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Gespräche mit Leonardo Sciascia und Gesualdo Bufalino

Hat ein Autor große und weltweite Reputation erlangt, so pflegt für ihn die Phase der Interviews zu beginnen. Für Leonardo Sciascia, den Verfasser beunruhigender Kriminal- und „Staats“romane (II giorno della civetta, II contesto, Todo modo, Candido, L’affaire Moro), ist sie seit langem eingetreten, mit solcher Intensität übrigens, daß aus seinen Gesprächen mit Marcelle Padovani oder Davide Lajolo gleich ganze Interview-Bücher entstanden. Dabei gilt Sciascia durchaus nicht als gesprächig; in den Parlamenten, deren Mitglied er ist oder war, soll er lieber schweigen als reden, und daher empfanden die Veranstalter eines Kolloquiums der Werner-Reimers-Stiftung (Bad Homburg), das Sciascia und seinen sizilianischen Freund Gesualdo Bufalino im März 1983 mit Kritikern und Literaturwissenschaftlern aus dem deutschen Sprachraum zusammenführte, zunächst wohl einige Sorge, ob es auch gelingen möchte, dem stillen Schriftsteller vernehmliche Äußerungen über sein Werk und unsere Welt zu entlocken.
Verläßt man sich auf das, was italienische Bekannte von Sciascias Einsilbigkeit berichten, dann konnten die Organisatoren des Treffens – Lea Ritter-Santini (Uni Münster), Salvatore Sanna (Uni Frankfurt), Manfred Hardt (Uni Duisburg) – einen erstaunlichen, ja sensationellen Erfolg verbuchen. Nicht, daß der neugierig Befragte plötzlich jene Eloquenz entwickelt hätte, welche man bei Autoren italienischer Zunge gemeinhin erwartet. Eloquent – so mein Eindruck – waren die Prager, wie sich das für ihren Status ziemt, schon selber, und überraschend mitteilsam zeigte sich auch Gesualdo Bufalino, ein ähnlich Fontane oder Tomasi di Lampedusa spätberufener Schriftsteller, der klug und bemerkenswert kommunikativ die langen Jahre radikaler sizilianischer Isoliertheit erläuterte. Sprach der einsame Verfasser der bei uns noch unübersetzten „Diceria dell’untore“ mit verzweifelt wohlgesetzten Worten, hielt sich der im Kanon zeitgenössischer Weltliteratur fraglos Akzeptierte an eine ganz andere Rhetorik des Zögerns. Leise, aber nicht ohne diskretes Selbstbewußtsein, zwangen seine immer wieder verlegen stockenden Antworten die Philologen jedenfalls zu konzentrierter Aufmerksamkeit.
Immerhin lohnte sich solche Konzentration, da Sciascia – entgegen aller Voraussicht – mit Kommentaren zu seinem Werk, hörte man nur genau hin, keineswegs geizte. Gewiß überwog am Anfang die Diskretion. „Mi va bene tutto“ (Mir ist alles recht) lautete die meistgebrauchte Antwort auf mehr oder weniger kühne Deutungen der Interpreten, und auch als ein Kritiker in der Zitatenfülle des „Candido“ Zeichen überdrüssiger Literaturparodie (im Sinne eines „Schluß mit der Literatur!“) und damit das gerade Gegenteil von Sciascias Absichten zu sehen meinte, hatte der Autor eine Wendung resignierter Geduld parat: „Sì, tutto è rovesciabile!“ (Ja, alles ist umkehrbar). Bei zunehmender Vertrautheit unter den Gesprächspartnern lockerte sich jedoch bald die Defensive; der Interviewte gewann an Spontaneität und zugleich Ausführlichkeit; die Zuhörer blieben nicht Adressaten vorhersehbarer Stellungnahmen, sondern erfuhren eine Fülle detaillierter Aufschlüsse über die sie interessierenden Texte.
So wurde die Entstehung des „Candido“ aus Sciascias Erfahrungen als kommunistischer Stadtrat in Palermo rekapituliert. Die Gestalt des Erzpriesters Don Antonio, des „Pangloss“ dieser Voltaire-Variation, ist – wie wir nur wissen – wenigstens im Entwurf als Symbolfigur für den von Sciascia stets heftig kritisierten „compromesso storico“ konzipiert. Daß es im „Candido“ wie in „Todo modo“ um die Befreiung von den Kirchen und den Vätern (den kommunistischen wie den katholischen) geht, mag wohl kaum einem Leser verborgen bleiben; doch war es interessant, vom Autor zu vernehmen wie solche Befreiung am Ende von „Todo modo“ ironisch durch das Zitat des Endes von Gides „Les caves du Vatican“ inszeniert wird. Natürlich stellte sich erneut heraus, daß Interpreten dazu neigen, vieles komplizierter zu verstehen, als es der Autor geplant hat. Beispielsweise gilt das für die dunkle Staatsintrige des „Contesto“ die ich weit verwickelter rekonstruiert hatte als Sciascia selbst. Aber vielleicht hatte er ihre Komplikationen, da er seine Bücher nie ein zweites Mal liest, auch nur schon wieder vergessen.
Die Fragen, welche Philologen am liebsten vortragen und Autoren am unliebsten hören, sind im allgemeinen jene nach Vorbildern, Einflüssen und Leseinteressen (selten habe ich eine pikiertere Reaktion erlebt als die deutscher Krimi-Autoren, vor denen ich einmal von ihrem „Modell“ Simenon sprach). Indessen reagierte Sciascia – wie auch Bufalino – gerade auf solche Fragen besonders aufgeschlossen, wahrscheinlich weil beide als überzeugte Borges-Leser umstandslos einräumen, daß keine Literatur ohne den Umgang anderer Literatur existiert. So wurde mir bereitwillig Auskunft eben über Borges erteilt, desgleichen über Voltaire und Pascal deren Argumente bei Sciascia oft zu Chiffren einer ideologisch Opposition werden, welche in ihren Standpunkten an die Zauberberg-Kontroversen zwischen Settembrini und Naphta erinnert. Da sich unter den Literaturwissenschaftlern der Tagung auch ein brillanter Schweizer Stendhal-Experte befand, verweilte das Gespräch am intensivsten bei Sciascias Lieblingsschriftsteller Henri Beyle, über dem dann die einheimische italienische Literaturtradition ein wenig ins Hintertreffen geriet. Hier nannte Sciascia Alberto Savinio, den Bruder De Chiricos, dessen „absolute Freiheit“ gegenüber dem Faschismus er zu rühmen wußte, natürlich Pirandello zu dem er selber verschiedene kritische Studien verfaßt hat, Federico De Roberto und vor allem Manzonis „Storia della colonna infame“, die auch formal als Anregung für Sciascias Techniken „romanzo-inchiesta“ gedient haben mag.
Nichts – oder bessert kaum etwas Positives – verbindet Sciascia dagegen mit dem „mondo germanico“. Im Falle Kafkas oder Canettis schien er sich nicht recht bewußt zu sein, daß von ihnen Texte deutscher Sprache stammen, und ein Moment der Verlegenheit kam auf, als er nach einer Passage im letzten Kapitel des „Candido“ gefragt wurde, aus der hervorgeht, daß weder er noch seine Romanfiguren am „deutschen Wesen“ genesen möchten. Ja, sagte Sciascia da ebenso tonlos wie bestimmt: „Ich mißtraue den Deutschen“. U: nach einem langen Zögern: „Sie haben eine besondere Gabe, die des Gehorsams, der Disziplin“.
In der Tat gibt es vieles, was Sciascia vom literarischen Leben im deutschen Sprachraum radikal trennt: nicht zuletzt sein monumentales Vertrauen auf die Literatur als Erkenntniskraft, ja als einzige Sprachform, die angesichts des ideologisch verfälschten Diskurses der politischen Institutionen, Medien und Machtagenturen einen – wenngleich residualen – Anspruch auf Wahrheit behauptet. Diese fast manichäische Gegenüberstellung (der Literatur als Instanz des Wahren, der Politik und Geschichte als Domäne universeller Fälschung), welche zumal bei einem Autor von beinahe ausschließlich politischer Thematik überraschend wirkt, hat Sciascia in Interviews letzthin häufig zum Ausdruck gebracht, und er wiederholte sie auch in Bad Homburg sehr eindringlich, durchaus zur Beunruhigung, mitunter zum Entsetzen einiger Gesprächspartner, „Je älter ich werde, um so mehr gefällt mir die Literatur und um so weniger die Geschichte“, hieß es, oder etwas später, mit einem Seitenblick auf die ansonsten hochgeschätzten französischen Schriftsteller: „Sartre liebe ich nicht; er hat alles falsch gemacht“.
Tatsächlich werden hier, wenn ich recht sehe, Extrempositionen deutlich, welche man gleichsam in einem Chiasmus à la Thomas Mann aufeinander beziehen könnte: Sartre, der Erzliterat, der den subtil erfaßten Unaufrichtigkeiten der Literatur in die Politik flieht; Sciascia, der primär politisch Interessierte, der den massiven Manipulationen der Machttechnologie in die Literatur zurückweicht. Wer soll dabei als der „Politischere“ gelten? A jeden Fall ist Sciascia stolz, daß seine Bücher, getragen vom Widerstand gegen den Diskurs der Apparate, manche Wahrheit auch gewissermaßen prognostisch entfalten. So fühlt er sich bestätigt durch den Gang der Ermittlungen im Fall Moro, welche offensichtlich zum großen Teil die einst unbequemen Thesen der „Affaire Moro“ (1978) verifizieren. Im „Contesto“ (1971) meint er, die Entwicklung der Brigate Rosse vorhergesehen zu haben sowie gleichzeitig de Niedergang der Studentenbewegung, die für ihn, einen der letzt großen Anarchisten, den Inbegriff der „falschen Revolution“ darstellt („Die wahre Studentenrevolution wäre heute das Studium“ Manchmal weisen die Prognosen auch in eine Vergangenheit, welche wieder schreckliche Zukunft werden könnte: besonders unheimlich gleichfalls im „Contesto“ – bei der Rede des Präsidenten Riches über die Massengesellschaft, in der sich Rechtsprechung konsequent in „Dezimierung“ verwandeln läßt – ein Argument, das Harald Weinrich treffend mit Carl Schmitts Theorien des politischen Dezisionismus verband, von denen Sciascia dann glaubwürdig versicherte, nie etwas gelesen zu haben.
Wo aber alle Prognosen derart ins Katastrophale schwarzer Utopien zielen, drängt sich die Frage nach der Perspektive auf, die solche Bücher vermitteln können. Wie steht es z.B. mit der Plausibili1ität der fiktionsinternen „Lösungen“, etwa in den Romanen „II Contesto“ oder „Todo Modo“, in denen die Erzählung jeweils mit einem hilflos verzweifelten Pistolenschuß gegen einen Vertreter des Machtgefüges endet. Das mag zwar den Schützen befreien, so wurde eingewendet doch was ändert es an den Verhältnissen? Ist das Schießen, bei dem jeder Italiener unweigerlich an die P 38 der Terroristen denkt, nicht eine allzu einfache, pseudo-radikale Reaktion? Und vor allem: welche konkreten Hoffnungen befördert es?
Zum einzigen Mal wirkte Sciascia bei diesen Fragen nicht verlegen und bedenklich, sondern wahrhaftig ratlos, und auch der gesprächige Gesualdo Bufalino wollte ihm nicht mehr recht zu Hilfe kommen. Eine konkrete Hoffnung im März 1983 eröffnen! „Vielleicht gibt es sie nicht, die Hoffnung“, sagte Sciascia zuletzt, um darauf wie entschuldigend – und einigermaßen unvermittelt – hinzuzufügen: „Nicht einmal Manzonis ‚Promessi Sposi‘ eröffnen große Hoffnungen. Renzo und Luoia ziehen weg“. Dabei ergab sich die jähe Manzoni-Assoziation an dieser Stelle gewiß nicht durch Zufall; tatsächlich scheint Sciascia mit dem Autor der „Verlobten“ jene Verzweiflung gemein zu haben, welche aus den immer enttäuschten Ansprüchen des rigorosen Moralisten erwächst. Eines Moralisten der mit eigentümlicher Insistenz beteuerte: „Ich kann das Argument nicht ertragen, etwas sei politisch und nicht moralisch zu betrachten“, oder: „Ich bin jemand, der sein Leben lang Machiavelli verabscheut hat“. Ob solche Abscheu indessen Renzo und Lucia nützt? Oder am Ende des 20.Jahrhunderts, da es nichts mehr zu hoffen gibt, wenigstens die Wahrscheinlichkeit des Schlimmsten einzuschränken vermag? Man lese Sciascia, um darüber nachzudenken.
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