Realität und Wirklichkeit in der Moderne

Texte zu Literatur, Kunst, Fotografie und Film

TEI DownloadPermalink: http://gams.uni-graz.at/o:reko.lege.1936a

Der neue Realismus nimmt seinen Lauf, 1936

Fernand Léger

Quelle

Fernand Léger: "Der neue Realismus nimmt seinen Lauf", in: Fernand Léger 1980. Ausstellungskatalog Fernand Léger 1881-1955. Staatliche Kunsthalle Berlin vom 24. Oktober 1980 bis 7. Januar 1981. Berlin: MD 1980, S. 346-347, 350-351, 358, 360. ASIN B005KPKT6U.

Erstausgabe

"Le nouveau réalisme continue", in: Jean Lurçat/M. Gromaire/E. Goerg/L. Aragon/Küss/F. Léger/Le Corbusier/A. Lhote/J. Labasque/J. Cassou: La Querelle du réalisme. Deux débats organisés par l'Association des peintres et sculpteurs de la Maison de la culture. Paris: Éditions Sociales Internationales 1936, S. 73-79.

Genre

Manifest

Medium

Kunst

[346] Jede Epoche der Kunst hat ihren Realismus. Sie schafft sich ihn in mehr oder minder starker Abhängigkeit von den vorhergehenden Epochen, deren Stil sie bisweilen ablehnt, bisweilen fortführt.

Der Realismus der primitiven Meister ist nicht jener der Renaissance, und der eines Delacroix befindet sich in offenem Gegensatz zu dem eines Ingres.

Unmöglich, das Wie und Warum dieses jedem erkennbaren Sachverhaltes zu erklären. Die Gründe lassen sich nur erahnen. Wollte man sie logisch explizieren, würde man alles erst recht durcheinanderbringen. Sicher ist jedenfalls, daß es keine Epoche gibt, deren Schönheitsideal normativ sein kann und als höhere Schönheit angesprochen werden darf, an der sich das Schaffen anderer Zeiten bewerten, bemessen, vergleichen ließe. Dem schöpferisch tätigen Künstler, der an seiner Arbeit zu zweifeln beginnt, ist es grundsätzlich versagt, sich in der Vergangenheit helfende Normen zu suchen. Er hat seinen Weg zu gehen und zu wissen, das [sic] er im Letzten allein bleibt. Jeder, dessen Schicksal es ist, erfinden, erschaffen und gestalten zu müssen, leidet ein Leben lang unter diesem Fluch. Der große Fehler der Schulen lag und liegt darin, daß sie immer wieder versuchen, eine Werthierarchie zu errichten und eine bestimmte Epoche, zum Beispiel die italienische Renaissance, zur absoluten Norm zu erheben – was völlig unhaltbar ist.

Wenn die verschiedenen Realismen sich voneinander unterscheiden, so deshalb, weil der Künstler immer in seiner Zeit, in seiner neuen Umwelt und in einem bestimmten Ideenkreis lebt, der sein Denken beeinflußt und prägt.

Seit einem halben Jahrhundert jagen sich die umwälzenden naturwissenschaftlichen, philosophischen und sozialen Neuerungen, deren Wert außer Frage steht, und es scheint mir, gerade die Geschwindigkeit dieser Zeit habe den Durchbruch und die Gestaltung des neuen, von den vorangegangenen bildnerischen Vorstellungen stark abweichenden Realismus ermöglicht. Den Bruch mit der „folgerichtigen“ Tradition vollzogen die Impressionisten und vor allem Cézanne (1839-1906). Die „Modernen“ schlossen sich ihnen an und drängten nach noch größerer Freiheit. Nachdem wir die Farbe und die geometrische Form befreit hatten, konnten beide die Welt erobern. Sowohl das Staffeleibild wie die in und an der Architektur angewandte Kunst [347] der vergangenen fünfzig Jahre werden durchgehend von diesem neuen Realismus bestimmt.

Man wirft den Kunsthändlern und namhaften Sammlern oft vor, sie hätten sich egoistisch jener Bilder bemächtigt, die den Anfang der modernen Entwicklung markieren, und sie so den breiteren Schichten des Volkes entzogen. Wer trägt die Schuld? Zweifellos unsere soziale Ordnung. Ich habe nicht die Absicht, den Kunsthändlern den Prozeß zu machen, die zu einer Zeit, da es noch keineswegs sicher war, ob sich diese Bilder durchsetzen werden, ähnlich wie die Künstler große Risiken eingegangen sind.

Zusammen mit den bedeutendsten Sammlern haben diese Geschäftsleute uns Malern die Existenz gesichert und dafür gesorgt, daß unsere Arbeiten heute auf der ganzen Welt zu finden sind. Wenn unsere Werke dem Volk nicht vertraut werden konnten, liegt dies, ich kann das nur wiederholen, an der heutigen Gesellschaftsstruktur und nicht an dem angeblichen Mangel an menschlichen Werten, den man der modernen Kunst nicht selten zum Vorwurf macht. Denn unter einem so billigen Vorwand möchte mancher die Brücken zwischen uns und dem Volk abbrechen, die befreiende Malerei, um die wir während Jahrzehnten gerungen haben, rücksichtslos abtun und mit Hinweisen auf Rembrandt und Rubens zu einer Kunst zurückkehren, vor der uns der Himmel bewahre.

Unter dem Vorwand, die breiten Massen, die unserer Sympathie sicher sein können und deren gesundes Gespür schon bald einmal die neue Wahrheit unseres Schaf[350]fens erfassen wird, sofort zu gewinnen, versucht man, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und das Volk erst für Bummelzüge zu begeistern, dann in Postkutschen zu verfrachten und schließlich auf Schusters Rappen weiterziehen zu lassen.

Heißt das nicht, diese Leute von heute, die sich bemühen, ihre Zeit zu verstehen und das gegenwärtige Tempo einzuhalten, gröblich beleidigen? Wer hat das Recht, von oben herab zu erklären, sie seien viel zu schwerfällig, um sich zu diesem neuen Realismus emporzuschwingen, zur Kunst jener Gegenwart, in der sie leben und arbeiten und die sie mit ihren eigenen Händen gestaltet haben? Nichts falscher, als ihnen zu sagen, das Moderne sei nicht für sie, sei nur für die Reichen, eine Kunst für Spezialisten und genießende Bürger.

Wir Künstler fühlen uns zu einem neuen Teamwork im Dienst der Gesellschaft [351] durchaus befähigt und warten nur auf den Augenblick, wo es uns die soziale Entwicklung ermöglicht, die neue „Wandmalerei“ in Angriff zu nehmen.

Als unsere Ahnen verehren wir die ursprünglichen, volksverbundenen Maler der Zeit vor der Renaissance, das heißt vor dem Aufkommen einer individualistischen Kunst, die jenen die sich um die Erneuerung und Verwirklichung einer modernen, allgemein zugänglichen „Wandmalerei“ bemühen, nichts mehr zu sagen hat. Unsere eigene Zeit bietet uns zudem soviel bildnerischen Rohstoff, daß wir die Grundelemente für unsere Werke nicht anderswo suchen müssen. Daran fehlt es also nicht. Aber solange sich die sozialen Verhältnisse nicht ändern, hat das Volk an der heutigen Kunst leider weiterhin keinen Anteil. Diese Feststellung führt uns zum Problem der Freizeit, das meines Erachtens von größter Wichtigkeit ist. Von der Verwirklichung und Gestaltung der Freizeit hängt hier fast alles ab. Nie in der ganzen Geschichte der Menschheit hatten die Arbeiter Zugang zur Schönheit der Kunst, denn immer fehlte es ihnen an der nötigen Zeit und an der geistigen Weite.

Gäbe man den breiten Volksschichten mehr Freiheit und die Gelegenheit, zu denken, zu sehen und sich zu bilden, kämen auch sie zweifellos schon bald in den vollen Genuß der neuen Ausdrucksformen der heutigen Kunst.

Bereits haben diese Leute, die uns täglich mit den ungebrochenen Farben, den zweckentsprechenden Formen und den präzisen Proportionen der von ihnen hergestellten Gegenstände erfreuen, die möglichen und vorgegebenen bildnerischen Elemente aufgespürt. So kann man zum Beispiel an den Wänden eines volkstümlichen Tanzlokales Flugzeugpropeller aufgehängt finden, die allen Besuchern gefallen. Wenn sie wüßten, wie manches solche Propeller mit gewissen modernen Skulpturen gemeinsam haben! Eine kleine Anstrengung, und schon würden sie fühlen und begreifen, um was es sich handelt bei diesem neuen Realismus, der in den grundlegenden Erscheinungsformen des modernen Lebens wurzelt, von den geometrischen Formen fabrikmäßig hergestellter Gegenstände mitbestimmt wird und eine Welt ins Kunstwerk umsetzt, in der sich Wirkliches und Vorgestelltes nahtlos ineinander verweben, aber aus der jedwelche literarische Sentimentalität, erzählende Papierpoesie und aufgebauschte Schulbuchdramatik verbannt bleibt.

Die moderne Architektur, die Zwillingsschwester der zeitgenössischen Malerei, bietet dem Volk einen neuen, zweckmäßig gestalteten Lebensraum, der den diesbezüglichen Leistungen der vorangegangenen Epochen weit überlegen ist.

André Lurçats (*1894) Gemeindeschule von Villejuif bei Paris darf in diesem Zusammenhang, wie mir scheint, als anspornender Präzedenzfall erwähnt werden.

Mit seinen zwei großen Geschenken, dem Licht und der freien Wand, hat Le Corbusier (1887-1965) gerade den Arbeitern ein neues Leben ermöglicht. Man mache sie nun mit den Vorzügen dieser neuen Architektur vertraut und versuche nicht mehr, ihnen die muffigen Stoff- und Papiertapeten der Jahrhundertwende anzuhängen. Das arbeitende Volk hat ein Recht auf ein gesundes Wohnklima. Ein Recht auf Licht, auf saubere Mauern und auch auf Wandmalereien, wie sie nur die besten modernen Künstler zu schaffen vermögen. Gewährt man ihm dann auch die nötige Muße, wird es sich in dieser neuen Umwelt bald zurechtfinden, wird aufleben und das, was wir ihm zu bieten haben, lieben. Wie könnte man diesen Leuchten die täglich von Rundfunk, Film und photographischen Riesen[358]montagen umworben werden, eine erzählende Kunst anbieten, und wie sollten wir Maler uns mit der Reklame und den Massenmedien, die uns schonungslos mit dem Fortissimo ihrer vulgarisierten Kunst überschütten, messen wollen?

Man täte den Arbeitern Unrecht, setzt man ihnen unter dem Vorwand, sie fänden ohnehin keinen Zugang zum Schönen, eine qualitativ minderwertige Volkskunst vor. Sie verdienen es vielmehr, daß man sich gerade für sie um eine ausgleichende, nach innen weisende Kunst von wirklicher Qualität bemüht, um eine Ästhetik, deren bildnerisch gestaltete Werke sich in jeder Beziehung von dem eben beschriebenen Reklamenchaos unterschieden.

Das schließt nicht aus, daß wir Maler uns den Veranstaltern von Volksfesten zur Verfügung stellen, um zum Beispiel, je nach Bedarf, die Farbe zu ordnen oder vollends zu entfesseln. Dynamisch verteilt, vermag die reine Farbe eine Mauer für unsere Augen aufzulösen oder zu sprengen. Die Farbe bringt Freude, kann aber auch wahnsinnig machen. Im polychromen Spital wird sie als Heilmittel angewendet. Sie ist ein Rohstoff, eine Urkraft, lebensnotwendig wie Wasser und Feuer. Sie vermag unseren Tatendrang ins Grenzenlose zu steigern und kann sich mit dem Lautsprecher messen, mit dem sie manches gemeinsam hat, ermöglicht sie doch alle Nuancen vom feinsten Pianissimo bis zum ohren- oder vielmehr netzhautzerreißenden Fortissimo.

Dort, wo es darum geht, die Intensität des Lebens in seiner ganzen Vielfalt unter Beweis zu stellen, bieten sich völlig neue Möglichkeiten an, denn das Spiel auf der Bühne wurde noch nie mit Farbe, Musik, Bewegung, Licht und Gesang so zusammenkomponiert, daß jeder Faktor und das ganze „Gesamtkunstwerk“ vollständig zur Geltung gelangen konnte. Der einfache Mann aus dem Volk ist für diese selbstverständliche Schönheit von Geburt an empfänglich. Selbst der Bauhandlanger, der einen blauen Gürtel einem roten vorzieht, zeigt, daß er zu wählen versteht. Die Kriterien, mit denen er irgendeinen modernen Seriengegenstand beurteilt, sind vorerst ästhetisch. Er spricht vom „schönen Fahrrad“ und vom „schönen Wagen“, bevor er noch festgestellt hat, ob sie auch funktionieren. Damit befindet er sich aber bereits im Umkreis des „Neuen Realismus“, zu dem auch das Schaufenster gehört, in welchem ein einzeln zur Geltung gebrachter Gegenstand den möglichen Käufer anzieht, fasziniert und verführt.

Selbst der ungehobeltste Mensch hat in sich etwas, das ihn zum Schönen hinziehen kann. Aber ein Kunstwerk – ein Gemälde oder Gedicht – beurteilen alle, die – ich komme erneut auf diesen springenden Punkt zurück – nicht die Möglichkeit gehabt haben, sich in Muße zu bilden, nur, indem sie es mit bekannten Dingen verglei[360]chen. Sie ziehen den akademischen Bouguereau (1825-1905) Ingres vor, weil Bouguereau die Natur genauer nachgeahmt hat. Sie wissen nicht, daß ein solches vergleichendes Urteil völlig wertlos sein muß, weil jedes Kunstwerk eigenwertig ist, eine unabhängige Einheit bildet. Doch sie erfaßten es bald, wäre man ihnen behilflich. Denn die Masse, die heute nach dem ihr zukommenden Platz in der Gesellschaft verlangt, der Mann aus dem Volk, ist – wir sollten das nie vergessen – ein Dichter und ein Wächter am Schatz der wirklichen Poesie. Er und kein anderer schöpft und erneuert tagtäglich die lebendige Form der Volkssprache. In dem Milieu dieser einfachen Leute erneuert sich das Wort ohne Unterlaß. Während ihre Hände Schrauben anziehen, erfindet ihre unermüdliche Einbildungskraft neue Wörter und Wendungen voll urwüchsiger Poesie.

Seit je hat das Volk auf der ganzen Welt seine eigene Sprache geschaffen, die nichts anderes ist als sein Realismus, ein unausschöpfbarer Schatz. Das Argot, die gesprochene Sprache des tätigen Volkes, ist die schönste und lebendigste Poesie. Die volksverbundenen Schauspieler und Sänger der kleinen Quartiertheater bedienen sich ihrer und erneuern und bereichern sie bei jedem Auftritt. Diese Sprachform ist aber auch eine organische Verbindung von Realismus und angewandter Einbildungskraft, ein sich immerfort erneuernder Realismus.

Und da glaubt man, dieser breitesten Gesellschaftsschicht das Recht auf den Genuß und die Befriedigung, die unsere heutige Kunst zu bieten vermag, absprechen zu dürfen, maßt sich an, gerade die, die täglich die Sprache schöpferisch neugestalten, um die Möglichkeit zu bringen, an den bildnerischen Werten der Gegenwartskunst teilzuhaben. Unmöglich! Sie haben das Recht, von uns mit Nachdruck zu verlangen, daß wir diese überholte Einstellung endlich aufgeben und auch sie in die ihnen bisher verschlossenen Bezirke des Schönen eintreten lassen.

Alles ein-/ausblenden

Themen

  • Textrepräsentant

Kategorien

Einzelkategorien

  • Besonderer Begriff
    • neuer Realismus
  • Disziplin und Stil
    • Realismus
  • Episteme
    • Geschwindigkeit
  • Epoche und Strömung
    • moderne Architektur
    • Modernen, die
    • zeitgenössische Malerei
  • Feld
    • Gesellschaft
  • Person
    • Cézanne, Paul
    • Delacroix, Eugène
    • Ingres, Jean-Auguste-Dominique
    • Le Corbusier
  • Realitätsbegriff
    • Leben

Fernand Léger: Der neue Realismus nimmt seinen Lauf, 1936

Zum Seitenanfang