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Erich Auerbach und die Literaturwissenschaft der Neunziger Jahre

Während des letzten Jahrzehnts sind in bemerkenswerter Häufung Sammelbände über Leben und Werk Erich Auerbachs erschienen. Es handelt sich, chronologisch gereiht, um die folgenden Publikationen:
– Erich Auerbach. 5. Colóquio Universidade Estadual do Rio de Janeiro, Rio de Janeiro (Imago) 1994, 254 S. [1]
– Literary History and the Challenge of Philology. The Legacy of Erich Auerbach, hrsg. von Seth Lerer, Stanford, California (Stanford University Press), 1996, 301 S.
– Wahrnehmen Lesen Deuten. Erich Auerbachs Lektüre der Moderne, hrsg. von Walter Busch und Gerhart Pickerodt (= Analecta Romanica 58), Frankfurt/M. (Vittorio Klostermann) 1998, 302 S.
– Mimesis. Studien zur literarischen Repräsentation. Studies on Literary Representation, hrsg. von Bernhard F. Scholz, Tübingen und Basel (Francke) 1998, 315 S. [2]
Ausgelöst wurde die Serie solcher Würdigungen zunächst gewiß durch zwei Gedenkdaten: die hundertste Wiederkehr von Auerbachs Geburtstag, welche die Kolloquien in Rio de Janeiro und Stanford veranlaßte, sowie das fünfzigjährige Jubiläum des Erscheinens von ‚Mimesis‘, dem die von Busch und Pickerodt bzw. Scholz gesammelten Beiträge der Kolloquien in Marburg und Groningen gewidmet waren. Jenseits der Erinnerungspflicht, die sich mit den Daten verbindet, scheint es für die Vielzahl der rezenten Auerbach-Symposien indes noch tiefere Gründe zu geben. Sie kommen in den Sammelbänden selbst durch eine eigentümliche Ambivalenz zum Ausdruck. Tatsächlich verraten die dort zusammengestellten Aufsätze einerseits ein tief fasziniertes Interesse, das insbesondere zur detaillierten Erforschung von Auerbachs höchst komplexer Bildungsgeschichte oder der gleichfalls nicht ganz leicht resümierbaren Wirkungsgeschichte des Mimesis-Buchs geführt hat. [3] Andererseits begegnet man immer wieder Stellungnahmen, die trotz des offenkundigen Interesses gleichzeitig das Gefühl eines beträchtlichen Abstands erkennen lassen, der bald als bewußte kritische Distanz, bald – und beinahe häufiger – auch als schlichte Verständnislosigkeit gegenüber einem eindrucksvollen, aber heute etwas abwegig anmutenden Projekt artikuliert wird.
Die Sammelbände können demnach – wie mir scheint – in einem doppelten Sinn aufschlußreich wirken. Natürlich darf man von ihnen in erster Linie erwarten, daß sie neue Materialien und Aspekte erschließen, die uns Auerbachs Werdegang, Schreibweise, philologische Methoden oder epistemologische Prämissen deutlicher als zuvor sichtbar machen. Dazu kommt jedoch außerdem die Möglichkeit eines anderen, indirekten Erkenntnisgewinns. Indem die Literatur- und Kulturwissenschaft der neunziger Jahre ihren Umgang mit ‚Mimesis‘ zu klären sucht, sagt sie nämlich einiges über sich selbst aus, über die stolzen Fortschritte, die sie sich gerne zuschreibt, [4] und zugleich über die – oft nur allzu evidenten – Defizite, die sie bei der Auerbach-Lektüre eher unfreiwillig an den Tag legt. In diesem Sinn verfolgt auch meine Skizze ein zweifaches Ziel. Zum einen möchte sie genauer umreißen, was eigentlich dem Mimesis-Buch den mehr oder weniger einstimmig reklamierten „Wert eines klassischen Zeugnisses“ (Wahrnehmen, S. 8) gibt. Zum anderen soll mein Überblick, eben von Auerbach und dessen problematischer Rezeption in den neunziger Jahren ausgehend, zur Reflexion der aktuellen Lage einer Wissenschaft beitragen, die – verglichen mit der Auerbachschen Situation – institutionell wie materiell sicher unendlich besser gestellt ist und dennoch gegenwärtig kaum mehr die Kompetenz besitzt, ähnliche Projekte wie das der ‚Mimesis‘ auch nur ansatzweise wiederaufzunehmen oder gar zu erneuern.
Was die heutige Literaturwissenschaft zumindest in der Version, die sie als ,normal science‘ bietet, von Auerbachs ‚Mimesis‘ trennt, zeigt sich vielleicht am deutlichsten an einem bestimmten Aufsatztypus, der vor allem in den zuletzt erschienenen Sammelbänden häufig wiederkehrt. Gemeint ist das Genre einer Studie, die ein einzelnes Kapitel des Mimesis-Buchs herausgreift, um dies Kapitel dann – gemeinhin in kritischer Absicht – mit neueren Erkenntnissen und Perspektiven zu konfrontieren. Dabei liegt nahe, daß die Abschnitte zur Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts sich hier der größten Beliebtheit erfreuen. So wird das Kapitel über Stendhal, Balzac und Flaubert beispielsweise von Jolanta Jastrzebska (‚Pour une nouvelle notion de la réalité et de sa représentation‘, Mimesis, S. 111–117) oder Svend Erik Larsen (‚Historical and Literary Sources. A Complementary View‘, Mimesis, S. 15–32) betrachtet, von Larsen sogar mit derartiger Ausschließlichkeit, daß der Blick des Betrachters nicht einmal mehr dazu kommt, nach dem Kapitel „Im Hôtel de La Mole“ auch noch das folgende Kapitel ‚Germinie Lacerteux‘ zur Kenntnis zu nehmen; umstandslos heißt es zu Beginn des Aufsatzes: „In chapter 18 of Mimesis [...] Erich Auerbach gives a detailed account of 19th Century French realism and naturalism [!]“ (Mimesis, S. 15). Isolde Schiffermüller (‚Das letzte Kapitel der Mimesis. Pathos und Erkenntnis in der Philologie Erich Auerbachs‘, Wahrnehmen, S. 264–286) überprüft den Abschnitt zu Virginia Woolf und Marcel Proust, bei dem sie sich wiederum ganz auf Woolfs Roman ‚To the Lighthouse‘ konzentriert, während Gerhard Pickerodt das Kapitel „Musikus Miller“ zu seinem Gegenstand macht, um die „deutsche Literatur“ gegen Auerbachs – meines Erachtens freilich keineswegs eindeutige oder gar entschiedene – Kritik“ zu verteidigen (‚Schiller, Goethe und die Folgen. Erich Auerbachs Kritik der deutschen Literatur‘, Wahrnehmen, S. 249–263).
Begreiflicherweise laufen solche relectures, mit denen verschiedene Spezialisten sich jeweils über ein bestimmtes ‚Mimesis‘-Kapitel beugen, in der Regel auf gewisse gravamina hinaus. Wie kaum anders zu erwarten, sind sie von durchaus unterschiedlichem Gewicht. Ziemlich läppisch wirkt z. B. Jastrzebskas ahnungslos formulierter Vorwurf, Auerbachs Interpretation habe bei den großen Realisten nicht hinlänglich die Verhältnisse der Intertextualität beachtet: „Auerbach ne se demande nul [!] part quel est le rôle du langage [...] et de la culture en tant que transmetteurs de notre connaissance sur [!] le monde naturel [?]“ (Mimesis, S. 114). [5] Etwas größere Relevanz gewinnen wohl die Bedenken Schiffermüllers, die vor dem Hintergrund neuerer Poetiken nicht müde wird zu monieren, daß in Auerbachs Sicht von ‚To the Lighthouse‘ die „Vermittlungsarbeit der Sprache“ zu kurz komme (vgl. Wahrnehmen, S. 281, 283 oder 286). Die relativ besten Argumente kann Pickerodt für seine Einwände ins Feld führen, wenn er auf die Neigung der deutschen Literatur zu einer eher indirekt-reflexiven als „gegenständlichen“ Wirklichkeitsdarstellung aufmerksam macht (vgl. Wahrnehmen, S. 257) und überdies zu Recht bemerkt, daß Auerbachs implizite Norm eines „geschichtlich-prozessualen“ Realismus [6] für dramatische Texte – wie etwa Schillers ‚Luise Millerin‘ oder Hebbels „bleischwere[s] Trauerspiel vom Tischler Anton und seiner Tochter“ [7] – von vornherein weit schwerer zu erfüllen ist als für narrative Gattungen (vgl. Wahrnehmen, S. 259).
Ungeachtet ihrer unterschiedlichen, bald mehr und bald weniger evidenten Plausibilität läßt sich nun aber nicht übersehen, daß diesen Einwänden gegen Auerbachs Einzelinterpretationen bei allen guten Gründen, über die sie partiell verfügen, etwas letztlich Inadäquates anhaftet. Inadäquat bleiben sie insofern, als sie den Interpretationen der ‚Mimesis‘ quasi automatisch einen Charakter von identitätsstiftender Essentialität zuschreiben, bei dem es dann sinnvoll erscheinen soll, die Essenz eines Textes immer wieder neu poetologisch festzulegen: vorzugsweise indem man ihn aus dem Regime der einen – etwa referentiell „gegenständlichen“ – Poetik in den Herrschaftsbereich einer anderen – etwa antireferentiell sprachorientierten – Poetik verschiebt. In Wahrheit ist es mit der langfristig innovativen Bedeutung des Mimesis-Buchs jedoch genau umgekehrt bestellt. Sie liegt nicht in einem Interpretationsmodus, der nach stabilen Textidentitäten strebt, sondern in einer Lektüretechnik, die statt Essenzen Relationen wahrnimmt, um aus den letzteren in erster Linie ein System wechselnder Differenzen abzuleiten [8] . So ist der Befund von „Bewußtseinsspiegelung und Zeitenschichtung“, den Auerbach für Woolf, Proust oder Joyce geltend macht, ja nichts, was deren Romanen substantiell zugehörig wäre, sondern lediglich eine Möglichkeit, die Differenz der verschiedenen narrativen Modernisten gegenüber dem ‚klassischen‘ Realismus auf einen (übrigens nicht leicht zu findenden) gemeinsamen Nenner zu bringen; die zeitgeschichtliche Bewegtheit des französischen Romans im Dix-Neuvième bietet sich als Kriterium an, das eine Differenzierung gegenüber der geschichtsärmeren, wenngleich ‚lebensfrömmeren‘ deutschsprachigen Erzählliteratur erlaubt; die Herausarbeitung eines „ästhetischen Realismus“ bei den Brüdern Goncourt dient dazu, ihm gegenüber die Differenz eines engagierten Realismus (Naturalismus) zu formulieren, der in Zolas ‚Germinal‘ schließlich den „Kern des sozialen Problems“, „den Kampf zwischen Industriekapital und Arbeiterklasse“, gestaltet [9] .
Ein solches Denken in unablässig modifizierten Relationen, das ‚Mimesis‘ vom ersten Kapitel an – der primär heuristisch intendierten Differenzierung eines homerischen und eines alttestamentarischen Stils – kontinuierlich prägt, ist eben das, was Auerbach in der Einleitung zu ‚Literatursprache und Publikum in der lateinischen Spätantike und im Mittelalter‘ als den „radikalen“ Relativismus oder Perspektivismus seiner Methode bezeichnet hat [10] . Mit Nachdruck wird dieser Relativismus von Auerbach als ein „historischer“ qualifiziert, und tatsächlich ist er das auch in dem Sinn, daß er, um die angestrebten Relationierungs- und Relativierungskompetenzen entfalten zu können, nicht ohne einen weiten historischen Überblick des jeweiligen Interpreten auskommt. Oder mit anderen Worten gesagt: Er verlangt gerade jene nicht-spezialistische Wissensdisposition, die von der weltweit üblich gewordenen Gliederung des philologischen Wissens nach eng umrissenen nationalliterarischen und epochenspezifischen Einheiten gegenwärtig am resolutesten negiert und vereitelt wird. [11] So hat sich in der aktuellen Literaturwissenschaft – allen anderslautenden Programmatiken zum Trotz – eine weitgehende Entwöhnung von den Techniken der Auerbachschen Textrelationierung und -relativierung vollzogen [12] , welche nicht nur deren eventuelle Fortführung zu behindern pflegt, sondern oft bereits das elementare Verständnis für die Erkenntnischancen und die – durchaus beträchtlichen – Probleme dieser Techniken unmöglich macht.
Eines solcher Probleme besteht ja in der Aufgabe, zur Relationierung historisch wie generisch manchmal weit entfernter Texte immer wieder neue Vergleichsparameter zu finden und gleichzeitig eine literaturkritische Sprache zu entwickeln, welche ihre Differenzierungen ohne aufdringliche Wertungen und zumal Denunziationen vornehmen kann. Vor allem im Hinblick auf die letztere Aufgabe hat Auerbach mittels eines Sprachgebrauchs von größter Flexibilität und Nuancierungsfähigkeit – also dem, was Scholz, der die Problematik des dialektisch vermittelnden und nicht kritisch trennenden Differenzierens bezeichnenderweise völlig ignoriert, die „Vagheit der Bildungssprache“ nennt – Außerordentliches geleistet. Indessen vermag auch die erstaunlichste begriffliche Virtuosität nicht zu garantieren, daß Auerbachs epochenübergreifende Vergleichsketten, denen die aktuelle Literaturwissenschaft – wie gesagt – entwöhnt ist, dem modernen Spezialisten, der in seiner Epoche jeweils einen substantiellen ästhetischen Wert festhalten möchte, noch nachvollziehbar oder wenigstens verständlich bleiben. Auf höchstem Niveau offenbart sich dieser perspektivische Dissens in der sehr herben Kritik, die Kevin Brownlee am zehnten Kapitel der ‚Mimesis‘ übt (‚The Ideology of Periodization: Mimesis 10 and the Late Medieval Aesthetic‘, Literary History, S. 156–175). Dabei liefert Brownlee zu Auerbachs Interpretation von Ausschnitten aus Antoine de la Sales ‚spätmittelalterlichem‘ ‚Réconfort de Madame du Fresne‘ gewiß einige wertvolle ergänzende Hinweise, die insbesondere Genus, Exempel-Charakter, Intertextualität und auktoriale Situation des schwierigen Textes betreffen. Was er Auerbach eigentlich übel nimmt, ist jedoch nicht die Existenz solcher Informationslücken, für die jeder nachgeborene Forscher im Grunde dankbar zu sein hätte, sondern die vermeintliche literarästhetische Geringschätzung der Schreibweise von Antoine de la Sale wie der Epoche insgesamt. Brownlee meint, das nach den Vorgaben Johan Huizingas gesehene späte Mittelalter stelle in Auerbachs teleologischem Geschichtsverständnis eine Art ,Tiefpunkt‘ dar: „This is a low point, a retrograde moment, in the Auerbachian schema: on the one hand, a falling away from the mimetic high point of trecento Italy (incarnated by Dante’s Commedia and Boccaccio’s Decameron); an the other hand, an inadvertent ,preparation‘ for the impending high point of the Renaissance“ (Literary History, S. 158f.). Demnach entstehe von diesem Zeitraum, der zwischen den ‚Gipfelzeiten‘ des Hochmittelalters und der Renaissance bloß als uninteressante Niederung erscheine, ein ‚verarmtes‘ Bild, das den eigenen Prämissen der Epoche nicht gerecht werde: „Auerbach’s impoverished notion of the late Middle Ages is a function (and a result) of the evolutionary period-ideology which privileges the High Middle Ages and the Renaissance. An alternative approach would attempt to define a given literary historical period an its own (often lost) terms“ (ebenda, S. 175).
Wenn man das fragliche ‚Mimesis‘-Kapitel näher – und im Original statt in Willard Trasks englischer Übersetzung [13] – untersucht, zeigt sich nun aber, daß die Dinge bei Auerbach viel komplizierter liegen und daß zumindest von einer literarästhetischen Geringschätzung des späten Mittelalters keineswegs die Rede sein kann. Überall dort, wo Brownlee kritische Abwertungen wahrzunehmen glaubt, geht es Auerbach nämlich allein um Differenzierungen. So ärgert Brownlee sich anläßlich des ‚Réconforts‘ über Auerbachs Erinnerung an den „Prunkstil der Rechts- und Staatsurkunden“: „He denigrates (Kursivierung U. S.-B.) certain characteristic features of the Réconfort’s language as ,reminiscent of the pompous style of legal and diplomatic documents‘ [...], without considering how this ,style‘ functions in that work“ (ebenda, S. 161). In Wahrheit will Auerbach indessen auf den gleichen Befund hinaus, den auch Brownlee im Sinn hat, wenn er den Sachverhalt einer „interaction between legal and literary discourses so deeply characteristic of the late Middle Ages in France“ (ebenda) betont. Der Sachverhalt wird von Auerbach lediglich mit allgemeineren geistes- und sozialgeschichtlichen Betrachtungen gedeutet, welche im „Prunkstil“ der Urkunden die prinzipielle Differenz des „Ständischen“ gegenüber dem „Humanistischen“ nachzuzeichnen suchen [14] . An der Aufdeckung stilistischer ‚flaws‘ sind solche Betrachtungen dagegen kaum primär interessiert, und tatsächlich klingt ein zentrales Fazit der Auerbachschen Analyse von Antoine de la Sales „Chronikstil“ dann auch ganz anders, als man nach Brownlees Kritik vermuten sollte: „Die Mischung von schwerem Prunk der Sprache und aufzählender Naivität in der Komposition ergibt einen Eindruck von schleppend-gewichtiger Einförmigkeit des Tempos, der nicht ohne Großartigkeit ist; es ist eine Art von hohem Stil; aber er ist ständisch, unhumanistisch, unklassisch, und durchaus mittelalterlich“ [15] . Dazu kommt, daß Auerbach ja weit davon entfernt ist, den „Humanismus“ etwa Boccaccios, dem „der Wirklichkeit des Lebens gegenüber keine konstruktiv ethische Kraft“ innewohne [16] , so zu illustrieren, wie Brownlee, der das neunte Kapitel der ‚Mimesis‘ – eben als Spezialist des zehnten Kapitels – nicht zu kennen scheint, unterstellt. Eher umgekehrt konstatiert Auerbach am Ende des Abschnitts bei Boccaccio trotz aller „Kultur der Sprache“ durchaus einen gewissen Defekt: Der „kreatürliche Ernst in der Erfahrung des Lebens“ sei dem Autor des ‚Decameron‘ fremd geworden, und eben diese „Vertiefung des Sinnlich Kreatürlichen“ habe die Realistik der französisch-burgundischen Kultur als ein „christliche[s] Erbe“ „in die Renaissance hinübergerettet“ [17] .
Das Mißverständnis relativierender Differenzierungen als kritische Abwertungen, das in Brownlees enttäuschter Lektüre des Kapitels „Madame du Chastel“ manifest wird, ist insofern exemplarisch, als es sich beinahe mit Notwendigkeit aus den herrschenden Organisationsprinzipien unserer Wissenschaft ergibt, welche Epochen wie Sprachkulturen quasi monadenhaft zu trennen und zu isolieren pflegen. Da Brownlees misreading in hohem Maße zeittypisch erscheint, bin ich etwas detaillierter auf den Fall eingegangen, weshalb es jetzt genügen mag, zwei ähnlich symptomatische Fälle nur noch stichwortartig zu erwähnen. Den einen – und besonders eklatanten – bietet in dem Sammelband aus Rio de Janeiro João Adolfo Hansen (‚Mímesis: Figura, Retórica & Imagem‘, Erich Auerbach, S. 45–77). Hansen wirft Auerbach vor, die in den frühen Kapiteln von ‚Mimesis‘ präsentierten spätantiken und frühchristlichen Texte ‚anachronistisch‘ an den Normen eines klassischen Prosastils zu messen und demzufolge ihres stilistischen Eigenwerts zu berauben. So widerfahre im Kapitel „Sicharius und Chramnesindus“ beispielsweise der Frankengeschichte des Gregor von Tours schweres hermeneutisches Unrecht: „pois a matriz transhistórica de excelência ‚clássica‘ aplicada comparativamente à sua avaliação é anacrônica, exterior às práticas do reino franco“ (ebenda, S. 56). Offenkundig hat Hansen nicht begriffen, daß die Rückverweise auf klassische Stilnormen in diesem und in anderen Kapiteln keineswegs einer kritischen Absicht dienen, sondern eine ausschließlich heuristische Funktion besitzen: Gäbe es nicht den Vergleichsmaßstab – sagen wir – ciceronianischer oder taciteischer Schreibweisen, ließe sich ein Eigenwert des Duktus der ‚Gesta Francorum‘ nämlich gar nicht erst ausmachen und identifizieren. Außerdem wird durch Auerbachs relativierende Sicht mentalitätengeschichtlich eben auch jener Stil positiviert, der von der klassischen Überlieferung am weitesten – und vielleicht am „rohesten“ – abweicht; denn zum Schluß des von Hansen inkriminierten Kapitels ereignet sich eine charakteristische dialektische Wende, wie sie dem – wenngleich diskreten – Hegelianer Auerbach teuer war: „Wenn Gregor schreibt, ist die Katastrophe geschehen, das Reich ist gestürzt, die Organisation zusammengebrochen, die antike Bildung zerstört – aber die Spannung ist gelöst, und freier, unmittelbarer, von keiner unlösbaren Aufgabe mehr bedrängt, [...] steht sein Gemüt der lebendigen Wirklichkeit gegenüber, bereit, sie lebendig zu fassen und praktisch in ihr zu wirken“ [18] .
Das andere Beispiel stammt von Brian Stock (‚Literary Realism in the Later Ancient Period‘, Literary History, S. 132–155) und betrifft ungefähr den gleichen spätantiken Bereich. Hier wird bemängelt, Auerbach habe das allegorische Schrifttum der Epoche nicht ausreichend berücksichtigt und bei Augustinus der Wirkung des Plotinischen Neoplatonismus nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt. Zweifellos ist der Kritiker Stock ein sachkundiger Experte in Sachen Augustinus; doch ob er auch Auerbach zu lesen weiß, muß man wohl mit einem Fragezeichen versehen. Einigermaßen kurios wirkt jedenfalls der folgende Vorschlag einer Korrektur von Auerbachs Interpretation der Alypius-Episode in den ‚Confessiones‘: “Alypius fails not because he lacks self-discipline, as Auerbach proposed, but because he places too much faith in it“ (ebenda, S. 152). Die „Korrektur“ ist kurios, weil sie mitnichten korrigiert, sondern genau das bestätigt, was auch Auerbach zu der Episode bemerkt, wenn er feststellt: „Alypius [...] läßt sich ohne allzu große Besorgnis familiari violentia in das Amphitheater schleppen; er verläßt sich auf seine geschlossenen Augen und auf seinen entschlossenen Willen“ [19] . Der Unterschied zwischen Stock und Auerbach liegt allenfalls in der Entschiedenheit, mit der das Mimesis-Kapitel die Niederlage von Alypius’ Selbstbewußtsein erneut in latent hegelianischer Manier als Indiz eines epochalen, ja weltgeschichtlichen Bruchs inszeniert: „Aber sein individualistisches, stolzes Selbstbewußtsein wird im Nu überrannt; und es ist nicht nur ein beliebiger Alypius, dessen Stolz, ja dessen innerstes Wesen hier niedergeschmettert wird, sondern die gesamte rational-individualistische Kultur der klassischen Antike: Plato und Aristoteles, die Stoa und Epikur“ [20] .
Wie schon in Anm. 3 vermerkt, beobachtet Herbert Lindenberger wohl mit Recht, daß Auerbachs institutionelle Kanonisierung in Anthologien literaturwissenschaftlicher oder -theoretischer Klassiker von der Schwierigkeit behindert wird, für sein Werk, das Lionel Trilling als „unique, unclassifiable“ bezeichnet (vgl. Literary History, S. 201), eine unmißverständliche Kategorie bzw. ein plakatives Markenzeichen zu finden [21] . Dieser Verlegenheit scheinen die Auerbach-Kolloquien neuerdings abhelfen zu wollen, indem sie auch dem Autor der ‚Mimesis‘ eine Art Methoden-Etikett verpassen, das zur Gewinnung von Prominenz in der intellektuellen Warenwelt unserer Gegenwart offenbar unabdingbar ist. Um das Skandalon eines Humanwissenschaftlers, der seine Anregungen mit irritierender disinvoltura ebenso bei Friedrich Meinecke wie bei Hippolyte Taine oder Karl Marx suchte, zu mindern, hat sich die Tendenz entwickelt, den Begriff der Figuraldeutung, der in Auerbachs Interpretation mittelalterlich-christlicher Texte und zumal der Danteschen ‚Commedia‘ eine zentrale Rolle spielt, gleichsam von der Objektebene auf die Beschreibungsebene der Auerbachschen Studien zu verlagern und als den Inbegriff von Auerbachs eigener und dadurch nunmehr schlagwortartig erfaßbarer Methode auszugeben.
Erstmals aufgefallen ist mir diese Tendenz in zahlreichen Beiträgen des brasilianischen Kolloquiums. Dort erscheint nicht nur Hansen überzeugt, daß Auerbach die von ihm betrachteten Texte „segundo o esquema da analogia escolástica“ analysiere (vgl. Erich Auerbach, S. 51). Die Auffassung findet sich auch in den Essays von Karlheiz Barck (‚„Figura“ e „Imagem Dialética“ [A Concepção de História de Erich Auerbach na Perspectiva de Walter Benjamin]‘, ebenda, S. 185–195, hier: S. 192) oder Luiz Costa Lima (‚Figura e Evento‘, ebenda, S. 219–229, hier: S. 222) wieder und wird besonders explizit von Walter Bruno Berg vertreten (‚Figura – Modelo para armar outra história? [Reflexões acerca da utilização do conceito em Auerbach e Cortázar]‘, ebenda, S. 15–26, hier: S. 19f.). Dabei hält Berg sich an einen Aufsatz von Timothy Bathi [22] , der in Auerbach einen Literarhistoriker erblicken möchte, welcher das typologische Denken des Mittelalters keineswegs bloß thematisiere, sondern selber praktiziere, indem er beispielsweise Dante als ein!e Art ‚Figura‘ und Flaubert als die schließliche ,Erfüllung‘, gleichsam als ‚Implementum‘ der ‚Figura‘ Dante entwerfe. Für meinen Geschmack ist das eine außerordentlich gezwungene, um nicht zu sagen: an den Haaren herbeigezogene These; denn zum einen bleibt ja völlig im Unklaren, welche „göttliche Vorsehung“ in der für typologisches Denken konstitutiven vertikalen Dimension die literarhistorische Erfüllung dieser Figuralstruktur zu garantieren vermöchte; zum anderen wäre das Werk Flauberts, dem Auerbach im Grunde mit starken Reserven begegnet [23] und das in der Komposition von ‚Mimesis‘ auch keineswegs eine zentrale Position besetzt, in Anbetracht der ebenso prononcierten Monumentalisierung Dantes ein ,Implementum‘, das seine ‚Figura‘ nicht – wie das Schema es vorsieht – steigern, sondern nach Auerbachs Maßstäben traurig enttäuschen würde.
Trotzdem hat die forcierte Verwechslung von Gegenstand und Methode des ‚Mimesis‘-Buchs, für die Bathi dekonstruktivistisch und andere Autoren eher kontinuitätsideologisch plädieren [24] , Erfolg gehabt, wie sich speziell den Marburger Kongreßakten entnehmen läßt. Sie demonstrieren zu meiner nicht geringen Überraschung, daß die Identifikation von Auerbachs Methode in der Figuraldeutung inzwischen quasi zur communis opinio avanciert ist. So behauptet der Herausgeber Walter Busch (‚Geschichte und Zeitlichkeit in Mimesis. Probleme der Vico-Rezeption Erich Auerbachs‘, Wahrnehmen, S. 85–121, hier: S. 121), und zwar gewissermaßen als Fazit seines Artikels: „Die figurale Deutung der Geschichte und der Dauer des menschlichen Lebens ist, so scheint es, die geheime Grundlage, die Auerbachs gesamtes philologisches Werk trägt und motiviert“. Selbst in dem sonst bestens informierten Essay von Claus Uhlig (‚Erich Auerbach: Ein Geschichtstheoretiker?‘, ebenda, S. 63–84, hier: S. 74) wird Geoffrey Greens analoge Auffassung von „Auerbachs Festhalten an einer Theorie der Geschichte, die auf dem typologischen System basiert und als ein Garant judäochristlicher Kontinuität fungiert“, nicht nur referiert, sondern nachdrücklich bestätigt und durch den Vorschlag ergänzt: „In diesem Zusammenhang könnte man vielleicht des weiteren nahelegen, daß figura und Typologie in Auerbachs Leben dieselbe Funktion erfüllten wie die berühmten topoi der klassischen Rhetorik für Curtius in seiner Vision historischer Kontinuität, die durch ‚Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter‘ (1948) dargeboten wird, und das insbesondere, wenn man die Hingabe der beiden Gelehrten an die Idee der europäischen Kultureinheit bedenkt“. Danach kommt es dann insofern zu einer unfreiwillig ironischen Pointe, als Uhlig an dieser „panchronistische[n] Konzeption“, die in der Tat „zur Destruktion der Geschichte als eines Prozesses“ führen müßte, wenig später auch wieder Anstoß nimmt, das heißt: mit plötzlicher Kehrtwendung eine Geschichtstheorie kritisiert, die er selber Auerbach allererst unterstellt hat: „Dadurch, daß er [Auerbach, U. S.-B.] die Bereiche profaner und heiliger Geschichte miteinander vermischt, mag wohl ein Dante, nicht ungleich Gott selbst, in der Lage sein, über alle Geschichte zu richten, aber wenn Auerbach, Jahrhunderte später, mit offenkundiger Sympathie diese Sicht der Welt teilt, dann scheint er als ein irdisches menschliches Wesen, das gewiß nicht den Sitz des Schiedsrichters Providenz einnimmt, den Überzeugungen eines unhistorischen Existentialismus viel näher zu sein als jenen eines theoretisch wohlbegründeten Historismus“ (ebenda, S. 75).
Demgegenüber fallen Auerbachs eigene Stellungnahmen zum Phänomen der Figuraldeutung alias Typologie ganz anders aus und sind überdies, da es hier um einen Sachverhalt von fundamentaler theoretischer Relevanz geht, nicht einmal in Ansätzen ambivalent, sondern bemerkenswert eindeutig formuliert. Was Auerbach für die Figuraldeutung interessiert hat, war ja weniger ein ideologisches Anliegen, wie man es ihm heute etwa in Gestalt der „europäischen Kultureinheit“ gerne zuschreibt. Den Ausgangspunkt des Interesses bildete vielmehr ein höchst konkretes Problem des Dante-Verständnisses: die Frage nämlich, wie es Dante gelingen konnte, in die eigentlich geschichtslose Welt der Jenseitsreiche gleichwohl eine bestürzende Fülle geschichtlicher irdischer Wirklichkeit zu integrieren. Für diese in der Tat erstaunliche Integrationsleistung schien Auerbach die – dagegen von Curtius hervorgehobene [25] – Tradition des mittelalterlichen Allegorismus von der ‚Psychomachia‘ des Prudentius bis zum ‚Anticlaudianus‘ des Alain de Lille (Alanus ab Insulis) wegen ihres allzu „abstrakten“ Charakters eine bloß in Einzelheiten befriedigende, im ganzen aber nicht hinreichende Voraussetzung zu sein. Die Alternative zur Allegorie sah er statt dessen aufgrund ihres konkreten innergeschichtlichen Verweisungssystems in der typologischen Figuralstruktur. [26]
Deshalb hat Auerbach stets größten Wert darauf gelegt, das typologische Denken, das für ihn in Dantes ‚Commedia‘ kulminiert, als ein historisch strikt begrenztes Phänomen zu beschreiben [27] und gegenüber zwei anderen Auffassungen deutlich abzugrenzen. Die Abgrenzungen des „innergeschichtlichen und realen Charakters der Typologie“ gelten – wie Auerbach in einem späten Resümee festhält [28] – einerseits der „abstrakten Allegorie“, andererseits, und zwar expressis verbis, der „modernen Geschichtsauffassung“, deren „Entwicklungsvorstellungen“ im Unterschied zur mittelalterlichen Figuraldeutung selbstverständlich Auerbachs eigene – eben historistisch relativierende – epistemologische Perspektive konstituieren. Wäre das anders, hätte Auerbach gerade das Dante-Kapitel der ‚Mimesis‘ schlicht nicht verfassen können. Bei diesem Kapitel handelt es sich nämlich nicht einfach um die Herausarbeitung eines besonders grandiosen Beispiels für die typologische Geschichtskonzeption, deren Begriff zunächst bei Augustinus eingeführt wurde, um zu zeigen, wie sie das „klassisch-antike Wesen“ „bis in die Struktur seiner Sprache hinein“ ‚zerstören‘ mußte. [29] Die Pointe des Kapitels besteht vielmehr darin, daß die figurale Sicht der Welt in Dantes ‚Commedia‘ zugleich kulminiert und an ihr quasi geschichtsphilosophisch modelliertes Ende gelangt; denn – wie Auerbach wieder unverkennbar hegelianisch formuliert – „Dantes Werk verwirklichte das christlich-figurale Wesen des Menschen und zerstörte es in der Verwirklichung selbst; der gewaltige Rahmen zerbrach durch die Übermacht der Bilder, die er umspannte“ [30] . Damit ist natürlich nicht gesagt, nach Dante könne es auch empirisch schlechterdings kein typologisches Denken mehr geben: Dem steht beispielsweise die kompakte Wiederkehr einer „figural-christlichen Geschehensauffassung“ im spanischen Barock, insbesondere in Calderóns Autos sacramentales, entgegen. Wesentlich erscheint jedoch, daß solche Restaurationen eines mittelalterlichen Analogismus auf keinen Fall zu den Hauptlinien der Entwicklung gehören, die Auerbachs ‚Mimesis‘ entwirft. In der Tat bildet dann eine der entscheidenden Voraussetzungen, welche Auerbach für das Werk Shakespeares nennt, eben das allmähliche Verblassen der Figuraldeutung, die also nicht einmal auf der Objektebene den Charakter epochenübergreifender Permanenz gewinnt: „Im Laufe des 16. Jahrhunderts [...] lockerte sich die christlich-figurale Rahmenvorstellung fast überall in Europa; der Ausgang zum Jenseits, obwohl nur selten völlig aufgegeben, verlor an Sicherheit und Eindeutigkeit; und zugleich traten die antiken Vorbilder (zunächst Seneca, dann auch die Griechen) und die antike Theorie wieder ungetrübt vor die Augen“ [31] .
Das Mißverständnis, das den mittelalterlichen Sachverhalt der Figuraldeutung mit dem Inbegriff von Auerbachs eigener Methode verwechselt, auszuräumen, ist im Hinblick auf die Struktur des ‚Mimesis‘-Buchs – wie ich noch hinzufügen möchte – weitaus mehr als eine interpretative Quisquilie. Sobald Auerbach als ein Historiker erscheint, der die gesamte Geschichte dem „typologischen System“ unterwirft, wird er nämlich zu einem Denker der Kontinuität stilisiert, und es wirkt außerordentlich bezeichnend, daß Uhlig ihn in dieser Hinsicht ausdrücklich neben Curtius stellt (vgl. Wahrnehmen, S. 74). [32] In Wahrheit verhält es sich mit dem Geschichtsbild der ‚Mimesis‘ jedoch auf pointierte Weise umgekehrt. Dabei sah einst schon Leo Spitzer die Dinge genauer, wenn er in seinem Habilitationsgutachten über ‚Dante als Dichter der irdischen Welt‘ unter den Auerbachschen Verdiensten vor allem den „erschütternd dramatisch gezeichneten Widerstreit der Bildungsmächte“ betonte. [33] Tatsächlich erweist Auerbach sich im idealtypischen Gegensatz zu Curtius, dem Visionär der abendländischen Konstanten, [34] als ein Denker des „Widerstreits der Bildungsmächte“, und besonders eklatant kommt das gerade in den von mir zitierten Abschnitten zur figuralen Geschichtskonzeption zum Ausdruck. Wie er den Begriff einführt, hält Auerbach fest, daß er das klassisch-antike Wesen „bis in die Struktur seiner Sprache hinein“ ,zerstört‘; wie er das christlich-figurale Wesen im Werk Dantes kulminieren läßt, nimmt er aufs neue ,Zerstörung‘ wahr, welche dialektisch aus einem Übermaß an Verwirklichung resultiert. Man mag das ideologisch begrüßen oder nicht; doch sollte man nicht verdrängen, daß Auerbach, trotz aller generösen Wertschätzung, die er Curtius’ „sehr notwendige[n] und vorzüglich angelegte[n] Arbeiten“ entgegenbrachte, [35] in einem prononcierten Sinn letztlich dessen Antipode war: Jedenfalls lebt sein Hauptwerk – anders als ‚Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter‘ – weit weniger von einer Insistenz auf Kontinuitäten als von einem Pathos der Konflikte und Brüche.
Mit der Hypostasierung der Figuraldeutung mag indessen noch ein weiteres Phänomen zusammenhängen, das in den Sammelbänden auffällt. Ich meine den Eifer, den diverse Interpreten daran setzen, in ‚Mimesis‘ möglichst viele – und eben „figurale“ – Bezüge zu Auerbachs zeitgeschichtlicher Aktualität ausfindig zu machen. Ingeniös, aber keineswegs überzeugend wirkt diesbezüglich etwa der Beitrag von Seth Lerer (‚Philology and Collaboration: The Case of Adam and Eve‘, Literary History, S. 78–91), der die Interpretation einer Szene des ‚Mystère d’Adam‘, welche Auerbach im siebten Kapitel ‚Adam und Eva‘ präsentiert, als eine Allegorie der französischen Kollaboration mit den deutschen Besatzern liest. Auch hier zeigt sich im übrigen der Marburger Band, dem vor allem das „politisch Situationsbewußte in Auerbachs Schreiben“ (Wahrnehmen, S. 8) am Herzen liegt, wieder besonders engagiert. So wird Earl Jeffrey Richards (‚Erich Auerbach und Ernst Robert Curtius: Der unterbrochene oder der verpaßte Dialog?‘, ebenda, S. 31–62) nicht müde, ‚Mimesis‘ nach Antworten „auf den Holocaust“ (ebenda, S. 35), „die europäische Katastrophe“ (ebenda, S. 39) oder „das Aufkommen des Nationalsozialismus“ (ebenda, S. 41) abzusuchen, während Gert Mattenklott (‚Erich Auerbach in den deutsch-jüdischen Verhältnissen‘, ebenda, S. 15–30) Auerbach ganz aus dem Kontext seiner jüdischen Herkunft verstehen möchte.
Nun fördert der unpedantische Stilcharakter der ‚Mimesis‘, den Lerer treffend durch das spannungsreiche Verhältnis „between the scholarly and the colloquial“ kennzeichnet (vgl. Literary History, S. 91), zweifellos die Neigung, gelegentliche Hinweise auf Auerbachs Gegenwart in den Gang der Darstellung einfließen zu lassen. Diese Hinweise sind jedoch zum einen weniger zahlreich, als man nach der Lektüre des Marburger Sammelbands vermuten könnte, und zum anderen ermangeln sie völlig des exaltiert apokalyptischen Tons, den die Sprachregelungen der neunziger Jahre für eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der dreißiger Jahre gleichsam zur diskursiven Pflicht gemacht haben. So spricht Auerbach anläßlich von Tacitus’ konservativ-aristokratischer Gesinnung einmal von der „Rücksicht“, die „in der jüngst vergangenen Epoche“ auch der „konservativste Politiker“ „auf die politischen Problemstellungen seiner sozialistischen Gegner“ nehmen muß. [36] Bei einer „absichtlich provozierte[n] [...] Soldatenerhebung“, die Ammian schildert, erinnert er an jenen Typus von „Massendemonstration, wie wir sie aus der neuesten Geschichte allzu gut kennen“ [37] . Im letzten ‚Mimesis‘-Kapitel ist von der Tendenz zur „Sektenbildung“ die Rede, welche den „Fascismus“ in den „alten Kulturländern Europas“ untergründig vorbereitet habe. [38] Sogar die oft erwähnte Distinktion von Sage und Geschichte im ersten ‚Mimesis‘-Kapitel hat einen anderen Sinn, als ihr gemeinhin unterstellt wird; denn selbst bei dem Thema des „Nationalsozialismus“ und des „gegenwärtigen Krieges“ insistiert Auerbach keineswegs auf der Eindeutigkeit der Werte, die sich hier konfrontieren, sondern vermerkt mit erstaunlicher Diskretion und Distanziertheit: „bei allen Beteiligten sind die Motive so vielschichtig, daß die Schlagworte der Propaganda nur durch roheste Vereinfachung zustande kommen – was zur Folge hat, daß Freund und Feind vielfach die gleichen verwenden können“ [39] . Am explizitesten tritt der Bezug zur Gegenwart hervor, wie Auerbach, von der „Scheinwerfertechnik“ Voltaires ausgehend, die politische „Propagandatechnik“ und deren Verführungskraft, für die es „Beispiele genug aus der jüngsten Vergangenheit“ gebe, anspricht. [40] Freilich wird dieser Passus in den Sammelbänden kaum einmal zitiert, da er heutigen Lesern wegen der Parallele, die hier zwischen aufklärerischer und faschistischer Propaganda gezogen wird, ideologisch offensichtlich unerwünscht erscheint. [41]
Läßt man die verschiedenen Referenzen auf Aktuelles, die in ‚Mimesis‘ eingestreut sind, Revue passieren, ergibt sich insgesamt ein Bild, das von dem Eindruck, den insbesondere der Marburger Band zu vermitteln sucht, wesentlich divergiert. Charakteristisch für Auerbach erscheint dann weniger eine intensive Präokkupation mit der Katastrophengeschichte, deren Zeuge und Opfer er war, als vielmehr der – schwer erklärliche – Habitus einer „Gelassenheit“, den Hans Ulrich Gumbrecht unter den Titeln von ‚Auerbach’s Composure‘ oder ‚Auerbach’s Fascination‘ (Literary History, S. 17–25) hellsichtig erfaßt hat. [42] Ob sie – wie Gumbrecht meint – „at the price of political short-sightedness“ (ebenda, S. 25) erworben wurde, möchte ich bezweifeln; für die literarhistorische und kulturgeschichtliche Scharfsicht des ‚Mimesis‘-Buchs hat sich Auerbachs Entschlossenheit, den desaströsen Erfahrungen der Epoche psychisch nicht nachzugeben und ihnen eben keine absolute Macht über seine Thematik zuzugestehen, dagegen ohne Zweifel vorteilhaft ausgewirkt. Ähnlich steht es wohl auch mit der „Hervorhebung von Auerbachs Judentum“ (Wahrnehmen, S. 26), welche Mattenklott meines Erachtens ebenso forciert [43] wie Auerbachs – allenfalls durch die Marburger Präsenz von Max Kommerell belegbare – Nähe zum George-Kreis (vgl. ebenda, S. 19f.) [44] . Ansonsten bildet Mattenklotts Beitrag ein echtes Kuriosum, da er über Auerbachs Werk kaum eine Aussage enthält, die man nicht in ihr Gegenteil korrigieren müßte.
Das betrifft unter anderem die Behauptungen vom „Ethos konsequenter Diesseitigkeit“ (ebenda, S. 18), das Auerbachs Präferenz für die Tradition „christlicher Stilmischung“ widerspricht, von der normativen Geltung eines „poetische[n] Realismus“ (ebenda, S. 28), unter dem dann die gewöhnlich anders kategorisierten Romane Balzacs oder Zolas zu verstehen wären, oder von der Neigung zur italienischen – statt zur französischen – Literatur, und zwar insbesondere zu den „Universalisten“ Ariost oder Tasso (ebenda, S. 24f.), die in ‚Mimesis‘ – dem Thema entsprechend – indes überhaupt keine Rolle spielen. Eklatant falsch ist gleichfalls die These, welche Auerbach eine „klassizistische Option“ und eine „Entscheidung für die Repräsentation der Wirklichkeit in den konventionellen Formen“ nachsagt (vgl. ebenda, S. 29). Wenn man bei Auerbach eine „Option“ ausmachen wollte, müßte es sich nämlich – der tendenziellen Abwertung aller stiltrennenden Poetiken zufolge – um eine entschieden anti-klassizistische handeln. Eine solche Option läßt ja auch die Auswahl der interpretierten Texte erkennen, welche sich in ‚Mimesis‘‚ gerade nicht an die „konventionellen Formen“ hält, sondern vom Buch ‚Genesis‘ über die ‚Gesta Francorum‘ des Gregor von Tours, mittelalterliche Mysterienspiele, Briefe des Bernhard von Clairvaux oder Franz von Assisi bis hin zu Saint-Simons ‚Mémoires‘ das literarisch Unkonventionelle und nicht unbedingt gattungsmäßig Geformte bevorzugt. Am widersinnigsten ist vielleicht, wenn Mattenklott bei Auerbach eine Furcht vor den „neuen Literatursprachen und Literaturen“ vermutet, durch welche „der Alteuropäer ‚die Romania‘ bedroht“ sehe (vgl. ebenda, S. 25), und ihm gleichzeitig Sympathien für die „Idee einer Weltsprache“ zuschreibt (vgl. ebenda, S. 28). Dagegen zeigt der wichtige späte Aufsatz ‚Philologie der Weltliteratur‘, daß Auerbach, der tatsächlich nach Michael Holquists Formulierung „a subtle opponent of all homogenizing forces“ (Literary History, S. 7) war, den Gedanken an die Hegemonie einer einzigen Literatursprache „auf einer einheitlich organisierten Erde“ nicht mit Sympathie, sondern mit abgrundtiefer Trauer ins Auge gefaßt hat. [45] Und bedroht sah Auerbach von der weltweiten „Standardisierung“, die er teils „nach europäisch-amerikanischem“, teils „nach russisch-bolschewistischem Muster“ wahrzunehmen meinte, auch weniger die „alteuropäischen“ Kulturen der „Romania“ als vielmehr jene „islamischen, [...] indischen oder [...] chinesischen Traditionen“, welche angesichts einer doppelten imperialistischen Standardisierung auf den Status von „Substraten“ zurückzufallen schienen. [46]
An dieser Stelle mag noch eine Bemerkung über Auerbachs Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen angebracht sein. Bekanntlich bleibt die deutschsprachige Literatur in ‚Mimesis‘ ja eine eher marginale Erscheinung, was Pickerodt nicht zuletzt aus Auerbachs lebensgeschichtlichen Enttäuschungen erklärt: „Daß dabei [gemeint ist: der „Fortgang realistischer europäischer Literaturentwicklung von Homer bis Proust und Joyce“] der deutschen Literatur kein allzu großes Gewicht zufiel, darf gewiß auch als Reaktion auf die rassistisch begründete Großmannssucht der bücher- und menschenverbrennenden deutschen Kulturbarbaren gelten“ (Wahrnehmen, S. 249). Nach dem Konsens der neunziger Jahre ist das sicher ein tadelloser Satz; doch wirkt er gleichwohl irreführend, wenn durch ihn speziell Auerbachs Perspektive bezeichnet werden soll. Was Pickerodt übersieht, ist der Umstand, daß die beklagte (oder begrüßte) kritische Marginalisierung sich im Grunde gar nicht auf die deutschsprachige Literatur an sich, sondern genaugenommen lediglich auf deren sozial- und politikgeschichtliche Voraussetzungen bezieht. Was die deutschsprachige Literatur selbst angeht, spart Auerbach durchaus nicht mit Lob etwa für Stifter oder Gottfried Keller, bei denen „eine so innige Lebensfrömmigkeit und eine Reinheit der Anschauung vom menschlichen Beruf“ herrsche, „wie sie in Frankreich nirgends anzutreffen“ seien. [47] Das Defizit sieht er dagegen in den zersplitterten kleinstaatlichen Verhältnissen, die im deutschen Sprachraum vor 1871 „keine Gegenstände“ hergaben „für eine so allgemeinnationale, materiell moderne, das sich formende Schicksal der ganzen europäischen Gesellschaft analysierende Realistik wie es die französische war“ [48] .
Ganz ähnlich ist die thematisch zentrale Synkrisis zwischen Goethe und dem Erzrealisten Stendhal angelegt. Von der Person des letzteren, einer „nicht eigentlich [...] große[n] Figur“, zeichnet Auerbach ja ein keineswegs besonders freundlich intendiertes Porträt, [49] während es für ihn an Goethes Größe wenigstens prinzipiell keine Zweifel gibt. Bedauerlich findet er allein Goethes Distanz zu der „sich bildenden modernen Struktur des Lebens“. Zu ihr rechnet Auerbach mit einer Wendung, die den durchschnittlichen Leser der neunziger Jahre einigermaßen überraschen dürfte, nicht zuletzt den Umstand, daß Goethe „auch dem politischen Patriotismus [...] fernstand“: ein Umstand, der eben nicht nach später üblich gewordenen Auffassungen gelobt, sondern diskret bemängelt wird, da Auerbach der Überzeugung ist, daß der politische Patriotismus „unter glücklicheren Umständen gerade damals eine Vereinheitlichung des gesellschaftlichen Zustands in Deutschland hätte herbeiführen können“. Und weiter: „wenn dies damals geschehen wäre, so hätte sich vielleicht auch die Anpassung Deutschlands an die werdende neue Wirklichkeit Europas und der Erde ruhiger vorbereiten, freier von Unsicherheit und Gewaltsamkeit gestalten lassen“ [50] .
Demnach läßt sich nicht ohne Verwunderung konstatieren, daß Auerbachs Verhältnis zu Deutschland selbst während der Emigration und selbst nach dem Zweiten Weltkrieg durch Züge eines so ‚gelassenen‘ wie maßvoll herzlichen Patriotismus bestimmt geblieben ist. [51] Wer paradoxale Sachverhalte liebt, könnte vielleicht auf den entschieden undeutschen Charakter eines solchen Patriotismus hinweisen, welcher sich den verbreiteteren Attitüden der grenzenlosen Hybris und der – kaum erfreulicheren – beflissenen Autodenunziation gleichermaßen entzieht. Und möglicherweise liegt ja auch gerade in der ruhigen Unbeirrbarkeit, mit der Auerbach noch in seinem nachgelassenen letzten Buch am Erbe der „deutsche[n] Romanistik“ und ihrer Herkunft aus dem ebenso deutschen „romantischen Historismus“ festhält [52] , eine der keineswegs nebensächlichen Prämissen für die alles im engeren Sinn Nationale transzendierenden Qualitäten des ‚Mimesis‘-Buchs.
Damit sind wir beim letzten – und kürzesten – Punkt unserer Übersicht angelangt: dem Versuch zu erklären, was eigentlich die singuläre Vorzüglichkeit der Auerbachschen ‚Mimesis‘ ausmacht. Hier wäre auf der Ebene der epistemologischen Voraussetzungen wohl zunächst klarzustellen, daß der von Auerbach immer wieder reklamierte (romantische) Historismus mit unverkennbar hegelianischen Elementen vermischt ist. Dem ersteren verdankt Auerbach die Weite des Blicks und zugleich den Respekt vor der jeweiligen Autonomie der Texte und Epochen, die er behandelt. Von den letzteren, die weniger nachdrücklich hervorgehoben werden, hat er neben dem Sinn für epochale Brüche und dialektische Umschwünge offenkundig die Energie des „emplotment“ (Hayden White) übernommen, das die Geschichte der ‚Mimesis‘ strukturiert. Dabei kann die besondere Art dieses „emplotment“ als der eigentliche Glücksfall des Auerbachschen Hauptwerks gelten. Bekanntlich besteht es – auf seine Grundzüge reduziert – aus zwei Motiven: zum einen dem Widerstreit stilmischender und stiltrennender Poetiken, zum anderen der Herausbildung eines umfassenden, das Politische, Soziale und Ökonomische einschließenden historischen Bewußtseins. Eine Trouvaille sind die beiden Motive nun nicht schon deshalb, weil sie treffende interpretative Einsichten gestatten; wichtiger noch erscheint mir ihr Status sozusagen mittlerer Stringenz, das heißt: der Umstand, daß sie geschichtliche Abläufe in longues durées zu gliedern vermögen, ohne doch dem Einzelnen und Besonderen, das ihrer gliedernden Kraft unterliegt, etwa à la Lukács kategoriale Gewalt antun zu müssen.
Freilich wäre die spannungsreiche und doch harmonische Architektur der ‚Mimesis‘ nichts ohne die Fülle und Varietät der in ihr aufgehobenen künstlerischen Details. Bei ihnen lassen sich vor allem zwei Genera unterscheiden, in denen Auerbach exzelliert. Es sind das einerseits seine Stilanalysen, andererseits seine – gemeinhin weniger beachteten – Porträts verschiedener Autorenfiguren. Was die Stilanalysen betrifft, steht Auerbach mit ihnen bemerkenswerterweise nicht unbedingt in einer speziell romanistischen Tradition, gewiß nicht in der seines nominellen Lehrers Erhard Lommatzsch und auch kaum in der seines großzügig spekulierenden Habilitationsvaters Leo Spitzer. In dieser Hinsicht hat Frank-Rutger Hausmann (‚Michel de Montaigne, Erich Auerbachs Mimesis und Erich Auerbachs literaturwissenschaftliche Methode‘, Wahrnehmen, S. 224–237, hier: S. 236) recht, wenn er Auerbach einmal als eine „romanistische proles sine patre creata“ bezeichnet. Bedenkt man dagegen, daß Auerbachs stilanalytische Kunst sich am reichsten bei den lateinischen Texten der Anfangskapitel entfaltet und daß sie mit auffälliger Konstanz stets von der Beobachtung syntaktischer Eigentümlichkeiten ausgeht, wird hinter der romanistischen eine gleichsam ältere und tiefere Schicht von Auerbachs akademischer Ausbildung sichtbar. Sie besteht in der altphilologischen Lehre Eduard Nordens, die für Auerbach ebenso produktiv geworden sein dürfte wie jene seines philosophischen Lehrers Ernst Troeltsch, von dem er Anregungen für die frühe Beschäftigung mit Giambattista Vico empfing [53] . Ich vermute sogar, daß Nordens seinerzeit – das heißt: 1898 – epochemachende ‚Antike Kunstprosa‘ zumindest in bezug auf die stilanalytische Komponente als der schlechthin entscheidende methodologische Subtext der ‚Mimesis‘ gewirkt hat. Dabei ist Nordens stilgeschichtliche Bestandsaufnahme für Auerbach wohl um so hilfreicher gewesen, je konsequenter sie von ihm ihrer normativen klassizistischen Implikationen, die der streitbarere Curtius mitunter noch ausdrücklich kritisierte, [54] mehr oder weniger stillschweigend entkleidet wurde. Derart hat sie in erster Linie als eine Art heuristisches Repertorium gedient, vor dessen Hintergrund es Auerbach gelang, sein nicht länger normativ gebundenes Augenmerk von Anfang an konzentriert auf das jeweils Neue, das Unklassische und den Bruch der Konventionen zu richten.
Mit der Kunst des Porträtierens geht Auerbach auf eine noch weitaus ältere Tradition zurück, die sich im wesentlichen von der französischen Moralistik herleitet. In ihr spielen für Auerbach sowohl Montaigne wie La Bruyère eine Rolle; doch kommt die zentrale Modellfunktion hier zweifellos dem Duc de Saint-Simon zu, also jenem Autor, der in ‚Mimesis‘ neben Dante vielleicht mit dem größten Enthusiasmus präsentiert wird. Dabei sind die Motive, die Auerbach für Saint-Simons Memoiren begeistert haben, vielfältiger Art. Saint-Simon ist Auerbach willkommen, weil sein Werk in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen „Gegensatz zu dem elegant geformten und begrenzten Stil der Zeitgenossen“ verkörpert, weil er das alltägliche Hofgeschehen vollkommen ernsthaft, ja tragisch erfaßt und weil er „aus dem beliebig Einzelnen, Unausgewählten, oft bis zum Absurden Persönlichen und Parteiischen unversehens in die Tiefe der menschlichen Existenz hinabstößt“ [55] . Die konkret bedeutendste Qualität von Saint-Simons Schreibweise hat Auerbach jedoch offenbar in ihrer Faszination durch das Widersprüchliche und in ihrer Resistenz gegen jegliche – und zumal die ‚klassische‘ – Neigung zu umstandslosen begrifflichen Kategorisierungen erblickt.
Ein solcher Stil ermangelt – wie Auerbach betont – vorgegebener ästhetischer oder ethischer Ordnungsvorstellungen und erreicht eben deswegen die „profondeurs opaques“ der jeweils geschilderten individuellen Existenz. Als ein charakteristisches schriftstellerisches Mittel, das für diesen Zweck eingesetzt wird, betrachtet Auerbach insbesondere jenen Typus fließend koordinierter Periodenbildungen, in die „lauter Sinnantithesen eingeschlossen sind“ [56] , obwohl sie keine oder nur wenige syntaktische Formen enthalten, welche Gegensatz oder Einschränkung offen anzeigen. Es ist das nun ein Perioden- und Darstellungstyp, den Auerbach – selbstverständlich mit beträchtlichen Abmilderungen, das heißt: einer relativen Zunahme syntaktisch-argumentativer Gliederungssignale – von Saint-Simon gerade in seinen Autorenporträts immer wieder übernommen hat. Dafür soll hier nur ein einziges Beispiel, das bereits erwähnte Porträt Stendhals, zitiert werden, in dem es von Beyle-Stendhals in der Tat schwer faßbarem Charakter mit ebenso verblüffend vielschichtigen Wendungen heißt:
Seine Gedanken sind oft energisch und genial, aber sprunghaft, willkürlich vorgebracht und trotz aller paradierenden Kühnheit ohne innere Sicherheit und Fügung; sein ganzes Wesen hat etwas Brüchiges; der Wechsel zwischen realistischer Offenheit im ganzen und albernem Versteckspiel im einzelnen, zwischen kalter Selbstbeherrschung, schwärmerisch-genießender Hingabe ans Sinnliche und unsicherer, zuweilen sentimentaler Eitelkeit ist nicht immer leicht zu ertragen; seine sprachliche Gestaltung ist sehr eindrucksvoll und unverwechselbar originell, aber kurzatmig, ungleichmäßig geglückt, ihren Gegenstand nur selten ganz ergreifend und festhaltend. [57]
Ganz im Sinn Saint-Simons – und durchaus im Gegensatz zu sonstigen literaturwissenschaftlichen Gepflogenheiten – wirkt dies Bild alles andere als idealisierend; aber es ist scharf und gleichsam existentiell gesehen, ebenso wie das abschließende, eher dem historischen Plot verpflichtete Fazit, das Auerbach seinem Porträt dann entgegenhält:
Aber gerade so, wie er war, bot er sich dem Moment; die Umstände ergriffen ihn, warfen ihn umher, legten ihm ein esigentümliches [sic], unerwartetes Geschick auf; sie formten ihn so, daß er gezwungen war, sich mit der Wirklichkeit auf eine Weise auseinanderzusetzen, wie niemand zuvor. [58]
In solchen Sätzen gelangt die unbändige Differenzierungs- und Distinktionslust, die Auerbach beherrscht, gewissermaßen zu ihrem konzentriertesten Ausdruck. Daher scheint sich diese Saint-Simonsche Manier, in der die Widersprüchlichkeit der Erscheinungen nicht erst durch weitere diskursive Zusammenhänge, sondern schon durch die Aperçus im Rahmen einzelner Perioden manifest wird, für Auerbach geradezu in einen Habitus verwandelt zu haben. Jedenfalls pflegt er ihn nicht nur in seinen – wenn man so will – offiziellen essayistischen Schriften, sondern gleichfalls in der Privatkorrespondenz. So schreibt er 1948 über das Pennsylvania State College:
Die Landschaft ist bezaubernd, die Leute, insbesondere die Kollegen, zwar nicht eigentlich interessant, aber menschlich sehr sympathisch; die Studenten vergnügt, sehr gutartig, optimistisch, furcht- und komplexlos, formlos, dabei taktvoll, und sehr unwissend. [59]
Vielleicht noch symptomatischer erscheint ein Passus vom 5. 1. 1932, in dem Auerbach sich seiner Schwierigkeiten beim Verfassen einer Rezension über Spitzers ‚Stilstudien‘ bewußt zu werden versucht:
Überhaupt ist Sp. unbequem. Wenn er ein Stück Text in die Hand nimmt, wird es lebendig, und man sieht plötzlich Sachen, die man nie gesehen hat, und man ist entzückt. Dann kommt aber Sp., unruhig, masslos, ohne Steuer, auf dem grossen Meer der Emotionen, oft genug an der Hauptsache vorbeiredend, von den dümmsten Modeworten gefangen genommen, und ärgert einen schrecklich. Und man setzt sich hin und will schimpfen. Und dann überlegt man sich: erstens, wieviel man gelernt hat – zweitens, dass man doch nicht in das Horn der fühllosen Wichtigtuer tuten kann, die gewöhnlich auf Sp. schimpfen. Kurz, es ist schwierig. [60]
Dabei mag dieser Habitus der extrem gedrängten Wahrnehmung und Rufreihung von Widersprüchen, für sich selbst genommen, nicht einmal etwas Extraordinäres darstellen. Ungewöhnlich ist er dagegen im Zusammenhang mit der zeitenübergreifenden hegelianischen Kraft zur Synthese, welche das Mimesis-Buch ja ebenfalls prägt: eine coincidentia oppositorum, die offenkundig auch dann nicht aufhört, zu faszinieren und zu provozieren, wenn manche Einzelheiten des Auerbachschen Werks vor dem Fortschritt der – allerdings kaum noch miteinander kommunizierenden – Spezialforschungen unvermeidlich zu verblassen beginnen.
1 Vgl. zu diesem Band meine Rezension in: Sprachkunst 27 (1996), S. 194–201.
2 Eine ausführlichere kritische Besprechung, die ich speziell zum letztgenannten Band verfaßt habe, erscheint in: Romanische Forschungen 111 (1999).
3 Erwähnenswert sind in dieser Hinsicht vor allem einige Beiträge des Stanforder Sammelbands, der überhaupt mit Abstand das niveauvollste Opus in dem mir vorliegenden Bücherquartett darstellt. Ich denke hier an Hans Ulrich Gumbrecht, ‚„Pathos of the Earthly Progress“: Erich Auerbach’s Everydays‘ (Literary History, S. 13–35); Carl Landauer, ‚Auerbach’s Performance and the American Academy, or How New Haven Stole the Idea of Mimesis‘ (ebenda, S. 179–194), oder Herbert Lindenberger, ‚On the Reception of Mimesis’ (ebenda, S. 195–213). Gumbrecht arbeitet die phänomenologisch-existentialphilosophischen Ursprünge des Auerbachschen Konzepts ,lebensweltlicher‘ Alltäglichkeit heraus und pointiert treffend jene „Gelassenheit“, von der Auerbach 1935 einmal in einem Brief an Walter Benjamin spricht und die wohl in der Tat als ein – unter manchen Gesichtspunkten rätselhafter – Grundzug seines Wesens (seiner Attitüde?) gelten darf. Landauer macht zu Recht auf das merkwürdige Nebeneinander von bewußt demokratischen, ja sozial engagierten und ebenso prononciert aristokratischen Aspekten in Auerbachs Autoren-Figura aufmerksam, wobei die ersteren sich vorrangig auf der Ebene der Thematik manifestieren, die letzteren dagegen in Auerbachs anti-pedantischer schriftstellerischer Haltung, die sich den Normen professioneller Spezialisierung und Arbeitsteilung, wie sie zumal in den USA selbstverständlich waren, weithin entzieht (vgl. ebenda, S. 187). Interessant scheint mir auch Landauers Vorschlag, den amerikanischen Erfolg der ‚Mimesis‘‚ durch den Umstand zu erklären, daß die Abhandlung „formalists“ und „contextualists“ gleichermaßen anzusprechen vermochte (vgl. ebenda, S. 188f.). Der Vorschlag gerät allerdings in eine gewisse Spannung zu Lindenbergers Beobachtung, daß die Unmöglichkeit, Auerbachs approach epistemologisch eindeutig und etikettenhaft zu klassifizieren, für die Aufnahme seines Werks in den ‚Kanon institutionell anerkannter Literaturkritik‘ auch wieder entschieden hinderlich gewirkt hat (vgl. ebenda, S. 201f.).
4 Hier tut sich insbesondere Scholz als préfacier seines Sammelbands hervor, wenn er angesichts der „Vagheit“ von Auerbachs „Bildungssprache“ erwartet, daß die von ihm präsentierten Gelehrten „das von Auerbach nur eben ‚Angedachte‘ zum Vorwurf für die Bearbeitung mittels der eigenen begrifflichen Kunst“ machen werden (vgl. Mimesis, S. 8). Dabei erweist sich indes, daß diese Erwartung gerade in den Beiträgen des Groninger Kolloquiums – von wenigen Ausnahmen abgesehen, die etwa den Philosophen Gottfried Gabriel oder J. J. A. Mooij zu verdanken sind – derart eklatant enttäuscht wird, daß der Verdacht eines ironischen Spiels entstehen muß, das Scholz im Vorwort mit den Mitarbeitern des Bandes treibt.
5 Nachdem sie Auerbach mangelnden Scharfblick für die Intertextualität der Stendhalschen oder Flaubertschen Romane vorgeworfen hat, scheint Jastrzebska übrigens schon wenige Sätze später eine Wende vollziehen und mit merkwürdiger Inkonsequenz unversehens ein Zuviel an Intertextualität monieren zu wollen; denn plötzlich befindet sie, erneut überaus klobig formulierend: D’une manière plutôt inconsciente [?] Auerbach examine la vraisemblance d’un texte littéraire en comparaison avec d’autres textes et pas avec le monde naturel [?]“ (Mimesis, S. 114).
6 Pickerodt sieht auch richtig, daß dies Konzept durchaus eine Art Generations- und Familienähnlichkeit mit den Realismusvorstellungen eines Georg Lukács besitzt (vgl. Wahrnehmen, S. 260, sowie mit analoger Tendenz Reinahrd Brandt, ‚Reflexionen in Wort und Bild zu Auerbachs Konzept der Mimesis und Figura‘, ebenda, S. 176–196, hier S. 183f.). Freilich ist der normative Anspruch des Konzepts bei Auerbach, der ja Literaturgeschichte und keine operative Poetik zu schreiben gedenkt, zu seinem und unserem hermeneutischen Vorteil unendlich schwächer ausgeprägt als bei Lukács. Hans Jörg Neuschäfer, der im Genre der Würdigung von Einzelkapiteln den meines Erachtens klügsten und ausgewogensten Beitrag liefert (‚Die verzauberte Dulcinea. Zur Wirklichkeitsauffassung in Mimesis und im Don Quijote‘, ebenda, S. 238–248), spricht daher betont zurückhaltend lediglich von einer „gewisse[n] Normativik“, die „durch die Orientierung am modernen Realismus als der bisher radikalsten Form der Stilmischung“ „in die Betrachtung“ früherer Realismusformen gleichsam ,miteinfließe‘ (vgl. ebenda, S. 243). Eher als eine starke poetologisch-politische Norm à la Lukács entsteht aus ihr ein teleologischer Zug, der Auerbachs Geschichtsbild, das im neuzeitlichen Historismus, der „kopernikanischen Entdeckung der Geisteswissenschaften“, seinen tiefsten Wahrheitsmoment erblickt, in der Tat diskret, doch nachhaltig strukturiert; vgl. Erich Auerbach, Literatursprache und Publikum in der lateinischen Spätantike und im Mittelalter, Bern 1958, S. 13.
7 So Auerbach in: Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur, 2. Aufl., Bern 1959, S. 481. Beispielhaft für Auerbachs Kunst oft ambivalenter Charakterisierung wirkt im gleichen Zusammenhang auch ein Aperçu, das dem „junge[n], gepreßte[n] und finstere[n] Hebbel“ „neben volkstümlichen Wendungen viel krampfig-poetisches Pathos“ nachsagt, „welches zuweilen so unnatürlich und doch so schrecklich suggestiv wirkt wie ein ins Kleinbürgerliche transponierter Seneca“ (ebenda).
8 Vgl. dazu ausführlicher Ulrich Schulz-Buschhaus, Auerbachs Methode, in: Lingua et Traditio. Geschichte der Sprachwissenschaft und der neueren Philologien. Festschrift für Hans Helmut Christmann, hrsg. von Richard Baum u. a., Tübingen 1994, S. 593–607, hier: S. 601ff.
9 Vgl. Auerbach, Mimesis (zit. Anm. 7), S. 476. Die Art und Weise, wie Auerbach hier und anderweitig den „Kern des sozialen Problems“ bestimmt (vgl. auch ebenda, S. 414), läßt deutlich einen intellektuellen Kontext erkennen, der unter anderem durch die Bekanntschaft mit Walter Benjamin und mehr noch Ernst Bloch geprägt war. Zwischen beiden hat Auerbach bei Gelegenheit einer „Trübung“ ihres Verhältnisses auch einmal behutsam zu vermitteln versucht; vgl. dazu den Brief vom 3. 1. 1937, in: Karlheinz Barck, 5 Briefe Erich Auerbachs an Walter Benjamin in Paris, in: Zeitschrift für Germanistik 9 (1988), S. 688–694, hier: S. 693.
10 Vgl. Auerbach, Literatursprache (zit. Anm. 6), S. 12 und 15. Daß die Programmatik, welche diese Einleitung entwickelt, pointiert gegen die Positionen des seinerzeit in den USA hegemonialen New Criticism gerichtet ist, wird plausibel von Stephen G. Nichols dargelegt (Philology in Auerbach’s Drama of [Literary] History, Literary History, S. 63–77, hier: S. 66f.). Bezeichnenderweise hatte Wellek speziell an Auerbachs Neigung zu Hegel, „the ancestor of historicism and Geistesgeschichte“, Anstoß genommen und hielt „Auerbach’s linking of existence and history“ für eine ‚extrem gefährliche Konzeption‘ (an extremely dangerous conception of criticism and scholarship“); vgl. ebenda, S. 66 und 262f.
11 Zu den fatalen Folgelasten der heute üblichen Organisation literaturwissenschaftlicher Disziplinen zählt nicht zuletzt eine auffällige Tendenz interdisziplinärer Kommunikation. Sie zeigt sich in dem Umstand, daß die spezialistischen Verwalter einer historischen Parzelle in der Regel wohl asymmetrisch mit den Hegemonen der jeweils diskursmächtigen ‚Theorie‘ kommunizieren, doch nur höchst selten symmetrisch mit den Spezialisten der an sie angrenzenden historischen Parzellen. Zum Habitus der „aktualisierenden Hoch-Interpretation“, der geradezu zwangsläufig aus diesen Kommunikationsverhältnissen resultiert, vgl. Ulrich Schulz-Buschhaus, Diskurse der Autorität und Probleme der Interpretation. Notizen zur literarhistorischen Wahrnehmung von mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Texten, in: Zeitschrift für Romanische Philologie 107 (1991), S. 142–159, bes. S. 156ff.
12 Dabei ist freilich einzuräumen, daß Auerbachs Verfahrensweisen auch in seiner Epoche, das heißt: den dreißiger und vierziger Jahren, keineswegs der Regel literaturwissenschaftlicher ,normal science‘ entsprachen, was nicht zuletzt durch den entschiedenen Widerspruch René Welleks deutlich wird. Aufschlußreich wirkt in diesem Zusammenhang der Kanon von vier Axiomen, mit denen Gerhard Neumann in einem Sammelband zum „Poststrukturalismus“ jüngst die „Grundfesten“ der herkömmlichen „Institution Literaturwissenschaft“ resümiert hat; vgl. Poststrukturalismus. Herausforderung an die Literaturwissenschaft, hrsg. von Gerhard Neumann, Stuttgart und Weimar 1997, S. 4. Es sind das nach Neumann „die Axiome von Ganzheit und Geschlossenheit (Totalität) des literarischen Werks, von einem auf das Literale eingeschränkten Text-Begriff, von der untrüglichen Manifestation von Autorschaft und Schöpfertum in diesem literarischen Text, und von der fraglosen Etablierung und Sicherung einer Werthierarchie im literarischen Feld“. Für Auerbachs Wissenschaftspraxis, in der Textfragmente aus Gregors ‚Gesta Francorum‘ ungeniert mit solchen aus dem Markus-Evangelium oder aus den ‚Mémoires‘ des Herzogs von Saint-Simon gleichgeordnet werden, scheint – ohne daß man sie deshalb als prä-poststrukturalistisch bezeichnen könnte – keine dieser „Grundfesten“ jemals Gültigkeit besessen zu haben.
13 Daß das mitunter einen beträchtlichen Unterschied macht, kommt zum Vorschein, wie Brownlee einmal Anstoß an einer „dismissive characterization“ nimmt, welche bei Antoine de la Sale „the solemnly invocational accumulation of pleonastic or quasi-pleonastic expressions like nourry, amé et tenu chier“ betreffe (vgl. Literary History, S. 162). Im Original wirkt die Charakterisierung dagegen weit weniger „dismissive“, da Auerbach hier nicht von „pleonastic [...] expressions“ spricht, sondern präziser „das feierlich beschwörende Aufhäufen von synonymen oder beinah synonymen Ausdrücken wie nourry, amé et tenu chier“ registriert; vgl. Auerbach, Mimesis (zit. Anm. 7), S. 230.
14 Wobei im übrigen sehr fein Auerbachs eminent subtiles Gespür für die mentalitäten- und sozialgeschichtlichen Konnotationen syntaktischer Eigentümlichkeiten sichtbar wird; vgl. ebenda: „Wie in solchen feierlichen Urkunden wird das Eigentliche häufig durch eine Fülle von Formeln, Anreden, adverbialen Bestimmungen und zuweilen selbst von einer ganzen Parade vorbereitender Sätze eingeleitet, so daß es auftritt wie ein Fürst oder König, dem die Herolde, die Leibwachen, Hofchargen und Bannerträger voraufziehen“.
15 Ebenda, S. 232.
16 Vgl. ebenda, S. 218
17 Vgl. ebenda, S. 249. Mit dem Hinweis auf das „christliche Erbe“ (vgl. auch ebenda, S. 238f.) bringt Auerbach im übrigen auch einen Gesichtspunkt ins Spiel, den Brownlee als „La Sale’s Christian spiritual vision“ so emphatisch unterstreicht, als wäre er der Auerbachschen Interpretation ganz und gar entgangen (vgl. Literary History, S. 168f.).
18 Auerbach, Mimesis (zit. Anm. 7), S. 94. Zum Ausmaß und zur Intensität von Auerbachs (prinzipiell unbestreitbarem) Hegelianismus vgl. Luiz Costa Lima, (‚Figura e Evento‘, Erich Auerbach, S. 219–229) sowie mehr noch das Korreferat zu Costa Limas Vortrag von Kathrin H. Rosenfield (ebenda, S. 230–241).
19 Auerbach, Mimesis (zit. Anm. 7), S. 70.
20 Ebenda.
21 Das Fehlen eines solchen Markenzeichens ist wahrscheinlich der Grund dafür, daß noch Larsen den eindeutigen – und dogmatischen – Marxisten Lukács für einen großen theoretischen Kopf hält, während er den nur gelegentlich – und ziemlich distanziert – mit Marxschen Konzepten umgehenden Auerbach, der von beiden genaugenommen der schärfere (freilich weniger herrschaftliche) Denker war, als „evasive [...], almost hostile to theoretical deliberations“ einschätzt (vgl. Mimesis, S. 16ff).
22 Vgl. Auerbach’s Mimesis. Figural Structure and Historical Narrative, in: After Strange Texts. The Role of Theory in the Study of Literature, hrsg. von Gregory S. Jay und David L. Miller, Tuscaloosa (University of Alabama Press) 1985, S. 124–145.
23 Vgl. dazu etwa Auerbach, Mimesis (zit. Anm. 7), S. 458, wo es über Flaubert heißt: „Übrigens haben wenige von den Späteren die Aufgabe der Darstellung zeitgenössischer Wirklichkeit mit der gleichen Klarheit und Verantwortlichkeit erfaßt wie er; aber freilich hat es unter den Späteren freiere, spontanere, reichere Geister gegeben als ihn“. Der Ausdruck solcher Reserven, die aufs neue eine vage Affinität zu Lukács offenbaren, erstreckt sich bezeichnenderweise auch auf andere deklarierte Ästheten des Dix-Neuvieme, neben den Brüdern Goncourt sogar auf Baudelaire. Jedenfalls erwähnt Geoffrey Green einmal eine symptomatische Anekdote, die Robert Fitzgerald aus dem Auerbach und Curtius zusammenführenden Princeton-Seminar des Jahres 1949 berichtet: „All who know modern poetry, said Auerbach, find Baudelaire the initiator; he is the point where everything converges, then radiates again. ‚But I have a personal confession‘, he said. l don’t like him very much“`. Vgl. Geoffrey Green, ‚Erich Auerbach and the „Inner Dream“ of Transcendence‘ (Literary History, S. 214–226, hier: S. 222f.), und Robert Fitzgerald, Enlarging the Change: The Princeton Seminars in Literary Criticism, 1949–1951, Boston 1985, S. 23.
24 Vgl. zur letzteren Variante z. B. das einflußreiche Buch von Geoffrey Green, Literary Criticism and the Structures of History: Erich Auerbach and Leo Spitzer, Lincoln (University of Nebraska Press) 1982, bes. S. 25–33.
25 Vgl. Ernst Robert Curtius, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, Bern und München 1963, S. 355–366 und passim.
26 Dabei mag im Zusammenhang unserer Argumentation ausgeklammert bleiben, inwieweit Auerbachs Plädoyer für die Figuralstruktur die abgründigen Probleme der Danteschen „Jenseitsrealistik“ wirklich besser löst als der konkurrierende Verweis auf die allegorische Tradition. Einen bedenkenswerten Einwand äußert hier beispielsweise Joachim Küpper, wenn er bei Auerbach eine „Begriffsverwirrung“ ausmacht, die darin bestünde, daß die Figural-Exegese per definitionem „zwei innergeschichtlich Verschiedene als heilsgeschichtlich aufeinander Bezogene“ begreift, während die Beziehung zwischen Figur und Erfüllung in der ‚Commedia‘ strenggenommen nicht innergeschichtlich, sondern unmittelbar zwischen Diesseits und Jenseits zustande kommt, freilich – wie man in Auerbachs Sinn hinzufügen könnte – durchaus nach dem formalen Muster der innergeschichtlichen Typologie. Vgl. Joachim Küpper, Diskurs-Renovatio bei Lope de Vega und Calderón. Untersuchungen zum spanischen Barockdrama. Mit einer Skizze zur Evolution der Diskurse in Mittelalter, Renaissance und Manierismus, Tübingen 1990, S. 261f.
27 Das wird auch grundsätzlich richtig von Arne Melberg (‚Mimetic Temporality‘, Mimesis, S. 87–98, hier: S. 88f.) erkannt, der diese treffende Erkenntnis dann allerdings gewissermaßen unterläuft, indem er das Konzept ‚Figura‘ („that I now find everywhere“) zunächst auf den ‚Don Quijote‘, danach auf Prousts ‚Recherche‘ und schließlich zu einer Art Omnipräsenz ausweitet, welche den Begriff nicht bereichert, sondern ihm am Ende jede Bestimmtheit und Distinktionsfähigkeit nimmt.
28 Vgl. Erich Auerbach, Typologische Motive in der mittelalterlichen Literatur (= Schriften und Vorträge des Petrarca-Instituts Köln 2), 2. Aufl., Krefeld 1964, S. 13f.
29 Vgl. Auerbach, Mimesis (zit. Anm. 7), S. 75.
30 Ebenda, S. 193. Unerfindlich ist mir, wie Earl Jeffrey Richards zu der Auerbachs Dante-Interpretation total konträren Behauptung gelangen kann, Auerbach habe – und zwar „immer wieder“ – betont, „daß seit [!] Dante das Figurale die Darstellung der Wirklichkeit in der europäischen Literatur beherrschte“ (vgl. Wahrnehmen, S. 42).
31 Auerbach, Mimesis (zit. Anm. 7), S. 302.
32 In die gleiche Richtung geht mit freilich eher kritischer Intention eine Äußerung von Karlheinz Barck, der während einer Debatte des brasilianischen Kolloquiums behauptet: „Auerbach está sempre buscando, construindo continuidades“ (Erich Auerbach, S. 206).
33 Ich zitiere aus dem „vier Seiten umfassende[n], schwer entzifferbare[n] handschriftlichen“ Gutachten nach der Transkription von Martin Vialon, in: Erich Auerbachs Briefe an Martin Hellweg (1939–1950). Edition und historisch-philologischer Kommentar, hrsg. von Martin Vialon, Tübingen und Basel 1997, S. 61.
34 Vgl. dazu neben vielen anderen Stellen Ernst Robert Curtius, Deutscher Geist in Gefahr, Stuttgart und Berlin 1932, S. 93, wo Curtius resolut verlangt: „Der heute verbreitete Relativismus wäre durch eine Lehre von den Konstanten aller ontologischen Gebiete zu berichtigen“.
35 So in einem Brief an Hellweg vom 22. 5. 1939; vgl. Erich Auerbachs Briefe (zit. Anm. 33), S. 57. Die Anerkennung von Curtius’ Arbeiten wirkt hier um so bemerkenswerter, als der gleiche Brief etwas später ja eine – auf den ersten Blick überraschende – Kritik an der wissenschaftlichen Entwicklung des Auerbach-Schülers Werner Krauss äußert: „Vieles von dem, was er schreibt, verstehe ich nicht [...]. Common Sense ist eine sehr triviale Eigenschaft, aber er verachtet sie allzu sehr“ (ebenda, S. 56).
36 Vgl. Auerbach, Mimesis (zit. Anm. 7), S. 40f.
37 Vgl. ebenda, S. 56.
38 Vgl. ebenda, S. 512.
39 Ebenda, S. 22.
40 Vgl. ebenda, S. 378f.
41 Wie dem Beitrag von Reinhard Brandt (‚Reflexionen in Wort und Bild zu Auerbachs Konzept der Mimesis und Figura‘, Wahrnehmen, S. 176–196, hier: S. 178) zu entnehmen ist, gilt Auerbach inzwischen als idealtypischer „Aufklärer“: „Er ist über Nietzsche und die Romantik hinweg Aufklärer – eine in dem Deutschland, das er verlassen mußte, konsequent verfemte Geistesrichtung“. Daß diese Einschätzung eine grobe Simplifikation darstellt, wird nicht nur durch den Voltaire-Abschnitt der ‚Mimesis‘ dokumentiert. Bei genauerer Lektüre des ganzen Buchs zeigt sich, daß Auerbach im Grunde ebenso wenig den Typus des Aufklärers tout court repräsentiert, wie das beispielsweise sein Altersgenosse Walter Benjamin oder die Autoren der ‚Dialektik der Aufklärung‘ getan haben.
42 Bestätigt wird dieser Befund übrigens von Hans-Georg Gadamer, unter dessen Erinnerungen an Erich Auerbach, (Wahrnehmen, S. 13f.) sich die Reminiszenz findet: „Erich Auerbach merkte man [...] niemals an, oh er strapaziert war. Das hat sich dann später sogar so weit gesteigert, daß sich in seinem Verhalten gar nichts geändert hat, als er wegen seiner jüdischen Abstammung suspendiert war“.
43 Demgegenüber erwähnt Barck die ,,crítica de um judaísmo militante, sobretudo norteamericano“, welche sich gerade gegen ein nach ihren Maßstäben hei Auerbach nicht hinlänglich prononciertes jüdisches Bewußtsein richte (vgl. Erich Auerbach, S. 141f).
44 Vorsichtiger und differenzierter äußert sich zur letzteren Hypothese Carl Landauer, der Auerbach mit dem George-Kreis lediglich durch eine lockere typologische Affinität verbindet, welche in erster Linie auf dem Niveau der auktorialen Attitüde, das heißt: der Distanznahme von „scholarly conventions“, zu erblicken wäre (vgl. Literary History, S. 186).
45 Vgl. Erich Auerbach, Gesammelte Aufsätze zur Romanischen Philologie, Bern und München 1967, S. 301–310, hier: S. 301: „[...] damit wäre der Gedanke der Weltliteratur zugleich verwirklicht und zerstört“.
46 Vgl. ebenda.
47 Vgl. Auerbach, Mimesis (zit. Anm. 7), S. 479.
48 Vgl. ebenda.
49 Vgl. ebenda, S. 426f.
50 Vgl. ebenda, S. 419f.
51 Dafür sprechen auch viele briefliche Äußerungen, etwa 1948 die Warnung vor dem „Einmischen der Amerikaner“ in die deutschen „Schulreformverhältnisse“: „das deutsche System war im ganzen unvergleichlich besser“, oder 1950 die Mahnung: „Die Deutschen sollten [...] wieder anfangen, weltpolitisch zu denken, aber auf eine andere Weise als früher – nicht rein aus deutschen Vorstellungen und im engsten deutschen Interesse“. Vgl. Erich Auerbachs Briefe (zit. Anm. 33), S. 116 und 136.
52 Vgl. Auerbach, Literatursprache (zit. Anm. 6), S. 9.
53 Vgl. dazu den 1929 verfaßten, dem Marburger Habilitationsantrag beigelegten Lebenslauf, am besten konsultierbar in: Erich Auerbachs Briefe (zit. Anm. 33), S. 34.
54 Vgl. Curtius, Europäische Literatur (zit. Anm. 25), S. 63, 127 oder 473f.
55 Vgl. Auerbach, Mimesis (zit. Anm. 7), S. 400ff.
56 Vgl. ebenda, S. 391.
57 Ebenda, S. 427.
58 Ebenda.
59 Erich Auerbachs Briefe (zit. Anm. 33), S. 102f.
60 Der Briefabschnitt wird von Hausmann (Wahrnehmen, S. 236) zitiert. Die fertige Rezension erschien 1932 in der Deutschen Literaturzeitung und erregte prompt den heftigen Zorn des Rezensierten, der ein Jahr später in einem ganz anderen Kontext indigniert antwortete, indem er Auerbach – vom heutigen Standpunkt aus kaum verständlich – einen „Neoscientismus“ vorwarf, ja eine „Erfassung des geistigen Quale durch Quantitäten, wie sie die amerikanische und in Europa amerikanisierende Wissenschaft liebt“. Vgl. dazu das Kapitel „Ein Streit zwischen Auerbach und Spitzer Anfang der dreißiger Jahre“ in: Peter Jehle, Werner Krauss und die Romanistik im NS-Staat, Berlin 1996, S. 110ff.
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