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Leonardo Sciascia oder die Literatur des Widerspruchs

Spätestens seit der Veröffentlichung seines Tagebuchs im Juni 1979 muß der Sizilianer Leonardo Sciascia als ein Klassiker der europäischen Gegenwartsliteratur gelten. Für dies Tagebuch, das nicht „schwarz auf weiß“, sondern „Nero su Nero“, mit „schwarzer Schrift auf der schwarzen Seite der Realität“ verfasst sein soll, hat Sciascia durchaus selbstbewußt illustre Bezugsautoren zitiert: er charakterisiert die zehn Jahre umfassenden Notizen, indem er sie vergleicht oder kontrastiert mit den Aufzeichnungen Vittorinis, Jules Renards, ja denen des Kardinal von Retz und des Herzogs von Saint–Simon. Widersprochen worden ist der hochgreifenden Präsentation, soweit ich weiß, von niemandem; eher im Gegenteil: im September des gleichen Jahres widmete die französische Literaturzeitschrift „L’Arc“ dem Landsmann Pirandellos eines ihrer Hefte und gliederte ihn damit in den schmalen und etwas xenophoben Kanon dessen ein, was auf der Rive Gauche für lesens- und besprechenswert gehalten wird.
So verfügt der ehemalige Volksschullehrer von Racalmuto heute über ein Renommee, wie es seit Pirandello – abgesehen vielleicht von Pavese – kaum ein anderer italienischer Autor erlangt hat: Moravia etwa ist ja nie ganz von der strengeren Literaturkritik akzeptiert worden, während andererseits Calvino nie eine breitere Leserschaft gewinnen konnte. Bei Sciascia dagegen scheinen die Anerkennung der Kritiker und das Interesse der Leser weithin übereinzustimmen, und schon dieser Umstand würde genügen, ihn zu einem frappanten Sonderfall in der modernen Literatur zu erklären. Freilich gab es für den Sonderfall Sciascia auch besonders günstige historische wie regionale Voraussetzungen, die in gewisser Weise auf dem Bild beruhen, das sich Europa von Sizilien als seiner einheimischen Exotik macht. Bereits für den Norden Italiens war die afrikanahe Insel bekanntlich stets etwas Fremdartig-Archaisches, ein literarisches Thema, dem man sich halb fasziniert und halb schuldbewußt, indessen immer mit einem Gefühl der Betroffenheit zuwandte. Zugleich existierte seit Vergas Romanen und Novellen eine überaus dichte Literaturtradition, welche der Faszination durch dieses Thema entsprach und sie oftmals neu stimulierte: man denke nur an „Vitaliano Brancati, an Tomasi di Lampedusas „Leoparden“ oder – später – an die Protokolle Danilo Dolcis. Aus eben dieser Tradition, die mit wenigen Ausnahmen zu prononciert realistischen, ja dokumentarischen Schreibweisen tendierte, ist auch Sciascia hervorgegangen.
Daher wirkt bezeichnend, daß ihm der Durchbruch zum Erfolg 1956 mit einem Buch gelang, welches geradezu als Paradebeispiel für den dokumentarischen Realismus der Literatur des Mezzogiorno einstehen kann: die „Parocchie di Regalpetra“, die Chronik und Reportage des Lebens in der sizilianischen Gemeinde Racalmuto waren, vergleichbar Carlo Levis „Cristo si è fermato a Eboli“ oder den lukanischen Berichten Rocco Scotellaros. Danach hat Sciascia den Grundzug seiner sozusagen neorealistischen Anfänge niemals verwischt, sowenig er sich in der Folgezeit auch auf ihn beschränken mochte. Das heißt: von der neorealistischen Poetik blieb ihm das Ethos der Dokumentation stets erhalten. In wechselnder Funktion durchzieht es sein gesamtes Werk, zunächst noch als oberstes Ziel wie in den Novellen der „Zii di Sicilia“ (1958) oder im historischen Roman „II Consiglio d’Egitto“(i963), doch dann mehr und mehr als Ausgangspunkt oder bloße Voraussetzung der Erzählung und Recherche. In der Tat ist auffällig, wie oft Sciascia bei einem kontroversen geschichtlichen Ereignis ansetzt, um es auf überraschende Weise – jeweils konträr zur allgemeinen Überzeugung – neu zu deuten. So behandelt er in „La Scomparsa di Majorana“(1975) das bis heute ungelöste Rätsel des Verschwindens eines berühmten italienischen Atomphysikers; die „Pugnalatori“(1976) befassen sich mit einem Fall politischer Kriminalität im 19.Jahrhundert, während die „Affaire Moro“(1978) unbeantwortete Fragen jenes Verbrechens diskutiert, das uns alle noch vor Augen steht.
Wenn dabei das Dokumentarische nun weniger die Absicht als vielmehr den Anlaß der Schriften bildet, läßt das auf eine allmähliche Veränderung des Konzepts von Realismus schließen. Realismus bedeutet für den Sciascia der Hauptwerke offenbar nicht mehr in erster Linie eine direkte Verifikation der Wirklichkeit, sondern eine Falsifikation wirklichkeitsverstellender Auffassungsschemata. Oder mit anderen Worten gesagt: Literatur soll nicht widerspiegelnd Realität abbilden, sondern im Widerspruch gegen etablierte Meinungen und Ideologien sowie die eigenen Gattungskonventionen kritisch nachweisen, was Realität nicht ist, obwohl es immer wieder dafür ausgegeben wird. Damit erscheint Literatur gegenüber den früheren Realismus-Konzepten zugleich bescheidener und präziser: statt nach der Darstellung einer unbestimmten Totalität strebt sie nach der bestimmten Widerlegung ideologischer Konstruktionen dergestalt, daß vor ihrer korrosiven Kraft jeder Anspruch auf Totalität und Geschlossenheit zerfallen muß.
Das beste Beispiel für dies Verfahren eines falsifizierenden, nicht wirklichkeitsabbildenden, sondern ideologiekritischen Realismus bildet Sciascias Umgang mit dem Kriminalroman. Auf das wohl populärste Genre aller modernen Narrativik hat Sciascia sich wiederholt eingelassen, und es sind dabei vier kurze Romane oder lange Erzählungen, entstanden, deren Wirkung in allen Fällen noch durch interessante Verfilmungen – zuletzt von Francesco Rosi und Elio Petri – verstärkt wurde: „II Giorno della Civetta“(1961), „A ciascuno il suo“(1966), „II Contesto“(1971), „Todo Modo“(1974), Zumal die beiden ersten können als sizilianische Übertragungen und gleichseitig Umkehrungen der amerikanischen Kriminalromane Raymond Chandlers verstanden werden: mußte sich dort der Privatdetektiv Philip Marlowe einsam und isoliert gegen das kriminelle System der „Gangs“ und „Rackets“ behaupten, ist hier ein ebenso vereinzelter, aufklärungsbesessener Idealist mit dem organisierten Verbrechen der Mafia konfrontiert. Freilich hatten Marlowes Erkundungen noch immer zu einem Happy Ending geführt, das meistens folgendermaßen angelegt war: nach zähen Recherchen und heftigem Schlagabtausch pflegte sich letztenendes zu ergeben, daß das eigentlich zentrale Delikt nicht auf die vorher breit geschilderten verbrecherischen Organisationen zurückging, sondern auf einen individuellen, vorzugsweise weiblichen Täter, dessen Motivation ausgesprochen traditionell in Liebe und Eifersucht bestand. Diese Lösung hatte für den Leser ohne Zweifel etwas Beruhigendes; denn er genoß in ihr nicht allein die Versicherung des Guten Endes an sich, sondern erfuhr zugleich, wie die historisch spezifische Kriminalität des Gangstertums in letzter Instanz zweitrangig blieb gegenüber den historisch unspezifischen, sozusagen allgemeinmenschlich begründeten Verbrechen, wie sie sich immer und überall ereigneten.
Der gleiche Interpretationswechsel vom organisierten zum individuellen Verbrechen, der die Überraschungspointen in Chandlera Kriminalromanen ausmachte, findet auch in Sciascias „Giorno della Civetta“ und „A ciascuno il suo“ statt; nur geschieht er jetzt auf solche Weise, daß sein Vollzug prononciert falsch wird. Er ereignet sich nämlich nicht mehr in der ideal endgültigen Erkenntnis des Detektivs, sondern wird gegen dessen Erkenntnis durch eine Manipulation erpresst. Gewiß hat der Detektiv hinter der jeweiligen Verbrechenskette die weit, ja bis in parlamentarische und ministerielle Höhen reichende Hand der Mafia entdeckt, doch scheitert er eben deswegen am Eingriff der politischen Macht, welche planvoll die Fiktion eines Eifersuchtsdramas – einer Affäre gewissermaßen der „Cavalleria rusticana“ –aufbringt, um die Glieder des mafiosen Systems vor Identifikation und Überführung zu bewahren. Was früher zu den Täuschungs- und Entlastungsmanövern der Gattungskonvention gehörte, wird als tatsächliche Manipulationsstrategie in die Wirklichkeit übertragen und kompromittiert somit nicht bloß die Verfilzung von Kriminalität und politischer Macht, sondern gleichfalls das eingeübte literarische Schema, das von solcher Verfilzung stets beschönigend und unterhaltend abgelenkt hatte.
Wo der Detektiv einem Geflecht gegenübersteht, welches Mafia und Staat umfaßt, kann es demnach keinerlei Happy Ending mehr geben. Insofern sind Sciascias Kriminalromane mit – wie es scheint – ständig zunehmender Irritation gegen die Fiktion des Guten Endes angeschrieben, die ja zur Voraussetzung hatte, daß das detektivische Interesse mit dem gesellschaftlichen fraglos identisch war. Bei Sciascia sind diese Interessen dagegen auseinandergetreten, und so erscheint der Detektiv kaum noch als Anwalt der sozialen Ordnung, sondern als Außenseiter, dessen Gerechtigkeitsideen und Aufklärungswerk weder gratifiziert noch auch nur toleriert werden. Was für ihn Aufklärung sein mag, erweist sich für das „Contesto“ als Störung des Betriebs und als störend wird es zum bösen Schluß mitsamt seinem Urheber beseitigt: tatsächlich enden die Romane „A ciascuno il suo“ und „II Contesto“ in krasser Gattungsdissonanz jeweils mit der Ermordung ihres einstmals unsterblichen detektivischen Helden.
Dabei verweigert der Roman „II Contesto“ neben dem Guten Ende gerechter Sanktionen auch noch das Happy Ending der Erkenntnis. Das heißt: es scheitert in ihm einerseits der Versuch des Inspektors Rogas, den Staat gegen seine mafiosen „Okkupanten“ zu verteidigen; andererseits wird aber auch die Erwartung des Lesers, das lediglich insinuierte, indessen nie manifestierte Ränke- und Intrigenspiel zwischen Parteien, Geheimdienst und außerparlamentarischen Gruppierungen zu durchschauen, bis zuletzt enttäuscht. Ähnlich labyrinthisch mutet der jüngste Kriminalroman „Todo Modo“ an, der gleichfalls kein eindeutiges Resultat ergibt, weder im Kriminalistischen noch im Moralistischen der langen Diskussionen, die ein agnostischer Ich-Erzähler und ein tiefgründiger Kleriker zauberbergartig über das richtige Leben führen. Wie die Aufklärung – pars pro toto – bei der Detektion mißlingt, erweist sie sich auch in der Moraldebatte als fragil. Gerade für den Aufklärer Sciascia bildet sie eben keine unwiderlegliche Gewißheit, eher – analog zur Detektion – eine Aufgabe, die noch nicht gelöst wurde und daher von jedem Leser selbständig sowie stets aufs neue zu lösen wäre.
Eher aufklärerische Fragen als den widersinnigen Schein affirmativer Aufklärung bietet auch Sciascias Beitrag „L’affaire Moro“, welcher noch im gleichen Jahr der Entführung und Ermordung des christdemokratischen Spitzenpolitikers erschien und mit Recht als sensationell empfunden wurde. Auch in diesem Traktat, der analysierend und interpretierend in einen realen Kriminalfall ein greift wie einst Edgar Allan Poes „Mystery of Marie Rogêt“, macht das Hauptmotiv wohl der Widerspruch aus, Protest gegen ein bestimmtes Dokument, in dem eine Gruppe von Parteifreunden (unter ihnen der bekannte Philologe Vittore Branca) erklärte, die Briefe aus der Gefangenschaft seien nicht dem wahren Moro zuzuschreiben, sondern einem vom Terror veränderten und zerstörten Menschen, der mit dem Moro früherer Tage nichts mehr gemein haben könne. In der Tat waren und sind diese Briefe ja schockierend genug: sie verraten bei der unablässigen Forderung nach Gefangenenaustausch nicht nur begreifliche Todesangst, sondern, übernehmen außerdem an manchen Stellen Terminologie und Perspektive der Brigate Rosse, richten Drohungen, ja Beschimpfungen an verschiedene Regierungsmitglieder und Funktionäre der Democrazia Cristiana und beteuern schließlich mit peinlichem Nachdruck die eigene Unschuld (von aller Korruption) wie die eigene Bedeutung (für den künftigen Zusammenhalt der DCI).
Wo Alberto Arbasino in seinem Groß-Essay „In questo stato“ deshalb das Verhalten Mcros als Repräsentanten einer „classe politica“, die vom Bürger vieles, von sich selbst jedoch nichts verlange, im Ton schneidender Kritik kommentiert, hat sich Sciascia umgekehrt zur Verteidigung entschlossen. Indessen ist diese Verteidigung dialektisch und ambivalent wie alles, was ihr vorausging. Sie beharrt auf der intellektuellen Identität des Gefangenen mit dem Politiker, freilich kraft des – insgeheim kompromittierenden – Argumente, auch der frühere Moro sei eigentlich nie ein überzeugter, prinzipienfester Staatsmann („statista“ gewesen, wohl aber – ganz im Sinn und Stil der italienischen Nachkriegsgeschichte – ein geschickter, weil prinzipienarmer politischer Makler („politicante“). In solcher Geschicklichkeit bliebe er sich bei seinen Briefen nun durchaus treu, indem er vor allem versuchte, unter seinen Entführern Zweifel und Unsicherheit bezüglich der objektiven Wirkung ihres Unternehmens zu erregen, und beispielsweise zu insinuieren trachtete, die Entführung nütze amerikanischen Geheimdienstinteressen mehr als denen der proletarischen Revolution, Wahrscheinlich werden sich zahlreiche Details der ingeniösen Argumentation – so etwa die topographische Deutung der Vatikananspielungen – irgendwann einmal als überspitzt herausstellen; doch erreicht sie insgesamt eine verblüffende Kohärenz, deren eigensinniger Scharfsinn außer an Poe auch an Pirandello eder Borges – andere vielzitierte Vorbilder unseres Autors – denken läßt. Insbesondere aber beeindruckt die Beharrlichkeit, mit der es Sciascia bei seiner Rekonstruktion gelingt, nichts und niemandem zu schmeicheln, weder Moro noch seiner zerstrittenen Partei, weder den Brigate Rosse noch der orthodoxen Kommunisten des PCI. Es ist, als habe er allen zugleich in irgendeinem heiklen Punkte mißfallen wollen und als sähe er allein in dieser Fähigkeit, durch unermüdlichen Widerspruch Konsens zu stören, eine letzte Chance des Literaten, der vielfach verstellten Wahrheit nahezukommen.
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