teil-Antiphonar D-Mbs clm 9480 aus dem 16. Jahrhundert überliefert. Einige der Gesänge für das monastische Offzium sind nur als Text, ohne Melodien, erhalten. Für die Notenübetragung wurden zusätzlich Antiphonare der Diözese Passau verwendet, die im Besitz des Kollegiatstifts Kirnberg in Niederösterreich waren (A-Wda C10 und D4, um 1510). Die nachfolgenden Übertragungen berücksichtigen Melodievarianten in den verschiedenen Quellen (rote Färbung der Notenköpfe).

Der Hymnnus Caeli cives applaudite für Godehard ist in einem Niederaltaicher Brevier erhalten, das heute in der Universitätsbibliothek Klagenfurt aufbewahrt wird (A-Ks Perg. 39, 76v-77r). Die Melodie konnte anhand der gleichnamigen Dichtung für den hl. Augustinus (AH 52-118) rekonstuiert werden (Melodievorlage aus A-VOR 263). Im gedruckten Passauer Graduale von Winterburger aus dem Jahr 1511 ist zudem die Godehard-Sequenz Iubar lucis inoffense (226r-227v) mit musikalischer Notation erhalten.

Musikalische Einordnung: 1) Der Prosatext der Gesänge ist sicher vor dem 13. Jahrhundert entstanden. 2) Die Responsorium-Verse verwenden nicht die alten Töne. 3) Oktavumfang fast aller Gesänge, d.h. Finalis bis Oberoktave in authentischen Modi, Unterquart bis Oberquint in plagalen Modi (Ecktöne). 4) Endungen von unten mäßig häufig. Interessant sind diese Endungen in den E-Modi auf a-h-h, denn h wird bekanntlich auf dem Gebiet des sog. “deutschen Choraldialekts” vermieden. Beispiele: V-A-M Magnificemus nomen domini: “iucunditatis”, “suffragio”. L-A-B Visitet nos ab alto: “dominus”. Bemerkenswert ist jedoch das Enden von Perioden auf h (z.B. L-A-3, L-A-4). 5) Bewegung durch eine ganze Oktave innerhalb einer Periode, oft innerhalb eines Wortes, z.B.: V-R “admirandam”, “potentiam”, “beatum suscitavit Godehardum”, “alleluia”. M-A-3 “vineam ... excolere”. M-R-1 “arctius”. Zahlreiche Beispiele im 5. und 6. Modus. 6) Schwingung zwischen den Ecktönen innerhalb einer Periode: Translatio Godehardi V-A Vir beatus Godehardus: “in lege domini” a-d-a, “continuatim” a-D-a, “et in tempore suo” a-d(f)-a. Sprünge zwischen zwei Ecktönen Terz-A “alleluia”, V2-M-A “obsecrat". Zudem zahlreiche Beispiele im 5. und 6. Modus. Aufgrund des Fehlens vieler Melodien ist eine eindeutige Beurteilung der Modusverteilung nicht möglich. Die vorhandenen Gesänge lassen jedoch eine numerische Ordnung vermuten. Alles in allem sprechen diese Beobachtungen für eine Entstehungszeit im 11. oder 12. Jahrhundert (Mitteilung von David Hiley, Regensburg).

Notenübertragung und Einführungstext: Robert Klugseder (Wien, Österreichische Akademie der Wissenschaften). Übertragung der Originalquellen in moderne Notation: PDF. Eine Übersicht aller erhaltenen Texte der Historia mit Angabe der Referenzen zu den Vitae steht hier zur Verfügung.

Literatur: *Klugseder, Robert: Quellen des Gregorianischen Chorals aus dem Benediktinerkloster Niederaltaich, in: Haggh, Barbara und Dobszay, László (Hg.): Papers Read at the 13th Meeting of the IMS Study Group CANTUS PLANUS, Niederaltaich/Germany, 29. August - 4. September 2006, Budapest 2009, 343-77. PDF
*Fellenberg gen. Reinold, Josef: Die Verehrung des Heiligen Gotthard von Hildesheim in Kirche und Volk  (= Rheinisches Archiv Bd. 74), Bonn 1970.
*Gerlach, Bernhard: Wolfhers jüngere Lebensbeschreibung des heiligen Bischofs Godehard, in: Unsere Diözese in Vergangenheit und Gegenwart 13/1 (1939), 1-48.
*Haarländer, Stephanie: Vitae episcoporum: eine Quellengattung zwischen Hagiographie und Historiographie, untersucht an Lebensbeschreibungen von Bischöfen des Regnum Teutonicum im Zeitalter der Ottonen und Salier (= Monographien zur Geschichte des Mittelalters 47), Stuttgart 2000.
*Žemlička, Josef: Die Verehrung des heiligen Gotthard (Godehard) im přemyslidischen Böhmen, in: Doležalová, Eva et al.: Die Heiligen und ihr Kult im Mittelalter, Prag 2010, 363ff.

Online: Vita S. Godehardi, in: Bayerische Akademie der Wissenschaften: Geschichtsquellen des Mittelalters.
Wolfherri: Vita prior Godehardi Episcopi und Vita posterior Godehardi Episcopi, in: bayerische Staatsbibliothek München: Monumenta Germaniae Historica
Vita prior S. Godehardi, in: Universität Zürich: Corpus Corporum - repositorium operum Latinorum apud Universitatem Turicensem.
Godehard von Hildesheim, in: Wikipedia.

Ausführende: Severin Praßl (Solo), Grazer Choralschola, Leitung: Franz Karl Praßl

Audio-Nachbearbeitung: Johannes Spitzbart, Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

Psalm-Antiphon der ersten Vesper

Responsorium der ersten Vesper

Magnificat-Antiphon der ersten Vesper

Invitatorium der Matutin

Erste Antiphon der ersten Nocturn

Zweite Antiphon der ersten Nocturn

Dritte Antiphon der ersten Nocturn

Erste Lesung mit Responsorium der ersten Nocturn

Zweite Lesung mit Responsorium der ersten Nocturn

Dritte Lesung mit Responsorium der ersten Nocturn

Erste Laudes-Antiphon

Zweite Laudes-Antiphon

Dritte Laudes-Antiphon

Vierte Laudes-Antiphon

Fünfte Laudes-Antiphon

Benedictus-Antiphon der Laudes

Antiphon zur Prim

Antiphon zur Terz

Antiphon zur Sext

Antiphon zur Non

Magnificat-Antiphon zur zweiten Vesper

Hymnus

Erste Antiphon der dritten Nokturn des monastischen Offiziums

Magnificat-Antiphon für das Fest Translatio Godehardi