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Palomars Introspektion

Über das Kapitel „L’universo come specchio“ (Calvino, Palomar 3.3.2) und zwei Stellungnahmen von Gerhard Goebel-Schilling und Salvatore A. Sanna

Gerne veröffentlichen wir den Beitrag von Ulrich Schulz-Buschhaus zu der „Querele“ über Italo Calvino. Er vermittelt nach unserer Auffassung eine Reihe neuer Erkenntnisse über das Verhältnis zwischen den Protagonisten der Romane und Calvino selbst.
Wir sind der Meinung, daß hiermit die bisherige Calvino Interpretation zum Teil revidiert und erweitert werden müßte.
Gerhard Goebel-Schilling und Salvatore A. Sanna enthalten sich zunächst einer Stellungnahme in der Hoffnung, daß auch andere Calvino Interpreten, vor allem italienische, sich an dieser Diskussion beteiligen wollen.
Die Herausgeber
Von den letzten Texten denkwürdiger Autoren pflegt jeweils eine besondere Suggestion auszugehen. Auch wenn sie mitnichten den Anspruch des Fazit oder der Summa erheben, fühlt man sich als Leser geneigt, ihre Perspektiven vor jenen früherer Texte zu privilegieren. Geradezu unvermeidlich wird solcher Rang, wenn ein letzter Text wie im Fall von Calvinos Palomar mit dem Tod des Protagonisten endet und wenn der Tod hier eben dann eintritt, als Herr Palomar – in manchem das alter ego seines Autors – den Entschluß gefaßt hat, gegen das Ende des Lebens und der Zeit gewissermaßen anzuschreiben.
Kein Wunder also, daß ein Nekrolog auf Calvino und die zu einem Nekrolog gehörige Charakteristik des Calvinoschen Gesamtwerks ihre wesentlichen Aspekte zunächst in Palomar finden. Palomars Erfahrungen können jedenfalls als geeigneter Bezugspunkt dienen, wenn bei dieser Charakteristik bedeutsame Divergenzen entstehen, wie sie in Italienisch 16 (1986) die beiden Stellungnahmen von Gerhard Goebel-Schilling („Calvino ovvero il cannocchiale aristotelico“, 82–86) und Salvatore A. Sanna („‚Ma come si fa a guardare qualcosa lasciando da parte l’io‘“, 87f.) offenbaren. An ihnen scheinen mir vor allem zwei Argumente weiterer Erörterungen wert. Zum einen geht es um den Grad der Referentialität, der Calvinos Texten zuzuschreiben ist. Goebel-Schilling verfolgt die Tendenz, ihren Wirklichkeitsbezug eher einzuschränken und gegen die „conoscenza“ als Ziel der écriture die „invenzione“ auszuspielen, während Sanna umgekehrt die „autobiographischen Elemente“ akzentuiert; denn sie „scheinen eine viel größere Bedeutung [...] zu besitzen, als die Kritik und Calvino selbst ihnen beizumessen bereit waren“ (87). Zum anderen sieht Sanna die Ansätze zur Autobiographie paradoxerweise aber gerade durch ihr Scheitern geprägt. Das Stück „L’universo come specchio“ zeige nämlich, daß es Palomar-Calvino nicht gelinge, sein „Ich“ zu „fassen“: obwohl eine Introspektion angekündigt wird, erfahre „der Leser [...] das Ergebnis dieser inneren Betrachtung nicht“ (88). Dagegen konzediert Goebel-Schilling der Introspektion – gleichfalls paradoxerweise, da er von „conoscenza“ prinzipiell ja wenig wissen will – durchaus einen gewissen Erfolg. Nur liefe der auf die negative Erkenntnis hinaus „che l’io, in sé, è un bel nulla: è solo un mezzo nel quale ritroviamo il mondo – e, prima di tutto, gli altri, ‚interiorizzati‘“ (82f.).
Zur einen wie zur anderen Differenz, die natürlich ein wenig vereinfacht resümiert wurden (doch wie könnte man anders als schematisierend resümieren?), möchte ich hier einige – insgesamt vielleicht enttäuschend ausgleichende Anmerkungen machen. So habe ich, was Goebel-Schillings Position betrifft, meine Zweifel an der Opportunität einer Entscheidung zwischen den oppositionell verstandenen Kategorien „conoscenza“ und „invenzione“, sozusagen der astronomischen Apparatur des Mount Palomar und dem barocken „Cannocchiale Aristotelico“ Emanuele Tesauros. Gegen sie könnte man generell einwenden, daß erkenntnistheoretisch – etwa im Sinn von Humberto Maturanas „radikalem Konstruktivismus“ – ja keine Erkenntnis denkbar ist, die ohne eine Komponente konstruktiver Erfindung auskäme; und auch umgekehrt bliebe jede „invenzione“ leer, wenn sie nicht in irgendeiner Weise zum Instrument von „conoscenza“ würde. Wichtiger als dieser allgemeine Einwand scheint mir jedoch das eigentümliche Phänomen einer auffälligen Vielfalt der Referentialitätstypen, die in Calvinos Texten Gestalt annehmen. Zu ihnen gehört der Resistenza-Roman, der sich von den neorealistischen Übereinkünften nur durch die Neuartigkeit eines bis dahin verdrängten Point de vue unterscheidet, ebenso wie die abenteuerliche Geschichte vom „Baron auf den Bäumen“, welche die nicht zuletzt politischen – Erfahrungen einer desillusionierten Generation in die verfremdende Form der zugleich „historischen“ und „philosophischen“ Erzählung über das Settecento faßt, wie das phantastische Panoptikum „unsichtbarer Städte“, die Züge konkreter Utopie und konkreter Anti-Utopie vereinen, oder der Tour de force eines Inventars Romanesker Möglichkeiten, dessen intertextuell nachgerade übersättigte Pastiches durch eine höchst „realistisch“ und aktuell wiedergegebene Lesesituation eingeleitet werden. Dabei macht es einen nicht geringen Teil der Calvinoschen Faszinationskraft aus, daß diese Vielfalt stärker mimetisch und stärker a-mimetisch angelegter Texte auch deren Unvorhersehbarkeit in der stets spannungsvollen Folge der Werkentwicklung umfaßt. Man denke beispielsweise an die eklatante Verschiedenheit zeitlich gleichwohl benachbarter Erzählungen wie Il barone rampante und La speculazione edilizia oder an den nicht minder verblüffenden Sprung von der elaborierten „manieristischen“ Meta-Narration Se una notte d’inverno un viaggiatore zum „klassischen“ Maß der Palomar-Bilder und ihrer (relativ) unvermittelten Anschaulichkeit.
All diese Distinktionen würden indes verwischt, wenn man auf Calvinos Werk das Licht (oder die Dämmerung) einer vereinheitlichenden Poetik projizieren wollte. Nicht daß eine solche Projektion schlicht falsch wäre! Doch sie hilft kaum bei dem Versuch zu umreißen, wo Calvinos Texte gegenüber denen seiner Zeitgenossen jeweils eigene Identitätsfiguren gewinnen. Vorausgesetzt, daß sie überhaupt als praktikabel und praktisch angesehen wird, sollte man die Opposition „invenzione“-„conoscenza“ daher nicht allzu schnell in die eine oder die andere Richtung auflösen, sondern zu erklären suchen, wie und weshalb sich unter ihrem Aspekt bei Calvino ständig neue Akzentuierungen ergeben. Das gilt wohl in besonderem Maß für Palomar. Ganz der Kategorie von „invenzione“ unterstellt, müßte das Buch nicht allein den Abstand einbüßen, der es etwa von Se una notte oder Le città invisibili trennt; ebenfalls ginge die Erfahrung eines Scheiterns verloren, das seine Bitternis eben dem Umstand verdankt, daß es mehr betrifft als den Bereich referenzloser „Erfindung“.
Bezeichnend dafür ist die Schlüsselstellung, die in Palomar das Wort und das Konzept der „realtà mal padroneggiabile“ einnehmen. Die Wendung erscheint zum Beispiel, als Herr Palomar sich entschließt, angesichts der Komplexität des Wirklichen auf alte „Modelle“ und „Modelle von Modellen“ zu verzichten (vgl. Palomar,Torino 1983, 113). Eine ähnliche Bedeutung wird bereits im ersten Kapitel dem Beobachtungsexperiment der „Lettura di un’onda“ zugeschrieben: „[...] forse potrebbe essere la chiave per padroneggiare la complessità del mondo riducendola al meccanismo più semplice“ (Palomar,8). Und auch im vorletzten Kapitel „L’universo come specchio“, das Goebel-Schilling wie Sanna in ihren Stellungnahmen anführen, ringt Palomar um die „possibilità d’esercitare una padronanza sulle proprie inclinazioni e azioni“ (Palomar,121). Demnach ist der Protagonist immer wieder mit einem Chaos von äußerer und innerer Welt konfrontiert, welches er – vergeblich, wie sich regelmäßig herausstellt – zu beherrschen und zu gestalten trachtet. Bei jedem Versuch, das Auseinanderstrebende zu ordnen, kommt es indes auf Erkenntnis an; denn nur die Erkenntnis, nicht die Erfindung, begegnet ja Wirklichkeiten, die sich dem Willen nach Beherrschung und Gestaltung zu entziehen vermögen. Und so ist folgerichtig gerade in „L’universo come specchio“, wo der scheiternde Weltordner eine „padronanza sulle proprie inclinazioni e azioni“ erstrebt, auch explizit von Erkenntnis die Rede: „La conoscenza del prossimo ha questo di speciale: passa necessariamente attraverso la conoscenza di se stesso; ed è proprio questa che manca a Palomar“ (Palomar,120f.). Erst dies Fehlen und Ausbleiben befriedigender Erkenntnis verleiht Palomars Mißerfolgen hier wie anderweit ihre spezifische Dramatik. Wären sie bloße Frustrationen der „invenzione“, würden sie lediglich die Krise eines fassungslosen Beobachters – und durch ihn eines erschöpften Schriftstellers – bezeichnen. Nur indem sie tiefere Aporien der „conoscenza“ enthüllen, geben sie zugleich auch Aufschluß über einen kritischen Zustand der Welt.
Eben weil ich meine, daß die Parabeln des Palomar eher Enttäuschungen der Erkenntnis als solche der Erfindung inszenieren, und weil ich damit wohl stärker zu Sannas Betrachtungsweise neige, möchte ich seiner Deutung der Introspektion in „L’universo come specchio“ indessen mit Goebel-Schilling widersprechen. Sanna liest den in der Tat sonderbaren Schluß des Kapitels dergestalt, daß er die inständig gesteigerten Fragen von „Cosa vedrà?“ bis „Contemplerà una sfera di circonferenza infinita che ha l’io per centro e il centro in ogni punto?“ (Palomar, 121f.) „offen bleiben“ läßt (vgl. 87). Wenn Palomar die Augen öffnet, ist der Moment der Introspektion für Sanna offenbar schon vorüber, und „der Leser erfährt [...] nicht“, was Palomar bei seinem Blick nach innen gesehen haben mag (vgl. 88). Dagegen finde ich, daß diese Außensicht von Palomars Innensicht entschieden zu agnostisch verfährt und solcherart gerade die Pointe einer bitteren Erkenntnis, die das Stück beschließt, zum Nachteil der eigenen Argumentation zerstört. Genauer im Kontext betrachtet, zeigt sich nämlich, daß der Satz „Apre gli occhi“ die Introspektion keineswegs beendet, sondern sie allererst einleitet. Darauf weisen einerseits die dem Satz vorausgehenden Fragen hin: wenn nach den Amplifikationen der Frage „Was wird er sehen?“ die Auskunft „Er öffnet die Augen“ steht, wird das Folgende deutlich als Antwort auf diese Fragen qualifiziert. Und andererseits erfüllt auch der nächste Satz „quel che appare al suo sguardo gli sembra d’averlo già visto tutti i giorni“ eine ähnliche Funktion der Überleitung zum Bericht des in der Introspektion Gesehenen. Bezöge er sich nicht auf „das Ergebnis“ der „inneren Betrachtung“, wäre der – überraschende – Befund einer Identität mit alltäglichen äußeren Anblicken überflüssig und nicht mehr als eine ungeschickte Redundanz. Tatsächlich aber betrifft der trostlose Eindruck des déjà vu eben das Resultat der Introspektion. Das heißt: der Blick nach innen entdeckt das gleiche „universo pericolante, contorto, senza requie“, das sich tagtäglich bereits dem Blick nach außen dargeboten hat. Was zum Vorschein kommt, ist innen wie außen eine „nicht zu beherrschende Realität“ und vor allem – entgegen der Erwartung einer „sfera [...] che ha l’io per centro e il centro in ogni punto“ – die Absenz des Ich.
Nun zählen die Absenz des Ich und das Verschwinden des Subjekts bekanntlich zu den geläufigsten humanwissenschaftlichen Thesen der siebziger und achtziger Jahre. So hat die Erkenntnis, „daß das Ich an sich ein Nichts ist“, wenn man sie punktuell nimmt, auch nur wenig Gewicht. Literarische Prägnanz und Bedeutung gewinnt sie – wie ich meine – erst durch den Kontext, genauer gesagt: aus dem Umstand, daß sie hier auf eine merkwürdig paradoxale Weise vermittelt wird. In der Tat gibt Calvino dieser Wahrheit (wenn es denn eine Wahrheit ist) in eben jenem Rahmen Raum, in dem sein fiktionales alter ego sich ansonsten am beharrlichsten auf die eigene Person und die eigene Lebensgeschichte zurückbesinnt. Wo die „autobiographischen Elemente“ oder jedenfalls die bewußte Fiktion autobiographischer Elemente in Calvinos Werk mehr Relief als je zuvor erlangen, erweist sich, daß gerade ihr vermeintliches Zentrum – die Gestalt und der Ort des Ich – prekär geworden ist.
Dabei insistieren die lebensgeschichtlichen Andeutungen, welche das Buch durchziehen, häufig auf einem Kontrast zwischen Palomars jetzigen und seinen früheren Ideen. So heißt es einmal, er habe Mühe, seine Aufmerksamkeit wie Frau Palomar den Pflanzen der Terrasse zuzuwenden, „perché è arrivato troppo tardi a liberarsi dalle impazienze giovanili e a capire (solo in teoria) che l’unica salvezza è nell’applicarsi alle cose che ci sono“ (Palomar, 54).Ein anderes Mal erscheint die „jugendliche Ungeduld“ als eine „Serie intellektueller Unglücksfalle“: „In seguito a una serie di disavventure intellettuali che non meritano d’essere ricordate, il signor Palomar ha deciso che la sua principale attività sarà guardare le cose dal di fuori“ (Palomar, 115).Durch solche Stellen (und zumal die kleine Koketterie des „non meritano d’essere ricordate“) wird der Leser angehalten, jenseits der Palomarschen Jugend nun auch Calvinos „impazienze giovanili“ in Erinnerung zu rufen. Und hier bedarf es kaum längerer Lektüre, um festzustellen, daß am Beginn von Calvinos Schriftstellerkarriere etwa die Essays der fünfziger und frühen sechziger Jahre schon ähnlich um das Thema des Ichverlustes kreisten wie das späte Kapitel „L’universo come specchio“. Da handelt z. B. ein Aufsatz von der „perdita dell’io, la calata nel mare dell’oggettività indifferenziata“, wie ihn Sartres La Nausée dargestellt habe (vgl. Una pietra sopra,Torino 1980, 40),oder mit fast identischer Formulierung befindet ein anderer Aufsatz: „II nuovo individualismo approda a una perdita completa dell’individuo nel mare delle cose“ (Una pietra, 92).
Völlig verschieden ist jedoch der argumentative Stellenwert, welcher dieser Thematik in den Essays Il mare dell’oggettività oder La sfida al labirinto zukommt. Die „perdita dell’io“ gilt hier noch nicht als Ereignis, sondern lediglich als Gefahr: als eine historische Tendenz, die umso stärkeren Einspruch provoziert, je deutlicher sie sich am Horizont der Geschichte abzeichnet. So beschreibt Calvino den Untergang des Ich im „Meer der Objektivität“ (vgl. Una pietra, 41)im Grunde nur, um kraft der Suggestivität dieser Beschreibung zum Widerstand gegen das von ihr Begriffene, die „soggezione biologica“ und die „soggezione industriale“ (Una pietra,93), aufzurufen. Solcher Widerstand richtet sich gegen das Ende der Praxis und der Geschichte („la fine del fare, della storia“) und plädiert – gestützt auf den oft beschworenen Wert des „distacco storico“ – für eine „letteratura della coscienza“ als Widerpart einer „letteratura dell’oggettività“: eine Literatur, deren Symbol etwa in der individuellen „Resistenza“ des Barone rampante zu sehen ist, das heißt: im „momento [...] della non accettazione della situazione data, dello scatto attivo e cosciente, della volontà di contrasto, della ostinazione senza illusioni“ (Una pietra, 45).
So fördert eben das Gefühl einer Gefährdung des Ich beim Calvino der „impazienze giovanili“ ein Pathos des Bewußtseins und der geschichtlichen Selbstbehauptung des Individuums. Seinen jugendlich emphatischsten (und zugleich bewegendsten) Ausdruck hat dies Pathos wohl in dem langen Vortrag Il midollo del leone von 1955 gefunden. Dort beruft sich Calvino angesichts bestimmter Texte Kafkas, Camus’, Sartres, T. S. Eliots und Hemingways, die er als „letteratura del negativo“ einstuft (vgl. Una pietra, 17:„quella letteratura di processi, di stranieri, di nausee, di terre desolate e di morti nel pomeriggio“), auf Gramscis beziehungsweise Romain Rollands berühmtes Wort vom „pessimismo dell’intelligenza, ottimismo della volontà“, um dann fortzufahren: „Intelligenza, volontà: già proporre questi termini vuol dire credere nell’individuo, rifiutare la sua dissoluzione“. Denn gerade wer gelernt habe, die Probleme der Geschichte als Probleme der Massen und der Klassen zu verstehen, könne heute auch lernen: „quanto vale la personalità individuale, quanto è in essa di decisivo, quanto in ogni momento l’individuo è arbitro di sé e degli altri“ (Una pietra,15).
Erst wenn man zu diesen und ähnlichen Passagen des Essayisten Calvino zurückblättert, läßt sich ermessen, was die negative Erkenntnis bedeutet, welche am Schluß des Kapitels „L’universo come specchio“ steht. Indem sie den Platz, den das Ich ausfüllen sollte, durch eine chaotische Außenwelt besetzt zeigt, vollzieht sie so etwas wie eine Palinodie der Calvinoschen Anfänge. In ihr hat die Erfahrung von drei Jahrzehnten zur Absage an Überzeugungen geführt, welche einst nicht nur Positionen, sondern Grundimpulse in Calvinos Schriften bildeten: die Selbständigkeit des Ich gegenüber der Welt, der Primat des Bewußtseins, die Kraft kritischer Distanz, die Möglichkeit einer Beherrschung der Geschichte. Dabei ist aufschlußreich, daß schon die positive Nennung dieser Ideale die gleichen Begriffe gebrauchte, mit denen später ihre Irrealität und Nichtrealisierbarkeit bezeichnet werden. So galt das „Löwenmark“, das in jeder authentischen Dichtung enthalten sein soll, als „un nutrimento per una morale rigorosa, per una padronanza della storia“ (Una pietra,17). Statt der erhofften „padronanza della storia“ nehmen die Kapitel des Palomar dagegen nur noch die „realtà mal padroneggiabile“ wahr, in der nicht einmal mehr eine „padronanza sulle proprie inclinazioni e azioni“ erreichbar scheint, um für das verlorene Ich Wege aus dem Meer, oder jetzt besser: der Komplexität des Objektiven zu weisen.
Demnach gewinnt auch Calvinos Palomar seine Spannung und Tiefe allein aus der Geschichtlichkeit seiner intertextuellen Relationen. Nicht schon daß es – beinahe möchte man sagen: wie üblich – die Absenz des Ich konstatiert, macht etwa die Bedeutung eines Kapitels wie „L’universo come specchio“ aus. Entscheidend ist vielmehr die durch diesen Befund implizierte Negation bestimmter Erwartungen und Hoffnungen. Von ihnen sprachen frühere Texte, die als negierte am späteren Text mitwirken und seine desillusionierende Erkenntnis erst eigentlich mit Schärfe und Schmerz erfüllen.
L’autore parte dalla discussione di due saggi di G. Goebel-Schilling e S.A. Sanna apparsi su Italienisch 16 (1986). In contrasto colla posizione di Goebel-Schilling, cerca di difendere la funzione conoscitiva (e non solo di invenzione fantastica) della scrittura calviniana, mentre con Sanna si trova in disaccordo per la lettura dell’„Universo come specchio“, il penultimo capitolo di Palomar. Secondo l’autore, quel capitolo finisce infatti coll’introspezione del protagonista che spazia „con lo sguardo dentro di sé“, per giungere però alla conoscenza negativa di un’assenza dell’io. La negatività di questa scoperta si rivela pienamente, se la mettiamo in rapporto (antitetico) colla poetica del primo Calvino dei saggi Il midollo del leone, Il mare dell’oggettività o La sfida al labirinto. Considerata intertestualmente all’interno dell’iter calviniano, la perdita dell’io, manifestata da „L’universo come specchio“, rappresenterebbe addirittura la palinodia di quell’enfasi dell’io che costituiva, negli anni cinquanta, il centro del „discorso eticopoetico“ caro al primo Calvino. Così, proprio „L’universo come specchio“ acquisterebbe una tonalità quasi tragica, da ultima tappa di un lungo addio che abbandona, insieme alla fiducia nell’individuo, anche le illusioni (le „impazienze giovanili“) di un distacco critico e di una „padronanza della storia“.
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