Realität und Wirklichkeit in der Moderne

Texte zu Literatur, Kunst, Fotografie und Film

TEI DownloadPermalink: http://gams.uni-graz.at/o:reko.flus.1993

Abbild – Vorbild, 1993

Vilém Flusser

Quelle

Vilém Flusser: "Abbild – Vorbild", in: Christiaan L. Hart Nibbrig (Hrsg.): Was heißt »Darstellen«?, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994, S. 34-48. ISBN 3-518-11696-7.

Erstausgabe

"Abbild – Vorbild oder: was heißt darstellen?" [1991], in: Schriften. Bd. 1. Lob der Oberflächlichkeit. Für eine Phänomenologie der Medien. Bensheim/Düsseldorf: Bollmann 1993. (=Flusser. Schriften Bd. 1.), S. 293-317. ISBN 3-927-90136-9.

Genre

Aufsatz

Medium

Digitale Medien, Medien allgemein

[34] Angenommen, man hätte einem englisch sprechenden Mitarbeiter an diesem Buch das Verbum „darstellen“ zu erklären. Man könnte sagen, die Bedeutung dieses Wortes sei ungefähr jene Grauzone, in welcher sich die Bedeutungen von „to represent“, „to expose“ und „to exhibit“ überschneiden. Das ließe leider beide Gesprächspartner unbefriedigt. Den Erklärer, weil „darstellen“ nicht etwas Graues, Undefinierbares meint, sondern eine definierbare Bedeutung hat, nach welcher im Buchtitel gefragt wird. Den anderen, weil die drei englischen Verben definiert werden können, und einander dann nicht überschneiden. Heißt das, daß die im Buchtitel gestellte Frage im Deutschen einen anderen Sinn hat, als wenn sie übersetzt wird? Und daß der französische Buchtitel Que veut dire „représenter“? eine andere Frage stellt und ein anderes Buch erfordert? Das allein macht das Buchprojekt spannend: Es ist „interdisziplinär“, schon weil jede Sprache ihre eigene Disziplin fordert.

Das ist nicht alles. Der erwähnte Erklärungsversuch legt nahe, daß „darstellen“ von „vorstellen“ und von „ausstellen“ zu unterscheiden ist. Aber das Verbum „stellen“, das hier mit den Vorsilben „dar-“, „vor-“ und „aus-“ erscheint, ist doch der Bedeutungskern, der übrigens weder ins Englische noch ins Französische eine befriedigende Übersetzung zuläßt. Dieses Verbum kann mit einer Zahl anderer Vorsilben versehen werden. Sind wir in jenem Gestrüpp, in welchem das Heideggerische „Gestell“ den Weg zur Beantwortung der gestellten Frage verstellt, noch bevor man sie angeht? Müssen wir etwa folgende Fragen stellen: „Stellt man etwas her, wenn man darstellt?“, oder: „Stellt man etwas dar, damit es sich herausstellt?“, oder „Stellt man etwas an dem an, das man darstellt?“ Das sind zweifellos lauter fruchtbare Fragen, denn sie gebären weitere und lassen die ursprüngliche Frage „Was heißt darstellen?“ in ihrer Vielseitigkeit glitzern. Die dem vorliegenden Aufsatz gesetzten Grenzen lassen aber nicht zu, derartig verschlungenen Pfaden nachzugehen.

Er wird sich mit der folgenden Frage begnügen: „Wie muß man sich einstellen, um darzustellen?“ Hier die vorweggenommene [35] Antwort: Es gibt zwei verschiedene Einstellungsarten: „Darstellen“ heißt entweder, ein Abbild von dem zu machen, was ist, oder ein Vorbild für das, was sein soll. Gegenwärtig ist die Unterscheidung zwischen diesen beiden Darstellungsarten problematisch, und sie ist eins der Hauptprobleme, vor die wir in unserer Kultur gestellt sind.

Der Mensch besitzt die Fähigkeit, aus Situationen zurücktreten zu können. Dies ist für die Gattung „Mensch“ kennzeichnend. Wie alle Lebewesen stehen wir in der Lebenswelt (wir „in-sistieren“), aber eigenartigerweise können wir uns auch daraus herausziehen („ek-sistieren“). Die Bewegung des Zurückziehens (des Abstrahierens) ist zwar konkret erlebbar, aber nicht begreifbar. Auch die ausgeklügelsten Begriffe greifen nicht. Die Sache ist unfaßbar, und wir stehen ihr fassungslos gegenüber. Aus dieser Fassungslosigkeit sind alle Anthropologien (alle Versuche, den Menschen in seiner Eigenart zu fassen) entstanden.

Die Fähigkeit zu existieren stellt die Frage, wohin man zurücktritt. Die Tradition bietet verschiedene Topoi als Antwort. Zum Beispiel: in den Geist, in die Seele, ins Selbst (wofür das Spanische und Portugiesische einen eigenen Namen geprägt haben, nämlich ensimesmamento). Aber je mehr wir darüber nachdenken und uns dabei in Widersprüche verstricken, desto deutlicher wird, daß die Frage „wohin?“ falsch gestellt ist. Aus verschiedenen konvergierenden Gründen wird immer klarer, daß „Existenz“ nicht irgendeinen außenstehenden Ort meint. Sie meint eine Einstellung, nicht einen Standpunkt. Wir ziehen uns aus der Lebenswelt zurück, weil wir uns zu ihr negativ verhalten können. „Existenz“ ist Negation (nicht Position), ist Utopie (nicht Topos), und alle Versuche, sie zu reifizieren, müssen zu metaphysischen Konstrukten wie „Geist“ oder „Seele“ führen. Aber wenn man unter „Existenz“ nicht etwas Lokalisierbares, sondern etwas alles Lokalisierbare Verneinendes versteht, dann hat man die Unbegreifbarkeit der Sache gegenüber nicht überwunden. Jetzt stellt sich die womöglich noch geheimnisvollere Frage: „Was heißt verneinen?“ Der vorliegende Aufsatz wird sich bemühen zu zeigen, daß diese Frage im Kontext jener – „Was heißt darstellen?“ – steht.

Solange es Menschen gibt, besteht ihre verneinende Einstellung zur Umwelt, wie man am Gebrauch des Werkzeugs ersehen kann. Unterziehen wir etwa ein paläolithisches Steinmesser einer phänomenologischen Untersuchung, dann ersehen wir, was „verneinen“ [36] bedeutet. Das Messer dient dem Zerreißen von Tierhäuten, es ist ein künstlicher Reißzahn. Um so etwas herstellen zu können, muß man erkannt haben, daß der „gegebene“ Reißzahn nicht so ist, wie er sein soll. Allerdings auch, wie der Reißzahn zu sein hat. Diese Unterscheidung zwischen Sosein und Seinsollen (zwischen Realem und Wert) muß dem Herstellen vorangehen. Das ist die Einstellung der Verneinung: „So soll es nicht sein, sondern anders.“ Werkzeuge sind Resultat dieser Verneinung: sie versuchen, Werte zu realisieren und Reales zu verwerten. Also: Sobald Menschen existieren, stellen sie her, und dabei stellt sich heraus, was die verneinende Einstellung bedeutet.

Aber „herstellen“ und „darstellen“ sind trotz ihrer etymologischen Verwandtschaft keine Synonyme. Und hier wird gefragt, was „darstellen“, nicht was „herstellen“ bedeutet. Daher ist es nötig, die phänomenologische Untersuchung des Steinmessers, dieses Zeugen der Existenz, weiterzuführen. Es ist ein künstlicher Reißzahn. Dies setzt voraus, daß bei seinem Herstellen der zu simulierende und zu verbessernde Reißzahn gegenwärtig war: als Vorbild. Man kann sich denken, der paläolithische Hersteller habe etwa einen Tigerzahn vor sich liegen gehabt, der ihm als Vorbild diente, als Darstellung dessen, was sein soll. Aber ebenso läßt sich denken, daß er sich den eigenen ungenügenden und daher zu verneinenden Reißzahn vorgestellt hat – als Darstellung dessen, was ist und nicht sein soll. Das führt die Überlegung um einen Schritt weiter.

Vorstellung“ (wonach hier ebenfalls nicht gefragt wird) kann als erinnerte und abrufbare Wahrnehmung verstanden werden. (Die damit verbundenen neurophysiologischen und psychologischen Schwierigkeiten bleiben hier unbeachtet.) Daher muß „Vorstellung“ als eine unbefriedigende Darstellung angesehen werden. Sie ist flüchtig und privat und für das Herstellen unverläßlich. Sie muß festgehalten und intersubjektiviert werden, um als Abbild dessen, was ist und zu verneinen ist, verwendet werden zu können. Man muß von der Vorstellung zurücktreten können, um sie zu manipulieren und aus ihr eine verläßliche Darstellung zu machen. Man muß weiter abstrahieren.

Hier ist ein Exkurs geboten. Betrachtet man die verneinende Einstellung als Rückzug aus der Lebenswelt, dann muß man sagen: ein solcher Rückzug verwandelt die Lebenswelt in eine vorgestellte Welt, und er verwandelt die Existenz in ein Subjekt von [37] Vorstellungen. Durch die Negation entsteht ein Riß in der Lebenswelt, auf dessen einer Seite die vorgestellte Welt als Objekt steht und auf dessen anderer Seite sich ein Subjekt so eine Welt vorstellt. Werkzeuge werden hergestellt, um diesen Riß zwischen Subjekt und Objekt zu überbrücken. Kurz: Objekte sind Vorstellungen, die sich entfremdete Existenzen von der Lebenswelt machen.

Für den weitaus größten Zeitabschnitt des Daseins der Gattung „Mensch“ genügt diese Darstellung der verneinenden Einstellung: Das Sosein der Lebenswelt wird verneint, ein Seinsollen wird ihm entgegengesetzt, die verneinte Lebenswelt wird als Objektkontext vorgestellt, und diese Vorstellungen dienen dem Herstellen von Werkzeugen als Abbild des Seins und Vorbild des Seinsollens. Mit dem Auftreten des homo sapiens sapiens vor etwa 40000 Jahren wird diese Darstellung der verneinenden Einstellung mit einem Schlag ungenügend. Auf Höhlenwänden etwa in Lascaux entstehen Darstellungen von Stieren, Mammuts und Pferden. Man ist dort von den Vorstellungen zurückgetreten, hat sie festgehalten und intersubjektiviert, und verläßlichere Darstellungen sind hergestellt worden.

Vorstellungen sind privat gespeicherte Wahrnehmungen, aber im Grunde kann man über sie nicht sprechen. Privates ist nicht mitteilbar, es gibt keine Privatsprache. Um Privates mitzuteilen, muß man davon abstrahieren. Man muß „Eigennamen“ auf „Namen von Klassen“ reduzieren. Anders gesagt: man muß das Wahrgenommene symbolisieren und diese Symbole ordnen. Man muß Wahrnehmungen kodifizieren. Vorstellungen sind private konkrete Erlebnisse, die auf Wahrnehmungen beruhen. Um aus Vorstellungen verläßliche Darstellungen zu machen, muß man sie mittels der Kodifikation intersubjektivieren. Das ist das erste.

Vorstellungen sind flüchtig. Sie sind in den Höhlen an der Dordogne mit Farbstoffen an Felswänden festgehalten worden. Wie vorstellen vor sich geht, beginnen wir erst seit kurzem dank Computertechnik und Neurophysiologie einzusehen. Es handelt sich um ein Scanning, auf das eine übertragende Raffung folgt. Aber es ist nicht nötig, auf diesen äußerst komplexen Vorgang einzugehen. Es genügt, daß es Methoden gibt, um Wahrnehmungen festzuhalten und auf diese Weise verläßliche Darstellungen herzustellen. Das ist das zweite.

Die aus Vorstellungen hergestellten Darstellungen heißen „Abbilder“. Abbilder sind Resultate einer Reihe von Abstraktionen. [38] Zuerst zieht sich die Existenz durch die Verneinung des Soseins aus der Lebenswelt zurück, dann zieht sie aus der verneinten Lebenswelt Vorstellungen von Objekten, und schließlich tritt sie von den Vorstellungen zurück, um sie zu kodifizieren und festzuhalten. Demnach sind Abbilder aus konkreten Erlebnissen gewonnene Abstraktionen: sie haben von den Erlebnissen die Tiefe des Raums, den Strom der Zeit und die unmittelbare Privatheit abgezogen. Abbilder sind Abziehbilder, wie Landkarten als von der Landschaft abgezogene Bilder gelten können.

Um die hier gemeinte Abstraktion auszuführen, sei auf das Steinmesser zurückgegriffen. Sein Herstellen setzt voraus, daß sich die Existenz aus der Lebenswelt verneinend zurückzieht, um sich Objekte vorzustellen – etwa den verneinten eigenen Reißzahn. Aber die verneinte Lebenswelt muß dabei in Reichweite der Existenz bleiben: die Hand (Praxis) muß hineingreifen können, um Steine herauszuholen (von dort hierher zu stellen). Das Herstellen von Abbildern hingegen setzt voraus, daß die Existenz von sich selbst zurücktritt, um ihre eigenen Vorstellungen zu bearbeiten. Der Abgrund zwischen ihr und der verneinten Lebenswelt ist breiter geworden, und die Lebenswelt ist unmittelbar praktisch nicht mehr zu erreichen. Man kann Pferdebilder beim Jagen nicht so unmittelbar wie Steinmesser benützen. Sobald verläßliche Darstellungen hergestellt werden, ist keine unmittelbare Verbindung zwischen Existenz und Lebenswelt mehr möglich.

Die verneinende existentielle Einstellung, die in Darstellungen wie in Abbildern resultiert, kann zu immer größeren Abstraktionen, zu immer weiteren Entfremdungen führen. Paläolithische Höhlenbilder sind die erste Stufe. In einer von zwei Bedeutungen heißt „darstellen“, so die Schlußfolgerung, die konkrete Lebenswelt und die eigene Subjektivität zu verneinen, um abstrakte Abbilder von vorgestellten Objekten herzustellen.

Es wurde oben gesagt, Existenz sei jene Einstellung, welche die konkrete Lebenswelt mittels Werten verneine. Bisher war vor allem von der verneinten Lebenswelt die Rede, nun soll die Einstellung zu den Werten in den Vordergrund treten. Bisher besaßen die Ausführungen „ontologischen“ Charakter, nun nehmen sie einen „deontologischen“ an. Es geht nun um Darstellungen von dem, was sein soll ( Vorbilder). Der sich anbietende Ausgangspunkt, nämlich die „darstellende Geometrie“, kann nur mit Vorsicht ver[39]wendet werden, weil dabei die Frage der Werte nicht deutlich wird. Ein kleiner Umweg ist nötig.

Seit man nicht mehr jagt, sondern pflanzt, lebt man in Furcht vor Wasser (wie vorher in Furcht vor Raubtieren und Parasiten). Diese Furcht läßt sich in Sorge verwandeln, wenn man das Verhalten des Wassers voraussieht. Am Rande des am Flußufer liegenden neolithischen Dorfes liegt ein Haufen aus Küchenabfällen. Wer darauf klettert, kann flußaufwärts blicken und Überschwemmung oder Trockenheit voraussehen. (Und man kann die Ernte auf dem Hügel lagern, um sie vor Wasser zu schützen.) Der auf den Hügel gekletterte Aufseher und Wächter wird zu Priester, König und Gott avancieren, und seine etwas anrüchige Transzendenz wird geheiligt werden. Tatsächlich hat der auf dem Hügel gewonnene Blick etwas die Welt Transzendierendes an sich. Wer von dort flußaufwärts blickt, sieht nicht nur den Flußlauf (das, was ist), sondern „dahinter“ mögliches Wasser (das, was sein kann). Dieses Sein-Können ist entweder erwünscht oder gefürchtet. Die Aussicht vom Haufen erlaubt es, den gesehenen Flußlauf so zu entwerfen, daß gewünschte Möglichkeiten realisiert und gefürchtete vermieden werden.

Es gibt mesopotamische Ziegel, worin Linien eingezeichnet sind, die Flußkanalisation bedeuten. Sie stellen den Fluß dar, nicht so wie er ist, sondern wie er sein soll. Überschwemmung und Trockenheit sollen vermieden, Bewässerung der Pflanzen soll herbeigeführt werden. Diese Ziegel sind auf dem oben erwähnten Hügel hergestellt worden. Sie zeichnen vor, wie man sich zu verhalten hat, um Kanäle zu graben. Es sind Imperative, Gesetzestafeln. Ihre Herstellung ist die normative, legislative Funktion des Big Man (des Aufsehers und künftigen Priester-König-Gottes). Es geht um Entwürfe, um vorbildliche Darstellungen.

Wer entwirft, rechnet mit Möglichkeiten. Die entwerfende Lebenseinstellung ist nicht erst seit der Wahrscheinlichkeitsrechnung und den Computerprojektionen ihrem Wesen nach rechnerisch. Werten bedeutet messen, vorbildlich Maß geben, auch wenn uns die traditionellen Religionen den gesetzgebenden Gott nicht als berechnend schildern. Wer entwirft, wirft messende Netze über die verneinte Lebenswelt mit der Absicht, in den Maschen der Netze (den Maßeinheiten) vorherbedachte Möglichkeiten zu realisieren. Der Big Man, der Gesetzgeber, ist ein Rechner: Er sammelt die Ernte ein (summiert die Körner) und verteilt sie (divi[40]diert die Summe). Er „regiert“ („rechnen“, „Recht“, „richtig“ und „Regierung“ entstammen der gleichen Wurzel). Aber für das berechnende Voraussehen flußaufwärts ist so eine Rechtsprechung ungenügend. Dort hat man es nicht mit wirklichen Körnern zu tun, sondern mit möglichen Wassertropfen. Nicht mit Hartem, sondern mit Weichem. Daher muß der Big Man Soft-Ware-Spezialisten zu sich auf den Hügel berufen. Wir würden sie gegenwärtig Geometer nennen, denn sie messen das Land, um Kanäle zu entwerfen. Damals betrachtete man diese ersten Intellektuellen als Propheten, weil sie die künftige Wasserzufuhr voraussehen konnten. Geometrie (Wasservoraussicht) und Astronomie (Saatvoraussicht) sind Regierungsmethoden (sie sprechen Recht), und sie entwerfen Möglichkeiten (sind „theoretisch“).

Wer von dem Hügel flußaufwärts schaut, sieht nicht nur mit dem sinnlichen Auge. Er sieht die Möglichkeiten „dahinter“. Man hat sich seit den Vorsokratikern den Kopf über diese Art des Schauens zerbrochen, und meint daher häufig, wir hätten „Theorie“ den Griechen zu verdanken. Aber wenn man den mesopotamischen Ziegel betrachtet, dann kann man nicht umhin, hinter allen Entwürfen eine theoretische Schau zu erkennen.

Hier ist noch ein Exkurs nötig: Laut Platon sieht das theoretische Auge nicht Möglichkeiten, sondern Realitäten. Und das Sinnliche sieht „nur“ Schatten. Was wir theoretisch sehen, sind „Ideen“, das heißt: „inhaltlose Formen“. Zum Beispiel ein Dreieck. Wenn wir diese Idee theoretisch untersuchen, sehen wir, daß die Winkelsumme des Dreiecks 180 Grad beträgt. Dann stellen wir das Dreieck dar, etwa im Sand, und untersuchen diese Darstellung (des entworfenen Dreiecks) mit dem sinnlichen Auge. Wir finden, daß die Winkelsumme nicht mehr exakt 180 Grad beträgt. Die wirkliche Idee des Dreiecks ist bei der Darstellung entstellt worden, sie ist nicht mehr real, sondern scheinbar. Alle Darstellungen entstellen. Daher ist der Zugang zur platonischen Republik für darstellende Künstler verboten. Sie lügen, indem sie das Dargestellte entstellen.

Das platonische Argument ist vielleicht so nicht mehr hinzunehmen, hat aber für das Problem des Darstellens eine zentrale Bedeutung. Es besagt, daß es nicht möglich ist, einen Wert gänzlich auf die Lebenswelt zu übertragen. Daß kein in den Sand gezeichnetes Dreieck, kein Steinmesser, kein Kanal, überhaupt nichts nach einem Vorbild Entworfenes „ideal“ ist. Daß die ver[41]neinte Lebenswelt, gegen welche die Existenz das Seinsollen entwirft, hart ist. (Marx nennt dieses sture, harte Sosein in einem etwas anderen Kontext „tückisch“.) So gesehen ist die hier thematisierte entwerfende Einstellung tragisch (die Griechen würden sie „heroisch“ nennen). Möglichkeiten sind letztlich nicht nach Entwürfen realisierbar, wie immer man sie darstellen möge. Alle Darstellungen enthalten einen Rechenfehler.

Der auf dem Abfallhaufen stehende Geometer-Prophet sieht sinnlich, wie der Fluß gegenwärtig fließt, und theoretisch, wie er in Zukunft fließen könnte. Beide Sichtweisen können dargestellt werden: die erste als Abbild, die zweite als Vorbild. Die beiden Bildarten müssen, jede auf ihre Art, gedeutet werden. Ihre „semantischen Vektoren“ weisen in die entgegengesetzte Richtung: Das Abbild weist auf eine Vorstellung, das Vorbild auf künftiges Verhalten. Und doch lassen sich alle Darstellungen mit beiden Methoden deuten. Die in Ziegel eingezeichneten Kanalisationsentwürfe erlauben, auf den damaligen Flußlauf zu schließen, und das Abbild des Pferdes in Lascaux erlaubt, auf die damaligen Jagdmethoden zu schließen. Das bedeutet – und hat vor allem in der Gegenwart bedenkliche Dimensionen angenommen – daß Abbilder wie Vorbilder und Vorbilder wie Abbilder funktionieren. Denn die sich zurückziehende, abstrahierende Lebenseinstellung ist grundlegend anders als die entwerfende, konkretisierende. Hinter beiden Darstellungsformen stehen gegensätzliche Absichten.

Man macht es sich oft leicht und sagt, Abbilder seien landkartenartige Darstellungen, und Vorbilder seien Darstellungen von Denkprozessen (images of thinking). Aber leider darf man es sich angesichts der gegenwärtigen Darstellungsmethoden nicht so einfach machen. Wenn nämlich Abbilder darstellen, was ist, dann sind sie „wissenschaftlich“, und wenn Vorbilder darstellen, was sein soll (also künstlich Herzustellendes), dann sind sie „künstlerisch“; und wenn man beide nicht voneinander unterscheiden kann, dann kann man nicht mehr zwischen Wissenschaft und Kunst, zwischen wahr und falsch, zwischen real und fiktiv unterscheiden.

Bevor jedoch diese Überlegungen mitten in die gegenwärtige Krise führen, ist die Schlußfolgerung geboten: „Darstellen“ heißt (in der zweiten der beiden Bedeutungen), sich an Werten zu orientieren und diese Werte als Vorbilder für zu konkretisierende Möglichkeiten auf die verneinte Lebenswelt hin zu entwerfen.

[42] Die beiden hier besprochenen Lebenseinstellungen, die verneinende und die entwerfende, sind für die menschliche Existenz kennzeichnend und haben sich schon immer, seit dem Herstellen von Steinmessern, abgewechselt. Der Mensch ist ein Wesen, das vor der Welt verneinend zurücktritt, Werte in bezug auf sie entwirft und dann wieder zurücktritt. Dieser Tanz hätte eigentlich die Grundlage für jede Anthropologie bilden sollen: der Mensch als der Tanzende vor dem Hintergrund seiner Umwelt. Seltsamerweise jedoch hat die zurückziehende Einstellung die traditionellen Anthropologien stärker geprägt als die projektive. Der Mensch wurde als Subjekt einer ihm gegenüberstehenden, gegebenen und zu verneinenden objektiven Welt angesehen, als deren Bedingungen unterworfen. Gegenwärtig tritt die entwerfende Einstellung in den Vordergrund. Der Mensch beginnt sich nicht mehr als Subjekt von Objekten, sondern als Projekt für alternative Objekte zu verstehen. Er stellt die Welt nicht mehr als etwas ihm Gegenüberstehendes dar, sondern als etwas, das er selbst entworfen hat, und sich selbst stellt er nicht mehr als der Welt unterworfen dar, sondern als Welten entwerfend. Diese Umstellung in Ontologie und Anthropologie, in der Darstellung der Welt und in der Selbstdarstellung, soll im folgenden bedacht sein.

Der Abstraktionsprozeß (oder besser -rezeß), der zu den abbildenden Darstellungen in den paläolithischen Höhlen geführt hat, ist nur die erste Sprosse einer über 40000 Jahre sich erstreckenden Leiter. Man erreichte die flächenartigen Abbilder von Tieren, indem man zuerst von der Lebenswelt abstrahierte und dann von den eigenen Vorstellungen, um diese zu Flächen zu kodifizieren und gegen Flächen festzuhalten. Die Fläche abstrahiert aus der vierdimensionalen Lebenswelt zwei Dimensionen. Vor etwa 4000 Jahren ist man von den Flächenbildern zurückgetreten, um ihre Zweidimensionalität auf die Eindimensionalität der Linie zu reduzieren: die lineare Schrift wurde erfunden. Zuerst wohl, indem man aus dem Bild einzelne Elemente herauszog und sie aneinanderreihte (Bilderschrift, Piktogramme). Und später, indem man nach für die neue Struktur der Darstellung geeigneteren Symbolen suchte. Das Alphabet ist das Resultat dieser Suche.

Alphabetische Texte sind Darstellungen bildlicher Darstellungen. Sie verneinen die Bilder, wie die Bilder die Vorstellungen, und diese die konkrete Lebenswelt verneinen: sie sind abstrakter. Diese ikonoklastische Funktion der Texte wird deutlich, wenn [43] Piktogramme durch Buchstaben ersetzt sind. Piktogramme sind symbolisierte Vorstellungen, während Buchstaben Phoneme symbolisieren. Texte stellen den gesprochenen Diskurs dar, und erst durch diese Darstellung stellen sie das Bild dar. Sie transkodieren Vorstellungen zu Begriffen. Diese hohe Abstraktionsebene der alphabetischen Texte (konkret Erlebtes wird durch Vermittlung von Wahrnehmung, Vorstellung und Bild als Begriff dargestellt) kennzeichnet das sogenannte „historische Bewußtsein“. Hier wurde „Abbild“ als Darstellung des „So ist es“ definiert, und daher können alphabetische Texte als Darstellungen von „So ist es als Linie begriffen“ definiert werden. Alles Seiende wird als Prozeß begriffen (zum Beispiel kausal, logisch und evolutiv), und das meint „historisch“. Geschichte beginnt mit der Erfindung des Alphabets vor 4000 Jahren: Vorher konnte nichts geschehen, sondern nur sich ereignen.

Das Alphabet ist jedoch nie ein reiner Code gewesen. Immer gab es darin Symbole, die keine phonetische Bedeutung hatten. Die entscheidenden sind jene, welche Mengen bedeuteten und die wir gegenwärtig „Zahlen“ nennen. Es wird daher von „alphanumerischem Code“ gesprochen. Es sieht so aus, als ob es nie völlig gelungen wäre, alles Seiende als Prozeß darzustellen. Ein transprozessueller, transhistorischer Rest des linear nicht Darstellbaren blieb immer übrig. („Transhistorisch“ im Sinne der bekannten Aussage, es sei ein Unsinn „2 + 2 = 4 um 6 Uhr“ zu sagen.) Die numerischen Symbole sind nie in die lineare Struktur des Alphabets integriert worden, weil sie ihrer Struktur nach nulldimensional sind: Punkte. Daher bildeten die Zahlen immer schon (noch bevor sie als arabische Ziffern kodifiziert wurden) Inseln von Punkthäufungen („Algorithmen“) innerhalb der Zeilen der Texte. Die textuellen Darstellungen des Soseins waren immer schon von kalkulatorischen Darstellungen unterbrochen. Schon der mesopotamische Geometer muß solche nulldimensionalen Darstellungsformen zur Verfügung gehabt haben.

Aber absolute Abstraktionsebene des Kalküls, die nulldimensionale Darstellung des Soseins, die Transkodierung der Prozesse in Punkte, ist tatsächlich erst seit dem 16. und 17. Jahrhundert erreicht worden. Seither ist das wissenschaftliche Weltbild, dieses Abbild dessen, was ist, zu einer punktförmigen, kalkulatorischen, nulldimensionalen Darstellung geworden. Zu einem Gefüge aus Theoremen und Algorithmen.

[44] Hier ist wieder ein Exkurs nötig: Das Aufbrechen der konkreten Lebenswelt in Objekt und Subjekt, das die Folge der verneinenden Lebenseinstellung war, wirft das Problem des Erkennens auf. Wie kann das entfremdete Subjekt die objektive Welt erkennen? Wir würden es gegenwärtig so formulieren: Wie muß die objektive Welt dargestellt werden, um erkannt werden zu können? Aber diese Formulierung ist cartesisch. Sie beruht auf einer seltsamen Ontologie: Die objektive Welt ist eine ausgedehnte, und das sie erkennen-wollende Subjekt ist eine denkende Sache. Man kann sich „vorstellen“, daß die ausgedehnte Sache eine ist, bei welcher Punkte lückenlos zu Körpern geballt sind, also eine geometrische Sache. Dann muß man sich die denkende Sache als eine „vorstellen“, in welcher die Punkte klar und deutlich durch Intervalle voneinander getrennt sind, also als eine arithmetische Sache. Erkenntnis ist das Angleichen der denkenden an die ausgedehnte Sache, also das Umkodieren der Geometrie in Arithmetik. „Analytische Geometrie“ ist die Erkenntnismethode, welche ein punktartiges, nulldimensionales Abbild der objektiven Welt herstellt, also eine Darstellung, die der Struktur des arithmetischen Denkens (des Subjekts der Erkenntnis) adäquat ist. Dies ist (mit einigen späteren Verbesserungen wie dem Differentialkalkül) die wissenschaftliche Darstellungsform geblieben. Exkursende.

Die Wissenschaft stellt das Sosein als ein Zahlengefüge dar, als eine Streuung von Punktelementen, und nicht nur das Sosein, sondern ebenso das es erkennende Dasein. Beide, die objektive wie die subjektive Welt, sind kalkulierbar. Nichts ist darin unteilbar (es gibt keine A-tome oder In-dividuen), sondern alles ist immer weiter teilbar, bis es die Nulldimension erreicht hat. Atome sind in teilbare Partikel, Individuen in teilbare Bits wie Dezideme oder Aktome teilbar. Im Grunde genommen stellt die Wissenschaft sowohl das Sosein als auch das Dasein als nichts dar.

Diese extreme, nicht mehr zu übertreffende Abstraktion, diese Reduktion auf Null sowohl der verneinten Welt als auch des sie verneinenden Subjekts, ist die letzte mögliche Stufe auf der Leiter des Sich-Zurückziehens. Man fühlt, wie die zurücktretende Einstellung beginnt, sich in eine entwerfende zu verwandeln; wie das Abbild des Soseins beginnt, sich in ein Vorbild für das Seinsollen zu verwandeln; wie auf der soeben erklommenen Abstraktions[45]ebene die Unterscheidung zwischen abbildender und vorbildlicher Darstellung wegfällt. Denn wenn die wissenschaftliche Darstellung das Sosein wie das Dasein in Punkten verschlüsselt, dann ist die Unterscheidung zwischen beiden (zwischen Objekt und Subjekt) aufgehoben. Fragen wie „Ist ein Quark ein Teilchen der ausgedehnten oder der denkenden Sache?“, oder „Ist ein in eine künstliche Intelligenz gefüttertes Dezidem ein Teilchen einer denkenden oder einer ausgedehnten Sache?“ sind dann falsch gestellt: Es wird gleichgültig, ob man sagt, man habe die Algorithmen „hinter“ den Objekten entdeckt, oder man habe sie dorthin entworfen, um sie dann wiederzuentdecken. Darstellung als abstrahiertes Abbild, und Darstellung als projiziertes Vorbild werden zu Synonymen.

Was meint man mit der Behauptung, ein Wassermolekül könne mit zwei Wasserstoffatomen und einem Sauerstoffatom dargestellt werden? Man meint, daß man die Punktdarstellung der physikalischen Welt aus einem Abbild in ein Vorbild umdreht: Man zieht die gewünschten Punkte aus dem Abbild und verwendet sie als Vorbild für künftiges Handeln. Dieses Umdrehen des wissenschaftlichen Abbilds in ein technisch-künstlerisches Vorbild, das mit der modernen Wissenschaft beginnt, zeigt erst gegenwärtig, wie weit sich die Umkehr des Wissens in die Kunst schon vollzogen hat. Man kann nicht nur Wassermoleküle darstellen, sondern ebenso bisher nicht vorgefundene Moleküle (zum Beispiel komplexe Polymere). Man kann nicht „gegebene“ Atomarten, etwa im Periodensystem jenseits von Uran gelegene, herstellen. Man kann Energie mittels Kernfusion als Plasma, also als nicht gegebene Materie herstellen. Man kann aus punktartigen Erbfaktoren alternative Lebewesen herstellen. Man kann Entscheidungen als Dezidemschwarm darstellen, Dezideme in Maschinen füttern und schachspielende künstliche Intelligenzen herstellen. Man kann den sich in Gesten artikulierenden freien Willen als Aktomschwarm darstellen, Aktome in Maschinen füttern und gestikulierende Roboter herstellen. Kurz: Man kann aus den kalkulierten wissenschaftlichen Abbildern der objektiven Welt und des Subjekts künstliche Vorbilder für alternative Welten und alternative Subjekte komputieren. Denn in der totalen Abstraktion ist Darstellung als Abbild und als Vorbild im gleichen Code verschlüsselt. Wenn „Existenz“ als Verneinung des Soseins und Entwerfen des Sollens verstanden wird, dann wird es unmöglich zu „existieren“, [46] denn es hat sich herausgestellt, daß nichts ist, was noch verneint werden könnte. Es bleibt nur das Entwerfen.

Der sich oben andeutende Nihilismus kann (auch er) in Optimismus verwandelt werden. Hier ein Versuch, im Licht des eben Geschilderten die Menschwerdung darzustellen: Als Folge einer ökologischen Katastrophe irgendwo in Ostafrika vor etwa zwei Millionen Jahren mußten unsere Vorfahren die Bäume zugunsten einer baumlosen Savanne verlassen. Die bis dahin sich an Zweigen festhaltenden Hände begannen, im Leeren zu baumeln. Sie begannen, sich an Zweckloses (Ungenießbares, Ungefährliches, Unkopulierbares, also Uninteressantes wie Steine und Knochen) zu halten. Sie begannen, zu erfassen und zu begreifen. Das zwang den Körper, sich aufzurichten, mit all den damit verbundenen Gefahen wie dem ungeschützten Bauch und den hängenden Eingeweiden. Unsere Vorfahren, ausgesetzt aus der Lebenswelt der Bäume ins Nichts der Savanne, begannen zu existieren. Die begreifenden Hände verwandelten den bisher von Zweigen abhängigen Anthropoiden in den Homo erectus.

Aber er blieb weiterhin den Objekten unterworfen, auch jenen, die seine eigenen Hände aus der Savanne in seine Nähe gestellt, hergestellt haben. Um sich von diesem Unterworfen-Sein, diesem Subjekt-Sein zu befreien, begann er darzustellen. Er stellte Abbilder von seiner Bedingtheit und Vorbilder, um diese Bedingung abzuschaffen, her. Seine Darstellungen wurden dabei immer raffinierter, immer abstrakter: zuerst Flächen, dann Linien, schließlich dimensionslose Punkte. Als die nulldimensionale Kodierung (das Kalkül) erreicht wurde, stellte es sich heraus, daß es nichts gibt, was die Existenz bedingen könnte; daß die objektive Welt eine Projektion ist. Als dies sich abzeichnete, stellte sich die Existenz um und begann, das Kalkulierte zu komputieren. Wo es nichts zu verneinen gab, begann sie zu entwerfen. Sie begann, sich aus der Unterwürfigkeit ins Entwerfen aufzurichten. Diese zweite Menschwerdung (nach jener in der Savanne) ist es, die wir die gegenwärtige Krise, das Ende der Geschichte und das Anbrechen der Nachgeschichte nennen.

Das erste Aufrichten war lebensgefährlich, und auch das zweite ist es. „Entwerfen“ meint, aus Abstraktestem in Richtung Konkretem werfen. Das Kriterium für Konkretion ist Dichte der Streuung der Teilchen: je dichter gerafft (komputiert), desto kon[47]kreter. Also ist Entwerfen eine Darstellungsfrage: Je dichter gerafft die Darstellung ist, desto konkreter ist sie. Ein Hologramm eines Tisches ist weniger konkret als der dargestellte Tisch, weil seine Teilchen (Photonen) weniger dicht komputiert sind als die Teilchen (Elektronen) des Tisches. Sollte eine ebenso dichte Raffung gelingen, dann gäbe es keine Unterscheidungsmöglichkeit zwischen Darstellendem und Dargestelltem. Und nichts steht technisch im Weg, die Konkretheit der „gegebenen“ Objekte zu übertreffen, etwa synthetische Bilder zu entwerfen, in denen sich alles als konkreter erweist und daher als konkreter erlebt wird, als dies bei „gegebenen“ Objekten der Fall ist. Und es stellt sich heraus, daß es gar nicht nötig ist, die technische Vollkommenheit zu erreichen, um die Konkretizität der gegebenen Welt zu übertreffen.

Fotos, Filme und Videos sind grobkörnige Abbilder des Soseins. Sie können in Vorbilder verwandelt werden und trotz ihrer Grobkörnigkeit konkreter sein als das Dargestellte. Das Fernsehbild, das vorgab, die Hinrichtung Ceaucescus abzubilden, erreichte trotz miserabler darstellerischer Technik einen Konkretheitsgrad, der ihm erlaubte, zu einem Vorbild für künftiges Verhalten (genannt „Revolution“) zu werden. Die Revolution der Darstellung, die damit zum Ausdruck kommt, zeigt, wie bei der entwerfenden Lebenseinstellung die entworfenen Darstellungen zu konkret erlebten, alternativen Welten werden. Ist das die Antwort auf die gestellte Frage, was „darstellen“ heißt?

Die hier vorgelegten Überlegungen sind ein Versuch, diese Frage zu entfalten, um sie als eine Zentralfrage der gegenwärtigen Krise auszuweisen. Sie haben zwischen zwei Lebenseinstellungen – der negierenden und der projizierenden – unterschieden und daraus zwei Darstellungsarten – Abbild und Vorbild – abgeleitet. Dann haben sie zu zeigen versucht, wie gegenwärtig die negierende Einstellung überwiegt und wie „darstellen“ immer weniger „repräsentieren“ und immer mehr „exhibieren“ bedeutet. Wie mit „darstellen“ immer deutlicher das Entwerfen von künstlichen Objekten und Subjekten aus kalkulierten Möglichkeiten gemeint ist. Wie „darstellen“ immer näher an „komputieren“ rückt und wie die abzubildende Realität zugunsten einer vorbildlich entworfenen zurücktritt. Wie immer weniger bei „darstellen“ an Naturwissenschaft und „Geisteswissenschaft“ und immer mehr an darstellende Kunst gedacht wird.

[48] Die vorliegenden Überlegungen verfolgten eine bestimmte Absicht. Sie wollten andeuten, was eine derartige Deutung von „darstellen“ mit sich bringt: nämlich das Aufgeben der Unterscheidung zwischen Sosein und Sollen, zwischen Realem und Wert, zwischen real und fiktiv, zwischen wahr und falsch, zwischen echt und künstlich. Wenn wir überhaupt alles nur mittels Darstellungen vorstellen, wahrnehmen und erleben und überhaupt alles nur mittels Darstellungen herstellen und wenn dabei „Vorstellung“ zu „Herstellung“ wird, dann (so deuten diese Überlegungen an) laufen wir Gefahr, uns zu verlieren. Wir müßten versuchen, trotz synthetischer Bilder einerseits und Probabilitätskalkül andererseits, den Unterschied zwischen Abbild und Vorbild durch die Ausarbeitung neuer Erkenntniskategorien beizubehalten, das heißt: „darstellen“ so zu definieren, daß wir nicht jeden Kontakt mit der Lebenswelt verlieren. Das mag keine befriedigende Antwort auf die gestellte Frage sein, aber befriedigende Antworten sind keine guten, weil sie weiteres Fragen unterbinden.

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Vilém Flusser: Abbild – Vorbild, 1993

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