Cantus Network

libri ordinarii of the Salzburg metropolitan province (Beta-Version)

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Das Projekt

Cantus Network

Das von der Nationalstiftung für Forschung, Technologie und Entwicklung finanzierte und an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften angesiedelte Forschungsprojekt CANTUS NETWORK hat das Ziel, die Zeugnisse des christlichen Kultus des Mittelalters, die in handschriftlicher Form auf uns gekommen sind und die Praxis der liturgisch-musikalischen Kulthandlungen beschreiben, zu untersuchen. Zentrale Quellen dieser Überlieferung sind die liturgischen „Regiebücher“, Liber ordinarius genannt, die in Kurzform mehr oder weniger den vollständigen Ritus einer Diözese oder eines Klosters beinhalten. Die Gebete, Lesungen und Gesänge werden hier in abgekürzter Form als Text-Incipits wiedergegeben.

Ein Liber ordinarius enthält in der Regel alle für den Gottesdienst notwendigen Informationen einer einzelnen Institution (Kirche, Kloster) oder einer Gruppe (Diözese, Klosterverband). Das sind zum einen Incipits von Gesängen, Lesungen und Gebeten für das Stundengebet, die Messe und für Prozessionen. Zum anderen Rubriken, in denen Anweisungen gegeben werden, wie und wann bestimmte liturgische Handlungen auszuführen sind. Als dritte Säule können Libri Ordinarii Liturgiekommentare aus zeitgenössischen Standardwerken enthalten, die zusätzliche Hinweise für einen bestimmten Festtag oder eine besondere liturgische Handlung zur Verfügung stellen. Eine vierte Säule kann die linienlose Neumennotation der Gesangsincipits darstellen. Im Falle von Ordinariumsteilen sind die Neumen der einzige Nachweis, um welches Musikstück es sich wirklich handelt. Das „Lokalkolorit“ bildet die Kombination aus den drei bzw. vier Säulen, also der Gesangs- und Vortragstexttradition, den Rubriken und den Liturgieerklärungen.

Die Rubriken beinhalten häufig Angaben zur Art und Weise der Gesangsausführung, können also wichtige Hinweise zur Aufführungspraxis des Gregorianischen Chorals liefern. Die libri ordinarii sind jedoch auch für Historiker und Kunsthistoriker von großem Interesse, wenn Angaben zu Personen, Orten, Gebäuden oder zur Ausstattung von Sakralräumen enthalten sind. Diese Informationen können aber nicht ohne ein vertieftes Studium der libri ordinarii verwertet werden. Bei der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit libri ordinarii muss daher der kritischen Übertragung der lateinischen Texte eine fundierte Analyse der Ursprünge der Liturgie und der Kommentare folgen.

Das Datenmodell

Diese Digitale Edition setzt sich zum Ziel eine vergleichende Analyse der verschiedenen libri ordinarii zu ermöglichen. Dies erfordert sowohl eine inhaltliche, als auch eine textuelle Herangehensweise an die Originaldokumente. Es werden je nach Edition vier bis fünf verschiedene Ansichten angeboten, um den Zugang zum Text zu erleichtern.

Eine "Editionsansicht", die in der Darstellung möglichst nahe am Original bleibt und textuelle Phänomene ohne farbliche Kennzeichnung darstellt sowie eine "strukturierte Ansicht", in der die verschiedenen Zeitebenen klar getrennt dargestellt werden und Phänomene im Original wie Rasuren, Marginalien und Ergänzungen sowie Personen, Orte und Funktionen farblich gekennzeichnet sind, stehen in jedem Fall zur Verfügung.

Auch eine „Faksimile“-Ansicht, in der das Faksimile links mit dem Text rechts verknüpft ist wird in allen Editionen angeboten. In dieser Ansicht ist es möglich die Faksimiles auf der linken Seite durchzublättern wobei der Text auf der rechten Seite folgt bzw. einfach den Text nach unten zu scrollen wobei die entsprechenden Seiten des Liber ordinarius links angezeigt werden.

Eine weitere Ansicht, die in jedem Fall verfügbar ist, ist die Möglichkeit das gesamte Buch in einem speziellen Viewer namens Mirador aufzurufen. Die dafür Verwendete Technologie „IIIF - International Interoperability Framework“ schafft eine sehr weitgehende Interoperabilität und ermöglicht einen institutionsübergreifenden Austausch digitaler Faksimiles und anderer Objekte sowie ihre standortunabhängige Darstellung. Mirador ist eine Entwicklung der Universitäten Harvard und Stanford im Rahmen der IIIF-Gemeinschaft und läuft als Browser-Applikation auf der Basis von HTML5 und JavaScript. Der Viewer ermöglicht ein stufenloses Zoomen in Bilder mit beliebig hoher Auflösung. Er erlaubt das Betrachten, Durchblättern, Annotieren und Vergleichen von Bildern. Diese können weltweit aus den unterschiedlichsten Repositorien stammen, sofern diese den IIIF-Standard erfüllen. So liegen etwa die Sekundärquellen des gesamten Cantus-Projektes bei der OEAW in Wien wobei der Rest der Software in Graz sowie die primären Bilddaten in Graz liegen.

Die „Varianten“-Ansicht wird hingegen nur bei jenen Editionen angeboten, wo tatsächlich mehrere Textzeugen vorliegen bzw. wo diese für das Projekt ausgezeichnet wurden. Dies ist derzeit für Passau und Seckau 1 und demnächst für Salzburg der Fall. Diese Ansicht bietet die Möglichkeit die jeweiligen rekonstruierten Urfassungen mit oder ohne zugehörige Varianten anzuzeigen. Die Varianten, die den Text der rekonstruierten Urfassung ergänzen werden im Text selbst farblich markiert. Jene, die den Text an den entsprechenden Stellen ersetzen werden per Mausklick aufgerufen und in einem separaten Abschnitt auf der rechten Seite angezeigt.

Kodierungsstandards

Die Transkriptionen der libri ordinarii werden in TEI (Text Encoding Initiative) ausgezeichnet. Dieses Format stellt die Basis für jegliche Weiterverarbeitung als auch für die Dissemination der Dokumente dar. So wird aus der TEI-Basis sowohl die Webpräsentation (HTML5) generiert, als auch die Druckausgabe. Diese Transformationen werden mit Hilfe von XSLT-Stylesheets (Extensible Stylesheet Language Transformation) realisiert. Ausgangsbasis für die Kodierung in TEI sind MS-Word Dokumente, in denen mit Hilfe von Formatvorlagen Textphänomene und Strukturierungseinheiten gekennzeichnet werden. Diese eindeutige Kennzeichnung sowie ein Parsen auf Zeichenebene erlauben es, durch einen in der objektorientierten Programmiersprache Java formulierten Transformationsprozess, den Text der Word-Dokumente in einen Zwischencode zu überführen. Dieser Coder stellt eine Vorstufe des endgültigen TEI-Dokuments dar und wird wiederum mit Hilfe von XSLT in eine vollständig TEI-konforme Version übertragen. Somit ist es möglich, alle textuellen und inhaltlichen Phänomene, die in Word als solche gekennzeichnet wurden, direkt nach TEI zu überführen. Bei der Übertragung der Ausgansdaten in das digitale Archiv werden außerdem RDF-Repräsentationen (Resource Description Framwork) der Texte erzeugt und in einem Triplestore (Blazegraph) mit Sesame-Anbindung gespeichert, um komplexe Suchanfragen zu ermöglichen.

Basistechnologien

Die Daten werden im FEDORA-Commons basierten Repository GAMS (Geisteswissenschaftliches Asset Management System) des Zentrums für Informationsmodellierung der Universität Graz gehostet. Hier liegen sowohl die TEI- und RDF-Daten, als auch dazugehörige SPARQL-Anfragen. Das GAMS integriert zur Präsentation Cocoon-Services in das FEDORA-Repositorium und benutzt projektspezifische Content Models für die TEI-Daten und die Anfragen an die RDF-Datenbank. Das System verwendet als Triplestore die Open Source Software Blazegraph, die eine Volltextsuche in die Graphendatenbank integriert. Die RDF-Repräsentation ermöglicht es, sie als Linked Open Data mit Semantic Web Technologien abzufragen.